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Full text of "Johnson Der Aufstieg Der Englischen Kultur U. Die Paulusbriefe"

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©te Paulusbriefe 

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aus Dem (Englischen übersetzt con 
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der 
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind 
im Internet über dnb.de abrufbar 

Titelbild: Wolf Odinson 

Alle Rechte Vorbehalten 
© 2020 Wolf Odinson 
Herstellung und Verlag: 

BoD - Books on Demand, Norderstedt 
ISBN: 9783752608205 



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Polybot Ptecgil aus Urbtno, (S^Dtafon 
twn ^BeUs, an £)etnricf) VIII., tm Sor* 
frort jur „Slngltca fnstoria“, £onbon, 2Iu* 
gust 1533. 

„£>te SQaterlanDsltebe umfasst jegltcbe £tebe In ebenDtesem“ 

William d'amben, „23ritannla“ 




7 


3)octoort jur beuteten Üb et« et jung 


Zeit - ein Konstrukt menschlichen Denkens zur Bemessung der End¬ 
lichkeit der eigenen Existenz - ist, so sagt man, das Feuer in dem wir 
alle verbrennen. Zeit offeriert uns die Zukunft, in der unsere Wün¬ 
sche und Pläne Wirklichkeit werden können; und sie beschenkt uns 
mit der Vergangenheit unseres Handelns und Wirkens sowie der un¬ 
serer Ahnen, über welche wir uns als Mensch und Volk definieren. 

Was aber, wenn der Blick zurück durch Lügen verklärt ist; durch das 
Wirken von Lumpen und Betrügern, um unsere Identität in eine 
Richtung zu formen, die ihnen wohlgefällig ist und uns zu ihren Die¬ 
nern machen sowie unseren Widerstand brechen soll? Dann ist die 
alles entscheidende Frage: Wann und wo begann die Wahrheit der 
Lüge zu weichen? Diese Landmarke ist der Kreuzungspunkt, an 
dem man beginnen kann, die Wahrheit wieder von der Lüge zu 
scheiden und zu ergründen, wer wir wirklich sind. 

Edwin Johnson (* 9. November 1842 Upton nahe Andover (Hamps¬ 
hire); t 3. Oktober 1901) war ein britischer Theologe und Historiker. 

Er wurde als zweiter Sohn von Reverend Alfred Johnson, einem kon- 
gregationalistischen Pfarrer geboren. 1859 studierte er zunächst am 
New College (London), St. John's Wood. Er erwarb drei Stipendien 
und setzte seine Studien in London fort, wo er seinen Magister der 
"klassischen Altertumskunde" erwarb. Seinen ersten pastoralen Auf¬ 
trag erhielt er in Forest Hill bei London. Eine Reise führte ihn auf das 
kontinentale Europa, wo er Frankreich, die Schweiz, Norditalien und 



8 


Deutschland besuchte. Nach seiner Rückkehr 1870 erhielt er in Bo- 
rough of Boston eine Berufung, die ihm die notwendige Zeit für sei¬ 
ne historischen Forschungen einräumte. 

1887 veröffentlichte Johnson sein Werk "Antiqua Mater", in welchem 
er die Kirchentexte des vorgeblichen zweiten Jahrhunderts unter¬ 
suchte und feststellte, dass diese neueren Ursprungs sind als die 
Niederschrift des Neuen Testaments. Zu diesem Zeitpunkt zweifelt 
Johnson noch nicht an der gängigen Chronologie. In seinen hier 
übersetzten Werken "The Pauline Epistels" und "The Rise of English 
Culture" begegnet uns schließlich seine voll ausgereifte Chronologie¬ 
kritik. 

Edwin Johnson übersetzte Jean Hardouins "Prolegomena" ins Engli¬ 
sche. Hardouin (1646 - 1729) war unter Ludwig XIV. Bibliothekar am 
Jesuiten-Kolleg in Paris und leitete die Herausgabe der alten Konzils¬ 
akten. Sie erfolgte 1715 in Form eines zwölfbändigen Werkes. In sei¬ 
nem Buch "Prolegomena" (1766) erklärt er den Großteil der den Kir¬ 
chenvätern zugeschriebenen Schriften sowie die "Septuaginta" und 
nahezu alle anderen alten Werke zu späten, in angeblich alte Zeiten 
zurückdatierten Fälschungen. 

Mit seinen späteren Arbeiten folgte Johnson Hardouins Ausführun¬ 
gen und entwickelte so seine radikale Chronologiekritik, die jedoch 
stets jeglichen wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht wurde. 

Johnson zeigt in "The Pauline Epistels" auf, dass Latein die erste Kir¬ 
chensprache war, nicht Griechisch. Die Kirche entstand nicht im Ori¬ 
ent, sondern Anfang des 16. Jahrhunderts in Mitteleuropa. Sie ist das 



9 


Produkt der Kollaboration eines "Runden Tisches" verschiedener Be¬ 
nediktinerklöster mitsamt Literaturdirektor und ausführenden Mön¬ 
chen. Noch auf dem Tridentinischen Konzil (vorgeblich 1545) gab es 
keine von der Kirche anerkannte Vulgata beziehungsweise lateini¬ 
sche Bibel. 

Johnson setzt hier präzise wie ein Herzchirurg sein "Skalpell" im 
Zentrum der Lüge an. Er erspart uns die langen, mühsamen, aber 
dennoch nicht nutzlosen Umwege und führt uns so direkt und zielsi¬ 
cher ins Operationszentrum der Geschichtsschöpfer. Die akademi¬ 
sche Welt hat die Werke Johnsons in die hintersten Winkel der Bi¬ 
bliotheken verbannt, in der Hoffnung, sie dort dem Staub und Ver¬ 
gessen anheim zu geben. 

Den von Johnson abgelegten Staffelstab greife ich mit dieser Überset¬ 
zung auf, um ihn den Menschen zu überreichen, in der Hoffnung, 
das Werk leiste einen Beitrag, ihnen wieder die Befähigung zu geben, 
den lieblichen Klang der Wahrheit von der schrillen Kakophonie der 
Lüge zu scheiden. 

Johnson zeigt unter anderem auf, dass die Welt vor der spanischen 
Vertreibung am Ende des 15. Jahrhunderts nichts von einem jüdi¬ 
schen Volk wusste sowie dass das Hebräische eine jüngere monasti- 
sche Erfindung ist. Ich möchte jedoch eindringlich davor warnen, 
Geschichten wie die spanische Vertreibung der Juden als authentisch 
anzunehmen. 

Die Mönche konnten ihre dreifältige Macht mittels ihrer Universi¬ 
tätsgründungen (Wissenschaft), ihrer gefälschten Historien und 



10 


Chroniken (Geschichte) und ihren erzeugten Glaubenskonstruktio¬ 
nen (Religion) manifestieren. Das Studium Johnsons macht uns völ¬ 
lig klar, dass die Mönche nicht nur das Christentum sondern auch 
jegliches uns bekanntes Heidentum erfunden haben. Mit ihren Geo¬ 
grafien vollbrachten sie es, dass ganze "Nationen mit einem Male ge¬ 
boren werden" (Jesaja 66:8). Solange wir diese Nebelschwaden nicht 
durchbrechen, mündet jeder unserer Versuche zur Erschließung un¬ 
serer eigenen Identität zwangsläufig in der Lüge, da jeder Pfad, den 
wir damit einschlagen, immer ein von den Mönchen vorbestimmter 
ist. 

Die vorliegende Übersetzungsarbeit habe ich zusammen mit meinem 
guten Freund Michael unternommen, der im Februar 2020 sehr 
plötzlich und zudem vergleichsweise recht jung verstorben ist. Die¬ 
ses Werk widme ich Dir mein Freund! Es war mir eine Ehre, dass ich 
einen großen und aufrichtigen Geist wie Dich ein Stück auf Deinem 
Lebensweg begleiten durfte. 

Michael verstarb kurz nach der Fertigstellung des ersten Teils von 
"The Rise of English Culture". Ich habe mich entschieden, auf die 
Übersetzung des zweiten Teils zu verzichten, da Johnsons "Paulus¬ 
briefe" die entsprechenden Themen bereits enthalten, zumal sie dort 
sogar noch prägnanter illustriert werden. 



11 



12 


3nfwlt 

©et Aufstieg bet englischen Kultur 



Edwin Johnson und seine Schriften 

Seite 19 


Allgemeine Einführung 

Seite 61 

Kapitel 1 

Der Aufstieg des Ordens des heiligen Benedikt 

Seite 105 

Kapitel 2 

Die benediktinische Architektur 

Seite 115 

Kapitel 3 

Der Aufstieg der benediktinischen Literatur 

Seite 123 

Kapitel 4 

Fabeln über benediktinische Schulen 

Seite 131 

Kapitel 5 

Das Schema der benediktinischen Literatur 

Seite 141 

Kapitel 6 

Das benediktinische System der Chronologie 

Seite 169 

Kapitel 7 

Das benediktinische System der Reisenden, 
Geographen und Naturhistoriker 

Seite 189 

Kapitel 8 

Fabeln über Schulen + Das Kloster von Poggio 

und die Fabeln über frühe irische Kultur 

Seite 241 

Kapitel 9 

Bibliotheken in Florenz und Rom 

Seite 267 

Kapitel 10 

Das benediktinische System der englischen 

Historiker 

Seite 289 



13 


©te Paulusbriefe 


Kapitel 1 

Einleitung 

Seite 319 

Kapitel 2 

Polydor über den Ursprung des 

Christentums 

Seite 331 

Kapitel 3 

Die Anfänge der Paulus-Legende 

Seite 345 

Kapitel 4 

Paulus der "Berühmte Mann" 

Seite 375 

Kapitel 5 

Die Struktur der Paulusbriefe, wie sie 
uns im Missal begegnet 

Seite 387 

Kapitel 6 

Die Analyse der Paulusbriefe 

mittels Cassianus 

Seite 401 

Kapitel 7 

Fingierte Zeugnisse über Paulus 

Seite 417 

Kapitel 8 

Hieronymus und Augustinus, die 

"Berühmten" biblischen Gelehrten 

Seite 439 

Kapitel 9 

John Leland über britische Schreiber 

Seite 459 

Kapitel 10 

Die Vulgata beziehungsweise die 

lateinische Bibel 

Seite 471 

Kapitel 11 

Paulus als katholischer Apostel 

Seite 487 

Kapitel 12 

Luther und Paulus 

Seite 499 

Kapitel 13 

Die Autoren von "Verisimilia" und 

ihre Analyse der Episteln 

Seite 519 

Kapitel 14 

Paulus als hebräischer Gelehrter 

Seite 531 

Kapitel 15 

Fazit 

Seite 543 


Nachtrag 

Seite 551 



14 



15 


©et Aufstieg bet 

englischen Kultur 

Seil 1 


t>on 

<£t>ft)in 3o|m«on 

mit einem futjen Bericht übet Den Slutor 


1904 



16 



17 


Sortoort De« 2tutor« 


Mit der Veröffentlichung dieser neuen Einführung in die englische 
Geschichte möchte ich die Aufmerksamkeit auf die Worte Polydor 
Vergils lenken, welche ich auf der Titelseite dieser Ausgabe anführe. 
Ich habe mich redlich um eine erste Darstellung der englischen Ge¬ 
schichte seit der „Wiederentdeckung der Schriften" bemüht; in mei¬ 
nem Fall jedoch betreffs der reinen Faktenlage bezüglich der Art und 
Weise, in der unsere nationale Geschichte zunächst in den Klöstern 
entworfen und dann während der Regierungszeit Heinrichs des VIII. 
nach und nach der Außenwelt dargebracht wurde. Es dürfte meinen 
Fesern die überbordenden Ausführungen und Erklärungen erspa¬ 
ren, wenn ich schlichtweg feststelle, dass der Inhalt dieses Werkes als 
eine Reihe von Kommentaren und Darstellungen zum Vorwort des 
wohlbekannten ersten Gelehrten betrachtet werden kann, der es seit 
der alten römischen Zeit unternahm, die Geschichte unseres Fandes 
niederzuschreiben. 



18 



19 


<£Dtotn 5o^n«t>n unb «etne ©dmften 

I. 

Da dies die erste Ausgabe eines Johnson-Werkes seit dessen Tod ist, 
scheint es angebracht, einen Bericht über sein Leben und seine 
Schriften voranzustellen. 

Edwin Johnson war der zweite Sohn des kongregationalistischen 
Pfarrers Alfred Johnson und wurde am 9. November 1842 in Upton 
bei Andover, Hampshire, geboren. Wenn er in irgendeiner Hinsicht 
Stolz auf seine Herkunft war, dann galt dies für seine Abkunft aus 
dem Yeoman-Stand. Seine Kindheit verbrachte er auf dem Land und 
verlor niemals seine Liebe zu dessen Reizen und Gesellschaften. 
Johnson war ein fleißiger und nachdenklicher Junge, der mit Freude 
die englische Geschichte las und stolz auf die Größe seines Vaterlan¬ 
des war. Er hoffte aufrichtig, diesem eines Tages etwas gebührendes 
zurückgeben zu können. Ihm wurde eine traditionelle Höflichkeit 
und ein äußerst ritterlicher Geist vererbt. Das Geld und den Stellen¬ 
wert, den es einzunehmen vermochte, schätzte er äußerst gering. Al¬ 
lerdings übte sein Elternhaus auf ihn einen sehr puritanisch gepräg¬ 
ten Einfluss aus und trieb ihn damit ruhig und zielsicher auf die 
Kanzel zu; dies jedoch ohne, dass er bewusst darauf hingearbeitet 
hätte 

1859 schrieb er sich im New College, St. John's Wood ein, um sich für 
das geistliche Amt zu qualifizieren. Seine Lehrer waren Rev. Dr. Hal- 
ley, Dr. William Smith, Herausgeber der klassischen und biblischen 
Wörterbücher, der Chemiker Dr. Lankester, Rev. John Godwin, Dr. 



20 


Samuel Newth und Professor Nenner. Er gewann drei Stipendien 
und machte seinen M.A. Abschluss in klassischer Altertumskunde 
an der London University. Jahre später bezeichnete ihn der gealterte 
Dr. (später Sir William) Smith als einen der herausragendsten Schü¬ 
ler, die er jemals hatte. Einer seiner lebenslangen Freunde schreibt 
über Johnsons akademische Karriere: 

"Seine Weggefährten waren sich einig, dass er sie in jedem nur 
erdenklichen geistigen Wettstreit leicht zu übertrumpfen 
wusste, während sie ihn auf Grund seiner Höflichkeit, seines 
Fingerspitzengefühls und seines dezenten Humors dennoch 
alle als Freund und Kameraden schätzten. Er besaß nicht den 
Elan und die Ausdruckskraft, welche ihm große Popularität 
verschafft hätten, doch hatte er die selten derart ausgeprägte 
Gabe, beim Debattieren, in seinen Predigten und generell in 
Gesprächen einige der bezauberndsten Seiten der Wahrheit 
aufzuzeigen. Mit einem dezenten Sarkasmus deckte er einige 
der populären religiösen Täuschungen und Irreführungen auf. 
Am College wurden nur ganz wenige Männer so sehr ge¬ 
schätzt und respektiert wie Edwin Johnson, denn während er 
stets ein origineller und gewagter Denker war, hat er niemals 
willentlich die Empfindlichkeiten derer verletzt, die anders als 
er selbst dachten." 

1865 trat er in Forest Hill, in der Nähe von London, sein erstes pasto- 
rales Amt an. Er heiratete und verblieb dort einige Jahre. Als sich der 
Gesundheitszustand seines Schwiegervaters verschlechterte, bereis¬ 
ten die beiden gemeinsam den Kontinent. Sie besuchten Frankreich, 
die Schweiz, Norditalien und Deutschland. Bei ihrer Rückkehr im 



21 


Jahr 1870 ersuchte man Johnson um die Amtsausübung in Boston, 
Lincolnshire, wo er dann neun Jahre lang ansässig war. Dies war für 
ihn eine sehr aktive Zeit. Er erfüllte seine pastoralen Pflichten sehr 
sorgfältig, fand aber dennoch Zeit zum Schreiben und hielt Vorträge 
zu wichtigen aktuellen Themen, in deren Rahmen er sich besonders 
mit der Frage der nationalen Bildung beschäftigte. In Boston began¬ 
nen Johnsons Forschungen über die Anfänge der Geschichte. Zu sei¬ 
nen unveröffentlichten Manuskripten gehören "Antike Geschichte in 
Anekdoten" und eine Monografie über "Beowulf". Aus derselben 
Zeit stammen auch seine Aufsätze über "Hebräische Poesie" und die 
"Religionswissenschaften". Während seiner Zeit in Boston redigierte 
er Erasmus für den bedeutenden Bibliophilen Robert Roberts, der 
eine Ausgabe der "Utopia" druckte. Johnsons 1877 erschienenen 
"Apophthegmes" mit einem Memoriam an Erasmus folgten 1878 die 
"Colloquies", denen er beinahe hundert Seiten mit akkuraten und 
verständigen Notizen anfügte. "Niemand", schrieb ein Kritiker, 
"konnte sich beschweren, dass sie ausufernd wären. Die Arbeit hätte 
kaum besser vollbracht werden können" - eine Bemerkung, die auf 
all seine Arbeiten zu trifft, welche stets von Gründlichkeit und Ge¬ 
wissenhaftigkeit zeugen. Niemals hegte er überhastet das Verlangen, 
seine Schrift in gedruckter Form zu sehen. 

In der Zwischenzeit setzte er sein Studium der klassischen und dabei 
insbesondere der griechischen Literatur fort, doch beschäftigte sich 
auch intensiv mit anderen Literaturzweigen. Seine eigene und zu 
keinem Zeitpunkt sehr umfangreiche Bibliothek war die eines be¬ 
dürftigen Gelehrten, der seine Bücher zusammenstellte, um sie auch 
tatsächlich und ausgiebig zu nutzen. Selbst wenn sie nicht massen¬ 
haft mit Anmerkungen versehen wären, sähe man ihnen ihre intensi- 



22 


ve Nutzung dennoch sofort an. Zu seinen Lieblingsautoren gehörten 
Horaz, Seneca, Diogenes Laertius, Erasmus, Lessing, Wordsworth, 
Scott, Jane Austen und Browning. Er teilte mir einmal mit, dass er 
die "Waverley-Romane" mindestens ein dutzend Mal gelesen hatte. 
Johnson hatte die Bände der doppelspaltigen Ausgabe stets griffbe¬ 
reit. Sie brachten ihn in seinen späteren Jahren durch so manche 
schlaflose Nacht. Seinen klaren Stil verdankt er nicht zuletzt seinem 
Lieblingsautor Scott. 

1879 wurde er vom Rat seines Colleges zum Professor der Literatur 
des Altertums ernannt und kehrte nach London zurück. Dieses En¬ 
gagement ermöglichte es ihm, viel mehr Zeit für das Studieren und 
Porschen aufzubringen. Von nun an arbeitete er als fester Mitarbeiter 
im British Museum und der Dr. Williams Bibliothek am Gordon 
Square. Beide Einrichtungen waren nur einen kurzen Spaziergang 
von seiner Residenz in Primrose Hill entfernt. Griechische Mytholo¬ 
gie und Philosophie sowie die griechische Kirchengeschichte waren 
die Schwerpunkte, mit denen er seine Stellung am College weiter 
ausbaute. Johnson studierte diese Themen gründlichst und verfasste 
über sie teils sehr ausführliche Ausarbeitungen. Zu seinen in dieser 
Zeit veröffentlichten literarischen Werken gehörten seine Überset¬ 
zungen von Ewald über die Psalmen, von Meyer über die Römer so¬ 
wie eine Vielzahl verschiedener Artikel und Aufsätze. Er widmete 
sich auch der patristischen Literatur und anderen Bereichen der 
theologischen Forschung. Ein Blick auf das Verzeichnis seiner aus 
dieser Zeit stammenden Schriften verdeutlicht seinen Fleiß und die 
sehr große Themenbreite seiner Schriften, während uns deren 
Durchsicht zeigt, dass er eine zugleich sehr ausgeprägte Fertigkeit 
und Klarheit darin entwickelt hatte, seine Ideen zu gelehrten und 



23 


schwer verständlichen Themen auszudrücken. Seine Kenntnisse in 
Latein und Griechisch waren die eines Meisters und da er ein guter 
Schüler des Französischen und Deutschen war, konnte er sich auch 
die orientalische Literatur erschließen. 

Darüber hinaus besaß er ein einzigartiges Lehrtalent, mit welchem er 
seinem Geschichtsunterricht eine erfrischende Lebendigkeit verlieh. 
Dr. Furnivall, der Johnson häufig traf, hielt ihn für einen der fähigs¬ 
ten und inspirierendsten Denker, denen er je begegnet ist. Ihm fiel 
Johnsons einzigartiges und reizendes Wesen sowie seine vorzügliche 
Bildung auf. Die College-Arbeit war überaus angenehm, doch aus fi¬ 
nanziellen Erwägungen verlegte der College-Rat das wissenschaftli¬ 
che Institut ans University College in der Gower Street. Nach acht 
Jahren der Arbeit als Professor hatte Johnson nun die Möglichkeit, 
seine ganze Aufmerksamkeit auf seine literarischen Bestrebungen zu 
richten. Er schloss seine Werke über "griechische Mythologie und 
Religion" sowie über "den Ursprung und die Entwicklung der Reli¬ 
gion" schon bald ab, obgleich sie nicht veröffentlicht wurden. Eines 
seiner weiteren Werke war eine Übersetzung einer Sammlung süd¬ 
deutscher Volksmärchen - "Im Land der Wunder" - die als Begleit¬ 
band zu den norddeutschen "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder 
Grimm herausgegeben wurde. Das Vorwort zu diesem Werk bot 
Johnson als Übersetzer und Herausgeber die Gelegenheit, einen äu¬ 
ßerst interessanten Artikel über Folklore zu schreiben und darin sei¬ 
ne Kritik an den sogenannten "Natur-Mythologen" zu darzulegen, 
deren Ansichten ihm zu Folge auf einem radikalen Fehler beruhten 
und im Ergebnis eine Umkehrung der Wahrheit darstellen. 


Mit seinen patristischen Studien schlug er einen kühneren Kurs ein. 



24 


welcher für einen orthodoxen Professor völlig unüblich ist. In Eng¬ 
land hatte Matthew Arnold dem Laien den rein literarischen Charak¬ 
ter des Alten und des Neuen Testaments offenbart. Im Ausland hat¬ 
ten deutsche und niederländische Theologen den Glauben an die 
Persönlichkeit der angeblichen Schreiber untergraben, während der 
Autor von "Supernatural Religion" aufzeigen konnte, dass es keiner¬ 
lei Indizien für die Existenz von Wundern gab. Nach der Überprü¬ 
fung des literarischen Charakters und der Urheberschaft dieser 
Schriften, beabsichtigte Johnson, die Geschichte des Christentums 
erneut von Beginn an zu untersuchen. Das Ergebnis seiner früheren 
Untersuchungen erschien in seiner "Antiqua Mater", die Ende 1887 
anonym veröffentlicht wurde sowie in einem lateinischen Aufsatz, 
den er für eine niederländische theologische Gesellschaft schrieb. 

Das Nachverfolgen der sogenannten frühen christlichen Aufzeich¬ 
nungen war für ihn hoch interessant. Als er nach Monaten intensiver 
Nachforschungen plötzlich auf einen Hinweis stieß, wurde ihm all¬ 
mählich klar, dass die eigentlichen Verfasser der Kirchen- und Evan¬ 
geliengeschichte keineswegs altertümlich sind. Mehr als nur einige 
wenige der angeblich antiken Schreiber schienen in der Manier des 
"16. Jahrhunderts" zu schreiben. Wie der Kanonikus Westcott über 
Hieronymus anmerkte, gehörten fast alle von ihnen dieser späten 
Epoche an. In mancherlei Hinsicht war es einen jahrelang das soge¬ 
nannte orthodoxe Christentum lehrenden Mann sehr schmerzhaft, 
ein derartiges Ergebnis konstatieren zu müssen. Doch mit diesem ei¬ 
gentümlichen Gefühl des Triumphs, das der Mensch empfindet, so¬ 
bald er die Fesseln der Konvention abschüttelt und lernt, sich aus¬ 
schließlich auf seine eigene Intelligenz zu verlassen, fürchtete John¬ 
son fortan keinerlei Ressentiments mehr, welche seine Ergebnisse im 



25 


Zuge der Veröffentlichung hervorrufen könnten. So machte er sich 
an die mühsame Aufgabe, seine Erkenntnisse zu Papier zu bringen. 

"The Rise of Christendom" erschien im Oktober 1890. Für ein solch 
ambitioniertes Werk waren die Presseveröffentlichungen im Großen 
und Ganzen eher zögerlich und teils sehr diskret. Nur in ganz weni¬ 
gen Ausnahmen behandelte man Johnsons Werk mit der gebühren¬ 
den Achtung oder forderte seine Darstellungen und Schlussfolge¬ 
rungen heraus. Dies war für ihn eine Enttäuschung. Möglicherweise 
erwartete er von seinen Lesern und den Kritikern zu viel. Viele von 
ihnen empfanden das Werk wohl nahezu als Paradoxon. Gibbon und 
andere Historiker konnten weiterhin wohl gebettet auf den alten 
Quellen (den Kirchenvätern) ruhen, obgleich Johnson in "The Rise of 
Christendom" genau diese angriff. Glücklicherweise wurde sein 
Buch von ein paar geistreichen Männern verstanden. Der verstorbe¬ 
ne Mr. Froude las es mit starkem Interesse und größter Aufmerk¬ 
samkeit. Er bat den Autor, sich an ihn zu wenden, was Johnson dann 
auch tat. Dem Gespräch folgte eine Korrespondenz zu den im Buch 
aufgeworfenen Fragen und den darin behandelten Begleitthemen. 
Im Laufe der Zeit wurde das Buch auch in anderen Teilen der Welt 
zur Kenntnis genommen und erhielt teils die der Bedeutung des 
Werkes angemessene Aufmerksamkeit, so z.B. in Amerika, wo es ein 
oder zwei fähige Kritiker als eines der wichtigsten Bücher des Jahr¬ 
hunderts bezeichneten - eine Wertschätzung, die sich stark von der 
Kälte und dem Schweigen der heimischen Kritiker abhob. 

Bald nach der Veröffentlichung von "The Rise of Christendom" 
schrieb Johnson auf Anregung eines Freundes einen Roman, hinter 
welchem die Idee stand, dass die Ergebnisse seiner Forschungen, 



26 


würde man sie in romantischer Sprache oder allegorischer Form prä¬ 
sentieren, möglicherweise verständlicher für ein breiteres Publikum 
sein könnten, welches auf Grund des sehr breiten Wissensspek¬ 
trums, das der Autor seinen Lesern abverlangt, nicht in der Lage 
war, den in "The Rise of Christendom" enthaltenen Argumenten fol¬ 
gen zu können. Diese Romanze namens "The Quest of Mr. East", die 
Johnson 1889 fertigstellte, wurde erst zehn Jahre später veröffent¬ 
licht. Sie erschien 1900 unter dem Pseudonym "John Soane". Sie ent¬ 
hält einige von Johnsons Beobachtungen zu den Entwicklungsstadi¬ 
en des religiösen Gedankenguts und dessen modernen Exponenten. 
Es war gut geschrieben und wurde sehr positiv aufgenommen. 

Obwohl die Resonanz auf "The Rise of Christendom" ver¬ 
gleichsweise gering ausfiel, regte das Buch bei den Wenigen, die da¬ 
mit etwas anfangen konnten, die Forderung nach weiterer Aufklä¬ 
rung an. So führte der Autor seine Schriften in der Zwischenzeit fort. 
Es war unmöglich, ein so komplexes und zugleich so kritisches The¬ 
ma in einem einzigen Werk auf etwa 500 Seiten abzuhandeln. 
Schließlich umfasste es ein wesentlich breiteres Feld als die Werke 
von Mosheim, Gibbon und Milman, zumal es sich über das gesamte 
Spektrum der europäischen und semitischen Literatur erstreckt. 

Ein ergänzendes Werk - das vorliegende Buch über den "Aufstieg 
der englischen Kultur" - wurde gegen Ende des Jahres 1889 vollen¬ 
det. Das Werk legt uns die Ergebnisse der Forschungen des Autors 
zur "mittelalterlichen" Geschichte vor. Es zeigt uns nicht nur, dass 
die keltische und angelsächsische Zivilisation mythisch ist (wie an¬ 
dere Kritiker bereits herausgefunden hatten), sondern auch, dass die 
"Geschichte" von Beda sowie einige der Chroniken unmöglich vor 



27 


der Zeit Heinrichs VII. oder Heinrichs VIII. verfasst werden konnten. 

Während er den "Aufstieg der englischen Kultur" schrieb, arbeitete 
Johnson an mehreren kurzen Artikeln über "angelsächsische Urkun¬ 
den", "britische Ursprünge", "englische Aufzeichnungen", die "Grün¬ 
dungslegenden von Oxford und Cambridge", "biblische Legenden", 
"biblische Geografie" sowie "gotische und sarazenische Architektur" 
und machte sich Notizen für ein Werk über die "französische 
Kultur", das jedoch unvollendet blieb. Zu seiner Abwechslung und 
Entspannung schrieb er um diese Zeit auch eine Reihe von Artikeln 
über Robert Browning, in denen er einige Charakteristika in der Per¬ 
sönlichkeit und den Fertigkeiten des Dichters darstellte. Auf An¬ 
regung von Herrn Froude brachte Johnson 1892 die "Grundlagen 
oder Elemente der Geschichtswissenschaft" zu Papier. Weiter ver¬ 
fasste er eine englische Übersetzung der "Prolegomena" von Pater 
Hardouin. Exemplare des Werkes des Jesuiten waren rar und es gab 
bis dahin keine vollständige Übersetzung aus dem Lateinischen. Von 
Zeit zu Zeit steuerte er zu diversen freidenkerischen Veröffentli¬ 
chungen Artikel über seine verschiedenen Themen bei, die er jedoch 
in populärerer Form abfasste. Dazu zählten Ausführungen über die 
"englische Geschichte", Artikel über "Gibbon und den Ursprung des 
Christentums", die "Geschichte des Eusebius" und Johnsons "Anmer¬ 
kungen zur jüdischen Literatur und den Juden in Spanien". Einige 
dieser Artikel wurden in amerikanischen Zeitschriften nachge¬ 
druckt. "Die Paulusbriefe, erneut studiert und erklärt", eine Darstel¬ 
lung des Ursprungs der neutestamentlichen Schriften und der pro¬ 
testantischen Reformation in Europa, wurden 1893 herausgegeben 
und hatten eine recht ordentliche Auflage. 



28 


Der 1901 verstorbene Orientalist Arbuthnot traf Johnson zu verschie¬ 
denen Gelegenheiten, um mit ihm über das Thema Chronologie zu 
sprechen. Zweifellos hätte Johnson eine wertvolle Arbeit über Kalen¬ 
der und chronologische Systeme verfasst, doch sein Gesundheitszu¬ 
stand verschlechterte sich, sodass er die Masse seiner dieses Thema 
betreffenden Notizen und Auszüge ruhen lassen musste. Das Mate¬ 
rial wurde anschließend von Herrn Arbuthnot erworben. Dessen 
1900 erschienenes Werk "The Mysteries of Chronology" basierte 
größtenteils auf Informationen von Johnson. Der Vorschlag für den 
Entwurf einer neuen Zeitrechnung, "der viktorianischen", stammte 
von Herrn Arbuthnot selbst. 

Wesentlich mehr als im Rahmen des sporadischen Schriftwechsels 
mit seinem Brieffreund schrieb Johnson nicht mehr. Mit Ausnahme 
der "Griechischen Mythologie und Religion", stellte er seine früheren 
noch unveröffentlichten Arbeiten weitestgehend zu Gunsten seiner 
neuesten Entdeckungen und Forschungen ein. Seine aus der Gesamt¬ 
heit seines späteren Schaffens resultierenden Empfindungen und 
Eindrücke hielt er gegen Ende der "Paulusbriefe" fest: 

"Zu dieser Untersuchung hat mich eine schmerzhafte und äu¬ 
ßerst beunruhigende Neugierde veranlasst, die mich nach 
meiner langjährigen Tätigkeit als Lehrer wissen lassen wollte, 
was ich als wahres Christentum lehren sollte. In gewisser Hin¬ 
sicht war das Ergebnis eine bittere Enttäuschung. Statt auf eine 
solide Basis von bezeugten und anerkannten Tatsachen zu sto¬ 
ßen, entdeckte ich ausnahmslos klare und unwiderlegbare Be¬ 
weise für die Schemata und Mittel einer geheimen literari- 



29 


sehen Gesellschaft 1 , deren dreiste Behauptungen immer wie¬ 
der ihren eigenen Schriften widersprechen. 


'Denn solches ist nicht im Winkel geschehen', soll Paulus 
gesagt haben. Es wurde aber tatsächlich im Verborgenen 
fabriziert, sodass wir im Großen und Ganzen lediglich von 
den Klöstern sprechen können, welche die Zentralstellen der 
literarischen Erbauer waren. Wir kennen den Paulus- 
Ausspruch, "Sie achten Fabeln, die nicht stimmen", wobei hier 
das ganze System eine listig erfundene Fabel darstellt. 


Man lernt, an diese Schriften zu glauben, sie zu verteidigen 
und die Kirche als ideale, zumindest aber als ruhmreiche 
Institution zu betrachten, die frei von Makeln ist. Unsere 
Entdeckungen können wir nicht ohne den damit 
einhergehenden Schmerz verarbeiten. Instinktiv und aus alter 


1 Der Autor schreibt eindringlich: "Ich käme niemals auf den Gedanken, eine an¬ 
dere Erklärung zu suchen oder gar ausfindig machen zu können. Theologien 
und kirchliche Systeme, die von Gesellschaften, Konzilien und Synoden for¬ 
muliert wurden, entsprangen prinzipiell stets individuellen Spekulationen oder 
Überzeugungen, siehe weiter unten. "Andererseits überstieg der intensive 
Korpsgeist eines Mönchsklosters unser diesbezügliches Vorstellungsvermö¬ 
gen und führte zu schweren Sünden gegen die Wahrheit und Aufrichtigkeit. 
Die Fälschung von Urkunden, Bullen und Rechtsinstrumenten jeglicher Art 
wurde seitens der Brüder zur Verherrlichung ihrer Klöster zumindest regelmä¬ 
ßig geduldet. Es ist kaum zu bezweifeln, dass die Schreibstuben mancher reli¬ 
giöser Häuser von klugen jedoch skrupellosen Schriftgelehrten zu äußerst 
ehrlosen Zwecken genutzt wurden - mit der Duldung, wenn nicht gar mit der 
willentlichen Kenntnis des Klosters, 'denn solches ist nicht im Winkel gesche¬ 
hen'. Wenn die Fälschungen erfolgreich waren, - und wir wissen, dass dies 
sehr häufig der Fall war - hatte das Kloster alle Vorteile des Gaunertums. Es 
wurden keine Nachforschungen angestellt und man akzeptierte stillschwei¬ 
gend, dass dort, wo so viel gewonnen und der Stolz 'unseres Hauses' befrie¬ 
digt wurde, der Zweck die Mittel heiligt." - Dr. Jessopp, "Coming of the Friars" 
und andere Aufsätze usw., S. 16o, 161. Zum Thema der literarischen Fäl¬ 
schungen der Mönche äußerten sich Milman, Sir Harris Nicolas, M. Giry, Isaac 
Disraeli, und Andere sehr konkret. Siehe auch Arbuthnot, "Mysteries of Chro- 
nology", S. 24, 25, 37. 



30 


Zuneigung, befindet sich mein Platz unter ihren Dienern oder 
Verbündeten. Dennoch bleibt es die Pflicht eines jeden 
Literaturkritikers, nicht minder ernst und streng vorzugehen, 
als es ein Richter auf seiner Bank zu tun pflegt. Als Kritiker 
zwingt mich mein Gewissen dazu, eine Institution zu 
verurteilen, die sich versündigt hat und durch Mitschuld an so 
viel Falschheit und Betrug hoffnungslos entartet ist. Es braucht 
eine neue Reformation." 

In „The Rise of Christendom" schrieb Johnson: 

"In diesen lichteren Tagen scheint es nicht übertrieben zu 
hoffen, dass die Kirche letztendlich zu dem Entschluss 
gelangen könnte, ihre schändlichen gefälschten Seiten zu 
streichen und die Chronik einer neuen Ära zu beginnen, die 
von den Aufzeichnungen ihrer Bemühungen hinsichtlich der 
Erkenntnis von Wahrheit und menschlicher Liebe geprägt ist. 
Dies wären durchaus bewundernswerte historische 
Geschehnisse, die zugleich die Dankbarkeit der Welt 
verdienten. Mögen diese Dinge geschehen!" 

Das ist die kurze Darstellung von Johnsons literarischer Arbeit. Dar¬ 
über zu sprechen, wie er zu Hause war oder aber auf seine großzügi¬ 
ge Unterstützung armer Studenten einzugehen, wäre mir nicht ge¬ 
stattet. Er war bis zu einem gewissen Grad bescheiden und sprach 
oder schrieb nur selten über sich oder seine Bücher. Der moderne In¬ 
terviewer war eine Person, der man auswich. Eine seiner letzten Äu¬ 
ßerungen lautete: "Wenn es in Zukunft zu irgendwelchen Anfragen 
über meine Person kommt, dann antworte, 'ich lebe in meinen Bü- 



31 


ehern' Jedoch sind seine Bücher mit einer Ausnahme alle unper¬ 
sönlich. Der Mann Johnson war größer als der Autor Johnson. 

Einige seiner Empfindungen und Erfahrungen finden sich in "The 
Quest of Mr. East"; einige sind weiter oben angeführt. Er war kein 
"Dryasdust, kein Einsiedler, sondern überaus menschlich, von 
lebendigem Temperament, ein fröhlicher Begleiter und sehr 
gesellschaftsverbunden. Bis zu seiner Krankheit bewahrte ihn sein 
starker Sinn für Humor, den einer seiner Freunde als "eine Art 
Charles-Lamb-Geschmack ohne die Minzsauce" bezeichnete, davor, 
sich niedergeschlagen zu fühlen. Obwohl er, wie auch St. John in 
"Mr. East", die kalte Kritik spürte, bekam er im Großen und Ganzen 
Anerkennung von ihm nicht bekannten Personen, welche die 
Offenheit, die Menschlichkeit und die Versiertheit lobten, welche er 
während seiner Schaffensjahre stets an den Tag legte. 

Einer der sich nicht in der Lage fühlte, die Tendenz seiner Schriften 
zu verstehen, schreibt: 

"Worte alleine reichen nicht aus, um die geistige Kraft zu 
beschreiben, die bis zuletzt in ihm wirkte. Viele seiner alten 
Studenten und Freunde werden jetzt über seine 
Hilfsbereitschaft, seine subtilen Zweideutigkeiten im Gespräch 
und seine Fähigkeit nachdenken, Männer dazu zu bringen, 
ihren eigenen Gedanken ins Gesicht zu sehen. ... Für diejeni¬ 
gen, die den besonderen Geschmack seines Humors kannten, 
war 'The Quest of Mr. East' ein Buch voller Charme. 
Tatsächlich war es ein einziges langgezogenes Gleichnis, das 
viele markante Eigenschaften der modernen religiösen Welt 



32 


darstellt und die Suche der Seele nach dem wahren Christus 
beschreibt. Johnson zeugte von großem Pathos. Der Schmerz 
und die Mühen, die mit seinem Kurs verbunden waren, 
brachten seine angeborenen Feinheiten klarer zum Vorschein, 
zumal er selbst unter körperlichen Behinderungen eine 
seltsame Anziehungskraft ausübte, die zu Freundschaften mit 
Männern allerlei Denkweisen führte. Er wird nicht nur in den 
Herzen derer weiterleben, die sich so geduldig um seine 
Bedürfnisse kümmerten, als er sich dem Tode näherte, 
sondern auch in den ITerzen einer großen Zahl von Menschen, 
die nicht nur durch seine Worte Impulse erhielten, sondern 
auch durch sein Wesen." 

Ein anderer Freund und zugleich ein Mitglied einer Vereinigung, der 

auch Johnson angehörte, schrieb: 

"Diejenigen, die bei unserem letzten alljährlichen Abendessen 
anwesend waren, konnten nicht übersehen, dass die Walküren 
denjenigen zum Tode erwählt hatten, welcher der gelehrteste 
der Gäste war. Während all der Jahre, in denen das 
Abendessen stattfand, hatte der Autor von 'Antiqua Mater' 
regelmäßig seinen Platz am Tisch. ... Sein Ruf als vortrefflicher 
Gelehrter und seine kühne ITingabe für die historische 
Wahrheit, die ihn einem akademischen und sozialen 
Märtyrertod unterwarf, machten ihn Jahr für Jahr zu einer 
hervorstechenden und ehrbaren Persönlichkeit inmitten 
unserer festlichen Versammlung. Doch allmählich entschwand 
uns der versierte Gelehrte, der in diesem genialen Menschen 
steckte. Die gewaltige und vom Pflug des Denkens 



33 


gezeichnete Stirn verlor ihren ursprünglichen Ernst in des 
großen Mannes freundlichem und wohlwollendem Lächeln; 
und wir, seine Gefährten, verloren den gelehrtesten aller edlen 
Männer. Ich habe noch nie einen Mann gekannt, der zielstrebi¬ 
ger und von einfacherem Herzen war. ... Unser verstorbener 
Freund war zu aufrichtig und selbstlos für diese gefühllose 
und selbstsüchtige Welt. Er gab ihr die reife Frucht seiner 
intellektuellen und moralischen Männlichkeit. Die Welt dankte 
es ihm mit dem Verlust seiner Professur und unbegründeter 
Missachtung. Er beschwerte sich nicht und äußerte kein 
cholerisches Wort, weder mit seiner Stimme, noch mit der 
Feder, doch das Unrecht nagte schwer an seiner feinfühligen 
Natur. So kam er vorzeitig in die Jahre; und er, der die Energie 
der harten und wertvollen langjährigen Arbeit noch immer in 
sich hatte, entschwand der Gegenwart und gehört bereits der 
Vergangenheit an." 

Doch seine engeren Freunde kannten in besser. Er, der seine Hand an 
die heilige Bundeslade gelegt hatte und vom Unglück in Form einer 
heimtückischen und unheilbaren Krankheit erfasst wurde, wusste, 
dass er zur Lösung des Problems der Religionsgeschichte unserer 
westlichen Welt beigetragen hatte - die Lösung, die zur Herstellung 
der geistigen Einheit führen wird. Er wurde durch freundliche, 
verständige und nachdenkliche Briefe ermutigt, weiterzumachen 
und steckte so seine ganze Seele in seine Arbeit: 


'Nach der besseren Vision des Wahren, Schönen und Guten stre¬ 
bend." 



34 


Johnson verstarb am 3. Oktober 1901 im vergleichsweise frühen Alter 
von 59 Jahren, doch er hatte sein Werk gut vollbracht. 

Seine letzte Nachricht an mich als einen seiner letzten Freunde, der 
am wenigsten mit einer Nachricht gerechnet hatte, führte dazu, dass 
ich dieses Buch in der Druckpresse sehen wollte. Mit der großzügi¬ 
gen Hilfe einiger Freunde und in gebührender Anerkennung des Le¬ 
benswerkes des Autors, wird dieser Wunsch nun verwirklicht. Der 
Text entspricht ungefiltert dem aus Johnsons Manuskript. Hätte der 
Autor dies noch mit dem letzten Schliff versehen können, wäre das 
Buch für den Leser zweifellos eine noch größere Bereicherung. Im 
Anhang finden Sie eine Liste der wichtigsten veröffentlichten und 
unveröffentlichten Schriften Johnsons, einschließlich separater Wer¬ 
ke, Aufsätze und anderer Veröffentlichungen, die eine große Band¬ 
breite kritischer Lektüre und origineller Forschung zur europäischen 
und orientalischen Literatur darstellen. 

II. 

Nun möchte ich kurz die wichtigsten Ergebnisse von Johnsons For¬ 
schungen zusammenfassen, wie sie auch in seinen herausgegebenen 
Schriften festgehalten sind: 

Die Geschichte Europas insbesondere die kirchliche Geschichte ba¬ 
siert zum größten Teil auf Annahmen, Überlieferung, Legenden und 
Irrtümern, wobei die Biografien realer Personen als Vorlagen für die 
Fiktionen verwendet wurden. Die hebräischen und christlichen "Hei¬ 
ligen" Schriften haben einen vorwegnehmenden Charakter. Vor dem 
"11. Jahrhundert" unserer Zeitrechnung gab es keine konstituierte 



35 


christliche Kirche. Der größte Teil des sogenannten "Mittelalters" ist 
eine imaginäre und nicht existente Zeitspanne und die Neuzeit be¬ 
ginnt bald nach dem Zerfall des alten Römischen Reiches. Wir sind 
daher weniger weit von den Griechen und Römern entfernt, als es 
unsere Chronologie-Skala lehrt. Weiter hat Johnson unser kirchliches 
System auf die Araber zurückgeführt, die dem lateinischen oder 
griechischen Christentum nichts entlehnt haben - dagegen fand 
durchaus ein Transfer in die entgegengesetzte Richtung statt. Den¬ 
noch war das Christentum den anderen Systemen in mehrfacher 
Hinsicht überlegen. 

Dies sind keine wilden Theorien, die man vorschnell von sich weisen 
sollte. Obwohl einige der Aussagen zu gewagt oder willkürlich er¬ 
scheinen, wird der Leser auf nicht unbegründete und durchaus ver¬ 
ständliche Argumente des Autors treffen. 

Viele Menschen haben beim Studieren unserer Geschichte unerklärli¬ 
che Anomalien und Diskrepanzen entdeckt. Sie werden in Johnsons 
herausgegebenen Schriften eine Lösung für diese Schwierigkeiten 
finden; eine Erklärung für viele Dinge, die bisher unvollkommen 
oder völlig missverständlich waren, insbesondere für Angele¬ 
genheiten in Bezug auf unser Chronologie-System 2 . Auf den folgen¬ 
den Seiten habe ich mich bemüht, einige der in meiner eigenen Lek¬ 
türe festgestellten Anomalien zusammenzufassen, wobei diese zur 
Unterstützung der Argumente unseres Autors leicht durch viele wei¬ 
tere ergänzt werden können. 

Da unser eigenes chronologisches System auf tönernen Füßen steht, fragte 
ich den Autor einmal: "Wie stehen wir zu anderen Systemen?" Ich regte an, 
dass er sich eventuell an eine Rekonstruktion wagen müsse. Die von Herrn 
Arbuthnot verwendeten Notizen und Memoranden dürften ein Schritt in diese 
Richtung sein. 


2 



36 


Das Sprichwort, dass Geografie und Chronologie die beiden "Augen" 
der Geschichte sind, ist zu einer solch abgedroschenen Phrase ge¬ 
worden, dass wir allzu leicht den rationalen "Verstand" des sich hin¬ 
ter diesen Augen befindlichen Betrachters verlieren. Selbst vorsichti¬ 
gere Historiker schreiben von 1.000 oder 1.500 Jahre langen Zeitstre¬ 
cken, als wäre die historische Zeit grenzenlos. Der durchschnittlich 
Gebildete springt in seiner Vorstellung so mühelos von Kontinent zu 
Kontinent oder von Jahrhundert zu Jahrhundert und spricht oder 
schreibt, dass dieses oder jenes Ereignis im "zweiten", "siebten", 
"neunzehnten" oder irgendeinem dazwischenliegenden Jahrhundert 
geschehen sei, als wäre schon immer auf diese Weise datiert worden. 
Eine altertümliche Zeitrechnung war weder in Gebrauch, noch in 
Kraft - nicht von Beginn an und auch lange Zeit danach noch nicht. 
Der Terminus "Anno Domini" und die Rückrechnung auf den angeb¬ 
lichen Beginn der Ara werden erst seit weniger als 400 Jahren ver¬ 
wendet. Vor dieser Zeit datierte man nach Regentschaften von Köni¬ 
gen, Fürsten und Päpsten. Tatsächlich werden unsere Parlamentsak¬ 
ten noch immer auf das Regierungsjahr des Königs datiert. 

Inschriften und Manuskripte werden, sofern sie undatiert sind, 
bestimmten Jahrhunderten zugeordnet, was durch paläographische 
Experten geschieht, welche die Daten aus der Sprache, dem Inhalt 
oder dem Stil der Kalligrafie ermitteln, der gegebenenfalls 
Rückschlüsse auf die Eigenart des Schreibers zulässt. Wenn wir auf 
Aussagen treffen, gemäß denen sämtliche christlichen Dokumente 
aus der Zeit zwischen dem „zweiten" und „zehnten" Jahrhundert 
stammen, so müssen wir davon ausgehen, dass es stets reine 
Mutmaßungen sind. Allzu viel Gewicht kann daher nicht auf die 



37 


Frage der Chronologie gelegt werden, denn sie ist abhängig von der 
Glaubwürdigkeit und Authentizität der Kirchenaufzeichnungen 
sowie dem wahren Datum der Gründung der Kirche. 

Wie auch andere ekklesiastische Zeitrechnungen, ist die christliche 
Zeitrechnung stark überzogen und vordatiert. Eine chronologische 
Tafel wurde benötigt, ein "Dionysius Exiguus" ward gefunden. Das 
Schema von vierzehn oder fünfzehn vorangegangenen Jahrhunder¬ 
ten wurde niedergeschrieben. Christliche Historiker und christliche 
Geographen, die 

"ihre Karten mit wilden Bildern füllten und aus Mangel an Städten 
Elefanten in unbewohnbaren Gefilden platzierten", 

fügten in den Freiraum des Entwurfs sehr bald die Namen und er¬ 
baulichen Taten von Fürsten, Kirchenmännern und Heiligen oder de¬ 
ren vermeintlichen Gegnern ein. Für die christlichen Schreiber war 
Geschichte eher eine Allegorie als eine Wissenschaft der Beobach¬ 
tung oder der Überlegung. Durch einen Blick auf die Zeitspanne 
zwischen dem "vierten" und dem "elften" Jahrhundert, stellen wir 
fest, dass sie mit christlichen und geistlichen oder aber mit weltli¬ 
chen Angelegenheiten von kirchlichem Interesse gefüllt ist. Rein 
weltliche Namen suchen wir vergeblich. Zwischen Galenos und Pto- 
lemäus im "zweiten" und den Arabern im "neunten" Jahrhundert 
klafft ein riesiges Loch. Wenn man Ptolemäus heranzieht, fällt auf, 
dass seine "Geographia" des "zweiten" nahezu identisch mit der Geo¬ 
grafie des "dreizehnten" Jahrhunderts ist. 

Die elf Jahrhunderte des östlichen Reiches (von Konstantin bis zum 



38 


Fall Konstantinopels) sind mit byzantinischen Historikern gefüllt 
und somit als lange ununterbrochene Kette dargestellt. Ihre Schriften 
sind Teil der Annalen der Welt und gelten seit langem als schändli¬ 
ches Zeugnis einer tausendjährigen moralischen und politischen 
Leere. Die glühende Feder eines Gibbon vermochte es nicht, ein re¬ 
ges Interesse an den Leben und Taten einer langen Folge blutrünsti¬ 
ger Tyrannen und impotenter Wüstlinge zu weckenL 

Finlay und Freeman mochten eher auf die edleren Charakteristika 
dieser Zeit eingehen - auf die Taten von Beiisar, Herakleios, Leo dem 
Isaurier und anderen Individuen, die weitestgehend idealisiert und 
von ungewisser Datierung sind. Doch beim Lesen dürfen wir die 
Schriftgelehrten nicht aus den Augen verlieren, da sie dieselben Ge¬ 
danken haben und dieselbe Sprache verwenden, die während tau¬ 
send Jahren keinerlei Veränderung erfuhr - mit einem Ausspruch 
Johnsons dargestellt: "Alle verwendeten die gleiche Feder und die 
gleiche Tinte"! Obwohl diese Chroniken der Korruption, der Un¬ 
glücke und der Verbrechen mit einem verfallenden Imperium ver¬ 
bunden sein sollen, geht jedoch kein einziges Glied in der Kette von 
Persönlichkeiten und Ereignissen verloren. Die langgezogene Ge¬ 
schichte, wie wir sie vorliegen haben, wurde vermutlich niederge¬ 
schrieben, nachdem die Türken alles in Besitz nahmen. 

Von einem anderen angeblichen christlichen Volk, den Äthiopiern, 
schreibt Gibbon: "Sie schliefen fast tausend Jahre lang und vergaßen 
die Welt, von der sie selbst vergessen wurden. 4 " Das christliche Kop- 

3 Quarterly Review, No. 188, S. 526; Freeman, "The Byzantine Empire." 
"Essays," iii., 1879, S. 231, 232. 

Vor dem Beginn der abessinischen Annalen, 1268 AD, klafft ein Loch von un¬ 
gefähr 700 Jahren. Es wurde vergeblich versucht, diese Kluft zu überbrücken 
und die Geschichte der Kirche in Abessinien zu erzählen. Aus Le Quien, "Ori- 


4 



39 


tentum kontrastiert das alte Koptentum sehr stark 5 . Bezogen auf Chi¬ 
na, das den Römern bekannt gewesen sein soll, können wir ebenfalls 
feststellen, wie auch bezüglich Abessinien, dass es ebenfalls und für 
eine ähnliche Zeitspanne von Europa vergessen wurde. Wir haben 
keine Nachrichten über China aus dem Zeitraum zwischen Arianus, 
Ptolemäus und der Mission von Carpini im Jahr 1246. In chinesi¬ 
schen Aufzeichnungen gibt es jedoch Hinweise auf das Römische 
Reich, als es der orthodoxen Chronologie zufolge bereits lange unter¬ 
gegangen war. 


In Indien und China befindet sich die Chronologie in einem unge¬ 
klärten Zustand. Indien hat vor der mohammedanischen Invasion 
im dreizehnten Jahrhundert nichts, was man richtiger weise Historie 
nennen könnte 6 . Keine ihrer Rassen oder kleinen Nationalitäten 
führte jemals eine Chronik". Ein gelehrter Philologe bemerkt das 
Fehlen schriftlicher Denkmäler, Literatur oder Informationen, mittels 
derer er die aktuelle Volkssprache durch ein "dunkles Zeitalter", eine 
"lange Nacht von neun Jahrhunderten" hindurch verfolgen könnte! 
"Um das erste Jahrhundert fällt vor den indischen Sprachen der Vor¬ 
hang und öffnet sich erst wieder zum zehnten. Jahrhundert". "Ich be¬ 
zweifle sehr", so fährt er fort, "dass der dazwischenliegende Zeit¬ 
raum jemals gefüllt werden kann, denn das Material scheint für im- 


ens Christianus", 1740, und Rev. Montague Fowler, "Christian Egypt-Church 
in Abyssinia", 1901. 

5 Mr. F. Griffith, Oxford Reader in Egyptology, in "Ency. Brit." xxvii. S. 727. 

6 In Lane-Pooles "Mediaeval India" (1903) nimmt die Zeitspanne zwischen der 
arabischen Eroberung Sindhs und der mohammedanischen Invasion weniger 
als zwei Seiten ein. Er schreibt: "Die arabische Eroberung hat nichts bewirkt 
und kaum Spuren hinterlassen. ... Die arabischen Städte sind untergegangen, 
aber die Ruinen der Burgen und Städte ihrer Vorgänger ... zeugen noch im¬ 
mer von der Zivilisation, welche sie entwurzelten." Gab es eine arabische Zeit, 
wie sie uns bislang dargestellt wird? 

7 Fergusson, "Indian Architecture", 1876, S. 6. 



40 


mer verlorengegangen zu sein. Der Buddhismus ist unsere einzige 
Chance - auf mehr können wir scheinbar nicht hoffen ... und diese 
neun Jahrhunderte bleiben für immer ein versiegeltes Buch 8 ." Dieser 
Sachverhalt wird von einem Land berichtet, dem Europa für seine 
Ziffern, seine Arithmetik und für einige seiner religiösen Ideen zu 
Dank verpflichtet sei - einem Land, in dem der Priester- und der 
Schriftorden niemals ausstarben. Das Zeitalter der meisten hinduisti- 
schen Schriften ist unbekannt und die Autoren verschwanden im 
Nirvana 9 . 10 


Es gibt jedoch keinerlei Hoffnung auf buddhistische Auf¬ 
zeichnungen, die uns "die lange Nacht" erhellendes Material liefern. 
General Maisey 11 neigt dazu, die buddhistische Epoche um sechs¬ 
hundert Jahre zu verkürzen, während Fergusson die angeblich aus 
dem ersten Jahrhundert v.Chr. stammenden Bodh-Gaya Bauten ins 
14. Jahrhundert n.Chr. verlegt. 

Die ebenfalls sehr dürre literarische Materiallage hinsichtlich der 
persischen Geschichte zeugt von einem weiteren korrespondieren¬ 
den "dunklen Zeitalter" - alles Vorhandene scheint ausschließlich 
arabische Literatur zu sein, nicht persische. 


Die benediktinische oder christliche Chronologie scheint daher für 
afrikanische und orientalische Zivilisationen nicht minder anwend- 


8 Beames, "Compar. Grammar", vol.1, 1872, S. 22, 23. 

9 Caldwell, "Dravidian Languages", 1875, S. 128. 

10 Nachträglicher Hinweis (da das Vorstehende bereits typisiert war): "Noch 
Jahrhunderte nachdem ihnen Schreibmaterialien zur Verfügung standen, ver¬ 
spürten die Inder nicht nur kein Bedürfnis nach Büchern, sondern bevorzugten 
sogar gänzlich ohne sie auszukommen, was, wie er bemerkt, in der Geschich¬ 
te der Welt einzigartig ist." - Aus der Rezension von Rhys Davids," Buddhist 
India", Atheiixum, 26. September 1903. 

“Sanchi and its Remains", 1892. 


11 



41 


bar zu sein, als für jene in Europa. Wenn unsere konventionellen 
neunzehnhundert Jahre 12 auf Abessinien, Indien und Persien ange¬ 
wendet werden, zeigt die Geschichte jedes dieser Länder eine ähnli¬ 
che, sich über viele Jahrhunderte erstreckende Lücke oder „Nacht", 
die durch keinerlei zeitgenössische Aufzeichnungen zu überbrücken 
ist. Während die alten und modernen Epochen mit authentischen, 
mehr oder minder vollkommenen Aufzeichnungen gefüllt sind, ist 
die mittlere oder sogenannte "mittelalterliche" Epoche eher fabulös 
beziehungsweise mit verdünntem Material oder verschwommenen 
Gegebenheiten besetzt, die früheren und späteren Epochen entlehnt 
wurden. 

Die Historiker berichten von Ketzern, Apologeten, Verteidigern 
kirchlicher Doktrinen und von Konzilen, die zur Überwindung von 
Schwierigkeiten einberufen wurden. Diese Konzilien setzten früh ein 
und zogen sich über den gesamten Zeitraum der Kirchengeschichte 
fort. Es gab eine Zeit, in denen sie so häufig waren, dass Bischöfe 
und Geistliche scheinbar nichts anderes zu tun haben konnten, als 
sich auf auf ein Konzil vorzubereiten oder an einem teilzunehmen. 
Wir lesen von Konzilen in Kleinasien, in Deutschland, in Frankreich - 
Konzilien in allen Himmelsrichtungen des Reiches. 

In Afrika fand die Kirche die eifrigsten Bekenner ihres Glaubens und 
ihre begnadetsten Verteidiger 13 . Tertullian, Cyprian, Arnobius, Lac- 
tantius und der größte aller Kirchenmänner, Augustinus, waren alle 
gebürtige Afrikaner. Durch Afrika wurde das Christentum zur Welt¬ 
religion. In Nordafrika gab es einmal nicht weniger als 600 Bischofs- 

12 Oder alternativ 2.200 Jahre von Alexander dem Großen an, dessen Eroberun¬ 
gen in authentischen europäischen, asiatischen und afrikanischen Annalen 
verewigt sind. 

13 Mommsen, "Die afrikanischen Provinzen", II. 



42 


sitze. Auf dem Konzil von Karthago führte der heilige Augustinus 
286 orthodoxe Bischöfe an, Petilanus dagegen 279 Donatisten. Ent¬ 
decker wie auch Historiker teilen uns mit, dass, während die Römer 
in Nordafrika bleibende Spuren und eine Fülle von Inschriften hin¬ 
terließen, es hingegen keine einzige Spur vom nunmehr vollständig 
vertilgten Christentum gäbe 14 . Die einzige Erklärung ist die, dass Au¬ 
gustinus, die anderen Bekenner und ihre Kirchenkonzilien rein my¬ 
thisch sind. Seltsamerweise schrieben diese "Afrikaner" auf Grie¬ 
chisch, obgleich Latein die allgemein gesprochene Sprache war. 
"Aber", fügt der jüngste der über das römische Afrika schreibenden 
Autoren hinzu, "das Griechisch war nicht das Griechisch von Aischy- 
los oder Sophokles ... es besaß eine äußerst bemerkenswerte Origina¬ 
lität 15 ." Es war das barbarische Griechisch der Mönche des "Mittelal¬ 
ters", also der Zeit, in der die christlichen Schreiber am produktivs¬ 
ten und unwissendsten waren. 16 

Die mit "mehr als 3.000 angegebene große Anzahl noch vorhandener 
Manuskripte des Neuen Testaments (neben der ebenfalls sehr großen 
Anzahl verschiedener Fassungen)", die der "dagegen sehr geringen 
Zahl an Exemplaren der klassischen Schreiber wie Aischylos, Sopho¬ 
kles, Thukydides, Horaz, Lucretius, Tacitus und vielen Anderen ge¬ 
genübersteht, soll aufzeigen, "wie immens überlegen die Position des 
Neuen Testaments ist" 1 '. Zeigt nicht gerade dies seinen eher jüngeren 
Ursprung? Wenn man die neutestamentlichen Dokumenten mit ei¬ 
ner so hochachtungsvollen Sorgfalt behandelte, wie kommt es dann, 
dass die Dokumente des Alten Testaments nicht erhalten worden 
sind? Dass die neutestamentlichen Schriften jünger als die der klassi- 

14 Graham, "Roman Africa", 1902, S. XIII; Davis, "Ruined Cities", 1862, S. 140- 
146. 

15 Graham, S. 301. 

16 Comparetti, "Vergil in the Middle Ages", 1895, S. 125-127. 

17 Kenyon, "How the Bible came down to us" Harper's Mag., Nov., 1902, S. 922. 



43 


sehen Autoren sind, beweisen die Palimpsests "Die wertvollsten Tex¬ 
te klassischer Autoren wurden mit syrischen und griechischen christ¬ 
lichen Texten überschrieben. Die christlichen Texte über den klassi¬ 
schen sind also jüngeren Datums." 18 

Kommen wir nun zu Rom selbst. Die ewige Stadt ist ihre eigene Zeu¬ 
gin. In "The Rise of Christendom" hat Johnson das Fehlen authenti¬ 
scher päpstlicher Münzen kommentiert, die älter als das 12. Jahrhun¬ 
dert sind, während Arbuthnot in Folge seiner Suche in den Museen 
Europas zu der Schlussfolgerung gelangte, dass keine authentischen 
päpstlichen Aufzeichnungen aus der Zeit vor dem Jahr 1198 existie¬ 
ren 19 . Die Architekturhistoriker markieren das 11. und 12. Jahrhun¬ 
dert als Beginn des Kathedralenbaus in Italien, Frankreich und Eng¬ 
land. Es gibt in Italien keine früheren Überreste von kirchlichen Bau¬ 
ten. Auf dem Kontinent folgten sie den römischen Tempeln und Pa¬ 
lästen ohne zeitliche Unterbrechung. Der neueste Fierausgeber von 
Gibbon berichtet, dass das Erforschen der byzantinischen Architek¬ 
tur noch nicht einmal begonnen wurde. 20 

Vor vierzig Jahren bemerkte ein bedeutender und glücklicherweise 
noch immer unter uns weilender Historiker und Staatsmann, dass 
"der moderne Reisende nach seinen ersten Tagen in Rom beginnt, 
nach Reliquien aus den 1.200 Jahren zwischen Konstantin und Papst 
Julius II. zu suchen. Er stellt die Frage: "Wo ist das Rom des Mittelal¬ 
ters?"; und fügt dann an: "Auf diese Frage gibt es keine Antwort! 21 ". 
Als ich im April 1903 gerade an einem Historikerkongress teilnehme, 

18 Thompson, "Palaeography", 1893, S. 76, 77. 

19 "Mysteries of Chronology", S. 30, 31. 

20 Bury's "Gibbon” 

21 "Holy Roman Empire", 1873, S. 272, 273; 1889, S. 261, 262; Mr. Bryce verweist 
dabei auf Gregorovius, sodass das Zitat auch von diesem stammen könnte. 



44 


ist der Historiker des "Heiligen Römischen Reiches" wieder in Rom. 
Doch erkennt Mr. Bryce heute mehr als bei seinem früheren Besuch? 
Ich denke nicht, zumal der verstorbene Mr. Freeman den gleichen 
Eindruck hatte. Angesichts der Kontinuität und Einheitlichkeit der 
Geschichte, bemerkte er in Rom eine "Kluft", "ein größeres Loch zwi¬ 
schen den großen Geschichtsepochen wie es sonst nirgends auszu¬ 
machen ist - für wahr eine gähnende Kluft. ... Auf den ersten Blick 
scheint Rom reich an Denkmälern aus der Frühzeit der Kaiser und 
aus der Spätzeit der Päpste zu sein, jedoch hat die Stadt nichts aus 
der Zwischenzeit zu bieten." 22 

Der intelligente Leser wird anmerken, dass die unterirdischen Kata¬ 
komben das Zeugnis sind. Eventuell wird er auch die Frage aufwer¬ 
fen, was es dann mit den christlichen Märtyrern und den zehn 
großen Verfolgungen auf sich hat. Die Antwort auf diese Fragen ist 
recht simpel. Die Katakomben sind die Friedhöfe des römischen Vol¬ 
kes. Die Geschichte über die Verfolgungen von Gläubigen in der 
Hauptstadt der römischen Welt, deren Regierung und Herrschaft 
wohl die freieste und toleranteste war, ist eine Verleumdung und ge¬ 
nerell unvorstellbar. So ist es ein haltloser, jegliche Beweise entbeh¬ 
render Vorwurf, dass Mark Aurel, "der vollkommenste Mann, der je 
gelebt hat", das Foltern und Ermorden christlicher Männer und Frau¬ 
en gebilligt haben soll, zumal nur weil sie an einem Glauben festhiel¬ 
ten, der ebenso friedlich wie sein eigener war. Solcherlei Geschichten 
müssen wir weit von uns weisen. In den Kreuzen sowie anderen rö¬ 
mischen und vorrömischen Symbolen, die in den zu Beginn des 
"fünften Jahrhunderts" stillgelegten und gegen Ende des "16. Jahr¬ 
hunderts" wiedereröffneten Katakomben zu finden sind, sahen die- 


22 Essays", III. 2. 



45 


selben Historiker, die uns die unglaubliche Kirchengeschichte aufge¬ 
tischt haben, Embleme des Christentums. Die unzähligen Inschriften 
mit den Initialen "B.M." standen für diejenigen, die sich um Ihre Ver¬ 
storbenen sorgten, für "Bene Merenti" oder "Bonse Memoriae" und 
waren gleichbedeutend mit unserem "Gesegnet" oder "In Liebevol¬ 
lem Gedenken". Unsere Historiker sahen darin jedoch eine andere 
Bedeutung und deuteten diese Anfangsbuchstaben unerklärlicher- 
weise in "Seliger Märtyrer" um. Man streckte das Ganze fiktiv über 
lange Epochen und so wuchs der Glaube an die zehn großen Verfol¬ 
gungen. 23 

Ein Teil der christlichen Literatur dürfte als Themenstoff zur Diskus¬ 
sion und Disputation verfasst worden sein, wobei die Disputanten 
unter erdachten Namen auftraten und sich in ein Nirvana verflüch¬ 
tigten, wie es auch für unsere buddhistischen Schreiber gilt. Dies 
würde auch den Ursprung eines Großteils der vorwegnehmenden 
Schriften erklären. Die Autoren ahnten kaum, dass ihre Schriften 
nach einer gewissen Zeit als höhere Eingebungen gelten würden. Ei¬ 
nige Werke des Heiligen Augustinus würden in diese Kategorie fal¬ 
len. Ein Mann hätte damals kaum all das schreiben können, was ihm 
heute zugeschrieben wird. Die "Bekenntnisse" sind kein autobio¬ 
graphisches Werk, sondern ein spirituelles Handbuch, dessen Stil 
der "Nachahmung Christi" (aus dem 14. oder 15. Jahrhundert) 24 ent- 

23 Es gibt eine Geschichte über den heiligen Hieronymus, wie er als Junge im "4. 
Jahrhundert die Katakomben besuchte. Jeden Sonntag machte er seine Spa¬ 
ziergänge um die Gräber der Apostel und Märtyrer; doch Hieronymus (für aus¬ 
führlichere oder weitere Informationen siehe Bischof Westcott) schreibt wie 
ein "Gelehrter des 16. Jahrhunderts". Mehr noch: Als er das Alte Testament 
übersetzte, benutzte er für die Punktierungen die Zeichen des 16. Jahrhun¬ 
derts - tausend Jahre bevor sie allgemein verwendet wurden! Weiter merke 
ich an, dass einige seiner Werke aus einer späten Epoche stammen und über 
Palimpsest älterer Autoren geschrieben wurden. 

24 "Der Stil des Heiligen Augustinus in den 'Bekenntnissen' gehört zur selben 



46 


spricht. Die Entwicklung des Augustinus vom Neuplatonismus über 
den Manichäismus zum Christentum ist typisch für das expandie¬ 
rende Christentum. In seinem Werk "Vom Gottesstaat", welches eine 
neue Ordnung der Dinge offenbaren sollte, beleuchtete der Schreiber 
des Augustinus, so weit es ihm möglich war, die Abgrenzung zwi¬ 
schen dem Reich der Gier und Macht und dem Reich der Gerechtig¬ 
keit und Wahrheit. 

Eher als auf Wahrheit, treffen wir in den kirchlichen Schriften auf Er¬ 
bauung. Die Schriftgelehrten dieser Zeit schrieben nicht für ein kriti¬ 
sches oder skeptisches Zeitalter in ferner Zukunft. In den Scriptorien 
konnten die Mönche nur von solchem Stoff Kenntnis haben, den sie 
in ihrer direkten Nachbarschaft ansammeln konnten und der die eu¬ 
ropäischen Völker vom 12. bis zum 16. Jahrhundert erbaute und 
amüsierte. Dieser Stoff umfasste Sagenumwobenes, Traditionelles 
und gar orientalische Theologie und Literatur - das Wilde, Wunder¬ 
bare, Unglaubliche und nicht selten auch das Unanständige. Die ed¬ 
lere Klasse der Männer in den Klöstern lebte in gewisser Weise ein 
schönes Leben, das im Großen und Ganzen lediglich in einem Zu¬ 
stand des Nirvana enden konnte. Sie glaubten an die Vergänglichkeit 
dieser Welt und hofften auf eine andere. Diese, so argumentierten 
sie, sei "äußerst böse und ihre Zeit neigt sich dem Ende hin". Ihre 
Pflicht sei es, "vernünftig zu sein und zu wachen", denn "der Richter 
steht bereits an der Pforte". 

Die ersten christlichen Missionare waren äußerst überrascht, unter 

Gattung wie die "De Imitatione"; die dominierende Note ist dieselbe ... Es birgt 
den gleichen musikalischen Fluss, die gleichen geistigen Feinheiten und Diffe¬ 
renzierungen." - Einführung in Dr. Biggs Ausgabe, 1898, S.5. Erzbischof Ulla- 
thorne ("Autobiography", S.41) verwendete die "Bekenntnisse" ebenfalls als 
spirituelles Handbuch. 



47 


den Tataren Beweise für das Christentum zu finden. Sowohl in China 
als auch in Indien stießen Sie auf Nestorianer und Juden. Einige 
Skeptiker sagen, dass bestimmte Tafeln und Inschriften gefälscht sein 
müssen, doch Klöster, Prozessionen, Wallfahrten, Feste, ein päpstli¬ 
cher Hof und geistliche Kollegien finden wir in der gesamten histori¬ 
schen Zeit und allen ekklesiastischen Systemen wieder - Christen, 
Mohammedaner, Buddhisten und Lamaisten haben zweifellos einen 
gemeinsamen Ursprung 23 . Nun könnte der Leser erneut fragen: "Be¬ 
zeugen die Stadt Jerusalem und das heilige Land nicht die histori¬ 
sche Wahrheit der Bibel?" Johnson zeigt, dass die "Erzählungen" im 
Alten und Neuen Testament durch arabische und persische Chroni¬ 
ken zu uns fanden; dass der Name "Jerusalem" poetisch ist, wie auch 
der des "Berges Zion"; und dass die Stadt, die jetzt Jerusalem heißt, 
den Arabern als die "Aelia Capitolina" der Römer bekannt war. Das 
Heilige Land des Alten Testaments muss anderswo als in Palästina 
gesucht werden. Das Heilige Land des Neuen Testaments hat John- 


25 In seinem Werk "Ancient Christianity" (1840) führt Isaac Taylor das Mönchtum 
auf Indien zurück und glaubt, der Buddhismus hätte sich in Alexandria ausge¬ 
formt. Der Gnostizismus ging dem Christentum voran und war damit zugäng¬ 
lich für die indischen Einflüsse (Kennedy, Asiatic Journal, April 1902). Roma¬ 
nismus, Nestorianismus und Muselmanismus haben allesamt eine Quelle und 
leiten sich vom Brahmanismus und Buddhismus ab (Parker, "Chinas Inter- 
course", S. 29, 33). Das Wort "Paradies" und die Idee der Wiederauferstehung 
sind persischen Ursprungs. Die Magi oder Parsen behaupten, Abraham sei ihr 
Prophet und Reformer. Er wird in mohammedanischen Schriften als Zoroaster 
identifiziert (Haug, "Essays", 1884, S. 16). Der Mohammedanismus bediente 
sich beim Zend-Avesta, jedoch nicht bei den heiligen christlichen Schriften. 
Letzteres ist, wie Johnson deutlich gezeigt hat, dem Koran zu verdanken. Wir 
finden im Islam keine einzige Zeremonie oder Lehre, die auch nur geringfügig 
von von den eigentümlichen Grundsätzen des Christentums geprägt oder gar 
gefärbt ist (Muir, "Life of Mahomet", S. 153). Es gibt keinerlei Beweise dafür, 
dass Mohammed praktisch mit den alt- oder neutestamentlichen Schriften ver¬ 
traut war (Seil, "Faith of Islam", 1896, S. 13). Der Koran weiß nichts von Pau¬ 
lus oder seinen Lehren. Er erkennt Jesus als göttlichen Boten an und offen¬ 
bart, dass er den Lehren Jesu näher kommt als denen des Paulus (Ernest de 
Bunsen, Asian Quarterly, April, 1889, S. 259). Auch dies bestätigt Johnson in 
seiner Lösung des Rätsels der Pauluslehre im Neuen Testament ("Paulusbrie¬ 
fe"). 



48 


son in Süditalien lokalisiert. Der Berg Sinai wurde laut Professor 
Sayce noch nicht korrekt identifiziert. Jedenfalls befindet er sich 
nicht auf der Halbinsel, die heute die sinaitische genannt wird. 26 

Das jüdische Chronologiesystem ist ziemlich modern 2 '. Die Hebräer 
waren eine Sekte unter den Arabern in Spanien. Ihre Schriften, wel¬ 
che sich deutlich von den heute als heilig geltenden historischen Tei¬ 
len unterscheiden, enthalten die Beweise für einen jüngeren und lo¬ 
kalen Ursprung. Die Prophezeiungen Jesajas, Obadjas, der Kla¬ 
gelieder des Jeremias u.s.w. wurden während der Verfolgung der Ju¬ 
den in der Neuzeit geschrieben. Teils tragen ihre Mythen die ent¬ 
sprechende lokale Einfärbung. Ford und andere durch den Norden 
Spaniens Reisende haben auf die Ähnlichkeit dieses Landes mit dem 
Palästina der Schriften hingewiesen 28 . "Es kam mir vor, als wäre ich 
plötzlich in Palästina", schrieb Beckford 29 . Einer der gegen Servetus 
erhobenen Vorwürfe lautete, dass er die Geografie der Heiligen 
Schrift in Bezug auf Palästina (das Land der Philister) beanstandet 
habe. 30 


Seit mehr als vierzig Jahren suchen Forscher in Palästina nach he- 


26 Asiatic Quarterly, Juli, 1893. 

27 Es gibt keine zufriedenstellende Darstellung eines alten jüdischen Chronolo¬ 
giesystems, zumal die moderne jüdische Zeitrechnung vor dem 14. Jahrhun¬ 
dert n. Chr. gänzlich unbekannt war. Siehe Cowasjee Patell, "Chronology", 
1866, S. 21, 22. 

28 "Die Lage von Sepharad war schon immer eine unsichere Frage und kann bis 
heute nicht als erledigt betrachtet werden" (Sir George Grove). Bezüglich der 
Sephardim (spanische Juden), Ashkenazim (deutsche und polnische Juden), 
jüdischen Sekten, Pharisäern usw., siehe Wolff, "Travels", vol. I. Kap. VII. 

29 "Italy, Spain, and Portugal," 1840, S. 423. 

30 Servetus war diesbezüglich noch nicht einmal originell: Bei seinem Prozess 
(1553) gab er zu, dass er einen anderen Schreiber zitierte, fügte jedoch un¬ 
achtsam hinzu, dass die Bemerkungen über Palästina (im 1535 von ihm her¬ 
ausgegebenen Ptolomäus) nichts enthielten, was nicht stimmte. Willis, "Serve¬ 
tus", S. 96, 97, 325. 



49 


bräischen Inschriften. Andere Inschriften fand man dort im Über¬ 
fluss - jedoch kein einziges hebräisches Wort. Der Moabiterstein, so¬ 
fern er denn authentisch ist, wäre das älteste bekannte Exemplar al¬ 
phabetischer Schrift in Westasien. Dies verlangt uns jedoch ein zu 
hohes Maß an Leichtgläubigkeit ab. Die Stele beweist zu viel und 
zeigt damit ungewollt ihre Falschheit. Die Inschrift am Teich von Si- 
loah kann nicht hebräisch sein 31 . Die älteste derzeit bekannte hebräi¬ 
sche Schrift wird gewöhnlich unserem sogenannten 8. oder 9. Jahr¬ 
hundert n. Chr. Zugerechnet und ist somit 1.800 oder 1.900 Jahre jün¬ 
ger als das angebliche Alter des Moabit-Steins 32 . Conder schreibt 33 , 
dass das hebräische Alphabet kaum älter sein kann, als die Zeit des 
Hieronymus (wann auch immer das war) und die hebräischen Punk- 
tuationen ein ebenso unbedeutendes Alter haben. Um diese Schwie¬ 
rigkeit zu überwinden, suggeriert ein anderer bedeutender Gelehr¬ 
ter, dass das alte Hebräisch ausgestorben sei, doch in gewisser Form 
noch in den jüdisch-deutschen und jüdisch-spanischen Jargons exis¬ 
tiert. 34 


Wenn wir die sogenannte orthodoxe Geschichte akzeptieren, sind 
wir damit zu glauben verpflichtet, dass die Geschichte Israels stets 
vorhanden war, während die Literatur Ägyptens, Assyriens, die der 


31 Leutnant Conder hielt beide für echt. Dennoch bekundet er, dass "die Fäl¬ 
schung jüdischer Münzen in Palästina weiterhin aktiv betrieben wird. ...In Si- 
don sind es phönizische Altertümer, Moabiter-Töpferwaren u.s.w.. In Nablus 
sind es Samariter-Schriftrollen. Gebetbücher für Synagogen, die in Kaffeesatz 
getaucht werden, nehmen innerhalb von drei Wochen ein Alter von ungefähr 
3.000 Jahren an." - Heth und Moab, 1883, S. 431, 432. 

32 Zum Moabitstein siehe die Ausgabe von Dr. Ginsburg; Dr. Gust, "Essays", I. S. 
326, 382, 383; II. S. 30; Agnostic Journal October und November 1893. Zur In¬ 
schrift am Teich von Siloah siehe Athenaeum März, Mai und Juli 1881; Akade¬ 
mie, Juli 1881; Agnostic Journal, Oktober und November 1893. Zu den Hebrä¬ 
ern und hebräischen Manuskripten siehe einige Bemerkungen in Smith-Williams 
einführendem Essay zur "Ency. Brit.", XXVII. S. XII.-XIV., 1902. 

33 "Heth and Moab", 1889, S. 176, 177. 

34 Dr. Gust, "Essays", III. S. 16, 17. 



50 


Hethiter und anderer Völker hingegen für 2.000 oder 3.000 Jahre ver¬ 
schollen blieb 35 ! Johnson schreibt: "Ich weise darauf hin, dass alle uns 
vorliegenden Angaben über von Hebräern verfasste hebräische Bü¬ 
cher Informationen aus dem 16. Jahrhunderts sind... Die Erzählun¬ 
gen von "palästinensischen" und "babylonischen" Schulen sind ledig¬ 
lich Fabeln. 36 " Einige haben angenommen, dass Hebräisch ein Vor¬ 
läufer des Arabischen oder dessen Schwestersprache sei. Eines der 
ältesten und am weitest verbreiteten Bücher stellen die "Fabeln von 
Bidpai" dar. Sie fanden ihren Weg nach Europa, indem sie zunächst 
aus dem Sanskrit ins Arabische übersetzt und dann aus dem Arabi¬ 
schen ins Griechische, Persische, Hebräische und Spanische übertra¬ 
gen wurden. Daraufhin wurden sie aus dem Hebräischen ins Latei¬ 
nische und aus dem Lateinischen ins Deutsche, Italienische, Franzö¬ 
sische, Englische, Dänische und Niederländische übersetzt. Dies 
deutet darauf hin, dass das Arabische älter ist als das Hebräische. 


35 Prof. Graetz bemerkt im Vorwort zur englischen Übersetzung seiner "History 
of the Jews" (London, 1891), dass "englische Leser ... das Wunder, das sich 
in der 3.000 Jahre währenden Geschichte der Juden zeigt, besser verstehen 
werden. Das Fortbestehen der jüdischen Rasse bis zum heutigen Tage ist ein 
Wunder, das auch von jenen nicht übersehen werden darf, die die Existenz 
von Wundern leugnen und die logischen Folgen von Ursache und Wirkung nur 
in den erstaunlichsten natürlichen und übernatürlichen Ereignissen sehen. 
Hier beobachten wir ein Phänomen, das sich trotz aller Naturgesetze entwi¬ 
ckeln und durchsetzen konnte. Wir sehen eine Kultur, die trotz unaussprechli¬ 
cher Feindseligkeit gegenüber ihren Vertretern den Organismus der Völker zu 
verändern vermochte."(S. V., VI). Als dieses Werk bereits typisiert war, wurde 
ein Buch mit dem Titel "Die biblische Geschichte der Hebräer" von F. J. Foa- 
kes-Jackson, B. D., veröffentlicht. Der Autor gibt zu, dass die alttestamentli- 
chen Geschichten (Genesis u.s.w.) keine Zeitdokumente sind, was diese Ge¬ 
schichten seit langem aus sich selbst heraus beweisen. Jedoch erkannte er 
nicht das von Johnson aufgezeigte, demgemäß sie sehr viel späteren Datums 
sind und keineswegs so unmittelbar zu uns fanden, wie allgemein angenom¬ 
men wird. Er ist jedoch richtigerweise geneigt, ihren "geistigen" Wert über jede 
Erwägung hinsichtlich ihrer literarischen Wahrheit zu stellen, was in den engli¬ 
schen Kirchen inzwischen allgemeine Praxis ist. 

36 "Die Paulusbriefe" 



51 


Robertson Smith teilt uns mit, dass Arabisch dem ursprünglichen Se¬ 
mitischen von der grammatikalischen Struktur her näher kommt als 
das Hebräische. Arabisch repräsentiert die ursprüngliche Fülle und 
die Feinheiten der semitischen Sprache 37 . Das Arabische birgt eine 
einzigartige Wortvielfalt und verfügt über ein Vokabular, das mit 
dem anderer Sprachen in nichts zu vergleichen und besser entwi¬ 
ckelt ist als jede andere semitische Sprache 38 . Dagegen ist Hebräisch 
eine vergleichsweise armselige Sprache 39 . Die frühesten europäi¬ 
schen Arabisch-Gelehrten behaupteten, das Studium des Arabischen 
sei der einzig mögliche Weg zum Verständnis des Hebräischen. Das 
Wort "Hebräisch" konnte niemals in den frühen Denkmälern einer 
anderen östlichen Nation entdeckt werden 40 . Aus der Zeit des jüdi¬ 
schen Patriarchats ist keine einzige hebräische Inschrift überliefert 41 . 
Seit mehr als 300 Jahren werden die heiligen Stätten, also die Grabes¬ 
kirche, Golgatha u.s.w., als Schwindel, skandalöser Betrug und Fäl¬ 
schung bezeichnet. Ein später Reisender hielt seine Überzeugung 
fest und schrieb, dass das "Land der Riesen" in Baschan eine Illusion 
ist. Es erinnere uns "nicht an Og, sondern an die Antonier und nicht 
an die Israeliten, sondern an die Eroberung durch die Sarazenen". 43 

Doch der Leser mahnt an, dass da doch noch Josephus sei. Sein Werk 
"Jüdische Altertümer" ist eine Zusammenstellung aus den orientali¬ 
schen Chroniken. Die Erzählung der "Geschichte des jüdischen Krie¬ 
ges" ist eine Fiktion, welche ihre angebliche Geschichtlichkeit auf je¬ 
der Seite selbst widerlegt. Wie die Werke des heiligen Augustinus, 


37 "Ency. Brit." XI. 596. 

38 Canon Cook, "Origin of Religions", u. A., 1884, S. 277-280. 

39 Prof. Dr. Montet, Asiatic Quarterly, Oct. 1899, S. 388. 

40 R. Smith, "E. B.", XI. 594. 

41 Cust, "Essays", I. S. 340. 

42 Freshfield, "Caucasus and Bashan", 1869, S. 59. 



52 


des Lactantius und die der anderen Brüder, so ist auch das Werk des 
Josephus auf Griechisch verfasst worden. An einer Stelle verkündet 
der Schreiber, dass nur er "die Dinge verstehen konnte, welche die 
Juden erzählten, die sich bei der Belagerung ergeben mussten". Die 
Geschichte hat keine besondere lokale Färbung und vermag uns an 
die Zeit der Kreuzzüge zu erinnern - die Kriege zwischen Ost und 
West, die nicht wegen eines Kreuzes oder Grabes, sondern für die 
Weltherrschaft ausgefochten wurden 43 . Johnson schrieb, dass "die 
Kirche Roms in einer Zeit der Dunkelheit, des Zorns und der Entmu¬ 
tigung gegründet wurde. Die einzig denkbare Entschuldigung zu¬ 
gunsten der Gründer ihrer weltlichen Macht liegt in der Tatsache be¬ 
gründet, dass es eine Zeit war, in der die Welt von roher Gewalt be¬ 
herrscht wurde." 

Maculay schreibt, dass "in Britannien zwei Zeitalter der Wahrheit 
durch einem Zeitalter der Märchen voneinander getrennt werden". 
Wenn Johnson mit seiner Annahme richtig liegt, dass der Zerfall des 
alten Römischen Reiches unmittelbar vor der Neuzeit stattfand, dann 
gilt die Bemerkung Macaulays ebenfalls für die Geschichte Europas. 

III. 

Kommen wir nun zum Thema des vorliegenden Werkes, also zu un¬ 
serer zeitlichen Nähe zu Rom, welche auch andere Schriftsteller be¬ 
merkten. Während es in diesem Land keine christlichen Inschriften 
und keine Überreste christlicher Kunst oder Architektur gibt, die äl¬ 
ter als das "11. Jahrhundert" sind, gibt es jedoch zahlreiche römische 
Inschriften, insbesondere zu Ehren Mithras, dessen Sinnbilder ihren 


43 "The Rise of Christendom," S. 494. 



53 


Weg in das Christentum fanden 44 . Es gibt eine Legende, dergemäß 
die St. Paul's Kathedrale in London an der Stelle eines Tempels der 
Diana errichtet wurde. Noch zu Elisabeths Zeiten wurde am Tag der 
Bekehrung des heiligen Paulus auf dem Hochaltar die Zeremonie 
der Opfergabe eines Rehs oder eines Bocks und eines Rehs vollzo¬ 
gen. Nach ordnungsgemäßer Durchführung des Gottesdienstes wur¬ 
den dann feierliche Gastlichkeiten abgehalten 45 . Als die Orientalen in 
Europa einmarschierten, wurden die römischen Legionen zurück be¬ 
ordert, wobei ihre Frauen und Familien wohl meist in Großbritanni¬ 
en verblieben, sodass ihre Nachkommen heute noch unter uns wei¬ 
len, zusammen mit ihren römischen Gesetzen und Bräuchen. Das 
Andenken und die Gebräuche finden sich bei "Beda" sowie auch in 
anderen Schriften. Die Überreste von Straßen, Lagern und Villen so¬ 
wie die lateinischen Inschriften und die großen Funde römischer 
Münzen weisen auf unsere verhältnismäßige Nähe zum Römischen 
Reich hin. Andererseits hat Kemble vor langer Zeit darauf hingewie¬ 
sen, dass die Erzählungen über die sächsische Einwanderung und 
Ansiedlung in England legendenhaft sind. 

In der gesamten Sagen-Literatur, welche die Expeditionen der Nord¬ 
männer nach England beschreibt, wird nicht ein einziger Fall er¬ 
wähnt, in dem sie mit einem Volk namens Sachsen in Kontakt ka¬ 
men. Die Nordmänner (oder Suionen) werden von Tacitus erwähnt, 
danach jedoch bis zum "9. Jahrhundert" nicht mehr. Diese Lücke 
wurde mit der apokryphen sächsischen Geschichte gefüllt. Die in un¬ 
seren Chroniken zu findende Geschichte der Dänen (Danes) ist eben¬ 
so wenig vertrauenswürdig wie die der Sachsen und kommt glei¬ 
chermaßen voller Widersprüche und Verwirrungen hinsichtlich der 

44 J. M. Robertson, "Religious Systems," S. 194, 195. 

45 Jortins " Life of Erasmus;" Rees' Ency., art. „Diana." 



54 


Sachverhalte und Personennamen daher. 46 

Die Wahrheit lautet, dass das germanische oder skandinavische Ele¬ 
ment bereits vor der Ankunft der Römer im Land war. Über die an¬ 
gelsächsische Schrift schreibt Johnson, dass „diese altenglischen 
Buchstaben eine Erfindung des 16. Jahrhunderts sind. Ihre Spuren 
können unmöglich weiter als bis zu den elisabethanischen Gelehrten 
zurückverfolgt werden. Weiter ist es auch nicht möglich, einen Hin¬ 
weis auf ihre Existenz vor der Zeit Heinrichs des VIII. ausfindig zu 
machen. 47 " Es wird allgemein angenommen, dass die Wochentage 
"angelsächsisch" sind. Dio Cassius schreibt jedoch, dass sie von den 
Römern eingeführt wurden, welche die Wochentage den Ägyptern 
entlehnt hätten. 48 

Die Geschichten über Brutus und eine lange Reihe weiterer britischer 
Könige vor den Römern sowie die über Joseph von Arimathäa in 
Glastonbury wurden auf das anwachsende Abstellgleis der Märchen 
verbannt. Die "Historien" und "Chroniken" von Gildas, Nennius, 
Geoffrey von Monmouth, Asser, Ingulf von Crowland und anderen 
Schreibern englischer Geschichte werden bereits seit langer Zeit als 
gefälschte Dokumente bezeichnet. Aubrey schreibt, dass "Wilhelm 
von Malmesbury" seine Historie mittels alter Lieder aus der Zeit Be¬ 
das" wagte. Die von Nennius kopierte Geschichte Bedas wird noch 
immer als authentisch betrachtet und mitsamt der Figur Beda in Eh¬ 
ren gehalten. Ihm werden auch Kenntnisse der arabischen und orien¬ 
talischen Geschichte und Wissenschaften zugeschrieben. Der 1003 
und damit zwei Jahrhunderte nach der angeblichen Zeit Bedas ver- 


46 Zu diesem Absatz siehe Du Chaillu, "The Viking Age," i. 20, 21. 

47 "Die Paulusbriefe" 

48 "Dio Cassius", lib. 36, zitiert von Coote, "The Romans in Britain", 1878, S. 429, 
430. 



55 


storbene Gerbert (Papst Silvester II.) soll der erste europäische Stu¬ 
dent des Arabischen gewesen sein. 

Auch wenn es mir nicht möglich ist, die umfassenden Argumente in 
diesem kurzen Aufsatz ausführlich zu behandeln, möchte ich doch 
auf einige der Anomalien in unserer "mittelalterlichen" Geschichte 
hinweisen. Keineswegs mit ähnlich großer Zuversicht, wiederholen 
unsere späteren Historiker die außergewöhnlichen Geschichten von 
Crecy und Poitiers, daher zunächst die Geschichte über die Zerstö¬ 
rung der Blüte der französischen Armeen, bei denen auf englischer 
hingegen lediglich der Verlust weniger Bogenschützen und Fußtrup¬ 
pen zu verzeichnen war; gefolgt von der französischen Vergeltungs¬ 
geschichte mit der Verbrennung der Jungfrau von Orleans durch die 
Engländer. Allerdings müssen wir uns in Erinnerung rufen, dass auf 
den Autoren dieser Erzählungen ein Großteil unserer frühen engli¬ 
schen Geschichte beruht. Die Geschichte der normannischen Erobe¬ 
rung war ursprünglich ein Gedicht, welches fünfzig Jahre nach dem 
eigentlichen Ereignis verfasst wurde. Die Geschichten, die sich seit¬ 
dem um dieses Gedicht herum angesammelt haben, füllen nun fünf 
dicke Bände für Wilhelms Regierungszeit und zwei weitere für die 
seines Sohnes Rufus. Die Angaben zu den in der Schlacht von Has¬ 
tings Streitenden variieren zwischen 60.000 und 150.000 Kämpfern, 
von denen die Hälfte getötet wurde. Der Ort des Schlachtfeldes ist 
bekannt, doch wo sind bloß die Überreste? 

Aus dem selben Zeitraum soll auch das "Domesday Book" stammen 
(offizielle Datierung 1086). Welche substantiellen Belege gibt es da¬ 
für, dass zu dieser Zeit ein solch gewichtiges und umfangreiches 
Werk hätte zusammengestellt werden können? Üblicherweise stüt- 



56 


zen sich unsere Historien auf Legenden und Überlieferungen. Hier 
haben wir jedoch Aufzeichnungen, die ohne jeden Bezug auf irgend¬ 
welche Legenden oder Überlieferungen 800 Jahre lang in hervorra¬ 
gendem Zustand konserviert werden konnten 49 ! Es ist zwar zweifel¬ 
los ein authentisches Werk; doch wie sieht es hinsichtlich der tatsäch¬ 
lichen Datierung aus? Die angeblich 200 Jahre jüngere Magna Carta 
ist kaum lesbar. Bracton, der angeblich 1268 und somit fünfzig Jahre 
nach der Datierung der Magna Carta starb, weiß jedoch nichts von 
ihr. Auf sie gibt es keinerlei Hinweise aus der Zeit vor Jakob I. und 
Karl I., in welcher sie "entdeckt" wurde. 

Johnson macht auf eine sehr merkwürdige Tatsache aufmerksam 50 , 
die Thorold Rogers in den Handschriften mittelalterlicher englischer 
Aufzeichnungen beobachtete. Die Schreibstile in vier kurzen und di¬ 
rekt aufeinanderfolgenden Regierungszeiten unterscheiden sich je¬ 
weils alle voneinander. Die Veränderungen treten plötzlich und fast 
gleichzeitig auf. Noch außergewöhnlicher sind die plötzlichen Ver¬ 
änderungen in der Ökonomie der Landwirtschaft. Johnson bemerkt, 
dass sie direkt mit den Änderungen des Stils und der Fertigkeiten 
der Schreiber auftreten. 

Die konventionellen Historien erzählen uns, dass Missionare von ei¬ 
nem zivilisierten und kultivierten Irland nach Schottland, Wales, 
England, Skandinavien sowie in andere Länder auszogen und ihre 

49 "Daraufhin weist die soziale Geschichte Englands, mit Ausnahme des Weni¬ 
gen, das von den Chronisten zusammengestellt wurde, eine 200 Jahre umfas¬ 
senden Leere auf. Das neue Licht, das zu einer Zeit auf die wirtschaftliche 
und soziale Lage des Landes geworfen wird, in der uns fortlaufende Archive 
über die Tatsachen informieren, enthüllt einen ganz anderen Stand der Dinge, 
als den, welchen uns Domesday präsentiert." Rogers, "Work an Waqes", 
1901, S.18. 

50 "Der Aufstieg der englischen Kultur" 



57 


Kenntnisse von Glauben und Kunst mitbrachten, während sich Eu¬ 
ropa in seinem "dunklen Zeitalter" befand. Ruskin glaubte all dies 
blind. Er schreibt: 

"Im 8. Jahrhundert besaß Irland in Bezug auf Manuskripte und 
Skulpturen eine hohe Kunstfertigkeit, die qualitativ - 
scheinbar in allen wesentlichen Eigenschaften dekorativer 
Weiterentwicklungen - ziemlich konkurrenzlos war. Es 
scheint, als hätte Irland die höchsten Sphären der Architektur 
und Malerei erklommen. Es gab jedoch einen fatalen 
Einschnitt, der zu einer überdeutlichen Unterbrechung führte, 
zu der es keine Parallele gibt."" 1 

Die Ursache für diesen Stillstand erklärt der Meister zu einer natio¬ 
nalen Besonderheit. Allerdings ist dieser Stillstand ein Irrtum. Die 
Datierungen müssen falsch sein! Das berühmte "Book of Keils" ist 
das vielleicht schönste Buch der Welt 52 . Es scheint eher von Engeln 
als von Menschenhand geschaffen 53 und ist ein Manuskriptexemplar 
der Evangelien, auf das sich Ruskins Bemerkungen stützten. Es soll 
im Besitz des heiligen Kolumban (6. Jahrhundert), dem Gründer der 
Klöster von Iona und Lindisfarne, gewesen sein. Das "Durham- 
Buch" 54 , in einem prächtigen Goldeinband und mit Edelsteinen be¬ 
setzt daherkommend, wird ebenfalls dieser frühen Epoche zuge¬ 
schrieben. Die Geschichte der keltischen Kunst in Irland und sonst¬ 
wo vor bereits über 1.200 Jahren ist rein fabelhaft. Sowohl der heilige 
Kolumban als auch St. Patrick sind Ideale der Vorstellungen von 
Schreibern des 15. oder 16. Jahrhunderts. Das "Book of Keils" und 

51 Dublin Lecture, " Mystery of Life and its Arts." 

52 Professor Westwood, "Faksimiles of MSS.", 1868. 

53 Giraldus Cambrensis. 

54 Im britischen Museum. 



58 


das "Durham Book" gehören zweifellos einer Zeit der Ruhe und des 
Luxus' in den Klöstern an. Die gleiche Bemerkung gilt für andere 
Handschriften von angeblich früher Datierung. 

Es wird allgemein angenommen, dass die Universitäten die Nach¬ 
kommen der religiösen Körperschaften waren. Unsere wichtigsten 
Lehranstalten in Cambridge und Oxford bestanden aller Wahr¬ 
scheinlichkeit nach bereits vor dem Eintreffen eines christlichen Or¬ 
dens in England. 55 

Der fleißige Leser wird diesem Werk entnehmen, dass die Epoche 
der Tudors nicht nur eine Zeit strenger Unterdrückung und harter 
Regierung war, sondern auch eine Zeit, in der eine Redefreiheit un¬ 
denkbar war. Fähige Männer konnten sich lediglich verstellen und in 
Allegorien sprechen. Die Stücke Shakespeares und die anderer 
Schriftsteller spiegeln zweifellos diese Epoche wieder. Dabei sind die 
Namen nur eine Verkleidung. Die Dramatiker waren lediglich das 
Sprachrohr derjenigen, die in den Kerker müssten oder hingerichtet 
worden wären, wenn sie ihre Meinung offen geäußert hätten. In the 
"The Unpopulär King" findet Legge keinerlei Hinweise darauf, dass 
Richard III. ein Mörder war oder die beiden Prinzen umgebracht 
wurden. 56 Johnson zeigt, wie die Hofschmeichler für die Regent¬ 
schaft Heinrichs VII. mehrere Titel entwarfen. Allerdings war sein 
einzig gültiger Titel der des Schwertes - ein Schwert, das bis zum 
Tod der Tudors nicht wieder in die Scheide gesteckt wurde. 

55 Siehe Dr. Jessopp, "The Building of a University," in „The Cominq of the Friars," 
etc., S. 262-301." 

56 Ich las heute (4. Januar 1904) Sir Clements Markhams Abhandlung über Ri¬ 
chard III. im Engiish Historical Review, 1891 (vi. 250 if.) sowie Mr. Gairdners 
Erwiderung. Sir Clements erörtert, dass Heinrich VII., der wirkliche Usurpator, 
durchaus stärkste Motive hatte, die Prinzen loszuwerden, während es für Ri¬ 
chard keinerlei Motive für deren Ermordung gab. 



59 


Der Fall scheint sich bei genauerer Betrachtung der Datierungen 
oder der Chronologie von selbst zu lösen. Bereits geprüfte Doku¬ 
mente wurden als anomal oder gelinde gesagt "außergewöhnlich" 
eingestuft. Wir haben authentische Aufzeichnungen und Münzen, 
die nur zwölf oder dreizehn Jahrhunderte unserer Zeitrechnung ab¬ 
decken. Für einen dazwischenliegenden oder märchenhaften Zeit¬ 
raum von beispielsweise 600 Jahren haben wir nichts erhellendes 
oder zeitgenössisches. Alles ist entweder unlogisch, nicht greifbar, 
unmöglich oder einfach aus den vorhergehenden oder nachfolgen¬ 
den Perioden entlehnt. Reduzieren wir die christliche Zeitrechnung 
auf zwölf oder dreizehn Jahrhunderte, also auf das "erste" bis "vier¬ 
te" und das "elfte" bis "neunzehnte" Jahrhundert, so fällt dadurch le¬ 
diglich eine märchenhafte Epoche aus der Zeittafel. Mit dem Unter¬ 
gang des Römischen Reiches dringen die Zivilisationen des Nordens, 
des Ostens, die orientalischen Religionen und das Kirchentum in Eu¬ 
ropa ein. Der Wunsch der römischen Kirche, ihren Ursprung auf 
einen Christus zurückzuführen, der Mohammed zweifelsfrei voraus¬ 
ging, war vermutlich der Grund für die Zusammenstellung christli¬ 
cher Dokumente. In einem unkritischen Zeitalter konnte man einem 
leichtgläubigen Klerus und allerlei Laien neben Argumenten und 
Predigten, Allegorien und Gleichnissen sowie aus verschiedenen 
Quellen stammenden moralischen Lehren auch allzu leicht zahlrei¬ 
che Fälschungen unterschieben. Später stellten aufrichtige Männer 
diese Schriften zusammen, kopierten, kommentierten und übersetz¬ 
ten sie, verwarfen, was sie für apokryph hielten und erfassten den 
Rest in Büchern, welche mit der Zeit allein durch ebendiese Zeit ge¬ 
heiligt wurden. 



60 


Im "17." und "18." Jahrhundert gewann der Europäer den Gebrauch 
seines Intellekts zurück; das "19." enthüllte ihm die Welt der Natur¬ 
wissenschaften; das "20." wird ihm möglicherweise die Rekonstrukti¬ 
on seiner Geschichte darbringen. 

Seit dem Tod des Autors und noch während ich diese groben Noti¬ 
zen arrangierte, sind mehrere gelehrte Werke erschienen, die sich 
mehr oder minder direkt auf die frühe englische Geschichte, Kunst 
und englisches Recht beziehen 5 '. Die Themen dieser Bücher werden 
auch im vorliegenden Werk behandelt. 

Streatham, Juni 1903 
Edward A. Petherick 


57 "The History of English Law betöre the Time of Edward I.", by Sir Frederick Pol¬ 
lock. Second Edition, with Chapter on the " Dark Age," by Dr. Maitland. 2 vols. 
1903. Cambridge Press. 

"Traces of the Eider Faiths of Ireland," by W. G. Wood-Martin. 2 vols. 1902. 
Longmans. 

"Time Table of Modern History, a.d. 400 to 1870," by M. Morrison. 1902. Con¬ 
stable. 

"The Arts in Early England," by G. Baldwin Brown. 2 vols. 1903. Murray. 

"A Social History of Ancient Ireland," by Dr. P. W. Joyce. 2 vols. 1903. Long¬ 
mans. 



61 


Allgemeine «Einführung 

I. 

Vor etwa 400 Jahren wurden in Übereinstimmung mit der einhelli¬ 
gen Meinung unserer Historiker die Grundlagen unserer modernen 
Kultur sowie die unserer Institutionen geschaffen. Die Erfindung be¬ 
ziehungsweise die Wiedererlangung der Druckkunst führte zur all¬ 
mählichen Verbreitung von nützlichem Wissen und zur Bildung von 
Lerngewohnheiten unter einer begrenzten jedoch sehr mächtigen 
Klasse. Gleichzeitig führte sie jedoch auch zur Verbreitung immenser 
Lügen und Lehler bezüglich der früheren und gegenwärtigen Ent¬ 
wicklungsstufe der Welt, welche Teil unseres Erziehungssystems 
wurden, was sie weitestgehend auch bis heute geblieben sind. Nach 
Ansicht Vieler, üben sie noch immer einen schädlichen Einfluss auf 
unsere Gedanken und Gewohnheiten aus, was uns daran hindert, 
die Welt und unsere Mitmenschen so zu sehen, wie sie tatsächlich 
sind. An ein klares Verständnis des gegenwärtigen Gesellschaftszu- 
standes oder gar an gezielte Anstrengungen zu dessen Besserung ist 
kaum zu denken, es sei denn, wir kümmern uns um die Taten der Li¬ 
teraten vor etwa 400 Jahren. 

II. 

Mit dem vorliegenden Werk versuche ich eine neue Überprüfung der 
die Entdeckung der Welt behandelnden Legenden. Tatsächlich kön¬ 
nen wir überhaupt erst frühestens seit der Zeit, in der die kühnen 
Seefahrer begannen, den südlichen Teil Afrikas zu umfahren oder 
zwecks des Bezwingens der neuen Weltkugel weit westwärts der 



62 


Azoren zu segeln von eigentlichem Wissen über die Welt sprechen. 
Langsam wurde der Allgemeinheit klar, dass die Erde nicht flach 
und von einem unüberwindbaren Ozean umgeben ist, sondern eine 
Kugel, die man in Schiffen umkreisen können müsste. Als wieder¬ 
holte und detaillierte Berichte aus fernen Ländern aufkamen, 
schwand allmählich der Glaube an die Existenz monströser Formen 
menschlichen oder tierischen Lebens. So erholte sich der Geist Euro¬ 
pas von diesen ausufernden, von Träumern und Einsiedlern geschür¬ 
ten Wahnvorstellungen und erlangte den Mut, sich den Gefahren des 
Sichtbaren zu stellen und die Gefahren der Unsichtbaren Welt zu 
ignorieren. 


III. 

Wie könnte das Studium des Fortschritts des menschlichen Wissens 
und Strebens während dieser vier Jahrhunderte auch nicht inter¬ 
essant sein? Für alle, die an die noch unerschöpften Ressourcen und 
Kapazitäten unserer Natur glauben, dürfte es sogar im höchsten 
Maße ermutigend sein. Es ist die in gewisser Weise schmerzhafte 
Aufgabe des modernen Historikers, die vielen Illusionen in Bezug 
auf unsere überlieferte imaginäre Vergangenheit aufzudecken. Noch 
immer erholen wir uns nur sehr langsam von dem bereits erwähnten 
übermäßigen Gebrauch unserer Vorstellungskraft. Wir kehren also 
zu einem gesunden Urteilsvermögen zurück, welches zugunsten ei¬ 
nes blinden und fraglos alles akzeptierenden Glaubens so lange er¬ 
folgreich niedergedrückt wurde. Allmählich beginnen wir die immer 
schärfere Grenzziehung zwischen jenen mentalen Vorstellungen, die 
beim Hören von Kirchenmusik und -rhetorik sowie beim Erleben ei¬ 
nes Bühnendramas oder beim Lesen des Heldenverses eines Dichters 



63 


auftreten und denen, die den Erfahrungen der äußeren und alltägli¬ 
chen Welt entspringen. Jedwedes Denken und Erforschen unterliegt 
der Notwendigkeit, Phantasien von Tatsachen zu unterscheiden. 
Dies bedingt, das Vermögen der Vorstellungskraft zu kontrollieren 
und sich in die Hände des Erblickten, Erwiesenen und Bekannten zu 
begeben. Damit beginnt sich eine verständige Beschaffenheit zu be¬ 
haupten. 


IV. 

Ich weise eindringlichst darauf hin, dass die Zeit vor der Entde¬ 
ckung der Welt hier im Westen eine Zeit größter Ignoranz war. Die 
Zeitspanne, die wir vage als "Mittelalter" bezeichnen, wird gelegent¬ 
lich auch das "dunkle Zeitalter" genannt. Unter einem Zeitalter ver¬ 
steht man 100 Jahre. Wir können bedenkenlos feststellen, dass das 
15. Zeitalter beziehungsweise Jahrhundert das dunkelste ist. Vergli¬ 
chen mit diesem sind die Eindrücke, die wir vom 16. Jahrhundert 
haben, von außerordentlicher Klarheit. Es verhält sich also nicht 
wirklich wie der tatsächliche und natürliche Verlauf des Lebens und 
menschlichen Wirkens. Große Veränderungen haben einen langen 
und langsamen Vorlauf. Es ist völlig unnatürlich, wenn große Fort¬ 
schritte ohne Vorankündigung oder Vorwarnung in das Licht der 
Welt treten, wie es in den üblichen Erzählungen jener Zeit der Fall 
zu sein scheint. Der Kontrast zwischen der zweiten Hälfte des 15. 
und der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts besteht darin, dass wir 
uns in der späteren Zeit bis zu einem gewissen Maße auf die Be¬ 
zeugungen verschiedener Gruppierungen über weltliche Gescheh¬ 
nisse stützen können, jedoch in der früheren Zeit (ich spreche mit 
Bedacht) kein einziger Zeuge einer Untersuchung oder einem Kreuz- 



64 


verhör hinsichtlich dessen, was er vom damaligen Zustand der Welt 
selbst erlebt oder gehört hat im gewöhnlichen juristischen Sinne 
standzuhalten vermag. Es wird sich heraussteilen, dass potenzielle 
Ausnahmen lediglich dem Anschein nach solche sind. 

V. 

Mir ist durchaus bewusst, dass dies eine neuartige Feststellung ist, 
welche vielen, die das Thema nicht studiert haben, ziemlich erstaun¬ 
lich erscheinen muss. Sie kann jedoch auf verschiedene Arten bewie¬ 
sen werden. Der kürzeste Weg besteht vielleicht darin, aufzuzeigen, 
dass die Geschichte bis heute überhaupt keine Angelegenheit ist, bei 
der uns Zeugnisse aus der Zeit des jeweiligen Geschehens vorliegen. 
Da wir, teils instinktiv und teils unserer Erziehung geschuldet, be¬ 
harrlich vom Gegenteil ausgegangen sind, herrschen bezüglich des 
Studiums der "Geschichte" bis heute so große Irrtümer vor. 

Uns wurde zu glauben gelehrt, dass vor etwa 400 oder wenig mehr 
Jahren Bücher gedruckt und nach und nach veröffentlicht wurden, 
die einen authentischen Bericht des Weltgeschehens von der Schöp¬ 
fung an enthielten und aus den Mündern oder Federn einer Reihe 
von Zeugen der entsprechenden Ereignisse stammen. Es ist an der 
Zeit, festzustellen, dass eine solche Vorstellung jeglicher Grundlage 
entbehrt, sodass ein wirklich gebildeter oder mitdenkender Mensch 
sich für unwürdig erweist, wenn er heutzutage an dieser Ansicht 
festhält. Die Erschaffung der Welt ist ein mystisches oder fantasti¬ 
sches Ereignis. Die Schöpfung selbst ist eine Begrifflichkeit, die den 
Anforderungen des Denkens nicht gerecht werden kann. Es ist unse¬ 
ren Wissenschaftlern auch noch nicht gelungen, die Begriffe "Leben" 



65 


und "Genesis" zu definieren. Kein Mensch kann Zeuge einer Schöp¬ 
fung oder einer Reihe von Ereignissen sein, die sich aus einem sol¬ 
chen Ereignis ergeben. Die Chroniken, die nach der Einführung des 
Buchdrucks das Licht der Welt erblickten und von den Literaten der 
muslimischen, jüdischen und christlichen Institutionen verfasst wur¬ 
den, beruhen nicht auf Zeugnissen zeitgenössischer Beobachter, son¬ 
dern auf den Bestrebungen der poetischen und deduktiven Vorstel¬ 
lungskraft. 

Dies trifft auch auf ein System lateinischer und griechischer Erzäh¬ 
lungen zu, die behaupten, unsere moderne Kultur sei mit einem Er¬ 
eignis zu verbinden, das unter der Herrschaft des römischen Kaisers 
Augustus statt gefunden habe. Diese Erzählungen gingen aus den 
Federn der zahlreichen treuen Diener der Heiligen Römischen Kir¬ 
che hervor, die sich in dem Grundsatz der "Geschichte" alle einig 
sind. Dieser lautet, dass in der Regierungszeit von Augustus eine 
Fleischwerdung Gottes stattfand und diese Inkarnation in der Regie¬ 
rungszeit von Augustus' Nachfolger mittels Anstiftung durch eine 
religiöse Verschwörung der Juden von einem römischen Statthalter 
hingerichtet wurde. Wenn wir vor etwa 300 Jahren einen dieser 
Schreiber gefragt hätten, wann genau dieses Ereignis gewesen sein 
soll, so hätte er geantwortet, dass es nicht sicher sei, da ein Missver¬ 
ständnis zu einer Fehlberechnung um zweiundzwanzig Jahre führte, 
das Ereignis jedoch nahezu 1.600 Jahre vor seiner Zeit stattfand. 
Würden wir uns dann nach den Quellen für seine Auffassung erkun¬ 
digen, müsste er zugeben, dass sie über die Klöster zu uns fanden 
und der literarische Bestand der Klöster in der Epoche des Drucks 
eigentlich völlig im Dunkeln lag. Sofern er ein aufgeschlossener und 
aufrichtiger Mann wäre, müsste er zumindest dies eingestehen. 



66 


Die Menschwerdung Gottes ist ein mystisches Ereignis und hat 
nichts mit einem Zeugnis im eigentlichen und üblichen Sinne des 
Wortes zu tun, wie es vor Gericht Verwendung findet. Die Aussagen 
der Menschen können nicht mehr beweisen oder widerlegen als die 
Existenz eines himmlischen oder infernalischen Zustands. Stellen 
wir uns vor, wir hätten ein Literaturforum eingerichtet, um diese 
Frage zu klären. Befragen wir den Moslem, erfahren wir, dass die 
Überlieferung hinsichtlich des Sohnes Marias Teil seines religiösen 
Systems ist. Er bestreitet jedoch die Möglichkeit der Menschwerdung 
Gottes und würde seinem Glauben abschwören, wenn er ein solches 
Ereignis in Betracht ziehen müsste. Der Jude, der zwar in einigen 
Punkten von den Moslems abweicht, wird diese Inkarnationsidee je¬ 
doch gleichermaßen pathetisch abweisen und auf die reine Spiritua¬ 
lität oder Übermenschlichkeit Gottes bestehen. Allein der Mönch be- 
harrt auf seinem Grundsatz, da es ihm befohlen ist und er gelobte, 
ihn zu stützen, inklusive des ganzen Systems, das darauf aufgebaut 
ist. Wir haben es also mit einem Konflikt unterschiedlicher Auffas¬ 
sungen zu tun, nicht mit unterschiedlichen Zeugnissen. Erkundigen 
wir uns daraufhin danach, woher die Geschichte stammt, dergemäß 
sich die jüdischen Geistlichen gegen den Begründer der christlichen 
Religion verschworen haben, kann der Mönch keinerlei als Beweis 
taugliche Dokumente vorlegen. Der Jude kennt eine solche Überlie¬ 
ferung aus seinem Volk überhaupt nicht, während der Moslem sagt, 
dass nur er die authentische Geschichte über Marias Sohn besitzt, 
dass dieser allerdings lediglich ein Mensch war und dass die Ge¬ 
schichte der Welt falsch dargestellt wurde. 


VI. 



67 


Nun stellt sich die Frage, wo das Zeugnis über die vergangenen Er¬ 
eignisse wirklich beginnt, da doch weder die Schöpfung noch die 
Menschwerdung im eigentlichen Sinne auf menschlichem Zeugnis 
beruhen? Von welchem Ereignis können wir sagen, dass es nach den 
allgemeinen Regeln der Beweisführung belegt ist - also mittels Zeit- 
und zugleich Augenzeugen; mittels Menschen, die in der Lage zu be¬ 
obachten und willens zu berichten sind; die ganze Wahrheit und 
nichts als die Wahrheit und wenn schon nicht die ganze Wahrheit, 
dann doch zumindest den Gehalt der wichtigsten Tatsachen? Die 
Moslems blicken auf die "Flucht des Propheten" zurück und datieren 
von dort an. Können sie auf Zeitzeugen dieses Ereignisses verwei¬ 
sen? Im Gegenteil; wenn wir den Aufstieg und das Wesen ihrer Lite¬ 
ratur betrachten, stellen wir fest, dass sie zu schreiben begannen, als 
ihre große Periode des Kampfes und der Eroberungen bereits lange 
in schwärmerisches fantasieren über in trüber Ferne befindliche Ge¬ 
schehnisse übergegangen war. Ihre Literatur ist wesentlich jünger als 
allgemein angenommen und wird von einer brillanten Vorstellungs¬ 
kraft bestimmt. Als man, vor etwa 400 Jahren, zur Vertreibung der 
Mauren aus Spanien sagte, dass diese durch den 700-jährigen Besitz 
einen Anspruch auf dieses Land hätten, beruhte die Aussage auf va¬ 
gen Vermutungen, wie auch eine Reihe anderer Aussagen gleicher 
Art und im selben Interesse. Wir haben keinerlei authentischen Be¬ 
richte, weder über den Zeitpunkt oder die Art ihres Erscheinens in 
Spanien, noch über die Abfolge der Geschehnisse aus dieser Zeit. Es 
genügt darauf hinzuweisen, dass ihre "Geschichte" wie die aller Völ¬ 
ker eine konstruierte ist und die westlichen Forscher sie vor etwa 400 
Jahren als in allen Bereichen der Kultur führend ansahen. 



Ich möchte nicht zu sehr ausschweifen und einiges den Überlegun¬ 
gen des intelligenten Lesers überlassen. Ich schreibe nicht für jene, 
die sich für weise erachten und neuen Auffassungen mit Hohn und 
Spott sowie mit dem Aufschrei einer auf Wirksamkeit bedachten pa¬ 
thetischen Meinung begegnen, sondern für jene, die an der Lösung 
intellektueller und moralischer Probleme interessiert sind. Dennoch 
habe ich Grund zur Annahme, dass es noch immer Menschen höhe¬ 
ren Charakters gibt, die in dem was ich geschrieben habe einen Stol¬ 
perstein entdecken; und es ist mir eine Freude, meine Argumente an 
solcherlei Menschen zu richten. Lassen Sie mich darauf hinweisen, 
dass das Zeugnis im eigentlichen und gewöhnlichen Sinne des Wor¬ 
tes die Aufgabe des Einzelnen ist, nicht die der Gesellschaft. Wenn 
ein umkämpftes Heer von Moslems kollektiv dessen Kriegsruf, "Es 
gibt keinen Gott außer Allah; und Mohammed ist sein Prophet", aus¬ 
schreit, so ist dies das Manifest einer militärischen Vereinigung, der 
Ausdruck von Einigkeit und Brüderlichkeit unter ihren Mitgliedern 
sowie die Denunziation ihrer Feinde. Es ist die Ausübung eines ver¬ 
einten Willens, jedoch kein Zeugnis zugunsten einer Tatsache. Eben¬ 
so verhält es sich hinsichtlich eines Kirchenliedes, das von einem 
Mönchschor zur Lobpreisung der heilsamen Wirkung des Kreuzes 
gesungen wird; beim Rezitieren des Glaubensbekenntnisses und jed¬ 
weder einfach auswendig gelernten "Geschichte". Es gehört zu den 
bedauerlichen Missbräuchen kirchlicher Sprache, dass Menschen 
Märtyrer genannt werden sollen, die nicht dafür leiden, Zeuge des¬ 
sen zu sein, was sie selbst gesehen haben, sondern dafür, dass sie am 
Rezitieren einer ihnen beigebrachten Aussage festhalten. 



69 


Wenn das Thema erst einmal vollständig verstanden ist, wird es sich 
als größtmöglicher Fehler eines kritischen Historikers heraussteilen, 
die Chroniken, die nach der Erfindung des Buchdrucks ans Licht ka¬ 
men, so zu behandeln, als enthielten sie Beweise unabhängiger Beob¬ 
achter. Im Gegenteil, sind sie gar die Produktion von Männern, die 
getrimmt wurden, sich einem Dogma und einer Fabel zu verpflich¬ 
ten. Obwohl ihre Manuskripte für den unachtsamen Leser beeindru¬ 
ckend sein mögen, ist ihre Meinung nicht wertvoller als die eines 
einzelnen Mannes. Wenn Ihre Verlautbarungen einmal aufrichtig an- 
gefochten und ihre Grundlagen dementiert werden, fällt das ganze 
Gespinst in sich zusammen. 


VIII. 

Der Leser mag sich fragen, wie diese Punkte so lange vernachlässigt 
werden und der Aufmerksamkeit unserer skeptischen und bedächti¬ 
gen Historiker entgehen konnten? Auf diese Frage gibt es eine sehr 
aufschlussreiche Antwort: Während der Wiederentdeckung der 
Schriften und der großen mit dem Namen Martin Luther verbunde¬ 
nen Rebellion gegen die Autorität und das Dogma kamen einige Äu¬ 
ßerungen ans Licht, welche Zweifel oder gar verächtliche Ablehnung 
bezüglich der aus den Klöstern stammenden Geschichten verkünde¬ 
ten und in ihrer Schärfe bisher nicht übertroffen wurden. Es wurde 
verlautbart, Papst Leo X. hätte in einem Brief an einen Kardinal ein¬ 
gestanden, dass die christliche Geschichte bloß eine für den Klerus 
profitable Fabel sei. Es hieß, junge Spötter in Rom erklärten, dass die 
Geschichte nicht auf authentischen Zeugnissen beruhe, sondern auf 
heiligen Tricks. Es wurde gesagt, dass Lorenzo Valla, ein Beamter 
des päpstlichen Dienstes, die erlogenen Legenden aufgedeckt habe. 



70 


die fester Bestandteil des Systems der Kirchengeschichte waren - die 
Legende eines Briefwechsels zwischen Jesus und Abgarus, die über 
die Apostel sowie die von Konstantin und die vom heiligen Isidor 
und seinen Dekretalen. Alle diese Legenden stammen aus einer und 
derselben Quelle; den Schreibstuben der Klöstern. 

Wieso gerieten diese Warnungen in Vergessenheit und wie konnten 
diese Verurteilungen einfach ignoriert werden? Der Grund ist, dass 
die ehrlosen Schwindler im Umgang mit der Feder gut organisiert 
und sehr diszipliniert waren, was wir dagegen keineswegs von den 
kritischen und aufrichtigen Männern behaupten können. Die Bünd¬ 
nisse der Lüge triumphieren stets über die Integrität und Würde des 
Einzelnen. Wenn Menschen aus blindem Gehorsam im Interesse der 
Weltherrscher auf die Reinheit und Unabhängigkeit ihrer Seele ver¬ 
zichten, verabschieden sie sich gleichsam von der Hoffnung, dass 
ihre Mitmenschen ehrlich und fair handeln. Die ungebildete Masse, 
die immer "heiß auf Fabeln und eiskalt gegenüber der Wahrheit" ist, 
ermutigt ihre potentiellen Machthaber somit stillschweigend, ihren 
Appetit auf das Absurde, Unmögliche und Unglaubliche zu bedie¬ 
nen. 


IX. 

Seit der Wiederentdeckung der Schriften waren es nur wenige Geist¬ 
liche, die den Verstand und Mut hatten, das kirchliche Fabelsystem 
aufzudecken und zu widerlegen. Ein Mitglied einer Ordensgemein¬ 
schaft kann einen bestimmten Punkt nicht überschreiten, ohne sich 
der Notwendigkeit zu stellen, seine eigene Position aufzugeben oder 
zumindest grobe Widersprüchlichkeiten zu begehen. Wenn wir uns 



71 


eine Liste von Bischöfen und anderen Würdenträgern erarbeiten und 
dann publik machen könnten; eine Liste jener, die, nachdem sie in 
mühseligen Stunden die tief verwurzelte Falschheit des gesamten 
Systems erkannten, welches sie in jüngeren Jahren verteidigten, doch 
dann um der Wahrheit willen auf alles verzichteten, so würden diese 
zusammengetragenen wahrhaftigen Märtyrer definitiv einen edleren 
Beitrag leisten, als alle der Welt bisher bekannten Märtyrer. Doch die 
menschliche Natur ist scheinbar nicht derart beschaffen. Sie mag sich 
an der Idee der Entsagung für eine ideale Gestalt erfreuen, jedoch 
fühlt sie sich in der Praxis nicht dazu in der Lage, für die idealste 
und majestätischste Wesenheit auf materielles Gut zu verzichten, 
wenn wir die Wahrheit einmal so umschreiben wollen, 

X. 

Unter den themenbezogenen Laien, die sich mit "Geschichte" befasst 
haben, haben wir einen der schlichtesten und reinsten unserer 
Landsleute - David Hume. Dieser war von bewundernswertem 
Geist, der sich auch von unverschämten Verleumdungen oder der 
Angst, in Armut zu enden, nicht davon abhalten ließ, zu verkünden, 
was er für die Wahrheit hielt. Er scheint seine Landsleute dadurch 
gekränkt zu haben, dass er darauf bestand, unsere Vorfahren hätten 
sich bis vor etwa 300 Jahren in einem äußerst barbarischen Zustand 
befunden. Obwohl er richtig lag, frage ich mich doch, wie es kam, 
dass ein Mann, der so ernsthaft über die Natur des Zeugnisses nach¬ 
dachte, bei der weiteren Ausarbeitung seines Werkes nicht die vor 
400 Jahren sogar noch tiefere Barbarei und Unkultur bemerken 
konnte? Nicht selten wenden Männer, welche die allgemeinen 
Grundsätze zu beherrschen wissen, diese jedoch selbst nur sehr 



72 


nachlässig an. Auf die Dokumente der englischen Geschichte bezo¬ 
gen brachte Hume seine Kritik am menschlichen Zeugnis nicht voll 
zur Geltung. An einer Stelle schreibt er zwar, dass der Heiligentitel 
seit Jahrhunderten ein Synonym für Verlogenheit ist, zumal er häufig 
über den Unsinn und die Unanständigkeit der klösterlichen Schrei¬ 
ber spottet, doch erkannte er zu keinem Zeitpunkt, dass er es mit ei¬ 
ner literarischen Verschwörung zu tun hatte, statt lediglich mit einer 
Reihe verschiedener Schreiber. Die Chronologie untersuchte er nicht. 
Weder er noch Gibbon scheinen den bemerkenswerten Angriff eini¬ 
ger Jesuiten auf die frühe oder benediktinische Kirchenliteratur be¬ 
achtet zu haben, die etwa 200 Jahre älter als sie ist. 

Bei Humes gibt es eine Passage, in der er auf die Vorliebe der Mön¬ 
che für die Kenntnis der klassischen Literatur hinweist. Hätte er sich 
eingehender mit dem Thema befasst, hätte er gesehen, dass dies ein 
eindeutiger Zeig auf die Epoche dieser Schriften ist - die Wiederent¬ 
deckung der Schriften. Anhand von Dokumenten, die erst zur Zeit 
Humes bekannt wurden, können wir unbestreitbar aufzeigen, dass 
man das Einsetzen einer Kultur im eigentlichen Sinne erst von der 
Zeit der Gründung der Colleges Oxford und Cambridge während 
der Regierungszeit der ersten Fürsten des Hauses Tudor behaupten 
kann. Ähnliches gilt für jegliche Schulen des Westens. Es ist jedoch 
unmöglich, die massenhaft in den Annalen des Benediktinerordens 
sowie in dessen literarischer Historie (welche bisher niemals mit 
gründlicher und kritischer Aufmerksamkeit untersucht wurde) zu 
entdeckenden Beweise an dieser Stelle vorzulegen. 


XI. 



73 


Es ist an der Zeit, noch gezielter auf den Benediktinerorden einzuge¬ 
hen. In einem früheren Werk, habe ich mich so sehr mit ihren literari¬ 
schen Bemühungen beschäftigt, dass ein katholischer Schriftsteller 
über mich sagte, ich habe "Benediktiner im Kopf". Man kann durch¬ 
aus sagen, dass ein Mensch ein Thema, mit welchem er sich ständig 
befasst, dadurch im Kopf hat. Es ist die neuzeitliche Ge schichte, die 
ich gegenwärtig im Kopf habe; und ich weiß, dass dieses Thema 
nicht ohne Berücksichtigung des benediktinischen Systems verstan¬ 
den werden kann. Der Fall gestaltet sich derart: Die gesamte christli¬ 
che Literatur wurde uns aus der Hierarchie der heiligen römisch-ka¬ 
tholischen und apostolischen Kirche dargebracht. Das älteste Haus 
in dieser Hierarchie ist der Benediktinerorden. Das ganze Geheimnis 
der Literatur beruht auf ihnen. Vor etwa 400 Jahren begannen sie die 
hebräischen Schriften ins Lateinische zu übersetzen, wobei wir im¬ 
mer bedenken müssen, dass die Entdeckung der vollständigen Bibel 
für Martin Luther (angeblich um das Jahr 1503) der Bergung eines 
Schatzes glich, der in einem Acker verborgen war. Es ist nicht not¬ 
wendig, mich hier mit den Geschichten über die verschiedenen Bi¬ 
bel-Ausgaben seit der Erfindung des Buchdrucks zu befassen. Es ist 
eine unbestreitbare Tatsache, dass das allgemeine Wissen um diese 
Bücher erst in der Epoche begann, auf die ich mich so oft bezogen 
habe, ganz gleich, ob innerhalb oder außerhalb der Klöster. Die Vor¬ 
geschichte dieser Bücher ist äußerst dunkel, egal ob wir uns nach der 
literarischen Tätigkeit der Klöster oder der jüdischen Synagogen er¬ 
kundigen. Sämtliche die Bibel erläuternde Literatur - auf jüdischer 
Seite der Talmud mit den Schriften der "Väter und Lehrer" der Syn¬ 
agoge; auf christlicher Seite die Patrologie, welche die entsprechen¬ 
den Schriften der Kirchenväter enthält - wurde im 16. Jahrhundert 
langsam zu Tage gefördert. Wenn wir uns zunächst auf das Jahr 1500 



74 


festlegen, welches grob die veröffentlichte Literatur von der vorheri¬ 
gen geheimen Literatur scheidet, können wir nicht bedeutend dane¬ 
ben liegen. 


XII. 

Der heilige Benedikt Nursia war eine außerhalb der Klöster völlig 
unbekannte Gestalt. Die Klöster priesen ihn als den großen Patriar¬ 
chen und Gesetzgeber des Westens, was für Basilius von Cesarea 
hinsichtlich des östlichen Mönchtums gilt. Sie geben an, der heilige 
Benedikt sei unweit der Zeit Mohammeds geboren worden, wobei 
zu beachten ist, dass die Geschichte zu einer Zeit verbreitet wurde, 
in welcher sich die beiden Religionssysteme als weltliche Rivalen ge¬ 
genüberstanden. Während dem gläubigem Moslem gelehrt wurde, 
den Namen seines Propheten und Gesetzgebers mit dem des All¬ 
mächtigen zu verbinden, lehrte man dem gläubigen Christen des 
Westens, den Namen des heiligen Benedikt im Gebet an Christi als 
allmächtigen Gott zu knüpfen. Es mutet sehr merkwürdig an, dass 
die Äbte für ihr ideales Oberhaupt den Namen Benedikt wählten, 
welcher der lateinischen Wiedergabe des göttlichen Namens ent¬ 
spricht (die Juden sagen unaussprechlich). Das Wort "Abt" ist hebräi¬ 
schen Ursprungs und war für die klassischen oder humanistischen 
Gelehrten des frühen 16. Jahrhunderts ein vergleichsweise neues 
Wort, wie auch der Gehalt des Christentums. Die Regel, die der Fe¬ 
der des heiligen Benedikt höchstpersönlich zugeschrieben wurde, ist 
tatsächlich ein Produkt der Zusammenarbeit der literarischen Äbte 
des Ordens. 


Die Regel des heiligen Benedikt sollte in enger Verbindung mit dem 



75 


Neuen Testament studiert werden, wobei beide Schriften als Litera¬ 
tur betrachtet werden müssen, die erst zwischen 1480 und 1520 her¬ 
ausgegeben und der Welt bekannt gemacht wurde. Auf diese Weise 
wird unmissverständlich klar, dass die Autoren dieser Bücher ein 
und derselben Klasse von Männern angehören. Man wird feststellen, 
dass diese Männer in den hebräischen Schriften die Vorstellung eines 
Christus zu erkennen meinten, welche sich von der von den Juden 
vertretenden Messias-Idee unterscheidet; und dass sie die Haggada 
beziehungsweise die Allegorie der Evangelien als Darstellung ihrer 
Vorstellung schrieben. 

Diejenigen, die die Legende vom fleischgewordenen Gott und des¬ 
sen Kollegium der Zwölf Apostel verbreiteten, verkündeten auch, 
dass der heilige Petrus und der heilige Paulus im Westen zahlreiche 
Kirchengemeinden gegründet hätten und dass der heilige Josef von 
Arimathäa in ähnlicher Mission nach Glastonbury gekommen sei, 
wie auch der heilige Dionysius nach Paris, u.s.w.. Die Abte des 
großen Ordens beherrschten die literarische Situation bis zu den An¬ 
fängen einer neuen Literaturkritik im 17. Jahrhundert dermaßen, 
dass sie ihr System auf dem Fundament der menschlicher Vorstel¬ 
lungskraft errichten und fest verankern konnten. Wie uns die Bene¬ 
diktsregel zeigt, gab es eine Zeit, in welcher der jeweilige heilige 
Klostervater von seiner Herde als "Abba!", also als Stellvertreter und 
gebührendes Sprachrohr Christi gepriesen wurde. 

Die Orden, die später als der des heiligen Benedikt entstanden, sind 
allesamt als dessen Sprösslinge zu betrachten. Die Dominikaner und 
Franziskaner, die sich den Städten zuwandten, während sich ihre äl¬ 
teren Brüder weiter um die ländlicheren Bezirken kümmerten, durf- 



76 


ten etwa 700 Jahre jünger als die Benediktiner sein, was jedoch bloß 
eine Floskel ist, die aber durchaus ein grober Hinweis darauf ist, 
dass das städtische Leben und die dortigen Einrichtungen verglichen 
mit den herrschaftlichen Hochburgen des Adels und des Klerus' re¬ 
lativ jung waren. Keiner dieser Orden ließ im Zeitalter der Veröf¬ 
fentlichungen, auf welches ich mich so oft bezogen habe, irgendwel¬ 
che Register erstellen anhand derer der Forscher sie bis zum Beginn 
ihrer Einrichtung zurück verfolgen könnte. 

XIII. 

Ich will die Aufmerksamkeit nun auf die Frage der Chronologie rich¬ 
ten. Eine Chronologie entsteht aus Unduldsamkeit gegenüber der 
Dunkelheit und Unbestimmtheit unserer Vorstellungen von der Ver¬ 
gangenheit, welche für gebildete oder belesene Menschen besonders 
schmerzhaft ist. Wir können mit ziemlicher Sicherheit davon aus¬ 
gehen, dass unsere Vorfahren mit der Verwendung von Kreide und 
Kerbholz zufrieden waren bis der Appetit auf das Wissen über die 
"Antike" einsetzte, wie es Jack Cade in William Shakespeares Drama 
Heinrich VI. kundtut 58 . 

Da es sich bei der Zeit um ein mentales Konzept handelt, das auf 
Sinneserfahrungen beruht, können wir die Vergangenheit lediglich 
mittels der Analogie vom gemessenen und geteilten Raum klar abbil¬ 
den. Stellen wir uns vor, dass wir den Verlauf eines Stroms abwärts 


58 Du hast höchst verräterischer Weise die Jugend des Reiches verderbet, in¬ 
dem du eine lateinische Schule errichtet; und da zuvor unsere Voreltern keine 
andern Bücher hatten als die Kreide und das Kerbholz, so hast du das Dru¬ 
cken aufgebracht, und hast zum Nachteil des Königs, seiner Krone und Wür¬ 
de, eine Papiermühle gebaut. (Hans Cade in Shakespeares "König Heinrich 
VI., 2. Teil, 4. Aufzug, 7. Szene) 



77 


schreiten, wenn wir von früheren zu jüngsten Ereignissen gehen; 
oder dass wir dem Strom aufwärts folgen, wenn wir uns frühere Er¬ 
eignisse durch jüngere zu erschließen versuchen. Wir können uns 
auch einen Berg, eine Skala oder eine Leiter vorstellen, die wir die 
Strecke eines bestimmten Zeitraums herab- oder aufzusteigen schei¬ 
nen. Der Abstand zwischen den einzelnen Leitersprossen beträgt 
(gemäß der Überlieferung aus der Wiederentdeckung der Schriften) 
ein Zeitalter beziehungsweise einen Zeitraum von einhundert Jah¬ 
ren. 

Es stellt sich also die Frage, in welcher Epoche diese chronologische 
Skala festgelegt wurde und welchen Wert sie hat. Ich muss erneut 
auf das Zeitalter der Veröffentlichungen um "1480 bis 1520" hinwei- 
sen. Unsere christliche Chronologie ist die benediktinische, welche, 
wie auch alles andere des Systems, eine imaginäre Antike für sich 
beanspruchte, auf die es keinerlei Hinweise aus der Zeit vor dem 
Zeitalter der Veröffentlichungen gibt. Den Benediktinern zufolge 
wurde die Chronologie zur Zeit des heiligen Benedikt vom Abt "Dio¬ 
nysius Exiguus" - wie sie ihn selbst scherzhaft nennen - festgelegt. Er 
führte die vom Zeitpunkt der Fleischwerdung, also der Geburt 
Christi, ausgehende Jahresrechnung ein. Etwa 500 Jahre später, so 
heißt es, entdeckte ein anderes Ordensmitglied, Marian der Schotte 
oder Ire, der mit dem berühmten literarischen Kloster von Fulda in 
Verbindung stand, dass die Berechnung um zweiundzwanzig oder 
dreiundzwanzig Jahre fehlerhaft war und änderte sie entsprechend. 

Ich möchte den Leser nicht mit einer unnötig umfangreichen Enthül¬ 
lung dieser Fabel ermüden. Fakt ist, dass dies der Allgemeinheit der 
Gelehrten bis vor etwa 300 Jahren nicht bekannt war und einer der 



78 


berühmtesten unter ihnen, John Seiden, sagte, er sei der Erste gewe¬ 
sen, der (bezogen auf die Fabel von der Fehlerkorrektur) bemerkte, 
dass die Chronologie um diese zweiundzwanzig Jahre korrigiert 
werden musste. Im Gegensatz zur Erfindung der Chronologie ist ihr 
Studium eine Angelegenheit des 16. Jahrhunderts; und der Name 
Joseph Scaliger markiert ihren Anfang. Die Erfindung kann meines 
Erachtens nicht weiter als 400 Jahre zurückverfolgt werden. Sehr vie¬ 
le frühe gedruckte Bücher sind undatiert und viele wurden aus ge¬ 
wissen Interessen vordatiert. Wir können also darauf schließen, dass 
der Brauch der Datierung von Dokumenten nach der christlichen 
Methode zur Zeit der Einführung der Druckpressen noch nicht allge¬ 
mein üblich war. 

In den Schriften der Mönche, die etwa derselben Zeit angehören 
müssen, entdecken wir die Gewohnheit, nach dem Jahr eines Abtes, 
eines Papstes oder eines Königs zu datieren, der vage als "Edward" 
bezeichnet wird; dies jedoch ohne zu spezifizieren, um welchen Ed¬ 
ward es sich dabei handelt. Ich möchte nur auf die Schwierigkeiten 
hin weisen, mit denen fleißige Forscher wie Thorold Rogers zu kämp¬ 
fen hatten, der ein starker jedoch unbewusster Zeuge für das junge 
Alter jeglicher authentischer Register ist. Auch die "Paston-Briefe" 
ignorierten die Gewohnheit, mit christlichen Jahren zu datieren, ob¬ 
wohl sie die Jubiläumsfeste der Kirche kennen. 

Die Schreiber des Zeitalters der Veröffentlichungen offenbaren eine 
große Vielfalt an Datierungsmethoden. Es wurde das "Jahr der Erlö¬ 
sung", das "Jahr der menschlichen Erlösung", das "Jahr der Geburt 
der Jungfrau", das "Jahr der Menschwerdung", das "Jahr der Geburt" 
das "Jahr der Geburt Christi" oder bloß die Jahreszahl angegeben. Ich 



79 


habe nicht feststellen können, wann die Abkürzungen A.D. und A.C. 
in Gebrauch kamen, doch es ist nahezu vollständig auszuschließen, 
dass dies vor dem 16. Jahrhundert gewesen sein kann. Hinsichtlich 
dieses Zeitpunkts kann der Leser einige Aussagen heranziehen, wel¬ 
che der Jesuitenpater Germon im Rahmen der vor etwa 200 Jahren 
stattfindenden Auseinandersetzung mit den Benediktinern tätigte. 

Der intelligente Leser begreift damit sogleich die Wichtigkeit dieser 
Schlussfolgerungen. Wenn der Brauch der Datierung von Jahren und 
Jahrhunderten etwa 400 Jahre alt und selbst hinsichtlich dieser Zeit 
noch sehr ungewiss ist, können Dokumente, die noch früher verfasst 
worden sein sollen, nicht als brauchbare Zeugnisse dienen. Die höhe¬ 
ren Sprossen unserer chronologischen Leiter erweisen sich als ledig¬ 
lich imaginär; und wir geraten in die vor dem Zeitalter der Veröf¬ 
fentlichungen herrschende Dunkelheit. Was in der Welt vor sich 
ging, können wir unmöglich in Erfahrung bringen, es sei denn, wir 
möchten die Eindrücke und vagen Vermutungen von Schreibern des 
16. Jahrhunderts mit dem Begriff Wissen würdigen. Der Leser be¬ 
ginnt zu verstehen, wie es um die Erzählungen über die Eroberung 
der Mauren in Spanien und die ebenfalls Spanien betreffende Ver¬ 
treibung und Zerstreuung der Juden aus ihren Siedlungen bestellt 
ist. Er realisiert, dass die Reisen der Portugiesen und Spanier voll mit 
chronologischen Unstimmigkeiten und die Einzelheiten betreffend 
absolut lückenhaft und ungenau sind. Doch in einer Welt, in der die 
Menschen noch nicht sorgfältig jährliche Ereignisverzeichnisse füh¬ 
ren, kann es eben auch nicht anders sein. Alles, worauf Erfindergeist 
und Vorstellungskraft aufbauen können, sind dann einige bloße Um¬ 
risse von Tatsachen. 



80 


Die jüdischen Literaten stellen unsere Möglichkeiten zur Erlangung 
genauer Erkenntnisse auf eine besonders harte Probe. Ich kann mir 
nicht vorstellen, dass kompetente jüdische Kritiker der Ansicht sind, 
ihre Kalendaristen und Chronologen hätten ihr System früher als et¬ 
was vor oder nach der schrecklichen spanischen Verfolgung fertigge¬ 
stellt. Es sind nur sehr wenige jüdische Historiker aus dem Zeitalter 
der Veröffentlichungen bekannt. Wenn wir den Stoff aus ihren 
Schriften außen vor lassen, welchen sie den Informationen der nicht¬ 
jüdischen Chroniken entlehnen konnten, so ist das Material an doku¬ 
mentierten Erinnerungen oder generellen Aufzeichnungen jüdischer 
Familien ebenfalls sehr mager. Ihre Chronologen Zacuto und Ganz, 
beides Schreiber des 16. Jahrhunderts, haben faktisch keinen Ma߬ 
stab, mit welchem sie die Durchdringung der Dunkelheit der Ver¬ 
gangenheit versuchen könnten. Sie kennen nur eine mystische Theo¬ 
rie, welche die Ereignisse aus der Schöpfung ableitet, auf die sie zu¬ 
nächst mittels einer Abfolge von Tagen oder tausend-Jahres Zeiträu¬ 
men mystisch zurückrechneten. Die Mohammedaner hatten eine 
ähnliche Theorie, dergemäß der religiöse Tag tausend Jahren ent¬ 
spricht. Sie machten die Welt nochmals um einige tausend Jahre älter 
als es die Juden taten. Den Grund für diese Unterschiede müssen wir 
hier nicht behandeln. Für den gegenwärtigen Zweck genügt es, dar¬ 
auf hinzuweisen, dass diese Chronologien nicht auf Verzeichnissen 
sondern auf Vermutungen und geistlicher Träumerei beruhen. Sie 
belegen lediglich das Traumleben der enthusiastischen Mitglieder 
der verschiedenen Unternehmungen. 

XIV. 


Wo keine Aufzeichnungen geführt werden und keine genaue Chro- 



81 


nologie vorhanden ist, da müssen die Vorstellungen der Menschen 
von Zeitdistanzen zwangsläufig äußerst vage sein. Weiter wird die 
Wirkungsdauer von Kunstgegenständen oder -Stilen nur grob ge¬ 
schätzt, wie auch die des menschlichen Lebens an sich. In dieser Un¬ 
wissenheit wirken stets Liebe, Stolz oder Ehrgeiz, was zu einer über¬ 
triebenen Vorstellung vom Altertum führt oder eine solche zumin¬ 
dest begünstigt. Geburten- und Sterberegister scheinen erst nach 
dem Konzil von Trient geführt worden zu sein. Möglicherweise gab 
es sie vor dem Beginn des 17. Jahrhunderts generell nicht. 

XV. 

Es war vielleicht nur wenigen aufmerksamen Männern bekannt, wie 
lang die Lebensspanne eines Menschen wirklich war. Das gemeine 
Volk glaubte, sie habe sich auf 100 oder gar 150 Jahre erstreckt. Ob¬ 
wohl ein hebräischer Psalmist die Grenze nach seiner tatsächlichen 
Erfahrung auf 70 oder 80 Jahre festsetzt, kann es passieren, dass sei¬ 
ne Fantasie so riesig ist, dass er sich keineswegs an der Langlebigkeit 
der Patriarchaten von mehreren Jahrhunderten stört. In unseren po¬ 
pulären englischen Chroniken, die im 16. Jahrhundert als "Geschich¬ 
te" veröffentlicht wurden, finden wir dafür zahlreiche Veranschauli¬ 
chungen in Form absurder Berichte bezüglich der menschlichen Le¬ 
bensdauer und Körpergröße. Der Leser wird mit aller Gelassenheit 
zu glauben aufgefordert, Menschen hätten in fernen Zeiten viele Zoll 
lange Zähne gehabt und erlebten gewöhnlich viele hundert Sommer. 
Dabei handelt es sich nicht einfach um dreiste Lügen, die für ein Lü¬ 
gen liebendes Publikum erfunden wurden. Sie appellierten an einen 
Glaubens- und Geschmackszustand, der in einem zeitungsaffinen 
Zeitalter nicht mehr möglich ist. 



82 


XVI. 

Man entgegnete mir mit Nachdruck: "Sie behaupten, die klösterliche 
oder christliche Literatur sei mindestens 1.000 Jahre jünger als ihr er¬ 
klärtes Alter. Wie soll eine solch außergewöhnliche Täuschung oder 
Illusion überhaupt möglich sein?" Die Antwort lautet: Als Bücher 
noch eine Seltenheit waren und ihre Bedeutung auf der bloßen 
Grundlage eines realen oder fiktiven hohen Alters hochgeschätzt 
wurde, obgleich den Menschen keinerlei Mittel zu dessen Messung 
oder Überprüfung zur Verfügung standen, konnte alles behauptet, 
alles geglaubt und nichts widerlegt werden. Die Juden haben ein 
wohlbekanntes Buch über die Schöpfung. Als es erschien (wahr¬ 
scheinlich nicht vor der Wiederentdeckung der Schriften), könnte die 
Frage gestellt worden sein: "Wie alt ist dieses Buch"? "Es ist sehr alt". 
"Wie alt genau"? "Wahrscheinlich aus der Zeit Abrahams". "Ist das 
nicht etwas zu alt"? "Nun, dann ist es möglicherweise aus der Zeit 
des Kaisers Hadrian". Beide Aussagen können natürlich unmöglich 
mehr als nur vage Floskeln sein. 

Als von den dem heiligen Hieronymus zugeschriebenen Schriften, 
welche im Zeitalter der Veröffentlichungen in der Abgeschiedenheit 
der Klöster verfasst wurden, behauptet wurde, dass sie über 1.000 
Jahre alt seien, konnte die Aussage kaum verbindlich bestritten wer¬ 
den, obwohl einige Altertums-Gelehrte sie tatsächlich anzweifelten. 
Es erwies sich allmählich als sinnlos, mit den Herren einer Legion 
unterwürfiger Schreiberlinge zu streiten. Ein Chorus bekräftigte laut¬ 
stark das, zu dessen Bestreitung nur Einzelne hier und da den Mut 
und das Wissen hatten. Die dreisten Behauptungen und die mit die- 


83 


sen einhergehenden Ansprüche wurden so zu akzeptierten Konven¬ 
tionen, obwohl es keine Gelehrten gab, welche die Konservierung 
von Büchern mittels Übertragung hätten nachverfolgen können - zu¬ 
mal über 1.000 Jahre vor Errichtung der Druckpressen. Es läuft also 
auf die bloße Behauptung hinaus: "Die Schriften sind sehr alt, was 
gemäß unserem chronologischen Schema bedeutet, dass sie 1.000 
Jahre und älter sind." Man erkannte dies an, da die Verfechter die li¬ 
terarische Situation beherrschten. 

Doch seit der Schöpfung all dessen, die vor 400 Jahren stattfand, tri¬ 
umphieren wir durch eine Vielzahl an konkreten und realen Erfah¬ 
rungen und Eindrücken über die vage oder unbestimmte Vorstel¬ 
lungskraft. So ist der Gelehrte des trägen Dünkels und Leichtsinns 
schuldig, wenn er heute gelassen verkündet: "Ich sehe keinen Grund, 
daran zu zweifeln, dass die hieronymusschen Schriften vor tausend 
Jahren verfasst wurden, lange bevor die Menschen etwas von der Bi¬ 
bel wussten". Er meint, eine Dunkelheit durchdringen zu können, 
die kein Gelehrter der Wiederentdeckung zu durchdringen ver¬ 
mochte. Der vorsichtige und nüchterne Kritiker hat jedoch große 
Vorteile gegenüber dem Kritiker der Wiederentdeckung, denn es 
wurden so viele Dinge bekannt, die einst geheim waren, und so vie¬ 
le, die man sich vormals nur im Verborgenen zuflüsterte. Wir alle ha¬ 
ben die menschliche Erfahrung der letzten 400 Jahre mehr oder we¬ 
niger in uns auf genommen und können einem Bacon, einem Seiden, 
einem Polydor Vergil, einem Erasmus, einem Luther oder einem Lo- 
renzo Valla über die Schulter schauen. Wir wissen jetzt von unserer 
früheren Ignoranz und können erkennen, dass der Grund, aus dem 
die Gelehrten so bereitwillig dem Zauber des "heiligen Hieronymus" 
erlagen, darin bestand, dass sie keinen Geschmack des "vierten oder 



84 


fünften Jahrhunderts" hatten sondern den des "16 Jahrhunderts", den 
eines Hieronymus. Dr. Westcott (der derzeitige Bischof von Durham) 
sagt über Hieronymus 59 , dass er wie ein Gelehrter aus dem 16. Jahr¬ 
hundert schreibt, was eine absolut korrekte Beobachtung ist. Die Je¬ 
suiten sind Männer des 16. Jahrhunderts und verkündeten, dass Lu¬ 
ther das geistige Kind des heiligen Augustinus ist. Natürlich war er 
ein Augustiner-Bruder, doch dass der heilige Augustinus von Hippo 
vor tausend Jahren gestorben und in der Gestalt des reformierenden 
Bruders wieder auferstanden sei, kann nicht überprüft werden. Die 
Jesuiten sagten auch, der heilige Augustinus sei das geistige Kind 
des heiligen Paulus, wobei wiederum nicht überprüft werden kann, 
ob der heilige Paulus wirklich 400 Jahre vor Augustinus verstarb. 
Diese literarischen Heiligen dienten ausschließlich den chronolo¬ 
gisch-literarischen Verzeichnissen, die im Zeitalter der Veröffentli¬ 
chungen herausgegeben wurden. Die Lehren der Pauliner, der Au¬ 
gustiner und der Lutheraner wurden zeitgleich lautstark verkündet. 
Mir ist es nicht möglich, das Prinzip der Gerechtwerdung durch den 
Glauben weiter als bis zu Luther zurückzuverfolgen. Es ist definitiv 
eine Erfindung seiner Zeit. 

Nach all den Diskussionen, die in den letzten Jahren über die wiclif- 
schen Schriften geführt wurden, ist es alles andere als leichtsinnig, 
festzustellen, dass einerseits vor dem großen Schisma niemals je¬ 
mand etwas von John Wyclif und seiner Verbindung mit Böhmen 
wusste; und andererseits bis zur Regierungszeit Heinrichs VIII. nie¬ 
mals irgendwo von irgendwelchen "Wiclifiten" die Rede war. Der 
Name ist als allegorisch und rein ideal zu betrachten und steht für 
die große Zahl an Reformern in bestimmten Kollegien und religiösen 


59 


Geschrieben im Juni 1891, E.A. P. 



85 


Ordenshäusern. 


XVII. 

Um einen "Einblick in vergangene Zeiten" zu erhalten, müssten wir 
uns ein mentales Teleskop konstruieren. Als Linse muss ein solches 
die Augen zeitgenössischer Beobachter erhalten. Für einen Blick auf 
eine bestimmte Zeit in der Vergangenheit müssen wir uns die "Brille 
eines guten zeitgenössischen Beobachters" borgen. Es zeigt sich je¬ 
doch, dass solche guten Beobachter sehr selten und schwer zu finden 
sind, denn die Fähigkeit zu sehen, was gerade vor sich geht und es 
dann aufrichtig und getreu zu berichten bedarf hoher intellektueller 
und moralischer Qualitäten. Ein Mann muss eine Neigung für die 
Wissenschaft statt einen Hang zum Fabulieren haben. Weiter muss er 
die nötige Freiheit haben, seine Neigung zu befriedigen. Ein solcher 
Mann war Francis Bacon - in der Morgendämmerung unserer engli¬ 
schen Kultur. Wie auch immer es um seine potenzielle Befangenheit, 
welche ihn in seinem Schreiben beeinflusst haben könnte, gestanden 
haben mag, dürfte es zu Beginn des 17. Jahrhunderts zweifellos kei¬ 
nen besseren Zeugen hinsichtlich des Zustands der Schriften und der 
Wissenschaft in unserer Welt gegeben haben. Wir wollen für einen 
Moment durch seine Augen schauen und etwas über den Stand des 
damaligen historischen Wissens erfahren. 

Bacon verknüpft in "The Advancement of Learning" Geschichte und 
Gedächtnis miteinander, wodurch Geschichte etwas war, das wie die 
Handlung einer Fabel rezitiert und auswendig gelernt werden muss¬ 
te. Die Theologie unterteilt er in Kirchengeschichte, Gleichnisse und 
Grundsätze. Prophezeiung sei ein überzähliger Teil und einfach als 



86 


"göttliche Geschichte vor der Tatsache" anzusehen. Damit gibt er uns 
eine einfachere Einteilung, dergemäß die Kirchengrundsätze aus 
drei substanziell gleichen Formen bestehen - Geschichte, Gleichnis 
und Prophezeiung. Doch er hat auch noch eine andere Einteilung. 
Die Geschichte unterteile sich in national, bürgerlich oder kirchlich, 
und literarisch, wobei die ersten drei noch existent seien, die vierte 
Form hingegen fehlerhaft. Allerdings bemerkte Bacon nicht, dass 
sich all diese Zweige alleinig in den Händen von Geistlichen befan¬ 
den. 

Zur Literaturgeschichte macht er jedoch die wichtige Beobachtung, 
dass der allgemeine Bildungsstand von Zeitalter zu Zeitalter niemals 
beschrieben wurde. In Ermangelung dessen, "erscheint mir die Ge¬ 
schichte der Welt als Statue Polyphems mit einem ausgeschlagenen 
Auge, wobei der Teil fehlt, der am stärksten den Geist und das Leben 
des Wesens offenbart". Bacon fügt nicht hinzu, dass der Mensch sol¬ 
che Statuen ohne die betreffende Literaturgeschichte überhaupt nicht 
zu sehen bekäme. Er fügt hinzu, dass in bestimmten Wissenschaften 
einige kleine Denkmäler für Schulen, Autoren und Künstler sowie 
als Tribut zugunsten einiger karger Beziehungen errichtet wurden, 
welche die Erfindung von Künsten und Gebräuchen berühren. Doch 
"eine wirkliche Geschichte der Bildung" in all ihren Zweigen stehe 
noch immer aus. Er scheint zu spüren, dass es ohne diese frühere Ge¬ 
schichte der Schriften keine Geschichte im eigentlichen Sinne gibt. 
Fakt ist, dass diese weder zu seiner Zeit noch zur Zeit der Benedikti¬ 
ner von Saint-Maur hätte geschrieben werden können. 


XVIII. 



87 


Bacon unterteilt die "Just and Perfect History" in Chroniken, Darstel¬ 
lungen einer Zeit, die Leben von Personen und in Schilderungen 
oder die Verwobenheit von Handlungen. Er bedauert die unwürdige 
Art und Weise, in der die Geschichte Englands geschrieben wurde 
sowie die Parteilichkeit und Unehrlichkeit in der jüngsten Geschichte 
Schottlands. Es bestehe großer Bedarf hinsichtlich einer Geschichte 
der Insel. Wäre die Zeit von der "Vereinigung der Rosen" bis zur 
"Vereinigung der Königreiche" doch nur hinreichend geschrieben! 
Bacon versuchte, wie wir uns erinnern werden, eine Geschichte der 
Herrschaft Heinrichs VII.. Er musste jedoch feststellen, dass ihm dies 
nicht möglich war, da er keinerlei wirkliche Informationen über den 
König bekommen konnte, die nicht nahezu 100 Jahre zuvor von Po- 
lydor Vergil verfasst wurden. 

Bacon wusste, dass es ungewöhnliche Fähigkeiten erforderte, gute 
"Geschichte" zu schreiben. Er ist ein Zeuge für die Tatsache, dass das 
Niederschreiben von "Geschichte" selbst dem fähigsten Mann un¬ 
möglich war, da "denkwürdige Ereignisse, als sie geschahen, nicht 
akzeptabel berichtet wurden". Wenn dieser Zustand, für den Bacon 
nicht der einzige Zeuge ist, von den Studierenden nach seiner Zeit 
gebührend zur Kenntnis genommen worden wäre, hätte es, die eng¬ 
lische Geschichte oder die Kirchengeschichte im Allgemeinen betref¬ 
fend, keine derart große Verschwendung der menschlichen Fertig¬ 
keiten gegeben. Wenn es darum geht, sich auf die Kirchengeschichte 
zu beziehen, ist Bacon äußerst verlegen. Er scheint damit anzudeu¬ 
ten, dass sie erfunden ist. Es gibt eine Fülle davon, "doch", seufzt er, 
„ich würde es tun, wenn ihre Tugend und Aufrichtigkeit ihrem Um¬ 
fang und ihrer Vielzahl entspräche." Gestand er sich etwa ein, dass 
sie nur ein Zweig der Poesie ist, also "nichts weiter als vorgetäuschte 



88 


Geschichte, die sowohl in Prosa als auch in Versen gestaltet sein 
kann"; und dass ihr Nutzen darin bestand, dem menschlichen Ver¬ 
stand "in jenen Punkten, in denen es die Natur der Dinge verwehrt, 
einen Hauch Befriedigung zu verschaffen"? 

XIX. 

Kommen wir nun zu einem weiteren Engländer, der be¬ 
rechtigterweise als eines der großen Ornamente unserer Nation gilt; 
ein Engländer mit den bestmöglichen Qualitäten eines Historikers. 
Dieser versuchte, ein Desideratum der "Literaturgeschichte" anzufer¬ 
tigen, welches die großen Gelehrten der Zeit von König Jakob I. so 
schmerzlich vermissten. Ich spreche von Henry Hallam, dessen Wer¬ 
ke als Denkmal seines Fleißes, seiner Geduld, seiner edlen und unbe¬ 
fangenen Hingabe für die Wahrheit und auch als Monument der 
Freiheit erhalten sind. Trotz meines tiefen Respekts vor Hallams Le¬ 
benswerk, muss ich auf einen schwerwiegenden, wenn auch nicht 
einzigartigen Fehler in seiner Darstellung zur "Literatur Europas" 
nach dem Zerfall des Römischen Reiches hinweisen. Der Fehler liegt 
darin, dass Hallam der Analyse der klösterlichen Literatur, daher der 
benediktinischen Literatur, keine besondere Aufmerksamkeit wid¬ 
mete. Er war sich dadurch wohl nicht des Ausmaßes hinsichtlich des 
Verdachts bewusst, der bezüglich der Literatur aus dem Ende des 
Jahrhunderts aufkam und von Bacon illustriert wurde. 

Hallam widmete sich der modernen benediktinischen "Li¬ 
teraturgeschichte Frankreichs" sowie anderen Zusammenstellungen 
der Schriften des Ordens; und er akzeptierte ihre Chronologie, als 
würde sie auf realen Aufzeichnungen beruhen. Er wiederholt die Fa- 



89 


bei über das blühende Wirken von "Isidor von Sevilla" und "Cassio- 
dorus" inmitten der "allgemeinen Unwissenheit" des "6. Jahrhun¬ 
derts" und glaubt, dass diese Unwissenheit noch etwa fünf lange 
Jahrhunderte andauerte. Er schreibt, der heilige Benedikt habe sei¬ 
nen Brüdern geboten, "Bücher zu lesen, zu vervielfältigen und zu 
sammeln" doch "über ihre Natur zu schweigen". Er berichtet von den 
Geschichten über die Klosterkultur in Irland, über "Alkuin" und 
"Beda" sowie über die "Domschulen unter Karl dem Großen" und ge¬ 
langt dann zur "intellektuellen Umnachtung" des "10. Jahrhunderts". 
Er kommentiert den "Mangel an Genialität", die "Vorherrschaft des 
schlechten Geschmacks" und den "Mangel an poetischem Talent" 
während des "dunklen Zeitalters", hinterfragt jedoch nicht die Mög¬ 
lichkeit, die Geschichte solcher Zeitalter zu schreiben. Er hält an den 
schwachen Hinweisen der Väter von Saint-Maur über den Aufstieg 
der Universitäten, die scholastische Philosophie, die Anfänge der 
modernen Poesie u.s.w. fest. Leider lässt er die alles entscheidende 
Frage nach dem Aufstieg einer lesenden oder schreibenden Klasse 
unter den Laien komplett aus. Wiederholt gibt er zu diesem Thema 
unverifizierte und wahrheitswidrige Äußerungen der Benediktiner 
wieder. Inmitten all der angeführten Unwissenheit bringt er in sei¬ 
nem ersten Kapitel die Skizze von rund 900 Jahren zu einem absolut 
unbefriedigenden Abschluss. Ihm war nicht bewusst, dass er über 
eine imaginäre Retrospektive sinnierte, die im Ganzen erst seit der 
Zeit Bacons vorlag. 

Die benediktinische "Literaturgeschichte Frankreichs" enthüllt bei 
kritischer Betrachtung die Zusammenarbeit der Mönche aus der 
Normandie mit denen Englands bei der Abfassung möglichst plausi¬ 
bler das Schicksal der beiden Völker verbindender Erzählungen. 



90 


Zwar konnte Hallam in den Erzählungen über "Lanfrank" und "An¬ 
selm" nichts von allgemeinem Wert ausmachen, doch er vermutet, 
dass "Johannes von Salisbury" einen gewissen Fortschritt in der bil¬ 
dungstechnischen Erziehung am Ende des "11. Jahrhunderts" dar¬ 
stellt. Er ist bemüht, im nächsten Jahrhundert kleinere Verbesserun¬ 
gen auszumachen. Als er beim "13. Jahrhundert" angelangt, weist er 
auf die "unglaubliche Unkenntnis" der elementaren Grammatik sei¬ 
tens der Schreiber dieser Zeit hin. "Roger Bacon ist kein guter Schrei¬ 
ber". Hallam stellt weiter fest: "Die Manuskripte aus diesen letzten 
Jahrhunderten vor der Erfindung des Drucks sind bei weitem die 
zahlreichsten, allerdings auch die fehlerhaftesten und allgemein von 
nur sehr geringem Wert." Hallam ahnte nicht, dass dieses Zeitalter 
und dessen Literatur nur rein imaginär sind. Er geht zum nächsten 
über und merkt an, dass das "14. Jahrhundert" den vorangegangenen 
Jahrhunderten nicht im geringsten überlegen war. Frankreich, Eng¬ 
land und Deutschland hatten keineswegs gute lateinische Gelehrte 
aufzubieten." Der Schreiber "Richard Aungerville", so armselig er 
laut Hallam auch sein mag, gehört nicht in dieses Zeitalter. Er ist ein 
weiterer maskierter Benediktiner und gehört aller Wahrscheinlich¬ 
keit nach der frühen Tudor-Zeit an. Dass er eine Bibliothek in Oxford 
hinterließ, ist eine bloße Fabel, wie auch die Aussage über eine kö¬ 
nigliche Bibliothek von 900 Bänden in Paris. 

XX. 

Hallam klammert weiter am benediktinischen Schema der "Jahrhun¬ 
derte", obgleich er feststellt, dass die Unwissenheit im Italien des 
mittleren "14. Jahrhunderts" so immens war, dass "ein offenbar ge¬ 
lehrter Mann Platon und Cicero für Dichter hielt". Wir kommen nun 



91 


zu Petrarca, "dem ersten wirklichen Restaurator vornehmer Schrif¬ 
ten", der zugleich der erste Kandidat für ein reines Latein ist. Es 
kommt die Frage danach auf, ab wann die Petrarca zugeschriebenen 
Schriften gelesen wurden? Hallam, der seine Datierungen von den 
Verfassern übernahm, warf diese Frage nicht auf. Hätte er dies getan, 
so hätte er festgesteht, wie dünn die Sachlage hinsichtlich der kom¬ 
pletten Fabel über Petrarca und dessen Wirken als Grundlage für die 
Erhaltung der Schriften doch ist - und dies gar so lange vor Eras¬ 
mus. Bis heute hat nicht ein Buch aus der Bibliothek, die Petrarca an¬ 
gesammelt und zurückgelassen haben soll, den Weg zu uns gefun¬ 
den. Obgleich die Überlieferung über Petrarca von Gelehrten des "16. 
Jahrhunderts" wie Corterius stammt, wurden ihre Gelehrten-Ver¬ 
zeichnisse nach einem ähnlichen System erdichtet. Ihr allgemeiner 
Grundsatz lautete, dass das antike Wissen in Italien gegen Ende des 
14. Jahrhunderts wiederbelebt wurde. Es handelte sich um eine vage 
und auf reiner Erdichtung begründete Spekulation. 

XXI. 

Ich folge nun Hallam noch ein wenig bei seiner Besprechung des Zu¬ 
stands der Schriften des "15. Jahrhunderts". Italien war dem restli¬ 
chen Europa zweifellos voraus, jedoch erkennt unser Historiker 
deutlich, dass erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts ein gu¬ 
tes Latein einsetzte. Unsere Informationen über die Leben von Ge¬ 
lehrten wie Poggio und Valla bleiben weiterhin sehr vage und grö߬ 
tenteils rein spekulativ. Wir müssen bedenken, dass das, was Hallam 
den "barbarischen Jargon" der Mönche nennt, von der verfeinerten 
Rhetorik der lateinischen Humanisten erst verdrängt wurde, als die 
monarchischen Institutionen aufkamen und langsam die Fundamen- 



92 


te unserer Zivilisation gelegt wurden. Der "Jargon" kennzeichnet die 
ersten Bemühungen der Mönche um lateinische Kompositionen. Al¬ 
lerdings zeigen die lateinischen Bibeltexte eine allmähliche Verbesse¬ 
rung; und die besten "historischen Kompositionen" der Mönche 
stammen sämtlich aus dem späten 15. oder frühen 16. Jahrhundert. 

Nun mag Hallam die Wiederbelebung der griechischen Sprache in 
Italien als "sehr wichtiges Ereignis in der Literaturgeschichte" be¬ 
zeichnen, doch die vereinzelten Spuren, die er vom Studium des 
Griechischen in den Klöstern des "Mittelalters" zu finden glaubte, 
sind keineswegs real. Es sind lediglich Fiktionen des Benediktiners, 
der unter dem Namen "Beda" schreibt, sowie die anderer Männer 
derselben Bruderschaft, die ihre Schriften während der Regierungs¬ 
zeit Heinrichs VIII. zu Tage beförderten. Polydor konnte um das Jahr 
1525 nur zwei Exemplare von "Gildas" ausfindig machen. Sein Exem¬ 
plar von "Beda" war mangelhaft. Das Griechische steckte noch in den 
Kinderschuhen. Hallam blättert jedoch weiterhin in der "Literaturge¬ 
schichte Frankreichs" und zitiert einige Legenden der Klöster des hl. 
Areopagit (St. Denis) und St. Germain des Pres in Paris sowie der 
Klöster St. Gallen und Köln, Sankt Albanus u.s.w.. Zwar scheint er 
ihnen nicht so recht zu trauen, doch hätte er sie völlig verworfen, 
wenn er bemerkt hätte, dass es Teil des Systems ist, diesen bekannten 
Stätten der Klosterkultur "mehr Gelehrsamkeit zu verleihen, als sie 
tatsächlich vorweisen konnten". 

Zu den von Hallam wiedergegebenen Unglaublichkeiten gehören 
die Geschichten über italienische Universitäten, die im 14. Jahrhun¬ 
dert gegründet wurden und sofort wieder ausstarben; sowie die Ge¬ 
schichten über Dekrete zur Einführung von Professuren für das 



93 


Griechische und die orientalischen Sprachen, die jedoch "toter Buch¬ 
stabe" blieben; und auch die Geschichten über die Existenz von etwa 
zehn Personen in Italien, die Homer während der Zeit Petrarcas le¬ 
sen konnten. Schlussendlich befasst sich Hallam mit der Ankunft 
von Chrysoloras in Italien am Ende des 14. Jahrhunderts, welches er 
als "die wahre Epoche der Wiederbelebung der griechischen Litera¬ 
tur" bezeichnet. Doch zu Chrysoloras wurde nie eine richtig Datie¬ 
rung angegeben; und dies aus dem einfachen Hallam nicht bekann¬ 
ten Grund, dass die Humanisten des 16. Jahrhunderts, welche diese 
Fabeln verkündeten, gerade erst begannen, das System der Datie¬ 
rung nach Inkarnationsjahren anzuwenden. Da noch keine Verzeich¬ 
nisse geführt wurden, handelte es sich lediglich um Vermutungen, 
als es hieß, dass das "Griechische vor etwa 100 Jahren wiederbelebt 
wurde". Sie waren sich jedoch bewusst, dass es "im Mittelalter kein 
Griechisch in Westeuropa gab". Unsere oberste Autorität, L. Aretino, 
sagt in einem oft zitierten Satz, dass Griechisch in Italien vor Chryso¬ 
loras für 700 lange Jahre verloren war - nach dieser Berechnung also 
für die Zeit von 700 bis 1400. 

Die Bedeutung dieses Satzes darf nicht unterschätzt werden. Es war 
leicht und praktisch, von "700 Jahren" zu schreiben, doch es ist be¬ 
rechtigt, danach zu fragen, welchen Grund die Gelehrten der Wie¬ 
derentdeckung hatten, diese so große und schreckliche Kluft im Ver¬ 
lauf der Kultur anzunehmen. Die wunderschöne Sprache Homers 
und Platons, die (in den Worten Gibbons) "den Sinnesobjekten eine 
Seele und der Abstraktion der Philosophie einen Körper verleiht", 
soll für eine für die Vorstellungskraft des Menschen kaum nachvoll¬ 
ziehbaren Zeit tot gewesen sein - während eines Zeitraums, bezüg¬ 
lich dessen ich immer wieder festgestellt habe, dass uns die Ge- 



94 


schichte niemals auch nur annähernd wahrhaft erzählt wurde! Wir 
haben es mit einer immensen Täuschung zu tun, deren Ursprung 
aber erörtert werden kann. 

Eine dementsprechende Aussage war die der Mauren, als sie in der 
Zeit von Ferdinand und Isabella verkündeten: "Wir sind seit 700 Jah¬ 
ren in Spanien und haben einen Anspruch auf das Land". Es ist die 
befangene Aussage eines Volkes, dessen Kultur vor noch nicht sehr 
langer Zeit begonnen hatte, um aus den üblichen Motiven die eige¬ 
nen Ansprüche mit einer künstlichen Anknüpfung an die Antike zu 
untermauern. Es waren die muslimischen Gelehrten, die den Weg 
zur Wiederbelebung des Griechischen bahnten. Sie waren die haupt¬ 
sächlichen Verantwortlichen für diese Vorstellung des Aussterbens 
der alten griechisch-römischen Kultur während ihrer Herrschaft in 
Europa. Es kann keine Zweifel daran geben, dass diese Epoche nur 
maximal erahnt werden konnte, statt auf Aufzeichnungen zu beru¬ 
hen. Die angebliche Schnelligkeit der muslimischen Eroberungen in 
Afrika und Spanien sowie die lange Dauer ihrer Herrschaft sind Ide¬ 
en, die aus der poetischen Rückschau und der legendären Erzählung 
herrühren. Ihre Herrschaft dürfte sicherlich lang gewesen sein, setzt 
aber die Annahme voraus, dass zwischen der arabischen Eroberung 
des Mittelmeers und der Einnahme Konstantinopels durch die Tür¬ 
ken zwei oder drei Jahrhunderte Barbarei lagen. Weiter können wir 
uns nur schwerlich die Begeisterung erklären, mit der sich die italie¬ 
nischen Gelehrten in der Epoche der Wiederentdeckung dem Latei¬ 
nischen und Griechischen hingaben, wenn diese Sprachen doch so 
fremd und tot waren, wie es die konventionelle Theorie annimmt. 


XXII. 



95 


Ich habe mich recht ausführlich mit Hallam beschäftigt, da der Mann 
so herausragend ist und die strenge Angewohnheit hat, die Beweis¬ 
mittel so sorgfältig abzuwägen, wie es ein Richter zu tun pflegt. 
Wenn ein Mann wie er einen unbefriedigenden Bericht über den 
Stand der Schriften in Europa vor dem Zeitalter der Veröffentlichun¬ 
gen erstattete, so lag dies daran, dass er die wenigen Schreiber, von 
denen die Ausführungen ursprünglich stammen, nicht ausreichend 
untersuchte; ganz gleich ob es sich um Mönche oder klassische En¬ 
thusiasten handelte - zwei Klassen von Männern, zwischen denen es 
wenig Sympathie gab. Ich möchte noch auf seine Betrachtung eines 
Gelehrten eingehen, dessen Bedeutung als Kritiker der Mönche noch 
nie gebührend gewürdigt wurde. Gemeint ist der lateinische Gelehr¬ 
te und Humanist Lorenzo Valla. Hallam erkennt, dass dieser Gelehr¬ 
te mit seiner Deklamation gegen die "Konstantinische Schenkung" 
und die weltliche Macht des Papstes im Endeffekt ein Gleichgesinn¬ 
ter Luthers ist, der auch in derselben radikalen Art schreibt. Wäre die 
kurze Erzählung von Vallas Leben, welche ihn dem 15. Jahrhundert 
zuordnet, außer Acht gelassen und die Datierung der Veröffentli¬ 
chung seiner Schriften (um 1543) beachtet worden, hätte man leicht 
erkannt, dass unter der Maske von "Lorenzo Valla" tatsächlich ein 
Verbündeter der Reformatoren steckt. Ebenso wird die Aussage im 
Werk über die "Eleganz des Lateinischen", dergemäß die klassischen 
Grundlagen neuartig sind und seit "vielen Jahrhunderten" niemand 
Latein sprechen oder lesen konnte, nur dann voll und ganz gewür¬ 
digt, wenn wir sie auf einen Schreiber des frühen 16. Jahrhunderts 
zurückführen. Es ist das einstimmige Zeugnis der kompetenteren 
Männer dieser Zeit. 



96 


Valla werden auch die frühesten Anmerkungen zum griechischen 
Testament zugeschrieben, das, wie Hallam glaubte (in Übereinstim¬ 
mung mit der kirchlichen Überlieferung), nicht den ursprünglichen 
Text der kanonischen Schriften darstellt. Nun hat sich gezeigt, dass 
Valla, obwohl er kompetent genug ist, die vielen Unfeinheiten der la¬ 
teinischen Version zu bemerken, nur mangelhafte Kenntnisse des 
Griechischen aufweist. Spätere Gelehrte meinten, dass er auch im La¬ 
teinischen keineswegs eine Vollkommenheit besaß, mit der er sich in¬ 
mitten der um ihn herum herrschenden Barbarei und Unwissenheit 
hätte rühmen können. 

Der Stand der Dinge bezüglich der Verfechter der klassischen Rein¬ 
heit, die, so wenige sie waren, allzu übertrieben in ihrer gegenseiti¬ 
gen Bewunderung auftraten, entsprach dem generellen Stand vor 
400 Jahren. Der sorgfältige Schüler wird zu beurteilen wissen, wie es 
in den Klöstern zuging, in denen nicht gearbeitet wurde um vorweg 
zuschreiten, sondern um bloß nicht hinter dem beginnenden Bil¬ 
dungsaufschwung zurückzubleiben. Die beste lateinische und grie¬ 
chische Schrift, die den "Kirchenvätern" zugeschrieben wird, ist zeit¬ 
gleich mit oder später als Valla zu verorten. Es gibt keinerlei Grund 
zur Annahme, dass die ältesten und primitivsten Manuskripte von 
Teilen des lateinischen Evangeliums sehr viele Jahrzehnte vor sol¬ 
chen Humanisten wie dem bemerkenswerten Schreiber von Valla 
stammen sollen, den wir herzlich als Feind der Täuschungen im 
klösterlichen und päpstlichen Interesse begrüßen dürfen. 

XXIII. 


Ich habe mich daher bemüht, den Verstand des Lesers auf eine neu- 



97 


erliche Überprüfung der Beweislage und eine Schlussfolgerung vor¬ 
zubereiten, die den unvorbereiteten Verstand in aller Regel zu über¬ 
raschen und zu schockieren vermag. Die von den Mönchen im Zeit¬ 
alter der Veröffentlichungen dargebrachte "Geschichte" war keine die 
auf authentischen Aufzeichnungen der Vergangenheit beruht. Es wa¬ 
ren lediglich möglichst glaubhafte Erfindungen, die den Ansichten 
der Klassen entsprachen, für die sie geschrieben wurden. Die Mön¬ 
che wussten um den tatsächlichen Zustand der Welt. Sie waren vor 
allem an der Herrschaft und dem Ruhm ihres eigenen Ordens inter¬ 
essiert. In der vorherrschenden völligen Unwissenheit und der bis 
zum großen Schisma fast vollkommenen Immunität vor dem Wider¬ 
spruch Außenstehender, skizzierten sie eine ferne Vergangenheit als 
Ursache für den Aufstieg der Kirche. Sie legten bestimmte Epochen 
fest, in denen sie Anfänge und wieder neue Anfänge datierten. 
Schrittweise enthüllten sie ihren Lesern einen langen imaginären 
Rückblick. Sie arbeiteten in Kollaboration und stets nach ihren 
Grundsätzen. Dabei teilten sie die Aufgabe, das große Schema aus¬ 
zufüllen, unter verschiedenen Mitgliedern auf. So verliehen sie Ihrer 
Kreation den Eindruck großer Substanz und allgemeiner Einheitlich¬ 
keit inmitten vieler Diskrepanzen, ähnlich denen, die ihre Architek¬ 
tur erzeugte. Sie unterwarfen sich die Vorstellungen der Welt. Gegen 
ihre Auferlegungen leisteten die Gelehrten, die einen höheren Wahr¬ 
heitssinn hatten, einen gewissen Widerstand, was sich angesichts der 
damaligen Bedingungen und der leidenschaftlichen Leichtgläubig¬ 
keit, die in allen Klassen herrschte, als wirkungslos erwies. Die Ver¬ 
fasser der klösterlichen Erfindungen haben es geschafft, dass diese 
Kritiker in hoffnungsloser Unterzahl sind und von den Gedankenlo¬ 
sen als überwältigt angesehen werden. Wenn der Glaube an die 
Mönche jetzt allgemein nachlässt, ist dies weniger den Bemühungen 



98 


einzelner fähiger und charakterstarker Männer geschuldet, sondern 
vielmehr der Verbreitung und Etablierung von Denkgewohnheiten, 
die mit dem bloßen Glauben unvereinbar sind. Dies ist der kurze Ab¬ 
riss der Wahrheit über die englische Geschichte und im Allgemeinen 
auch über die Geschichte des Westens, wie sie vor etwa 400 Jahren 
zu erzählen begonnen wurde. 


XXIV. 

Ich könnte noch viele weitere angesehene Männer anführen, die von 
der Tudor-Zeit bis zu den Vätern von Saint-Maur und darüber hin¬ 
aus damit beschäftigt waren, die Schriften der alten Benediktiner zu¬ 
sammenzustellen ohne jedoch zu verstehen, womit sie es eigentlich 
zu tun haben. Es dürfte aber sicherlich von Interesse sein, wenn ich 
mich auf einige wenige Namen von Schreibern beziehe, die in unse¬ 
rer Zeit lebten. Der Comte de Montalembert liefert in seinem um¬ 
fangreichen Werk über die Mönche des Westens einen sehr inter¬ 
essanten Überblick über die Legenden der Benediktiner. Er begann 
diese Arbeit mit einem starken Gefühl der Ehrfurcht und des Mit¬ 
gefühls gegenüber den Begründern des Christentums. Als er ihnen 
immer näher kam, war er jedoch scheinbar von einem gewissen 
Überdruss und einer Art Abscheu vor der Gier und dem Ehrgeiz die¬ 
ser Männer eingenommen, die sich selbst als "Männer Gottes" und 
Freunde der Armen darstellten. Die strengen Tadelreden eines so 
frommen und so gläubigen Mannes - denn er scheint ihre Wunder in 
seinem kindlichen Geiste anzuerkennen - sind außerordentlich be¬ 
eindruckend. Welche Qualitäten auch immer wir bei de Montalem¬ 
bert erwarten und zu finden hoffen, die kritische Auseinanderset¬ 
zung mit seinen Quellen war ihm unmöglich. Weiter ist in all seinen 



99 


Bänden kein einziges Wort aus authentischen Aufzeichnungen zu 
finden. 

Unser Landsmann Dekan Milman war ein Mann von erleuchtetem 
und philosophischem Geist. Auch er widmete sich in seinem Werk 
"Latin Christianity" der mühsamen Zusammenstellung benediktini- 
scher Erzählungen. Es ist ein langatmiges Werk, das dem wahrhaft 
aufmerksamen Leser den Eindruck völliger Unwahrheit bezüglich 
der kompletten Aneinanderreihung der Päpste hinterlässt, welche 
dazu diente, den weiten Raum von 1500 Jahren auszufüllen. Mit den 
seit dem Zeitalter der Veröffentlichungen gewonnenen Erfahrungen 
oder den allgemeinen Erfahrungen des menschlichen und geistlichen 
Wesens wird der Leser feststellen, dass die Dinge unmöglich so ge¬ 
schehen sein und auch generell niemals so ablaufen könnten; mit 
dem ständigen Auf und Ab von Fortschritt und Rückschritt in dieser 
weltlichen Szenerie. Milman untersuchte seine Quellen nicht. Er 
fragte sich nicht wann diese Zeilen denn geschrieben wurden. Der 
Gelehrte, der sich ernsthaft der Beantwortung dieser Frage widmet 
und sich auf die päpstlichen Biografien konzentriert, wird zweifellos 
zu der Schlussfolgerung gelangen, dass nicht eine dieser Biografien 
lange vor der Zeit von Platina und Stella ersonnen wurde und dass 
man sie sämtlich gemäß der poetischen Grundlage und dem de¬ 
duktiven Prinzip verfasste. 

Ferdinand Gregorovius, ein erst kürzlich verstorbener und hochver¬ 
dienter deutscher Gelehrter, hat uns ebenfalls eine umfangreiche 
Sammlung über die "Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter" hin¬ 
terlassen. Er behandelte hauptsächlich dieselben benediktinischen 
Legenden. Obwohl er als Freund der Freiheit und der säkularen Kul- 



100 


tur schrieb, war er nicht in der Lage, den verwobenen Fiktionen des 
Ordens auf den Grund zu gehen. Dennoch sind Gregorovius' An¬ 
sichten, die er am Ende eines jeden von ihm behandelten Jahrhun¬ 
derts über den Zustand der Schriften darlegt, für den kritischen Stu¬ 
dierenden durchaus wertvoll. Wie auch bei den entsprechenden Stel¬ 
len bei Hallam, stellen wir bei Gregorovius fest, dass nach dem Em¬ 
porsteigen von Kultur und dem hellen Schimmern erwachender In¬ 
telligenz immer wieder die Dunkelheit einsetzt, so dass die Welt am 
Ende des 15. Jahrhunderts ärmer an Kultur erscheint als nach den 
Katastrophen, die angeblich eintausend oder fünfhundert Jahre zu¬ 
vor auftraten. Einmal mehr wird das "Mittelalter" als nicht weniger 
traumhaft empfunden als jedes andere von menschlichem Verfall 
und Wiederaufkommen geprägte Zeitspanne. 

Wie hinsichtlich aller anderen zusammenstellenden Autoren, können 
wir aus Gregorovius den richtigen Nutzen ziehen, indem wir mit sei¬ 
nem letzten Band beginnen und uns die dort gesammelten Beweise 
gründlich erschließen, wodurch wir dann erkennen, wie unmöglich 
es für die Gelehrten des frühen 16. Jahrhunderts war, durch das vor¬ 
herige dunkle Zeitalter hindurch voranzuschreiten, geschweige denn 
durch eine noch frühere Zeit. 


XXV. 

Für diejenigen, die sich der Notwendigkeit bewusst sind, zum Ver¬ 
ständnis dieser Angelegenheiten ein möglichst weites Blickfeld ein¬ 
zunehmen, wird es nicht unverschämt erscheinen, wenn ich mich auf 
einige Meister der Kunst der historischen Fiktion beziehe, die einige 
Streiflichter auf das Wesen der "Geschichte" geworfen haben. Flenry 



101 


Fielding ist der Begründer einer neuen Art zu schreiben, die auf der 
genauen Erforschung der menschlichen Natur beruht. Möglicherwei¬ 
se entsprechen seine Figuren und Szenen nicht mehr unserem Ge¬ 
schmack, jedoch stehen die Genauigkeit der Wiedergabe seiner Zeit 
und die gewissenhaften Absichten des Künstlers außer Frage. Fiel¬ 
ding war ein bewundernswerter Kritiker der menschlichen Natur 
und somit auch der "Geschichte". Solch ein Mann hilft uns, die Un¬ 
wirklichkeiten der klösterlichen Romanciers zu verstehen, indem er 
sie stark kontrastiert. 

Fielding verweist auf die "erstaunliche Vielfalt" der menschlichen 
Natur und spottet freimütig über "Jahrhunderte mönchischer 
Dummheit, während die Welt zu schlafen scheint". Er ist sich der 
Macht, das Handeln eines Charakters vorherzusagen, bewusst und 
verzichtet als jemand, der sich die menschliche Natur erschlossen 
hat, nur selten darauf, sich als der früheste unserer Historiker darzu¬ 
stellen. "Die Wahrheit scheidet unsere Schriften von jenen faulen Ro¬ 
manzen, die voller naturwidriger Monster sind und übellaunigen 
Gehirnen entstammen." Er spricht mit seinen Lesern über die Wahr¬ 
scheinlichkeit einiger seiner Vorfälle. Aus diesem Grund ist er sehr 
bemüht, sich an das "gewaltige und authentische Buch der Natur" zu 
halten. Er legt Regeln fest, welche die Wenigen, die sich für ernsthaf¬ 
te Historiker hielten, sorgfältig beachteten. Er lehnt jede Gegebenheit 
ab "die niemals belegt wurde, da er sich so recht sicher sein kann, 
dass sie falsch ist". So mag er dem Wunderbaren anheimfallen, je¬ 
doch niemals dem Unglaublichen. Mit seiner Porträtierung "außeror¬ 
dentlich guter und außerordentlich schlechter" Menschen, präsen¬ 
tiert er uns ironischerweise den Kontrast zwischen sich selbst als 
"Privathistoriker" und dem anerkannten Historiker, der von "Auf- 



102 


Zeichnungen" gestützt wird. Er glaubt weder an diese Extreme noch 
an die plötzlichen Verwandlungen des Bösen ins Gute in populären 
Volksdramen. 

Fielding schreibt über die verächtliche Historikerzunft, die ihr Mate¬ 
rial nicht aus Aufzeichnungen bezieht und verwirft damit die "engli¬ 
sche Geschichte". Aus diesem Grund lehnt er es ab, seine Arbeit als 
Romanze zu bezeichnen. Seine Charaktere beruhen auf sicheren 
Quellen, "nicht minder als das Domesday Book selbst!" Er ergießt Sa¬ 
tire über die Pedanten, die ihre ganze Zeit in Kollegien sowie zwi¬ 
schen Büchern verbracht haben und inkompetente Historiker seien, 
da sie sich nicht mit der menschlichen Natur - so wie sie ist - ausein¬ 
andergesetzt haben. Niemals auf dieser Welt ist er dem "perfekten 
Vorbild" begegnet und auch nicht dem von der Tugend noch uner- 
lösten Monster. Er bestreitet rundweg, dass Tugend der sichere Weg 
zum Glück und Laster der zum Elend sei. 

Immer wieder erleben wir seine Verachtung für die "Ratsherren Ge¬ 
schichte" und "Monsieur Romance". Es scheint klar zu sein, dass er 
unsere Geschichte mit seinem so ausgeprägten Sinn für die Wahrheit 
als eine Reihe geistloser konventioneller Fabeln betrachtete, "die eini¬ 
ge drollige Autoren gerne die Geschichte Englands nannten". Die 
Kritik Fieldings mag "drastisch" sein, doch muss noch viel Unsinn 
aus dem Gedächtnis und den Vorstellungen der Menschen gestri¬ 
chen werden. 

Sir Walter Scott, einer der größten aller Literaten, hat nicht nur zwei 
seiner Romane der rundum-Schilderung eines Benediktinerkloster 
zur Zeit der Reformation gewidmet, sondern auch in anderen Wer- 



103 


ken über die klösterlichen Legenden geschrieben. Sir Walter benutzte 
die weichen und angenehmen Farben, die er so meisterlich be¬ 
herrschte, um die besseren Aspekte des Lebens der Klöster zu veran¬ 
schaulichen. Er protestierte gegen das harte Urteil, das teils gegen 
die Klöster gefällt wurde. Der "Abt" und das "Kloster" können viel¬ 
leicht als die besten Entschuldigungen für die Mönche angesehen 
werden die jemals geschrieben wurden. Doch Scott war zu sehr in 
der Materie, als dass er die große Gelehrsamkeit als Eigenheit der 
Klöster zur Zeit der Reformation oder irgendeiner vorhergehenden 
Zeit hat ausmachen können. Er war sich wohl bewusst, dass jedwede 
schreibende oder lesende Klasse, ob innerhalb oder außerhalb des 
Klosters, von nur sehr geringem Ausmaß war - eine Tatsache, die, 
wenn sie richtig wahrgenommen worden wäre, hinsichtlich des Stu¬ 
diums der englischen Geschichte einiges an Quälerei vermieden hät¬ 
te. 

Honore de Balzac, dessen sorgfältig ausgearbeiteten Fiktionen eine 
tiefere Wirkung der Realität auf den Leser haben als jede gewöhnli¬ 
che Geschichte, skizzierte in seinem Roman "Les Paysans" ("die Bau¬ 
ern") das Porträt eines abtrünnigen und entfremdeten Benediktiners 
unserer Zeit. Er präsentiert den Mann als einen bestimmten Typus, 
der in diesem Fall in der französischen Provinz lebt. Der Geiz, die 
Heuchelei, die Gier und die Völlerei eines Menschen, der im Kloster 
die Wissenschaft des Egoismus erlernt hat, geben keineswegs ein er¬ 
freuliches Bild ab. 

"Tiefsinnig wie ein Mönch, schweigsam wie ein Benediktiner 
bei historischen Arbeiten, trickreich wie ein Priester, absto¬ 
ßend wie ein Geizhals, immer knapp innerhalb der Grenzen 



104 


des Gesetzes; wäre dieser Mann Tiberius in Rom gewesen, Ri¬ 
chelieu unter Ludwig XIII., Fouche, wäre er ambitioniert ge¬ 
nug gewesen, zum Konvent zu gehen. Doch er hatte die Weis¬ 
heit, ein bescheidener Lucullus zu sein, ein üppiger Geizhals." 

Balzac bemerkt die insektenartige Geduld hinsichtlich der Notwen¬ 
digkeit, Anstand und Zurückhaltung zu wahren, welche diejenigen 
kennzeichnete, die unter der kirchlichen Disziplin der Klöster ge¬ 
standen hatten und zur Zeit der Revolution in der Welt vorankamen. 
Die große Aufgabe war längst beendet; und der Leser wird sich nicht 
vergebens mit der Beschreibung aus der Feder eines so vollendeten 
Lebensbeobachters befassen, sofern er den Verstand der Männer er¬ 
gründen will, die vor etwa 400 Jahren die Aufgabe antraten, französi¬ 
sche und englische Geschichte zu schreiben. 



105 


Kapitel I 

©et Stufstieg öes -Oröett* t»es (»eiligen 

23eneöt!t 


Ich bitte den Leser, sich in die Epoche hineinzuversetzen, in der die 
Druckerpresse in England eingeführt wurde und Heinrich Tudor in¬ 
folge der gewonnenen Schlacht von Bosworth den englischen Thron 
bestieg. Vor dieser Zeit wurde das Land durch den uns als "Rosen¬ 
kriege" bekannten Konflikt zweier Fraktionen in Spannung gehalten. 
Unsere Historiker bemerkten, wie dunkel diese Zeit ist, oder anders 
ausgedrückt, wie sehr es uns an vernünftigen Informationsquellen 
mangelt. Tatsächlich scheint sich hinter der schwach gezeichneten 
Gestalt Heinrichs und dem teuflischen Richard eine Mauer der Dun¬ 
kelheit zu erheben, welche dem Betrachter den Blick versperrt und 
die frühere Vergangenheit vor ihm verbirgt. Dies ist kein bloßes Phä¬ 
nomen der englischen Geschichte sondern eines der Geschichte des 
Westens, dessen Ursachen ich nun ausmachen will. 

Was genau sind die großen und massiven Monumente unserer engli¬ 
schen Vergangenheit? Die Antwort lautet: Es sind die großen Dom¬ 
bauten, die einst in Canterbury, Westminster sowie an vielen andere 
alten Sitzen der katholischen Religion erbaut und später vom Bene¬ 
diktinerorden in Besitz genommen wurden. Doch wie alt sind diese 
Dome? Bisher konnte diese Frage nicht eindeutig beantwortet wer¬ 
den. Ist es nicht ein bemerkenswerter Umstand, dass diese prächti¬ 
gen kirchlichen Paläste unter so immensem Arbeitsaufwand errichtet 
sowie mit so viel Gold verfeinert wurden und dennoch keine authen- 



106 


tischen Aufzeichnungen ihrer Entstehung zu uns durchgedrungen 
sind? Zwar gibt es Erzählungen der Mönche darüber, wie und wann 
ihre Kirchen eingeweiht wurden sowie Geschichten über frühere 
Holzbauten, Brände, dänische Verwüstungen und dergleichen, je¬ 
doch gibt es keine einzige Aufzeichnung, welche den modernen Sta¬ 
tistiker, Architekten oder Baumeister, der stolz auf jegliche Details 
seiner Kunst ist, annähernd zufriedenstellen würde. Obwohl diese 
Dunkelheit unsere Vorstellungskraft anzuregen vermag und wir uns 
eventuell mit diesem Mysterium abfinden müssen, so lehrt uns unse¬ 
re Intelligenz dennoch, dass es einer vernünftigen Erklärung für das 
Emporkommen dieser Gebäude bedarf. 

Sie wurden von Männern erbaut, die das Kreuzessymbol ehrten. 
Diese Männer bildeten eine der großartigsten Hierarchien, die die 
Welt jemals kannte und verfügten über einen großen Teil des Landes 
und dessen Einnahmen. Doch außer in Form von Fabeln und Allego¬ 
rien haben sie nicht bekundet oder dokumentiert, wie sie in England 
zu Herrschern oder Lords wurden und wie sie den Reichtum erwar¬ 
ben, der in diesen erstaunlichen baulichen Urkunden ihres Ehrgeizes 
dargestellt ist. Meine derzeitige Überzeugung, welche ich im weite¬ 
ren Verlauf beweisen möchte, ist die, dass es keine zeitgenössische 
Historie hinsichtlich der Gründung Westminsters oder einer anderen 
benediktinischen Gründung in Europa gibt. Wenn dem so ist, dann 
wird offensichtlich, dass diese kirchlichen Paläste entworfen und 
größtenteils fertiggestellt wurden bevor den Mönchen einfiel, dass es 
notwendig sei, Geschichte - oder was als solche durchgehen sollte -, 
zu schreiben. Das Bestreben des Ordens war es in diesem Fall, lange 
Zeit bevor er sich der Aufgabe der allgemeinen Literatur widmete, 
Land zu erwerben sowie Reichtum und Macht zu erlangen. 



107 


Wann erreichten die Mönche des Ordens des heiligen Benedikt diese 
Küste? An dieser Frage hängt die ganze Frage nach dem Ursprung 
des Christentums, denn es gibt allen Grund zur Annahme, dass sie 
zeitnah nach ihrer Ansiedlung in Frankreich auch bei uns und wie¬ 
derum schon bald nach ihrer Niederlassung in Italien in Frankreich 
eintrafen. Sie waren in ihren blühenden Tagen eine hoch militante, 
missionarische und aggressive Gesellschaft. Ihre frühesten Klöster 
waren, so bekunden sie selbst, Subiaco und Monte Cassino - "der Si¬ 
nai der neuerlichen göttlichen Zuteilung" in der Campagna. Diese 
Orte sind geweiht durch die ideale Verbindung mit dem heiligen Be¬ 
nedikt, dem Vater aller Mönche und Patriarchen und Gesetzgeber 
des Westens, dem mythischen Oberhaupt einer neuen Auslegung 
des göttlichen Wortes, dessen Regel von Bossuet zur Zusammenfas¬ 
sung des Christentums erklärt wurde. Zweifellos müssen wir, die 
wir im Christentum auf gewachsen sind, die Mönche und Nonnen 
der ersten und würdigsten aller christlichen Familien mit einer ge¬ 
wissen Verehrung betrachten. Darüber hinaus ist es müßig, in ir¬ 
gendeinem Teil der Welt nach urtümlicheren Christen zu suchen. 

Ich muss feststellen, dass die Auffassungen hinsichtlich des Erschei¬ 
nens der Benediktiner in England voller Absurditäten und Wider¬ 
sprüche sind. Ihr Dogma lautet, dass der heilige Benedikt im 6. Jahr¬ 
hundert nahezu ein Zeitgenosse Mohammeds war. Gemäß ihres ei¬ 
genen Dogmas konnten die Benediktiner somit nicht vor diesem 
Zeitalter hier oder anderswo in der westlichen Welt gewesen sein. Es 
gibt jedoch eine Erzählung, dergemäß der heilige Josef von Arimat- 
häa im ersten Jahrhundert nach Glastonbury kam und dort das 
Christentum eingeführt hätte. Es handelt sich dabei um eine schlich- 



108 


te benediktinische Fabel, welche keinerlei Verbreitung fand, bevor 
sie das Christentum in England einführten. Die Geschichte vom briti¬ 
schen Konvertiten König Lucius, angeblich aus dem zweiten Jahr¬ 
hundert, stammt ebenfalls von den Benediktinern. Sobald diese Fa¬ 
beln von keinem vernünftigen Menschen mehr geglaubt werden, 
wird das Ansehen der Benediktiner gänzlich dahin sein, da diese Er¬ 
findungen die Grundlage ihres Systems bilden. 

Der Glaube, der heilige Augustinus sei auf die Veranlassung Papst 
Gregors im späten sechsten Jahrhundert mit einer Gruppe von Mön¬ 
chen hierher gekommen, ist noch immer weit verbreitet. Wie M. de 
Montalembert in seinem Werk "The Monks of the West" hervorhebt, 
ist auch diese Geschichte rein benediktinischen Ursprungs. Doch 
mittels der Begutachtung des literarischen Beweismaterials geben 
sich auch der heilige Augustinus und Papst Gregor als Erfindungen 
der benediktinischen Vorstellungskraft zu erkennen. Daher haben 
wir noch zwingend die Epoche Ihrer Ankunft zu erörtern. 

Einige unserer Gelehrten, insbesondere Herr Soames, haben sich 
durch die Theorie hervorgetan, dergemäß sie im 10. Jahrhundert zu¬ 
sammen mit dem heiligen Dunstan erschienen sind. Im benediktini¬ 
schen System wird diese Zeit das obskure oder dunkle Zeitalter ge¬ 
nannt. Es ist das Zeitalter, in dem in Rom und anderswo allerlei un¬ 
vorstellbare Dinge getan wurden und man annahm, dass sich die 
Welt ihrem Ende näherte. Zusammen mit dem heiligen Dunstan 
selbst entpuppt sich dieses dunkle Zeitalter als retrospektive Schöp¬ 
fung benediktinischer Künstler, welche es sich Jahrhunderte später 
und genau zu diesem Zweck in den Schreibstuben der Klöster ge¬ 
mütlich machten. Die Benediktiner waren im 10. Jahrhundert de- 



109 


finitiv nicht in England, denn sie existierten noch gar nicht - in kei¬ 
nem Teil der Welt 60 . 

Sie geben vor, im 11. Jahrhundert die Kreuzziige angestiftet zu haben 
und bezeichnen das 12. Jahrhundert als das scholastische, welches 
sie mit Schriften schmückten, die einer Reihe idealer Schulmänner 
zugeschrieben wurden. Auch hier werden sie, sobald wir unsere 
Aufmerksamkeit auf die Beweise richten, der systematischen Täu¬ 
schung überführt, wodurch wir uns der vollkommenen Unkenntnis 
dessen gewahr werden, was in diesem Jahrhundert auf der Welt vor 
sich ging. 

Kommen wir direkt zum nächsten Punkt. Ein Phänomen von außer¬ 
ordentlicher Bedeutung erregt nun unsere Aufmerksamkeit. Es ist 
der Aufstieg der Einrichtung, die uns gemäß der jüdischen Tradition 
als Synagoge bekannt ist. Die ersten Orte des jüdischen Gedeihens 
und der jüdischen Kultur sind die Städte des Landes Sepharad - also 
Cordoba, Toledo und andere spanische Städte. Die Juden sagen, ei¬ 
ner ihrer Rabbiner sei Ende des 12. Jahrhunderts von Cordoba nach 
Kairo gezogen, habe unter den mohammedanischen Herrschern ge¬ 
dient, sei Anfang des 13. Jahrhunderts verstorben, wonach er eine 
Schule gegründet hätte und verkünden weiter, dass man glaubte, sei¬ 
ne Überreste seien in Hebron in Syrien begraben worden. Sie sagen, 
dass es unter den Rabbinern von Zarephath beziehungsweise Frank¬ 
reich Eifersucht auf seine Autorität gab, das Volk aber letztlich iiber- 
einkamen, sein Andenken als ihren größten Lehrer seit ihrer idealen 
Vergangenheit zu ehren und unternahmen Pilgerfahrten zu seinem 
Grab in Hebron. 

60 Wilhelm von Malmesbury und der Rest des über den heiligen Dunstan schrei¬ 
benden Benediktinerchors waren nicht vor dem 16. Jahrhundert bekannt. 



110 


Maimonides, dessen arabischer Name Ben Maimun lautet, und seine 
Geschichte stehen symbolisch für die Beziehung der Juden zu ihren 
älteren Brüdern, den Ismaeliten. Doch Maimonides gab den Juden 
ein Glaubensbekenntnis. Die heiligen hebräischen Schriften wurden 
nur unweit der Zeit des Maimonides verfasst. Daraufhin begann ihre 
Rezitierung in den Synagogen und die Kommentierung durch die 
Rabbiner. Es ist das ekklesiastische Dogma der Juden, dass die he¬ 
bräischen heiligen Schriften von immens hohem Alter waren. Aller¬ 
dings können wir mittels der Fakten zu ihren uns bekannten Schulen 
in Spanien, Frankreich und Deutschland scharf zwischen Idealem 
und Tatsächlichem in ihrer Geschichte unterscheiden. Es ist nicht so, 
dass sie irgendwelche konkreten Datierungen hätten, auch nicht zu 
Maimonides' Geburt oder seinem Tod. Weiter ist uns nicht bekannt, 
dass in dieser dunklen Zeit irgendwelche Menschen Verzeichnisse 
geführt hätten. Sie hatten keineswegs eine genauere Chronologie als 
andere Nationen. Die Rabbiner, die begünstigt durch die Wiederbe¬ 
lebung der Gelehrsamkeit 61 begannen, die Geschichte vom beiden 
des jüdischen Volkes aufzuschreiben, zeigen, wie wenig Konkretes 
doch über die Vergangenheit bekannt war. Sie wussten jedoch einige 
Details über die Verfolgungen. Ich kann mir aber durchaus vorstel¬ 
len, dass ihnen bekannt war, dass sie zu einer Gemeinschaft zusam¬ 
mengeschlossen wurden, welche das Andenken an ihren großen Ge¬ 
lehrten bewahrte. 

Die benediktinische Korporation kann nicht existiert haben bevor ih¬ 
ren Männern die heiligen hebräischen Schriften in irgendeiner Versi¬ 
on bekannt waren, denn ihr Eehrsystem basiert auf einer bestimmten 


61 


RR. Joseph ben Mair, A. Zacuto, D. Ganz. 



111 


Auslegung dieser Schriften. Sie werfen niemals die Frage nach der 
Authentizität der jüdischen Schriften auf und betrachten sie als un¬ 
umstößlich und offenkundig. Man kann sich nur sehr schwer vor- 
stellen, dass die Benediktiner irgendeinen religiösen Dienst in Eng¬ 
land oder anderswo ausübten, bevor sie z.B. den Psalter für den Ge¬ 
sang hatten, der eine ihrer Hauptbetätigungen dargestellt haben 
dürfte. Darüber hinaus geben sie in noch undatierten Schriften preis, 
dass das Neue Testament nach eines mit dem Alten Testament korre¬ 
spondierenden System erschaffen wurde. Das ist zwar nicht ihre ge¬ 
naue Ausdrucksweise, doch nur so kann der moderne Kritiker die 
Hinweise verstehen, welche sie selbst zu diesem Thema liefern. 

Abseits aller Mystifizierungen und Träumereien von einer imagi¬ 
nären Antike ist die allgemeine Tendenz der Beweismittel vollkom¬ 
men eindeutig. Die jüdischen Geistlichen verlautbaren, dass die 
christliche Kirche ein Kind des Judentums ist - ein Kind, das seine 
Mutter grausam missbraucht hat. Das älteste christliche Geschlecht 
gesteht im Neuen Testament ein, dass die Lehrer der Tora und der 
Mischna vor ihren eigenen Lehrern auf der Welt waren. Soweit stim¬ 
men sie also überein. Könnte man die Datierung der ersten außer¬ 
halb der Synagoge bekannten hebräischen Bibel feststellen, so würde 
dies eine wichtige Landmarke darstellen, denn früher kann die bene- 
diktinische Literatur nicht geschrieben worden sein. Nach diesem 
Zeitpunkt muss es einige Zeit gedauert haben, bis die Benediktiner 
aus ihrem Studium des "Alten Testaments", wie sie die heiligen he¬ 
bräischen Schriften nannten, ein weiteres Buch konstruiert hatten, 
das sie das "Neue Testament" nannten. 

Angesichts dessen, dass das Neue Testament die jüdische Überliefe- 



112 


rung zur Grundlage hat, ist selbst die Annahme, dass der Orden des 
heiligen Benedikt im späten 13. Jahrhundert existierte, noch äußerst 
ungesichert. Aus all ihren Schriften, Befindlichkeiten und ihrer Stel¬ 
lung in der Welt geht hervor, dass der Orden als Konkurrenzsystem 
zu den Juden geschaffen wurde. Dies geschah zu einer Zeit, in der 
die Juden sehr einflussreich waren und als sich seitens der Nationen 
des Westens leidenschaftliche Eifersucht und großer Neid auf sie ent¬ 
wickelte. Die gleichen Gedanken galten auch in Bezug auf die Mo¬ 
hammedaner. Der Grund dafür, dass die Juden tödlicher und rach¬ 
süchtiger angegriffen wurden war der, dass sie von ihrem Erschei¬ 
nen an als eigenständiges Volk auftraten, ein europäisches Volk wa¬ 
ren und darauf bestanden, inmitten ihrer Verfolger zu leben und zu 
gedeihen. Eines der effektivsten Mittel zur Zerstreuung der Illusio¬ 
nen über dieses Volk besteht darin uns dieser Tatsache gewahr zu 
werden. Die Überlieferung, welche die Juden mit den Arabern ge¬ 
mein haben, lehrte sie, verträumt nach Syrien als Sitz von Davids 
mystischem Thron zu blicken. Allerdings waren sie nach allem was 
uns bekannt ist in diesem Land niemals zahlreich oder glücklich. Sie 
besaßen nie ein Territorium und waren zu keinem Zeitpunkt in der 
Lage Armeen aufzustellen. Dennoch bestand ihr Schicksal darin, die 
Eroberung der Araber weiterzuführen, zu vervollständigen und sie 
in die westliche Vorstellungswelt zu verpflanzen. 

Um zur vorherigen Frage zurückzukehren: Wir werden nie genau 
wissen können, was in Europa während der langen Zeit vor sich 
ging, in welcher der Moslem das Mittelmeer beherrschte. Zum Wi¬ 
derstand gegen die Moslems könnte durchaus eine große Anzahl mi¬ 
litärischer Orden des Kreuzes gebildet worden sein, welche ohne 
Aufzeichnungen wieder verschwanden, um den Mönchen damit den 



113 


Weg zu bereiten. Doch gemäß allem, was uns ihre Dogmen und bös¬ 
willigen Theorien über die Orientalen offenbaren, können die Mön¬ 
che in keinem Teil der Welt vor dem 13. Jahrhundert bestanden ha¬ 
ben. Somit hätten sie in den beiden folgenden langen Jahrhunderten 
reichlich Zeit gehabt, sich in diesen freundlichen Tälern niederzulas¬ 
sen und diese enorme Dominanz über die Vorstellungskraft unserer 
Völker zu erlangen. Ihr hohes Ansehen und der enorme Reichtum 
wirkten niemals erstaunlicher als aus unserer jetzigen zeitlichen Di¬ 
stanz und im Licht des ständig zunehmenden Kontrastes zu unserer 
heutigen Kultur. 

Der Leser wird sich gewahr, dass wir dieses Thema erst dann voll¬ 
umfänglich betrachten können, wenn wir uns mit dem Zustand der 
Schulen, Bibliotheken und Bücher sowie mit dem allgemeinen Bil¬ 
dungsstand außerhalb der Klöster befassen. Die Mönche selbst wa¬ 
ren nach den Bezeugungen ihrer eigenen Schreiber gegen Ende des 
15. Jahrhunderts zutiefst unwissend und keineswegs lernfähig. Auch 
der diesbezügliche Zustand unter den Adligen und Laien außerhalb 
der Klöster war nach wie vor sehr düster. Unter den säkularen Ge¬ 
lehrten, die meist zugleich Geistliche waren, begann sich eine Neu¬ 
gier zu regen, sodass die Forderung nach Wissen über die Ver¬ 
gangenheit aufkam, welche ausschließlich vom vermeintlich ältesten 
der Orden erfüllt werden konnte. Dass hier und da ein einzelner 
Mönch auf die Idee kam Geschichte zu verfassen, obwohl es doch 
keine Klasse von Lesenden gab, ist eine der Absurditäten, die wohl 
überdacht zur Entlarvung des gesamten Fiktionssystems führt. 

Um es zusammenzufassen: Wir können die Epoche des Aufstiegs des 
Ordens beziehungsweise der christlichen Hierarchie im Allgemeinen 



114 


nicht ermitteln, wenn wir nicht zunächst die Epoche des Aufstiegs 
der Synagoge bestimmen. Die Arbeit der jüdischen Chronologen der 
Renaissance zeigt uns, dass sie keine Mittel hatten, die konkrete 
Wahrheit über ihre geistliche Antike in Erfahrung zu bringen. Wie 
die Mitglieder der anderen Gesellschaft, waren auch sie gezwungen, 
die Lücke mit Namen und literarischen Werken zu füllen, die in ei¬ 
ner künstlichen chronologischen Rückschau angeordnet wurden. 
Höchstwahrscheinlich war die Masse der rabbinischen Schriften, die 
während der Wiederentdeckung der Schriften in die italienischen 
Druckerpressen verbracht wurden, hauptsächlich das Werk der vor¬ 
angegangenen hundert Jahre. Die Rabbiner hatten beachtliche 
Kenntnisse in Latein und Griechisch, doch gemäß den einzigen dies¬ 
bezüglichen Ausführungen, welche uns zur Verfügung stehen, näm¬ 
lich denen der Humanisten des späten 15. oder frühen 16. Jahrhun¬ 
derts, begann die lateinische und griechische Kultur erst Ende des 
15. Jahrhunderts und dies auch nur sehr langsam. Angesichts der li¬ 
terarischen Beweislage scheint es unmöglich, weiter als über die 
letztgenannte Epoche hinaus zurück zuschreiten. Wie lange vor die¬ 
ser Zeit eine dieser Gemeinschaften bereits existiert haben mag, kann 
gegenwärtig nur eine Frage von Vermutungen sein. Die Jesuiten und 
die Church of England sind Einrichtungen des 16. Jahrhunderts. Im 
Lichte der Beweise ist es unvorstellbar, dass irgendeine christliche 
Hierarchie bereits viele Jahrhunderte vor ihnen existiert haben soll. 



115 


igitjritel II 

©ie bcnetrtttnfec^c 2(rcbüeftut 


Sir Christopher Wren war meines Erachtens der erste englische Ge¬ 
lehrte, der sich ernsthaft mit der christlichen Architektur befasste 
und zur Überzeugung kam, dass es sich dabei um eine Nachahmung 
der Architektur der Mohammedaner handelt. Seine Begutachtungen 
der Kathedrale von Salisbury und anderer Beispiele des sogenannten 
"gotischen Stils" veranlassten ihn dazu, Nachforschungen über ihren 
Aufstieg und ihre Entwicklung anzustellen 62 . Ungeachtet der seiner 
Zeit falschen Ansichten hinsichtlich der chronologischen Beziehung, 
in welcher die beiden religiösen Systeme zueinander standen, sah 
Wren, dass unsere Kathedralen - um seine eigene Phrase zu verwen¬ 
den - von "sarazenischer Architektur sind, welche die Christen le¬ 
diglich noch verfeinerten". Während des "Heiligen Krieges" lernten 
die Christen, ihre sakralen Bauten nachzuahmen. Weiter wurde in 
dieser Zeit die Bruderschaft der Freimaurerei gegründet. 

Die Freimaurer setzten sich laut Wren aus Italienern, unter denen ei¬ 
nige griechische Flüchtlinge aus dem Osten waren, sowie aus Fran¬ 
zosen, Deutschen und Flamen zusammen. Als sie vernahmen, dass 
die Massen aus Gottesfurcht Kirchen zu erbauen gedachten, zogen 
sie von Fand zu Fand. Sie verfügten über eine Verwaltung und 
pflegten ihre Lager auf Hügeln in der Nähe der Gebäude aufzustel¬ 
len, welche sie gerade in ihrer Obhut hatten. Es gab einen Chefver¬ 
messer; und jeder zehnte Mann war Aufseher oder der Vorarbeiter 
für die anderen neun. Der Adel des Umlands stellte aus Nächstenlie- 


62 


Dodsworth, "History of Salisbury Cathedral" 



116 


be oder um Buße zu tun die Materialien und Transportmittel. Der 
Kirchturm stellt den Stolz der christlichen Architektur dar, so wie die 
Kuppel den der Mohammedaner repräsentiert. So kontrastiert der 
Wiener Stephansdom den "sarazenischen" Markusdom in Venedig. 63 

Wren hielt den "gotischen Stil" für eine "geniale Kombination der 
den nördlichen Klimazonen entsprechenden Arbeiten", der jedoch zu 
fantastischer Barbarei neige. Er selbst war Bewunderer des rein römi¬ 
schen oder klassischen Stils, der ihm nach zeitgleich mit dem reinen 
Latein des augusteischen Zeitalters wiederbelebt wurde. Die klassi¬ 
sche Architektur und die Literatur sind somit Teile desselben Phäno¬ 
mens menschlichen Geistes. Die sogenannte "sarazenische" und die 
"gotische" Architektur - mit anderen Worten die muslimische und 
die klösterliche - stellen zusammen mit der entsprechenden Litera¬ 
tur ein weiteres Phänomen dar. Owen Jones, ein Mann unserer Zeit, 
schrieb, dass die Alhambra mit dem Koran und die Kathedrale mit 
der Bibel verglichen werden muss. 

Elias Ashmole, ein Zeitgenosse Wrens, war glühender Preimaurer 
und beschäftigte sich mit einem Teil der sagenumwobenen Altertü¬ 
mer des Benediktinerordens. Zu Ashmoles Zeit besagte die Überlie¬ 
ferung, dass "der heilige Alban, der Protomärtyrer Englands", bei 
uns die Preimaurerei einführte; dass König Aethelstan ihnen in "der 
angelsächsischen Zeit" eine Charta verlieh; dass sie in "der norman¬ 
nischen Zeit" die königliche Gunst genossen u.s.w.. Der gesamte 
Rückblick basiert auf benediktinischen Pabeln. Die Einweihung in 
den Orden soll einer benediktinischen Einweihung gleichen. Es 
heißt, den Freimaurern wäre zur Zeit Heinrichs III. eine Bulle ge- 

63 Siehe "Biog. Britann.'', Art. "Wren;" Dodsvvorth, "History of Salisbury Cathe- 
dral" 



117 


währt worden, die ihnen ermöglichte bei Ihren Besorgungen frei 
durch Europa zu reisen. 

Man glaubte, dass ihre unverbrüchliche Geheimhaltung und gegen¬ 
seitige Treue sie in schwierigen Zeiten der Verfolgung ausgesetzt 
hatte. Doch wir haben selbst aus der Zeit der Rosenkriege keine au¬ 
thentischen Informationen über die Freimaurer. Einige vermuteten, 
dass sie durch ein Statut Heinrichs VI. aufgelöst und ihre Ver¬ 
sammlungen unter strenge Strafen gestellt wurden. Andere sagten, 
dass Heinrich VI. und einige seiner Hofgefährten Mitglieder der Gil¬ 
de waren. Später glaubte man, die Freimaurer seien Anhänger des 
Hauses York und der kluge Heinrich VII. Hätte einige seiner Partisa¬ 
nen als Spione in die Freimaurerei eingeschleust. Solche Annahmen 
stehen im Einklang mit den allgemeinen Vorstellungen hinsichtlich 
des politischen Zustands unter dem ersten Tudor-König, jedoch ste¬ 
hen uns zu dieser Epoche nur äußerst wenige authentische Informa¬ 
tionen zur Verfügung. 

Wir können lediglich unseren allgemeinen Eindrücken trauen. Am 
Ende des "Mittelalters" beziehungsweise zu Beginn unserer moder¬ 
nen Kultur stellen wir anhand der Beweislage des 16. Jahrhunderts 
fest, dass alle handwerklichen Bünde und Gesellschaften mehr oder 
minder unter dem Einfluss und der Kontrolle der regierenden Abte 
des Benediktinerordens tätig waren, und dass die konkrete Ge¬ 
schichte ihres Aufstiegs und Fortschritts entweder unbekannt oder, 
sofern doch bekannt, bewusst hinter fabelhaften Nebelschwaden ver¬ 
borgen wurde. Bis heute ist nicht bekannt, wann der Grundstein für 
Westminster gelegt oder die Kapelle des Heiligen Benedikt fertigge¬ 
stellt wurde. Wenn die mit diesem "auf der ganzen Insel größten 



118 


Heiligtum und Sammelplatz der Andacht" (Howell, 1657) verbunde¬ 
ne Geschichte der Freimaurer nicht zurückverfolgt werden kann, so 
können auch hinsichtlich aller anderen Elemente der Christenheit le¬ 
diglich Vermutungen angestellt werden. 

Die Quellen - zunächst unerheblich, ob wahrhaftig oder gefälscht - 
unseres Wissens über Westminster sind zunächst die Archive im 
"Muniment Room" der Abtei. Sie wurden erst im 16. Jahrhundert zu¬ 
tage gebracht. Dann wären da noch die Kapitelbücher, die erst mit 
dem Jahr 1542 beginnen und eine Lücke für die Zeit von 1554 bis 
1558 aufweisen, der Zeit des letzten Abtes, Feckenham. Die dem 
"Abt Ware", vorgeblich aus dem 13. Jahrhundert, zugeschriebenen 
"Bräuche" lassen sich nicht weiter zurückverfolgen als bis zur Biblio¬ 
thek von Sir Robert Cotton, der zu der Zeit, in der das erste Interesse 
an Altertümlichkeiten aufkam, eine große Menge gefälschtes Ma¬ 
terial anhäufte. Es wird sich zeigen, dass kein Benediktinerkloster je¬ 
mals echte Denkmäler aus dem 13. Jahrhundert besaß. Wie alle ande¬ 
ren Klöster begründet auch das von Westminster seine Heiligkeit da¬ 
mit, die Grabstätte von Heiligen und Fürsten zu sein. Die Bestat¬ 
tungsregister beginnen jedoch erst im Jahr 1606. Eventuell gar am 
schwersten wiegt, dass sich der unter dem Namen "Flete" auftreten¬ 
de Prior des Klosters erst im späten 15. Jahrhundert daran gemacht 
haben soll, die Geschichte von der Gründung bis zum Jahr 1386 dar¬ 
zulegen. Diese Chronik ist nicht nur äußerst dürftig, sondern von 
Anfang bis Ende fabelhaft und voller Nebensächlichkeiten, die nie¬ 
mandem von Nutzen sind - erst recht nicht dem modernen Forscher. 

Nach all der liebevollen Sorgfalt, mit der Dekan Stanley die Fabeln 
über die Abtei sammelte, bleibt es dennoch unmöglich, den Bauten- 



119 


technischen Stand der Dinge bei der Thronbesteigung Heinrichs VII. 
festzustellen. Abt Islip (1500-1532) soll die Fertigstellung der Kapelle, 
die den Namen dieses Monarchen trägt, gesehen haben. Weiter hätte 
er noch erlebt, wie die westlichen Türme die Höhe des Kirchendachs 
erreichten. Hier in London wie auch im gesamten Christentum 
zeichnet sich das Ende des Mittelalters durch überschwängliche Auf¬ 
wendungen für Kirchenarchitektur aus - oder in der Worten Stan- 
leys: "Das letzte Aufblühen der klösterlichen Architektur fiel mit ih¬ 
rem bevorstehenden Untergang zusammen." Das bauliche Denkmal 
der Abte bleibt erhalten, während sie selbst völlig im Dunkeln blei¬ 
ben. 

Stanley kommentiert die Bedeutungslosigkeit und die Inaktivität der 
Kenobiten in Westminster bis zum Zeitpunkt ihrer Auflösung. Er 
weist darauf hin, dass sich all ihre Gedanken um die Vorstellungen 
von Eigentum und Jurisdiktion drehten, wie auch die der Mönche 
vom Berg Athos. Er weist auf die Verfassung von Monte Cassino im 
Jahr 1868 hin, dessen damalige Gelehrsamkeit die Sympathie Euro¬ 
pas einforderte. Dann fügt er hinzu: "Diejenigen, die die letzten Tage 
von Vallombrosa miterlebt haben, müssen seufzend eingestehen, 
dass ihre Genossen genau wie die der alten Abtei von Westminster 
nichts zu den allgemeinen Kenntnissen der Christenheit beigetragen 
hatten." 

Die ganze Frage nach dem Aufstieg der westlichen Kir¬ 
chenarchitektur führt somit zur Frage nach der Wahrscheinlichkeit 
oder einer Kombination von Wahrscheinlichkeiten. Wie hoch ist das 
wahrscheinliche Alter einer Kunst, die zu Beginn unserer modernen 
Kultur ihre Reife erreichte? Wie lange bevor sie es für notwendig er- 



120 


achteten, Literatur im Interesse ihres Systems zu verbreiten, mag es 
her sein, dass diese ambitionierten Gebäude zur Verherrlichung ihrer 
Hierarchie entworfen und errichtet wurden? Es gab eine Zeit, in der 
die einzige intellektuelle Betätigung der Mönche scheinbar in der 
"ewigen Lobpreisung" oder dem Singen des Psalters und dem "un¬ 
aufhörlichen Gebet" bestand. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts war 
die Bibel nur in Form von kurzen Lesungen oder Einzelschritten be¬ 
kannt. Wenn diese Punkte wohl bedacht werden anstatt sie einfach 
zu übergehen, wird man sich kaum noch vorstellen können, dass die 
benediktinische Architektur in einer solch frühen Epoche wie all¬ 
gemein angenommen entstanden sein soll. 

Die Fragestellung muss irgendwie zu einer vernünftigen Lösung ge¬ 
führt werden. Es sei daran erinnert, dass eine der frühesten Kirchen¬ 
liturgien - wahrscheinlich sogar die früheste - die mozarabische ist. 
Sie wird mit dem Wirken von Kardinal Ximenes in Verbindung ge¬ 
bracht, dem Schutzpatron der Gelehrten, der zu Beginn des 16. Jahr¬ 
hunderts in Spanien die erste polyglotte Bibel produzierte. Sollen 
wir etwa annehmen, dass vor der Ausübung des mozarabischen Ri¬ 
tuals in den Klöstern ein anderes Ritual verwendet wurde, das noch 
näher mit dem der Araber verbunden war? Es gibt keine direkten 
Hinweise darauf und somit auch keinen Raum für die Vorstellung ei¬ 
ner katholischen Kirche, die Riten besaß, die völlig unabhängig von 
denen des Judentums waren und bereits existierte, bevor ihre Geistli¬ 
chen begannen, die heiligen hebräischen Schriften zu verwenden 
und ihren wohl überlegten Angriff auf das jüdische Volk auszufüh¬ 
ren. Ich belasse es bei der Feststellung, dass die Klostergebäude zu¬ 
mindest um einiges jünger als angenommen sein müssen und die 
Theorie von "angelsächsischen", "normannischen" und "englischen" 



121 


Stilen lediglich Teil der Theorie der englischen Geschichte ist, die ich 
auf diesen Seiten zu erklären gedenke. Ich darf hinzufügen, dass un¬ 
ser Land durchaus Experten für Architekturforschung birgt, die sich 
davon überzeugen ließen, dass wir in England oder im Westen nichts 
von so enorm hohen Alter haben, wie es uns die Überlieferung weiß 
machen will 64 . Uns muss klar sein, dass "antik" ein sehr relativer Be¬ 
griff ist, der keinen genauen Wert hat, wenn die Menschen kein kor¬ 
rektes Maß für die vergangene Zeit haben, wie es auch in der Tudor- 
Zeit der Fall war. Die auf den Palast und das Kloster von Westmins- 
ter bezogenen Legenden, welche man gerade in Umlauf zu bringen 
begann, wurden niemals mittels echter Register der Abte und ihrer 
Werke bestätigt. 


64 


Ich spiele besonders auf Fergusson an. 



122 



123 


«ctpüel III 

©er Aufstieg t>er berteDtCftni«ert 
£üeratur 


Wenn wir nun davon ausgehen, dass der Benediktinerorden nicht 
vor dem "13. Jahrhundert" gegründet worden sein kann, dann kön¬ 
nen wir auch durchaus annehmen, dass die großen missionarischen 
Unternehmungen der Benediktiner im darauffolgenden Jahrhundert 
auf Sizilien sowie in Frankreich, Spanien, England und Deutschland 
begannen. Sie erwarben Land, bauten Klöster und Kirchen, gaben 
sich als Herren oder Gebieter und halfen bei der Einrichtung der 
päpstlichen Monarchie, deren frühester Sitz scheinbar das stark be¬ 
festigte Kloster am Monte Cassino war. Es war von Beginn an ihre 
Strategie, um die Gunst der Adligen beziehungsweise der wichtigen 
Männer eines jeden Landes zu werben und die Oberhand über ihre 
Gedanken zu gewinnen, um sie zu unterwürfigen Instrumenten die¬ 
ser neuen Monarchie zu machen. Diese Verbindung von weltlicher 
und geistiger Macht stellte eine Nachahmung der Mohammedaner 
dar. Der Papst war der Großkalif der Nazarener. Wir täuschen uns 
nicht, wenn wir ihn im Rahmen einer allegorischen Romanze als 
stolzen Abt der Abte auf dem Monte Cassino entdecken. 

Die Spuren der Benediktiner verlaufen in verschiedene Richtungen. 
Gekennzeichnet sind sie zunächst jeweils mit den Namen ihrer idea¬ 
len Heiligen; und später mit den Namen ihrer berühmten Literaten, 
also Cassiodor in Kalabrien, der heilige Placid auf Sizilien, Isidor in 
Sevilla, der heilige Maurus, Gregor von Tours, Augustinus, ein Beda 



124 


in Wearmouth u.s.w.. Als sie das zu schreiben begannen, was man 
Geschichte nannte, nutzten sie den Vorteil, ihre Produktionen unter 
denkwürdigen Namen veröffentlichen zu können, die bereits be¬ 
kannt waren und im öffentlichen Kultus gepriesen wurden. Wir kön¬ 
nen die vorliegende Frage erst richtig verstehen, wenn wir erkennen, 
dass das Ideale dem Realen immer und in jedem Aspekt ihrer me¬ 
thodischen Anstrengungen vorausging. Sie fantasierten von berühm¬ 
ten Gelehrten aus fernen Zeiten und noch bevor sie sich hinsetzten, 
um Werke unter diesen Namen zu schreiben, machten sie bereits 
Werbung für sie. Der Vorgang dürfte jedem aufmerksamen Schüler 
dieser Literaturkataloge deutlich werden. 

Soweit es möglich ist, wollen wir nun die Anfänge der be- 
nediktinischen Schulen ermitteln. Um ein Gefühl für diese Frage zu 
bekommen, möchte ich den Leser bitten, für einen Moment seinen 
Standpunkt hinsichtlich des "dunklen Mittelalters" aufzugeben und 
sich der Zeit der reformierten Benediktiner von Saint-Maur zu wid¬ 
men, zu denen die sehr gelehrten Väter Mabillon, Montfaucon, D'A- 
chery und einige andere gehörten. Erst zu ihrer Zeit (vor etwa 200 
Jahren), die reich an Gelehrten mit außergewöhnlichen Fähigkeiten 
war, wurde die Masse der benediktinischen Literatur vollumfänglich 
bekannt und kritisch untersucht. Als die kritischen Untersuchung 
begannen, wurden sie leider sehr bald unterdrückt, brachten jedoch 
einige sehr bemerkenswerte Ergebnisse zu Tage. 

Scheinbar betrachteten die Jesuiten die Benediktiner von Beginn an 
mit Eifersucht und einem gewissen Misstrauen. Die Jesuiten waren 
Anhänger der päpstlichen Monarchie und strenge Gegner der Lollar - 
den, Lutheraner und anderer protestantischer Ketzer. Diese Häreti- 



125 


ker beriefen sich auf das Neue Testament und die Schriften der "Kir¬ 
chenväter und -lehrer", also auf die Schriften, die in den Klöstern der 
Benediktiner und anderer mit ihnen verbundenen Orden verfasst 
wurden. Luther selbst war ein Augustinermönch und einst als Bru¬ 
der Augustinus bekannt. Die Samen der Ketzerei wurden von den 
Mönchen, Ordensbrüdern und dem Kanon selbst ausgesät. Das Kon¬ 
zil von Trient, von dem wir die ersten authentischen Informationen 
haben, sah keine Möglichkeit, die Schriften der "Kirchenväter" zu er¬ 
setzen. Es war den Jesuiten des darauffolgenden Jahrhunderts Vorbe¬ 
halten, die vorgeblich alten Dokumente der Benediktiner in Zweifel 
zu ziehen. 

Die Echtheit ihrer Urkunden wurde von Pater Germon und Anderen, 
die ihren Verdacht mittels der Werke von Mabillon und Montfaucon 
leicht begründen konnten, stark in Frage gestellt. Man bot ihnen Stel¬ 
lungnahmen an; die Frage wurde als heikel empfunden und das wei¬ 
tere diesbezügliche Streben der Jesuiten wurde von ihren eigenen 
Oberen unterbunden. Ein Gelehrter dieser Gesellschaft - möglicher¬ 
weise der größte, den sie jemals hervorgebrachte - blieb jedoch 
standhaft. Seine Aufdeckung des mönchischen Betruges ist das be¬ 
merkenswerteste Ereignis, das sich in kirchlich-literarischer Hinsicht 
jemals ereignete. Ich beziehe mich auf Pater Hardouin. 

Hardouin verbrachte sein Leben mit Tätigkeiten in der Bibliothek. 
Als er, wie er selbst berichtet, einem Schwindel in den Augustinus 
und dessen Zeitgenossen zugeschriebenen Schriften auf die Schliche 
kam, war er bereits im hohen Alter. Im November weitete sich sein 
harter Verdacht auf alle "Kirchenväter" aus und im Mai 1962 hatte er 
das ganze System erkannt. Er fertigte lange Auszüge der griechi- 



126 


sehen und lateinischen "Väter", Cyrill, Theodoret, Augustinus, Hie¬ 
ronymus u.s.w. an und hatte sich davon überzeugen können, dass 
diese Schriften Teil eines Literatursystems waren, das von Mönchen 
und Ordensbrüdern im, so glaubte er, 14. Jahrhundert erfunden und 
ausgearbeitet wurde. Hardouin bestand darauf, dass es ein Jesuit 
sein müsse, der diese Betrügereien aufdeckt, da es keine weitere ka¬ 
tholische Gemeinschaft gegeben habe, die sich nicht von falschen 
Schriften beeindrucken lassen hat, die unter den Namen angesehe¬ 
ner Männer geschrieben wurden. 

Er sagte, die Dominikaner hatten "Thomas von Aquin", "Vincent von 
Beauvais" und Andere; die Franziskaner "Bonaventura" und "Scotus"; 
die Karmeliter "Thomas Waiden" u.s.w.. Er fügte hinzu, dass die Be¬ 
nediktiner jedoch gleich eine ganze Legion falscher Schreiber besä¬ 
ßen. Hardouin kombinierte seine Literaturkritik mit theologischem 
und polemischen Stoff. Dies tat er auf eine Weise, die einem weltli¬ 
cheren Studierenden durchaus missfallen könnte. Da sie jedoch un¬ 
widerlegbar sind, wurde den von ihm gegen die alten benediktini- 
schen Schriften vorgebrachten Punkten niemals etwas entgegnet. Ich 
kam auf meinem etwas anderen Weg zu ähnlichen Schlussfolgerun¬ 
gen und kann Hardouin somit im Großen und Ganzen nur bestäti¬ 
gen. 

Erst 1754 veröffentlichten zwei benediktinische Gelehrte eine Litera¬ 
turgeschichte des Ordens, in der einige äußerst interessante Hinwei¬ 
se auf Pater Hardouin zu finden sind. Ich möchte dem Leser eine be¬ 
merkenswerte Bibliotheksszene vor Augen führen. Scheinbar be¬ 
suchte Angelo Maria Quirinus, ein angesehener Benediktiner, der 
später Kardinal wurde, Hardouin im Jahr 1711 in Paris. Sie unterhiel- 



127 


ten sich über die Fragen, welche durch die wohlbekannten Ansichten 
Hardouins aufgeworfen wurden. Hardouin behauptete eindringlich, 
das Christentum habe keine authentischen Dokumente außer der 
Vulgata-Bibel, den Dekreten des Konzils von Trient und ein paar 
Münzen. Die beiden Gelehrten gingen in der Bibliothek auf und ab. 
Der Benediktiner war dem Jesuiten nicht gewachsen. Um der Unter¬ 
haltung eine ihm genehme Wendung zu verleihen, griff Quirinus 
nach einer Buch-Atrappe mit einem fiktiven Titel, die in einem der 
Regale stand und rief triumphierend aus, dass dies ein Betrug sei, 
der nicht in den Bibliotheken der Mönche erfunden wurde! 

Der Schwachpunkt in Hardouins Argumentation bestand offensicht¬ 
lich in seinem Festhalten am hohen Alter der Vulgata, während er in 
Bezug auf die Schriften derer, durch die wir von einer Vulgata wis¬ 
sen, jedoch genau diese Altertümlichkeit leugnet. Doch Hardouin 
war ein Priester und musste diese Frage somit irgendwann angehen. 
Aus anderen Teilen seiner Literatur geht hervor, dass er, hätte er von 
der Verteidigung der Vulgata abgelassen, Zuflucht in einer rein mys¬ 
tischen Argumentation gesucht und darauf bestanden hätte, dass das 
Sakrament dem frommen Katholiken eine unmittelbare Offenbarung 
Gottes bot. Er war sich der generellen Gefahr bewusst, sich auf "Ge¬ 
schichte" aus der Zeit vor dem Konzil von Trient zu berufen. 

Häufig erspart ein Exkurs in diesen Stoff dem Studierenden lange 
Umwege. Als Hardouin erklärte, dass das Zeitalter, in dem er lebte, 
das erste wirklich kritische in der Kirchengeschichte sei, hatte er ab¬ 
solut recht. Es war das Zeitalter von Richard Simon, Le Clerc, Lowth 
und vielen anderen bewundernswerten Gelehrten. Während er Har¬ 
douins Selbstsicherheit, Arroganz und Unbesonnenheit anklagte. 



128 


legte Lowth (1661-1732) jedoch ein sehr ehrenvolles Zeugnis für das 
Genie Hardouins ab. Sobald einst eine neuer Schlag wirklich kriti¬ 
scher Gelehrter auf den Plan tritt, wird man Hardouin für seine Stu¬ 
dien gebührend würdigen. Man wird zudem erkennen, dass er den 
kühnsten aller uns bekannten Versuche unternahm, die Gewis¬ 
senhaftigkeit eines Priesters mit der eines Historikers in Einklang zu 
bringen; und nur Wenige ernsthaft hoffen können, Erfolg zu haben, 
wo er gescheitert ist. 

Wir fassen zusammen: Erst 200 Jahre nach der Einführung der 
Druckerpresse wurde die benediktinische Literatur erstmals mit 
kritischen Ansichten konfrontiert. Ihr Anspruch auf Echtheit und 
Antike wurde in diesem Zuge eindeutig widerlegt - in gewisser Hin¬ 
sicht zu früh, in anderer zu spät. Wir werden jetzt besser darauf vor¬ 
bereitet sein, zu verstehen, wie es den Mönchen möglich war, diesen 
Anspruch geltend zu machen und wie er zu einer Zeit gewährt wur¬ 
de, in der es nahezu einen Wahn für falsche Antike gab und kein Ge¬ 
lehrter ausgeprägte Fähigkeiten in Sachen kritischer Betrachtung all 
dessen voweisen konnte. 

In diesem Zusammenhang möchte ich den Leser an die Arbeiten ei¬ 
niger unserer englischen Gelehrten des späten 17. Jahrhunderts zur 
benediktinischen Literatur erinnern. Seit der Zeit von Königin Elisa¬ 
beth und König Jakob gelangten die Manuskripte in die Hände von 
Cotton, Spelman, Seiden und Anderen, jedoch ohne, dass diese den 
Inhalt sorgfältig durchgesehen oder ihn gar einer genauen und kriti¬ 
schen Untersuchung unterzogen hätten. Sir William Dugdale, der 
zur selben emsigen Zunft zählt, veröffentlichte 1655 den ersten Band 
seines großartigen Werkes "Monasticon Anglicanum", ein Repertoire 



129 


der Dokumente der Benediktiner und der mit ihnen verbundenen 
Orden. Die restlichen Bände erschienen 1661 und 1673. Sie enthalten 
eine Vielzahl im Interesse des Ordens gefälschter Dokumente. Die 
Schenkungsurkunden waren zu zahlreich, um veröffentlicht zu wer¬ 
den. 

Füller zerstörte jegliches Vertrauen in die klösterlichen Schreiber und 
zeigte auf, dass unsere frühe Kirchengeschichte lediglich eine Ro¬ 
manze ist. Indem er darlegt, dass die Kirche in Großbritannien nicht 
von den Aposteln gegründet wurde, bestritt er damit folglich auch 
das Dogma, auf dem die gesamte Geschichte des Westens beruht. 
Doch nach seinem Tod traten die Dummköpfe, die sich über ihn em¬ 
pörten, wieder die Herrschaft in der Welt der Schriften an. Die 
Sammler und Verwalter von Fabeln waren stets in überwältigender 
Mehrheit, sodass unsere Schreiber die englische Geschichte, gegen 
nur geringen Protest wieder um die Masse der klösterlichen Erzeug¬ 
nisse anreichern konnten, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhun¬ 
derts zu Tage gefördert wurden. Nach der Ansicht vieler scheint Ver¬ 
logenheit von der Zeit begünstigt zu werden 

Ich möchte noch das Werk "Nordic Languages" von Dekan George 
Hickes erwähnen. Es wurde Anfang des letzten Jahrhunderts veröf¬ 
fentlicht. Er macht darin einige sehr scharfe Bemerkungen auf Kos¬ 
ten von Dom Mabillons 65 bekanntem Werk "De Re Diplomaticä", wel¬ 
ches auch bereits Gegenstand der Kritik der jesuitischen Gelehrten 
war. Der moderne Gelehrte wird bei der Begutachtung dieser Kon¬ 
troverse zu dem Schluss kommen, dass es unmöglich gewesen wäre, 

65 "Dom" ist eine von Dominus abgeleitete Anrede, welche für die Benediktiner 
und die Mönche von anderen Orden verwendet wird, die sich der Benediktsre¬ 
gel verschrieben haben. 



130 


der Unkenntnis unserer westlichen Welt diese Lehre über "Diploma¬ 
tie" und "Paläographie" aufzubürden, sofern es eine ausreichende 
Anzahl unabhängiger Literaten mit einem gewissen Interesse an die¬ 
sen Schriften gegeben hätte. 



131 


ßapitel IV 

fabeln über beneötfttmecbe 0cbulen 

Indem wir eine Karte anfertigen, welche das Zentrum christlicher 
und daher klösterlicher Betätigungen während der Wiederentde¬ 
ckung der Schriften veranschaulicht, werden wir klarer erkennen als 
es und durch mündliche Erklärungen möglich ist, wie mächtig das 
weltliche Reich Christi zu dieser Zeit war und dass es eine gänzlich 
westliche Angelegenheit darstellte. Die Ebenen und Täler Italiens, 
Frankreichs, Spaniens, Deutschlands und Österreichs sind mit Bene¬ 
diktinerklöstern übersät. Prächtige Kirchen erheben sich allerorts. 
Allerdings gab es in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nur weni¬ 
ge literarische Zentren, zumal diese nach modernen Vorstellungen 
auch nur sehr spärliche Bücherbestände aufwiesen. Es hing haupt¬ 
sächlich vom Ansinnen des jeweiligen Abtes ab, ob man sich unter 
dem Druck des Zeitalters eher der Verbreitung von Literatur widme¬ 
te oder sich überwiegend auf die Pflege der Gottesdienste und die 
Ausweitung des weltlichen Besitzes und des Wirkungsbereiches der 
Abtei konzentrierte. 

Wir müssen jedoch beachten, dass auch die Produktionen eines be¬ 
sonders gelehrten Klosters lediglich ein Teil des gemeinsamen Eigen¬ 
tums des Ordens waren. Es war unwesentlich, wo und zu welchem 
Thema ein gelehrter Mönch schrieb, da jedes Werk ein Teil des Sys¬ 
tems der Theologie und des neuen Gesetzes darstellte, welches der 
Welt zu verkünden die Aufgabe des Ordens war. Es ist daher nicht 
erforderlich, jedes einzelne der gelehrten Klöster unter die Lupe zu 
nehmen. Ich muss jedoch aufzeigen, dass die Kultur und dabei ins- 



132 


besondere das Schreiben der "Geschichte" zum Zeitpunkt der Ein¬ 
führung der Typografie in jenen Klöstern, von denen die Be¬ 
nediktiner behaupten, dass sie die ältesten und blühendsten seien, 
noch in den Kinderschuhen steckte. 

Sie sagen, die älteste Schule soll sich auf dem Monte Cassino befun¬ 
den haben, der in der fraglichen Zeit der Sitz des Abtes der Äbte und 
das Hauptquartier der gesamten geistlichen Armee war. Möglicher¬ 
weise entwickelten sie in diesem Kloster ihr gesamtes Literatursys¬ 
tem - in Zusammenarbeit mit den griechischen Mönchen aus Grotta- 
ferrata, die unter der Kontrolle von Monte Cassino standen und sehr 
eng mit der Klosterwiege in Subiaco verbunden waren. Es heißt, dass 
Subiaco die erste Gründung des heiligen Benedikt gewesen sei und 
dort die erste Druckpresse Italiens errichtet wurde. 

Und was teilen Sie uns über die Geschehnisse am Monte Cassino 
wahrend des "13. Jahrhunderts" mit? Es ist unnötig, den Leser mit 
dem "12. Jahrhundert" aufzuhalten, denn wenn Thomas von Aquin 
nicht verifiziert werden kann, ist es auch nicht möglich, irgendeinen 
noch früheren Zeitpunkt zu bestätigen, der uns sicheren historischen 
Grund gewährt. Die Geschichte wird uns im üblichen blumigen Stil 
der Benediktiner erzählt und besagt, dass dieser Mann aus Aquino - 
eine nur wenige Meilen vom großen Kloster entfernte Ortschaft - "ein 
hell leuchtender Stern erster Güte" war und durch seine Anwesen¬ 
heit im "13. Jahrhundert" Monte Cassino erleuchtete. Mit fünf Jahren 
wurde er Mönch, also um das Jahr 1230. Hinsichtlich dieser Sage 
sind sich die Benediktiner und die Dominikaner einig. Die Einzelhei¬ 
ten können in der Klostergeschichte von Dom Gattola 66 , dem ehema- 


66 


'Hist. Cassin.", Sek. VIII. v. 478. 



133 


ligen Abt von Monte Cassino, nachgelesen werden. 

Er gesteht ein, dass die Authentizität der Geschichte umstritten ist. 
Jedenfalls wird ein außenstehender Kritiker keinerlei befriedigende 
Belege dafür erhalten, dass ein Mann namens Thomas von Aquin je¬ 
mals das Kloster betrat. Die Frage nach dem Idealen und dem Realen 
an den jeweiligen Persönlichkeiten wird im Verlauf dieser Studien 
immer wieder aufs Neue aufgeworfen werden. Die stärksten ge¬ 
schichtlichen Charaktere sind stets die rein idealen, gefolgt von den 
idealisierten. Seltener sind die hervorstechenden Charaktere, die we¬ 
niger stark idealisiert wurden. Doch wie alle Heiligen des Mittelal¬ 
ters gehört auch Thomas von Aquin der höchsten Stufe an. Er zählt 
also zur Kategorie des reinen Ideals und ist zudem ein Produkt von 
kirchlicher Färbung und Fantasie. Überdies kann die Quelle dieses 
Ideals in der lateinischen Bibel entdeckt werden. 

Im Ecclesiasticus lesen wir: "Sie wird ihn erhöhen über seine Nächs¬ 
ten und ihm den Mund auftun in der Gemeinde [Church]. Sie wird 
ihn krönen mit Freude und Wonne und ihm einen ewigen Namen 
verleihen." So die Fesung aus dem Messbuch für den 7. März, das 
Fest des heiligen Thomas. Um dies zu verstehen, müssen wir erken¬ 
nen, dass die Gemeinde von Aquino zunächst das Ideal ihres Schutz¬ 
herrn erzeugt hat und erst danach Fiteratur unter seinem Namen 
verfasst wurde. 

Er soll der Sohn des Grafen von Aquino und einer edlen Dame der 
Familie Teatine gewesen sein. In der Klostergeschichte gibt uns der 
verstorbene Abt Tosti einen erfreulichen Einblick in die Szene, in wel¬ 
cher der Junge von seinen Eltern zur Türe geführt wird, wo der Abt 



134 


bereits auf seine Ankunft wartet. Die Szene ist eine der Allegorien 
auf das Bündnis zwischen Mönchen und Adligen. Wir bewegen uns 
hier in der Sphäre rein kirchlicher Romantik und verlassen diese 
auch nicht wenn wir uns Dantes Zeilen zuwenden, mit ihm in das 
Paradies eintreten und den melodischen Klängen des himmlischen 
Gelehrten lauschen. Die Villani-Chronik - deren Datierung niemals 
ermittelt werden konnte - berichtet, wie Thomas auf Betreiben Karls 
von Anjou vergiftet wurde. In der "Göttlichen Komödie" finden wir 
eine diesbezügliche Anspielung. 

Wenn wir die Poesie von den Tatsachen scheiden wollen, ist es not¬ 
wendig, jedes wichtige literarische Dokument zu untersuchen. Das 
Ideal des heiligen Thomas ist in der "Göttlichen Komödie" zu finden. 
Ich merke jedoch an, dass der Dichter ihn nicht mit Monte Cassino in 
Verbindung bringt. Wie ist das zu erklären? Es ist bemerkenswert, 
dass Monte Cassino das Datum der Manuskriptkopie dieses Werkes 
nicht kennt. Der Abt Dom Tosti erzählt uns bei der Erörterung dieser 
Frage, dass - abgesehen von den Erzählungen in den Chroniken von 
"Leo Marsicanus" - der früheste bekannte Katalog der Bücher im 
Kloster aus der Zeit von Paul II. stammt, also von etwa 1464-1471. 
Die nächsten Datierungen stammen aus der Zeit von Klemens VII., 
1523-1534. Dies sind Aussagen von äußerster Wichtigkeit. Ich kann 
somit ohne zu zögern auf die Zeit von 1464 bis 1534 als erste große 
Periode italienischer Benediktinerliteratur verweisen. Alle früheren 
Produktionen waren von geringer Quantität und für den Geschichts- 
studenten irrelevant. 

Der große benediktinische Paläograph Montfaucon schwieg zur 
"Göttlichen Komödie", was Pater Tosti als unerklärlich einstufte, so- 



135 


fern Montfaucon die Existenz des Manuskripts bekannt gewesen 
wäre. Das Werk taucht schließlich im umfangreichen Katalog von Fe- 
derici auf. Aufgrund dieses Mangels an externen Beweisen war Tosti 
gezwungen Handschriften zu vergleichen, um so Rückschlüsse auf 
das Alter des Manuskripts ziehen zu können. Auf diese Weise ordne¬ 
te er es der Periode 1326-1378 zu. 67 Wenn jedoch kein Gelehrter, der 
sich mit dem Thema der kirchlichen Chronologie befasst, irgendet¬ 
was hinsichtlich der Behauptung beweisen kann, dass es sich um 
eine Handschrift aus dem 14. Jahrhundert handele, dann mangelt es 
dieser Ansicht arg an Rückendeckung. Wir können nicht einen Mo¬ 
ment lang annehmen, dass eine Dichtung wie die "Göttliche Komö¬ 
die", sofern sie denn im 14. Jahrhundert geschrieben wurde, am 
Monte Cassino bis zu der so späten Epoche unbekannt gewesen sein 
soll. Sie birgt streckenweise starke innere Beweise dafür, von einem 
Schreiber verfasst worden zu sein, der von den weit verbreiteten an¬ 
tipäpstlichen Gefühlen erfüllt war, welche zur Reformation führten. 
Was wir von Dantes Legende halten können, hängt von der genauen 
kritischen Überprüfung der Villani-Chronik ab. Auch hier hat Har- 
douin die Arbeiten einiger neuerer Wissenschaftler vorweggenom¬ 
men. Die Zweifel, mit welchen sich die Villani-Chronik konfrontiert 
sieht, betreffen das gesamte System der westlichen Chroniken. Ich 
möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass der Aufstieg des 
Ideals des heiligen Thomas von Aquino Teil derselben Frage ist, die 
auch den Aufstieg des Ideals des "heiligen seligen Märtyrers" aus 
Canterbury und vieler anderer analogen Gestalten umfasst. Ich muss 
vorwegnehmen, dass der Ursprung dieser Ideale in der frommen 
Vorstellung der Mönche und Ordensbrüder lag und deren schriftli¬ 
che Legenden nicht weiter als bis zur zweiten Hälfte des 15. Jahrhun- 


67 Siehe Tosti und Mai, "Specil. Rom.", V. 221; und „Script. Vet.“, III. 2, 183. 



136 


derts zurückverfolgt werden können. 68 

Ich greife den Streitpunkt hinsichtlich der Aussage von Dom Tosti 
zum Status der Bibliothek am Monte Cassino auf. Ziehen wir die Be¬ 
weislage hinsichtlich der Legenden früherer Bibliotheken heran, so 
stellen wir fest, dass diese angesichts der Tatsache der späten Entste¬ 
hung der Bibliotheken am Monte Cassino, in Rom unter Nicolas V., 
in Venedig unter Kardinal Bessarion, in Sponheim unter Abt Trithe- 
mius sowie in z.B. Paris, Canterbury oder Oxford dahinschmelzen. 
In Oxford hält sich die Legende von Herzog Humphrey's Bibliothek 
aus dem späten 15. Jahrhundert hartnäckig. Sie soll aus gerade ein¬ 
mal 129 Büchern bestanden haben, was der Wahrheit möglicherweise 
schon ziemlich nahe kommt. Jedoch können wir vor der Zeit von 
Thomas Bodley nicht einen Moment an eine Büchersammlung den¬ 
ken, welche es im modernen Sinne des Begriffs auch nur annähernd 
verdient, als englische Bibliothek bezeichnet zu werden. Thomas von 
Aquin konnte nicht als berühmter Kirchenlehrer verehrt werden, be¬ 
vor die Kultur der Bibliotheken weit fortgeschritten war und die 
Summisten genannten Lehrer in den westlichen Schulen ihre Tätig¬ 
keit aufnahmen. 

Genauso verhält es sich auch hinsichtlich der Listen berühmter Ge¬ 
lehrter in Monte Cassino und anderen Klöster. Diese Listen mussten 
aus Gefügigkeit gegenüber der Theorie der frühen Kirchenkultur er¬ 
stellt werden, erweisen sich bei der Überprüfung jedoch als ebenso 
fragil wie die Bücherlisten. Es ist die Theorie der Kirchenforschung, 
welche in der Zeit, in der sich die Bibliotheken bildeten, noch in den 
Kinderschuhen steckte, was diese Kataloge der vormaligen Beriihm- 


68 


Thomas Stapleton, der Übersetzer Bedas - "On the three Thomases", 1588. 



137 


ten illustrieren. Wir stoßen auf die bemerkenswerte Tatsache, dass 
die Mönche unter den Gelehrten des 15. Jahrhunderts, in der brillan¬ 
ten Epoche der Renaissance, keinen oder nahezu keinen derart 
großen Mann aufzubieten haben, obgleich sie so tun, als hätten sie 
z.B. im 6. Jahrhundert des alten Reichs wichtige Gelehrte wie "Dio¬ 
nysius Exiguus" gehabt, den sie den Abt Roms nennen. 

So erwähnt die Überlieferung von Monte Cassino aus dieser Zeit le¬ 
diglich den sehr gelehrten Mönch Pyrrhus, den Referendar Martins 
V. und Konservator der Kirchenrechte der Kirche der heiligen Justina 
unter Eugen IV. Gemäß Dom Gattola gäbe es eine Reihe an sich auf 
diese Zeit beziehenden Manuskripten, Predigten und schriftlichen 
Darstellungen, von denen jedoch nicht bekannt sei, ob sie von Mön¬ 
chen des Klosters verfasst wurden. Wie ist diese seltsam anmutende 
Stille und Schläfrigkeit in Monte Cassino inmitten all der Aufregung 
und Begeisterung hinsichtlich der Wiederbelebung geistiger Aktivi¬ 
tät zu erklären? Ich habe meine Gedanken lange Zeit Monte Cassino 
speziell diesen Fragen gewidmet. Weiter habe ich viele Exkursionen 
in die westlichen Tochterklöster unternommen. Das historische Tele¬ 
skop habe ich dabei sehr achtsam eingesetzt. Ich möchte dem Studie¬ 
renden viele fruchtlose und ermüdende Forschungen ersparen, in¬ 
dem ich bereits jetzt die Erklärung vorwegnehme, die mir für dieses 
merkwürdige Phänomen als die einzig richtige erscheint. Das Sche¬ 
ma der benediktinischen Literatur wurde festgelegt und man begann 
mit der Umsetzung sehr nahe an dem Zeitpunkt, als im Kloster be¬ 
kanntermaßen eine Büchersammlung existierte. Unser terminus a 
quo ist das ungefähre Datum der Einführung der Druckerpresse (das 
wir nicht genau bestimmen können) oder das des Pontifikats Pauls 
II.. Unser terminus ad quem ist in etwa das Jahr 1524, als die Welt 



138 


vom Rumoren der großen Erneuerung und dem Angriff auf die 
päpstliche Monarchie bestimmt war. Das Treiben in Monte Cassino 
und den anderen Klöstern im späten 15. Jahrhundert ist in Dunkel¬ 
heit gehüllt. Im darauffolgenden Zeitalter verspüren die wissbegieri¬ 
gen Mönche und Ordensbrüder eine intensive Neugierde darauf, das 
Buch zu lesen, das eine Neuheit in der Welt ist - die Bibel. 

Wenn wir die fabelhaften Nebelschwaden, welche sich um die Anhö¬ 
he des Monte Cassino zusammengezogen haben, erst einmal durch 
unsere ausführliche Betrachtung der bekannten Tatsachen durch¬ 
drungen haben, so erblicken wir dort erstmals im späten 15. Jahr¬ 
hundert ein Scriptorium und zugleich eine Gruppe schwarzer Mön¬ 
che, die damit beschäftigt ist, Werke zu schreiben, die der Welt nach 
und nach unter den Namen von Paulus Diaconus 69 , Petrus Diaconus, 
Paulus dem Mönch und den Namen vieler Anderer einschließlich 
Petrus Damiani vorgelegt werden. Die kirchlichen Namen Petrus 
und Paulus sind in Monte Cassino sehr beliebt und erlebten dort ih¬ 
ren Aufstieg. 

Es steht im Einklang mit der soeben zum Ausdruck gebrachten An¬ 
sicht über die späte Entstehung der Literatur auf dem Monte Cassi¬ 
no, dass sich in diesem Coenobium [geimeint ist hier ein Kloster; in 
der Biologie ist es ein Zellverband] im 16. Jahrhundert plötzlich ein 
großer Ausbruch von Gelehrsamkeit und Sprachfertigkeit vollzogen 
habe. Dichter, Redner, Historiker, Philosophen, Theologen, Kanoni¬ 
ker und Polyglottisten sprießen wie von Zauberhand aus dem Bo¬ 
den. Unter ihnen befindet sich der Name des Engländers Gregory 
Sayre, der selbst alleine schon (so verkünden die Benediktiner) ein 

69 Dieser Name ist mit England verbunden. Es heißt, er sei der Erste, der von 
Angelsachsen schreibt. 



139 


großartiges Ornament für den heiligen Berg gewesen wäre. Abt An- 
gelo de Nuce liefert uns eine Liste anderer Engländer, die zu dieser 
Zeit ein Zuhause im Kloster fanden und von bester Abstammung, 
Gelehrsamkeit und Tugend waren. 

Kurz gesagt, erwachten die Benediktiner erst im 16. Jahrhundert 
vollkommen aus einer langen intellektuellen Trägheit, der sie sich 
hingegeben hatten. Die Verwendung der Typografie; die Entdeckung 
einer neuen Welt; die Unruhe unter den Orden Englands, Frank¬ 
reichs und Deutschlands; der Aufstand der Jesuiten einerseits und 
der der Lutheraner andererseits; all das ermutigte das Gefolge des 
Patriarchen des Mönchtums dazu, in Sachen Literatur eine Position 
zurückzuerobern, welche sie bereits lange zuvor mit dem Schwert 
errungen und eifrig verteidigt hatten. Die Menschen blickten auf die 
Klöster und wussten, dass sich dort, sofern irgendwo vorhanden, die 
Schlüssel zum Wissen befinden müssen. Die Benediktiner ergriffen 
diese Gelegenheit. Sie hatten keine Register und damit keinerlei au¬ 
thentische Aufzeichnungen einer langen Vergangenheit. Sie hatten 
kaum mehr als das bloße Dogma der Menschwerdung Gottes, aus 
welcher sie eine Theorie der Geschichte konstruierten und diese wie¬ 
derum mit Hilfe der jüdischen, arabischen und klassischen Literatur 
in historische Formen verwandelten. 

Wie die Erinnerung an Lorenzo Valla und Poggio lehrt, entgingen sie 
nicht allesamt der Kritik. Es wurde von vielerlei das Rom dieser Zeit 
betreffenden Aussprüchen berichtet, die auf den Geisteszustand ge¬ 
bildeter Männer hinweisen, welche die Geschichte der Mönche nicht 
glaubten und verspotteten. Sie sind nicht einfach in Vergessenheit 
geraten. Ein mönchischer Biograph Pauls II. berichtet, dass es in Rom 



140 


eine Vereinigung oder Gilde junger Männer gab, die den orthodoxen 
Glauben als "auf bestimmten Tricks der Heiligen beruhend betrach¬ 
teten, anstatt auf wahrem Zeugnis". Wer kann sich nicht an den Aus¬ 
spruch des genialen und weltlichen Papstes Leo X. erinnern: "Wie 
viel die Fabel von Christus uns und den Unsrigen genutzt hat, ist be¬ 
kannt!" Es war einfach, Männer im Dienste dieser gefälligen Fabel zu 
organisieren. Geführt und geleitet von den kühlsten Köpfen, obsieg¬ 
te der systematische Eifer der Benediktiner über die Enthüllungen 
und Proteste der sich widersetzenden Gelehrten, die einen wahren 
Sinn für Altertum und Wahrheit hatten. Diese heilige Methode der 
führenden Benediktiner, von der einige Gelehrte wussten, dass sie 
eine Tarnung für Heuchelei und Betrug darstellt, wurde einer Viel¬ 
zahl Anderer auferlegt, als sei sie ein Garant für Aufrichtigkeit. Sie 
waren sich nicht bewusst oder wollten einfach nicht wahrhaben, dass 
die Verbindung von Orthodoxie und verwegener Fiktion von Anfang 
an untrennbar war. 



141 


Kapitel V 

©a« Schema bet beneblftimscfien 
£itetatut 


Der des Lateinischen mächtige Leser kann sich eine sehr klare Vor¬ 
stellung vom Literaturschema des Ordens machen, das während ei¬ 
ner Zeit umgesetzt wurde, welche ich zu bestimmen versuche, in¬ 
dem ich dazu die Literaturgeschichte des Ordens heranziehe, welche 
1754 von Dom Ziegelbauer und Dom Legipont herausgegeben wur¬ 
de. Doch um der Leser willen, die keinen freien Zugang zum Werk 
haben oder aber lediglich mit dem Englischen vertraut sind, möchte 
ich aus diesen Bänden einen allgemeinen Überblick über den hier 
zur Debatte stehenden Stoff ermöglichen. 

Wie generell bei kirchlichen Organisationen, ist die Theologie das al¬ 
les bestimmende Prinzip der Struktur. Sie gliedert sich in positive, 
scholastische, dogmatisch-polemische, mystische, asketische und 
Moral theologie. 

Die positive Theologie besteht aus zwei Teilen. Diese sind einerseits 
das Erklären der Heiligen Schrift und andererseits die Kenntnis der 
Glaubensdogmen. Beide leiten sich aus der Lektüre der "Kirchenvä¬ 
ter", der Konzilien und der Überlieferungen ab. 

Der große Gesetzgeber, der heilige Benedikt, zitiert in seiner Regel 
fortwährend die Heilige Schrift und bekundet damit seine diesbe¬ 
zügliche Wertschätzung. Üblicherweise zitiert er die Vulgata, manch- 



142 


mal aber auch die "Septuaginta". Weiter heißt es, dass der heilige Be¬ 
nedikt dem Beispiel des Erlösers folgt, indem er zwei Halbverse ei¬ 
nes Psalms in einem Zitat vereint. Pater Haeften, ein Mitglied des 
Ordens, wies konkret darauf hin, dass der heilige Benedikt sich bei 
seinen Anspielungen auf Personen aus der Zeit des Evangeliums an 
bestimmten Stellen nicht an das Evangelium hält. Beispielsweise soll 
der Zöllner sagen: "Herr, ich, als der Sünder der ich bin, bin nicht 
würdig, meine Augen gen Himmel zu richten." Die uns gegebene Er¬ 
klärung dafür ist, dass der heilige Benedikt diese Worte aus dem ab¬ 
leitet, was der heilige Lukas berichtet. Die wahre Erklärung ist je¬ 
doch, dass die Regel und die Evangelien Produktionen desselben Or¬ 
dens waren. Die Regel könnte zu einer Zeit verfasst worden sein, in 
der die Evangelientexte noch nicht festgelegt worden waren. Der hei¬ 
lige Benedikt gibt bezüglich der heiligen Schriften preis, dass die 
Schreiber hinsichtlich ihrer Gepflogenheiten sehr nachlässig und die 
Übergänge zwischen den Überlieferungen fließend waren, wobei er 
damit nicht nur die heiligen Schriften meint, sondern alles, was von 
Heiligen oder gerühmten Schreibern verfasst wurde. Wiederum ist 
die wahre Erklärung, dass die benediktinische Literatur auf einem 
System von Leitsätzen erbaut wurde. Eine Reihe von "er sagte" oder 
"es steht geschrieben" wurde nach und nach zum Eigentum von Per¬ 
sonen gemacht, die zwar einen Namen hatten, aber dennoch nur 
Ideale waren. 

So schmücken Floskeln die Kapitel der Regel, von welchen man an¬ 
nahm, dass sie den heiligen Kirchenvätern entnommen wurden. 
Wiederum teilen uns die modernen Benediktiner mit, dass es 
schwierig herauszufinden sei, wie viel dem benediktinischen Gesetz¬ 
geber eigentlich von den "Kirchenvätern" bekannt war. Dies kann so 



143 


verstanden werden, dass die Entwicklung dieser Schriften zum Zeit¬ 
punkt der Ausarbeitung der Regel noch nicht lange im Gange war. 
Wenn der "heilige Basilius der Große" oder der "heilige Clemens von 
Rom" als große Theologen bezeichnet werden, deren Einfluss in der 
Regel enthalten ist, so liegt dies daran, dass dasselbe Gut an Wert ge¬ 
wann, indem man es unter verschiedenen klangvollen Namen auf¬ 
führt. Sie lassen den heiligen Benedikt nicht den heiligen Clemens 
von Rom erwähnen, obgleich die modernen Benediktiner erkannten, 
dass das vierte Kapitel der Regel im Wesentlichen mit den Schriften 
der Clementiner identisch ist. Als Grund geben sie an, dass der 
falsche "Isidorus Mercator" das Kapitel dem heiligen Benedikt ent¬ 
nahm und es bei Clemens einfügte. Es war Mabillon 70 der diesen 
Streich literarischer Unterschiebung aufdeckte, jedoch war er nicht 
zu erklären gewillt, dass die der alten Literatur zugeteilten Namen 
und Datierungen als Beleg in jedweder Hinsicht völlig wertlos wa¬ 
ren, solange die Taten der Fälscher und Unterschieber nicht vollstän¬ 
dig ermittelt und aufgedeckt worden sind. 

Es ist der Fakt der anonymen Zusammenarbeit in den Skriptorien, 
welcher die Zweifel an den Werken des "heiligen Augustinus" erklärt 
- ganz gleich ob der heilige Benedikt sie gelesen hat oder nicht. Wir 
erkennen klar, dass die Leitsätze und Phrasen in der Regel mit denen 
in den dem heiligen Augustinus zugeschriebenen Werken identisch 
sind 71 . Eine Stelle über den leiblichen Tod von Hananias und Sapphi- 
ra ist in beiden Dokumenten zu finden, was uns einen gemeinsamen 
Ursprung aufzeigt. Pater Haeften erklärt, dass der Gesetzgeber auch 
einige Blumen aus den "Briefen des heiligen Hieronymus" gepflückt 
hat. Allerdings erkannte er nicht die Abhängigkeit. Es ist schier un- 

70 Ann., lect. 1, 142. 

71 ''Regula Benedicti", Kap. 60, Augustin Ser. 148. 



144 


möglich, sich bei diesen Vermutungen das Schmunzeln zu verknei¬ 
fen. Die guten Mönche einer neueren kritischen Zeit sind so vernarrt 
in ihr Idol beziehungsweise Ideal, den Ahnherren des Ordens, dass 
sie dessen Charakter als Urheber der Regel voraussetzen und damit 
im Einklang stehende Erklärungen dieser merkwürdigen Phänome¬ 
ne entwerfen müssen. Doch die rein literarische Tatsache ist, dass die 
Heiligen, die dem Gesetzgeber vorangingen sowie auch die, welche 
erst nach ihm folgten, lediglich notwendige romantische Zweckmä¬ 
ßigkeiten sind und alle etwa zur gleichen Zeit das Licht der literari¬ 
schen Welt erblickten. 

Die Bekenntnisse der Benediktiner hinterlassen bei einem klarsichti¬ 
gen Leser keinerlei Zweifel daran, dass sie die christlichen heiligen 
Schriften, aus denen sie ihr gesamtes System herleiten, wiederum 
aus den heiligen Schriften der Synagoge abgeleitet haben. Sie allein 
sind im Besitz des Schlüssels zu den Gleichnissen oder Allegorien 
des Neuen Testaments. Mit ihm, der "einen Schatz hat, aus dem er 
Neues und Altes hervorholen kann", ist ein jeder Abt des Ordens ge¬ 
meint, der mit dem göttlichen Gesetz umzugehen weiß. Tatsächlich 
waren sie einerseits Nachahmer und andererseits literarische Erdich- 
ter; wobei die Masse ihrer klösterlichen Zöglinge nichts als papagei¬ 
enartige Rezitatoren dessen waren, was sie sich einprägen sollten, 
was jedoch kaum mehr umfasst haben kann als die Psalmen, bei de¬ 
ren Singen "Herz und Stimme im Einklang sind". Sie mussten den 
Sinn der Worte verstehen. 

Nach dem heiligen Benedikt ließ man Cassiodor aus dem kalabresi- 
schen Kloster in Vivaria vage über das göttliche Wissen referieren. 
Sein Kompagnon war "Dionysius der Kleine" (Exiguus), der große 



145 


Schriftgelehrte und erste christliche Chronologe, der die Jahre ab der 
Inkarnation datierte. Uns wird der "heilige Gregor der Große" aus 
demselben Zeitalter vorgestellt. Er habe unter einem ehemaligen 
Mönch des Ordenserzklosters Monte Cassino große Fortschritte in 
der Theologie gemacht und widmete sich besonders den Schriften 
des "heiligen Augustinus". Die gesamte gregorianische Literatur und 
Romantik ist wiederum ein Teil dessen, was ich den benediktini- 
schen Runden Tisch der Wiederentdeckung der Schriften nenne. Das 
gregorianische System der biblischen Auslegung zeigt mit all der 
Kunstfertigkeit und falschen Wissenslehre, wie undenkbar es für den 
Mönch war, dem gemeinen Volk ohne fremde Anleitung das Lesen 
der heiligen Schriften einzugestehen. Wir Engländer werden an¬ 
gehalten, dem großen Apostel und Allegorienschreiber die größte 
Verehrung zu erweisen. Man lässt ihn eingestehen, dass er weder 
Hebräisch noch Griechisch versteht. Ihm genüge das Italische und 
die "neue Übersetzung des Hieronymus". Anders ausgedrückt, 
stammt der gregorianische Stil aus dem späten 15. oder frühen 16. 
Jahrhundert; daher aus der Zeit, in welcher unsere Ahnen begannen, 
etwas von dem Papst der Augustinus und andere Benediktiner an 
diese Ufer entsandte sowie von vielerlei anderen neuartigen "Ge¬ 
schichten" zu vernehmen. 

Es ist sicher eine erfreuliche Sache, Theologie als eine Form der Bio¬ 
grafie zu lehren. Die Prozession benediktinischer Theologen scheint 
auf der mentalen Bühne an uns vorüber zu marschieren, und ein je¬ 
der trägt seine eigenen dicken Bände unter dem Arm. Die Illusion 
löst sich jedoch auf, wenn wir um Erlaubnis bitten, diese Bände zu 
untersuchen und so herausfinden, dass jeglicher Inhalt dieser Bände 
von nur einer Substanz ist und keiner dieser Gelehrten es je wagte. 



146 


ein neues oder spontanes Wort zu sprechen; und dass sie im Wesent¬ 
lichen allesamt Statisten in einer und derselben Geschichte sind. Das 
große System schrumpft zu einer kleinen Masse zusammen; und 
man kann das amüsierte Lächeln in den Gesichtern der Männer 
erahnen, welche wussten, wie wenig Witz notwendig war, um die 
Welt zu täuschen und mit welch einfachen Mitteln es gelingen konn¬ 
te, den Eindruck zu erwecken, dass die geheimen theologischen Be¬ 
mühungen einiger weniger Jahrzehnte sich über ganze Zeitalter er¬ 
streckt hätten. Beda, erstmals in der frühen Tudor-Zeit als alter 
Mönch von Wearmouth erwähnt und im gleichen Zeitraum zum ehr¬ 
würdigen Diener Gottes erhoben, weist auf ihm vorausgegangene 
griechische und lateinische Gelehrte im Süden und Norden hin. Bei 
"Beda" finden wir die historische, mystische und moralische Theo¬ 
logie der Benediktiner erneut wiedergeben. 

Sodann erscheinen uns der "heilige Bonifatius" und seine Gesell¬ 
schaft imaginärer Benediktiner eines Klosters in der Nähe von Ox¬ 
ford. Sie sind allesamt strahlende biblische Männer aus dunklen Zei¬ 
ten, in denen noch niemals jemand etwas von der Bibel gehört hatte. 
Dann hätten wir da noch den northumbrischen Professor Iglac, des¬ 
sen Schriften nach seinem Tod wieder der "Vergessenheit" anheimfie¬ 
len, wie das imaginäre "Konzil von Cloveshoe" im "Jahre 747" bedau¬ 
ert. Es folgt eine literarische "Wiederentdeckung" unter "Alkuin", ei¬ 
nem anderen imaginären Benediktiner, und seinem Schüler, dem Abt 
von Fulda, der unter dem merkwürdigen Decknamen "Hrabanus 
Maurus" auftritt. Die Mönche der verbundenen Klöster von St. Gal¬ 
len, Luxeuil, Ferrieres, Auxerre, Reims, Orbais, Weißenburg und an¬ 
deren Orten haben allesamt ihre eigenen entsprechenden Ideale auf¬ 
gestellt. So z.B. beansprucht das Kloster Corbie die bekannte Gestalt 



147 


"Paschasius Radbertus" und noch Weitere. Sie alle trinken aus dersel¬ 
ben Quelle - den Schriften der vier großen benediktinischen Gelehr¬ 
ten "Augustinus, Ambrosius, Hieronymus und Gregor" sowie denen 
von "Johannes dem Goldmund", dem "ehrwürdigen Beda" und "Ter- 
tullian". Das Kloster Corbie sendete einen Schwarm Mönche aus, 
welche sich der vom großen Schisma zu Tage geförderten unter¬ 
schiedlichen Standpunkte bewusst waren, um ein neues Corbie in 
Sachsen zu gründen. 

Die Schule von Bec rühmt sich mit ihren Kreationen "Lanfrank" und 
dem "heiligen Anselm" sowie durch diese mit einer ganzen Horde 
frischer Theologen aus einem unmöglichen Zeitalter. Im 12. Jahrhun¬ 
dert gelangen wir zum "heiligen Petrus Damiani", der, wie die Bene¬ 
diktiner selbst einräumen, in einem Zeitalter, in dem man keinesfalls 
von bereits existenten Universitäten sprechen kann, wohl unmöglich 
den Rang eines Universitätsgelehrten zuerkannt bekommen haben 
dürfte. Da wären dann noch die beiden Odos von Cluny und Canter- 
bury, Ralph von Westminster sowie die romantische Geschichte von 
Petrus Abaelardus und seiner Schülerin - eine Nachahmung der Ge¬ 
schichte über Hieronymus, Paula und Eustochium. Ohne einen 
merklichen Fortschritt in der literarischen Kultur vergehen so lang¬ 
sam die Jahrhunderte. Wenn wir endlich zur Epoche des berühmten 
Trithemius gelangen, von dem es heißt, er sei in der bedeutsamen 
Zeit von 1480 bis 1520 Abt von Sponheim gewesen, so finden wir ihn 
im erbitterten Konflikt mit seinen trägen Mönchen, die sich nicht 
dazu bewegen lassen, die heiligen Schriften oder irgendwelche ande¬ 
ren Bücher zu studieren. Der Abt hat die Angewohnheit seine Mön¬ 
che "Frösche" zu nennen. Sie wiederum beschimpften ihren gelehr¬ 
ten Vater: "Wir wollen einen Abt der die Felder pflügt, nicht einen 



148 


der mit Worten handelt" - also einen Bauern, nicht einen Redner. Ri¬ 
chard von Kidderminster, Abt von Winchcombe, soll ein großer 
Streiter wider Luther gewesen sein (die Quelle hierfür ist Antony 
Wood). Den Mönchen war es jedoch verboten die lutherischen 
Schriften zu lesen. Unter ihnen muss das Studium der Theologie bis 
nach dem Konzil von Trient sehr begrenzt gewesen sein. Im nächsten 
Zeitalter angekommen, stoßen wir schließlich auf den Namen eines 
Gelehrten von höchstem Ansehen. Es ist der Abt Calmet (1672-1757), 
dessen Wider Streiter der Oratorianer Pater Richard Simon (1638- 
1712) war, der die Sache der Schriften sehr in die Pflicht nahm. 

Es ist nicht notwendig, die biografische Geschichte der anderen 
Theologiezweige auf ähnliche Weise durch denselben Zeitstrahl hin¬ 
durch zu verfolgen. Es wiederholen sich die gleichen Namen, ange¬ 
reichert mit anderen, deren Ursprung ebenfalls in den idealisieren¬ 
den Vorlieben der literarischen Fraktion aus den westlichen Klöstern 
liegt. Das Ergebnis ist immer dasselbe. Im unmittelbar auf die Erfin¬ 
dung des Buchdrucks folgenden Zeitalter beginnen diese verschiede¬ 
nen Theologiezweige gerade erst bekannt und studiert zu werden - 
in der Außenwelt und auch in den Klöstern, in denen sie erzeugt 
wurden. 

Der nächste Zweig benediktinischer Gelehrsamkeit ist die kirchliche 
Rechtsprechung, die bürgerliche wie auch die öffentliche und insbe¬ 
sondere die des Römischen Reichs Deutscher Nation. Auch ohne die 
Wiederholung der vielen imaginären Namen zu berücksichtigen 
wurde das berüchtigte "Gratian" zugeschriebene Decretum von 
Schriftstellern unserer Zeit hinreichend entlarvt. Es ist ein ge¬ 
waltsames Bestreben, das Privileg und die Vorherrschaft des Klerus 



149 


mittels einer Reihe historischer Schöpfungen zu sichern, die unter 
fingierten Namen erzeugt wurden, analog zu anderen Teilen des 
Systems. Für das 15. Jahrhundert in England kann kein Professor 
dieses Zweiges nachgewiesen werden. Doch Feckenham, dem letz¬ 
ten Abt von Westminster, wird ein Traktat gegen die Krönung des 
britischen Monarchen zugeschrieben. 

In Bezug auf das Studium des Zivilrechts setzen die Benediktiner 
ihre vielseitige Kreation "Aldhelm von Sherborne" ein, gefolgt von 
den "Kapitularien der fränkischen Könige" und den "Gesetzen des 
geheiligten Königs Edward", die von "Wilhelm dem Eroberer" bestä¬ 
tigt werden - die entsprechende Fabel stammt aus der bekannten 
Schmiede der Abtei Croyland. Von ihnen stammt auch die Geschich¬ 
te von Roger Vacarius, dem Abt von Bec, und dessen Lehre des römi¬ 
schen Rechts im England des "12. Jahrhunderts", obgleich es außer¬ 
halb der Klöster keinerlei Beweise für ein systematisches Studium 
des Rechts vor dem 16. Jahrhundert gibt. 

Diese erfundenen Geschichten offenbaren uns stets das zynische und 
halb scherzhafte Gemüt der Mönche, sobald wir sie fragen: "Wer war 
der erste Rechtsgelehrte unter euch"? Wir erhalten sogleich die fade 
Antwort: "Es war ein glänzender Mann, der vom heiligen Vater Be¬ 
nedikt nach Terracina geschickt wurde und sich dort um die Tempo¬ 
ralien kümmerte." Die berühmten Dialoge des Gregorius stellen die 
Quelle dar. Der Eingeweihte kann den trügerischen Glanz dieser Ge¬ 
schichte durchaus bewundern. 

Die Benediktiner hatten keine echte Philosophie, doch die sophisti¬ 
sche Dialektik, welche sie mit dem Begriff Philosophie bepreisen. 



150 


wird uns von ihnen, wie auch bereits zuvor aufgezeigt, unter den 
Namen ihrer imaginären berühmten Männer präsentiert - bis hin zu 
"Cassiodor". Die "Logik des heiligen Augustinus" ist ganz die ihre. 
Sie veranlassen König Alfred erstmals einen benediktinischen Profes¬ 
sor für Philosophie in Oxford zu ernennen. Es steht zweifellos fest, 
dass die aristotelische Philosophie durch ihr Wirken tiefe Wurzeln in 
den Schulen Europas fassen konnte. Sich gegen sie aufzulehnen be¬ 
deutete Auflehnung gegen die benediktinische Regel. 

Seine moralphilosophische Unterrichtung wurde dem heiligsten al¬ 
ler Väter, dem heiligen Benedikt, aus dem Himmel zuteil. Damit ist 
er der Primus dieser Wissenschaft. 

"Sie bekunden, Sokrates sei der Erste gewesen, der die Ethik 
aus dem Himmel bezog, doch wie viel wahrhaftiger gilt dies 
erst für den heiligen Benedikt, dessen heilige Regel unter Ein¬ 
gebung des Heiligen Geistes verfasst wurde, wie es die heili¬ 
gen Konzilien bestätigen? Wer käme auch nur einen Moment 
ernsthaft auf den Gedanken, die Schriften des griechischen 
Philosophen seien mit dieser genialen Regel vergleichbar?" 72 

Somit ist die Ethik die sonderbare Prahlerei der Benediktiner. Gregor 
der Große ist "der christliche Seneca". In diese Sparte fällt auch Pe¬ 
trus der Ehrwürdige von Cluny, zusammen mit Petrus Abelardus 
und Petrus von Poitiers. 

Das Motto ihrer Philosophie lautet: "Komm zu mir und ich verschaf¬ 
fe dir Ruhe." Die Bergpredigt ist ihre Komposition. Das Segnen der 


72 Ziegelbauer, "Hist. Lit.", II. 292. 



151 


Armen im Geiste ist das Segnen des Klosterlebens. Hier offenbart 
sich der Pfad zur wahrhaftigen Seligkeit, denn der Gott-Mensch sitzt 
in der Kathedrale der Wahrhaftigkeit. Die Benediktiner sagen, dass 
jede andere Philosophie nur weltliche Weisheit und Torheit bei Gott 
ist. Sie beharren auf ihrem nachdrücklichen Bekenntnis zur Armut 
des Geistes, welches sie in den Mund des fleischgewordenen Gottes 
legten und das zudem als Verurteilung der natürlichen Freude und 
des Stolzes gedacht ist, welche der Geist beim Erwerb von Wissen 
empfindet. Sie lassen ihren Apostel Paulus die Menschen ermahnen, 
Narren zu bleiben, wodurch sie weise wären. Hinfort mit all dem 
Geschwätz über Logik, also über diese sonderbaren Betätigungen in 
der Physik; alles lediglich Prahlerei um nichts anderes als Jesus 
Christus und seine Kreuzigung! Ähnliches findet sich in den Schrif¬ 
ten des häufig erwähnten Trithemius, dem Abt von Sponheim, wel¬ 
cher ein absoluter "König" der Moralphilosophie ist. Es ist völlig un¬ 
erheblich, ob nun vermeintlich der Apostel Paulus oder das geistige 
Oberhaupt eines deutschen Klosters spricht, wobei er persönlich 
Christus und die Apostel darstellt. Sie haben wenig zu sagen, doch 
dieses Wenige wird immer aufs Neue verkündet. So ist die Philoso¬ 
phie des Christentums die einzige Weisheit, Wahrheit und das 
höchste Gut. Sie besteht darin, den Willen der Höherstehenden zu 
kennen und sich diesem zu unterwerfen. Wenn es das "Wissen um 
Jesus Christus" genannt wird, so ist dies nur ein wohl verstandenes 
Abbild für Wissen, das nur aus der Quelle der Äbte ableitbar ist. 

Nach ihren Grundsätzen ist das kanonische Sprichwort "Ich war 
krank und ihr habt mich versorgt" der Präzedenzfall für alle Hei¬ 
lungshandlungen. Die Regel des heiligen Benedikt lehrt in gleicher 
Weise, dass der Dienst an den Kranken wahrhaftig der Dienst an 



152 


Christus ist, wobei dies sprachlich sehr bestimmt daherkommt. Mit 
demselben Effekt werden dann erneut die berühmten Männer des 
Ordens um "Cassiodor" zitiert. Beda soll einige Kenntnisse der Phle¬ 
botomie haben und der Erzbischof Theodor von Tasus habe die An¬ 
sicht vertreten, der vierte Tag des Mondes sei gefährlich für einen 
Aderlass, da das Licht sowie der Fluss des Ozeans zunehmen. Neu 
Corbie und St. Gallen seien für ihre Mediziner bekannt gewesen. Die 
Mönche von Monte Cassino beanspruchen für sich einen Teil der 
medizinischen Fakultät von Salerno, deren Gründungsjahr unbe¬ 
kannt ist. Doch aus den Legenden der Mönche geht hervor, dass die 
Mohammedaner die medizinische Kunst in Italien und im Westen 
einführten. Einst war es den Mönchen verboten, außerhalb der Klös¬ 
ter zu praktizieren. Es gibt jedoch keinen Grund, anzunehmen, dass 
sie zur Zeit der Renaissance allzu viel medizinische Kenntnisse hat¬ 
ten, obgleich behauptet wird, Paracelsus sei den Schriften des allwis¬ 
senden Gelehrten Trithemius zu verdanken. Uns wird ein Beispiel 
für die Formeln gegeben, nach denen Krankheiten geheilt wurden: 
"Im Blute Adams entstand der Tod; im Blute Christi wurde der Tod 
vertilgt. Im Namen dieses Blutes Christi befehle ich dir, Blut, deinen 
Fluss zu hemmen." Dies sollte auf Pergament geschrieben und an 
den Körper gehangen werden. 

Die Benediktiner waren begeistert von den Pseudowissenschaften 
der Naturmagie. Sie erzählen die Romanze von den Gesprächen Ger- 
berts beziehungsweise Sylvester II. und machten den großen Trithe¬ 
mius zu einem Praktiker dieser Künste, als deren Prototypen die 
Drei Könige aus dem Osten im Evangelium auftreten. Die Alchemie 
verbreitete sich schlagartig mit der Ausbreitung von fundiertem Wis¬ 
sen. Gemäß der Empfehlung des heiligen Benedikt, stellten die 



153 


Handarbeit oder das Gebet den wahren Weg der Geldbeschaffung 
dar. 

Das klösterliche Trivium bestand aus Grammatik, Rhetorik, und Lo¬ 
gik; das Quadrivium aus Arithmetik, Geometrie, Astronomie und 
Musik. Astronomie war für kirchliche Berechnungen und den Kalen¬ 
der notwendig. Dass das Studium der Astronomie außerhalb der 
Klöster nirgends in Europa vor dem späten 15. Jahrhundert begann, 
ist einer der Beweise für die späte Entstehung des benediktinischen 
Bildungssystems. Weiter zeigen die zunehmenden Sorgen um die 
Einhaltung der Osterfeiertage, welche im 16. Jahrhundert gar zur Ka¬ 
lenderreform führten, wie neuartig Ostern in der Ordenskultur noch 
war. Tatsächlich scheint kein Studium dem Geist eines echten 
Mönchs mehr entsprochen zu haben, denn einem solchen dürfte 
nach seiner Einweihung in diese Wissenschaft stets bewusst gewesen 
sein, dass dieser Quartalstag den möglichen Ausgangspunkt für 
einen fatalen Schlag auf sein gesamtes System darstellt. 

Es gab einige Bemühungen, das Aufkommen der Kirchenmusik di¬ 
rekt auf den heiligen Benedikt zurückzuführen, der zusammen mit 
seiner Zwillingsschwester Scholastika schon im Mutterleib gesungen 
habe. Die Zuordnung Gregors des Großen zu dieser Kunst ist allge¬ 
meiner Konsens. Mehr als alle anderen christlichen Familien, rüh¬ 
men sich die Benediktiner mit ihrer herausragenden Stellung hin¬ 
sichtlich der Musik, welche so wohltuend für ein System ist, das 
mehr auf Emotionen als auf Intelligenz beruht. 

Wir kommen nun zu einem Thema von größter Wichtigkeit. Das We¬ 
sen der Historien in der benediktinischen Konzeption wurde sehr 



154 


lange Zeit missverstanden. Die sakrale oder kirchliche Geschichte 
besteht aus der Hagiographie beziehungsweise den Leben der Heili¬ 
gen, deren Wegweiser "Gregor der Große" gewesen sein soll. Die 
Produkte dieses Zweigs benediktinischer Kunst müssen mit den frü¬ 
hen kirchlichen Malereien verglichen werden, um so ihre Beschaffen¬ 
heit verstehen zu können. Die Porträts entstammen nicht dem realen 
Leben sondern bestimmten apostolische Charakterideale, die in all 
ihren Schriften zu finden sind. 

Die Leben der römischen Päpste stellen einen weiteren Zweig der be- 
nediktinischen Kunst dar. Die Fabel von ihrem Beginn mit Anastasi¬ 
us im "9. Jahrhundert" ist bereits vor längerer Zeit aufgeflogen, wo¬ 
bei auch nicht der geringste Grund für die Annahme besteht, dass sie 
vor dieser besonders dunklen Zeit am Monte Cassino geschaffen 
wurde, also vor dem späten 15. Jahrhundert, welches dem Ausbruch 
der literarischen Anstrengungen im Erzkloster vorausging. Die 
Grundsätze dieser Leben, welche als Beispiele für zu bewundernde 
oder zu meidende Charaktere geschrieben wurden, wollen wir an 
dieser Stelle nicht untersuchen. Da sie wahrscheinlich aus der Zeit 
des großen Schismas stammen, dürfte eine sorgfältige Analyse auf¬ 
zeigen, dass sie allegorische Reflexionen des tatsächlichen Standes 
der Dinge am päpstlichen Hof enthalten, welcher zu einer weitrei¬ 
chenden Revolte führte. 

Die Leben der Bischöfe stellen einen weiteren Teil des Systems dar 
und wurden nach ähnlichen Grundsätzen ausgearbeitet. Ein Beispiel 
ist das "Leben des heiligen Dionysius dem Areopagiten", welches 
von einem Mönch seines Klosters in Paris verfasst und "Hilduin" aus 
dem "9. Jahrhundert" zugeschrieben wurde. Es steht außer Frage, 



155 


dass der heilige Dionysius der Apostelgeschichte und der heilige 
Dionysius von Paris ursprünglich ein und dieselbe mythische Person 
darstellten. Im 17. Jahrhundert entbrannte darüber eine Debatte zwi¬ 
schen den Kritikern und den "Areopagiten". 

Es wäre äußerst interessant, wenn wir auf das Kloster verweisen 
könnten, in welchem unter dem Namen "Eusebius Pamphili" die ers¬ 
te allgemeine Kirchengeschichte komponiert wurde. Da "Cassiodor" 
schreibt, das kalabresische Kloster sei in einem Bezirk gewesen, in 
welchem es viele Griechen gab, könnte dort die "dreigliedrige Ge¬ 
schichte" verfasst worden sein. Wenn sie aber vorgeben, diese Kir¬ 
chengeschichte sei von den griechischen Autoren Sokrates, Sozome- 
nos, Theodoret und dessen Freund Epiphanes ins Lateinische über¬ 
tragen worden, ist dies eine Fabel, die wahrscheinlich im entgegen 
gesetzten Sinne zu verstehen ist. Man erzählt uns, das Buch hätte 
"Haymo von Halberstadt" besonders in den Bann gezogen und dass 
er gar einen Abriss von ihm verfasste. Doch es ist erneut der große 
Abt Trithemius, der vor allen Anderen als großer Meister der Kir¬ 
chengeschichte erscheint. Er behandelt die Geschichte von Apolloni- 
us von Tyana und die sagenhaften Neigungen der Griechen auf eine 
Weise, die andeutet, wie gründlich die besten benediktinischen 
Künstler die alten Vorlagen studierten. 

Die Geschichten der Kreuzzüge, die "Robert von Reims", "Fulcher 
von Chartres", "Guibert von Nogent" und einigen Anderen zuge¬ 
schrieben wurden, sind allesamt benediktinische Produktionen. Sie 
fallen in die Kategorie der heiligen Geschichten, da sie die "Wieder¬ 
eroberung des Heiligen Landes" behandeln. Es ist davon auszuge¬ 
hen, dass sie nützlich waren, um das anti-mohammedanische Emp- 



156 


finden anzuheizen, welches durch die Bedrohung ausgelöst wurde, 
der sich Westeuropa nach der Einnahme Konstantinopels durch die 
Türken ausgesetzt sah. 

Das Ansinnen der Äbte bei der Bearbeitung dessen, was sie profane 
Geschichte nannten, bestand darin, ihre Mönche und alle Anderen in 
ihrem Einflussgebiet von der Liebe zur "Welt" zu entwöhnen und ih¬ 
nen beizubringen, wie fruchtlos all die Freuden und Lobpreisungen 
doch seien. Ihre Kunstgriffe der Interpolation und Zerstückelung rö¬ 
mischer Klassiker habe ich bereits andernorts behandelt. Sie hatten 
es also fertig gebracht, die Lüge zu untermauern, dergemäß der Be¬ 
ginn des Christentums in den Anfängen des Römischen Reiches liegt 
und bis zur Wiederentdeckung der Schriften niemals in irgendeiner 
Weise ausstarb. Stolz zitieren sie unsere Landsleute Sir John Mars- 
ham und Antony Wood, welche darauf beharrten, dass wir alle unse¬ 
re Kenntnisse der vorreformatorischen "englischen Geschichte" von 
den "Mönchen" erlangt haben. Doch war sich keiner unserer Lands¬ 
leute bewusst, dass "diese Mönche" nicht einfach eine uneinheitliche 
Gruppe oder eine Reihe von Gelegenheitsautoren waren, sondern 
ein eng verbundener Trupp systematisch agierender Künstler. Die 
lange Reihe benediktinischer Schreiber, die unter verschiedenen 
Pseudonymen agierten, muss ich hier nicht ausführen. Sobald wir 
aus dem Schatten des heiligen Alban treten und uns danach erkundi¬ 
gen, wann erstmals ein Mensch aus dem normalen Volk, also kein 
Mönch, von diesen Schriften Kenntnis nahm und sie lesen konnte, so 
lautet sie Antwort mit größter Klarheit und Entschiedenheit: "Nicht 
vor der Regierungszeit König Heinrichs VIII." 


Pater Mabillon verortete die Chronik von Fontanelle im "9. Jahrhun- 



157 


dert" und hielt sie für das älteste Stück derartiger Gestaltung, jedoch 
erhebt die "Beda Venerabilis" zugeschriebene Geschichte über die 
"Leben der Äbte des Klosters Wearmouth-Jarrow" den Anspruch 
noch älter zu sein. Es muss aber daran erinnert werden, dass dieses 
kostbare Werk erst im 17. Jahrhundert ans Tageslicht gebracht wur¬ 
de. Fulda und St. Gallen produzierten ebenfalls Chroniken des 9. 
Jahrhunderts, obwohl ihre literarische Tätigkeit nicht vor dem Abt 
Trithemius begonnen haben kann. In diesem Zusammenhang sollten 
auch Trithemius' "Annalen von Hirschau" begutachtet werden. Die 
Chronik von Monte Cassino wird dem "11. Jahrhundert" zugeschrie¬ 
ben, wie auch die Chronik von Gemblours im Bistum Namur und 
vielen andere. 

Durch einen der merkwürdigen Zufälle in Sachen Klosterliteratur 
des 13. Jahrhunderts, entschwanden urplötzlich alle Chronisten, je¬ 
doch führte dies interessanterweise keineswegs dazu, dass sich im 
darauffolgenden Jahrhundert eine nennenswerte Anzahl an Monas- 
terologen dazu berufen fühlte, diese Arbeit wieder aufzunehmen. Im 
15. Jahrhundert nimmt die Trägheit der Mönche weiter zu und somit 
nimmt sich der unabdingbare Trithemius gegen Ende des Zeitalters 
des Themas an. Eine grell leuchtende Ausnahme hinsichtlich des all¬ 
gemeinen Mangels an fleißigen Männern dieses Fachgebietes ist je¬ 
doch England, welches folgende benediktinischen Chronisten aufzu¬ 
weisen hat: "Hugh Candid" mit seiner Geschichte von Peterborough, 
Joscelin mit seiner "Chronik von Bury", John of Wallingford mit sei¬ 
ner Liste der verstorbenen Brüder der Profession des heiligen Alban, 
Matthew Paris mit seiner "Chronica Majora" von St. Albans sowie 
seiner "Gesta" der zweiundzwanzig Äbte desselben Klosters, Matt¬ 
hew von Westminster mit seiner "Res Gestae" von Westminster. Al- 



158 


lerdings wird sich zeigen, dass keiner dieser Chronisten vor dem 16. 
oder späten 15. Jahrhundert schrieb. 

Wenn wir uns sicher auf einen Benediktiner festlegen könnten, der in 
der Zeit des Buchdrucks in der Lage und gewillt war, eine korrekte 
und authentische Liste der Ordensschreiber und ihrer erhaltenen 
Schriften anzufertigen, könnte die Diskussion über den Orden und 
das hohe Alter seiner Literatur ein schnelles Ende finden. Die 
Schwierigkeit besteht noch immer darin, einen weltlichen Gelehrten 
zu finden, der ihre Listen überprüft und verifiziert hat. Nun muss 
John Leland, welcher von 1533 bis 1539 seine Reise zu den engli¬ 
schen Klöstern unternahm, von den Benediktinern darüber unter¬ 
richtet worden sein, dass der Canterbury-Mönch "Wilhelm von Gil- 
lingham" eine Bibliographie aller benediktinischen Schriften ange¬ 
fertigt habe. Ihre Erzählung war jedoch erlogen; denn unser berühm¬ 
ter Abt Trithemius von Sponheim weiß nichts von einem solchen 
Werk. Im Gegenteil, soll er die Tatsache, dass der Orden keinen Kata¬ 
log seiner berühmten Literaten besaß, sogar bedauert und sich selbst 
mit größtem Eifer, der durchaus größer als sein Urteilsvermögen 
war, an die Arbeit gemacht haben, so berichten uns die Historiker 
von 1754. Dies ist einer der stärksten Beweise dafür, dass das gesam¬ 
te fiktionale System in einer Zeit entstand, als das Literaturstudium 
in Deutschland zu blühen begann. Cluny, ein weiterer großer Sitz 
dieser literarischen Betätigung, scheint später auf dem Gebiet aktiv 
gewesen zu sein. 

Ich möchte nun ein Dokument von beträchtlicher Bedeutung hin¬ 
sichtlich der Frage nach dem Ursprung und der Epoche der benedik¬ 
tinischen Historien anführen. Im Jahre 1481 richtete Günther von 



159 


Nordhausen, der Abt von Erfurt, seine appellative "Predigt über Ge¬ 
schichte für die heilige Bursfelder Kongregation" 73 an ebendiese. Im 
üblichen blumigen und etwas schuljungenhaften Stil der Mönche 
vergleicht der gute Abt Geschichte mit der Sonne, denn da es ohne 
die Sonne kein Licht und keine Wärme geben kann, könne es ohne 
Geschichte keine Autorität oder Stabilität in menschlichen Angele¬ 
genheiten geben. Gott höchstselbst hat uns mit dem gemeinhin als 
Bibel bekannten Buch nichts als Geschichte hinterlassen. Mit Aus¬ 
nahme der poetischen Bücher ist alles "reine Geschichte", die mit 
göttlicher Feder geschrieben wurde und mit den gewichtigsten Din¬ 
gen angefüllt ist. Die Propheten erzählen Geschichten; die heiligsten 
Evangelien stellen lediglich ein Buch mit Geschichten dar und die 
Passion Christi ist ebenfalls nichts weiter als eine Geschichte. Für 
Predigten und Auslegungen wird eine Geschichte benötigt, ohne die 
es einfach nicht geht. Die Geschichte wirkt beruhigend wie das Lied, 
mit welchem eine Mutter ihr weinendes Kind zum Einschlafen 
bringt. Dichter hüllen ihre Geheimnisse heilig oder profan in Fantasi¬ 
en, also in Fabeln, die auf geniale Weise inszeniert werden. 

Der gute Abt verkündet eindringlich: 

"Die ganze Theologie ist ein historisches Studium. Legisten zi¬ 
tieren ihre Rechtsvorschriften, welche ebenfalls Geschichten 
sind - ob gut oder schlecht. Mediziner verlassen sich auf Ver¬ 
nunft und Erfahrung, welche auf Geschichten aus vielen Jah¬ 
ren basieren. Abgesehen von Geschichte, ist die ganze Litera¬ 
turkunst dürftig und verkümmert. Die Geschichte zieht sich 
durch die gesamte Philosophie, ob spekulativ oder praktisch. 


73 ''Hist. Rei Litt. Ord. S. Benedicti," 1754, Teil 2, S. 423. 



160 


Mathesis [Kenntnisgewinn] stützt sich auf Beobachtungen, 
also wiederum auf Geschichte. Jedes Alter und Geschlecht, je¬ 
der Mensch, ob groß oder klein, erfreut sich an Geschichte. 
Wenn sich die Hanswürste in Tavernen unterhalten, sind sie 
gespannt auf Geschichten; sie wollen wissen, was in der Nach¬ 
barschaft geschah und welche Neuigkeiten es über Krieg oder 
Frieden gibt. Kurz gesagt; Geschichte bestimmt, ziert, erfreut 
und stützt die ganze Welt." 

Nach dieser beredten Aussage äußert der Erfurter Abt sein Erstau¬ 
nen darüber, dass das Geschichtsstudium (ohne welches kein 
Mensch solide erzogen werden könne) in unseren Klöstern nur so 
kalt, so mangelhaft und umständlich unterrichtet wird, "wenn sie 
denn überhaupt gelehrt wird". Er betont nachdrücklich: 

"Wenn wir die alles bestimmende göttliche Vorsehung näher 
kennen und genauer verstehen wollen, müssen wir die heilige 
und die profane Geschichte vereinigen. Daher hätte man in al¬ 
len Klöstern getreulich zu bestimmten Stunden einen gelehr¬ 
ten Meister in Geschichte einsetzen müssen, um die jüngeren 
Brüder in Kenntnis zu versetzen - nein, noch eher die älteren 
Brüder (denn diese sind in ihren Studien meist noch Kindlein). 
Der Gewinn daraus wäre wertvoller als Silber oder Gold. Wie 
großartig wäre die Erfahrung aus diesen Dingen; und wie 
groß der Einfluss und die Verehrung unseres Ordens?" 

Er führt weiter aus: 


Die Schreiber der Naturgeschichte haben vielerlei Ungeheuer 



161 


entdeckt, jedoch konnte ich nichts von einem ohne Gehirn aus¬ 
findig machen. Tatsächlich ist der Mensch gemäß Platon ein 
staunenswertes Monstrum, welches, wie die allerheiligste Tri¬ 
nität bezeugt, in sich die höchste Kunstfertigkeit, Weisheit, 
Gnade und Güte aufweist. Er zeigt im Kleinen die Wunder der 
ganzen Welt. Den, der die Geschichte nicht kennt, nenne ich 
fürwahr ein Monstrum, jedoch in einem anderen Sinne." 

Die Leiter der Heiligen Kongregation werden dann vehement er¬ 
mahnt, dafür Sorge zu tragen, dass diese göttlichen Studien wohl ge¬ 
deihen. "Monstrum illud horrendum, cui lumen rationis ademptum 74 
- Sie müssen der Unkenntnis der Geschichte entrinnen! "Wer Ohren 
zum Hören hat, der möge Hören." 

Der Erfurter Abt war verwundert und seine Zunge klebte an seinem 
Gaumen, als seine Auslassung abgewiirgt wurde. Als er die Prälaten 
des Benediktinerordens nach den Gründern und Wegbereitern der 
Mönchsklöster befragte, stellte er fest, dass sie gar noch dümmer als 
Fische waren. Sie hatten dazu nichts zu sagen oder waren schlicht 
verwirrt, zögerlich und kannten ihre eigenen Historien nicht im ge¬ 
ringsten. 

"Die Einrichtungen unseres Ordens sind nicht da, um untätig 
zu sein, zu essen oder zu trinken, im Chor Psalmen zu singen 
oder in der Zelle zu beten, sondern um die Schulen heimzusu¬ 
chen und in diesen getreu die ehrwürdigen Schriften sowie die 
guten Künste und Wissenschaften zu lehren. Unter diesen tri- 

74 "monstrum horrendum, informe, ingens, cui lumen ademptum." Vergil -Aeneis 
- Liber tertius - Vers 655-665 - "Monster, unförmig, gewaltig, dem das Auge 
genommen worden ist." 



162 


umphiert und herrscht die Geschichte als Königin, die uns von 
Gott gegeben wurde." 

Die folgenden Ermahnungen zeigen, wie neuartig und lästig jegliche 
literarische Betätigung für die Allgemeinheit der Äbte war: 

"Wenn Sie sich auf die Umsetzung dieses Statuts einigen, so- 
dass jeder Prälat darauf bedacht sein sollte, die Annalen oder 
die Geschichte seines Klosters zu schreiben, was könnten wir 
dann noch Größeres, Nützlicheres u.s.w. tun? Angenommen, 
der Abt selbst hätte dazu keine Muße, so kann er diese Auf¬ 
gabe doch sehr wohl einem Bruder übertragen. Wie nützlich 
diese Arbeit doch wäre, würde sie doch endlich angegangen 
werden! Konkret heißt das, dass jedes Kloster eigene Privilegi¬ 
en, Dokumente und Einzelverordnungen hätte, wie bei Ho¬ 
mer." 

Weitere Beobachtungen zeigen die intensive Sorge um die Wahrung 
der Privilegien in Zeiten der Verfolgung sowie um die Aufdeckung 
der Gründer, welche zur Erstellung zahlreicher Gründungslegenden 
führte. 

Selbstverständlich besteht der gute Abt darauf, dass "der Historiker 
ein Wahrheitsliebender Mann zu sein hat, der wissentlich ausschlie߬ 
lich das schreibt, was auch tatsächlich geschehen ist. Wenn ein sol¬ 
cher Historiker jedoch gelegentlich durch eine falsche Erzählung ge¬ 
täuscht wird, welche den Anschein der Wahrheit trägt, wird ihm dies 
von guten und aufrichtigen Männern verziehen." Es wäre freier her¬ 
aus, hätte der Abt erwähnt, wo sich, sofern überhaupt vorhanden. 



163 


die Register befanden, welche dem angehenden Historiker das nöti¬ 
ge Material liefern sollten; jedoch fährt er seine Erklärung in dersel¬ 
ben unkonkreten Art fort: 

"Ohne Geschichte bist du kein Mensch und wir sind ohne sie 
keine Mönche. Nein, ohne Geschichte kann niemand gerettet 
werden. Der ehrwürdige Ausspruch, 'Erkenne dich selbst!' 
kam direkt aus dem Himmel herab. Wie kannst du dich aber 
selbst kennen, wenn du ohne Geschichte bist?; ohne diese Ge¬ 
schichte, welche dir mitteilt, wie sich der heiligste Mann für 
dieses Leben entschied und es allen Freuden der Welt vorzog. 
Die Passion des Herrn ist unsere Erhöhung, unser Trost und 
unser ewiges Heil. Wer lehrte oder lernte dies jemals ohne Ge¬ 
schichte? Freilich wird bestätigt, dass der heilige Benedikt das 
Studium der Schriften zum Zwecke Gott wohl zugefallen ge¬ 
ringschätzte; und dennoch verachtete er nicht die Geschichte; 
denn der heilige Gregor der Große schrieb in seinem Werk 
über das Leben Benedikts nichts als historische Erzählungen 
nieder." 

Es ist nicht notwendig, weiter aus dieser leidigen Predigt zu zitieren. 
Sofern sie denn tatsächlich 1481 verfasst wurde, geht sie durchaus 
mit anderen Beweisen konform, welche belegen, dass die literarische 
Kultur unter den Äbten noch in den Kinderschuhen steckte. Ihre in 
dieser Schrift enthaltene Auffassung von Wahrheit und Unwahrheit 
entspricht keineswegs der in dieser Welt üblichen Abgrenzung die¬ 
ser Begrifflichkeiten. Mittels anderer Teile dieser benediktinischen 
Schrift lässt sich leicht nachweisen, dass eine plausible und gut aus¬ 
gestaltete Fiktion im Interesse des Ordens durchaus orthodox ist und 



164 


dass die bloße Einhaltung von Tatsachen als stumpfsinnige oder gar 
gefährliche Gepflogenheit angesehen wird. 


Die dieser erstaunlichen Ausführung zugeschriebene Datierung 
könnte annähernd korrekt sein. Falls dies der Fall ist, wirft das Do¬ 
kument einen wertvollen Blick auf die vorherrschende Unwissenheit 
in den Klöstern, etwa zwanzig Jahre bevor sich Martin Futher (ge¬ 
mäß der Überlieferung) in demselben Erfurter Kloster voller Hinga¬ 
be auf eine vollständige Ausgabe der lateinischen Bibel stürzte. 

Pater Mabillon gilt gemeinhin als Begründer der diplomatischen 
Kunst oder Wissenschaft. Damit kannte die Diplomatik vor Mabilli- 
on keine allgemeingültige Methode beziehungsweise keine diploma¬ 
tischen Prinzipien für das Studium der Manuskripte, welche erst 
nach der Erfindung des Drucks allmählich aus den Winkeln der 
Klöster ans Eicht gebracht wurden. Vor etwa 200 Jahren gerieten die 
Archive der Klöster, besonders die der französischen, in scharfen 
Verdacht bezüglich ihrer Echtheit. Aus inbrünstiger Loyalität, wel¬ 
che das treibende Motiv des wahren Benediktiners ist, widmete sich 
Mabillion der Verteidigung seines Ordens. 

Die Jesuitenpatres Henschen und Papebroch hatten die Benediktiner¬ 
archive und dabei insbesondere das von Saint-Denis heftig angegrif¬ 
fen. Ihnen folgten Pater Germon und erneut Pater Hardouin, der 
wohl als der kühnste kirchliche Kritiker anzusehen ist, da er vermut¬ 
lich der verständigste und klarsichtigste unter ihnen war. Die Ge¬ 
schichte dieser Auseinandersetzung wäre es wert, unter dem Ge¬ 
sichtspunkt einer leidenschaftslosen Kritik neu geschrieben zu wer¬ 
den. Rückwirkend können wir feststellen wie bemerkenswert es ist. 



165 


dass sich ein solcher Streit überhaupt unter Mitgliedern des Priester¬ 
tums abspielen konnte. Weiter ist es außergewöhnlich, dass er nicht 
flugs wieder von den Autoritäten unterbunden wurde. Der kühle lai¬ 
enhafte Kritiker wird sicherlich feststellen, dass die Jesuiten durch¬ 
aus berechtigte Gründe hatten. Beweise für das hohe Alter und die 
Echtheit der Benediktinerarchive einzufordern. Die Jesuiten hatten 
guten Grund zu der Annahme, dass der älteste kirchliche Orden 
nicht annähernd so alt war, wie er sich selbst darstellte und ein Gro߬ 
teil der Instrumentarien des Ordens gefälscht waren. Doch hätten sie 
die Argumente so weit vorangetrieben, wie es Hardouin wollte, 
wenn sie also z.B. entschieden bestritten hätten, dass die authenti¬ 
schen Aufzeichnungen der katholischen Kirche weiter zurückrei¬ 
chen, als bis ein Jahrhundert vor dem Aufstieg der Gesellschaft Jesu 
oder der ersten Sitzung des Konzils von Trient, hätte es in der Welt 
des kirchlichen Lebens und ihrer Schriften eine Revolution gegeben. 
Ich habe an anderer Stelle auf diese Kontroverse hingewiesen. Mabil- 
lons Abhandlung über Diplomatik und die seines Zeitgenossen 
Montfaucon über Paläographie bleiben nach wie vor die Standard¬ 
werke dieses Bereichs. Wenn die Frage aufkommt: "Wie alt ist der 
Stil, diese Handschrift?"; und es dann ihrerseits heißt: "Sie ist aus die¬ 
sem oder jenem Jahrhundert"; dann muss die Erwiderung lauten: 
"Sie stammt von demselben Mönchsorden, der auch das Schema der 
Jahrhunderte und die dazugehörigen Handschriften kreiert hat. Sie 
können nicht beweisen, dass die Schrift echt ist, sofern sie nicht zu¬ 
nächst beweisen, dass die Chronologie echt ist. Ebenso wenig kön¬ 
nen sie die Echtheit der Chronologie beweisen, sofern Sie nicht das 
Alter der Handschrift feststellen." Ihre Verteidigung verläuft im Teu¬ 
felskreis. 



166 


Es muss kaum betont werden, dass es keinen wirklichen Grund zur 
kritischen Untersuchung der Benediktiner gab, ehe ihre Ansprüche 
angesichts der weitläufigen Wissensverbreitung und des For¬ 
schungsgeistes einer allgemeinen Überprüfung unterzogen wurden. 
In diesem Zusammenhang kann der Leser die Einzelheiten einer von 
Kardinal Baronius ausgehenden Kontroverse lesen, welche die Frage 
behandelt, ob "Gregor der Große" in Wirklichkeit ein Benediktiner¬ 
mönch war. Es ist doch ausgesprochen lächerlich, von einer kriti¬ 
schen Verteidigung der Position zu sprechen, wenn diese darauf ba¬ 
siert, dass Gregor selbst bekundet habe, ein Abt des Ordens zu sein, 
wenn also solche Selbstzeugnisse ein wesentlicher Bestandteil des 
Systems sind! Wenn gegen ein vorgeblich gregorianisches Werk ar¬ 
gumentiert wird, dass es nicht vor 1537 veröffentlicht wurde und 
von diesem kein Manuskript vorhanden ist, so ist dies ein Argument, 
welches generell auf einen sehr großen Teil der "patristischen" Schrif¬ 
ten zutrifft, von denen vor dem frühen 16. Jahrhundert niemals je¬ 
mand etwas wusste. Da wiederum darauf beharrt wird, dass die 
vom heiligen Gregor nach England gesandten Missionare Benedikti¬ 
ner waren, wirft das jedoch eben zwangsläufig diese Frage auf. Diese 
Erzählung ist eine benediktinische Erzählung, allerdings muss an 
dieser Stelle bereits die ganze Frage nach ihrer historischen Glaub¬ 
würdigkeit sowie danach aufgeworfen werden, wie weit über die 
Zeit der Wiederentdeckung der Schriften hinaus ihre Aufzeichnun¬ 
gen zurückreichen. 

Weitere Angriffe des Jesuitenpaters Briet auf die Benediktiner als 
"Plagiateure der Heiligen" brauchen wir hier nicht zu behandeln. 
Hinsichtlich der zahlreichen falschen Schriften, welche ihren literari¬ 
schen Werkstätten entstammen, möchte ich der Fairness halber er- 



167 


wähnen, dass ihnen die Entschuldigung zuzugestehen ist, dass vor¬ 
schriftsmäßig jedes ihrer Klöster einen eigenen Obersten hatte, im 
Gegensatz zu den Jesuiten, die alle einem General unterworfen sind. 
Die Gesamtheit sollte nicht für die Fehler, also die arge Nachlässig¬ 
keit einiger Mitglieder, speziell einiger der Äbte, verantwortlich ge¬ 
macht werden. Allerdings wurde die radikale Frage inmitten derart 
unwichtiger Diskussionen immer wieder umgangen: Wann wurde 
die von Männern derselben Zucht und Regel geschriebene Fiteratur 
entworfen und ausgearbeitet? Müßige Fragen danach, wo sich z.B. 
die Reliquien des heiligen Benedikt und der Scholastika oder etwa 
die Gebeine des heiligen Dionysios befinden, mögen zwar unterhalt¬ 
sam sein, lenken aber von der sich förmlich aufdrängenden Haupt¬ 
frage ab, deren Fösung eine der wichtigsten Aufgaben ist, die der Fi- 
teraturkritiker zu lösen hat. 

Wir stehen noch immer vor demselben Problem. Ab wann gab es die 
Gattung der sogenannten Antiquaren, also der Behüter und Kopisten 
von Manuskripten? Ab wann erachtete man die Schreibstube (das 
Skriptorium) als notwendig? Diese Fragen wurden bisher niemals 
wirklich beantwortet. Geht man die diesbezüglichen Mitteilungen in 
der üblichen chronologischen Reihenfolge von Schreibern wie Cas- 
siodor bis hin zu Trithemius durch, so ziehen erneut die alten Ver¬ 
dachtswolken auf. Jedenfalls können wir aus dem absoluten Ver¬ 
schweigen des Themas seitens eines so wichtigen Schreibers wie 
John Feland schlussfolgern, dass es zu seiner Zeit nur recht wenige 
Schreibstuben oder Museen in englischen Klöstern gab. 

Es ist nicht nötig, den Feser mit einer Besprechung der relativen Vor¬ 
züge der Stile verschiedener Mönche aufzuhalten. Uns wird berich- 



168 


tet, dass einige der Mönche in einer barbarischen Zeit schrieben und 
auch entsprechend agierten. Natürlich finden wir stets das, wonach 
wir suchen, somit auch einmal ein eleganteres Latein in einem ele¬ 
ganteren Zeitalter. Allerdings können wir freilich nicht kompetent 
über die Art Latein urteilen, welche in imaginären Zeitaltern hätte 
geschrieben werden können. Die verfügbaren Beweismittel zeigen 
deutlich genug, dass die Kultur des Lateinischen in der zweiten 
Hälfte des 15. Jahrhunderts wiederbelebt wurde und gewisse Zeit 
später die Kultur des Griechischen, jeweils unter einer begrenzten 
Anzahl von Gelehrten. Der epochale Trithemius bedauert den Man¬ 
gel an gebildeter Kultur unter den Mönchen und ist eventuell sogar 
der erste Abt, der sich unter der Anleitung eines jüdischen Konverti¬ 
ten dem Hebräischen annimmt. Wir können sehr wohl davon ausge¬ 
hen, dass im 16. Jahrhundert mit den Schriften der vier Kir¬ 
chenlehrer eine gründliche Kultivierung der lateinischen Klassiker 
einsetzte, welche jedoch im Gleichschritt mit der allgemeinen Bil¬ 
dungsentwicklung vonstatten ging. 



169 


«apitcl VI 

55ct« bencDiftim«ct)e ©pstem Per 
(Sjitonologie 


Obgleich die Frage der Chronologie so immens wichtig ist, scheint 
sie doch so wenig verstanden worden zu sein, dass ich nun einige 
allgemeine diesbezügliche Betrachtungen anführen möchte. 

Für jede mächtige Familie, jeden mächtige Stamm und jede mächtige 
Nation oder Gesellschaft kommt die Zeit, in der sie über ihre Gene¬ 
ration nachdenken und sich selbst sowie der Welt gegenüber Re¬ 
chenschaft über ihre fernere Vergangenheit ablegen muss. In primiti¬ 
ven Zeiten des Fehlens jeglicher Register und Aufzeichnungen über 
die Vergangenheit kommen die Familien leicht auf den Gedanken, 
dass sie so alt wie die Erde selbst seien; oder dass ihre Vorfahren zu¬ 
mindest bis zur großen Rettung der Menschheit vor der Urflut zu¬ 
rückreichen. 

Jedes Kulturvolk hat eine Phase des derartig geneigten Glaubens 
durchlaufen. Die Legenden der Griechen, des höchsten Kulturvolkes, 
geben reichlich Zeugnis von dieser Gesetzmäßigkeit der Vorstel¬ 
lungskraft. Wenn ein imaginäres Ereignis wie die Schöpfung der 
Menschheit erst einmal festgelegt ist, können Dichter von dort an zu¬ 
rückrechnen und mittels der Erstellung einer Reihe fiktiver Personen 
und Generationen eine scheinbar lebendige und nahtlose Verbin¬ 
dung mit dem Ursprung der Dinge erschaffen. Imaginäre Ereignisse 
einer anderen Art sind im unteren Bereich der Skala angesiedelt, so 



170 


z.B. die "Belagerung Trojas" und "Die Rückkehr der Herakleiden". 
Diese Ereignisse, von in patriotischer Leidenschaft agierenden Dich¬ 
tern geschaffen, werden für den geneigten Glauben real und finden 
Einzug in die Grundsätze nationaler Glaubensbekenntnisse, welche 
anzuzweifeln schon nahezu als Verrat gilt. Die poetische Chronolo¬ 
gie, die ohne Heranziehung irgendwelcher authentischer Register er¬ 
stellt wurde, ist nichts anderes als eine "plausible Fiktion", um ein¬ 
mal die Lieblingsphrase von Herrn Grote anzuführen. Um sich selbst 
zu suggerieren, das eigene Volk sei so alt wie irgendeine andere Na¬ 
tion auf der Erde, genügt es bereits, wenn dieses beginnt dem zu lau¬ 
schen, was wir gemeinhin Erzählung nennen; und wie gewöhnlich 
oder trist seine eigenen jüngeren Erinnerungen auch sein mögen, 
war es in ferner Zeit doch mit göttlichen und heroischen Wesen ver¬ 
bunden. Doch Geschichte beginnt nach dem modernen Verständnis 
des Begriffs erst, sobald wir Beweise dafür haben, dass ein Volk den 
Wert seiner zeitgenössischen Faktenlage kennt und fähig ist, genaue 
Register zu führen. 

In ihrem literarischen Zeitalter erfüllte es den Stolz der Römer, als es 
hieß, dass ihr Romulus die Stadt vor mehr als 700 Jahren gründete. 
Genauso erfüllte es die Griechen, als es zu Herodots Zeit hieß, ihre 
Vorfahren seien bei der Belagerung Trojas zugegen gewesen; und 
dies bereits über 700 Jahre vor der Zeit dieses Dichters. Be¬ 
kanntermaßen war Herodot eher ein Dichter als ein Historiker ge¬ 
mäß moderner Auffassung. Es waren stets die Dichter, welche dieses 
System der primitiven Perspektive und groben Zeitrechnung mittels 
Genealogien konstruierten, die als authentische Aufzeichnungen der 
Vergangenheit akzeptiert wurden. 



171 


Sobald wir verstehen, welche Leidenschaften diesen erfinderischen 
Prozess anregen, erkennen wir, dass es bei allen Kulturvölkern üb¬ 
lich ist, das eigene imaginäre Alter immens zu verlängern und in die¬ 
sem Zuge in fiktiver zeitlicher Distanz Dinge zu platzieren, die tat¬ 
sächlich relativ jung sind. Lassen wir die Dichter und Mythologen 
einmal beiseite und betrachten nüchtern die beständigen Denkmäler 
Griechenlands, Roms und Ägyptens sowie die der Araber, der Juden 
und der heiligen Römer, verflüchtigt sich unser illusorisches Empfin¬ 
den und wir sind schon eher geneigt, aus der bloßen Realität der 
Steine heraus unsere eigenen groben Vermutungen über das verglei¬ 
chende Altertum der Steine zu entwickeln. Zumindest begegnen wir 
unseren Dichtern nun gewissermaßen mit einer fähigeren Urteils¬ 
kraft, welche wir bei einer neuerlichen Betrachtung ihrer Schemata 
berücksichtigen können. 

Die Mohammedaner hielten es irgendwann für notwendig, ein chro¬ 
nologisches Schema zu erstellen, dies jedoch höchstwahrscheinlich 
erst sehr viel später als es ihre konventionellen Datierungen sugge¬ 
rieren. Dabei waren ihre Grundsätze konsequent logisch und somit 
theologisch. Sie sagten, dass bei dem Ewigen ein Tag wie tausend 
Jahre sind und nutzten dieses Prinzip, um das Alter der Welt zu be¬ 
stimmen. Anscheinend argumentierten sie, der letzte und größte al¬ 
ler Propheten werde am siebten Tag erscheinen, demnach also im 
siebten Jahrtausend der Welt. Somit konnte er stets wirken und sie 
dachten, die große religiöse Organisation sei in ihren herrlichsten Ta¬ 
gen Zeuge der Wahrheit seiner Mission und ihres eigenen göttlichen 
Erfolgs gewesen. 


Bei den Juden verhielt es sich anders. Sie waren ein vergleichsweise 



172 


armes, schwaches und zerstreutes Volk, denn sie hatten niemals ein 
Territorium oder eine Streitmacht, außer in zurück- und voraus¬ 
schauenden Träumereien. Ihre Zeit sollte erst noch kommen. Der kö¬ 
nigliche Spross aus Davids Stamm musste erst noch in Erscheinung 
treten. Auf die Frage nach dem Alter der Welt antworten ihre Chro¬ 
nologen entsprechend den Mohammedanern, sie sei soundso viele 
Tage, also wiederum soundso viele Jahrtausende alt. Beim Berechnen 
der Anzahl dieser mystischen Tage unterschieden sie sich jedoch von 
den Mohammedanern, indem sie erklärten, der Messias würde im 6. 
Jahrtausend der Welt erscheinen. Erst mit der Wiederbelebung der 
Gelehrsamkeit begannen die jüdischen Gelehrten die mystische 
Rückschau ihrer heiligen Schreiber auf ein bestimmtes Schema zu re¬ 
duzieren. Nach seinen Berechnungen des Alters der Welt, brachte 
der spanische Rabbi Abraham Zacuto dieses Schema bis etwa zum 
Jahr 5260. Auf ihn folgte der Rabbi David Gans mit seinem chronolo¬ 
gischen Schema namens "Zemach David". Gans wirkte in der zwei¬ 
ten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Sein Werk ist beispielhaft für die 
durch das Fehlen genauer Register verursachte Unklarheit, denn er 
kann z.B. noch nicht einmal die Zeit seines Vorgängers Zacuto genau 
ausmachen. Gans glaubt, Zacuto sei im späten 15. Jahrhundert zu 
verorten. 

Die Abte des Benediktinerordens wählten für Ihre Sache die mysti¬ 
sche Grundlage der Juden, dergemäß die Zeit für das Erscheinen des 
Messias das sechste Jahrtausend der Welt sei. Anders als die Juden 
behaupteten die Mönche jedoch, der Messias sei bereits mit der 
Fleischwerdung Gottes erschienen. Um die Logik zu wahren, ver¬ 
kündeten sie, Jesus Christus sei einige Zeit nach dem Weltenjahr 
5000 geboren worden. Diese unterschiedlichen Prinzipien, welche 



173 


nicht abweichenden Wissensständen sondern kirchlichen Ambitio¬ 
nen entspringen, führten zu den größten Diskrepanzen. Zur Zeit des 
Kulturfortschritts des 16. Jahrhunderts befassten sich Gelehrte, wel¬ 
chen diese mystischen Grundlagen des Systems unbekannt waren, 
mit lateinischen, hebräischen und griechischen Bibeln, mit Josephus 
und anderen fabelhaften Büchern, als wären es chronologische Re¬ 
gister. Da sie der Meinung waren, die mystischen Grundlagen seien 
wissenschaftliche Prinzipien, versuchten sie mit deren Hilfe das Al¬ 
ter der Welt neu zu bestimmen. Joseph Scaliger (1582), der auf die¬ 
sem Gebiet ein Orientierungspunkt ist, reduzierte das Alter der Welt 
auf 3950 Jahre zur Zeit des Augustus. Etwa ein Jahrhundert später 
erhöhte Erzbischof Usher auf 4004 Jahre. Erst in unserer Zeit, in wel¬ 
cher die Spekulationen der Naturphilosophen über das hohe Alter 
der Welt unsere Auffassung von der Vergangenheit verändert haben, 
beginnen die Menschen zu verstehen, dass die natürliche Welt von 
immenser Dauer ist und die menschliche Kultur dagegen vergleichs¬ 
weise jung. 

Das Alter der Welt wurde mit Blick auf kirchliche Zweckmäßigkeiten 
oder durch Berechnungen mittels grober Daten aus kirchlichen Bü¬ 
chern bestimmt. Als die benediktinischen Väter von St. Maur im 18. 
Jahrhundert mit der Zusammenstellung ihres Werkes "L'Art de Veri- 
fier les Dates" begannen, gab es nicht weniger als 200 verschiedene 
Berechnungen, von denen viele von ihnen selbst stammen. Die Diffe¬ 
renz zwischen dem höchsten Wert, welcher von den Mohammeda¬ 
nern stammt, und dem niedrigsten, der von den Juden kommt, be¬ 
trägt dabei nicht weniger als 3500 Jahre. Dennoch scheint es seit der 
Vollendung dieses umfangreichen Werkes keinen Gelehrten gegeben 
zu haben, der verkündet, dass derartige Berechnungen für die Wis- 



174 


senschaft vollkommen nutzlos sind, natürlich davon abgesehen, dass 
sie ein grelles Licht auf die Leidenschaften und die Arbeitsweise des 
kirchlichen Geistes werfen. 

Wir kommen nun zu der Frage, wann sich die katholische Kirche auf 
die Inkarnations-Ära festlegte und wann sie damit begann, sie in den 
Annalen zur Anwendung zu bringen. Mit anderen Worten: Wann ka¬ 
men die Begrifflichkeiten Anno Domini, Anno Christi beziehungs¬ 
weise das Jahr der Menschwerdung oder der Geburt Christi in Ge¬ 
brauch? Erneut sind die Benediktiner unsere einzige Quelle. Wie üb¬ 
lich kommen ihre Informationen in Gestalt eines Fabelsystems daher, 
welches wiederum nicht vor der Wiederentdeckung der Schriften ge¬ 
schaffen worden sein kann, was ich ziemlich klar aufzeigen kann. 

Ich möchte den Leser daran erinnern und habe bereits an anderer 
Stelle darauf hingewiesen, dass der so wichtige Katalog der Mönche 
von Bury St. Edmunds nach den Worten "wirkte im Jahr Christi" im¬ 
mer wieder einen Freiraum lässt, was aufzeigt, dass das chronologi¬ 
sche Schema noch nicht entwickelt war, als der Katalog entworfen 
wurde. Weiter möchte ich ins Gedächtnis rufen, dass einige der Pil- 
gerväter-Erzählungen sowie die Paston Briefe, die im späten 15. Jahr¬ 
hundert geschrieben wurden, keine Jahreszahlen tragen. Die Datie¬ 
rung nach den jährlichen Kirchenfesten, wie sie massenhaft in von 
Thorold Rogers untersuchten Dokumenten zu finden war, wurde im 
15. Jahrhundert noch einige Zeit fortgesetzt. Eine andere Gepflogen¬ 
heit war es, nach dem Jahr eines Abtes oder Königs zu datieren, zu¬ 
mal auf sehr vage und unsichere Weise. Ich möchte aber eben noch 
auf die Studien von Thorold Rogers verweisen. 



175 


Rogers bemerkt, dass es ab dem Jahr 1259 kontinuierliche Informati¬ 
on über den Zustand der Landwirtschaft und der Preise gibt. Weiter 
weist er auf ein Phänomen hin, welches seinen Verdacht hätte erre¬ 
gen sollen; und zwar das der kuriosen Einheitlichkeit, mit welcher 
die Änderungen der Gepflogenheiten und Sitten in den mittelalterli¬ 
chen Aufzeichnungen erscheinen. Zum Beispiel seien die Verände¬ 
rungen der Handschriften derartig, dass Experten nur sehr geringe 
Schwierigkeiten mit der Bestimmung der entsprechenden Epoche 
hätten. Der Stil Heinrichs III. sei ganz anders als der Edwards I., die¬ 
ser wiederum als der Edwards II. und dieser erneut als die Stile Ed¬ 
wards III. und Richards II. Die "Änderungen treten in allen Fällen 
plötzlich und nahezu zeitgleich auf!" Korrelierend mit den Verände¬ 
rungen bei den Handschriften, treten plötzliche auch Änderungen in 
der Landwirtschaft auf! Solche Veränderungen sind jedoch lediglich 
künstlerische Erzeugnisse. Wer sie für wahr nimmt, der unterstellt 
etwas völlig Unnatürliches und damit Unglaubliches. 

Die angeblichen Aufzeichnungen des 13. Jahrhunderts, mit denen 
Rogers arbeitete sind Teil desselben Systems, dessen Vertreter der bis 
zum 16. Jahrhundert unbekannte "Matthew Paris" ist. Beispielsweise 
sei in der Regierungszeit Heinrichs III. beschlossen worden, dass die 
Barone nicht länger Tyrannen, sondern die Führer des Volkes zu sein 
haben. Weiter soll man beschlossen haben, dass Simon von Montfort 
heiligzusprechen sei oder, mit den Worten Rogers, zum "Cromwell 
des 13. Jahrhunderts" werden solle. Rogers erster Band basiert 
hauptsächlich auf den Rollen aus dem Merton College und bestätigt, 
dass die Person "Wiclif", mitsamt der berüchtigten, mit seinem Na¬ 
men verbundenen Bewegung, noch niemals irgendwo aufgespürt 
werden konnte. 



176 


In seinem nächsten Band griff Rogers auf eine größere Auswahl ver¬ 
meintlicher "Aufzeichnungen" zurück. Er gibt darin den wichtigen 
Hinweis auf die Verwirrungen hinsichtlich der Benennungen der 
drei Könige namens Edward. Diese sind nicht als der Erste, Zweite 
und Dritte bekannt, sodass der Studierende schwerlich genaue Da¬ 
tierungen ausfindig machen kann. In den Aufzeichnungen der Ram- 
sey Abtei wird bei der Datierung das Jahr des Abtes angegeben und 
der Tag wird durch das nächste Fest der entsprechenden Religion be¬ 
stimmt. Die korrekte Erklärung dafür lautet, dass diese Dokumente 
zu einer Zeit verfasst wurden, als die Menschen die Datierung nach 
dem Inkarnationsjahr noch nicht kannten. 

Daraus, dass in diesen Schriften ein barbarisches Latein verwendet 
wird, zieht Rogers den Schluss, dass die Sprache generell auch von 
Händlern des 14. Jahrhunderts verstanden werden musste - eine Po¬ 
sition, die für uns sehr inakzeptabel ist. 

In Rogers drittem Band müssen wir dann feststellen, dass sich unser 
Forscher hinsichtlich der Aufzeichnungen des 15. Jahrhunderts in 
den Chorus der Schreiber einreiht, welche den extremen Nebel be¬ 
dauern, der sich während diesem bedeutsamen Zeitalter über die 
Welt gelegt hat. Die Informationen vom Merton College werden 
dürftiger. Berichte werden nicht oder nur sehr nachlässig angefertigt. 
Dann weist Rogers auf das Magdalen College und den Verdacht der 
"Schacherei" im Zusammenhang mit den Besitzungen von Sir John 
Fastolf hin. Hätte Rogers sich die Entstehungsgeschichte der Fastolf- 
und Paston-Legenden zu Gemiite geführt, hätte er bemerkt, dass sie 
erst nach der Erfindung des Drucks entstanden und die Benediktiner 



177 


von Holme in Norwich sowie die Bettelmönche ein besonderes Inter¬ 
esse an ihnen hatten. In der Zeit Elisabeths wurde die Geschichte des 
großen Kriegers unter den drei Heinrichen zu einer Art nationalem 
Epos. Der große Dramatiker [Shakespeare] parodierte diese Helden¬ 
taten und erschuf uns den unsterblichen Falstaff. 

Rogers muss feststellen, dass die Dokumente des Corpus Christi Col¬ 
lege nur für die Regierungszeit Edwards VI. lückenlos sind, obwohl 
selbst der Wert dieser sehr zweifelhaft bleibt. Für einen Zeitraum 
von mehr als 150 Jahren gibt es für den Historiker der Sozialge¬ 
schichte praktisch nichts, was er mit Zuversicht nutzen kann. Von ei¬ 
gentlichen Aufzeichnungen kann erst mit dem Inkrafttreten des Eli¬ 
sabeth-Statuts die Rede sein. Gemäß diesem mussten die betroffenen 
Gesellschaften alle sechs Monate die Weizen- und Malzpreise regis¬ 
trieren. Tatsächlich ist dies nicht nur schon alles, was uns hinsichtlich 
der Geschichte landwirtschaftlicher Aufzeichnungen gegeben wird, 
sondern sogar generell alles nationale Archive betreffende, worauf 
ich aber bereits andernorts hingewiesen habe. Bis etwa zur Zeit Eli¬ 
sabeths richteten sich jegliche Besorgnisse der Gesellschaften auf die 
Erfindung falscher Altertümlichkeiten in ihrem eigenen Interesse. 

Wenn Rogers in seinem sechsten Band meint, dass das House of 
Commons im 17. Jahrhundert bei der Gesetzgebung Präzedenzfälle 
des 15. Jahrhunderts heranzog, dann bedeutet dies lediglich, dass die 
sogenannten "Präzedenzfälle" im Staate Elisabeths von den großen 
Parteien frei erfunden wurden, was noch mehr für die Zeit von Kö¬ 
nig Jakob gilt. Ich möchte hervorheben, was Rogers über die Wir¬ 
kung sagt, die das Studium der angeblichen Aufzeichnungen aus der 
Zeit vor den Tudors auf die Vorstellungskraft hat. Wenn man auf Ed- 



178 


ward III. und Richard II. zurückblickt, bekommt man den Eindruck 
eines „produktiven Arbeitslebens"; nein, es wirkt gar, als habe die 
englische Kultur als Ganzes auf der Sonnenseite gelegen. Dann zie¬ 
hen sich für etwa 200 Jahre dichte Wolken zusammen, um sich nach 
all der Zeit wieder aufzulösen, nur damit wir das schockierende 
Elend der niederen Stände in der Regierungszeit von Elisabeth kon¬ 
statieren müssen. 

Die Täuschung ist einerseits unserer Erziehung geschuldet, die unter 
dem Zauber einer leidenschaftlichen Retrospektive erfolgte, welche 
ihre Ideale in eine ferne Vergangenheit zurückversetzt; und anderer¬ 
seits dem Fehlen jedweder vertrauenswürdiger Aufzeichnungen bis 
zu einer viel späteren Zeit als gemeinhin angenommen. Doch kom¬ 
men wir nun zur aktuellen Frage zurück: Wann setzte die Praxis ein, 
nach der Geburt Christi zu datieren? 

Ein Benediktinersprichwort besagt, dass Chronologie und Geografie 
die "zwei Augen der Geschichte" sind. Die Benediktiner sind sich 
auch durchaus bewusst, dass eine genaue Chronologie zwangsläufig 
von der Astronomie abhängig ist. Aus den "Beda" und Anderen zu¬ 
geschriebenen Schriften geht hervor, dass bei ihnen erst ab dem 16. 
Jahrhundert von astronomischem Wissen die Rede sein kann. Sie leg¬ 
ten die Inkarnation Gottes als das große kirchlich-poetische Zeitalter 
fest, von dem ausgehend sie die Schriften datieren sollten. Beim Ver¬ 
such, die Anzahl der Jahre zu bestimmen, die seit diesem idealen Er¬ 
eignis vergangen waren, unterliefen ihnen jedoch grobe Fehler, wel¬ 
che sie in ihren eigenen Schriften eingestanden haben. Jedoch gaben 
sie in dieser Angelegenheit nur einen gewissen Teil der Wahrheit zu. 
Sie geben nämlich vor, dass ihre Fehler in der normannischen Zeit 



179 


ein jähes Ende fanden, während die Schriften, die sie dem 11. Jahr¬ 
hundert zuschrieben, in Wirklichkeit im 16. Jahrhundert weiter ge¬ 
führt wurden. 

Es ist an dieser Stelle notwendig, den Leser daran zu erinnern, dass 
eine sorgfältige Untersuchung der Beweise insgesamt zeigt, dass das 
Wissen über die Astronomie erst während der Renaissance in Euro¬ 
pa begann. Die Araber ebneten den Weg; sie führten das "Almagest" 
oder die Syntaxis des Ptolemäus (in den Canterbury Tales genannt) 
ein, die man unter Heinrich VIII. zu lesen begann. Es ist richtig, dass 
der Strang berühmter Gelehrter aus der arabischen Tradition bereits 
im 9. oder 10. Jahrhundert und in der jüdischen Tradition im 12. be¬ 
ginnt, jedoch liegt dies an den vorwegnehmenden Gewohnheiten, 
mit denen wir uns bereits beschäftigt haben. Tatsache ist, dass sich 
die, Avicenna, Averroes und vielen Anderen zugeschriebene, Wis¬ 
senschaft erst im späten 15. Jahrhundert von Spanien ausgehend ver¬ 
breitete. Die Mönche und Ordensbrüder haben ihre frühen Astrono¬ 
men in den Listen berühmter Gelehrter im 13. Jahrhundert angesie¬ 
delt. Eine kritische Betrachtung der Einzelheiten zu Sacrobosco und 
Roger Bacon zeigt jedoch klar, dass die diesen idealen Gelehrten zu- 
geschriebenen Schriften erst ab der Mitte des 16. Jahrhunderts be¬ 
kannt wurden. 

Das "älteste und klassischste" Werk mönchischer Astronomie wird 
Johannes de Sacrobosco alias John of Holy Bush oder Halifax zuge¬ 
schrieben. Unser frühester Informant darüber ist John Leland, der 
königliche Bevollmächtigte und Bibliothekar Heinrichs VIII., dessen 
Aufzeichnungen anscheinend um das Jahr 1550 verfasst wurden. Le¬ 
land meint, Sacrobosco stamme aus Halifax, dem Zentrum des Woll- 



180 


handeis. Er vermutet weiter, dass der Mönch in Oxford und auch in 
Paris studiert habe. Er weiß von einer Sacrobosco zugeschriebenen 
Arbeit über "Kirchliche Berechnungen". Sonst weiß er nahezu nichts 
von ihm. 

Sacrobosco soll in Paris gestorben und in der Kirche St. Maturin be¬ 
graben worden sein. Leland gab zu Sacrobosco keine Datierung an, 
dafür aber Bale, der Leland folgte und dabei hinzufügte, dass Sacro¬ 
bosco im Jahr 1256 nach der Geburt Christi "gewirktt" habe. Es ist 
unmöglich, vor dem 16. Jahrhundert irgendwelche Beweise für die 
bloße Idee der Existenz dieses Gelehrten ausfindig zu machen. In 
den Anfängen unserer Kultur finden wir Leland vor, wie er Sacro¬ 
bosco als unnachahmlichen Gelehrten bekannt zu machen versucht, 
obwohl die ihm zu geschriebenen Abhandlungen nur ein elementares 
Wissen über Astronomie und Chronologie aufzeigen. Unser Biblio¬ 
graph erwähnt Regiomontanus 75 als einen großen Mathematiker, je¬ 
doch als einen, der Sacrobosco nicht gerecht werden konnte, ob¬ 
gleich er ungefähr zwei Jahrhunderte nach diesem gewirkt haben 
soll. Philipp Melanchthon schrieb ein Vorwort zu Sacroboscos Werk 
über die "kirchlichen Berechnungen" und sprach ihm ein Riesenlob 
aus. 76 Leland fügt hinzu, dass es in der Petrine Bibliothek von Cam¬ 
bridge noch ein mönchisches Werk über "Algorithmen" geben soll. 

Der Studierende kann sich am schnellsten von der Aufgeblähtheit 
dieser Überlieferung über Johannes von Halifax überzeugen, indem 
er sein Augenmerk auf die Zeit eifriger Gelehrter wie Usher, Seiden 
und insbesondere Greaves richtet. Auf die Suche des Letzteren nach 
orientalischen Handschriften im Osten kann gar nicht häufig genug 

75 Vulgo "Johannes Müller" aus Königsberg. 

76 "Comm. De Scriptt. Brit." ca. CCCLXXVI 



181 


hingewiesen werden. Greaves veröffentlichte 1652 eine astronomi¬ 
sche Abhandlung der Überlieferung über Shah Cholgi, der angeblich 
um 1461 wirkte. Darin begegnen wir einer Reihe vermeintlicher 
Astronomen des Westens, von Gerhard von Cremona aus dem 13. 
Jahrhundert bis Georg von Purbach und Regiomontanus aus dem 15. 
Jahrhundert. Einerseits wird deutlich, dass unsere Gelehrten in der 
ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts noch sehr damit beschäftigt wa¬ 
ren, die Geschichte der Astronomie und Chronologie zu ergründen; 
und andererseits, dass die Anfänge dieser Bestrebungen definitiv 
nicht vor der Epoche der Wiederbelebung der Gelehrsamkeit liegen 
können. Doch unter der schematischen Arbeitsweise dieser Zeit wur¬ 
de der Ursprung eines jeden Kulturzweiges in ein dunkles Zeitalter 
versetzt, von dem in Wirklichkeit nichts bekannt war. 

Wenn wir die Legende der Familie Gresham und die des um 1576 
gegründeten Colleges in Bishopsgate (so die Greshams) untersuchen, 
stellen wir anhand der über die Fosters und andere frühe Professo¬ 
ren überlieferten Einzelheiten fest, dass das allgemeine Studium der 
Astronomie von den Arabern stammte und nach England gelangte, 
als Francis Bacon noch in der Wiege lag. Weiter wird uns damit klar, 
dass dieses neue Wissen und jenes der Klöster keineswegs durch 
eine immense Zeitspanne voneinander getrennt waren. Möglicher¬ 
weise markiert Melanchthon die Zeit, in der das Werk von Sacrobos- 
co bekannt wurde. Peuerbach und Regiomontanus sind mit Kardinal 
Bessarion und jenen intellektuellen Aktivitäten in italienischen Kir¬ 
chenkreisen verbunden, in welchen der Name des Kardinals so aus¬ 
gesprochen präsent war. 


Nun kommen wir zum äußerst berühmten Namen Roger Bacon, der 



182 


Glorie des Franziskanerordens. Obwohl "Boston von Bury" die Fran¬ 
ziskaner-Niederlassung in Oxford als eine seiner literarischen Wir¬ 
kungsstätten angibt, erwähnt er Roger Bacon kein einziges mal, 
trotzdem Bacon 1248 genau dort gestorben sein soll. Polydor Vergil, 
der stets ein guter Negativzeuge bezüglich der Anfänge der engli¬ 
schen Kultur ist, erwähnt Bacon ebenfalls nicht. 

Wiederum ist John Leland ein starker Zeuge für die seinerzeit vor¬ 
herrschende Ansicht, dergemäß Männer der Wissenschaft eine un¬ 
heimliche Spezies waren. Mit Bacon assoziiert er vermeintliche Ma¬ 
gier wie Apuleius, Merlin oder den aus seiner Zeit stammenden Cor¬ 
nelius Agrippa. Jedes Annähern an den Baum der Erkenntnis war 
eine Nachahmung der ersten Übertretung, die den Tod in die Welt 
brachte. Ein Erfinder hofierte um das Schicksal von Prometheus. Er 
war im Bündnis mit infernalischen Mächten, was zugleich bedeutet, 
dass er Gegner das klerikalen Dogmas war. Doch solche kühnen 
Männer waren großer Neugier ausgesetzt. Indem sie sich unter der 
Maske eines Zauberers verbargen, machten sie ihre Späße mit den 
Dummköpfen, während sie die Augen der wenigen mit Intelligenz 
erleuchteten, die sie zu schätzen wussten. Tarnung und Verschwie¬ 
genheit waren die notwendigen Mittel unserer größten Männer. 

Eine Illustration der diesbezüglichen Denkgewohnheiten des 16. 
Jahrhunderts finden wir in Lelands Abhandlung über Merlin, wel¬ 
chen der unter dem Namen "Geoffrey von Monmouth" schreibende 
Benediktiner tausend Jahre vor der Zeit Lelands platziert. Leland 
meint, es wäre absurd, anzunehmen, dass Merlin, der Namensgeber 
von Maridunum beziehungsweise Carmarthen, in Übereinstimmung 
mit der Altweiberfabel dämonischer Abstammung war, jedoch könn- 



183 


te seine Mutter eine Nonne gewesen sein. Möglicherweise könne ihre 
Schande in dieser Fabel verhüllt sein. Der Dämon stehe eventuell für 
einen Mann der Wissenschaft oder einen Philosophen dieses un¬ 
durchsichtigen Zeitalters. Dabei ist zu beachten, dass Leland von den 
Leuten in Maridunum erfuhr, es habe in dieser Stadt in alten Zeiten 
ein Coenobium geheiligter Jungfrauen gegeben - um es einmal alter¬ 
tümlich auszudrücken. Sie zeigten auf die Überreste und sagten, 
dass Merlin dort von einer Vestalin geboren wurde. Leland geht in 
einer interessanten Anmerkung auf verschiedene Überlieferungen 
über Merlin und die Zeit Arthurs ein. Ihm kam zu keinem Zeitpunkt 
in den Sinn, dass er eigentlich unmöglich die unermessliche Zeit¬ 
spanne zwischen seinem Zeitgenossen Prinz Arthur (dem Sohn Kö¬ 
nig Heinrichs VII.) und dem britischen Prinzen sowie der großarti¬ 
gen britischen Sage überbrücken konnte. In Ermangelung einer chro¬ 
nologischen Perspektive war es ebenso einfach, zu glauben, dass 
Merlin im 5. Jahrhundert gewirkt hatte, wie anzunehmen, Roger Ba¬ 
con entstamme dem 13. Jahrhundert. 

Leland kann nur vermuten, dass Bacon wie auch Sacrobosco eben¬ 
falls in Oxford und Paris studierte. Es ist lediglich belegt, dass seiner¬ 
zeit eine starke Verbindung zwischen Oxford und Paris bestand und 
Paris das höhere Ansehen genoss. Er entdeckte in Oxon und anders¬ 
wo ein Literatursystem und fand darin ernsthafte Fehler. Da er 
scheinbar ein einfacher Mann war, ahnte er jedoch nicht, dass er es 
tatsächlich lediglich mit einem System zu tun hatte. In der Merton 
Bibliothek oder besser ausgedrückt in Mertons Bücherregal entdeck¬ 
te er das Roger Bacon zugeschriebene Traktat "Vom Lobe der mathe¬ 
matischen Kunst", welches Papst Clemens IV. gewidmet war. Er fand 
dort auch ein Werk von "William von Sherwood", der als Wissen- 



184 


schaftler in den Himmel gepriesen wurde. Aufs Neue beklagt Leland 
die krasse Sorglosigkeit der Schreiber des 13. Jahrhunderts, in die¬ 
sem Fall bei der Vergabe der Beinamen "berühmte Männer". Die Ei¬ 
gennamen wurden fortwährend unterdrückt. Sie leiteten die Namen 
einfach vom Geburtsort oder einer Würde ab. 

Er sagt, Roger Bacon habe sich solcher Torheit schuldig gemacht. An¬ 
statt von "William von Sherwood" zu sprechen, bezieht er sich auf 
"Kanzler William von Lincoln". Es sei seinerzeit ein häufiger Fehler 
gewesen, der jedoch verzeihlich ist. Doch Leland fügt etwas gereizt 
hinzu: 


"Ich würde einen heiligen Eid bei allen Musen ablegen, dass 
mich bei all meinen Arbeiten nichts mehr gequält hat als die 
grobe Sorglosigkeit der Schreiber bei der Unterschlagung der 
Familiennamen anderer Schreiber. Wer kann schon sicher die 
Persönlichkeit "Kanzler William von Lincoln" ausmachen? Der 
"Fehler" lag vollständig bei den Mönchen und Ordensbrüdern, 
die sich nicht mit ihren eigenen Namen zufrieden gaben und 
sich somit neue bedeutungsvolle Worte ausdachten". 

Es gab jedoch keinen Fehler sondern lediglich bewusste Erfindun¬ 
gen. Die Ursprünge des Merton Colleges konnten weder von Leland 
noch von Polydor festgestellt werden. Letzterer wiederholt einfach 
die Fabel, dergemäß der englische Kanzler William Merton das Col¬ 
lege um das Jahr 1285 gegründet hätte. 


Ich möchte den Leser nicht weiter mit solcherlei destruktiver Kritik 



185 


ermüden, also mit der Analyse und Aufdeckung kollaborativer Fik¬ 
tionen, sondern lieber eine positive Auffassung hinsichtlich des Auf¬ 
stiegs der Bacon-Mythologie darlegen. Während der Wiederentde¬ 
ckung der Schriften hatten die Merton-Brüder wohl das Bedürfnis, 
dem kleinen, damals vorhandenen Maß an Wissenschaften Ver¬ 
breitung zu verschaffen. Für ihr Ideal beziehungsweise ihr gelehrtes 
Idol wählten sie den englischen Namen Bacon. Einige verfassten kur¬ 
ze Traktate über Astronomie, Alchemie und dergleichen, andere über 
mystische Theologie. Da sie gleich zwei Bacons hatten, schrieben sie 
die Schriften mal dem einen und mal dem anderen von ihnen zu. Sie 
erstellten einen Katalog ihrer Gelehrten und wiesen sie einem frühe¬ 
ren Zeitalter zu. Um ihren Bacon machten sie so viel Wirbel, dass die 
Gelehrten glaubten, es hätte tatsächlich solchen Zauberer gegeben, 
der das Wunder des 13. Jahrhunderts darstellte. Als die Menschen 
gegen Ende der Regentschaft Heinrichs VIII. nach den Werken dieses 
Wunders fragten, konnten nur etwa dreißig dieser armseligen wis¬ 
senschaftlichen und theologischen Traktate vorgebracht werden. 
Doch das "Opus Majus" - das Werk, mit dem Roger vermeintlich 
Francis Bacon vorwegnahm - war noch nicht in Sicht. Der armselige 
Leland glaubte tatsächlich - noch immer von den Fabeln seiner Mön¬ 
che und Ordensbrüder verwirrt -, dass eine große Anzahl an Werken 
Roger Bacons in den Bibliotheken Großbritanniens verstreut lag. 
Doch welch ein Unglück! Was wurde nur aus diesen Werken? Aus 
den Einbänden geschnitten, gestohlen, schlecht gehütet, ver¬ 
stümmelt, zerrissen, "Wollten wir die Namen der Werke feststellen, 
könnten wir genauso gut versuchen, die Eichenblätter der Sibylle zu¬ 
sammenzusuchen! " 


Erst nach Leland nahm Roger Bacon an Bedeutung zu. Dies geschah. 



186 


als die Federn der Studenten aus Paris und Oxford den Umfang der 
baconschen Schriften stark anschwellen ließen. Er ist mit dem ebenso 
mythischen "Robert Greathead" aus Lincoln verbunden, unter dessen 
Namen uns die Geschichte der Kämpfe und Leiden unserer frühes¬ 
ten Liebhaber echten Wissens vorliegt, welche den beschwerlichen 
Pfad zum Licht beschritten. Gewissermaßen spüren wir förmlich 
ihre Unduldsamkeit gegenüber der Trägheit, der Bigotterie und den 
Lastern ihrer Brüder. Unter ihnen finden wir die Anti-Papisten und 
Reformer. Roger und Robert von Lincoln wurde der Plan zu¬ 
geschrieben, das Königreich des Anti-Christen durch die Waffen der 
Intelligenz zu stürzen. Allerdings hörten die Menschen erst zur Zeit 
von Königin Elisabeth von einem vollständigen wissenschaftlichen 
System baconscher Bezeichnung. Die Geschichte vom 1608 verstor¬ 
benen John Dee, einem Mann der Wissenschaft und angesehenen 
Zauberer, dessen erbärmliche Geschichte die des mythischen Bru¬ 
ders in vielen Einzelheiten wiederholt, ist in dieser Beziehung enorm 
lehrreich. Schließlich wurde das "Opus Majus" erst 1733 in London 
von William Bowyer unter der Schriftleitung von Dr. Jebb gedruckt. 

Robert Bacon scheint der Götze der Dominikaner gewesen zu sein 
und da Leland ihn nicht erwähnt, nahm so mancher an, sein Text sei 
verfälscht worden. Tatsache ist nur, dass Robert eine Entdeckung 
von Bale und Pits ist und dass keiner dieser beiden eine gute Reputa¬ 
tion genoss. Doch der scharfsinnige Thomas Füller, einer der größten 
Engländer, drang bis zum Kern der gesamten Bacon-Tradition vor. 
Seine Worte verdienen nach wie vor die Aufmerksamkeit derjenigen, 
die in der Geschichtsforschung das Götzenbild verehren, anstatt die 
Götzenbildner bei ihrer Arbeit zu studieren. 



187 


Füller sagt: 

"Ich für meinen Teil sehe Bacon aus Oxford nicht als Individu¬ 
um, sondern als eine Gesellschaft von Männern. Es ist kein 
einzelner Faden sondern eine verzwirnte Kordel aus vielerlei 
Garn. So wie alle Taten starker Männer einem Herkules und 
alle Vorhersagen prophetischer Frauen einer Sibylle zuge¬ 
schrieben werden, so wurden meinem Verständnis nach auch 
alle der freien Forschung entsprungenen Errungenschaften der 
Oxon-Bacons einem einzigen Charakter in Form eines Namen¬ 
soberhauptes zugeschrieben. Tatsächlich gesteht einer der er¬ 
fahrensten und genialsten Rhetoriker der Universität dies so¬ 
gar ein." 

Damit meint er Sir Isaac Wake, den Autor des "Rex Platonicus". Fül¬ 
ler fügt hinzu, dass der Benediktiner Trithemius einen "John Bacon" 
erwähnt, der anderswo "Baconthorpe" genannt wird. 

Der gleiche Kritiker amüsiert sich über den Anachronismus dessen, 
dass Robert Bacon am Brasenose College ganze hundert Jahre bevor 
es gegründet wurde Philosophie studiert haben soll. Weiter merkt er 
an, dass die Cambridge Bacons Nicholas und Francis, Vater und 
Sohn, einer aus St. Benets, der andere vom Trinity College, vor allen 
anderen Bacons der Welt die äußeren Enden dieser weiten Wüste 
dar stellen. 77 

Auf Füller folgt Hearne, der angesichts der zwei Bacons, Roger und 
Robert, recht verwirrt ist. Bruder Wadding, der Historiker unter den 


77 "Kirchengeschichte, XV. Jh.", S. 96. 



188 


Literaten seines Ordens, weist auf den Anachronismus in der Fabel 
von Pits hin, der Anfang des 17. Jahrhunderts schrieb, dass Roger 
vom Ordensgeneral nach Rom bestellt wurde, um zu einer Anschul¬ 
digung wegen des Gebrauch magischer Künste Stellung zu nehmen. 

Ich möchte diesen den Namen Roger Bacon behandelnden Exkurs 
nun abschließen. Weder die Franziskaner noch irgendeine andere 
Gruppe von Gelehrten, die unter dem Namen Bacon agierte, hätten 
das "Opus Majus" vor der Renaissance erschaffen können - diese Tat¬ 
sache bestätigt die Kongruenz zwischen diesem Werk und dem "No¬ 
vum Organum", welche Hallam mehr als nur einmal nachdrücklich 
feststellt. Am Ende des 15. Jahrhunderts kann das Studium der 
Astronomie in den Klöstern gerade erst begonnen haben. Die frühen 
astronomischen Fehler der Benediktiner offenbaren sich nirgends 
deutlicher als im "Opus Majus". 



189 


«apttel VII 

S)a« bencDiftim«cI)e 0pstem ber 
^etöenbeti, ©eogiafen, 
unb iftaturfüstorifer 


Für das literarische System der Mönche des Westens war es von we¬ 
sentlicher Bedeutung, von Beginn an eine Reihe frommer Schreiber 
vorweisen zu können, welche die heiligen Orte im Osten bereisten 
und ihre diesbezüglichen Eindrücke aufzeichneten. Dies ist der 
Grund für all die Geschichten über die Eremiten von Thebais, darun¬ 
ter die über den "heiligen Porphyrius" und dessen Schüler Markus, 
die von Thebaid nach Jerusalem und Gaza zogen. Im Legenden-Ge- 
flecht gibt es noch weitere Fäden, welche die Mönche Ägyptens mit 
denen Syriens und wiederum mit denen Italiens und des Westens 
verbinden. 

Es heißt der "heilige Hieronymus" sei zusammen mit dem "heiligen 
Eusebius von Cremona" und einer Gruppe von Pilgern von Italien 
nach Zypern gezogen, wo sie der "heiligen Epiphanius" gebührend 
in Empfang genommen habe. Von dort begaben sie sich nach Antio¬ 
chien, wo sie vom Bischof "Paulinus" geweiht wurden. Um die Ere¬ 
miten zu besuchen machten sie sich dann auf den Weg nach Jerusa¬ 
lem sowie nach Thebais in Ägypten. Schließlich ließen sie sich in 
Bethlehem nieder und gründeten dort ein Kloster. Der Prototyp der 
geistlichen Damen des Ordens ist die heiligen Paula, die etwa zur 
selben Zeit von Rom ausgehend in Sidon eingetroffen sein soll. Sie 



190 


besuchte den "Turm Elias", das Haus des Cornelius, Zenturio in Cae¬ 
sarea, das Haus des heiligen Philippus und seiner vier Töchter und 
das Grab der Königin Helene von Adiabene, die in der ersten Kir¬ 
chengeschichte vertreten ist. Weiter besuchte sie das Heilige Grab, 
das wahrhaftige Kreuz, die Schauplätze der Passion und der Nieder¬ 
kunft des Heiligen Geistes zu Pfingsten sowie noch andere Orte, die 
mittels kanonischer und außerkanonischer Legenden geweiht wur¬ 
den. Auch die heilige Paula soll die ägyptischen Eremiten besucht 
und sich schließlich nach Bethlehem zurückgezogen haben. 

Die "Episteln des heiligen Hieronymus", in denen wir die diesbezüg¬ 
lichen Einzelheiten entdecken, sind recht geistreich geschrieben und 
dabei mit einiger Dramatik versehen worden. Die Menschen beka¬ 
men sie erst Ende des 16. Jahrhunderts zu lesen. Sie können als Teil 
einer großen kirchlichen Romanze verstanden werden, durch deren 
allegorischen Schleier wir den Zustand des klösterlichen Lebens in 
West und Ost während dieses und vielleicht noch des vorhergehen¬ 
den Zeitalters erkennen können. Die Erfordernisse der benediktini- 
schen Literatur machten es notwendig diese Pilgerabenteuer für den 
Leser in eine Epoche zu versetzen, die tausend Jahre vor der "Wie¬ 
derentdeckung der Schriften" liegt. 

Wir werden erneut zu glauben angehalten, dass der heilige Antoni- 
nus im siebten Jahrhundert der kirchlichen Ara das Heilige Land be¬ 
sucht habe. Nachdem er mit dem "Götzen der Sarazenen" verbunde¬ 
ne Abenteuerlichkeiten auf dem Berg Zion bezeugt haben will, 
macht sich auch dieser Heilige ordnungsgemäß auf den Weg zu den 
Eremiten in Ägypten. Er reist nach Mesopotamien und kehrt dann in 
seine Heimat Italien zurück. So wird eingerichtet, dass es bereits vor 



191 


den Eroberungen der Mohammedaner Siedlungen von Mönchen in 
Syrien und Ägypten gab. 

Da die Benediktiner bei der Errichtung des fiktiven Systems eine au¬ 
ßerordentliche Beharrlichkeit an den Tag legten, liefern sie uns auch 
eine Liste von nach der Zeit der arabischen Eroberungen Reisenden. 
Da hätten wir Arculf, der vage als französischer Bischof beschrieben 
und von Adomnan (dem Abt von Iona) bestätigt wird, der verkünde¬ 
te, dass die zurückkehrenden Pilger von ungünstigen Winden auf 
die Insel getrieben wurden. Wiederum darf Beda Adomnan bezeu¬ 
gen, der sein von Arculf diktiertes Buch über heilige Stätten einem 
nordumbrischen König präsentiert habe. Das Buch zeigt uns den Be¬ 
ginn des Bekanntseins der mohammedanischen Geschichte und 
wurde zu einer Zeit verfasst, als die Toleranz des Islam unter be¬ 
stimmten Bedingungen einen freien Zutritt in den Osten gestattete. 
Nebenbei sei angemerkt, dass ein Buch, das so konzipiert ist, als 
wäre es im siebten oder achten Jahrhundert geschrieben worden, die 
alten römischen Gebäude als unbeschädigt beschreibt 

Nun stellt man uns den englischen Pilger Willibald vor, der angeb¬ 
lich der Sohn und zugleich auch Vater eines Heiligen war. Der heili¬ 
ge Richard, sein Vater, scheint seine Bekanntheit den Mönchen von 
Lucca zu verdanken, während das Verdienst für Willibalds Biografie 
einer Nonne aus dem Kloster Heidenheim zugeschrieben wird. In 
der Geschichte des Heiligen und seiner Reisen ist keinerlei Sinn für 
die englische Muttersprache zu finden. Es schien wohl ausreichend, 
wenn damit die apostolische Pilgerfolge gesichert wird. 


Selbstverständlich ergoss sich der Pilgerstrom in der glänzenden Zeit 



192 


von Alfred, Karl dem Großen und Haroun-el-Raschid unaufhörlich 
gen Osten. "Bernard von Clairvaux" aus dem berühmten Kloster 
Mont-Saint-Michel in der Bretagne soll diese Zeit repräsentieren. 
Zwecks einer kritischen Betrachtung muss jedoch unbedingt ange¬ 
merkt werden, dass das Buch nicht weiter als bis zur Zeit von Sir Ro¬ 
bert Cotton zurückverfolgt werden kann und dass das Reims-Exem¬ 
plar erst zur Zeit der Väter von Saint-Maur ans Licht kam. Es wurde 
von Jean Mabillon entdeckt. Allerdings war dieser Mönch einer jener 
Reisenden, die ein Interesse daran hatten, die überlegene Kultur der 
Mohammedaner mit der westlichen Grobheit und Barbarei zu kon¬ 
trastieren. Die Reise der Pilger geht in diesem Fall über Ägypten 
nach Syrien, wie auch bei Fidelis, einem anderen französischen 
Mönch des Ordens. In der Erzählung, die uns unter dem Namen 
Frotmond (ein weiterer bretonischer Mönch) präsentiert wird, sehen 
wir erneut ein heftiges Interesse an den Thebais-Mönchen und dem 
heiligen Cyprian von Karthago. Diese Wanderung war ein Akt der 
Buße. Der strenge Inhaber des Stuhls Petri soll zu dieser Zeit ein Be¬ 
nediktiner gewesen sein. 

Im nächsten Zeitalter - dem dunkelsten und Unglaubwürdigsten 
schlechthin - soll der unglaubliche Gerbert beziehungsweise Sylves¬ 
ter XI. persönlich die Pilgerreise unternommen haben. Es folgt die 
Fabel des Kreuzzuges auf Veranlassung Peter des Einsiedlers von 
Amiens. Im Gefolge der Kreuzfahrer soll ein anderer Angelsachse, 
"Saewulf", die Pilgerfahrt unternommen haben. Dieser Schreiber ist 
ein maskierter Benediktiner, für den ein anderer maskierter Benedik¬ 
tiner bürgt, nämlich "Wilhelm von Malmesbury". Die Erzählung soll¬ 
te in das System der normannischen Fabeln passen, jedoch datiert 
der Mönch nach den jährlichen Festen statt nach Inkarnationsjahren. 



193 


Die Geschichte von "Sigurd dem Kreuzfahrer" wird von einem Bene¬ 
diktiner unter der Maske "Wilhelm von Tyrus" verbürgt. Allerdings 
schrieb keiner dieser Mönche vor der längst angebrochenen Re¬ 
naissance. Weiter ist für ihre Erzählungen vor dem 17. Jahrhundert 
keine nennenswerte Leserschaft auszumachen 

Entsprechend ihres Systems dürfen im 13. Jahrhundert auch franzis¬ 
kanische und dominikanische Pilger vertreten sein. Marco Polo wird 
ebenfalls vordatiert und im gleichen Zeitalter platziert, obgleich sein 
Werk der Entdeckung der westlichen Kontinente nicht lange voraus¬ 
ging. So kommen wir schließlich bei Maundeville an, dessen Wir¬ 
kungsstätte St. Albans gewesen sein soll und der am glänzenden 
Ende des 14. Jahrhunderts gewirkt habe. Doch seine Werke wurden 
erst im 16. Jahrhundert bekannt und gelesen. Das Buch ist größten¬ 
teils ein Sammelsurium aus Texten vorheriger Schreiber und wurde 
wahrscheinlich Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts in 
französischer Sprache verfasst. 

Mittels dieser ursprünglich von den Benediktinern angestoßenen 
und gänzlich von Geistlichen verfassten Werke können wir in ge¬ 
wisser Weise den Zustand des westlichen Denkens und Wissens 
über den Osten beleuchten; dies zu einer Zeit, in der man im Osten 
nur geringfügig mit den militärischen oder religiösen Orden Euro¬ 
pas vertraut war. Sie offenbaren uns, dass aus dem Bibelstudium 
eine Traumgeografie Syriens und des Orients resultierte sowie dass 
die mönchischen Reisenden nach Osten zogen, um dadurch ihre 
Träume zu bekräftigen und sie als System zu etablieren, wobei sie 
untereinander in ständiger Korrespondenz mit allen wichtigen Klös¬ 
tern standen. Dazu mögen einige Beispiele angeführt werden. 



194 


Sie glaubten, die Heilige Stadt sei der Mittelpunkt der Erde; und sie 
gaben vor, eine Säule mitten in der Stadt gesehen zu haben, die am 
Mittag der Sommersonnenwende keinen Schatten warf. Damit wur¬ 
de Psalm 74:12 bestätigt. Sie können die Höhle entdecken, in welcher 
der Herr geboren wurde, wie auch die Wüste Quarantania, in der er 
versucht wurde. Entsprechend der Vorhersage des heiligen Petrus, 
finden sie ein Kloster und drei Kirchen auf dem Berg Tabor, weil es 
dieselbe Bruderschaft ist, welche die Legende schrieb und zugleich 
die Kirchen errichtete. Die Kolosser, an die der heilige Paulus 
schrieb, sind als Volk von Rhodos auszumachen, wo der Koloss 
stand, so "Saewulf". Sie strebten danach, die Omar-Moschee in den 
Tempel Salomos zu verwandeln, in dessen Nähe sich ein Oratorium 
mit der Wiege Christi, seiner Wanne und dem Bett der Jungfrau Ma¬ 
ria befindet. Sie können den Ort ausfindig machen, an dem die Apo¬ 
stel das Glaubensbekenntnis ablegten. Galiläa stellen sie sich als eine 
Kapelle vor, in welcher der Herr nach seiner Wiederauferstehung er¬ 
schien. Die Apostel werden Galiläer genannt, weil sie dort oft Rast 
machten. Jedenfalls gibt es am Berg Tabor eine große Stadt namens 
Galiläa. Im architektonischen Sinne erschien Jesus in Galiläa auf dem 
Berg Zion. Sie konnten in Cana keine alten Gebäude finden. So stütz¬ 
ten sie sich auf eine angeblich aus dem 11. Jahrhundert stammende 
Überlieferung über eine alte Klosteranlage in Kannaa und verwan¬ 
delten diese durch den Bau der Hochzeitskirche in das Kloster des 
heiligen Architictrin, also das des Zeremonienmeisters, womit sie die 
biblische Legende der Hochzeit zu Kana zu untermauern gedachten. 

Sehr deutlich zeigt Mandeville in seinem Prolog, der zum Abgleich 
mit anderen kirchlichen Prologen durchaus nützlich ist, dass ein Pil- 



195 


ger nicht ins Heilige Land gehen sollte, ohne sich zuvor innigst mit 
der theologischen Kirchendichtung beschäftigt zu haben, welche 
lehrt, durch den kostbaren Leib und das Blut Christi geheiligt wor¬ 
den zu sein. Man müsse die Reise gut vorbereitet antreten, um das 
beste und tugendhafteste Land der Welt mitsamt dessen Herz und 
Mitte vorzufinden, denn der Philosoph sagt: "Die Tugend der Dinge 
liegt in ihrer Mitte". Weiter werden wir darüber informiert, dass das 
Land uns als Vermächtnis Christi überlassen wurde und wir dazu 
verpflichtet sind unser Erbe anzutreten und die Heiden und Ungläu¬ 
bigen zu vertreiben. 

Es wäre müßig die Fabeln aus diesem bemerkenswerten und wo¬ 
möglich sogar recht bekannten Buch einer ausführlichen Kritik zu 
unterziehen. Wir stellen jedoch fest, dass der Schreiber auf seine Wei¬ 
se ein guter Kommentator der kirchlichen Legenden ist - sowohl der 
kanonischen als auch der außerkanonischen. In einer seltsamen Pas¬ 
sage bezeugt er den Vorrang des vulgären lateinischen Testamentes 
gegenüber allen andere Versionen. Er schreibt, dass im Grab des hei¬ 
ligen Johannes in Ephesos außer dem als Manna bezeichneten Him¬ 
melsbrot nichts weiter zu finden sei, da sein Körper ins Paradies 
übersetzte. 

"Und du wirst erkennen, dass der heilige Johannes sein dorti¬ 
ges Grab sicherte und sich noch vollständig lebendig hinein¬ 
legte. Deshalb sagen einige Männer, dass er nicht starb son¬ 
dern dort lediglich bis zum Tag des jüngsten Gerichts ruht. In 
Wahrheit haben wir es mit einem großen Wunder zu tun, denn 
die Menschen beobachten dort vielfach, wie sich die Erde des 
Grabes regt als sei etwas Lebendiges darunter." 



196 


Die dem Mönch bekannte Legende besagte, dass der Herr (Johannes 
21:22, 23) dem heiligen Petrus auf den geliebten Jünger bezogen sag¬ 
te: "So ich will, dass er bleibe bis ich komme", wie wir es in der Vul¬ 
gata lesen. 

Unser Pilger macht in der Nähe von Kairo die sieben Brunnen aus, 
die der Herr mit einem seiner Füße schuf als er mit Kindern spielte. 
Die Pyramiden werden wie üblich die Scheunen Josephs genannt. 
Am Sinai werden die brennenden Lampen in der Kirche der heiligen 
Katharina von den Vögeln des Landes versorgt, die alljährlich mit 
Olivenzweigen im Schnabel dorthin fliegen, um die Menschen zu 
lehren, diese herrliche Jungfrau aufzusuchen und anzubeten. Hinter 
dem Altar der Kirche sei dann auch der Ort, an dem Moses Gott in 
einem brennenden Busch sah. Wie üblich, lassen diese Darstellungen 
jegliches Zeitgefühl vermissen. 

Trotz der Denunziation von Heiden oder Ungläubigen in seinem 
Prolog ist "Mandeville" ein guter Zeuge dafür, dass die religiöse Tra¬ 
dition der Moslems älter als die der Christen ist. Mit eifersüchtiger 
Ehrfurcht hüten sie die Gräber der Patriarchen in Hebron und gestat¬ 
ten Christen keinen Zutritt, es sei denn durch die besondere Gnade 
des Sultans. Er schreibt, dass sie Christen und Juden für Hunde hal¬ 
ten, die solch heilige Orte nicht betreten sollten. Allerdings äußert er 
keineswegs den Wunsch, sich die echte muslimische Tradition zu er¬ 
schließen. Völlig gegenteilig wird in seinem Kapitel über den Koran 
fälschlicherweise und wie üblich gar die Legende von Mariam, Ga¬ 
briel und Isa als Verfälschung der christlichen Legende angesehen, 
nicht als ihre frühere Form. 



197 


Er wünschte eine lehrreiche Satire über die Moral des Westens zu 
verfassen und würdigt die Kultur der Moslems damit sehr. Weiter 
meint er, der Sultan von Ägypten sei recht versiert in der französi¬ 
schen Sprache, welche den seinerzeitigen Kommunikationsstandart 
dargestellt habe. Der Sultan und sein Hof seien zivilisierter und ver¬ 
lässlicher als die Christen. 

"Die Sarazenen sind gute und treue Leute, denn sie halten die 
Vorschriften des heiligen Buches Koran vollkommen ein. Gott 
ließ es ihnen mittels seines Gesandten Mahomet überbringen; 
von welchem sie sagen, der heilige Engel Gabriel habe ihm oft¬ 
mals den Willen Gottes kundgetan." 7S 

Man könnte meinen, Mandeville wäre durch seine Reisen und den 
freundschaftlichen Umgang mit den Mohammedanern von den Vor¬ 
urteilen seiner Erziehung gegenüber den Anhängern von "Saint Ma- 
houn" geheilt worden. Er scheint den Gedanken von John Bunyan 
vorweggenommen zu haben, demgemäß "die Türken so gute heilige 
Schriften haben, um mittels dieser den Erlöser Mahomet zu bewei¬ 
sen, wie wir es auf unseren Jesus bezogen erst noch tun müssen." 

Allerdings dürfen wir von Mandeville keine reine Darstellung der 
Tatsachen hinsichtlich der von ihm besuchten Länder und dort beob¬ 
achteten Menschlichkeit erwarten. Ihm dürfte bewusst gewesen sein, 
dass man von ihm erwartete, er kehre mit einer Bestätigung all der 
Fabeln zurück, welche er in seiner Jugend im Kloster St. Albans lern¬ 
te; und dass er, wenn er die Wahrhaftigkeit der Geschichten leugnen 


78 Siehe die Parallelen im Bericht des Benediktiners "Roger von Wendover". 



198 


würde, verächtlich ausgelacht und als Ungläubiger behandelt wer¬ 
den müsste, zumal von Männern, die selbst niemals den Kanal über¬ 
quert hatten. Also amüsiert er seine Leser mit der Geschichte von 
Gog und Magog, der Sage von den schwanzlosen Männern und dem 
madagassischen Vogel, der Elefanten durch die Luft tragen kann. Er 
plaudert von der Insel Mistorak in der Nähe des Flusses Phison und 
von einem Tal, das voller Teufel ist, die Gold- und Silberschätze hü¬ 
ten und eindringende Räuber erwürgen. 

Mandeville zögert nicht uns zu versichern, dass er dieses gefährliche 
Tal als einer von vierzehn betreten habe, unter denen sich zwei Fran¬ 
ziskaner aus der Lombardei befanden. Jedem der Gruppe wurde zu¬ 
vor die Beichte abgenommen und alle wurden mit dem heiligen 
Kreuz gekennzeichnet. Dennoch kehrten nur neun von ihnen zu¬ 
rück. In einem Ton unterwürfiger Frömmigkeit erzählt der Reisende 
uns, wie er im Tal eine Vielzahl toter Körper sah, als hätte es eine 
große Schlacht gegeben. Trotzdem schienen die Körper unversehrt 
und unverwest zu sein. Aus dieser Arbeit könnten noch wesentlich 
mehr Illustrationen herangezogen werden, die uns im Allgemeinen 
die völlige Unfähigkeit des Menschen verdeutlichen, wenn es um die 
Beobachtung und Berichterstattung bezüglich physischer oder politi¬ 
scher Geografie geht. Selbiges gilt für die Unfähigkeit der Zuhörer, 
zu erkennen, wenn die Ersterwähnten zu weit vom Pfad des gesun¬ 
den Menschenverstands abgekommen sind. 

Wir können Maudeville zum Vergleich mit den einem Franziskaner 
zugeschriebenen Reiseberichten heranziehen, welche auf dasselbe 
Zeitalter datiert und in den Sammlungen Hearnes zu finden sind. 
Vergebens erwartet der Leser von dieser stupiden Abhandlung eine 



199 


Widerspiegelung des Zustands im Mittelmeerraum und im Osten. Es 
gibt da eine absurde Szene, in welcher der Mönch und seine Gefähr¬ 
ten ihr Dogma unverfroren und dreist vor einer Menge von Moslems 
predigen, die diesen Predigern scheinbar mit mehr Höflichkeit be¬ 
gegneten als ihnen zustand. Der Mönch nötigt uns seine entstellten 
Koranauszüge auf; und jeder seiner Abschnitte endet mit dem Satz: 
"So spricht Mohammed, das Schwein und der Liebhaber der 
Frauen". Da ist es doch wesentlich angenehmer, zu der Zeit von vor¬ 
nehmeren und aufgeschlosseneren Gelehrten wie Pococke zu sprin¬ 
gen, der unter den Mohammedanern lebte und von ihnen als Bruder 
geschätzt wurde. Wenn vielleicht auch noch nicht zu seiner Zeit, 
wurde es einem westlichen Gelehrten sicherlich zu keinem früheren 
Zeitpunkt gestattet, die wahre historische Geografie des Ostens zu 
ergründen und zu lehren, welche in unseren Schulen bis heute unbe¬ 
kannt ist. 

Ich habe bereits das Sprichwort der Benediktiner zitiert, demgemäß 
die Geografie das andere Auge der Geschichte ist. Ohne eine echte 
Geografie ist eine echte Geschichte freilich unmöglich. Aus einer ge¬ 
wissen Entfernung werden Persönlichkeiten undeutlich und Datie¬ 
rungen ungewiss. Aber es bleiben die Orte und die Erde ist bestän¬ 
dig. Wer sich als unfähig erweist, die Erde, auf der er lebt, zu sehen 
und zu beschreiben, disqualifiziert sich damit für die Aufgabe, His¬ 
torie zu verfassen. Wir sollten uns nun einige bemerkenswerte Illus¬ 
trationen der klösterlichen Geografie ansehen, aus denen hervorgeht, 
dass die Mönche eine theologische Geografie formten, welche ihren 
Schülern die Erde unzugänglich machte und wo immer sie gelehrt 
wurde die Möglichkeit des Erwerbs von echtem Wissen ausschloss. 



200 


Es gibt eine kolorierte Karte, die in den Besitz von Sir Robert Cotton 
gelangte und sich in seiner Bibliothek im British Museum befindet. 
Ich weise in diesem Zusammenhang noch einmal darauf hin, dass 
Cotton ein Sammler ohne jegliche kritische Fähigkeiten war. Weder 
er, noch John Seiden, der im begrenzten Maße einen kritischen Sinn 
hatte, dachten jemals daran, die Echtheit der Masse der ihnen zu¬ 
gänglich gemachten Manuskripte zu überprüfen. Sie hatten die typi¬ 
sche Leidenschaft eines Altertumsforschers. Aus den Beständen der 
Schreiber und Buchhändler wurden ihnen ständig falsche Antiquitä¬ 
ten aufgenötigt. Z.B. wurde die fragliche Karte dem 10. Jahrhundert 
zugeordnet, was eine schiere Unmöglichkeit ist. Sie könnte während 
der Wiederbelebung der Gelehrsamkeit erstellt worden sein; tatsäch¬ 
lich wissen wir jedoch nichts über ihre Vorgeschichte, also ihr Dasein 
bevor sie in Cottons Hände gelangte. 

Die Erde hat eine nahezu viereckige Form und der Betrachter steht 
scheinbar am westlichen Ende, welches durch ein Paar aus zwei gi¬ 
gantischen Objekten markiert wird - die Säulen des Herakles. Unsere 
Insel ist in die Bezirke Canri, Britannia, Marinpergis, Lundonia, Win- 
tonia und Cantia unterteilt. Das Ende des Landes ragt fast bis in den 
Westen nach Hibernia. Nördlich von Hibernia liegt eine weitere 
große Insel namens Tyleri. Mehr als zwanzig Inseln befinden sich 
nördlich von Schottland. 

Anstelle von Frankreich entdecken wir auf der Karte Sud Brytias, 
westlich dieses Landes, auf der anderen Seite einer Gebirgskette, lie¬ 
gen Brigantia und Ispania Anterior. Südlich von Sud Brytias sind die 
Alpen eingezeichnet und in der Lombardei-Ebene Verona. Südlich 



201 


der Apenninen sind zwei namenlose Großstädte verzeichnet, ver¬ 
mutlich Rom und Neapel. 

Das Mittelmeer wird als große Mündung dargestellt, die von kleinen 
und großen Inseln übersät ist. Eine davon, ein riesiges sternförmiges 
Land (Sizilien), liegt etwas östlich der Säulen des Herakles. Afrika 
wird lediglich als flaches Stück Land dargestellt, welches im Süden 
einen riesigen Lluss aufweist, in dessen Süden wir wiederum Mons¬ 
ter also Kynokephale sehen. 

Der Geograph versetzt Island nach Nordeuropa. Das ge¬ 
genüberliegende Lestland ist in Scithia, Balgaru, Deira Ubi et Gothea, 
Sleone, Nerona und Reori unterteilt. Südlich dieser Ländereien befin¬ 
det sich eine große Leere; dann kommen Tracia, die Hunnen, Panno¬ 
nien, Dalmatien und Histica. 

Das Tor von Konstantinopel ist mit angemessener Genauigkeit einge¬ 
zeichnet. Sehr weit südlich fließt der Danube (die Donau). Athen ist 
verzeichnet und weit westlich davon finden wir Attika und südlich 
davon Mazedonien. Östlich gegenüber von Attika befindet sich am 
Pestland Troja; und nördlich von Troja, Ephesos, Kleinasien, Kilikien 
und Tharso Kilikien. Weit nördlich des kaspischen Meeres ist Maeo- 
tides Paludes eingezeichnet. Im äußersten Norden, westlich des kas¬ 
pischen Meeres, welches als Mündung dargestellt wird, liegen die 
Griphi, die Türken, Gog und Magog sowie die Swaneten und dann 
die Kolchier und die Albaner. 

Die armenischen Berge sind verzeichnet und bei ihnen sieht der 
Mönch die riesige Arche Noah ruhen. Ein riesiger Landstrich wird 



202 


von den Stämmen Israels besetzt; von Zabulon in der Nähe von Cili- 
en im Norden bis Alexandria im Süden und vom Mittelmeer bis zum 
Euphrat. Dieser Teil der Karte ist vielleicht der lehrreichste, denn er 
zeigt, wie die Beschäftigung mit der Bibel und einer imaginären Ge¬ 
schichte der Juden in den Köpfen der Menschen eine völlig absurde 
Geografie verankern konnte. Hierusalem und Bethlaem sind als 
Städte eingezeichnet; Hiericho als an Asser angrenzender Bezirk. 

Babilonia ist zwischen den beiden großen Flüssen verzeichnet; und 
im fernen Osten befinden sich Mesopotamien, Chaldäa, Amonia, 
Egiptus Superior; noch weiter östlich dann Aracasin, Syrien, Pisidia, 
der Berg Sina, Arabien, Arabia Deserta, Media, Indien. In der nord¬ 
östlichen Ecke der Karte ist Boreas verzeichnet, zusammen mit ei¬ 
nem Löwen, der mit der Beschriftung "Hic abundant leones" (hier 
gibt es viele Löwen) versehen ist. 

Der Orient, östlich von Konstantinopel und Alexandria, nimmt in 
der Karte mehr als die Hälfte der gesamten Weltfläche ein. So stellt 
sich das System der mittelalterlichen Kartographen dar. Asien hat al¬ 
leine die Fläche von Europa und Afrika zusammen einzunehmen. 

Die Hereford Weltkarte, von welcher sich ein Faksimile in der könig¬ 
lichen Bibliothek des British Museum befindet, trägt den Namen von 
Richard Haldingham, dem Domherren von Hereford. Es heißt, die 
Karte sei Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts gezeichnet 
worden. Es sei angemerkt, dass Boston von Bury die Kathedrale von 
Hereford nicht erwähnt, obgleich er sie zu einer seiner wichtigen li¬ 
terarischen Schöpfungsstätten zählt. Die Datierung der Karte ist un¬ 
sicher, jedoch repräsentiert sie hinreichend den Zustand der geo- 



203 


graphischen Kenntnisse oder eher der Phantastereien des 15. Jahr¬ 
hunderts. Die Karte zeigt die mönchische Angewohnheit, die Welt 
durch ein poetisches und theologisches Vexierglas zu beobachten. Er 
meint in der Bibel eine geografische Theorie entdeckt zu haben, die 
er dann ohne vorherige Überprüfung der Fakten in eine Karte über¬ 
trägt. 

Er sieht das inmitten der Nationen befindliche Jerusalem als den Na¬ 
bel der Welt beschrieben 79 . Ob die hebräischen Dichter an eine Stadt 
oder doch lediglich an eine Gemeinde dachten, als sie so von "Jerusa¬ 
lem" sangen, ist ihm keine Untersuchung wert. Er ist von seiner Idee 
überzeugt, dergemäß der heilige Ort der Mittelpunkt eines Kreises 
sein muss. Also zeichnet er die Erde als Kreis, in dessen Mitte er Je¬ 
rusalem platziert. Es ist orthodoxe benediktinische Geografie, welche 
die Gunst der Schreiber gewann, die die Namen des "heiligen Isidor 
und von Hrabanus Maurus" als gegeben hinnahmen. 1 ' 0 Die Theorie 
verlangt, dass Asien die halbe Welt umfasst, da es das Erbe Sems ist, 
des Erstgeborenen Noahs. Europa und Afrika müssen als getrennte 
Kontinente betrachtet werden, da Ham und Japhet separate Herr¬ 
schaftsgebiete hatten. 11,1 

Die Vorstellung vom Paradies als Wohnstätte unserer ersten Vorfah¬ 
ren irgendwo im Orient dürfte womöglich erst in unserer Zeit auszu¬ 
sterben beginnen. Diese Idee war im 15. Jahrhundert eine gedankli¬ 
che Notwendigkeit und vermutlich kam es niemandem in den Sinn, 
an der Existenz eines solchen Paradieses zu zweifeln, es sei denn, es 
waren Männer, die in den Osten gereist waren ohne unterwegs ihren 

79 Hesekiel 5:5; 38:12; Psalm 74:12. 

80 Isidor "sive originum libri" XIV. 2 und 3; Hrabanus Maurus, "De Univ.", XII. 4. 

81 Gervasius von Tilbury, "Otia Imp.", II. 2. 



204 


gesunden Menschenverstand zu verlieren. Der Pseudo-Isidor sagt, 
das Paradies sei ringsum von einem solch hohen Feuerwall umge¬ 
ben, dass die Flammen schier bis zum Himmel reichen, was Gervasi¬ 
us von Tilbury ungefiltert nachplappert. Der feurige Wall ist auch 
auf der Hereford Karte abgebildet. In Unkenntnis des poetischen Ur¬ 
sprungs der arabischen und jüdischen Legenden verankerte sich die¬ 
se Vorstellung von einem materiellen Paradies mitsamt der Flüsse so 
tiefgreifend, dass es von Kolumbus heißt, er hielte die Fluten des 
Orinoco im Golf von Paria für die Quelle des Paradieses. 82 

Als Objekte der Sinnesempfindungen entdecken wir auf dieser Karte 
die Arche Noah, den Turm zu Babel und die Scheunen Josephs. Das 
Rote Meer ist zinnoberrot gemalt, mit Ausnahme des Teils, der den 
Korridor der Israeliten anzeigen soll. Ihre Wanderungen werden 
ebenfalls dargestellt. Östlich von Jerusalem sehen wir die Kreuzi¬ 
gung. Bethlehem ist durch eine Wiege gekennzeichnet. Dies sind De¬ 
tails, zu denen die Mönche keine Quellen außer dem alten Testament 
besaßen, mittels welchem sie sich befähigten, die Einzelheiten der 
Geburt Christi und seiner Passion zu konstruieren und in ihr Neues 
Testament einzubauen. 

Die westlichen Kirchenzentren, welche die mönchische Phantasie 
scheinbar am stärksten anregten, sind der Jakobstempel in Compos- 
tela und der Tempel des heiligen Augustinus in Hippo. In Numidien 
finden wir den letzterwähnten unter einem Baldachin dargestellt. 
Mit einem Märtyrer versehen, finden wir dicht daneben Aquae Tibi- 
litansae, welches in den Augustinus zugeschriebenen Schriften er- 

"Life," von W. Irving, Buch. X., Kap. 4; Baring-Gould's "Curious Myths," S. 
250-266. Diese Verweise betreffend der Herefor Karte verdanke ich dem Auf¬ 
satz über mittelalterliche Geografie von Rev. W. L. Bevan und Rev. H. W. Phil- 
lott. 1873. 


82 



205 


wähnt wird. 83 Wir können mit Sicherheit behaupten, dass vor dem 
späten 15. Jahrhundert niemals jemand etwas vom Heiligen oder gar 
von dessen Schriften gehört hatte. Sein Werk "Vom Gottesstaat" ent¬ 
hält eine Passage über Klöster, die eine der Hereford-Karte sehr ähn¬ 
liche phantastische Vorstellungswelt offenbart . S4 

Offensichtlich hatten die mittelalterlichen Studenten ein großes In¬ 
teresse an Monstrositäten. Eine beachtliche Anzahl solcher Wesen ist 
auf der Karte abgebildet. Wiederholte Aussagen verdeutlichen uns 
den unerschütterlichen Glauben an diese Wesen. Das bloße Gefühl 
ins Staunen zu geraten ist für jedermann begehrlich. So lässt man 
auch die armseligen Gemüter in den Genuss der intellektuellen Freu¬ 
den kommen. Doch heutzutage dürfte es kaum möglich sein das 
ländliche Publikum mit Bildern oder Beschreibungen von Männern 
zu unterhalten, die Augen in den Schultern oder als Sonnenschirm 
dienende Füße haben. Selbiges gilt für Zentauren, Meerjungfrauen 
oder einen Pelikan, der seine Jungen mit seinem eigenen Blut nährt. 
Die Mönche machten es sich jedoch zur Aufgabe bei ihren Schülern 
den Appetit auf Wunder aller Art anzuregen, denn sie wollten einen 
kindlichen, schwachen und all-gläubigen Geisteszustand erzeugen. 
Allerdings kann es um die Masse von ihnen - unbelesen, geistlos, 
eingekerkert im Kloster und ohne Kenntnis der Gesetze der großen 
Welt - auch nicht besser gestanden haben als um verwilderte Kinder. 
Fingunt simul creduntque. ("Der Mensch der kindlichen Welt erfin¬ 
det eigene Fiktionen und glaubt sie selbst") 

Das Studium der mittelalterlichen Fandkarten in den wertvollen 
Sammlungen von Jomard, Santarem und Anderen vermag so man¬ 
chem eine Fektion zu erteilen und die eine oder andere Illusion der 

83 "Ep.", 112; "C. D.", XXII. 8. 

84 "Vom Gottesstaat", XVI. 9. 



206 


Mittelaltertumskundler aufzulösen. Diese Männer waren niemals in 
der Lage eine echte Historie zu verfassen. Diejenigen, die ihre Zuhö¬ 
rer dazu bringen wollen, sich am Befremdlichen und Wunderbaren 
zu ergötzen, sind keinesfalls Männer, die begierig auf Tatsachen und 
deren genaue Wiedergabe sind. Die Männer, die so vollständig von 
einer Theorie aus einem Buch besessen waren, welches sie in ihrer 
Zelle gelesen hatten, waren der Ansicht, nicht in ferne Länder reisen 
zu müssen, um deren tatsächlichen Zustand zu überprüfen. In jedem 
westlichen Kloster konnten sich Mönche daran machen, eine Karte 
wie die von Hereford oder eine andersartige, jedoch der gleichen 
Idee verpflichtete Karte zu zeichnen. Ein solcher Mönch würde sein 
Werk für authentisch und korrekt erklären, da es ja auf der Bibel be¬ 
ruht. Niemals würde er auch nur daran denken, arabische Geo¬ 
graphen zu befragen, die sich im 13. Jahrhundert mit dieser Wissen¬ 
schaft zu beschäftigen begannen. Doch damals wie heute kennen nur 
die Araber die Geografie Syriens. 

Die Mönche waren alles andere als anerkennenswerte Sucher nach 
geografischer Wahrheit. Ihre Fehler waren schlichtweg die eines un¬ 
kundigen Zeitalters. Wie auch in anderen Wissenschaftszweigen ver¬ 
schließen sie sich hier bewusst der Wahrheit und so blieben viele ih¬ 
rer schwerwiegenden Fehler bis heute unkorrigiert. Geografie ist 
nicht Teil der Theologie, jedoch behandelten sie ersteres als Ablei¬ 
tung von biblischen Aussagen und bemühten sich, den Christen ein 
festes und unabänderliches Weltbild aufzuzwingen. 

In der "Bibliothek" des Photios - einer Zusammenstellung, die nicht 
älter als das 15. Jahrhundert ist - finden wir die skizzierten Entwürfe 



207 


einer christlichen Topographie. 85 Die Anfertigung erfolgte durch 
einen Mönch des Ordens des heiligen Basilius, der unter dem klang¬ 
vollen Namen "Kosmas Indikopleustes" (Kosmas der Indienfahrer) 
schreibt und vorgibt, er habe - gemäß der üblichen Verfahrensweise 
seines Ordens - etwa 1000 Jahre vor seiner eigenen Zeit gelebt. In sei¬ 
ner christlichen Topographie schlägt er einen wahrhaft frommen so¬ 
wie theologischen Ton an und arbeitet mit der entsprechenden Me¬ 
thodik. Er hat keinerlei Vorstellung davon, was es bedeutet Orte zu 
besuchen und sie seinen Lesern zu beschreiben. Nein! Topographie 
ist ein Zweig der Theologie und soll aus der göttlichen Schrift heraus 
bewiesen werden. Auch dürfen Christen eine solche Topographie 
niemals in Zweifel ziehen. 

Allerdings gibt es auch durchaus jene, die Christen sein wollen, wäh¬ 
rend sie aber dennoch der Lehre "derjenigen, die es nicht sind", fol¬ 
gen. Sie denken und vertreten, dass der Himmel kugelförmig ist. Er 
meint, aus dem Alten und auch aus dem Neuen Testament heraus zu 
beweisen, dass dies nicht zutrifft und derjenige kein Christ sein 
kann, der an der fraglichen Meinung festhält. Er erörtert ausführlich 
das Tabernakel, das ein Abbild der Welt sei und fährt dann fort, die 
Größe der Sonne, die Länge der Himmel und den Lauf der Sterne zu 
beschreiben. Zur Stützung seiner Behauptungen folgen Auszüge von 
den griechischen Kirchenvätern. 

Weiter geht es mit Kosmas Beschreibung indischer Tiere; dem Rhino¬ 
zeros, dem Taurelaphus, dem Kamelopard und vielen anderen. Der 
Mönch schreibt über das Einhorn, dass er zwar selbst kein Exemplar 
zu sehen bekam, dafür aber vier Einhorn-Bronzestatuen im Königs- 


85 


Kod. 36, im "Book of Christians". 



208 


palast in Äthiopien erblickte. Es sei ein schreckliches Biest, dessen 
ganze Kraft in seinem Horn liegt. Verfolge man es, werfe es sich 
kopfüber herum, um den ganzen Schwung in seinem Horn zu kon¬ 
zentrieren, zuzustoßen und dann unversehrt zu fliehen. Es scheint, 
dass dem Mönch bei den von ihm zitierten Einhörner betreffenden 
Passagen der Psalmen 21:22 und 28:6 (Vulgata Ausgabe) seine Fanta¬ 
sie durchging. 

Auf der oben beschriebenen Karte aus der Cotton-Bibliothek ist eine 
große Insel abgebildet, die im äußersten Osten dargestellt und als Ta- 
probana bezeichnet wird. 86 Unser Mönch gönnt uns eine Beschrei¬ 
bung dieser Insel. Auf ihr macht er den Hyazinthstein aus. Sie wird 
von zwei einander feindlich gesinnten Königen regiert, von denen ei¬ 
ner das Gebiet der Hyazinthsteine und der andere den restlichen Teil 
der Insel innehat. Es gäbe dort eine Christuskirche, die aus persi¬ 
schen Einwanderern besteht, zu denen ein in Persien geweihter 
Priester, ebenfalls ein Diakon, entsandt wurde. Zusammen mit dem 
Urheber der Karte betrachtet unser Mönch Sina als einen Ort auf 
dem angrenzenden Festland. Er schreibt ganze neun blödsinnige 
Absätze über die Insel inmitten Indiens. Die christliche Topographie 
identifiziert Indien mit dem Euilat der Vulgata-Bibel (Gen. 2:10 und 
12 ). 

Es scheint schier unmöglich, den christlichen Topographen der vor¬ 
sätzlichen Lüge freizusprechen, wenn er in einem separaten Buch zu 
seiner Abhandlung darauf beharrt, dass viele der Schreiber "die ohne 
Christus sind" die Antike der göttlichen Schriften von Moses und 
den Propheten bezeugt haben. Er stellt mutig fest, dass die Griechen 


86 


Milton erwähnt diese Insel "P. R.", IV. 75. 



209 


das Schreiben offenbar als letzte erlernten und einen tief verwurzel¬ 
ten Unglauben gegenüber der Heiligen Schrift bewahrten. Was er da¬ 
mit meint können wir erst verstehen, wenn wir annehmen, er habe 
in einem italienischen Kloster geschrieben, möglicherweise in Flo¬ 
renz, und war sich der Wiederbelebungsaktivität der griechischen 
Schriften und der griechischen Intelligenz in dieser Stadt bewusst. 

Die dieser Arbeit beigefügten Darstellungen ermöglichen es uns in 
die Vorstellungswelt des christlichen Topographen sowie in die des 
Bundes einzutauchen, dem er angehörte. Die Mönche betrachteten 
die Erde als Unterbau, welchen sie von allen Seiten durch sich ins 
Unermessliche erhebende Mauern einschlossen, die dann in der 
Form eines Bogens oder Daches endeten. Unter dem Dach befand 
sich das Firmament, unter dem sich ihrer Ansicht nach Sonne, Mond 
und Sterne bewegten. Im Norden der Erde erhob sich ein kegelför¬ 
miger Berg von ungeheurer Höhe. Wenn die Sonne bei ihrem kreis¬ 
förmigen Lauf über der Erde hinter den Berg gelangte, brach die 
Nacht über die Bewohner der Welt herein. Wenn sie die andere Seite 
des Berges erreichte wurde es wieder Tag. Ebenso verhält es sich mit 
dem Mond und den Sternen. Unser christlicher Topograph betrach¬ 
tet Erde und Himmel als Rechteck mit doppelter Länge zur Breite. 
Der Ozean umgibt die Erde und jenseits davon folgt eine weitere 
Erde, welche zu allen Seiten hin bis an die Mauern des Himmels 
reicht. Er vermutet, dass auf der Ostseite dieses Landes jenseits des 
Meeres der Mensch geschaffen wurde. Dort soll sich also das Para¬ 
dies befunden haben. Aus dem Paradies vertrieben, begaben sich un¬ 
sere ersten Vorfahren an die Meeresküste. Zur Zeit der Sintflut wur¬ 
den Noah und seine Söhne von dieser Küste aus in der Arche auf die 
von uns bewohnte Erde gebracht. Die vier Flüsse des Paradieses ver- 



210 


liefen durch unterirdische Kanäle unter dem Ozean zu unserer Erde 
hin und brachen an bestimmten Stellen hervor. Es war diese Theorie, 
die den Ausruf Columbus' beim Anblick der Mündung des Orinoco 
erklärt. 

Zur etwa gleichen Zeit wie das Kosmas zugeschriebene Werk wur¬ 
den auch die "Lactantius" und "Augustinus" zugeschriebenen Werke 
bekannt. Diese Schreiber - in Wirklichkeit getarnte Benediktiner oder 
Augustiner - versuchen, die alten Philosophen zum Gespött zu ma¬ 
chen, weil diese dachten, die Erde sei rund und es gebe Antipoden. 87 
"Es ist eine Fabel, die keineswegs würdig ist, ihr Glauben zu schen¬ 
ken", so der Augustiner. Nach Meinung der Weisen von Salamanca, 
die im ehrwürdigen Konzil saßen, war Kolumbus' Idee, die Welt zu 
umrunden, nicht nur profan sondern auch absurd. Weiter steht au¬ 
ßer Frage, dass die Entdeckung Amerikas und damit die bloße Exis¬ 
tenz der großen westlichen Kontinente mit ihren großen Republiken 
nach orthodoxer Auffassung schlichtweg eine theoretische Absurdi¬ 
tät ist, ebenso wie die Entdeckungen von Kopernikus und Galileo. 

Wenn die Existenz Amerikas nun keine Absurdität sondern einfach 
eine Tatsache von höchstem Interesse und größter Bedeutung ist, 
dann müssen wir feststellen, dass unsere benediktinischen Kosmo- 
graphen und Geographen ihr Bestes getan haben, um die Entde¬ 
ckung Amerikas zu behindern. Da es ihre Theorie verpuffen lässt, 
hätte Amerika eigentlich niemals existieren dürfen. Schon sehr bald 
bestand kein Zweifel mehr daran, dass die Erde rund war, es folglich 
Antipoden gab und dass die Aussage "Jerusalem ist der Nabel der 
Erde" völlig bedeutungslos war. Den Mönchen zum Trotz wurde die 


87 


Lactant., D. L„ III. 24; Aug., C. D„ XVI. 9. 



211 


Wahrheit von Männern errungen, zu der sie sich von einer göttlichen 
Eingebung leiten ließen, wie sie den Mönchen gänzlich unbekannt 
ist. Diese Männer waren von der Wahrheit ergriffen und folgten ge¬ 
treu ihren Instinkten, die sie zielsicher in die wahrhaftige Richtung 
führte. 

Mit Nachdruck bemerken die englischen Geistlichen Bevan und Phil¬ 
lot, denen wir die sorgfältige Beschreibung der Hereford-Karte ver¬ 
danken, in Ihrem Aufsatz "Mediaevil Geography" bezüglich der 
schlimmen Folgen des geografischen Dogmas der griechischen und 
lateinischen Mönche: 

"Die Geografie wurde fortan in die Form einer Pseudoortho¬ 
doxie gezwängt. Durch die Interpretation der Kirchenväter 
wurde die Bibelsprache für die Kosmologie zum Prüfstein der 
Wahrheit. So wurden wissenschaftliche Prozesse gebremst. 
Jegliche Entdeckungslust wurde durch die Verkündigung ab¬ 
gewürgt, dass es wenig oder gar überhaupt nichts zu entde¬ 
cken gab. Kurz gesagt, hat die kirchliche Sichtweise der geo¬ 
grafischen Wissenschaft den Stempel des endgültig Abge¬ 
schlossenen aufgedrückt. Sowohl Schreiber als auch Kartogra¬ 
fen fielen in eine enge Grube, in der sie festsaßen, bis sie von 
den großen Entdeckungen des 15. und 16. Jahrhunderts wie¬ 
der herausgetrieben wurden. ... Der spezifische Fehler in der 
mittelalterlichen Karte war, dass sie Jerusalem zum Zentrum 
der bewohnbaren Welt machte, folglich die Form und die 
Grenzen ebendieser festlegte sowie Fänder und Meere in Räu¬ 
me zwängte, die nicht ihrer wahren Form, Größe oder Gestalt 
entsprachen. Die Verwendung von Breitengraden und Meri- 



212 


dianen war mit einem solchen kartografischen System absolut 
unmöglich, deshalb auch die Verzerrung der Umrisse und die 
Verschiebung von Städten und Ländern. Der radikale Fehler in 
der Methodik machte jegliche Behandlung des Themas nich¬ 
tig. ... Eine mittelalterliche Mappa Mundi muss größtenteils 
als illustrierte Romanze betrachtet werden." 

Diese Worte gehen möglicherweise sogar noch tiefer ins Mark, als es 
die Autoren selbst beabsichtigten. 88 Jerusalem, ob auf einer Karte 
oder in einer Legende, wird zum Zentrum der Kirchenromantik, ob¬ 
gleich ein solcher Ort vor der alten Römerzeit nicht bekannt war. In 
der Regierungszeit Hadrians gab es in Syrien den erhabenen und 
nach diesem Herrscher benannten Ort Aelia Capitolina. Es wurde 
nicht eine einzige Münze oder Zeile mit echter hebräischer Inschrift 
auf Stein oder Pergament entdeckt, die von der Besetzung des Ortes 
durch ein kriegerisches Volk von Hebräern oder Judäern zeugt. Die 
Kinder Israels, also die Moslems, eroberten das Land Syrien sowie 
die Stadt Aelia und beherrschten sie seitdem mit nur kurzzeitiger 
Unterbrechung. Sie nennen die Stadt den Heiligen Ort oder das Hei¬ 
lige Haus. Ihre Berechtigung dazu wurde nie erfolgreich bestritten. 
Die den Heiligen Ort betreffenden Legenden der Moslems sind im 
Koran und in der großen Chronik des Tabari zu finden und wissen 
nichts von einer jüdische Besetzung. 

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass man den Namen "Jerusalem" bis 
ins 15. Jahrhundert hinein für das Heiligtum der Moslems in Syrien 
verwendete. Dies rührt keineswegs von den Juden oder Rabbinern 
her. Für die biblischen und talmudischen Schreiber ist "Jerusalem" 


88 


Bevan und Phillott, "Mediaev. Geog." XII. XXI. 



213 


eine idealisierte Stadt, in der sich die Stämme sammeln sollen. Im se¬ 
kundären Sinne bezeichnet der Begriff einfach jegliches Judentum, 
ob in Spanien, in Süditalien, in Holland oder in Frankreich. 89 Die pa¬ 
thetische Liebe und der absolute Stolz auf "Zion" und "Jerusalem" be¬ 
zogen sich niemals allgemein auf die Stadt in Syrien und eben sowe¬ 
nig auf eine Stadt, deren Einwohner mehrheitlich nicht jüdischen 
Blutes sind. Etwa zu Beginn des 13. Jahrhunderts scheint sich die Be¬ 
geisterung für Syrien unter den Rabbinern zu verbreiten und wir hö¬ 
ren von einer ganzen Reihe Pilger, die dem Folge leisteten. Wenn die 
Worte "uhi bene ihi patria" (wo es dir gut geht, dort ist deine Heimat) 
dem Juden gelten, so hat er sein geliebtes Jerusalem beziehungswei¬ 
se Ariel niemals in Syrien gefunden. 

Nun steht es noch aus, die Bezeichnung Jerusalem für den in Syrien 
befindlichen Heiligen Ort der Moslems auf die primitiven Christen 
zurückzuführen, daher auf die Benediktiner mit ihren griechischen 
Verbündeten (und niemanden sonst). Es ist klar zu erkennen, dass 
sie das poetische Jerusalem mittels Anwendung ihrer gewohnten 
Kunst der Interpretation der Psalmen und Propheten in ein Jerusa¬ 
lem als Zentrum eines geografischen Systems verwandelten. Nach 
der gleichen Methode installierten sie dann die Theorie dergemäß 
das Wort des Herrn an diesem Ort ertönte und die Kirche dort ihren 
Aufstieg nahm. Die Kirche wird durch ihren idealen Gründer ver¬ 
körpert. Alle Ereignisse, von der Geburt Christi in Bethlehem bis zur 
Passion in Golgatha, wurden nach dem gleichen System propheti¬ 
schen Typus und mystischer Andeutungen des biblischen "A priori" 
arrangiert. 


89 


D. W. Marks, "Notre Zion c'est la France". 



214 


Die Hereford Karte ist wohl der beste Einstieg in das Studium der 
Kirchengeschichte. Sie gibt uns nicht nur einen Einblick in die Vor¬ 
stellungswelt unserer englischen Mönche sondern gar in den gesam¬ 
ten ehrgeizigen Orden, dem diese angehören. Ihr Blick richtet sich 
erwartungsvoll auf Jerusalem, da dieser Ort symbolisch für das Dog¬ 
ma steht, mit welchem sie herrschen, obgleich sich ihre Augen gar 
noch stärker auf Rom als "Haupt der Welt" richten, das die Zügel der 
Erdkugel hält. Jedoch ist die Karte freilich nur eine geografische und 
historische Erfindung. Wir sind unseren ersten Lehrern gegenüber 
zu keinerlei Dank verpflichtet, da sie uns am Ende einer langen 
Nacht der Unwissenheit Steine statt Brot boten [Matthäus 7:9] und 
uns mit öden und zugleich undurchdringlichen Theorien über die 
Welt beschenkten, anstatt mit Tatsachen, welche die Vorstellungs¬ 
kraft anzuregen und zu fruchtbaren Anstrengungen anzuspornen 
vermögen. 

Im Zusammenhang mit Herefords Mappa Mundi sollte man das ers¬ 
te Buch des Polychronikons durchsehen, welches aus der Kloster¬ 
schule von Bec stammt und Ranulf Higden, einem Benediktiner aus 
St. Werburgh, Chester, zugeschrieben wird. Über die Person des 
Mönchs, der bis zum späten 14. Jahrhundert gelebt haben soll, ist 
wie üblich nichts bekannt. Das "Chronikon" kam in England sehr 
bald nach Caxton in Gebrauch. 

Das Werk offenbart uns das übliche System des "A Priori'-Erschaf- 
fens. Entsprechend der sieben Schöpfungstage ist es in sieben Bücher 
unterteilt und wurde ganz nach dem benediktinischen Geschichts¬ 
schema verfasst, wie es in den Eusebius, Isidor, Augustinus und An¬ 
deren zugeschriebenen Werken niedergelegt wurde. Ihm stand eine 



215 


bessere Bibliothek zu Verfügung als es für Boston von Bury St. Ed¬ 
munds gilt, der von dem Werk Higdens nichts weiß. 

Unser Mönch folgt der bekannten Passage im Pseudo-Augustinus, 
"Vom Gottesstaat", XVI. 8., und nimmt wie auch die anderen Mitglie¬ 
der seines Bündnisses an, dass Asien die halbe Welt umfasst, der 
Ozean die gesamte Erdmasse umgibt, das Rote und das Kaspische 
Meer Mündungen in den Ozean sind, der 370 Meilen vom Euxine 
(dem Schwarzen Meer) entfernt ist. Der Golf von Gades (Cadiz) be¬ 
ziehungsweise Atlas sei die dritte große Meeresbucht. 

Das Paradies befindet sich bei ihm im äußersten Osten und ist wie 
gewohnt von dem feurigen Wall umringt, dessen Flammen bis zum 
Himmel reichen. In Indien gäbe es monströse Bäume und Menschen. 
Es ist die Rede von dortigen Satyrn und Pygmäen, die nur eine Elle 
hoch sind, bereits im vierten Lebensjahr geschlechtsreif und dann im 
fünften weiß werden. Sie sollen sich auf Widdern sitzend sammeln 
und Krieg gegen die Kraniche führen, deren Nester und Eier sie zer¬ 
stören. Es werden Gymnosophisten erwähnt, die den ganzen Tag un¬ 
getrübt in die Sonne blicken. Die Hundsköpfigen und andere wun¬ 
derlichen Wesen sind dort ebenfalls zu finden. Ophir sei eine indi¬ 
sche Insel mit Gold im Überfluss. 

In einem Kapitel über das Gebiet Judäas schließt sich der Ches¬ 
ter-Mönch perfekt dem Refrain seines Ordens an, der dieses imagi¬ 
näre Land in Syrien ausmachte und die lateinische Literatur mit der 
Fabel anreicherte, dass es von Pompeius dem Großen zum Tribut 
verpflichtet worden sei. Auch er unterscheidet in ein himmlisches 
und ein irdisches Jerusalem. Die Dichter nennen die Stadt fälschli- 



216 


cherweise Solima. Diesen Namen haben die Benediktiner in viele la¬ 
teinische Dichtungen eingefügt. Unser Autor wiederholt auch die Fa¬ 
beln über das Tote Meer. 

Eine ausführlichere Behandlung der Illustrationen ist nicht notwen¬ 
dig. Der Mönch ist lediglich eines von vielen Sprachrohren des or¬ 
thodoxen geografischen Dogmas der Benediktiner. Wir müssen 
Schmunzeln sobald wir auf die englischen Gelehrten stoßen, die die¬ 
sen Mönch als üblen Plagiatoren und bösartigen Fälscher anpran¬ 
gern, der einfach die Chronik seines Benediktinerbruders Roger von 
Chester umgestaltete. Wo niemand eine Originalität in Frage stellt, 
gibt es auch gibt keine Frage nach Plagiarismus. Sie sind alle der 
geografischen Form des Dogmas unterworfen, ebenso wie auch jeder 
anderen Form, also der theologischen, historischen, physiologischen 
und der astronomischen. Wir können erahnen, dass das Dogma der 
Geografie aus der Zeit stammt als die Äbte der südlichen Provinz 
durch die wachsende Neugier der damaligen Zeit gezwungen wa¬ 
ren, sich um die Ausbildung ihrer jungen Schüler in Oxford und 
Cambridge zu bemühen. Doch wir wollen dieses Dogma korrigieren, 
indem wir den Araber al-Idrisi heranziehen. 

Bevor wir das al-Idrisi zugeschriebene Werk als Beweismittel nutzen, 
sollten wir uns kurz der möglichen Datierung dieser Geografie wid¬ 
men. Die eloquente und gewissermaßen blumige orientalische Spra¬ 
che des Vorworts weist darauf hin, dass das Werk nicht aus dem 12. 
Jahrhundert stammen kann. Das Orginal-Manuskript der königli¬ 
chen Bibliothek von Paris stammt aus dem Jahr 1344, jedoch ist auch 
diese Datierung keineswegs vertrauenswürdig. Jedenfalls können 
wir die in dieser Geografie enthaltenen Ideen recht bedenkenlos als 



217 


die der unterwiesenen Moslems betrachten, die im Mittelalter den 
Westen bereisten. 

Al-Idrisi mag einige christliche Bücher gelesen oder mündliche 
christliche Überlieferungen vernommen haben. Er ist ein Zeuge für 
die Tatsache, dass sein Volk schon immer die berühmte Stadt in Syri¬ 
en kannte, welche die Benediktiner zum Mittelpunkt des Erdkreises 
machten. Ihr eigentlicher Name ist el-Mocaddas; der heilige Ort be¬ 
ziehungsweise das Heiligtum aus der mohammedanischen Traditi¬ 
on. Zu der Zeit, in der er schrieb, war sein Glaube in Folge des Zu¬ 
stroms christlicher Pilger nach Syrien jedoch bereits etwas durch die 
mitgereisten Fabeln erschüttert. 90 

Die wichtigsten Städte Palästinas sind Kamleh und Beit-el-Mocaddas 
(das Heilige Haus). Die Berühmtheit der Letzteren basiert auf ihrem 
hohen Alter und ihrer Fülle an antiken Denkmälern. Sie trug einst 
den Namen Ilia (Aelia Capitolina). Auf einem Berg gelegen und von 
allen Seiten leicht zugänglich erstreckt sich die Stadt von West nach 
Ost. Im Westen befindet sich das Tor von El-Mihrab und zu dessen 
Füßen die Kuppel Davids (auf der ein Segen liege!). Im Osten befin¬ 
det sich das Tor des Erbarmens, das gewöhnlich geschlossen sei und 
nur am Fest der Zweige geöffnet wird. Im Süden befindet sich das 
Tor von Seihun (Sion) und im Norden das des Amoud-el-Ghorab. 
Vom westlichen Tor von El-Mihrab geht es in östlicher Richtung über 
eine breite Straße zur Auferstehungskirche, welche die Moslems Co- 
mame nennen. Diese Kirche ist das Ziel der Pilgerreisen der Nazare¬ 
ner aus allen Ländern des Ostens und Westens. Wir treten durch das 
Westtor ein und passieren die Kuppel, welche die gesamte Anlage 

90 "Geografie d'Edrisi traduite de l'Arabe en Francais", von P. Amedee Jaubert, 
1836, 1.339, f. 



218 


überdeckt und eine der herausragendsten Dinge der Welt ist. Die 
Kirche befindet sich unterhalb dieses Tors. Es ist nicht möglich von 
dieser Seite in den unteren Teil des Gebäudes hinabzusteigen. Auf 
der Nordseite durchschreiten wir ein Tor, das sich oberhalb einer 
dreißig-stufigen Treppe öffnet. Das Tor heißt Bab Santa Maria. Beim 
Betreten der Kirche findet der Betrachter die Heilige Grabstätte vor. 
Es ist ein beachtliches Gebäude mit zwei Türen, das von einer Kup¬ 
pel von sehr solider Konstruktion überdeckt wird. Die Kuppel ist 
sehr robust und von bewundernswerter Kunstfertigkeit. Eines der 
beiden Tore, das Tor von Santa Maria, zeigt nach Norden; das andere 
ist nach Süden ausgerichtet und heißt Bab-el-Saloubie, das Tor der 
Kreuzigung. Auf dieser Seite des Säulenhofes der Kirche befindet 
sich gegenüberliegend in Richtung Osten eine andere bedeutende 
Kirche, in der die Nazarener ihre heiligen Dienste verrichten sowie 
ihre Gebete und Opfergaben abhalten. 

Östlich der Kirche erreichen wir nach einem leichten Abstieg das Ge¬ 
fängnis, in dem der Herr-Messias eingekerkert war und zugleich 
auch den Ort, an dem er gekreuzigt wurde. Die große Kuppel 
schraubt sich bis in den Himmel und wir entdecken draußen wie 
drinnen überall Gemälde der Propheten, des Herrn-Messias, seiner 
heiligen Mutter Maria und des heiligen Täufers Johannes. Gehen wir 
von der Hauptkirche nach Osten, so treffen wir auf das von Davids 
Sohn Salomo errichtete heilige Haus, das seit der Zeit der Juden¬ 
macht eine Pilgerstätte war. Als der Moslem eintraf wurde ihnen der 
Tempel genommen und sie wurden vertrieben. 91 Unter der muslimi¬ 
schen Herrschaft wurde der Tempel weiter ausgebaut. Er ist heute 
die große Moschee, welche die Moslems unter dem Namen Mesdjid 


91 


In der "Chronik des Tabari" ist davon nichts zu finden 



219 


el-Aqsa kennen. Mit Ausnahme der großen Moschee von Cordoba in 
Andalusien existiert nichts damit vergleichbares 

In einer weiteren Schilderung des Autors heißt es, im Süden habe 
sich eine Kapelle befunden, die von den Moslems genutzt wurde, je¬ 
doch gewaltvoll von den Nazarenern in Besitz genommen und in ein 
Kloster für die Templer also die Diener des Hauses Gottes umgewan¬ 
delt wurde. Der Autor zeigt an mehreren Stellen, dass er die Über¬ 
lieferungen der Mönche mit denen des Korans durchein anderbringt, 
da hier z.B. angenommen wird, dass in den kanonischen christlichen 
Legenden von einem Herrn-Messias der arabischen Tradition die 
Rede sei. Er erwähnt eine Kirche der heiligen Maria und das Grab 
der Jungfrau in Sichtweite des Ölberges; dann die Kirche unseres Va¬ 
ters, das Grab des Lazarus, der vom Herrn-Messias auferweckt wur¬ 
de; und zwei Meilen vom Ölberg entfernt, das Dorf, aus dem die 
Eselin gebracht wurde, auf welcher der Herr-Messias bei seinem Ein¬ 
zug in Aurashlim ritt. 92 

Er spricht von einer unter dem Schutz des heiligen Johannes stehen¬ 
den Kirche in der Nähe des Jordans, die von griechischen Mönchen 
betrieben wird. Wenn wir im Süden Jerusalems das Tor von Seihun 
durchschreiten, gelangen wir zu einer schönen Kirche, in welcher 
sich der Saal befindet, in dem der Herr-Messias mit seinen Jüngern 
speiste. Der Tisch sei noch vorhanden und könne jeden Donnerstag 
besichtigt werden. Darunter befindet sich das Tal der Hölle und die 
Kirche des heiligen Petrus. Hier befindet sich die Quelle des Sulwans 
(der Teich von Siloah), an welcher der Herr-Messias einen Blinden 
erblickte, der sich noch nie am Tageslicht erfreuen konnte. Südlich 

92 Hier folgt der Autor einem christlichen Schreiber oder Prediger und verfälscht 
das Wort "Jerusalem". 



220 


der Quelle liegt das Feld, welches der Messias für die Beerdigung 
von Fremden erstand. Der Autor beschreibt die Kirche in Bethlehem 
als Grotte, in welcher der Messias geboren wurde und zugleich als 
Wiege, in die man ihn legte. Acht Meilen südlich von Bethlehem be¬ 
findet sich die Moschee von Ibrahim, in der die sterblichen Überreste 
von Ibrahim, Isaak, Jakob und die derer Weiber ruhen. Er erwähnt 
den Brunnen in Nablus, den der Patriarch Jakob (mit dem der Frie¬ 
den sei!) gegraben habe und in dessen Nähe der Herr-Messias saß 
und die Samariterin um Wasser bat. Die wichtigste Kirche in El-Mo- 
caddas sei jedoch die von Sant Jacoub oder dem heiligen Jakobus 
von Compostella. 93 Es sprechen noch weitere Indizien gut mit der 
Hypothese überein, dass dieser Araber nicht weit entfernt von der 
Zeit Chaucers gelebt haben kann. 

Er scheint englische Namen aus dem normannischen Französisch ge¬ 
lernt zu haben, wobei einige jedoch kaum zu entziffern sind. Dart- 
mouth - auffallend auch bei Chaucer - begegnet uns als Djartmouda; 
Dover und London als Dobres und Londres. Doch was sind Ghou- 
nester und Gharcafort? 94 Gleichermaßen interessant sind auch die 
Ansichten des arabischen Geographen über die christlichen Zentren 
im Westen. Er sieht in Rom den Palast des Fürsten, des Papstes, der 
mächtiger als alle Fürsten der Erde sei. Er bezieht sich auf die drei 
Metropolen Antiochia, Alexandria und El-Mocaddas. Er schreibt, 
dass die Letztere auch die jüngste ist und zur Zeit der Apostel noch 
nicht existierte. Dies scheint ein klarer Hinweis darauf zu sein, dass 
der Araber sich der Abwesenheit aller christlichen Altertümer an sei¬ 
nem heiligen Ort bewusst war. Er fügt hinzu, dass die Stadt zur Ehre 
des Heiligen Hauses errichtet wurde, was erneut ein Hinweis darauf 

93 Edrisi, II. 227. 

94 ebenda II. 374. 



221 


ist, dass die Moslems die Christen als einen Unterzweig ihrer eige¬ 
nen heiligen Tradition betrachteten. Er schreibt, dass es in Rom eine 
Kirche gibt, die dem Tempel von Jerusalem nachempfunden wurde, 
sowie auch eine weitere für die Heiligen Petrus und Paulus. Insge¬ 
samt soll es in Rom 200 Kirchen gegeben haben. 95 

Ich möchte noch einige weitere Darstellungen aus klösterlichen 
Schriften anführen, welche den Einfluss des theologischen Dogmas 
auf die Ansichten der Menschen über die natürliche Welt aufzeigen. 
Sie fordern auch hier wieder den Verstand heraus, lähmen das Beob¬ 
achtungsvermögen und führen den Schüler in unüberwindliche 
Schwierigkeiten und Ungereimtheiten. Es gibt drei Hauptvarianten 
der großen menschlichen Überlieferung der Sintflut, die uns Europä¬ 
ern dargeboten werden; die griechische, die arabische und die he¬ 
bräische. Sie alle sind für den die Fabelaffinität des Menschen Stu¬ 
dierenden äußerst interessant und weisen den Weg von den Wirkun¬ 
gen zu den Ursachen. 

Die Mönche hielten an der hebräischen Tradition fest, als wäre sie 
die alleinige und maßgebliche. Sie bemühten sich, sie mit der tat¬ 
sächlichen natürlichen Welt in Übereinstimmung zu bringen, stießen 
dabei allerdings auf unvermeidliche Schwierigkeiten; dies jedoch 
nicht durch Fragen nach den Autoren und Quellen der literarischen 
Tradition und auch nicht aus dem Atiologiestudium heraus, sondern 
da sie gewaltsam versuchten, die Wahrheit zu leugnen, welche die 
Natur überall und ständig selbst dem sorglosesten Zuschauer offen¬ 
bart. Die Früchte der Beobachtungen von Reisenden sowie deren Er¬ 
fahrungen müssen auf dem Schrein des Götzen geopfert werden. 


95 


Ebenda II. 250-252. 



222 


den sie als unerschütterliche Wahrheit bezeichnen, der aber in Wirk¬ 
lichkeit nichts anderes als religiöse Vision und Träumerei ist. 

Es stellt sich z.B. die Frage, wie es zu all den Tieren auf den Inseln 
kommt, wenn doch alle Tiere vernichtet wurden, die zum Zeitpunkt 
der Sintflut nicht in der Arche waren? Wir haben schon von Frosch- 
Generationen gehört, die spontan aus dem Boden sprießen, aber 
Wölfe und andere Tiere vermehren sich bekanntermaßen durch die 
Vereinigung der Geschlechter. Wie kamen sie also auf die Inseln? Die 
Elterntiere müssten von der Arche zu den nächstgelegenen Inseln ge¬ 
schwommen sein, es ist jedoch unmöglich, dass sie so die weit von 
den Kontinenten entfernten Inseln erreichen konnten. Die Menschen 
könnten sie zum Zeitvertreib dorthin gebracht haben oder sie wur¬ 
den per Befehl Gottes und durch die Vermittlung der Engel dorthin 
verfrachtet; oder aber sie sprossen entsprechend der Schöpfungssage 
einfach aus der Erde, da Gott sprach: "Die Erde bringe hervor leben¬ 
dige Wesen". Wenn dem so ist, wird klar, dass der Grund, aus dem 
alle Arten in die Arche verbracht wurden, nicht darin bestand, dass 
das Tierleben erneuert werden musste sondern im Interesse eines 
Kirchenmysteriums. Bei diesem geht es darum, die verschiedenen 
Nationen der Erde in Typ und Gestalt darzulegen. So zieht sich der 
Mönch vom Grund der Tatsachen und Beweise auf die Ebene der 
Träumereien und Mythen zurück. 

Der Mönch möchte die Sintflut-Legende mit der wie er meint unbe¬ 
streitbaren Tatsache in Einklang bringen, dass es auf der Erde mons¬ 
tröse Menschenrassen gegeben habe. Seine Vorstellung von Ge¬ 
schichte ist so vage, dass er glaubt, die Historie verbürge die Exis¬ 
tenz solcher Monster. Einige Rassen haben wie Polyphem lediglich 



223 


ein Auge in der Mitte der Stirn. Bei anderen Rassen sind die Füße 
hinter den Beinen verdreht. Wieder Andere weisen die Merkmale 
beider Geschlechter auf, wobei die rechte Brust maskulin und die 
linke feminin ist. Die Funktionen der Zeugung sind bei ihnen wech¬ 
selnd. Einige haben keinen Mund und atmen nur durch die Nasenlö¬ 
cher. Es gibt Pygmäen mit einer Statur von nur einer Elle. Bei einigen 
Rassen wird die Frau bereits mit fünf Lebensjahren Mutter und stirbt 
mit acht. Es existiert eine Rasse einbeiniger Männer, die das Knie 
nicht beugen können und von wunderbarer Schnelligkeit sind. Es 
gibt die Rasse der Schattenfüßler, die im Sommer mit dem Rücken 
auf der Erde liegen und sich durch den Schatten ihrer Füße vor der 
Sonne schützen. Weiter existieren halslose Männer mit Augen in den 
Schultern. Von den Ufern Karthagos aus sah der Mönch Mosaike, die 
weitere menschliche Kuriositäten darstellen. Dann wäre da auch 
noch die bestialisch bellende hundsköpfige Rasse. 

Wir untersuchen die Eindrücke einer Zeit, in der das Reisen zur 
Mode wird und eine rastlose Neugierde auf die große Welt den Geist 
der Menschen ergreift, als nach Dartmouth oder Flu II zurückkehren¬ 
de Seemänner ihr sensationslustiges Publikum zwangsläufig ent¬ 
täuschten, es sei denn, sie vermochten dessen Appetit auf Wunder 
und Monster befriedigen. Der Mönch hat keinerlei Interesse an der 
Aussortierung derartiger Geschichten. Zwecks der allgemeinen 
Leichtgläubigkeit ist es hilfreich, wenn derartiges akzeptiert wird. Er 
ist lediglich darum bemüht, diese Geschichten innerhalb des Rah¬ 
mens seines biblischen Systems unterzubringen. Er hält es nicht für 
notwendig, dass wir an alle diese Menschenrassen glauben, jedoch 
würde kein gläubiger Mensch anzweifeln, dass alle menschlichen 
Wesen und alle vernunftbegabten sterblichen Tiere, so seltsam sie 



224 


auch in Form, Farbe oder anderen Eigenschaften sein mögen, ihren 
Ursprung in dem einen großen Protoplasten Adam haben. 

Gott ist der Schöpfer von allem und sein Universum ist gerecht, 
gleichwohl manche Teile uns missgestaltet erscheinen mögen, da wir 
ihre Beziehungen und ihre Kongruenzen nicht kennen. Wir wissen, 
dass es Menschen mit mehr als fünf Gliedern an Händen und Füßen 
gibt, dürfen aber nicht annehmen, der Schöpfer habe sich geirrt und 
nicht gewusst wieso er diese Menschen so erschaffen hat. 

Vielleicht schuf Gott einige Monsterrassen um uns davon zu über¬ 
zeugen, dass seine Weisheit nicht irrt, er also kein unvollkommener 
Arbeiter war, als er die Schaffung solcher Monstrositäten in speziel¬ 
len Fällen leidvoll erduldete. 

Da in jedem Volk vereinzelt Monstren Vorkommen, soll es uns nicht 
absurd erscheinen, dass die Menschheit somit selbst auch individuel¬ 
le monströse Völker in sich birgt. Wir können getrost schlussfolgern, 
dass die Geschichten von monströsen Rassen völlig wertlos sind. 
Würden diese Wesen tatsächlich existieren, so wären sie jedoch keine 
Menschen, und falls doch, dann entspringen sie Adam. Damit wäre 
die Theorie vom urzeitlichen Protoplasten gewahrt, dergemäß alle 
Menschen durch sie Söhne Noahs von ihm abstammen. 

Derart war die Stumpfheit der Menschen, welche dahingehend erzo¬ 
gen wurden, dies als ersten Grundsatz der Weisheit und zugleich als 
erstes Bildungsprinzip anzuerkennen. Ein fabelhaftes Buch ist der 
Spiegel einer fabelhaften Welt. Eine unglaubliche orientalische Le¬ 
gende findet in den Reiseberichten über unglaubliche Ethnologie 



225 


entweder ihre Bestätigung oder aber Widerstand. Menschen fanden 
Zuflucht vor der Unterdrückung eines Glaubens, indem sie sich ei¬ 
nem anderen ebenso bedrückenden Glauben unterwarfen oder alter¬ 
nativ indem sie sich zwanghaft um eine Aussöhnung beziehungs¬ 
weise einen Ausgleich bemühten. Wir sehen den Hang zum Glauben 
an "Menschen, deren Köpfe unterhalb ihrer Schultern wachsen" und 
andere Monstrositäten, die bis zur Zeit Shakespeares, ja sogar bis in 
die unsrige überleben konnten. Auch in unserer Zeit gab es Männer 
von hoher Fertigkeit doch wenig Vernunft, die ausgesprochen freu¬ 
dig neue Beweise für die Existenz von Pygmäen in Empfang genom¬ 
men hätten. Allerdings können wir die in auserkorenen Köpfen le¬ 
bendig wirkende Energie der Natur nur bewundern, welche wir Ver¬ 
nunft oder Genie nennen. Sie befreit die Welt allmählich von der 
Herrschaft des ordinären Appetits auf Wunder und zugleich von der 
Gewohnheit, Geschichten zu glauben, nur weil sie erzählt werden. 96 

Der sich gegen den Klerus richtende Vorwurf lautet nicht, den regen 
Appetit auf Wunder erzeugt zu haben sondern, dass er als Lehrer 
keine Anstrengungen zur diesbezüglichen Unterbindung unter¬ 
nahm. Sie regten den Appetit im Interesse der Kirchenherrschaft an. 
Im europäischen Landvolk besteht eine starke und weit verbreitete 
Neigung z.B. an Menschen mit Tierschwänzen zu glauben. Dieser 
Glaube ist in Griechenland und Albanien so fest verwurzelt, dass die 
Studenten sogar medizinische Befunde herangezogen haben, um 
diese Frage befriedigend zu beantworten. Im 17. Jahrhundert schrieb 
der französische Bischof Simon Mayole, dass es in England Familien 
mit Tierschwänzen gäbe, was eine Strafe für die Handlungen ihrer 

96 Siehe "Vom Gottesstaat" XVI. 7, 8 und die Predigt 37 aus "Sermones ad Fra¬ 
tres in Eremo", in welcher der Augustiner behauptet, er habe in Äthiopien eine 
einäugige Nation angetroffen. 



226 


Vorfahren darstelle, da diese einen Augustiner verspotteten, der vom 
heiligen Gregor als Prediger nach Dorset geschickt wurde. Die Vor¬ 
fahren nähten Schwänze verschiedener Tierarten an ihre Kleidung 
und schon bald stellte sich heraus, dass diese Schwänze ihnen und 
ihren Nachkommen für immer anhaften sollten . 97 

Wirkt die Phantasie unter den Bedingungen der Unwissenheit, der 
Abgeschiedenheit des Gerüchts und einer intensiven Neugier, so 
vermag sie unwirkliche Formen zu erzeugen, bei denen dem natürli¬ 
chen Erfahrungsschatz einfach Dinge hinzugefügt oder entnommen 
werden. Allerdings sind die Mönche auch nicht in der Lage, unweit 
entferntes sachlich darzustellen. Ein von Sharon Turner in seinem 
Werk "History of the Anglo-Saxons" zitiertes Manuskript und auch 
andere Quellen zeigen uns, dass der mönchische Schreiber das Rote 
Meer tatsächlich für rot hielt. In Meeresnähe soll es rote Hühner ge¬ 
geben haben, welche bei Berührung Verbrennungen an Händen und 
Körper verursachten. Pfeffer sei schwarz, da die diesen bewachen¬ 
den Schlangen mit Feuer vertrieben werden. Turner wartet mit dem 
üblichen Arsenal auf. Dazu zählen Männer mit Hundsköpfen, Eber¬ 
zähnen und Pferdemähnen sowie auch solche die Feuer spucken. Es 
gibt Ameisen in rot und schwarz, die so groß wie Hunde sind und 
heuschreckenartige Füße aufweisen. Sie graben fünfzehn Tage lang 
nach Gold, woraufhin es die Menschen mit weiblichen Kamelen und 
deren Jungen abholen. Die Ameisen tauschen das Gold gegen die 
jungen Kamele ein und fressen sie dann. Unwissenheit vermag diese 
Darstellungen unter Umständen zu entschuldigen, jedoch hätte der 
Mönch Gallien genauer kennen müssen. Er schreibt, es gäbe in Galli¬ 
en dreißig Meter hohe löwenköpfige Menschen die Münder haben, 

97 Goldsmith, "Citizen of the World", XVI. Mr. Baring-Gould bezeugt in "Red Spi¬ 
der" die Hartnäckigkeit der Idee in Devon. 



227 


welche so groß wie die Segel einer Windmühle sind. 

Es ist keineswegs nur der nähere Raum, der von unseren Historikern 
mit monströsen Menschen und Tieren angefüllt wurde, sondern 
ebenso die nahe sowie auch die ferne Zeit. Sie müssen Teile der fan¬ 
tastischen Dinge, mit denen ihre Köpfe überladen sind, loswerden 
und nutzen dafür ihre Retrospektiven. Die Zeit vor König Artus 
mag zwar noch etwas wundersamer als die nach ihm sein, jedoch 
setzt sich der Strom der Ereignisse in der Spur der biblischen und 
altrömischen Ableitungen von Anfang bis Ende ununterbrochen fort. 
Bis zur Ankunft von Brutus war England voller Riesen. Ein dreitägi¬ 
ger Blutregen markierte die Herrschaft eines seiner Nachfahren. Ein 
weiterer wurde in einem Zweikampf mit einem Monster aus der iri¬ 
schen See wie ein Fisch verschlungen . 98 Artus verwickelt zwei Riesen 
in einen Kampf und tötet sie beide. Einer war der kannibalische Rie¬ 
se vom Berg St. Michel, der seine Opfer halb lebendig verschlang; 
der andere kleidete sich in ein Gewand aus den Bärten getöteter Kö¬ 
nige. 

Von diesen Monstern ist es nur ein kleiner Schritt hin zu den Tyran¬ 
nen, die Großbritannien und andere Länder einst zahlreich hervor¬ 
brachten. Es waren Männer von teuflischer Abstammung und eben¬ 
so teuflischem Geist, welche schemengetreu mit dem unvernünftigs¬ 
tem Hass und der entsprechenden Grausamkeit gegenüber allen 
Kindern der Heiligen Kirche erfüllt sein mussten. Diese Angewohn¬ 
heit, Menschen als Teufel darzustellen, ging unter dem Einfluss der 
kirchlichen Parteilichkeit in die politische Sphäre über. Die im Inter¬ 
esse der Lancasters geschriebene Geschichte präsentierte uns daher 


98 


Galfredi, "Hist. Brit.", S. 51. 



228 


einen Richard III., der mit Krallen an den Fingern geboren wurde. 

Wenn wir diese fantastische Überlieferung lesen, erinnern wir uns 
gelegentlich an die Passage, in der Milton die Natur der geistigen 
Traumwelt beschreibt. Die Vernunft, so sein Gesang, beherrscht die 
Seelenkräfte, gefolgt von der den nächsten Rang einnehmenden 
Phantasie. 

"Die Phantasie; von allen Außendingen, 

Die ihr die Sinne widerspiegeln, zaubert 
Sie Einbildungen, Luftgebilde vor; 

Die Bilder trennt dann die Vernunft und schafft. 

Was wir behaupten oder auch verneinen. 

Was unsre Kenntnis oder Meinung heißt; 

Dann kehrt in ihre Zelle sie zurück. 

Wann die Natur ruht, wacht oft rege noch 
Die Phantasie, sie gaukelnd nachzuahmen; 

Doch Bilder plump vereinend, zeugt sie oft 
Ein wildes Werk, in Träumen meist erschaffen ," 99 

Das System der klösterlichen Erziehung bewirkte eine Überfrach¬ 
tung des Gedächtnisses mit ungeheuren Vorstellungen. Die Phanta¬ 
sie litt an Hypertrophie; das Urteilsvermögen wurde in einem Zu¬ 
stand des Schwachsinns gehalten und die Menschen gingen ohne 
jedwedes Gefühl für die reale Faktenlage durchs Leben, außer sie 
konnten diese aus ihrer Fantasie ableiten; dies natürlich in völliger 
Unkenntnis von sich selbst und der Welt, in der sie lebten. 


99 


Milton, "Das verlorene Paradies", fünfter Gesang. 



229 


Die Betrachtung dieses Themengebietes wäre nicht vollständig, 
wenn wir auslassen, dass sich die Lehrer, die den Geist der Unwis¬ 
senden mit diesen Phantastereien über die Natur zu prägen wussten, 
selbst als Männer darstellten, welche übernatürliche Macht über die 
wilden Naturkräfte besitzen. Als Quelle dafür beziehen sie sich wie 
gewohnt auf die heiligen Schriften der Hebräer und ihre eigenen ka¬ 
nonischen Schriften. Weil ein hebräischer Dichter davon singt, dass 
die Wüste zur Wonne wird, zur Einsamkeit als Garten des Herrn, ge¬ 
ben sie vor, dass Gallien und Großbritannien vor ihnen in gefährliche 
Wälder voll wilder Tiere gehüllt war und sie es mit ihrem Erscheinen 
in ein heiteres Paradies verwandelten. Da die jüdischen Patriarchen 
einst in Zelten wohnten, mussten die Pioniere des Mönchtums Zelt¬ 
hütten im einsamen Exil bewohnt und zugleich Psalmen in Weiden¬ 
kapellen gesungen haben, welche unterdessen von heulenden Wöl¬ 
fen beantwortet wurden. 

In diesen Rückzugsstätten machten sie von ihrer Macht über die wil¬ 
den Kreaturen Elch, Büffel, Bison, Ur und Bär Gebrauch. Solcherlei 
Geschichten werden von Saint-Calais beziehungsweise dem heiligen 
Carilefus aus der Merowingerzeit erzählt 1 ' 10 . Der berühmte heilige 
Ägidius, dessen Name auf den griechischen Einfluss in den Klöstern 
hinweist, war in den Wäldern der Rhone alt geworden und ernährte 
sich in einer Höhle von der Milch einer Hirschkuh. Ein König, der 
eine Hirschkuh verfolgte, zielte im Verlaufe der Jagd auf das Herz 
des Tieres, jedoch durchbohrte der Pfeil die Hand der Einsiedlers. 
Der reuevolle König bestand darauf, an der Stelle der Grotte ein 
Kloster zu errichten, dessen Abt der heilige Ägidius wurde. So statte¬ 
te man die Abtei und die Stadt Saint-Gilles mit einem entsprechen- 


100 "Orderic Vital", III. 182, ed. Leprevost. 



230 


den Ursprungsmythos aus und lancierte zugleich, dass die Tiere des 
Feldes mit den Männern Gottes in Frieden lebten und dieser irdische 
Besitz zu Recht denen verliehen wurde, die solch göttliche Würde 
vorweisen konnten. 

Die echte bretonische Abtei von Nermok geht auf die romantische 
Geschichte zurück, dergemäß ein Prinz einen Fhrsch verfolgte und 
ihn in der Kirche zu Füßen der jungen Äbtissin fand. Sieben Tage 
nach diesem Ereignis platzierte er auf dem Altar einen Erlass, wel¬ 
cher der Gemeinde Ländereien mitsamt mehreren hundert Herden 
an Pferden und Rindern zusprach. Ähnlich verhielt sich König Clo¬ 
thar II. gegenüber dem irischen Mönch Deicolus in Segraine, dessen 
Altar einem Wildschwein Schutz bot. So war das Basler Kreuz im 
Wald von Reims lange Zeit ein Zufluchtsort für Wild, was bei der 
Jagd sowohl von den Hunden als auch deren Herren respektiert 
wurde. Darüber hinaus stellte das vor den Wölfen flüchtende Reh 
eine geeignete Allegorie der vom Teufel und seinen Heerscharen ver¬ 
folgten christlichen Seele dar, wie z.B. in der Legende von St. Lan- 
mer. 

Die Mönche, die wieder zur ursprünglichen Unschuld unserer Urel- 
tern fanden und das Leben von Engeln führten, stellten auch Adams 
verlorene Überlegenheit über die niedere Schöpfung wieder her. Der 
englische Benediktiner, der das Leben des heiligen Cuthbert von Lin- 
disfarne niederschrieb, argumentiert, es sei selbstverständlich und 
keineswegs überraschend, dass Jener, der dem Schöpfer treu dient, 
zum Gebieter über alle Kreaturen zu werden vermag. Das Verspre¬ 
chen aus dem Buch Hiob (5:23) wurde gegeben um eingelöst zu wer¬ 
den, was diese neue Elite der Menschheit auch ordentlich vollbrach- 



231 


te. Nicht minder war die kanonische Verheißung an die Jünger - 
"Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und 
wird größere als diese tun" - welche ebenfalls eingelöst werden soll¬ 
te. Diesbezüglich muss der Leser einräumen, dass die Wundertaten 
des heiligen Cuthbert quantitativ wie qualitativ durchaus erstaunli¬ 
cher als die der Apostel sind. Er zaubert eine Quelle aus dem tro¬ 
ckenen Boden und gewinnt eine Gerstenernte aus dem zur Unzeit 
gesäten Samen. Der Mann Gottes "lacht über Unmöglichkeiten und 
schreit, es solle vollbracht werden." 

Das kirchliche Interesse offenbart sich in all diesen brachialen Miss¬ 
achtungen der simpelsten Wahrheiten empirischer vom Menschen 
erworbener Kenntnisse. Nachdem es bereits die Benediktiner taten, 
schildert einer unserer frühesten Tudor-Chronisten wie der heilige 
Germanus von Auxerre nach England kam, um "König Vortigern" 
der arianischen Häresie zu entreißen. Es war ein kalter und schnee- 
reicher Abend. Ihm wurde die Unterbringung beim König verwei¬ 
gert. So suchte der Bischof zunächst Zuflucht beim Hirten des Kö¬ 
nigs, dessen Frau für sein Abendmahl ein gemästetes Kalb tötete. 
Der heilige Mann bat sie, die Knochen aufzuheben, in die Haut zu 
wickeln und in den Stall zu legen. Kurze Zeit später wurde das Kalb 
wieder zum Leben erweckt und fraß Heu. Am nächsten Morgen be¬ 
gab sich der Bischof zum König, verurteilte seinen Mangel an Gast¬ 
freundschaft und gebot ihm, den Palast zu verlassen, um ihn dem 
Hirten zu überlassen, von dem alle zukünftigen britischen Könige 
abstammen sollten. 

Etwa zur gleichen Zeit schrieben die Mönche ihre Geschichten über 
"den heiligen Anselm". Er löschte Feuer, beruhigte Stürme und heilte 



232 


Krankheiten. Mittels eines Gebetes brachte er auf einem Hügel eine 
Quelle zum Sprudeln. Lediglich aufgrund seiner Anwesenheit an 
Bord sank ein Leck geschlagenes Schiff nicht. Ein flämischer Adliger 
wurde von Lepra geheilt indem er das Wasser trank, in welchem der 
Heilige seine Hände gewaschen hatte. Weiter konnten Soldaten von 
Schüttelfrost geheilt werden indem sie die Krümel vom Brote An¬ 
selms aßen. Nach seinem Tod gab man Frauen während der Geburt 
seinen Gürtel. Solches gilt auch für "Johannes von Salisbury". Damit 
erfüllte sich das kanonische Versprechen, demgemäß die apostoli¬ 
schen Männer noch größere Werke als ihr Meister verrichten sollten. 
Den an die wundersamen Landschaften und Klimata angepassten 
Gestalten ihren Wundermantel zu entreißen, ist für einen modernen 
Historiker folglich ein höchst unkanonischer und fehlgeleiteter Akt. 

Es ist dieselbe Klasse von Schreibern, die uns unter den Namen des 
heiligen Athanasius und des heiligen Hieronymus nach Thebais und 
Syrien führt und uns vom Abt Gerasimos und seinem dankbaren Lö¬ 
wen erzählt, dessen Fuß er von einem Stachel befreite. Er habe ihn 
nur mit Milch und gekochtem Gemüse ernährt und schöpfte für ihn 
täglich frisches Wasser aus dem Jordan. Der Löwe sei vor Trauer am 
Grab seines Herrn gestorben. Der unter dem berüchtigten Pseud¬ 
onym Sulpicius Severus schreibende und die römische Geschichte 
entstellende französische Mönch berichtet uns von einem Löwen 
und einer Wölfin, die vegetarische Nahrung aus den Händen der 
Männer Gottes fraßen, als wären sie von Natur aus Pflanzenfresser. 
Aber wieso auch nicht; singt doch der hebräische Prophet von 
Fleischfressern, die Stroh wie Ochsen fressen. 


Der Ursprung des Namens "Martinsfischer" für bestimmte Eisvögel 



233 


wird auf den heiligen Martin zurückgeführt, der in diesen Tauchern 
ein Abbild des Teufels erkannte und sie in die Wüste schickte. Der 
heilige Benedikt hatte in Subiaco eine ihm vertraute Krähe, die regel¬ 
mäßig an seinen Mahlzeiten teilnahm. Spatzen folgten dem heiligen 
Adjutor, der sich später Maixent nannt; und Goldhähnchen legten 
ihre Eier in den Umhängen der im Weinberg arbeitenden Mönche, 
wo sie sie auch brüteten. Als der heilige Kevin von Glendalough, ein 
bretonischer Mönch, seine Hände zum Gebet ausstreckte, bauten Vö¬ 
gel darin ein Nest. Sobald der heilige Melorus auf sein Landgut in 
Meeresnähe kam, schwärmten alle Vögel des Waldes und alle Fische 
darauf zu. Der durch ihn von Lepra geheilte und dafür sein halbes 
Vermögen opfernde Spender versuchte in seiner Bestürzung einen 
Austausch gegen das Land; dies jedoch vergeblich, denn alle Vögel 
und Fische folgten ihrem wahren Herrn nach. 

Die mönchische Mythologie bietet dem den menschlichen Geist Un¬ 
tersuchenden reichlich Unterhaltung. Wir beobachten, wie die stän¬ 
dig von Sehnsucht und Eigeninteressen bestimmte Phantasie immer 
wieder aufs Neue dieselben Denkweisen erzeugt. In den alten religi¬ 
ösen Mythen Griechenlands lesen wir, wie Athamas, der einstige Ty¬ 
rann Böotiens, ins Exil ging und seinen Gott fragte, an welchem Ort 
er sich niederlassen solle. Die Antwort lautete, dass er den Ort aufsu¬ 
chen solle, an dem ihn wilde Bestien aufnehmen. Athamas ging auf 
Wanderschaft bis er auf Wölfe traf, die gerade einen Schafskadaver 
verschlangen. Als diese ihn erblickten, ließen sie ihre Beute zurück 
und flohen. Athamas schuf dort den Ort Athamanta. So wurden die 
Gebiete in denen sich Klöster befanden mit wilden Tieren gekenn¬ 
zeichnet. So kennzeichnete der verfolgte Hirsch die Abtei Fecamp, 
den Sitz des heiligen Leodegar; der weiße Adler die Abtei Saint- 



234 


Thierry; und die Taube die Abtei Hautvilliers. 

Auf seinem Weg nach Rom verwandelt der heilige Korbinian von 
Freising einen Bären, der eines seiner Pferde tötete, in ein Lasttier, 
woraufhin er ihm wie ein Pferd folgte. Dem heiligen Machutus folgt 
ein Wolf als wäre es ein Haushund. Nach belieben verfährt der heili¬ 
ge Paulus von Leon mit Büffeln, Bären, Krokodilen oder Seeschlan¬ 
gen. Weiter lässt er das Meer auf 4.000 Schritte Abstand zum Kloster 
seiner Schwester zurück weichen. Um die Kloster grenzen zu markie¬ 
ren, platzierten die Nonnen Feuersteine, welche umgehend zu hohen 
Felsen emporwuchsen. Der heilige Herveus aus der Bretagne hatte 
einen Wolf, der sich seinen Stall mit einem Schaf teilte und die Arbeit 
eines Ochsen verrichtete. Die irischen Mönche vollbrachten ähnli¬ 
ches mit Hirschen. Auch Whitby und viele andere Abteien 
schmücken sich mit derlei Legenden. 

Das Phänomen dieses Systems des immensen literarischen Fabelbaus 
ist Teil des phänomenalen benediktinischen Gesamtsystems. Schrei¬ 
ten wir nachdenklich über den Boden einer unserer Kathedralen auf 
und ab und blicken dabei gelegentlich auch auf die Fenstermalerei¬ 
en, so werden wir uns dieser gewaltigen Fiktion bewusst und uns 
beginnt alles gewahr zu werden, sowohl der grenzenlose Ehrgeiz des 
Ordens, als auch dessen unerbittliche Allianz mit dem Geist der 
Lüge und die daraus resultierende Depression jeglicher tätiger Intel¬ 
ligenz, die es nicht mehr wagte, sich um wirkliche Erkenntnisse zu 
bemühen und sich furchtsam an dunkle Orte zurückzog, an welche 
ihnen dann Anklagen wegen Zauberei, Magie und Teufelsanbetung 
folgten. 



235 


Die als "Bestiarium" betitelten und sonderbar gestalteten klösterli¬ 
chen Bücher verdeutlichen uns, wie ausgeprägt die Gier nach Sensa¬ 
tionen und Fabeln die Gedanken unserer frühen Lehrer bestimmte. 
Weiter zeigen uns die Bestiarien wie eifrig diese neuen Aesops nach 
Analogien des religiösen Lebens suchten, jedoch nicht hinsichtlich 
des wirklichen Verhaltens sondern in Bezug auf die theoretische Na¬ 
tur der Tiere. Der unter dem Namen Petrus Damiani schreibende 
Mönch verfasste eine kurze Schrift, in welcher alle realen wie auch 
sagenhaften Tiere der "Bestiarien" auf vielfältige Weise als Beispiele 
für klösterliche Tugenden dienen. 

Man könnte meinen solcherlei Materie bedinge eigentlich keine 
ernsthafte Kritik, jedoch kann sie durchaus eine genauere Überprü¬ 
fung wert sein. Dies gilt zum einen für diejenigen, die wissen wollen, 
wie es um die Kompetenz des Mönches steht, wenn es darum geht, 
uns in Angelegenheiten von gemeinsamem menschlichen Interesse 
die Wahrheit zu erzählen. Zum anderen gilt das für jene, die meinen, 
der Lehrer sollte den Schleier, der die Objekte der Natur vor uns ver¬ 
birgt, eher lichten als ihn noch weiter zu verdichten. Hinsichtlich der 
kirchlichen Verwendung waren die so übertrieben erzählten Fabeln 
äußerst profitabel, wenn auch kontraproduktiv in allen anderen Be¬ 
langen. Die Menschen bedurften keiner zusätzliche Anregung um 
über Tiere erstaunt zu sein. Tausende von Volkssagen beweisen ge¬ 
nau das Gegenteil; nämlich, dass sie keine Lektionen der Güte ge¬ 
genüber Tieren benötigten, welche in den Erzählungen über die drei 
dankbaren Tiere, die dem Helden in der Not halfen, immer wieder 
gelehrt wurde. Die Mönche würdigen ihre sagenhafte Naturge¬ 
schichte mit dem Titel Physiologie. Doch hätten sie ihren Willen 
durchgesetzt, wäre dieser große Wissenschaftszweig niemals ent- 




236 


standen. Ohne deswegen einen vehementen Widerspruch befürchten 
zu müssen, können wir davon ausgehen, dass die Tiere des Feldes 
dem kirchlichen Dogma niemals beigepflichtet geschweige denn die 
Mönche höher als die übliche Menschheit geschätzt haben. 

Der Mönch irrte mit seiner so von ihm benannten Tierkunde. Er mag 
wohl die Weisheit einer Schlange gehabt haben, doch die Gier nach 
Beute, mit der sich diese Schlange stets in den Tierlegenden verrät, 
deren Auflösung eine prächtige Schenkung an ein Kloster darstellt, 
erinnert eher an den Schnabel und die Krallen eines Falken als an die 
Harmlosigkeit der Taube. All die wissenschaftlichen Theorien des or¬ 
thodoxen Mönchs basieren auf dem Dogma, dass jedes von uns re¬ 
spektierte Naturgesetz im Interesse seiner kirchlichen Gemeinschaft 
aufgehoben wurde. Mit der Leugnung dessen fallen seine Theorien. 

Wir haben uns etwas intensiver mit diesen Dingen befasst, da ich 
darauf hin weisen wollte, wie sehr unsere Historiker irrten, indem sie 
die mönchischen Geschichten als Material von objektiven Kenntnis¬ 
sen über unsere Vergangenheit nutzen zu müssen meinten. Es ergab 
sich die Ansicht, dass der Bodensatz als zulässige Aufzeichnungen 
akzeptiert werden kann, indem man nur das Wundersamste und Un¬ 
möglichste ausfiltert, was doch natürlich höchst fahrlässig und aus¬ 
sichtslos ist. Wenn wir das Wundersame vom Sockel stoßen, so stirbt 
damit die Wurzel des ganzen sagenhaften Organismus. Das Thema 
kann unmöglich verstanden werden, bevor wir erkennen, dass die 
Männer Gottes davon überzeugt waren, ihnen gehöre Raum und alle 
Zeit und es sei ihnen damit überlassen, das gesamte Feld menschli¬ 
cher Anschauungen mit fiktiven Dingen und Ereignissen zu verse¬ 
hen, die symbolisch für ihre eigenen Bestrebungen und Ambitionen 



237 


sind. 

Das Jahr 1892 ist der konventionelle 400. Jahrestag der Entdeckung 
Amerikas 101 . Eine kritische Betrachtung der Beweise zeigt jedoch, 
dass es keinerlei zeitgenössisches Beweismaterial aus dem späten 15. 
Jahrhundert in lateinischer Sprache gibt, welches die Entdeckung 
Ost- und Westindiens belegt. Die arabische Sindbad-Sage enthält of¬ 
fenbar Kenntnisse über Ostindien und womöglich gilt das auch für 
die hebräische Bibel. Allerdings muss die korrekte Datierung dieser 
Literatur erst noch ermittelt werden. Das Material für eine erneute 
Betrachtung des Themas findet der Leser in der gehaltvollen Zusam¬ 
menstellung von Justin Winsor. Die Chronologie dieser Legenden ist 
ebenso fiktiv wie es die Personenangaben sind. 

Tatsächlich fanden wirkliche astronomische und kosmographische 
Kenntnisse erst im 16. Jahrhundert allmählich Einzug in die Wissens¬ 
welt; teils durch die Forschungen Gelehrter und teils durch die 
Abenteuer und Beobachtungen der ungebildeten Seeleute. Bis die 
Leugnung dessen, was die Welt für richtig befand, unumgänglich 
wurde, leisteten die Führer des religiösen Denkens hartnäckigen Wi¬ 
derstand gegen die Berichte, die aus allen Ecken kamen. Dies war 
der erste größere Konflikt der Kirche mit der Wissenschaft; und die 
Kirche wurde besiegt. Damit beschloss der religiöse Orden das Beste 
aus der Situation zu machen. Da sie die Existenz der Neuen Welt 
nicht länger leugnen konnten, wollten sie sie christianisieren und 
den Verdienst für die Entdeckung weitestmöglich für sich selbst ein¬ 
fordern. Sie begannen erst im späten 16. Jahrhundert damit, plausi¬ 
ble Legenden im auf Portugal, Spanien oder Italien bezogenen Inter - 


101 Geschrieben 1890 - E. A. P. 



238 


esse zu verfassen. Angesichts der völligen Abwesenheit authenti¬ 
scher Aufzeichnungen und Denkmäler präsentierte man in diesen 
Legenden Mitglieder großer Familien, welche als Gönner der religi¬ 
ösen Häuser fungierten, als Entdecker Ost- und Westindiens. Auf 
diese Weise entstanden die idealen Gestalten Vasco da Gama, Ko¬ 
lumbus und Amerigo Vespucci. Hier haben wir ein erneutes Beispiel 
für die Notwendigkeit, sich die angeblichen Datierungen der Litera¬ 
tur des 16. Jahrhunderts genau anzusehen, wodurch wir auch erken¬ 
nen, dass eine beträchtliche Anzahl der Traktate aus der "Biblio¬ 
graphie" von Mister Harris vordatiert ist, was uns der Vergleich 
zeigt. Es gibt keine auf die Entdeckung Ost- oder Westindiens bezo¬ 
gene Veröffentlichung, die auch nur die geringste Ähnlichkeit mit 
dem zeitgenössischen Narrativ aufweist. Wir finden nichts als die ge¬ 
wohnten glatten und plausiblen Erzählungen über die Ursprünge. 
Was Bacon über den Stil des portugiesischen Bischofs Osorio sagt, 
dass er aufgebläht und inhaltsleer daherkommt, können wir getrost 
auch auf alle Anderen beziehen. 

Ich möchte hierzu an Francis Bacons Aussage erinnern, dass die er¬ 
hellenden Lichter in diesem Weltengefüge erst in der Zeit "unserer 
Väter" entzündet wurden. Berücksichtigen wir diese Aussage bei der 
Betrachtung des Jesuiten Pater Mariana. Er ist ein Mann mit einem 
aufgeklärtem Urteilsvermögen, obgleich er unter den Einschränkun¬ 
gen seiner Profession und der Zensur schrieb. Sein Leben soll den 
wichtigen Zeitraum von 1537 bis 1623 umfasst haben. Sein Ende des 
16. Jahrhunderts erschienenes Werk zeigt, wie leicht es doch war, 
den Kern der sich auf die frühen Entdecker beziehenden Geschich¬ 
ten in nur wenigen Spalten zu erzählen. Eine seiner Quellen waren 
die gefälschten Briefe des "Petrus Martyr von Anghiera aus 



239 


Mailand", deren Substanzlosigkeit von der unbarmherzigen Hand 
Hallams in Stücke zerrissen wurde. Auch Marianas sonstige Quellen 
weisen keinen größeren Wert auf. Der klerikale Künstler ist allgegen¬ 
wärtig und die Welt wird durch ein klerikales Objektiv betrachtet. 
Das hauptsächliche Bestreben besteht darin, die neue Welt dem 
päpstlichen Reich zu unterwerfen und jede neue geografische Entde¬ 
ckung auf die Namen Christi, Maria sowie die der Heiligen zu tau¬ 
fen. 

Die Mönche von Saint-Die in den Vogesen haben die Ehre - offenbar 
im Verbund mit ihren Brüdern von St. Johannes de Deo aus Florenz - 
den Namen "Amerika" nach einem Mitglied der Familie Vespucci er¬ 
dichtet zu haben. Die von Richard Hakluyt herausgegebenen Erzäh¬ 
lungen müssen ebenso behutsam untersucht werden. In Verbindung 
mit dem klerikalen, führte das kommerzielle und patriotische Inter¬ 
esse dazu, eine Reihe von Geschichten über englische Unternehmun¬ 
gen zu erfinden, die teils auch dazu dienten, die Männer der elisabe- 
thanischen Zeit zu neuen Anstrengungen anzuspornen. Jedenfalls er¬ 
halten wir einige Einblicke in den robusten, geduldigen und unter¬ 
nehmungslustigen Charakter der Engländer, deren Schule das Meer 
wurde. Sie sind die Grundlage für einen nicht geringen Anteil an der 
Größe Englands. 

Es mag seltsam erscheinen, dass die Entdeckung der Kugelgestalt 
der Erde die intelligenten Männer so wenig beeindruckte. Man 
müsste davon ausgehen, dass die erfahrungsbedingten Tatsachen, 
sobald sie der einfache ungebildete Seemann errang, dazu führten, 
den Aussagen unserer christlichen Kosmografen und der Bibel als 
Grundlage für diese Aussagen rundheraus zu widersprechen. Der 



240 


kirchliche Unterricht hätte diskreditiert und völlig verworfen wer¬ 
den müssen. Das dies nicht der Fall war liegt teils an der enormen 
Stärke und dem immensen Einfluss der kirchlichen Organisation 
und teils an der extremen Intelligenzschwäche, die aus der bedin¬ 
gungslosen Duldung der Lüge resultierte. 

Womöglich erkennen wir die immense Bedeutung des Aufstiegs der 
Kultur in Amerika erst jetzt. Wenn wir alles ruhig betrachten, was 
wir über die Errungenschaften der heute im Westen lebenden Men¬ 
schen wissen, erblicken wir die Erfüllung des Ausspruchs, dass "Na¬ 
tionen mit einem Male geboren werden" (Jesaja 66:8). Wir werden 
uns der Absurdität gewahr, als Fundament unserer Bildung ein Buch 
zu nutzen, in welchem der Allmächtige die Natur der von ihm ge¬ 
schaffenen Erde und das Entstehen vieler Millionen Seelen ignoriert, 
die ihre Abstammung nicht auf Sem zurückführen können. 



241 


ßctpüel VIII 
fabeln über 0cf)ulen 


+ 


©a» Kloster t>on Poggto unb bte fabeln 

über 

frühe irische Kultur 


Nun lade ich den Leser ein, mit mir zusammen ein literarisches Klos¬ 
ter zu besuchen, das mit der Erschaffung der Mythologie beschäftigt 
war, welche die zeitlich unmöglich frühe Kultur Irlands betrifft. 

In einer einsamen Schlucht der Apenninen, zwischen Genua und 
Mailand, unweit der Ufer des berühmten Trebbia, stand bis 1803 die 
Benediktinerabtei des heiligen Columban von Bobbio. Die alte Kir¬ 
che stand unter dem Patronat des heiligen Petrus. Der Leser möge 
sich seiner Vorstellungskraft bedienen und im späten 15. oder dem 
darauffolgenden Jahrhundert im Scriptorium der Abtei neben einem 
Mönch Platz nehmen, der getreu den Regeln benediktinischer Kunst 
die Romanze über das Lebens des heiligen Columban verfasst. Bob¬ 
bio war ein Abkömmling Monte Cassinos und kann bis zu diesem 
Zeitalter keine Bibliothek und keinen Stab historischer Schreiber be¬ 
sessen haben. Das Motiv hinter dem Mönch Jonas ist das Leben eines 
neuen mönchischen Gesetzgebers. 


Jonas geht kühner weise davon aus, dass die Skoten be- 



242 


ziehungsweise die Iren durch ihre Abgeschiedenheit von anderen 
Nationen einen "umso florierenderen dogmatischen Enthusiasmus" 
aufwiesen. Seine Kühnheit basiert auf seinem Gehorsam gegenüber 
einer Theorie der Kirchengeschichte, dergemäß Irland mittels der be¬ 
währten Erdichtung einer Kirchenromanze mit den italienischen und 
französischen Klöstern verbunden werden musste. Für den Analyti¬ 
ker liegt der Schlüssel in den Namen der Klöster. So ist der heilige 
Patrick ein Gallo-Römer, der mit dem heiligen Martin von Tours ver¬ 
wandt ist und in Irland von Piraten als Sklave verkauft wird. Er wird 
zurück nach Gallien verbracht und studiert dort in Marmontier und 
Lerin. Später zieht er zusammen mit dem heiligen Germanus von 
Auxerre los, um die pelagianische Häresie zu zerschlagen. Patrick 
geht nach Rom, erhält vom Papst einen Missionierungsauftrag und 
kehrt mit dem Rang eines Bischofs nach Irland zurück. Mit seinem 
Tod wird ihm die glühendste Andacht zuteil; und Irland ist konver¬ 
tiert und zugleich voller Schulen. Ossian, der Homer von Irland, 
wurde bekehrt. Die Klöster wurden zum Asyl für Barden und kelti¬ 
sche Poesie. Jeder heilige Römer trotzt den Tyrannen und schützt die 
Sklaven, wobei der heilige Patrick keine Ausnahme von dieser Regel 
darstellt. 

Die heilige Brigida hatte in Kildare (irisch: Cill Dara; deutsch: Kirche 
der Eiche) Wunder vollbracht und Dämonen vertrieben. Auf ihrem 
Grab entzündeten heilige Frauen ein unauslöschliches Feuer. Der 
Ruhm der Abtissin von Kildare weitete sich bis nach Köln und Sevil¬ 
la aus. Ihr Name wurde zum häufigsten Taufnamen irischer Mäd¬ 
chen. Die Früchte der Bemühungen des heiligen Patrick und der hei¬ 
ligen Brigida waren ziemlich erstaunlich. Die jungen Männer und 
Weiber brannten darauf Mönche oder Nonnen zu werden. Es wurde 



243 


ernsthaft behauptet, die runden Türme seien vor der englischen Er¬ 
oberung errichtete Glockentürme von Kathedralen und Abteien ge¬ 
wesen. 

Die Qualität der Mönche steht ihrer Quantität in nichts nach. Mit Ko¬ 
pien von Ovid und Vergil unter ihren Roben gingen französische 
und römische Missionare in Cork von Bord. Sie kultivierten das 
Griechische mit voller Leidenschaft. Ihre Glaubensanhänger gaben 
sich den kühnsten Spekulationen hin. All dies, so erzählen sie uns, 
gelte für das fünfte und sechste Jahrhundert unserer Zeitrechnung, 
also für eine Zeit, die lange vor der Zeit liegt, in der die Mönche be¬ 
gannen das Alter der Kirche ab der Geburt Christi zu berechnen, 
denn es vergehen mehr als 500 Jahre bis uns der irische Benediktiner 
Marianus Scotus eine Chronik vorlegt, in welcher erstmalig die An¬ 
zahl der Sonnenjahre ab der Inkarnation korrekt angegeben wird. 

All diese romantischen Geschichten Irlands waren bis zum 15. oder 
16. Jahrhundert gänzlich unbekannt. Doch kommen wir zu unserem 
Jonas in Bobbio zurück, den die Benediktiner in ihrem biografischen 
System nahezu zu einem Zeitgenossen des heiligen Columban mach¬ 
ten. Sie arrangierten, dass der heilige Columban in dem Jahr geboren 
wurde, in dem Benedikt starb. Sein Leben ist eine Widerholung der 
Merkmale seines Vorgängers. Die jungen irischen Schönheiten Leins- 
ters versuchen ihn. Er flieht nach dem heiligen Bangor und findet 
Schutz unter dem pastoralen Stab von Abt Congall. Doch sein iri¬ 
sches Blut treibt ihn durch England und über das Meer nach Gallien. 
Columban kann mit seiner Beredsamkeit den König Guntram von 
Burgund begeistern. Er ließ sich in der alten römischen Burg bei An- 
negray in den Vogesen nieder und übt den gewohnten biblischen 



244 


Zauber auf wilde Menschen und Tiere aus. Dann begibt er sich ins 
alte römische Luxeuil am Fuße der wilden Vogesen und gründet in 
Fontanas ein drittes Kloster. 

Die französischen und burgundischen Adligen wendeten sich mit ih¬ 
ren Sünden üblicherweise an ihn und erbaten, ihnen die noblen Lo¬ 
cken abzuschneiden und sie zu Mönchen zu machen. Das Laus Per- 
ennis (ewigwährendes Gebet) setzte ein; und damit waren die Klän¬ 
ge der Psalmen an den Klängen der Vogesen und des Juras zu jeder 
Stunde zu vernehmen - bei Tag und bei Nacht. Noch bevor die Mön¬ 
che erwachten, standen sie auf um auf den Feldern zu arbeiten und 
gingen nachts schlafend in ihre Zellen. So vergingen ganze 20 Jahre. 
Dann stolperte er allerdings über den Stein des Anstoßes - die Frage 
nach der Einhaltung der Osterfeierlichkeiten am 14. des ersten Mon¬ 
des nach der Frühlingsnacht gleiche. Entsprechend dem von ihm ver¬ 
tretenen Ideengebäude beharrte er auf der jüdischen Praxis, wie er 
sie seinerzeit lernte. 

Da er die königliche Ehe in Zweifel zieht, wird er dann von König 
Theuderich und Königin Brunichild verfolgt. Er wird nach Besancon 
verbracht, kann jedoch entkommen und kehrt so nach Luxeuil zu¬ 
rück. Eine Streitmacht wird nach ihm ausgesandt, doch getreu den 
kanonischen Beispielen werfen sich die Soldaten ihm zu Füßen und 
bitten um Vergebung. Diese Szene wurde zweifellos immerzu wie¬ 
derholt, sowohl in der Realität als auch in der Fiktion, denn die Rea¬ 
lität erschafft das Ideal und dieses bringt wiederum die Realität her¬ 
vor. Der Heilige begibt sich ins Exil. In Autun, Avalion, Auxerre und 
Nevers ist noch immer von den von ihm vollbrachten Wundern die 
Rede. In Orleans hält sich die Legende von seinem Besuch im Haus 



245 


eines syrischen Paares und der Heilung des blinden Mannes. Das 
Boot, in welchem er segelt, bleibt in Tours wundersamerweise ste¬ 
hen, woraufhin er am Grabe des heiligen Gregors betet. In Nantes 
wird er dann freigelassen. 

Daraufhin findet St. Columban Zuflucht bei den Königen von Neu- 
strien und Austrasien. Er betätigt sich erneut als Missionar, geht den 
Rhein hinauf nach Bregenz und führt zusammen mit dem heiligen 
Gallus, seinem kühnen Landsmann, einen geistigen Krieg gegen die 
Heiden, die Wotan kochendes Bier opferten. An den Ufern des Sees 
leben die zwei wie Wilde und lauschen den Zwiegesprächen der Dä¬ 
monen. Dann verlässt der heilige Columban den armen kränklichen 
heiligen Gallus, zieht in die Lombardei und bekämpft die Arianer in 
Mailand. Bald vermacht ihm der König Agilulf das Gebiet Bobbio. 
Dies war die letzte Station seiner irdischen Reise. Der alte Mann 
wirkt nun in dem Gebäude, welches zur orthodoxen Zitadelle gegen 
die Arianer und Heiden sowie zum Zentrum der auf das Altertum 
bezogenen Gelehrsamkeit wird. 

Der Leser wird feststellen, dass die Auflösung der Romanze des hei¬ 
ligen Columban zugleich auch den Beginn der kritischen Geschichte 
Bobbios darstellt. Das für das Verständnis der allegorischen Erzäh¬ 
lung Wesentliche ist, dass es möglicherweise Ende des 15. Jahrhun¬ 
derts irische Mönche im Kloster gab und die allegorische Geschichte 
des Heiligen irgendwann im darauffolgenden Zeitalter erdichtet 
wurde. Die irischen Benediktiner von Bobbio, Luxeuil und den mit 
diesen verbundenen Klöstern haben beim Zusammentragen der 
Handlungen ihres Schutzheiligen sowohl ein nationales als auch ein 
religiöses Bedürfnis befriedigt. Diese poetischen Blüten entsprangen 



246 


demselben Ort, an welchem unter ihren Füßen ein wundersames 
Kraut emporwuchs, dessen Kostproben die Äbte von Bobbio einst 
"zum Segen des heiligen Columban" an Könige und Fürsten sand¬ 
ten. 

Die unter seiner Regel stehenden irischen Mönche waren lediglich 
ein Zweig der Benediktiner. Vor dem 13. Jahrhundert (und das ist 
schon eine sehr frühe Annahme) können unmöglich bereits Benedik¬ 
tinermönche in Irland gewesen sein. Die tollkühne Fabel über die so 
frühe literarische Kultur auf dieser Insel verhehlt die Tatsache ihrer 
lächerlichen Unwissenheit. Je weniger Beweise vorhanden sind, 
umso größer ist der Bedarf an außergewöhnlichen Anstrengungen 
zur Schaffung von Fiktion, welche ein magisches Licht durch die 
Dunkelheit einer trostlosen Vergangenheit werfen. Der Zauber dieser 
Geschichten liegt in ihren Unwahrscheinlichkeiten oder eher ihren 
absoluten Unmöglichkeiten. Wir können uns ziemlich sicher sein, 
dass jedweder sich auf die Gelehrsamkeit des klassischen Altertums 
beziehender Mönch während der Renaissance schreibt. 

Spätestens ab der Wiederentdeckung der Schriften war Paris ein 
wichtiges Kulturzentrum. Die Benediktiner waren die Gründer der 
Pariser Schulen, welche noch etwas älter als Oxford und Cambridge 
sind. Man machte sich jedoch erst im 17. Jahrhundert daran, eine Ge¬ 
schichte der Pariser Akademie zu schreiben. Claudius Hemerseus, 
ein Doktor aus der Sorbonne und Kanonikus der königlichen Kirche 
St-Quentin, nimmt in einer kleinen Kardinal Richelieu gewidmeten 
Abhandlung aus dem Jahr 1637 an, dass die Pariser Akademie ihren 
Ruhm ab dem frühen 12. Jahrhundert erwarb, was auch die konven¬ 
tionelle Auffassung von der Scholastik ist. Man ging davon aus, die 



247 


Pariser Akademie hatte ihren Ursprung in gewissen "Bischofsschu¬ 
len". Einer der frühesten Sitze der Akademie sei zur Zeit "Ludwigs 
des Dicken", "Ludwigs des Jüngeren" und "Philipps II. August" 
Mont St. Genevieve gewesen. 

Über die Bischofsschulen ist nichts konkretes bekannt, denn es gibt 
auch keinerlei von den Klosterfabeln unabhängige Aufzeichnungen 
über die Bischöfe selbst. Eine Auseinandersetzung mit der histori¬ 
schen Persönlichkeit des gemeinhin als St. Denis bekannten heiligen 
Dionysius dem Areopagiten dürfte dem Zeitgeschmack wohl nicht 
entsprechen. War ihm in der kanonischen Apostelgeschichte nur eine 
Nebenrolle vergönnt, nahm er doch in bestimmten außerkanoni¬ 
schen Erzählungen von der Finsternis bei der Kreuzigung Jesu er¬ 
heblichen Raum ein. Es gibt auch spätere benediktinische Geschich¬ 
ten über St. Denis, die unter den Namen "Gregor von Tours" und 
"Venantius von Poitiers" geschrieben wurden. Diese berichten uns 
wie "der syrische Händler Eusebius" den Bischofspalast kaufte und 
die Schola - also die Lehreinrichtung seines Vorgängers - mit all ih¬ 
ren Angehörigen vertrieb und statt dessen syrische Geistliche ein¬ 
führte. 102 

Der mythologische Faden wird weitergesponnen. Der heilige Germa¬ 
nus, Sohn von Eleutherius und Eusebia, wurde Nachfolger des Bi¬ 
schofs Eusebius. Gemäß einer Erzählung, wie sie heute niemand wa¬ 
gen würde, bewies er seine Tugendhaftigkeit noch vor seiner Geburt 
auf bemerkenswert prophetische Weise. So kündete er sein als eine 
ununterbrochene Reihe von Wundern dargestelltes Leben an. Ein 
Studium war in solchen Zeitaltern offenkundig nicht notwendig. Da- 


102 ''Hist. Franc", 10. 26. 



248 


her müssen wir auf der Suche nach den Schulen von Paris noch um 
einiges weiter voranschreiten. 

Damit kommen wir zum Ideal "Karls des Großen", dem Spross der¬ 
selben Vorstellungskraft, der auch unser "Alfred der Große", unser 
"ehrwürdiger Beda" und seine Jünger einspringen - eine romantische 
Verknüpfung der Kultur Englands mit der Frankreichs. In dieser 
prosaischen Gemütslage müssen wir all das Gerede über Karl als Pa¬ 
tron der Gelehrsamkeit und seine Gründung einer Universität der 
Schriften als schimmernde Luftblasen der Retrospektive betrachten. 
Die Erzählungen über Ludwig den Frommen und Eugen II. enthal¬ 
ten ebenfalls nichts authentisches. 

Es gibt eine Liste berühmter Gelehrter - "Alkuin, Hrabanus Maurus, 
Lupus von Ferneres, Aeneas von Paris, Heiricus und Remigius von 
Auxerre, Odo von Cluny" und mehr -, die bis zu König Robert aus 
der kapetinger-Linie reicht. Schnell wird klar, dass die unter diesen 
Namen geplanten und vollbrachten Werke Teil desselben benedikti- 
nischen Literatursystems sind, welches wohl in den Klöstern der 
Campagna Romana ersonnen wurde. Vor dem 16. Jahrhundert wur¬ 
den diese Werke kaum oder gar nicht gelesen. Es dürfte unmöglich 
sein, vor diesem Zeitalter in Paris mehr als nur die aller schwächsten 
Anfänge einer literarischen Kultur auszumachen. Dazu beziehe ich 
mich auf einige Einzelheiten aus den mageren Werken von Hemera- 
eus und Anderen. Zugleich warne ich jedoch den Leser davor, den 
angegebenen Datierungen zu vertrauen. Selbst wenn man ihnen 
trauen könnte, was jedoch nicht der Fall ist, zeigten die wenigen Fak¬ 
ten dennoch auf, wie düster und unbestimmt die Blicke waren, die 
französische Gelehrte aus einer lichten Zeit zurück auf die Kultur 



249 


des mittelalterlichen Paris warfen. 

Uns liegen verschwommene Hinweise aus dem 13. Jahrhundert auf 
die Schola im Parvis beziehungsweise dem Portal der St-Merry Kir¬ 
che vor. Z.B. berichtet ein auf das Jahr 1268 datiertes Dokument da¬ 
von, wie bewaffnete Männer die geistlichen Gelehrten angriffen, die 
sich im Parvis versammelten und einige von ihnen verwundet haben 
sollen. Im Jahre 1285 ermordeten einige Geistliche einen Gelehrten, 
der am Abend zum Parvis ging, wofür sie auch verurteilt wurden. 
Wie auch bei unserer Londoner St.-Pauls-Kathedrale zu Zeiten Chau- 
cers, muss der Parvis ein Rückzugsort für die Gelehrten gewesen 
sein. Allerdings haben wir keinerlei authentische Aufzeichnungen 
davon, um welche Lehren es sich handelte. In unter den Namen Phil¬ 
ipp, Abt der Guten Hoffnung, Peter von Blois und dergleichen ver¬ 
fassten Schriften finden wir blumige Anspielungen auf einen späten 
Benediktinerorden und auch auf solche, die mit ihm verwandt sind. 

Du Boulay beziehungsweise Egassius Bulaeus sammelt eine Menge 
Dokumente und schrieb etwa siebenunddreißig Jahre nach Hemer- 
seus einige Folianten über die Pariser Schule, liefert uns aber wenig 
bis keinerlei weitere verlässliche Informationen. Noch später gesteht 
der im Jahre 1672 (einer skeptischeren Zeit) schreibende Joannes 
Launoius aus der Sorbonne freimütig ein, dass der Ursprung der 
Schule von Fabeln umrankt ist. Ihm ist bekannt, dass sie von den 
Mönchen des Benediktinerordens gegründet wurde. Dazu führt er 
eine Reihe ihrer vorgeblichen Schreiber aus frühen Zeiten an; einen 
heiligen Remi, einen Flodoard, einen Almoin und einen Wilram, je¬ 
doch war dies bereits alles, was er liefern konnte. Dreißig Jahre spä¬ 
ter hätte Hardouin - wenn er es denn gewollt hätte - der Welt die 



250 


wahre Geschichte der Pariser Akademie darlegen können. Seine Hin¬ 
weise zu diesem Thema sind durchaus bemerkenswert. Er verweist 
auf die Klöster von St. Germain, St. Denis, St. Victor sowie auch auf 
andere mit ihnen verbundene Klöster in Reims, Floirac, Luxeuil und 
Corvey, die zu den wichtigsten Schmieden der patristischen Literatur 
gehören. Hardouin meint, dass die Schaffung der Werke nicht vor 
dem 14. Jahrhundert begonnen haben kann. 

Die Liste der vor diesem Zeitalter wirkenden großen Meister der 
Theologie ist zweifellos erfunden und wurde selbstverständlich in 
Übereinstimmung mit dem benediktinischen System erstellt. Sie ent¬ 
hält Petrus Comestor, Petrus von Poitiers, Petrus Abaelardus und Pe¬ 
trus Lombardus; alle aus dem 12. Jahrhundert, da die Theorie besagt, 
dass dies das scholastische Zeitalter war. Die tiefe Unkenntnis all der 
diesen Göttlichen zugeschriebenen Werke hält selbst noch im 15. 
Jahrhundert an. 

Authentische Einzelheiten über die Zeit, in der in den französischen 
Schulen die literarische Polemik gegen die Juden einsetzte, fehlen 
aber sowohl auf benediktinischer als auch auf jüdischer Seite. Wann 
das Lehren der Bibel begann ist ebenso ungewiss. Ein weiter Blick 
auf den Status Europas vermag uns jedoch davon zu überzeugen, 
dass die Klasse der Lehrer, die biblische Professoren genannt wur¬ 
den, und der Professoren der Sentenzen sowie der Summisten zur 
Zeit der Reformation von keinerlei Bedeutung war. Luther ist einer 
der ersten biblischen Professoren und es ist zugleich unmöglich, vor 
dem Ende des 15. Jahrhunderts eine rege Nutzung der Bibel zu Lehr¬ 
zwecken auszumachen. Gleiches gilt für die Petrus Lombardus zuge¬ 
schriebenen "Sentenzen" und die "Summa" des heiligen Thomas von 



251 


Aquin. 

Es ist ein Spiegelbild des barbarischen und kämpferischen Wesens 
des Mittelalters, dass das System des Widerstreits scheinbar ein ge¬ 
wichtiges erzieherisches Mittel war. Klugen Jungen wurde das rheto¬ 
rische Latein sowohl als Angriffs- als auch als Verteidigungsinstru¬ 
ment gelehrt. Diesbezüglich werden sich einige Leser daran erinnern 
wie unser Chronist Stow uns die Szenen in den Londoner Straßen 
des späten 16. Jahrhundert beschreibt, in denen die Jungen der St. 
Antony's School mit denen der St. Paul's School aneinandergeraten. 
Lür die sprichwörtlich mildernde Wirkung der Schriften auf die Ma¬ 
nieren des 16. Jahrhunderts gibt es kaum Belege. Die uns bei den 
Auseinandersetzungen begegnende Skurrilität, das Repertoire der 
Geistlichen an üblen Beschimpfung und auch die scherzhaft gemein¬ 
te ordinäre Possenreißerei versetzen den Leser schnell in Staunen. 
Wir werden uns teils mit Preude gewahr, dass die Herzen der Män¬ 
ner häufig wesentlich sanfter als ihre Zungen waren. Der Sphäre der 
kirchlichen Schriften sind solch grobe Manieren nun nahezu ent¬ 
schwunden, obgleich uns derartige Vergehen heutzutage häufiger 
aus dieser als aus jeder anderen Ecke begegnen. Es war schlichtweg 
die Konsequenz eines auf Absurdität basierenden Bildungsprinzips. 
Die Vorliebe für den Widerstreit impliziert, dass Männer nicht um 
der Wahrheit willen stritten, sondern für sich selbst oder ihr Kloster, 
was jedoch auf dasselbe hinausläuft. 

In Paris waren die Kanoniker des heiligen Victor emsig mit wichti¬ 
gen Teilen der Kirchenliteratur beschäftigt. Sie können das Verdienst 
der "Summa" für sich beanspruchen und schufen höchstwahrschein¬ 
lich auch einen Großteil der dem heiligen Augustinus zugeschrieben 



252 


Literatur. Es wäre vermessen, anzunehmen, dass derartige Literatur 
bereits lange vor der Zeit existierte, in der wir Menschen ausmachen 
können, die diese Schriften studierten . Ganz gleich wie wir den Be¬ 
griff Geschichte definieren, können wir sie doch definitiv nicht wei¬ 
ter zurück verfolgen als bis zu Franz I. Der theologische Traum nahm 
den Geist der Studenten in Besitz und band ihn fest an sich. In jedem 
möglichen Zweig des menschlichen Wissens ist eine solche Geistes¬ 
verfassung hinsichtlich genauer Forschung fatal. 

Die geisteswissenschaftlichen Fakultäten sowie die der Medizin und 
des Kirchenrechts waren allesamt voll von Geistlichen und zugleich 
dem theologischen und kirchlichen Interesse unterworfen. Geistes¬ 
wissenschaften und Medizin standen bei den Arabern und den Ju¬ 
den hoch in der Schuld. Das Kirchenrecht aus dem Dekretum ist ein 
benediktinisches System. Es wurde um mehrere Jahrhunderte vor 
dessen eigentlicher Abfassung nach Bologna datiert. Es gibt eine Ge¬ 
schichte, dergemäß es 1384 einen Streit zwischen den Pariser Kanoni¬ 
kern und den Doktoren der Dekretalen gab, da Erstgenannte Ein¬ 
wände gegen die Errichtung einer eigenen Schule des sogenannten 
heiligen Rechts erhoben. Die Kanoniker konnten ihren Willen mittels 
einer Anrufung Clemens' VII. durchsetzen und die Rechts-Fakultät 
so wieder in ihre Klosterschule eingliedern. Sie erwarben sich den 
Status und die Würde von Regenten und ihre Schüler galten als Ge¬ 
lehrte. Die ganze Geschichte stellt wohl lediglich eine ganze Reihe 
gleichartiger Fiktionen aus später Zeit dar. Sie wurde kreiert, um das 
hohe Altertum zwecks der eigenen Privilegien abzusichern. 

Schauen wir uns nun den Stand der Literatur in Paris an. Von wel¬ 
chem Umfang waren die klösterlichen Büchersammlungen am Ende 



253 


des 15. Jahrhunderts? Zwar hegen uns bestimmte Verzeichnisse vor, 
jedoch muss der Leser auch hier wieder Obacht bezüglich der Datie¬ 
rungen walten lassen. Jedwede Vergleiche heranziehende Überprü¬ 
fung lässt offensichtlich werden, dass es in Paris vor der Zeit der 
Medicis stets nur einen sehr kleinen Bestand an Büchern gab. 

Das Domkapitel und der Kanzler trafen eine Vereinbarung, derge- 
mäß es die Pflicht des Kanzlers ist, die nicht im Gottesdienst genutz¬ 
ten Bücher der Pariser Kirche zu korrigieren, zu binden und sie in 
gutem Zustand zu halten. Doch um welcherlei Bücher handelte es 
sich dabei? In einem auf etwa sechzig Jahre später datierten Doku¬ 
ment erwähnt ein mit dem Bücherbestand Betrauter lediglich die fol¬ 
genden Werke: 

• eine Bibel in vier Bänden 

• Die Leben der Heiligen mit schriftlichen Darstellungen in fünf 
Bänden 

• Martrivetus 

• Eine neue und eine alte Pastorale, ein Collectarium, fünf Psalter 

U.S.W. 

Ein paar Jahre später soll Stephen, der Erzdiakon von Canterbury, 
den armen Gelehrten des Parvis in Paris einige Bücher vermacht ha¬ 
ben. Sie wurden in die Obhut des Kanzlers Jean de Valois gegeben. 
Es sind die folgenden Werke: 

• Eine vollständige Bibel, mit Glossar 

• Genesis und Exodus, mit Anmerkungen, in einem Band 

• Exodus, mit Anmerkungen 



254 


• Ezechiel, mit Anmerkungen 

• Die Evangelien, mit Anmerkungen, in einem Band 

• Ein Psalter, mit vollständigem Glossar 

• Vier Bücher der Sentenzen 

• Die Bücher der Zahlen 

• Josua, Richter, Rut, Deuteronomium, mit Anmerkungen, in einem 
Band 

• Die Paulusbriefe, mit Anmerkungen 

• Hiob, mit Anmerkungen 

• Summa der Laster 

• Die Paulusbriefe, mit geringfügigen Anmerkungen 

• Buch der Makkabäer 1 und 2, bis Kapitel X mit Anmerkungen 
versehen 

• Das Markusevangelium, mit Anmerkungen 
Erledigt im Jahre 1271, am Tag der Apostel Simon und Judas. 

Zusätzlich übergeben wurden: 

• Die Bibel in zwei Bänden, mit marginalen Notizen 

• Das Original der Sentenzen des Meisters Petrus Eombardus, in 
Kalbsleder gebunden, mittlerweile recht abgenutzt, Buchdeckel mit 
Kupferstiften versehen 

Eine andere Liste führt die in der Rüstkammer von St-Merry zum all¬ 
gemeinen Gebrauch zur Verfügung stehenden Bücher auf und be¬ 
nennt dabei achtunddreißig Bibelbände sowie eine Ausgabe der Sen¬ 
tenzen des Meisters Petrus von Poitiers. Diese Angaben sollen aus 
dem 13. Jahrhundert stammen. Solche Bestandsaufnahmen sind für 




255 


uns jedoch von nur sehr allgemeinem Wert. Unsere englischen Ge¬ 
lehrten trugen ähnliche Listen zusammen, die sich auf etwa densel¬ 
ben Zeitraum beziehen. Wie wir später sehen werden, ist es stark zu 
bezweifeln, dass bereits im 13. Jahrhundert nach Anno Domini da¬ 
tiert wurde. Dies muss zwar nicht zwangsläufig bedeuten, dass die 
auf diese Weise datierten Dokumente Fälschungen sind, jedoch wür¬ 
den sie mit einem wesentlich authentischerem Auftreten daherkom¬ 
men, wären sie nach dem Amtsjahr eines Papstes, Abtes oder Bi¬ 
schofs datiert worden. 

Nach allem über die Seltenheit und den hohen Wert von Büchern im 
"13. Jahrhundert" und den folgenden Epochen angeführtem, fällt es 
vielen noch immer nicht leicht, diese Negativbeweise und ihre histo¬ 
rische Bedeutung anzuerkennen. Hemerseus erwähnt, dass ein Pari¬ 
ser Arzt, der mit dem wohlhabenden Dekanat Nicolas in St. Just be¬ 
traut war, 1319 in seinem Testament anordnete, dass ein Bibelband 
wieder einer Hochschule übergeben werden sollte, von welcher er 
sich das Buch einst auslieh. Es war üblich, dass sich ein Gelehrter 
verpflichtete, ein geliehenes Buch als Gegenleistung zu restaurieren. 
Es gibt eine diesbezügliche Geschichte aus der Zeit von John Seiden. 
Bücher waren alles andere als gewohnte Güter. Sie waren der höchs¬ 
te Luxus, dem ein Mensch frönen konnte, wobei selbst die Colleges 
keine Ausnahme darstellten. In der langen Zeitspanne, die Thorold 
Rogers mühsame Forschungen abdecken, also vom 13. bis zum 16. 
Jahrhundert, fällt bemerkenswerterweise auf, wie wenig sich auf den 
Kauf von Büchern durch Gelehrte Einrichtungen in England bezie¬ 
hendes Material doch verfügbar ist. Die kleinen Bibliotheken, die 
Ende des 14. oder Anfang des 15. Jahrhunderts existiert haben sollen, 
waren Sammlungen von fürstlichen Stiftern. 



256 


Der Negativbeweis ist in diesem Fall ziemlich überwältigend. Die 
aufmerksame Betrachtung der Materie lässt den Traum vom frühen 
Ruhm der Pariser Schule verpuffen. Für das Ende des 15. Jahrhun¬ 
derts verbleiben damit lediglich noch einige Bibeln, Messbücher, 
Werke über die Leben der Fleiligen, Exemplare der benediktinischen 
Regel - diese so von Bossuet bezeichnete Zusammenfassung des 
Christentums -, Bücher der Sentenzen und dergleichen. 

Die durch eine Legende mit England verbundene benediktinische 
Schule von Bec in der Normandie schmückt sich mit dem Namen 
Lanfrank. Der unter dem Pseudonym "Orderic" auftretende Benedik¬ 
tinermönch aus Saint-Evroul schreibt mit der Intention, das hohe Al¬ 
tertum von Bec und die Erinnerung an seine berühmten Mitbrüder 
zu verherrlichen, was er scheinbar zu der Zeit tut, auf die ich mich 
schon so oft bezogen habe. Daher schreibt er um bestimmte Produk¬ 
tionen seiner Fiktionen schaffenden Kollaborateure zu bewerben. Er 
wendet den gewohnt blumigen benediktinischen Stil an und behaup¬ 
tet, unter Lanfrank sei "eine Bibliothek philosophischer und göttli¬ 
cher Schriften erblüht" und dass der Weise "sich bei der Lösung 
kniffliger Fragen beider Disziplinen als sehr fähig erwies". Weiter tut 
er kund, dass sich "die Normannen unter seiner Meisterschaft der li¬ 
terarischen Kunst zuwandten". Natürlich vergisst er nicht zu erwäh¬ 
nen, dass "aus der Schule von Bec beredsame Sophisten göttlicher 
und weltlicher Studien her vor gingen". 

All dies ist Teil des benediktinischen Systems. Solche leichtgläubig 
akzeptierten Geschichten wurden zu der Zeit erdichtet, als dieselbe 
Klasse von Männern unsere Vorfahren gerade mit den Geschichten 



257 


über die Normannen verköstigte. Ich muss zugunsten der tatsächli¬ 
chen Faktenlage wiederholen, dass eine solche Kultur in einer bene- 
diktinischen Klostergemeinschaft weder im 11. noch im 12. Jahrhun¬ 
dert möglich war. Die Fabel scheint jedoch die Tatsache zu enthalten, 
dass Bec während der Renaissance von italienischen Mönchen aus 
Pavia gegründet wurde. Ein weiterer Ordensschreiber, der unter 
dem Pseudonym "Milo Crispinus, Abt von Westminster" auftritt, ver¬ 
fasst ein Werk über das Leben Lanfranks. Wie auch viele weitere der¬ 
artige Biografien, erweist sich das Werk als Allegorie über die mön¬ 
chischen Tugenden. Die absurde Affinität für bittere Demut verhüllt 
einen unersättlichen Ehrgeiz, was in der Geschichte von Lanfrank of¬ 
fensichtlich ist. Merkwürdigerweise vervielfältigen und überarbeiten 
sonst vernünftige englische Laien diese Geschichten weiterhin, als 
wären es wahre Überlieferungen, obgleich sie derlei Allüren eigent¬ 
lich zu verabscheuen pflegen! 

In jenen glorreichen idealen Tagen Lanfranks verbreitete sich sein 
Ruhm auch in der Ferne umso stärker, je mehr sich der Mönch vor 
der Menge verbarg. Die Aristokratie schätzte ihn sehr hoch. Junge 
Adelige kamen aus nah und fern, um mit Lanfrank unter dem demü¬ 
tigen Abt Herluin zu studieren. Aus der fruchtbaren Wurzel des 
großen idealen Baumes im Garten von Bec erwuchsen kräftige Spros¬ 
sen! Diese wären: Anselm, Erzbischof von Canterbury; Gilbert Cri¬ 
spinus, Abt von Westminster; Heinrich, Dekan von Canterbury; Her- 
nostus, Bischof von Rochester sowie dessen Nachfolger Gundulf - al¬ 
lesamt Schüler von Bec! 

Wie innig doch die Liebe des Mönches zu seiner Alma Mater ist! Zu¬ 
gunsten dieser Liebe opfert er jegliche Skrupel vor der Schändung 



258 


historischer Tatsachen. Allzu vergnügsam ist das Bild, welches der 
Abt Westminsters von Lanfrank als Erzbischof von Canterbury im 
Beisein des Papstes in Rom skizziert! Der Heilige Vater erhebt sich 
von seinem Stuhl und sagt zu ihm, dass diese Ehre nicht dem Erzbi¬ 
schof gebührt, sondern der Schule von Bec, in der er zu Lanfranks 
Füßen gesessen hatte: "Ich erhebe mich in deiner Gegenwart, denn 
du bist mein Meister. Ich umarme dich als meinen Lehrer, nicht als 
Erzbischof." 

Zu welcher Zeit setzte diese Form der literarischen Kunst ein? Die 
Einbeziehung der parallelen Kunst der Kirchenmalerei ermöglicht 
uns die Annäherung an die Lösung dieser Frage. Wir wollen uns je¬ 
doch zunächst mit der Beobachtung begnügen, dass diese vorgebli¬ 
chen "Erinnerungen an Bec" der lesenden Welt definitiv nicht darge¬ 
boten werden konnten bevor es in Bec eine literarisches und kultu¬ 
relles Wesen gab, welches solcherlei Anmaßungen einer gelehrten 
Vergangenheit zu rechtfertigen vermögen. Für den die Fakten Su¬ 
chenden ist es vollkommen absurd, von einem solchen Zustand in 
Bec auszugehen bevor sich die italienischen Gelehrten im späten 15. 
Jahrhundert in den Westen zerstreuten. 

Weitere unter den Pseudonymen "Wilhelm von Malmesbury" und 
"Wilhelm von Jumieges" schreibende benediktinische Eidgenossen, 
die ihre Schriften ins 12. Jahrhundert datieren, vertreten dieselbe Fa¬ 
bel über den Ruhm von Bec, den Lombarden Lanfrank und seinen 
Schüler Anselm. Doch welch unerwartete Tatsache!: Sehen wir uns 
das Werk des Benediktiners aus St. Albans an, der unter dem Namen 
"Thomas Walsingham" schreibt, welcher in der Mitte des 15. Jahr¬ 
hunderts platziert wurde, so entdecken wir die Legende von Lan- 



259 


frank und Anselm zu einer bloßen Anmerkung zusammenge¬ 
schrumpft. Er beschreibt Anselm als einen lombardischen Jungen 
von hoher Bildung und gutem Charakter, der drei Jahre in Gallien 
studierte, in die Normandie ging und sich dem Prior von Bec an¬ 
schloss, welcher die öffentliche Schule alsdann mit der Zustimmung 
oder auf Befehl des Abtes Herluin leitete. 

In unserer Zeit ist häufig von einer "historischen Schule von St. Al¬ 
bans" die Rede. Allerdings gab es in diesem Kloster niemals eine his¬ 
torische Schule. Einige benediktinische Mythologen mögen dort - 
eine ständige Korrespondenz mit dem italienischen Hauptsitz ein¬ 
haltend - zur Zeit König Heinrichs VII. tätig gewesen sein. Die Fak¬ 
ten entsprechen denen von Monte Cassino im gleichen Zeitraum. Es 
scheint, als hätte Walsingham (so bezeichnet er sich) die erste Skizze 
der Legende angefertigt, welche es gewisse Zeit später von seinen li¬ 
terarischen Mitbrüdern auszuarbeiten galt. Die Lanfrank-Legenden 
berichten auch von einem ihm gewidmeten und Philipp zugeschrie¬ 
benen Epitaph auf ihn. Philipp aus Hennegau soll der Abt der guten 
Hoffnung des eng mit den Benediktinern verbundenen Ordens aus 
Premontre gewesen sein. Die Eleganz der geschwungenen Linien 
passt wohl frühestens ins 16. Jahrhundert. Weitere Fäden im gleichen 
Fiktionsnetz finden wir in den Namen "Ivo von Chartres", "Sigebert 
von Gembloux" und "Robert von Torigni", der das Werk des zuvor 
genannten fortführte. 

Die Fabeln über Bec wurden etwa zur gleichen Zeit wie die über 
Monte Cassino geschaffen. Wenn Monte Cassino der älteste Sitz der 
Gelehrsamkeit war, dann war Bec jedoch der prächtigste, so verkün¬ 
den die Benediktiner. Rom schaut auf Bec, Griechenland verehrt Bec; 



260 


Bec ist das Wunder ganz Europas. Wie schön doch die Bezeichnung 
"Jünger Lanfranks" klingt! Wie groß doch die Wonne war, dort zu 
studieren, wo auch bereits die Angehörigen von Papst Alexander 
studierten! Jedoch würde bereits ein kleines Bücherregal ausreichend 
Platz für alle Bücher bieten, die Bec zum Zeitpunkt der Erfindung 
des Buchdrucks zu Stande bringen konnte, sofern dort überhaupt je¬ 
mals Bücher erschaffen worden sind. 

Aber Bec schuf mit dem Namen Roger Vacarius eine weitere legen¬ 
däre Verbindung nach England. Vacarius, zunächst Prior und später 
Abt des Klosters, ging gemäß der Überlieferung nach England und 
war der erste, der unserem Volk lehrte, was die Mönche "das Gesetz 
der Cäsaren" nannten. Es wäre jedoch eine schiere Verleumdung der 
Erinnerung an die Cäsaren, die Codices, welche die Namen von 
Theodosius und Justinian tragen (beide ebenfalls Erfindungen der 
Mönche), als Gesetz der Cäsaren zu betiteln. Die sich auf diese ge¬ 
fälschten Codices beziehende benediktinische Überlieferung beruft 
sich auf das 12. Jahrhundert. Wir können uns absolut sicher sein, 
dass zu dieser Zeit weder in Bologna noch in irgendeiner anderen 
Stadt Europas ein Auditorium die Möglichkeit hatte, sich Lesungen 
über römisches Recht anzuhören. Die Persönlichkeit und das Wirken 
von Vacarius basieren nicht auf echtem Zeugnis sondern lediglich 
auf einer abgestimmten Fabel, geschrieben von einer Gruppe Mön¬ 
che unter den Namen von Johannes von Salisbury, Bischof von Char¬ 
tres; Theobald, dem ehemaligen Abt von Bec und Erzbischof von 
Canterbury sowie möglicherweise dem Kanonikus von St. Victor. 

Wenn sich der Leser vorzustellen vermag, dass im Jahr 1149 "viele 
Reiche und Arme" die Vorlesungen von Vacarius besuchten, so sollte 



261 


er doch auch in der Lage sein, seine Illusion zu untermauern, sich 
auf den Ort festzulegen, an dem diese Vorlesungen abgehalten wur¬ 
den. War es Oxford, Cambridge oder London? Oder war es gar im 
Haus von Theobald von Canterbury? Nach der Durchsicht all der Er¬ 
zählungen ihrer romantischen Vorgänger mögen die Benediktiner 
von Saint-Maur durchaus einzugestehen bereit sein, dass für die An¬ 
gelegenheit in diesem Punkt non omnino liquet (es ist nicht völlig 
klar) gilt. Ohne diese Absurditäten weiter zu behandeln, genügt zu¬ 
nächst die Feststellung, dass das Studium der Rechtswissenschaften 
im Allgemeinen nicht vor dem 16. Jahrhundert begonnen haben 
kann. In unserem eigenen Land steckte dieser wissenschaftliche 
Zweig zur Zeit von Coke, Seiden und Bacon noch in den Kinder¬ 
schuhen. 

Nach dem, was bereits über Karl den Großen und seine fabelhaften 
Schulen auf dem Kontinent gesagt wurde, ist es nicht mehr nötig, 
den Leser mit den Fabeln aufzuhalten, die sich auf König Alfred den 
Großen beziehen, der im benediktinischen Fiktionsschema Karls 
englisches Gegenstück ist. Ebenso vermag der heilige Neot seinen 
Platz in idealer Distanz einzunehmen. Wie auch Paris und Cam¬ 
bridge ist Oxford eine benediktinische Gründung. Der frühere Name 
Oxfords lautet Priorat von St. Benedict von Oxon beziehungsweise 
Gloucester College. Die Abte und Prioren der Provinz Canterbury 
waren die Studienleiter. Es heißt, im Jahre 1290 trafen in Abingdon 
dreißig Abte und Prioren zusammen um sich um den Bau des Prio¬ 
rats zu kümmern. Es vergeht jedoch ein halbes Jahrhundert bis wir 
davon hören, dass im College ein theologischer Lehrstuhl mit Stipen¬ 
dium (1343) eingerichtet wurde. Dies geschah im Provinzkapitel in 
Northampton. Nach einem weiteren Jahrhundert soll es in derselben 



262 


Stadt eine Provinzsynode (1444) gegeben haben, in der, der großen 
Frage der monastischen Disziplin untergeordnet, die Studien am Ox¬ 
ford College diskutiert werden. Es sollte stets ein Benediktiner den 
theologischen Lehrstuhl innehaben. 

Während dieses Zeitraums sollen die Benediktiner auch Colleges in 
Canterbury und Durham gehabt haben. Allerdings stellen wir 
schnell fest, wie schwierig es ist, aus den verfügbaren Quellen eine 
authentische Liste von Gelehrten oder Schriften aus der Zeit vor der 
Einführung des Drucks zu erhalten. Dies gilt auch speziell für John 
Leland, der die religiösen Häuser kurz vor deren Auflösung besich¬ 
tigte. Leland war über die systematischen Tricksereien der Mönche 
und Ordensbrüder bei der Verschleierung ihrer Persönlichkeit und 
der Vordatierung ihrer Schriften verblüfft. Wir lesen von wundersa¬ 
mer Gelehrsamkeit bei Adam Easton aus Oxford, dem Kardinal¬ 
priester von Santa Cecilia, oder bei dem Franziskaner Roger Bacon 
und vielen anderen. Jedenfalls bleiben unsere Mühen bei der Suche 
nach Tatsachen immer wieder vergebens. Dies gilt bis hin zu John 
Feckenham, dem letzten Abt von Westminster, der nach langer In¬ 
haftierung als "unbesiegter Streiter für den orthodoxen Glauben" im 
Tower of London oder dem zu Wisbech verstarb (1585). 

Die Fakten oder Fabeln über Cambridge sind von ähnlichem Charak¬ 
ter. Wie auch Oxford, ist Cambridge eine benediktinische Gründung. 
Ob dies nun eine Ehre ist oder nicht, das wollen wir doch den Mit¬ 
gliedern der Universität überlassen. Die Untersuchung der Annalen 
der anderen großen Orden liefern uns keinerlei faktische Er¬ 
kenntnisse, da sie nach den bereits von ihren Vorgängern angewand¬ 
ten Prinzipien der historischen Vorstellungskraft verfuhren. Eine 



263 


grobe Einschätzung des kulturellen Zustands in England zur Zeit 
des Aufstiegs der Tudors ist ausschließlich durch die gründliche 
Überprüfung der Bücherverzeichnisse möglich. 

Die orthodoxe Theorie der Benediktiner besagt, dass die Schule von 
Cambridge über 200 Jahre älter als die von Oxford ist und dass sie 
ihre Gründung König Sigebert zu verdanken hat. Diese Theorie hielt 
sich noch bis in die Zeit von Edmund Spenser. Mit der allmählichen 
Versenkung, welcher die Fabel erlag, wurden diese Theorien aufge¬ 
geben. Diejenigen, die den Grund der Tatsachen erreichen wollen, 
müssen die Hoffnung aufgeben, dass dies im 12. Jahrhundert mög¬ 
lich gewesen sei. Doch Oxford und Cambridge waren bloße Knaben¬ 
schulen und blieben es auch in jener Zeit, als die prächtigste, wenn 
auch nicht beeidete Universität in England florierte - damit meine ich 
die Gesellschaft des Verstandes, der Dichter, Soldaten, Anwälte, Rei¬ 
senden und der Staatsmänner, die im Tempel und in den Anwalts- 
kammern zu finden waren, von denen wir in der Regierungszeit von 
Königin Elizabeth zu hören beginnen. 

England erwarb sich die Mittel der literarischen Kultur etwas später 
als Frankreich und Burgund. Die Überlieferung besagt, dass die aus 
900 Bänden bestehende Bibliothek, welche Karl V. beziehungsweise 
der Weise ansammelte, 1429 vom Herzog von Bedford nach England 
verbracht wurde, gleichwohl der Bestimmungsort der Bände nicht 
aufgespürt wurde. 

In Bezug auf Oxford gibt es die Überlieferung über den Bücherlieb¬ 
haber Richard Aungerville von Bury, den Bischof von Durham. Die 
Benediktiner lassen uns wissen, dass er das Durham College in Oxon 



264 


um 1290 gründete. Bei seinem Tod im Jahre 1345 hinterließ er dem 
College seine Bücher, welche zahlreicher als die aller übrigen Bi¬ 
schöfe gewesen sein sollen. Allerdings ist erst in der Regierungszeit 
Heinrichs IV. erstmals von einer Bibliothek im Sinne eines separaten 
Raumes oder Gebäudes die Rede. Die Bücher waren an Bänke oder 
Pulte gekettet. So wird einem allmählich klar, wie wenige Bücher es 
doch gewesen sein müssen, wie gering das Interesse an ihnen war 
und wie wenig sie genutzt wurden. Ein Verzeichnis dieser Bücher 
haben wir nicht. Uns wurden lediglich die Namen ihrer ersten Hüter 
William Appalby und Thomas Rowe präsentiert. 

Erst mehr als ein Jahrhundert nach dem Tod von Richard von Bury 
lassen sich schwache Anfänge der literarischen Kultur in England 
aufspüren. Ende des 15. Jahrhunderts machte sich Trithemius, der 
Abt von Sponheim, an die Autorenschaft von Aungerville. Er tat dies 
mit der recht kurzen Abhandlung "Philobiblon", welche womöglich 
das erste Werk ist, das einen gewissen Eifer für liberale Studien in 
England zeigt. Der Autor hat eine wahre Leidenschaft für Bücher. 

"Sie sind die Lehrmeister ohne Stock und Rute, ohne Schreien 
und Zorn, ohne Tracht und ohne Geld. Kommt man zu ihnen, 
so findet man sie nie schlafend; frägt man sie, so verheimli¬ 
chen sie nicht ihre Gedanken, irrt man sich, so schimpfen sie 
nicht; macht man eine Dummheit, so kennen sie den Spott 
nicht. O Bücher, die ihr allein die Freiheit besitzet, allein uns 
die andern Freiheiten genießen lasset, die ihr allen gebet, die 
von euch verlangen, und alle befreit, die sich treu eurem 
Dienst weihen." 



265 


Im Einklang mit seinem Zeitgeist und seinem Orden, meint er, dass 
Bücher ein unschätzbarer und im Alten Testament verkörperter Se¬ 
gen sind. 

Ihr seid die Brunnen springenden Wassers, die Abraham als 
erster grub und Isaak nach ihm und die zu verschütten die 
Philister sich immer anstrengten. Ihr seid die köstlichen Ähren 
voll Körner, welche die apostolischen Hände allein zerschro¬ 
ten dürfen, auf dass sie als süße Nahrung den hungrigen See¬ 
len gegeben werden. Ihr seid die goldenen Urnen, in denen 
das Manna und die Waben fliegen, aus denen der heilige Ho¬ 
nig kommt. Ihr seid die Brüste voll der Milch des Lebens und 
nicht auszutrinken. Ihr seid der Baum des Lebens und der 
vierfache Lluss des Paradieses, an dem der Menschengeist 
weidet und von dem sich benetzt der dürre Verstand. Ihr seid 
Noahs Arche und Jakobs Leiter. Ihr seid die Prüfsteine und die 
irdenen Töpfe, welche Gedeons Lampen tragen, seid Davids 
Hirtentasche mit den platten Steinen, die den Philisterriesen 
töten. Ihr seid die goldenen Tempelgefäße, die Waffen der 
geistlichen Krieger, die jene der Bösen unfähig machen. 

Er preist die frühen Bettelmönche und klagt die Trägheit, die Hab¬ 
gier und den Prunk der Klosterbrüder seiner Zeit mit demselben 
Temperament an, welches uns auch beim Dichter der "Canterbury 
Tales" oder dem Autor von "Des Bettlers Bitte" begegnet. Als Gegen¬ 
beispiel führt er Paulus als gewissenhaften literarischen Apostel an, 
dessen Habe lediglich aus seinem Mantel, seinen Büchern und insbe¬ 
sondere seinen Pergamenten bestand. 103 


103 2. Timotheus 4:13. 



266 


Das in Wirklichkeit späte Datum des Verfassers des "Philobiblon" 
kann auch aus der Tatsache abgeleitet werden, dass er auf der Not¬ 
wendigkeit beharrt, die arabische und hebräische sowie auch die 
griechische und lateinische Grammatik und Poesie zu beherrschen. 
Ein nennenswertes Publikum, welches solche beredten Appelle be¬ 
reits vor dem späten 15. Jahrhundert vernommen haben könnte, 
kann weder in Oxford noch anderswo ausgemacht werden. 104 Eine 
sehr kleine Wohnung hätte bis zur Auflösung der Klöster sicherlich 
für die Unterbringung der Bücher und auch der Lesenden der Uni¬ 
versität Oxford ausgereicht. Gemäß der Erzählung soll die von Her¬ 
zog Humphrey von Gloucester gegründete Bibliothek aus gerade 
einmal 129 Bänden bestanden haben. 


104 Das Buch soll erstmals 1483 in Speyer gedruckt worden sein. 



267 


«apttel IX 

23ibKot(»efen in florenj uni» SRom 


Papst Nikolaus V. aus der Zeit der Wiederentdeckung der Schriften 
ist auf Bücher und Bibliotheken bezogen von großer Bedeutung. Wir 
werden jedoch feststellen, dass seine Biographen zu einem sehr spä¬ 
ten Zeitpunkt schrieben und uns nur sehr allgemeine Eindrücke vom 
Kulturstand am päpstlichen Hof liefern. Thomas Parentucelli von 
Sarzana war ein florentinischer Humanist und einer der Schützlinge 
von Cosimo de Medici. Er soll die San Marco Bibliothek eingerichtet 
haben (1444) und ein enthusiastischer Kopist von Manuskripten so¬ 
wie Student jeglicher Wissenschaften seiner Zeit gewesen sein. Mit 
ihm sollten Weisheit und Tugend den heiligen Stuhl des Papstes be¬ 
steigen. Es ist jedoch nie erklärt worden, wie sich der triste und dürf¬ 
tige Gelehrte seinen Weg dorthin bahnen konnte, es sei denn, der Le¬ 
ser empfindet die überschwängliche Erklärung eines seiner Bio¬ 
graphen als befriedigend, dergemäß sein Erfolg seiner "ciceronischen 
Beredsamkeit" geschuldet ist. 

Sofern wir der Bulle von Eugen IV. trauen können, wurde im Jahre 
1431 in Sant' Eustachio ein Institut der Gelehrsamkeit eingerichtet, 
welches den Status einer Universität genoss, jedoch nicht zu großem 
Ruhm kam, obgleich dort Georgios von Trapezuntios und Pico della 
Mirandola gelehrt haben sollen. 10 " Nikolaus V. Soll aus dem Vatikan 
eine Kopisten-Schmiede gemacht und auf seinen Reisen stets eine 
kleine Schar dieser Bibliothekare mit sich geführt haben. Unter der 
Leitung von Bracciolini, Valla und Anderen soll unter Anderem auch 

105 Manetti und Vespasiano in Mur. III., II. 908 und XXV. ; Piccolomini. 



268 


die Übersetzung der griechischen Klassiker im rasenden Tempo vor¬ 
angeschritten sein. 

Aus den Manuskriptsammlungen resultierte die Einrichtung von in 
Rom bis dato nicht vorhandenen Bibliotheken. Gemäß den Briefen 
des kamaldolischen Mönchs Trauersari geschah um das Jahr 1432 
weder in Rom noch in der Abtei von Grotta Ferrata etwas erwäh¬ 
nenswertes. Dieser Bericht wird von Aussagen der Benediktiner be¬ 
stätigt. Jedoch ist ihre Annahme äußerst lächerlich, denn sie sagen, 
dass die Bibliotheken teilweise zerstört wurden "um Veronikabilder 
auf die Pergamente zu malen". 

Es gibt indirekte Beweise dafür, dass es in Avignon mehr Bücher als 
in Rom gab. Diese Tatsache dürfte auch mit der Legende der Über¬ 
siedlung der Päpste aus dieser Stadt verbunden sein. Wenn also Ni¬ 
kolaus V. etwas für die Vatikanische Bibliothek tat, so muss er damit 
ihr Schöpfer gewesen sein. Die Erzählung lautet, dass der Bücherka¬ 
talog zu seinem Tode 5.000 Bände enthielt, jedoch wird aus dem nun 
folgenden deutlich, dass wir es hier mit einer der zahlreichen biblio¬ 
thekarischen Mythen über diese Zeit zu tun haben. Der unter dem 
Titel Calixt III. zur Tiara gelangte Spanier Alfonso Borgia war Profes¬ 
sor an der Universität Lerida und galt als der erste Jurist seiner Zeit. 
Zum Zeitpunkt seiner Wahl war er ein alter Mann von siebenund- 
siebzig Jahren. Wie realistisch ist es, dass sich solch ein Mann in ei¬ 
ner solchen Epoche nicht um die jüngsten Literatursammlungen sei¬ 
nes Vorgängers schert? Calixt III. soll Kardinal Isidor mehrere hun¬ 
dert griechische Manuskripte übergeben und barbarischer weise zu¬ 
vor die Gold- und Silberschnallen von den Büchern gerissen haben, 
die sein Vorgänger so liebevoll in rotes Samit kleiden ließ. Bessarion 



269 


und Filelfo sollen sehr über dieses Vergehen geklagt haben. 

Es gibt interessante auf Aeneas Silvius Piccolomini bezogene Ge¬ 
schichten sowie auch viele, die im 16. Jahrhundert auf kamen und 
seinen Namen tragen. Allerdings sei er als Pius II. zu sehr mit politi¬ 
schen Intrigen und Vetternwirtschaft beschäftigt gewesen und tat, 
soweit es uns bekannt ist, nichts zugunsten der Bibliotheken. Sein 
Nachfolger Papst Paul II., Pietro Barbo, Kardinal von San Marco, soll 
versessen in Antiquitäten gewesen sein und war mit all seinem 
Prunk ein Nachahmer des Sultans. Am Hofe dieses Papstes interes¬ 
sierte man sich nur wenig für Literaten. Mit Ausnahme der Aussage 
der Benediktiner, dass er einen Katalog der Bücher vom Monte Cas- 
sino angefordert habe, gibt es absolut nichts, was Paul II. mit einer 
Bibliothek in Verbindung zu bringen vermag. 

Francesco della Rovere trat die Nachfolge von Sixtus IV. an (1471). Er 
war Generalminister der Franziskaner und der Kandidat der Famili¬ 
en Orsin und Borgia. Weiter galt er als einer der gelehrtesten Mönche 
seiner Zeit. Allerdings schmelzen die asketischen Züge bei der Be¬ 
trachtung des Ausdrucks im Portrait des weltlichen und ehrgeizigen 
Fürsten gänzlich dahin. Sixtus war wie auch seine Vorgänger ein 
großer Nepotist. Zu seiner Zeit war das Papsttum offenbar das "Kö¬ 
nigtum dieser Welt". Deila Rovere, der in Padua seinen Doktor in 
Theologie machte, soll eine aus vier Räumen bestehende Bibliothek 
errichtet (1475) und seinen Sekretär, den wohlbekannten Bartolomeo 
Platina, zum Bibliothekar ernannt haben. Allerdings sind die Über¬ 
reste dieser Bibliothek kaum zu erkennen und Assemani, der treue 
Bewahrer der vatikanischen Traditionen, macht diesbezüglich nur 
sehr spärliche Angaben. 



270 


Immer wieder hören wir von den Geheimarchiven. Sie sollen sich in 
drei Schränken und vier Truhen aus Zypressenholz befunden haben. 
Diese Einzelheit ist mit Blick auf den späten Beginn jeglicher päpstli¬ 
cher Literatur besonders wichtig. Es ist wohlbekannt, dass sich in 
diesen sogenannten Archiven kaum ein Dokument befand, welches 
sich auf eine frühere Periode als das 11. Jahrhundert bezog. Zweifel¬ 
los war es um die Zeit von Platina, als man sich an die ganze Unter¬ 
nehmung der Ausarbeitung der päpstlichen Nachfolger des heiligen 
Petrus machte. 

Um 1518 soll die Geheimbibliothek in der Engelsburg untergebracht 
worden sein. Bis zur Zeit Pauls V. erreichte sie aber offensichtlich 
keinen großen Umfang. Ende des letzten Jahrhunderts wurden die 
Geheimarchive und die Vatikanische Bibliothek zusammengelegt. 106 

Hinsichtlich des Zustands der römischen Bibliotheken zur glanzvol¬ 
len Zeit Leos X. heißt es von diesem, er habe um das Jahr 1508 die 
Überreste der vom Schicksal gebeutelten San Marco Bibliothek in 
Florenz nach Rom verbracht. Weiter soll er die ersten fünf Bücher 
der "Annales" des Tacitus erworben haben. Doch wie üblich sind die 
auf den Umfang jedweder Büchersammlungen in Rom bezogenen 
Angaben äußerst spärlich. In einem Brief aus dem Jahre 1515 er¬ 
wähnt Erasmus die reichhaltige Grimani-Sammlung, die einige Jahre 
später nach Venedig verbracht und dort bei einen Brand zerstört 
worden sei. 

Ständig treffen wir auf schmeichelhafte Lobreden bestimmter Ge- 


106 Gregorovius, "Geschichte der Stadt Rom", VIII. 293. 



271 


lehrter und Bibliothekare, finden jedoch keine wesentlichen literari¬ 
schen Fakten, welche den so geschürten Erwartungen gerecht wer¬ 
den können. So wird Inghirami, der 1516 verstorbene Bibliothekar 
des Vatikans, weil er ein guter Redner war als der "Cicero seiner 
Zeit" gepriesen. Er soll altertümliche Manuskripte gesammelt und 
ebensolche aus dem Benediktinerkloster in Bobbio mitgebracht ha¬ 
ben, darunter womöglich auch Ciceros Werk "Über den Staat", wel¬ 
ches erst im 19. Jahrhundert durch den eifrigen Schreiber Kardinal 
Angelo Mai das Licht der Welt erblickte. Gregorovius bemerkt, dass 
es nicht seine Feder sondern die Raffaels sei, die Inghirami Unsterb¬ 
lichkeit bescheinigte. Es war sein Nachfolger Beroald, der wenig spä¬ 
ter das erwähnte Tacitus-Manuskript redigierte - den einen gewichti¬ 
gen "Fund" aus der Zeit Leos X. Aleander, der frühe Freund von 
Erasmus und Aldus, der jedoch ein erbitterter Gegner Luthers war, 
verstarb 1542 ohne irgendein literarisches Denkmal hinterlassen zu 
haben. 

Die retrospektive Phantasie ergötzte sich an der Verherrlichung der 
Epoche Leos. Entgegen unseren modernen Vorstellungen können zu 
seiner Zeit sämtliche Studienzweige an der römischen Universität 
nur recht rudimentär ausgebildet gewesen sein. 1735 wurde in Rom 
eine nahezu die gesamte römische Geschichte behandelnde Rede 
veröffentlicht, welche auf dem Pariliafest im Kapitol zur Enthüllung 
der Statue Leos gehalten worden sein soll. Es ist charakteristisch für 
das Verknüpfen der alten Römer mit den sich allmählich durchset¬ 
zenden orientalischen Ideen, dass der Redner mit Adam und Romu- 
lus beginnt und, den Strom der Zeit durchschreitend, den Ruhm des 
alten römischen Reichs sowie des Papsttums und schließlich den des 
großen gegenwärtigen Pontifex beschreibt, auf dessen wohltätige 



272 


Herrschaft alle guten Dinge dieses und auch des kommenden Le¬ 
bens zurückzuführen sind. Als imaginäre Zuhörer dürfen wir dieser 
Art der Rede stundenlang beiwohnen. Seine Schlussworte erinnern 
uns an die Anmaßungen des "hebräischen Jungen" (in den Worten 
der Mönche), der den erhabenen Jehova von dessen hohem heiligen 
Sitz zu verdrängen gedachte. Anrufung der Jungfrau: "Darum bete 
ich zu dir und nicht mehr zu Jupiter, du Jungfrau des Kapitols, die 
über die Reliquien dieser Stadt und dieses Hügels waltet; du, die 
über Rom und das Kapitol waltet" u.s.w. - lang lebe der Papst. 107 

Besonderes Augenmerk wird auf Urbino gerichtet, da es durch Poly- 
dor Vergil mit dem England Heinrichs VIII. verbunden ist. Polydor 
bezieht sich in seinem Werk "Über die Erfinder" auf den Ruhm der 
Bibliothek von Urbino. Der bekannte Ciceronianer Bembo war um 
1506 Mitglied Gelehrtenzirkels von Urbino. Sadolet, der angebliche 
Autor eines verbotenen Kommentars zum Römerbrief und Freund 
der Reformatoren, soll Urbino als Italiens Mittelpunkt der Genialität 
und Gelehrsamkeit gepriesen haben, trotzdem er in Ferrara studier¬ 
te. Anbetrachts der Lobpreisungen könnten ebenso gut Ferrara oder 
Padua als erleuchtetste Orte der Welt angesehen werden. Es sind im¬ 
mer dieselben monotonen Schmeicheleien und sie pflegen stets den 
großen Mangel an wirklicher Kultur zu verbergen. Zweifelsfrei be¬ 
suchte John Colet, der Gründer der St. Paul's School, all diese Ge¬ 
lehrtenzirkel. Er war in jeder Hinsicht ein epochemachender Mann, 
ganz besonders als derjenige, der dem englischen Klerus und dem 
englischen Volk die Paulusbriefe entdeckte. Aufgrund seiner Bega¬ 
bung als Prediger und Gelehrter galt er als "Apostel Paulus von Eng- 

107 Gregorovius (VIII. 297) verweist auf die Ironie einer Widmung des neuen Ma¬ 
gistrats zum Gedenken an den 20. September 1870, an dem das Papsttum 
nur wenige Schritte von der Statue Leos entfernt zu Fall gebracht wurde. 



273 


land". 

Die Bedeutung der Humanisten, der Liebhaber der Schriften und der 
Freiheit, liegt nicht nur darin, dass sie die wahren Befindlichkeiten in 
Rom und in Italien im Allgemeinen bezeugen, sondern auch in der 
Tatsache, dass ihnen durch ihre Neigungen und ihre Einsatzfreude 
eine Antipathie gegen die mönchische Literatur innewohnte, deren 
Aufstieg sie miterlebten. Es genügt bereits, einige Überlieferungen 
über Poggio und Valla zu zitieren, um damit aufzuzeigen, dass die 
Vorstellung reine Illusion ist, dergemäß es in den Klöstern schon vor 
der Renaissance über Jahrhunderte eine gewisse Kulturstufe gege¬ 
ben habe. Weiter erkennen wir so, dass sich die Kirchenfabel als die 
klassische Literatur mit größtem Eifer kultiviert wurde zum Kopf 
der Hydra ausbildete. Obgleich den Datierungen nach wie vor nicht 
zu trauen ist, müssen wir dennoch sorgsam die allgemeinen Ein¬ 
drücke berücksichtigen. 

So heißt es von Poggio, er sei schon in jungen Jahren dem päpstli¬ 
chen Dienst beigetreten und habe als Schreiber unter ganzen acht 
Päpsten gedient; dies jedoch ohne jemals in Rom gelebt zu haben. Er 
soll mit dem päpstlichen Hof nach Konstanz gegangen sein und 
habe dort Hieronymus von Prag leiden sehen. Danach begann er 
eine Karriere als Entdecker antiker Literatur in Deutschland, Frank¬ 
reich und England. Auf seiner Suche nach antiken Relikten durch¬ 
streifte er auch die Campagna Romagna. Seine Angriffe auf die regu¬ 
lären Geistlichen und insbesondere auf die Franziskaner waren scho¬ 
nungslos, da er Nikolaus V. hinter sich gewusst haben soll. Das grö߬ 
te ihm zugeschriebene Werk ist die "Geschichte der florentinischen 
Republik von 1350 bis 1455". Die Schreiber des 16. Jahrhunderts ge- 



274 


ben als sein Todesjahr 1459 an. 

Es stellt sich die wichtige Frage, wie viele klassische oder kirchliche 
Handschriften Poggio vor der Zeit der klösterlichen Drucker in den 
literarischen Benediktinerklöstern hat finden können. Seinen Ruhm 
erwarb er sich als Entdecker von Manuskripten in den Klöstern von 
St. Gallen (wo er Quintilian fand, den er in zweiunddreißig Tagen 
abschrieb), Corbie und anderen Klöstern des Ordens. Der Leser 
muss sich weiterhin davor hüten, sich auf Darstellungen zu verlas¬ 
sen, die auf ein Kultur des klassischen Altertums an den Sitzen der 
Klöster vor dem Ausgang des 15. Jahrhunderts hinweisen. Die "Dia- 
tribe" des Quirinus liefern uns eine aus der Feder von Poggios Zeit¬ 
genossen Cincius stammende Beschreibung des außer Acht gelasse¬ 
nen Zustandes St. Gallens zu der Zeit, als die Kultur in Rom gerade 
erst einsetzte. Zu der Zeit, in der diese Geschichten niedergeschrie- 
ben wurden, wagte niemand offen zu bekennen, dass die Entdeckun¬ 
gen realer und imaginärer Bücher erst in den letzten Jahrzehnten des 
Zeitalters einsetzten. Dies ist jedoch der immer wieder bestätigte 
Eindruck, den der Student bei der Durchsicht einiger dieser Ge¬ 
schichten gewinnt. 

Als Symbol für die Kämpfe und Errungenschaften der Humanisten 
gegen die falsche Literatur, welche die Mönche der Welt als antikes 
Gut aufzwängten, ist der Name Valla noch gewichtiger als der von 
Poggio. Auch bei Valla kann die genaue Zeit seines Wirkens nicht ge¬ 
nau bestimmt werden. Zumot weist in einem Aufsatz auf die Dis¬ 
krepanz unter den Datierungen hin. Zu einer Zeit, in der Rom laut 
einem anderen Humanisten für den aufrichtigen Gelehrten einer der 
freiesten Orte der Welt war, soll Valla dort seine Ausbildung bei Bru- 



275 


ni und Aurispa erhalten haben. Wie auch Poggio, verachtete er die 
mönchische Idee der Tugend und verkündete gar die Ansicht, dass 
selbst Freudenmädchen der Welt mehr nutzen als Nonnen. Er wider¬ 
legte die falsche "konstantinische Schenkung" - aller Wahrscheinlich¬ 
keit nach bereits unmittelbar nachdem sie verfasst und veröffentlicht 
wurde. Weiter bestritt er die Echtheit des Briefwechsels zwischen Je¬ 
sus und Abgarus, womit er den ersten Versuch einer Kirchen¬ 
geschichte angriff, die erst kürzlich in den Klöstern produziert wur¬ 
de. Die Verbitterung, mit der er sich der "neuen Tyrannei" entgegen¬ 
stellte, womit er den Papst meinte, war kaum noch zu übertreffen. 
Reginald Peacock, der Bischof von Chichester, soll die Echtheit der 
"Schenkung" etwa zur gleichen Zeit bestritten haben. Allerdings hör¬ 
te man von diesen Schriften meiner Überzeugung nach erst im 16. 
Jahrhundert, als man über Wiclif, Luther und Marsilius von Padua 
zu sprechen begann. 

Wird das damalige Literatursystem erst erst einmal richtig verstan¬ 
den, stellt man schnell fest, dass Valla eine Vielzahl von Schriften zu¬ 
geschrieben wird, für deren Echtheit es keinerlei Beweise gibt. Am 
hervorstechendsten ist jedoch die allgemeine Tatsache, dass es im 
Westen eine Gruppe von Gelehrten gab, deren Stolz die Wiederent¬ 
deckung des reinen Latein als Instrument jeglicher Zivilisiertheit 
und Humanität war und dass diese Gelehrten die Fabeln und die 
falsche Logik des aufsteigenden kirchlichen und scholastischen Sys¬ 
tems der Klöster nicht erdulden konnten. Bleibt noch anzumerken, 
dass einige Valla zugeschriebene Anmerkungen zur Vulgata 1505 in 
Paris ans Licht kamen. Er soll 1457 als Kanoniker verstorben und im 
Lateran beigesetzt worden sein. 



276 


Bei den griechischen Gelehrten der Renaissance sind wir auf ganz 
wenige Schreiber wie R Cortese, Ph. Villani und P. Jovius angewie¬ 
sen. Diese liefern uns tatsächlich Listen von gelehrten Männern aus 
dem späten 14. Jahrhundert. So stoßen wir auf einen Chrysoloras, 
einen Georgios Trapezuntios, einen Theodorus Gaza, einen Bessarion 
und einige Andere. Allerdings ist ihre Chronologie von sehr zweifel¬ 
haftem Wert und da es klar ist, dass das Griechische vor der Zeit 
Heinrichs VIII. weder in Paris noch in London, Oxford oder irgend¬ 
einer anderen nordischen Stadt kultiviert wurde, ist es doch sehr ge¬ 
wagt, in irgendeiner italienischen Stadt von einer sehr viel früheren 
Kultur dieser Sprache auszugehen. 

Alle Fakten, die wir über die Aktivitäten der antimönchisch einge¬ 
stellten Humanisten Zusammentragen können, scheinen zu bestäti¬ 
gen, dass es in Subiaco, Grotta Ferrata und Monte Cassino zur Zeit 
von Torquemada und Bessarion verborgene literarische Aktivitäten 
gab. Doch die Humanisten waren sich nicht völlig darüber im kla¬ 
ren, dass die Grundlagen einer fiktiven Kirchengeschichte bis zur 
Zeit Leos X. geschaffen wurden. Die erbärmliche Zusammenstellung 
namens "Bibliothek" von Photius, die nach einem Manuskript Bessa- 
rions gedruckt worden sein soll und einen der frühesten Versuche 
der Anfertigung einer Liste imaginärer Kirchenautoren darstellt, 
kann als berüchtigtes Musterexemplar dieser geheimen Aktivitäten 
angeführt werden. 

Da die Einrichtung von Bibliotheken und die Verwendung der Typo¬ 
grafie eindeutig Teil einer großen Bewegung der Kunst der Wieder¬ 
belebung war, möchte ich den Leser nun auf einige Einzelheiten zu 
den italienischen Druckereien aufmerksam machen. Die Quantität 



277 


und Qualität der Arbeiten der Drucker ist einer der besten Anhalts¬ 
punkte zur Ermittlung des Zustands des Schreibens, Lesens und 
Denkens, der vor 400 Jahren bei einer kleinen gebildeten Klasse 
herrschte. 

Die hohen Aufwendungen für die Vervielfältigungen verdeutlichen 
uns, wie klein doch die Klasse der Käufer und Leser gewesen sein 
muss. Allerdings war die Klasse der gedankenlosen Zuhörer der 
mündlichen Rezitationen dafür umso größer. Man betrachtete es 
schon als außergewöhnlich, dass der florentinische Buchhändler Ves- 
pasiano Cosimo de Medici 200 Bände innerhalb von 22 Monaten lie¬ 
fern konnte, wofür er fünfundvierzig Schreiber anheuerte. Ein Exem¬ 
plar der Briefe Ciceros kostete etwa zehn Dukaten, eine Bibel min¬ 
destens drei oder vier Pfund Sterling, wahrscheinlich sogar noch viel 
mehr. Es wurde bisher niemals hinreichend bedacht, dass die frühen 
Drucker der Befriedigung des luxuriösen Bedürfnisses einer sehr 
kleinen Klasse dienten, jedoch keineswegs den Begehrlichkeiten der 
Masse. 108 

Wir gehen die uns zur Verfügung stehenden Quellen weiterhin sehr 
bedacht durch und lesen so z.B., wie uns ein Biograph Pauls II. mit¬ 
teilt, dass zu seiner Zeit, um 1464 oder 1465, die deutschen Drucker 
Sveynheim, Pannartz und Hahn nach Rom kamen. Sie lernten ihr 
Handwerk bei Fust in Mainz. Die Benediktiner behaupten, Fusts 
Druckerpresse subventioniert zu haben. Die Drucker fanden in Rom 
keine Gönner, wozu anzumerken ist, dass es dort auch nur wenig für 
sie zu tun gegeben haben kann, wie uns die bereits dargelegte Be¬ 
weislage zeigt. Sie fanden dann Zuflucht im Kloster von Subiaco, 

108 Siehe die Einzelheiten in Gregorovius' siebtem Band der "Geschichte der 
Stadt Rom im Mittelalter" 



278 


welches reichlich deutsche Mönche zählte und unter dem Schutz von 
Torquemada stand. Es ist jedoch wesentlich wahrscheinlicher, dass 
die Benediktiner aktiv um sie warben. Hier wurde der Grammatiker 
Donatus gedruckt, gefolgt von dem Werk des Mönchs, der unter 
dem Namen Lactantius schrieb, und weiter Ciceros "Über den Red¬ 
ner" und Augustinus' "Über den Gottesstaat". Keiner dieser "Kir¬ 
chenväter" war vor dem späten 15. Jahrhundert bekannt, zumal ihr 
Latein offenkundig das der Renaissance ist. 

Wenig später befinden sich die Deutschen im Palazzo Massimo in 
Rom, wo sie Ciceros Briefe drucken. Dann hören wir, dass sie um 
1472 in große Armut und Bedrängnis geraten sind, was auf den herr¬ 
schenden Wettbewerb und den stagnierenden Handel zurückzufüh¬ 
ren sei. Sie sollen Sixtus IV. mitgeteilt haben, dass es in ihrem Hause 
nichts als bedruckte Blätter gibt. Im Laufe von sieben oder acht Jah¬ 
ren hätten sie mehr als 12.000 Bände gedruckt. Diese Aussage findet 
sich im das Datum 1472 tragenden fünften Band der Bibel, der mit 
dem Kommentar von Nikolaus von Lyra versehen ist. Dies ist natür¬ 
lich völlig unglaubwürdig und undenkbar, zumal Sveynheim und 
Pannartz scheinbar von der Bildfläche verschwunden sind ohne uns 
auch nur eine Spur über das Jahr 1476 zu hinterlassen. Bruchstück¬ 
hafte Angaben über andere deutsche oder italienische Drucker, die 
ihre Druckpressen in Klöstern oder den Adelshäusern Roms aufge¬ 
stellt haben sollen, stammen aus einer nicht genau bestimmten Zeit. 

Von etwa 1469 an soll sich der Druck in Venedig, Mailand und ande¬ 
ren italienischen Städten allmählich zu einem gewissen Ausmaß ent¬ 
wickelt haben; dies bis zum Aufstieg von Aldus (1494-1515), welcher 
der Kunst neues Leben einhauchte und vor dessen Zeit der Druck 



279 


griechischer Bücher eine absolute Seltenheit war. Allerdings wurden 
zur damaligen Zeit generell nur sehr wenige Bücher jedweder Art 
gedruckt. 

Würde sich einmal ein kritischer Gelehrter der Untersuchung der ge¬ 
samten diesbezüglichen Statistiken widmen, so würde er einen im¬ 
mensen Dienst zugunsten unseres Kenntnisstandes leisten, aus des¬ 
sen Mangel wir uns immer wieder von Illusionen ergreifen lassen. 
Dabei sollte im ersten Schritt festgestellt werden, wie viele früh ge¬ 
druckte Bücher den Weg zu uns fanden; als nächstes, wie viele von 
diesen nicht mit einer Datierung versehen sind; und dann, wiederum 
mittels der Heranziehung der Chroniken, wie viele von ihnen aus ei¬ 
gennützigen Interessen vordatiert wurden. Es sollte auch bedacht 
werden, wie wenig Bewusstsein uns bis zum 16. Jahrhundert für die¬ 
se wunderbare Erfindung begegnet und wie verhältnismäßig klein 
die Menge an gedruckten Büchern noch zum Ende dieses Zeitalters 
war. Wir müssen uns des großen Neids und der Opposition gewahr 
werden, welcher die Drucker von verschiedenen Seiten her ausge¬ 
setzt waren. Weiter muss berücksichtigt werden, dass alle Handwer¬ 
ker in mehr oder minder verschwiegenen und geheimniskrämeri- 
schen Gilden arbeiteten, welche mit einer Vielzahl von schützenden 
Fiktionen und eigennütziger Angaben ausgerüstet sind. 

Indem wir diese Punkte mit Bedacht gegeneinander abwägen, wird 
die Schlussfolgerung verständlich, dergemäß es im Italien der letzten 
Jahrzehnte des 15. Jahrhunderts zu keiner Zeit mehr als nur einige 
wenige Leser der lateinischen und griechischen Klassiker oder der 
Vulgata gab. Als sich die italienischen Gelehrten aufgrund der 
Schwierigkeiten in ihrem Heimatland nach Westen zerstreuten und 



280 


Männer wie C. Vitelli, Adriano Castellesi und Polydor Vergil nach 
England kamen, hatten sie tatsächlich nur wenig substanzielles Wis¬ 
sen, das sie vermitteln konnten. Jedoch mögen sie ihren Schülern die 
fast religiösen Pflichten aufgebürdet haben. Tag und Nacht Cicero zu 
lesen und selbst die märchenhaftesten und unbedeutendsten Angele¬ 
genheit in reinem Latein darzulegen. 

Die Errichtung der griechischen Druckpressen wird Chigi zuge¬ 
schrieben, der eine solche in seinem Hause hatte, wo 1515 eine Aus¬ 
gabe von Pindar gedruckt wurde, welche das erste in Rom aus einer 
Druckpresse stammende griechische Buch darstellt. Leo X. besaß 
ebenfalls eine griechische Presse, mittels welcher zwischen 1517 und 
1518 die Scholien, also die erklärenden Anmerkungen zu Homer und 
Sophokles herausgegeben wurden. Fast zeitgleich wurde in Paris die 
erste griechische Druckpresse errichtet. Den überlieferten Datierun¬ 
gen zufolge, geschah dies etwas früher als in Rom. 

In einer vor 50 Jahren gehaltenen Vorlesung macht Edgar Quinet die 
dahingehende Beobachtung, dass das 18. Jahrhundert für die Fran¬ 
zosen das war, was für die italienischen Gelehrten das 16. Jahrhun¬ 
dert war. Er nennt einige der herausragendsten Humanisten dieser 
Zeit und sagt, dass ihnen die von der Kirche beanspruchten 1500 
oder 1600 Jahre wie ein "subtiler Traum" erschienen. Dass Quinet 
nicht die ganze Tragweite dieser Aussage begriff, macht sie nur 
umso bemerkenswerter. Es ist an der Zeit, eindringlich zu verkün¬ 
den, dass die Humanisten guten Grund dafür hatten, die Rückschau 
der mönchischen Historiker faktisch als künstliches Produkt in Form 
eines subtilen Traums zu betrachten. 



281 


Das gesamte Beweismaterial muss erneut untersucht werden. Die 
Aussagen der Drucker und Buchhändler müssen genau unter die 
Lupe genommen werden. Weiter sollten die Datierungen der im spä¬ 
ten 15. Jahrhundert erblühten Gelehrten überarbeitet werden. Es 
muss beachtet werden, dass ihre tatsächlichen individuellen Persön¬ 
lichkeiten nur selten entdeckt werden und ihre Namen als Kennzei¬ 
chen und Symbole für die Tätigkeit bestimmter nicht entdeckter 
Gruppen von Gelehrten dienen, die gezwungen waren, sich ver¬ 
schiedener Tarnungen zu bedienen. Solcherlei Umstände erklären 
die Verschiedenartigkeit der oft unter einem einzigen Namen er¬ 
schienenen Werke, so z.B. bei "Machiavelli" und Anderen. Sie weisen 
weiter auf das Wesen eines literarischen Lebens außerhalb und in¬ 
nerhalb der Klöster hin. 

Auch hier muss ich mich mit ein paar allgemeinen Ergebnissen eines 
Gebietes begnügen, welches es erst noch gründlich durchzuarbeiten 
gilt. Es gab Griechen in Italien, die wussten, dass das christliche Ide¬ 
ensystem neuartiger als das mohammedanische war. Es gab arabi¬ 
sche Philosophen, welche die Relativität der Wahrheit aller religiösen 
Systeme vertraten und deren Ideen mit denen der Griechen überein¬ 
stimmten, was auch für einige aufgeschlossene Juden gilt. Bocaccios 
reizende Fabel von den heiligen drei Königen, welche auch Lessing 
aufgriff, ist für diese Auffassung bezeichnend. Da gab es die Anhän¬ 
ger des Porphyrios, welche den Platonismus und den Neu¬ 
platonismus kultivierten und von den Benediktinern als "tollwütige 
Hunde wider Christus" denunziert wurden. In Florenz, Rom und Pa¬ 
dua gab es Männer, die einen falschen von einem echten Aristoteles 
unterscheiden konnten. Weiter gab es Männer, die im System der 
Mönche eine Nachahmung vieler der Merkmale der orphischen 



282 


Mysterien oder einfach eine Weiterführung ebendieser erkannten. 
Andere stießen an die Wurzel des Systems der Kirchenfabel, welche 
ihre Verbreitung als falsche Repräsentation des Römischen Reiches 
fand. Einige erkannten deutlich, dass das neu aufkommende Dogma 
nur eine Modifikation des Islams war. Die klösterliche Philosophie 
wurde als barbarisch bezeichnet. 

Um sich über die Wirren der rivalisierenden kirchlichen Parteien 
hinweg zu setzen, wurden die größten Anstrengungen unternom¬ 
men. Gott wurde als höchstes Wesen und der ganzen menschlichen 
Rasse innewohnender sowie alleinig unsterblicher Intellekt be¬ 
stimmt, während Wunder und persönliche Unsterblichkeit geleugnet 
wurden. Dass solche Lehren der Kirche diametral entgegengesetzt 
waren, konnte nicht verborgen werden. Zwecks des Kompromisses 
oder Selbstschutzes wurde das Jonglieren mit einer "doppelten 
Wahrheit" erfunden; einer kirchlichen und einer rationalen Wahrheit; 
einer Illusion die unser Urteilsvermögen leider noch bis heute 
täuscht. Männer, deren Auffassungen das System völlig untergraben 
hätten, gaben vor, sich der katholischen Kirche zu fügen; oder man 
behauptete einfach, dass sie dies getan hätten. Die Bilder vom Hofe 
Leos X. wurden überwiegend von feindseliger Hand gezeichnet. Al¬ 
lerdings gab es diese breite, vielfältige und zwangsläufig tolerant 
eingestellte Kultur ganz offensichtlich. Ohne einen Widerspruch be¬ 
fürchten zu müssen, behaupte ich, dass der Zustand des geistigen 
Lebens in Italien, wir wir ihn uns durch die vorurteilsfreie Begutach¬ 
tung der Quellen erschlossen haben, in jeder Hinsicht belegt, dass 
das klösterliche Lehrsystem für die Welt völlig neuartig war. Es war 
eine turbulente Zeit. Die Menschen wussten nicht auf welchen Weg 
sich die Kirche letztendlich festlegen würde. 



283 


Werden sie in diesem Lichte gelesen, so begegnen dem Leser in den 
Machiavelli und vielen Anderen zugeschriebenen Schriften Dinge, 
welche ihm mit der Kraft einer Offenbarung begegnen. Altrömische 
Religion und Tugend stehen im völligen Kontrast zu der Trägheit 
und Passivität des Klostersystems. Die Idee vom Staat kann nicht mit 
der Idee dessen in Einklang gebracht werden, was die Mönche die 
Stadt Gottes nennen. Die Kirche bedroht die Einheit und Freiheit Ita¬ 
liens. Es ist keineswegs eine Kritik von Männern, welche die Welt zu 
erneuern gedachten. Ganz im Gegenteil blieben sie den edelsten Tra¬ 
ditionen des Altertums treu und erkannten die kirchlichen Systeme 
als arge Bedrohung für Freiheit und Intelligenz. 

Ich möchte diesen Teil der Argumentation nun auf einen einzelnen 
Aspekt herunterbrechen. Wenn ich den Leser davon überzeugen 
konnte, dass der Christ, also die klösterliche Literatur, zwischen 1480 
und 1520 noch in den Kinderschuhen steckte, dann brauchen wir die 
Humanisten für unsere Beweisführung nicht. Sollte der Leser hin¬ 
gegen zögern, dies zu akzeptieren, so hat er sich den negativen wie 
positiven und direkten wie indirekten Zeugnissen der klassischen 
Gelehrten hinzuwenden, deren Schriften sich so ziemlich auf diesel¬ 
be Zeit beziehen. Selbst wenn er ausschließlich England betrachtet, 
so trifft er allein schon dort auf ein recht vernichtendes Zeugnis. Wir 
erleben wie Colet aus Italien kommt, um einem erregten und neugie¬ 
rigen englischen Publikum den Apostel Paulus und dessen Schriften 
darzubringen. Hier entdecken wir auch Erasmus, einen der frühes¬ 
ten mit dem griechischen Testament in Verbindung stehenden Na¬ 
men. Weiter wären da Grocyn und William Lahmer sowie Lily und 
Linacre, allesamt Männer der klassischen Renaissance und obgleich 



284 


es Geistliche sind, weiß niemand von ihnen viel von den Episteln, 
Evangelien oder irgendeinem anderen Zweig der klösterlichen Lite¬ 
ratur. 

Linacre hatte Latein und Griechisch bei den bedeutendsten Gelehr¬ 
ten Italiens studiert. Er soll der erste Engländer gewesen sein, der 
Aristoteles und Galenos im Original zu lesen bekam. Er war ein en¬ 
ger Vertrauter und Günstling der ersten beiden Tudor-Fürsten, grün¬ 
dete das Royal College of Physicians und genoss verschiedene kirch¬ 
liche Vorzüge. Es wird angenommen, dass er 1524 im Alter von 
vierundsechzig Jahren verstarb. Soviel zur Überlieferung. Ich lenke 
die Aufmerksamkeit nun auf die bemerkenswerte Geschichte über 
Linacre, die Sir John Cheke in seinem die "Aussprache des Griechi¬ 
schen" behandelnden Traktat erzählt: 

"Als Priester im fortgeschrittenen Alter, gezeichnet von Studi¬ 
um und Krankheit, bereits dem Tode nahe, nahm er das erste 
mal das Neue Testament in die Hand und soll einige Kapitel 
von Matthäus gelesen haben. Nachdem er das fünfte, sechste 
und siebte Kapitel las, warf er das Buch mit aller Kraft wieder 
von sich und schwor, dass entweder dies nicht das Evangeli¬ 
um ist oder wir keine Christen sind." 

In seinen "Worthies" versucht Thomas Füller dem Ausspruch Li- 
nacres einen positiven Sinn zu verleihen. Füller meint, der Gelehrte 
sei nur über die Gebräuche der Christen empört gewesen, da diese 
im Widerspruch zum Willen Gottes stünden. Doch erklärt das defini¬ 
tiv nicht die heißblütige Gebärde mit dem Buch. Angenommen, der 
Gelehrte wusste, dass die Bergpredigt schlichtweg die Moralphiloso- 



285 


phie der Mönche und Ordensbrüder ist, so wäre die Empörung ver¬ 
ständlich, indem er eine solche Philosophie als bloßes Gehabe jener 
Männer ablehnt, die für ihre Gier, ihren Ehrgeiz, ihre Intoleranz und 
für jedes Laster berüchtigt sind, das sie in dieser Philosophie ver¬ 
urteilen. 

Erinnerungen an solcherlei Vorfälle ermöglichen es dem Leser umso 
mehr, die Zeugnisse von Polydor und John Leland über den Zustand 
der englischen Kultur während der ersten beiden Tudor-Regent- 
schaften gebührend zu würdigen. Beide waren sie Humanisten, reli¬ 
giöse Liebhaber der Klassiker und in ihrem Temperament anti-mo- 
nastisch. Dennoch waren sie Kleriker, jedoch duldeten sie die Kir¬ 
chengeschichte eher, als dass sie an sie glaubten. Polydor erwähnt Li- 
nacre nicht. John Leland nennt ihn nur beiläufig in einem Abschnitt 
über William Tilly alias Selling, einen Mönch aus Dover, der unter 
Heinrich VII. als einer der ersten dem Studium der Prömmigkeit das 
des klassischen Altertums hinzufügte. Er nahm den jungen Linacre 
mit nach Italien und ließ ihn in Bologna unter der Leitung von Ange- 
lo Politian zurück. Übrigens begegnet uns in diesem Zuge auch der 
Versuch, die Nichtexistenz eines "Schatzes an Büchern" zu erklären, 
der angeblich im Zuge eines Aufstands und eines Brandes von Tilly 
nach St. Saviour, Dover, zurückgebracht wurde. Allerdings wird der 
Leser, der diese Geschichten studiert hat, ohne Schwierigkeiten ver¬ 
stehen, dass es sich um zweckmäßige Erfindungen handelt, welche 
den großen Mangel an wertvollen Büchern in den religiösen Häusern 
erklären sollen, der auch noch in den Jahren 1533-1539 herrschte. 

Der Leser mag erwarten, dass ich an dieser Stelle etwas über die 
"Utopia" sage. Als Werk eines unabhängigen Denkers, dessen Auf- 



286 


fassungen dem System der Kirche fremd waren, wird sie Thomas 
Morus zugeschrieben. Es gibt keine zeitgenössischen Zeugnisse für 
dessen literarische Tätigkeit. Die uns über sein Leben und seine Wer¬ 
ke überlieferte Geschichte stellt ein Geflecht von Widersprüchen dar. 
Wir können lediglich die Leinwand Holbeins und damit das Bild von 
einem der besten und edelsten Geister seiner Zeit betrachten - das ist 
auch schon alles. Die "Utopia" ist auf 1566, Louvan (Belgien), datiert 
Wie ich bereits anderswo aufgezeigt habe, stimmen die im Werk an¬ 
zutreffenden Anspielungen auf die Neue Welt mit dem allgemeinen 
Kenntnisstand dieser Zeit überein. Es heißt, dass die Gelehrten an 
die Existenz Utopias in Form eines Gebietes im Westen glaubten und 
Missionare dorthin auszusenden gedachten. Jedenfalls können wir 
mittels der berühmten Passage über das Wesen des Glaubens und 
die damit einhergehende Toleranzpflicht möglicherweise die Zeit 
von Erasmus und seinen Freunden beleuchten: 

"Übrigens verurtheilt man sie in der Überzeugung, dass nie¬ 
mandes Glaube von seinem Willen abhänge zu keiner Art von 
Strafe. Ebenso wenig wendet man Drohungen an, um sie zur 
Verstellung ihrer Meinungen zu nöthigen. Die Verstellung ist 
in Utopien verpönt; und die Lüge, als eine sehr nahe Verwand¬ 
te des Betruges, ist ein Gräuel." 

Bewundernswerte Worte! Doch unter dem Druck einer kirchlichen 
Inquisition konnten unsere edelsten und teuersten Geister ihre An¬ 
sichten nicht offen äußern. Es gab seitens aller religiösen Parteien 
reichlich Betrug. Von der Gilde Caxtons und Chaucers an wurden 
diese Parteien zumeist ahnungslos von den weltlichen Gelehrten ver¬ 
hüllt. Ich scheine der erste zu sein, der herausstellt, dass die Männer, 



287 


die unter der Maske von "Chaucer" Zuflucht suchten und agierten, in 
Wirklichkeit Männer der englischen Renaissance sind, wenn man 
mir einmal gestattet, diesen Begriff auf die Anfänge unserer Kultur 
anzuwenden. Sie lebten unter dem ersten oder zweiten Tudor-Fiirs- 
ten. Jedem, der ihre verschiedenartigen Schriften studiert und nur 
ein wenig zwischen den Zeilen zu lesen fähig ist, dürfte klar werden, 
dass es Humanisten waren; tolerante aber zugleich eifrige und genia¬ 
le Kritiker des Klostersystems sowie teils auch der klösterlichen 
Schriften. 

Trotz vieler übertriebener Äußerungen über ihr Schaffen, leisteten 
die Humanisten zweifellos einen großen Dienst für die Kultur. Ihnen 
verdanken wir die traditionelle Liebe zu den lateinischen und grie¬ 
chischen Klassikern, also zu den Büchern, von denen Gibbon meint, 
dass sie "viel zu lehren haben", wie auch zu denen, die uns "zu leben, 
zu schlussfolgern und zu sterben" lehren. Wären da nicht die Huma¬ 
nisten gewesen, so hätten die führenden Köpfe aus dem regulären 
Klerus die Klassiker mit ziemlicher Sicherheit abgesondert oder gar 
zerstört, da diese Werke eigentlich völlig unvereinbar mit dem Sys¬ 
tem sind. Als die Mönche in Europa zu den Herren der Bildung wur¬ 
den, haben sie den lateinischen Klassikern durch eine wohl überlegte 
Praxis schändlicher Einschübe erheblichen Schaden zugefügt. Ob¬ 
gleich sie durch irgendeine unbekannte Vereinigung miteinander 
verbunden gewesen sein mussten, was uns die genaue Betrachtung 
ihrer literarischen Überreste zu beweisen scheint, konnten sie sich je¬ 
doch keineswegs gegen die gut organisierten Prediger kirchlicher Fa¬ 
beln behaupten. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts beklagt Paolo 
Giovio den Verlust der Freiheit; und Giraldi lanciert eine erbitterte 
Schimpfrede, welche sich gegen jene Männer richtet, die nicht wür- 



288 


dig waren, die großartige Angelegenheit der Schriften weiterzufüh¬ 
ren. 



289 


Kapitel X 

S)a« bencDiftim«ct)e 0pstem Per 
englischen #i«foriter 


Es ist wichtig, auf den "John Boston von Bury St. Edmunds" zuge¬ 
schriebenen Katalog hinzuweisen, denn seine Untersuchung zeigt, 
dass das so lange Zeit von uns trügerisch als Aufzeichnungen ver¬ 
gangener Ereignisse unseres Landes angesehene Erdichtungssystem 
während der Renaissance begonnen wurde. 

Wie auch viele andere der in dieser Hinsicht bedeutsamsten Schrif¬ 
ten, wurde der Katalog nicht vor dem 18. Jahrhundert abgedruckt. Er 
begegnet uns erstmals in der "Bibliotheca Britannico-Hibernica" von 
Bischof Tanner. Es soll zu dieser Zeit fünf Manuskript-Exemplare des 
Kataloges gegeben haben. Noch 1747 hatten die Herausgeber der 
ausgezeichneten "Biographica Britannica" kein Exemplar zu sehen 
bekommen und beschwerten sich, dass das Werk der Öffentlichkeit 
noch immer vorenthalten wird. Der Katalog wurde niemals einer 
kritischen Prüfung unterzogen, denn andernfalls wären die Illusio¬ 
nen über unsere frühe Literatur längst zerstreut worden. 

Aus der Zeit vor Bale und Pits haben wir keinerlei Hinweis auf den 
Mönch von Bury und dessen Katalog. Lelands Schweigen in dieser 
Angelegenheit ist unerklärlich. Zur leidlichen Frage der Datierung 
des Katalogs können wir lediglich festhalten, dass er irgendwann 
während der Wiederentdeckung der Schriften zusammengestellt 
worden sein muss. Ich will meine vorläufige Datierung eines ersten 



290 


Entwurfs auf 1480 bis 1520 ansetzen. 

Bostons Katalog ist entgegen der üblichen benediktinisehen Methode 
alphabetisch angeordnet. Im modernen Sinne ist es ein Lexikon der 
Schreiber. Es ist offensichtlich, dass der Ersteller den Katalog nicht 
nach dem chronologischen Prinzip ordnen konnte. Ob unserer ange¬ 
nommenen Vorstellungen wirkt das erste Gewahr werden dessen 
schockierend auf uns. Hier haben wir einen Mönch, der auf nicht 
weniger als 197 religiöse Häuser in England hinweist, in denen Bü¬ 
cher zu finden seien. Er ist bestrebt eine vollständige Liste von ihnen 
anzufertigen. Dennoch konnte er keine Datierungen von berühmten 
Gelehrten ausfindig machen, die seit der Zeit von "Gildas" und 
"Beda" sowie seit der von Wilhelm dem Eroberer, Henry Beauclerk, 
Stephan oder Johann wirkten. Er hat keineswegs mehr als nur ihre 
Namen aufzubieten. Ihre Werke kennt er nicht. 

Wie ich bereits andernorts aufgezeigt habe, bestand ein Mittel der 
Benediktiner darin, Namen von Schreibern in Verbindung mit Nach¬ 
namen zu erfinden, die sie verschiedenen Klöstern zuweisen. Man 
pries sie als "berühmte Männer" und "Koryphäen der Kirche" an. Auf 
diese Weise wurde der Katalog entworfen und unter den führenden 
Klöstern umher geschickt. Es wurden dann noch die Namen der Be¬ 
rühmten eingefügt. Schließlich legte man ihre Datierungen fest und 
betraute verschiedene Mönche damit, unter diesen Namen die Kir¬ 
chenromanze zu schreiben. Unter einem solchen System war es uner¬ 
heblich, in welchem Ordenskloster die Werke tatsächlich verfasst 
wurden. Sie schufen eine anonyme und zirkulierende Bibliothek. 
Niemals durfte ein Mönch den Ruhm für seine eigene Produktion 
einfahren. 



291 


Die Struktur von Bostons Katalog offenbart uns dieses Vorgehen bei 
der Erschaffung des Fiktionssystems recht klar. Auf den ersten Blick 
erscheint es so als wären in England wesentlich mehr Bücher be¬ 
kannt gewesen als tatsächlich in den Klöstern vorhanden. Wenn wir 
jedoch feststellen, dass für viele Namen dieser Liste keine Titel ihrer 
Werke angegeben werden können oder die Datierung des Schreibers 
unbekannt ist, so reduziert sich die Sammlung auf ein dürres Gerip¬ 
pe. Es ist als wäre eine Bibliothek für England bestellt worden, aber 
die Bücher waren noch nicht angekommen wären, weil sie noch 
nicht geschrieben waren. In anderen Fällen werden Bücher erstmals 
angeführt, um zu bemerken, dass sie sehr alt sind, obwohl sie erst 
kürzlich geschrieben wurden. Ein interessantes Beispiel dafür ist das 
Werk, das den Schülern des frühen Christentums als "Testamente der 
zwölf Patriarchen" bekannt ist. 

"Robert Grosseteste, Bischof von Lincoln", ist eine der fixen Gestalten 
der benediktinischen Literaturgeschichte. Er soll um das Jahr 1250 
"gewirkt" haben. Das hier in Frage stehende Buch (so der Mönch von 
St. Edmunds) war lange Zeit unbekannt und blieb durch die "Miss¬ 
gunst der Juden verborgen". Hieronymus kannte es nicht. Bis Gros¬ 
seteste es aus dem Griechischen ins Lateinische übertrug, war es 
auch keinem anderen lateinischen Schreiber bekannt. Grosseteste ist 
einer der allegorischen Namen, an denen sich die Benediktiner la¬ 
ben. Viele seiner Schriften wurden auf das 13. Jahrhundert datiert. 
Boston schreibt, das Werk enthalte offensichtlich Prophezeiungen 
des Erlösers. Tatsächlich verwandelt es die Patriarchen der jüdischen 
Überlieferung in christliche Apostel oder, wenn man es so sehen will. 



292 


in Mönche. 109 

Bevor wir erkennen, dass es sich dabei um einen Zweig der Kirchen - 
geschichte handelt, können wir die frühe englische Geschichte nicht 
verstehen. Wiederum wird die Kirchengeschichte wird nicht verstan¬ 
den, bis wir begreifen, dass es sich dabei um benediktinische Ge¬ 
schichte handelt und diese benediktinische Geschichte lediglich ein 
Zweig der theologischen Kunst ist. Nun wollen wir die Schreiber un¬ 
tersuchen, deren Fabeln zu so fest verwurzelten Illusionen hinsicht¬ 
lich der englischen Vergangenheit führten. 

Der unter dem Pseudonym "Gildas" schreibende Benediktiner soll 
im 6. Jahrhundert gelebt haben, jedoch hält sich auch diese Annahme 
nur aufgrund dessen, dass sie einfach in Kindesmanier geglaubt 
wird, "weil es ihnen so gesagt wird" oder "da es so geschrieben 
steht". Hätten die englischen Gelehrten eine wahrhaft skeptische 
Haltung eingenommen, so wären sie längst zu dem Schluss gekom¬ 
men, dass es überhaupt keinen Grund für das Festhalten an einer 
solchen Meinung gibt. Wenn wir weder die Persönlichkeit noch die 
Wirkungsstätte eines Mannes ausmachen können, so können wir 
auch nicht herausfinden aus welcher Epoche er stammt. Die Vor¬ 
stellung, dass ein Mönch an einem abgelegenen Ort Großbritanniens, 
z.B. in Bangor, alleine in seiner Zelle sitzt und Geschichten schreibt, 
für die es keine Leserschaft gibt, vermag selbst einem streng Gläubi¬ 
gen ein Schmunzeln abzuringen. 

Dieser Mönch "Gildas" beherrscht die lateinische Bibel, wie es bis 
zum Ende des 15. Jahrhunderts kein anderer Mönch tat oder zu tun 

109 Die Kapitel 240 und 283 von Lelands "Commentaries" zeigen, wie die Legen¬ 
de von Greathead während der Regierungszeit von Henry VIII. entstanden ist. 



293 


im Stande war. Sein Schriftgut ist nur eine von vielen Illustrationen 
dafür, dass die benediktinische Literatur (zumindest der wichtigste 
Teil) um volle tausend Jahre vordatiert wurde. Es ist die alte Ge¬ 
schichte der Welt, bei der diese auf dem Elefanten ruht; der Elefant 
auf der Schildkröte und die Schildkröte auf nichts. Beda bestätigt 
"Gildas" drei Jahrhunderte später. Beda selbst wird dann von Wil¬ 
helm von Malmesbury bestätigt und so weiter und so fort. Das Sys¬ 
tem ist vollkommen durchsichtig, solange wir nur genaue Angaben 
zu Person, Wirkungsstätte und Zeit verlangen, bevor wir ein Werk 
als Tatsachenbeweis behandeln. 

"Gildas" erfindet eine Reihe britischer Könige, die erst aufkamen, als 
man über die Größe des Tudor-Hauses und den Ruhm König Ar¬ 
thurs zu sprechen begann. Hierzu will ich den Leser nicht mit einer 
unnötig langen Darlegung aufhalten. Ich möchte jedoch einen reprä¬ 
sentativen Hinweis anführen. So schildert uns "Gildas" z.B. die sen¬ 
sationelle Geschichte über einen "Konstantin, den Tyrannen von 
Dumnonia". Allerdings liefert uns der im 14. Jahrhundert platzierte 
Benediktiner, der als "Matthew von Westminster" auftritt, dieselbe 
Geschichte in einer präziseren Fassung. Diese steht im Kontrast zur 
zaghaften Darstellung von Gildas, sodass wir einen früheren und 
einen späteren Bericht über dieselbe Sache haben. Der Katalog von 
"Boston von Bury" enthält zwar den Namen Gildas, jedoch konnte 
Boston noch nicht herausfinden, wann dieser "wirkte". Er nennt zwar 
sein Werk "De Gestis Britonum Historia" und schreibt, dass dieses 
mit dem Wort fecerunt (3. Person Plural von machen, handeln) en¬ 
det, erwähnt jedoch bei keiner seiner angeführten Bibliotheken ein 
Exemplar des Werkes. So bleibt nur der Schluss, dass das Werk oder 
generell die "Gildas" zugeschrieben Werke erst im ausgehenden 15. 



294 


Jahrhundert verfasst wurden. Im darauffolgenden Zeitalter war eine 
dem "Gildas" zugeschobene "Fälschung" nahezu die erste Entde¬ 
ckung von Polydor Vergil (1520) bei der Suche nach Material für sei¬ 
ne "Anglica Historia". Um die Mitte des 16. Jahrhunderts haben wir 
dann John Leland, der schmerzhaft um die Entdeckung eines histori¬ 
schen "Gildas" bemüht ist. Diese Gelehrten waren dem Studienobjekt 
zu nahe und damit nicht in der Lage, den großen benediktinischen 
Betrug zu entdecken. 

Aus unserer zeitlichen Distanz können wir heute klar erkennen, dass 
"Gildas" derselben literarischen Fraktion angehört wie die als Beda 
und Alkuin bekannten Mönche. Diese beiden letzteren einigten sich 
darauf, ihren Kollegen als den "weisesten der Briten" anzuempfeh¬ 
len. St. Albans oder Bury müssen die Hüter des Geheimnisses all die¬ 
ser Kompositionen gewesen sein. Alle offenbaren sie die Absicht der 
Mönche, englische Geschichte als Illustration der Kirchenprinzipien 
zu schreiben. Anders ausgedrückt wollten sie das, was das kirchliche 
Herz am meisten begehrt, in allegorischen Geschichten über die Kö¬ 
nige der Briten, Sachsen, Normannen oder des Hauses Plantagenet 
verpacken. 

Das Latein bei "Gildas" ist für den guten Geschmack nur schwer er¬ 
träglich. Die Stimmung der Geschichten ist gekünstelt; es ist die übli¬ 
che Rhetorik und die Fabeln sind voll Gewalt. Alles ist sensationslus¬ 
tig, um für das Volk erbaulich zu sein. Die standardmäßigen Phrasen 
verblassen schnell im abgestumpften Ohr. Wir haben alles schon ein¬ 
mal gehört. Der Pseudo-Gildas lässt seinen Zeitgenossen Pseu¬ 
do-Hieronymus widerhallen, wenn er Porphyrios als "verrückten 
Orientalen wider die Kirche" bezeichnet und ihm den Ausspruch 



295 


"Großbritannien ist eine an Tyrannen ergiebige Provinz" in den 
Mund legt. 

Das Werk gibt sich eindeutig als Teil des Systems der Kirchenge¬ 
schichte zu erkennen. Das Ziel des Schreibers ist es, uns das Dogma 
einzuschärfen, dass "Christus, die Sonne der Erleuchtung", in den 
späten Tagen des Tiberius "erstmals seine Strahlen auf diese eiskalte 
Insel warf". Er beharrt auf der Theorie der Christenverfolgung des 
Diokletian. Britannien wurde massig mit heiligen Märtyrern ver¬ 
sorgt. Die Orte ihrer Leidensgeschichten und Bestattungen sollen in 
unseren Köpfen das Feuer der Nächstenliebe entfachen. Da wären 
der heilige Alban von Verulam, Aaron, Julius und Andere. Auf dra¬ 
matische Weise erzählt er uns die Geschichte des heiligen Alban, in 
dessen Kloster er möglicherweise schrieb. 

Er wiederholt das kirchliche Prinzip, dass "es Häresien geben muss", 
nach welchem schon so viel kirchliche Geschichte konstruiert wurde. 
Die Kirche ist im Wesentlichen kämpferisch. Ihre Orthodoxien wie 
auch ihre Heterodoxien treten stets in Form von Personen auf. Aus 
diesem Grund mussten die perfiden Arianer todbringend über den 
Ozean nach Großbritannien kommen. Weiter liefert er uns Geschich¬ 
ten von Tyrannen, Verwüstungen, Pestilenzen und dem Fall von 
Städten. Er findet diese Dinge in den Texten der Psalmen und Pro¬ 
pheten. Schließlich wird dem Israel in Britannien der Friede gewährt. 

Im zweiten Teil seines Werkes fährt er mit den so von ihm benannten 
"Increpationen" fort. Im Klartext sind dies Salven "scharfer Worte", 
die sich gegen die fantastischen Tyrannen Britanniens richten - in 
diesem Fall gegen einen Konstantin, einen Aurelius, einen Vortipori- 



296 


us, einen Cuneglas und einen Maglocunus. Die aufgeblasenen Sätze 
wirken auf uns wie die Reden, die einem gewaltsam von der Kanzel 
entgegenschallen. Gefahrlos schleudert der Redner die donnernden 
Orakel der hebräischen Propheten gegen die gebeugten Schatten, 
während sich möglicherweise auch englische Lords, Magnaten und 
Satrapen unter dem gemeinen Volkes befanden. Er achtet dabei auf 
ihre Gesichter, um zu sehen, ob sie die Pfeile der Überzeugung auch 
bis nach Hause tragen werden; und um festzustellen, wer über den 
Schutz frohlockt, den die Mutterkirche den leidenden englischen 
Freiheiten gewährt, denn es war eines der sorgfältigst verfolgten Zie¬ 
le der Mönche des Benediktinerordens beim Schreiben der engli¬ 
schen Geschichte, diesen Orden als ständigen Freund des Volkes in 
dessen Kampf gegen die Unterdrückungen der Mächtigen darzustel¬ 
len. 

John Leland entdeckte eine den als "Nennius" auftretenden Schreiber 
betreffende Fälschung, die der von Polydor Vergil bei "Gildas" ent¬ 
deckten ziemlich ähnelt. Leland fand in der Abtei Rievaulx in Yorks- 
hire ein Manuskript über die britische Geschichte, das lächerliche Fa¬ 
beln enthielt. Doch wie auch Polydor schlussfolgerte er, dass die of¬ 
fenkundige Fälschung die Existenz der echten Schrift bedingt, was 
zweifellos genau der Rückschluss war, für den das Manuskript ge¬ 
schaffen wurde. 

Zurück zu Beda: Ich kenne keinen bekannten Kritiker, der jemals die 
Fragen aufgeworfen hätte, die in Bezug auf Beda von elementarer 
Bedeutung sind. Wer verbürgt sich für seine Persönlichkeit, seine 
Wirkungsstätte und seine Epoche? Diese Fragen wurden bisher we¬ 
der gestellt noch beantwortet. Beda, dessen Name allegorisch für die 



297 


Idee des Gebets ist, ist einer der Figuranten im benediktinischen Li¬ 
teraturverbund. Die Aussagen am Ende seiner "Kirchengeschichte 
des englischen Volkes", von denen angenommen wird, dass er sie auf 
sich selbst bezieht, finden wir mit nur geringfügigen Abweichungen 
auch in die Schriften anderer im 12. Jahrhundert platzierter Be¬ 
nediktiner eingefügt. Vor dem 16. Jahrhundert wusste kein nicht 
dem Orden ungehöriger Gelehrter etwas von diesem Beda. Im We¬ 
sentlichen ist das kritische Problem damit gelöst. 

Das von den Benediktinern aufgestellte kanonische Prinzip lautet, 
dass niemand ein Zeugnis von sich selbst ab legen darf, sofern dies 
nicht von Anderen gestützt wird. Allerdings verletzen sie dieses 
Prinzip ständig. Das einzige Zeugnis für die Existenz "Bedas" im 
achten Jahrhundert ist sein eigenes am Ende seiner "Kirchenge¬ 
schichte". Bevor ich nun zitiere, sei jedoch angemerkt, dass die frühe¬ 
ren Exemplare des Werkes dieses letzte Buch nicht enthielten. Poly- 
dor Vergil bekam es offenbar nicht zu Gesicht und Leland sagt deut¬ 
lich, dass es in keinem der gedruckten Exemplare zu finden war. Be¬ 
merkenswert ist, dass der Mönch "Boston von Bury" das letzte Kapi¬ 
tel definitiv gelesen hat. Das folgende sogenannte Selbstzeugnis 
kann also erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts niedergeschrieben 
worden sein. Es lautet: 

"Mit Gottes Hülfe habe ich Beda, Diener und Priester Christi in 
dem Kloster der heiligen Apostel Petrus und Paulus zu Viur- 
ämuda und Ingyruum (Monkwearmouth-Jarrow), dieses über 
die Kirchengeschichte Britanniens und besonders des Volkes 
der Angeln niedergeschrieben, so wie ich es aus den Schriften 
der Alten, der Überlieferung der Vorfahren und durch eigene 



298 


Wahrnehmung kennen gelernt habe. 

Ich bin geboren worden in dem Gebiete jenes Klosters (679). 
Als ich sieben Jahre alt war, übergab mich die besorgte Liebe 
meiner Angehörigen dem hoch würdigsten Abte Benediktus 
und darauf dem Ceolfrid zur Erziehung. Seitdem habe ich 
mein ganzes Leben in jenem Kloster zugebracht und mein 
ganzes Streben war auf das Studium der Schriften gerichtet. 
Süß war es mir immer, neben der Beobachtung der klösterli¬ 
chen Zucht und dem täglichen Chorgesange zu lernen oder zu 
lehren oder zu schreiben. Im neunzehnten Jahre meines Le¬ 
bens empfing ich auf Geheiß des Abtes Ceolfrid die Dia- 
conatsweihe (691), im dreißigsten die Priesterwürde (702). Bei¬ 
de Weihen ertheilte mir der hochwürdigste Bischof Johannes. 
Von der Zeit meiner Priesterweihe bis zu meinem neunund¬ 
fünfzigsten Lebensjahre (731) habe ich aus den Werken der 
Väter Folgendes zur Erklärung der heiligen Schrift kurz zu¬ 
sammengetragen ober auch im Geiste und Sinne der Väter sel¬ 
ber verfasst, um damit meinem und der Meinigen Bedürfnisse 
zu dienen." 

Er bringt dann eine Auflistung seiner Werke, gefolgt von den ab¬ 
schließenden Worten: 

"Und nun wende ich mein Gebet zu Dir, o guter Jesus. Du hast 
mir gnädig verliehen, zu schöpfen aus dem süßen Born Deiner 
Erkenntnis. O lass mich in Deiner Güte auch einstens gelangen 
zu Dir, dem Quell aller Weisheit, lass mich immerdar verwei¬ 
len vor Deinem Angesichte." 



299 


Die Benediktiner konnten unmöglich im siebten und achten Jahrhun¬ 
dert Kommentare zu den Büchern des Alten und des Neuen Testa¬ 
ments schreiben, da diese Bücher einfach noch nicht existierten. Es 
wird vorgegeben, im abgelegenen Kloster an der Mündung des Wear 
in jenen frühen Zeiten bereits wesentlich mehr vollbracht zu haben 
als 500 Jahre nach Beda im Kloster Saint-Merry in Paris. Hier hören 
wir nun auch erstmals von den Opuskeln des heiligen Augustinus 
über "den Apostel", die anbetrachts sämtlichem Beweismaterial erst 
frühestens im 15. Jahrhundert bekannt wurden. Der Name Beda ist 
eindeutig nur eine Maske für die literarische Tätigkeit der Benedikti¬ 
ner in jenem späteren Zeitalter. 

Zudem unterstützt der benediktinische Bruder Sigebert von Gem- 
bloux Bedas Aussagen in seinem langen 171 Namen von kirchlichen 
Schreibern enthaltenden Katalog, indem er sie darin einfach wieder¬ 
holt. Seine Worte lauten: 

"Der Mönch Beda aus dem Volke der Angeln, eröffnet uns in seinen 
eigenen Worten, wer er war und woher er stammt sowie was und 
wie viel er schrieb." 110 Dann folgt das obige Zitat und die Liste der 
Werke. 

Boston von Bury kopiert ebenfalls die Liste der Werke von Pseudo- 
Beda, wenn auch nicht ganz getreu. Allerdings schreibt er, sie stam¬ 
men aus seiner "Geschichte der Angeln". Weiter sind die abschließen¬ 
den Worte aus der "Kirchengeschichte", wie sie uns Boston liefert, 
andere als die in Bedas Text. Er fügt fügt dann noch eine be- 


110 Katalog, c. 68. 



300 


trächtliche Anzahl von Werken hinzu, die er ebenfalls Beda zu- 
schreibt. Boston erwähnt Sigebert zwar namentlich, schreibt ihm 
aber kein einziges Werk zu. Während Beda von Sigebert gestützt 
wird, beruht Sigebert ausschließlich auf seinem eigenen Zeugnis. 

Beda wurde als große Koryphäe der Kirche in England ausgemacht 
und man schrieb ihm auch den größten Teil der Literatur zu. Jedoch 
haben wir es hier nicht mit dem ehrwürdigen Beda sondern lediglich 
mit dem Mönch und Priester des ehrwürdigen Klosters Monkwear- 
mouth-Jarrow zu tun. Man fand heraus, dass er etwa um 706 erblüht 
und im 734 im Alter von neunundfünfzig Jahren verstorben sein soll. 
Allerdings hat man bis heute nicht seine vollständige "Kirchenge¬ 
schichte des englischen Volkes" entdeckt. Der Vergleich mit der auf 
Beda bezogenen Anmerkung des Abtes von Sponheim gegen Ende 
des 15. Jahrhunderts und mit der Anmerkung in Lelands "Kommen¬ 
taren" aus dem darauffolgenden Zeitalter zeigt uns, dass sich die 
Theorie vom ehrwürdigen Beda und seinen Schriften noch bis zu ei¬ 
nem bestimmten Punkt im 16. Jahrhundert in einem flüssigen Zu¬ 
stand befand. 

Seit dieser Zeit bauten unsere Historiker größtenteils und ohne 
Überprüfung der Beweise auf der Kirchengeschichte Bedas auf, ob¬ 
gleich der kluge Thomas Füller diese Fiktionen im skeptischen 17. 
Jahrhundert freimütig verspottete. Wenn wir bedenken, dass Poly- 
dor Vergil, der um das Jahr 1530 schreibt, Bedas Angaben zu seinen 
Geburts- und Todesdaten nicht kannte, wie sah es dann um die Mitte 
des 15. Jahrhunderts um den Stand der historischen Spekulation in 
England aus? Polydor schreibt lediglich, dass Beda während der Re¬ 
gentschaft von König Ceolwulf gestorben sei und dass er diesem sei- 



301 


ne "Geschichte" gewidmet habe. Er fügt die folgenden Schriften zu 
Bedas Autorenschaft hinzu: 

• Über die Apostelgeschichte 

• Über das Markusevangelium 

• Über die Zeiten 

• Predigten, die besonders unter den Engländern häufig ver¬ 
wendet wurden 

• Über VII kanonische Episteln; 

• Über die Apokalypse 

• Über die Genesis 

• Über Esra; 

• Über die Bücher der Könige; 
und viele andere verschollene Schriften. 

Kommen wir noch zum Bericht über Beda aus dem 24. Kapitel des 
Katalogs von Trithemius 111 : 

„Beda, der Mönch und Priester von dem Orden des heiligen 
Benedikt, aus dem Kloster der heiligen Apostel Petrus und 
Paulus in England, war ein in den göttlichen Schriften höchst 
gelehrter Mann und wies auch in den weltlichen Schriften die 
höchsten Fertigkeiten auf. Er war Philosoph, Astronom, Ma¬ 
thematiker und angesehener Dichter, des Griechischen nicht 
unkundig, generell von ausgezeichneten Fähigkeiten, zwar 
nicht fein in seinem Stil, jedoch lieblich und gefasst. Er schrieb 
viele Werke, in denen er seinen Scharfsinn unter Beweis stellte. 
Als er sieben Jahre alt war, wurde er auf Veranlassung seiner 

111 Trithemius, "De Scriptoribus Ecclesiae - J. A. Fabricius, Bibi. Eccles." 1718, S. 
65. 




302 


Angehörigen dem hochwürdigsten Abt Benedikt und später 
Ceolfried zur Erziehung übergeben. Fortan verbrachte er seine 
gesamte Lebenszeit in demselben Kloster und widmete sich 
ganz der Beschäftigung mit den (heiligen) Schriften. Soweit 
die Beobachtung der klösterlichen Lebensordnung und die 
tägliche Sorge um den Gesang in der Kirche noch Zeit ließ, 
hatte er seine Freude daran, entweder zu lernen oder zu lehren 
oder zu schreiben. Im neunzehnten Jahr seines Lebens emp¬ 
fing er auf Veranlassung seines Abtes Ceolfried durch den 
hochwürdigsten Bischof Johannes die Diakonatsweihe, im 30. 
Lebensjahr die Priesterweihe. Von der Zeit seines Priestertums 
an, schuf er bis zu seinem Tode die folgenden Werke." 

Es folgt eine Liste von nicht weniger als 52 Abhandlungen, bei wel¬ 
chen es sich hauptsächlich um Kommentare zu biblischen Büchern 
handelt. Dann fährt Trithemius fort: 

"Noch viele weitere Schriften von ihm wurden veröffentlicht, 
doch werden wir uns dessen beim Lesen nicht gewahr. Weil er 
solch großes Ansehen in der Kirche genoss, wurden seine 
Opuskeln bei den Bischofsweihen in England schon zu seinen 
Lebzeiten und noch während er immer neue Dinge schrieb öf¬ 
fentlich in den Kirchen gelesen. Da man ihm aber als einem 
noch Lebenden in den Aufschriften zu diesen Lectionen kei¬ 
nen anderen Titel geben konnte, so nannte man ihn "ehrwür¬ 
dig", und dieser Titel ist ihm geblieben, als er schon in der Kir¬ 
che als "heilig" verehrt wurde. Einige erfanden andere Gründe 
für den Titel "Ehrwürdig" und führen ihn auf eine Inschrift zu¬ 
rück. Andere phantasieren, dass Beda blind gewesen sei. Sie ir- 



303 


ren sich, denn Beda war weder blind noch kennen wir eine sol¬ 
che Inschrift an seinem Grab. Wäre ich nicht der Kürze ver¬ 
pflichtet, so würde ich diese Schwärmereien in der Tat leicht 
widerlegen. Er starb zur Zeit des Kaisers Leo, im 732. Jahre des 
Herrn, in der XV. Indiktion, seinem zweiundsiebzigsten Le¬ 
bensjahre, einen Tag vor den Kalenden des Iunius. 112 " 

Obgleich das Vorwort von Trithemius auf 1492 datiert ist, wird der 
Leser feststellen, dass dieser und viele andere Teile erst einige Jahr¬ 
zehnte später niedergeschrieben worden sein konnten, wie der Ver¬ 
gleich mit Leland und anderen Bibliographen deutlich zeigt. 

John Leland belegt eine noch bestehende Unsicherheit hinsichtlich 
der Beda betreffenden Datierungen. Anders als Trithemius glaubt er, 
dass Beda 60 Jahre alt geworden sei. Jedoch fiirt Leland zur Unter¬ 
mauerung seiner Ansicht lediglich an, dass Beda neunundfünfzig 
war, als er seine "Historie" beendete und danach nicht mehr lange 
lebte. Er leitete dies aus einem Manuskript ab, denn er sagt aus¬ 
drücklich, dass das letzte Kapitel des fünften Buches in den gedruck¬ 
ten Exemplaren stets fehlte. Lür das Selbstzeugnis führt er auch ein 
Zitat von "Wilhelm von Malmesbury" an. Die von Leland angefügte 
Liste der Beda zugeschriebenen Werke ist fünf- bis sechsmal länger 
als die einige Jahre zuvor von Polydor angefertigte. Er gesteht jedoch 
ein, dass man Beda viele Werke fälschlicherweise zuschrieb. Den¬ 
noch lässt er sich zu einem Ausbruch in Lorm einer götzendieneri¬ 
schen Hommage an die außergewöhnliche Gelehrsamkeit Bedas ver¬ 
leiten, der nun auf einen Sockel gestellt wurde, von dem ihn zu ent¬ 
fernen ein Prevel wäre. 

112 Die "Chronik" von Engelhus gibt das Jahr 735 und sein Alter mit neunundfünf- 
zig an. 



304 


Der Name "Beda" ist damit ein Symbol für die literarische Tätigkeit 
einer Gruppe von Benediktinern, denen die Pflicht auferlegt wurde, 
die imaginäre Vergangenheit Englands und die der nördlichen Pro¬ 
vinz zu illustrieren. Dieser Fall gibt uns die Möglichkeit die Existenz 
des Gesetzes zu beweisen, welches seine Anwendung nicht nur in 
der englischen Geschichte und Literatur findet, sondern auch im 
breiteren Feld der Geschichte der menschlichen Kultur. Keineswegs 
ist hierbei eine bekannte Persönlichkeit die Schöpfung eines Fundus 
an Literatur, denn tatsächlich ist es eine Gruppe von Schreibern, die 
in Sachen Geschichte, Wissenschaft oder Dramatik ihre eigenen Ide¬ 
en kultiviert und zu diesem Zwecke ideale oder götzenhafte Persön¬ 
lichkeiten erschafft, unter deren Schirmherrschaft ihre Arbeit Einzug 
in die Nachwelt halten soll. Die auf Beda bezogenen Überlieferungen 
veranschaulichen dieses Prinzip äußerst eindrucksvoll. Im Verlauf 
unserer Untersuchungen werden uns noch weitere und ebenso wich¬ 
tige Illustrationen dessen begegnen. 

Halten wir einen Moment inne und lassen Revue passieren, bis zu 
welchem Punkt uns unsere bisherigen Untersuchungen geführt ha¬ 
ben. Die Bestimmung der Epoche, in welcher die Beda zugeschriebe¬ 
ne "Geschichte" komponiert wurde, bedingt die Bestimmung der 
Epoche des Beginns der benediktinischen Literatur, welche wieder¬ 
um die Epoche der Erfindung des Druckes ist. Die sorgfältige Prü¬ 
fung des Inhalts zeigt, dass das Werk zeitlich nicht weit von der ers¬ 
ten allgemeinen Kirchengeschichte verfasst wurde. Allerdings zeugt 
das Werk Bedas von einer wesentlich umfassenderen Kenntnis der 
Bibel und insbesondere des Neuen Testaments. Wenn wir alle ver¬ 
fügbaren Beweise zusammenführen, die sich auf das Aufkommen 



305 


der Bibel in den Klöstern beziehen und zusätzlich die unabhängigen 
Zeugnisse von Gelehrten wie Polydor und Leland berücksichtigen, 
die das früheste Bekanntsein der "Kirchengeschichte" Bedas betref¬ 
fen, zeigt sich, dass das Werk unmöglich älter als die letzten Jahr¬ 
zehnte des 15. Jahrhunderts sein kann. Außerhalb der Klöster war es 
bis zur Regierungszeit Heinrichs VIII. völlig unbekannt. Erstmals ge¬ 
druckt wurde es erst 1643. Einer wirklichen Kritik wurde es erst un¬ 
terzogen als es in die Hände des bewundernswerten Thomas Füller 
gelangte. 

Doch von noch generellerem Interesse ist die Entdeckung dessen, 
dass Boston von Bury für die letzten 300 Jahre keinerlei Exemplare 
von Werken angibt, die als Quellen für die englische Geschichte ver¬ 
wendet wurden. Ein in dieser Hinsicht berühmter Name ist z.B. Wil¬ 
helm von Malmesbury. Boston bemerkt über ihn folgendes: "Der 
Mönch 'Wilhelm von Malmesbury' wirkte gegen A.D. ... und schrieb 
'De Gestis Regum Angliae' lib.V und 'De Gestis Pontificum'." 

Zwar hörte er von Wilhelm, doch obwohl er theoretisch 300 Jahre 
später als Wilhelm schreibt, weiß er nicht, in welcher Epoche dieser 
lebte und hat von keinem einzigen Exemplar seiner Werke in Eng¬ 
land Kenntnis. 11 ' Ebenso hörte er von Radulfus de Diceto mit seinen 
"Ymagines Historiarum", der Anfang des 13. Jahrhunderts Dekan 
von St. Pauls gewesen sein soll. 114 Doch obgleich Boston St. Pauls be¬ 
sucht hat, erwähnt er kein Exemplar des Buches. 

Gleichermaßen ist unserem Mönch von Bury eine Reihe von Chro¬ 
nisten unbekannt, welche dem Zeitraum von 1200 bis 1300 zugeord- 

113 Vgl. Leland "Comm", K. 166, der vierzehn Werke aufzählen kann. 

114 Leland sagt, dass dieser "etwa 400 Jahre" vor seiner Zeit lebte. 



306 


net wurden und historischen Zwecken dienten. Unter diesen befin¬ 
den sich Walter Map, Gervase von Canterbury, Benedikt von Peter- 
borough, Roger von Hoveden und Roger von Wendover. Boston er¬ 
wähnt ein Exemplar des Werkes von Wilhelm von Newbury. Er 
nennt den Namen Gervase von Tilbury und dessen Werk "De Solatt. 
Imperii", erwähnt jedoch kein Exemplar des Buches. Von "Heinrich 
von Huntingdons" "Geschichte der Könige Englands" erwähnt er 
vier Exemplare. Allerdings glänzen Symeon von Durham, Johannes 
und Richard von Hexham, Aelred von Rievaulx und Johannes 
Brompton durch Abwesenheit. 

Doch wie steht es um Matthäus Paris, den bedeutenden Historiker, 
der uns die Vorgänge um die Magna Carta überlieferte? Zweifellos 
muss diese dem 13. Jahrhundert zugeordnete Koryphäe von St. Al¬ 
bans und von ganz England in der Mitte des 15. Jahrhunderts so¬ 
wohl in St. Albans als auch in Bury bekannt gewesen sein - jedoch 
Fehlanzeige: Boston hat die Werke von Paris weder in St. Albans 
noch in irgendeinem anderen englischen Kloster entdecken können. 
Zwar stieß er auf seinen Namen und die Tatsache, dass er ein histori¬ 
sches Werk verfasste, jedoch auf nichts weiteres. Er sagt: "Matthäus 
Paris wirkte um das Jahr Christi... und schrieb eine Historie oder ein 
Buch der Chroniken." Das ist alles - das Bewerben des Paris schon 
vor dem Erscheinen seines Werkes. 115 

Genau sowenig kennt der Mönch von St. Edmunds die dem späten 
14. Jahrhundert zugeschriebenen Werke. Er weiß nichts von dem "Ri¬ 
chard von Hexham" zugeschriebenen Werk über die Erzbischöfe 
von York und damit nichts von dem, was der angeblich um 1373 wir- 

115 Vgl. Leland, "Comm.", K. 249, der sich des Ruhmes von Paris bewusst ist und 
seine ''Historia" kennt. 



307 


kende Thomas Stubbs als "Plagiate Richards" bezeichnete. In einem 
solchen Zusammenhang von Plagiaten zu sprechen zeugt jedoch von 
einer absoluten Unkenntnis des Wesens der benediktinischen Litera¬ 
tur. Um die fiktive Antike weiter abzusichern, versah man dasselbe 
Material sowohl mit dem Namen Hexham als auch mit dem Namen 
Stubbs. Die Verdienste des auf etwa das Jahr 1380 datierten Wilhelm 
Thorn von Canterbury 116 und die vom angeblich um 1395 wirkenden 
Heinrich Knighton 117 , Kanonikus zu Leicester, sind der religiösen 
Welt bis heute noch nicht vorgelegt worden. 

Die Gefahr besteht eher in der Unterschätzung der tiefgreifenden 
englischen Ignoranz in Bezug auf die Beweislast dieses Katalogs, je¬ 
doch keineswegs darin sie überzubewerten. Nehmen wir die Kom¬ 
mentare zur Heiligen Schrift und die Andachtswerke heraus, so 
bleibt kaum noch etwas übrig. 

Auf der ganzen Insel konnten gerade einmal etwa sieben Exemplare 
von Bedas "Geschichte", etwa sechs Exemplare eines Werkes über all¬ 
gemeine Geografie und ein weiteres über die heiligen Stätten und Je¬ 
rusalem aufgefunden werden. Die Wahrheit lautet, dass die Mönche 
in England zu dieser Zeit weder etwas von Geografie noch von Ge¬ 
schichte verstanden. Ihnen wurde lediglich eine aus dem Alten Tes¬ 
tament stammende dogmatische Theorie über die Welt beigebracht, 
welche mit der Entdeckung der Neuen Welt im Westen rasch wieder 
verworfen wurde. 

Zweifellos war das Erzählen von Winternachtsmärchen im Gange; 
doch die im Gleichschritt mit der Kirchenromanze groß werdende li- 

116 Leland, K. 410. 

117 Ebd.,K. 429. 



308 


terarische Romanze von König Arthur kann nicht wesentlich weiter 
zurückverfolgt werden als bis zu John Lydgate, welcher ebenfalls ein 
Mönch von St. Edmunds gewesen sein soll. 

Zur Veranschaulichung dieses Punktes können wir anführen, dass 
Boston die "Goldene Geschichte des Johannes Tinmulhensis" er¬ 
wähnt (von der es später hieß, sie sei 1366 erschienen). Das Werk ist 
zweifellos einer der frühesten Versuche einer Kirchenromanze. Es 
besteht aus "verschiedenen Geschichten und Ereignissen der Welt, 
von der Schöpfung bis zur Zeit von König Edward". Von der "Golde¬ 
nen Geschichte" werden lediglich vier Exemplare erwähnt; eines in 
Bury und die anderen in St. Albans, Spalding und Tynemouth. 

Nun noch ein weiteres Beispiel für die Substanzlosigkeit dieses ro¬ 
hen Kataloges: Thomas von Aquin könnte von Benediktinern und 
Dominikanern in England bereits lange bevor sie auch nur eine Zeile 
unter seinem Namen zu lesen bekamen verehrt worden sein. Doch 
scheint Wolsey der erste bedeutende als Thomist bezeichnete Mann 
außerhalb der Klöster zu sein. 

Hinsichtlich Thomas von Aquin müssen wir feststellen, dass der Ka¬ 
talog Bostons lediglich seinen Namen erwähnt. Er berichtet jedoch 
von einem Dominikaner namens Robert de Oxford. Von diesem be¬ 
richten uns andere Brüder, dass er um 1340 gegen den Benediktiner 
Heinrich von Gent schrieb, welcher den engelsgleichen Gelehrten an¬ 
gegriffen hatte. Dieser Hinweis führt uns zur Schule von Paris, wo es 
gemäß der Überlieferung starke Reibungen mit den Bettelmönchen 
des 13. Jahrhundert gab und wo uns einige Ermahnungen seitens 
dieser Bettelmönche die Anfänge intellektueller Aktivität am Ende 



309 


des 14. Jahrhundert zu präsentieren scheinen. Boston vernahm über 
diese Angelegenheit einige Gerüchte. Doch wie kann es nur möglich 
sein, dass er sich über Johannes Vicoclivus alias Wiclif und die ab¬ 
scheulichen Lollar den auslässt, obgleich er doch in deren Mitte ge¬ 
lebt haben soll? Dieses Schweigen dürfte die Buße von St. Albans 
sein. 

Angenommen der Katalog von Boston von Bury wurde Ende des 15. 
Jahrhunderts zusammengestellt, so würde das bedeuten, dass Bury 
zu dieser Zeit das literarische Zentrum Englands war, während St. 
Albans dahinter zurückblieb, zumal nur sehr wenige Bücher diesem 
letztgenannten Kloster geschuldet sind. Die aus St. Albans selbst 
stammenden Beweise mindern keineswegs den Eindruck einer intel¬ 
lektuellen Hintansetzung, selbst nicht in den glorreichen Tagen des 
großen literarischen Abtes Joannes Frumentarius beziehungsweise 
Johannes von Wheathamstead. 

Die Entstehungsgeschichte des Ideals dieser benediktinischen Kory¬ 
phäe kann recht genau nachverfolgt werden. Sie entspricht in groben 
Zügen der des noch glänzenderen literarischen Abtes von Sponheim, 
Johannes von Trittenheim, der gemeinhin Trithemius genannt wird. 
Irgendwann im späten 15. oder frühen 16. Jahrhundert erachtete 
man es als notwendig, unter dem Symbol eines blühenden Namens 
einen Zustand blühender Kultur in St. Albans darzustellen. Den Na¬ 
men dazu lieferte das Dorf Wheathamstead. Die Mönche verübten 
ein elendiges Wortspiel und verwandelten den dortigen Johannes in 
Johannes Frumentarius. Doch geben sie sich mit diesem Streich noch 
nicht zufrieden und erstellen unter seinem Namen ein Werk, welches 
sie "Granarium" (Kornspeicher) nennen, womit sie gleich ein zweites 



310 


Wortspiel einsetzen. Diejenigen, die mit diesen Ordensschriften ver¬ 
traut sind, werden wissen, dass die Mönche genauso viel Wert auf 
die Kunst der Wortspiele legen wie die Juden der Kabbala. Auch die 
kanonischen Schriften sind da keine Ausnahme. 

Man kann weder der Quantität noch der Qualität des Getreides im 
Getreidespeicher des weizigen Abtes von St. Albans huldigen. Das 
Buch, welches sich in Manuskriptform in der Cotton Library befin¬ 
det, besteht aus zwei Teilen und kann als erster Versuch der Anferti¬ 
gung eines klassischen, mythologischen und zugleich auch kirchli¬ 
chen Wörterbuchs angesehen werden. In einem anderen Fall wurde 
das Werk als "historische Historiographie" betitelt. 

Als erstes fällt der Name "Abgarus von Edessa". Einige Leser dürften 
sich der Bedeutung bewusst sein, die der Briefwechsel zwischen Je¬ 
sus und dem König Augarus, Abgarus oder Abagarus von Edessa 
für eine kritische Betrachtung der Legende hat. Sie wird uns ausführ¬ 
lich in der Eusebius von Caesarea zugeschriebenen ersten Kir¬ 
chengeschichte gegeben. Tatsächlich enthält dieses fadenscheinige 
Fabelsystem, aus welchem nur wenige Zeilen mit dem Neuen Testa¬ 
ment korrespondieren, keineswegs eine Jesus-Erzählung, die so de¬ 
tailliert wie der Briefwechsel ist. Die "Kirchengeschichte" kann un¬ 
möglich jünger als die kanonischen Erzählungen sein. Doch die seit 
der Reformation allmählich voll auf das Neue Testament gerichtete 
Aufmerksamkeit führte dazu, dass Jesus-Mythen wie die Abgarus- 
Briefe in den Hintergrund gedrängt wurden. 

In dieser späten Phase beginnen sich die Mönche von St. Albans mit 
dem Fabelsystem vertraut zu machen, welches sie nur allzu gerne als 



311 


Kirchengeschichte bezeichnen. Wie es um ihre diesbezüglichen Vor¬ 
stellungen stand, ist dem "Granarium" mannigfach zu entnehmen, 
z.B. den Beiträgen über den Antichristen, Basilius den Großen, die 
Kirche und die Kirchengeschichte, über den Glauben, die Häresie 
und dergleichen. Die Theorie von "Beda" steht noch nicht endgültig. 
Er wird als "Priester und Mönch des Klosters Jarrow" oder, wie ande¬ 
re verkünden, des Klosters "Wearmouth" bezeichnet. Seine Ehrwür¬ 
digkeit hatte er noch nicht erlangen können. 

Es scheint, als habe die Karriere des Johannes Wiclif (in lateinischer 
Sprache Vicoclivus) etwa hundert Jahre nach seiner herkömmlichen 
Datierung begonnen. Er wird als "bösartigster (most wicked) aller 
Menschen" beschrieben, was auch durch seinen Namen zum Aus¬ 
druck gebracht wird. Die Bemühungen der Gelehrten der letzten 
Jahre trugen allesamt nichts dazu bei, die Erklärung dieser Bemer¬ 
kung über Wiclif aus dem aus St. Albans stammenden 
"Granarium"zu beleuchten. Wäre es nicht an der Zeit zu verkünden, 
dass Johannes Wiclif keineswegs als historische Persönlichkeit zu be¬ 
trachten ist, um sich damit alle weiteren vergeblichen Mühen zu er¬ 
sparen? Wie in massenhaft anderen Fällen auch, haben wir es hier 
mit einer praktischen Figur der armen Priester zu tun, auf welche die 
Mönche und Ordensbrüder ihre polemischen Pfeile abschießen. Sie 
ist daher ein Gegenstück zu ihren eigenen orthodoxen Auffassungen. 

Scheinbar begann man in St. Albans nun die Lateiner zu lesen oder 
zumindest über sie zu sprechen. Der unter dem Namen "Tertullian" 
schreibende Mönch nennt Tacitus den "geschwätzigsten Lügner" und 
bezieht sich auf dessen Bericht über die Juden, in welchem er diese 
als den Ägyptern zugehörig - gens Egipeia - bezeichnet. Tacitus 



312 


scheint die Josephus zugeschriebenen Werke nicht zu kennen, liefert 
uns jedoch eine Fabel über Jesus, den Sohn des Ananias. Weiter fin¬ 
den wir bei ihm einen Abschnitt über Joseph von Arimathäa und 
darüber, wie dieser nach Großbritannien kam. Die Standard-Ge¬ 
schichten über römische Kaiser und Karl den Großen wurden ledig¬ 
lich übernommen. 

Das "Granarium" ist lediglich eine weitere Offenbarung der 
schmachvollen Unwissenheit und des leidenschaftlichen Hasses ge¬ 
gen das nach England dringende geistige Licht. Es ist zugleich eine 
Schrift der bitteren Hartnäckigkeit und Unwahrheit als einziges Mit¬ 
tel zur Erhaltung eines falschen Systems. Als wollten sie ihre Entblö¬ 
ßung vollends offenbaren, heißt es von Johannes von Whea- 
thamstead, wie es auch für Trithemius gilt, dass sich seine mönchi¬ 
schen Brüder gegen ihn verschworen und er einen zu hohen literari¬ 
schen Aufwand betrieb, womit er ihre temporären Interessen ver¬ 
nachlässigte. Hatten die Benediktiner zur Zeit des Drucks und der 
Reformation etwa die Absicht, vorzutäuschen, dass man wesentlich 
mehr für die literarische Kultur unternommen hätte, sofern bei der 
Masse der Mönche nicht eine solche Beschränktheit und Sinnesfreu¬ 
digkeit vorgeherrscht hätte? In Wahrheit wurde den Klöstern die 
Kultur durch den steigenden Wissensdurst der Welt aufgezwungen. 



313 



314 



315 


©ie P<mlu«briefe 

erneut stutuert unD erflctrt 

non 

(SDtotn 3o^n«on 


1894 



316 



317 


töorfoott 


Das gegenwärtige Bestreben zur Aufklärung des Paulus-Problems 
beruht auf der Initiative von Herrn F. F. Arbuthnot, M. R. A. S., Her¬ 
ausgeber der "Oriental Translations" (New Series), sowie auf den Er¬ 
mutigungen eines oder zweier anderer Freunde. Für die großzügige 
Anerkennung meiner Arbeit möchte ich mich angesichts der in sei¬ 
nen Werken zu findenden literarischen und historischen Forschungs¬ 
arbeiten bei Herrn Arbuthnot bedanken. 

Es versteht sich von selbst, dass ich lediglich versucht habe eine sug¬ 
gestive Abhandlung innerhalb moderater Grenzen zu schreiben. Die 
Paulus-Frage final zu beantworten und ad acta zu legen bedeutet sel¬ 
biges auch bezüglich der Frage nach dem Ursprung und der Ent¬ 
wicklung der Gesamtheit der christlichen Schriften zu tun. 

Ich möchte hinzufügen, dass ich bei der Untersuchung des literari¬ 
schen Materials die einfachsten analytischen Tests angewandt habe. 
Diese führen zu Ergebnissen, die mich zugegebenermaßen selbst in 
Staunen versetzen - die Lehrwelt im Allgemeinen nicht minder. Es 
überrascht mich nicht, dass mich voreilige Denker für wahnsinnig 
erklären. Ich vertraue jedoch darauf, dass ruhige und nachdenkliche 
Leser das von mir Geschriebene als glaubwürdige, wenn auch jeder¬ 
zeit korrigierbare, Stellungsnahme zu literarischen Sachverhalten ak¬ 
zeptieren. 



318 



319 


fSapüel I 
(Einleitung 


Die Neubetrachtung der Paulus-Frage hinsichtlich der "Wiederent¬ 
deckung der Schriften" 

Ich schreibe diese Broschüre über die Paulusbriefe auf Anregung 
einiger Freunde, die sich für meine Forschungen und die aus diesen 
resultierenden ungewöhnlichen Auffassungen interessieren. Sie 
stellten fest, dass meine Vorgehensweise den wissenschaftlichen 
Grundsätzen historischer Untersuchungen entspricht. Meine 
Freunde sind jedoch der Auffassung, dass ich auf weitere Einzel¬ 
heiten eingehen sollte, um so aufzuzeigen, ob das, was ich über das 
gesamte System der Kirchenliteratur geäußert habe, auch auf einen 
bestimmten Teilbereich dieser Literatur zutrifft - in diesem Fall auf 
die Paulusbriefe. 

Bei den Texten handelt es sich um viel gerühmte Schriften, welche 
lange Zeit als Erzeugnisse eines der bemerkenswertesten Männer 
galten, die an der Gründung der christlichen Kirche mitwirkten; und 
das vor rund 1.800 Jahren. Ich dagegen behaupte, dass diese lange 
gediehene Vorstellung völlig illusorisch und falsch ist. Weiter be¬ 
haupte ich, dass die Paulus-Legende mitsamt seinen Episteln aus der 
europäischen "Wiederentdeckung der Schriften" stammt. Die 
Episteln 118 waren höchstwahrscheinlich nicht die Erzeugnisse eines 

118 Epistel ist ein über das Lateinische aus dem Griechischen entlehntes Wort für 
''Brief, das für Brieftexte gehobenen Anspruchs (Sendschreiben, Versepistel) 
verwendet wird, insbesondere für die Apostelbriefe der Bibel. Als liturgische 
Kurzbezeichnung bezieht sich der Begriff auf bestimmte, im Gottesdienst zu 



320 


Mannes, sondern das Produkt mehrerer Federn, wobei ihr Inhalt 
verwendet werden sollte, um auf die besondere Zeit hinzuweisen, in 
der die große kirchliche Institution infolge innerer Unruhen 
auseinander brach. 

Der unangenehme Teil meiner Aufgabe ist folgender: Ich muss den 
Aussagen der Herausgeber dieser noch immer von beinahe der 
ganzen Welt widerspruchslos akzeptierten Schriften vehement 
widersprechen. Der Weg zur Wahrheit kann nicht an meinen 
Einwänden vorbei führen. Eine rege Leserschaft vermag ich mir 
kaum zu erhoffen. Die Ausnahmen stellen die Menschen dar, die 
sich wie ich nicht einfach mit der Dunkelheit unserer Vergangenheit 
abfinden wollen und den Wunsch hegen, sich mit einer der 
schwierigsten Fragen zu befassen, die den Geist eines aufrichtigen 
Denkers beschäftigen können. 

Bei den Paulusbriefen haben wir es mit einem riesigen Fragezeichen 
zu tun, denn obwohl die Dokumente selbst keinen besonderen 
Umfang haben, spielen sie zuhauf auf andere Dokumente des Juden- 
und Christentums an. 

Es ist klar, dass die Legende vom Leben des Paulus und dessen 
Episteln nicht geschrieben werden konnte, bevor die Sammlung der 
biblischen Bücher bekannt war, welche die Juden nutzten. Es ist 
allgemein bekannt, dass es in der Legende Anspielungen auf das 
Rabbinertum und dessen Schriften gibt. Wenn die rabbinischen 
Schriften erst zu Beginn des sogenannten "Zeitalters der Veröffent¬ 
lichungen" (um 1500 n. Chr.) aufkamen, so konnte vor dieser Epoche 


lesende Abschnitte der Bibel. 



321 


nichts von den paulinischen Schriften bekannt gewesen sein. 

Die paulinischen Schriften sind wesentlicher Bestandteil des ur¬ 
sprünglichen Schemas des Neuen Testaments. Die Sachlage des 
Neue Testaments bestimmt daher auch die der paulinischen Schrif¬ 
ten. Das Neue Testament taucht zur gleichen Zeit wie das Alte Testa¬ 
ment auf. Infolgedessen trägt Paulus auf seinen Schultern das kom¬ 
plette Schriftensystem, das von den jüdischen und christlichen Kir¬ 
chen ausgegangen ist. 

Damit kehren wir notwendigerweise auch zu jenen Themen zurück, 
mit denen ich mich bereits in anderen Schriften auseinandergesetzt 
habe. Ich habe in diesem Rahmen nicht die Möglichkeit, alle Beweise 
vorzulegen, die mich davon überzeugt haben, dass sich unsere Vor¬ 
fahren vor etwa 400 Jahren in der bloßen Morgendämmerung des li¬ 
terarischen Wissens befanden. Ich werde meine Leser davon über¬ 
zeugen, dass ich dieses Thema sehr sorgsam untersucht habe; und 
ich bin mir ziemlich sicher, dass die Kenntnis der biblischen Schrif¬ 
ten keinesfalls auf eine frühere Epoche zurückzuführen ist. Selbst in 
der Epoche, auf die ich mich beziehe, muss der Lese- und Schreibun¬ 
terricht in der Tat sehr begrenzt gewesen sein. Wir haben es dabei 
mit einer sehr dunklen und weit entfernten Zeit zu tun. 

Zunächst bin ich bestrebt, meinen Lesern die Überzeugung zu ver¬ 
mitteln, dass wir die Zeiten, die der unsrigen vergleichsweise nahe 
sind, zutiefst ignorant betrachten - jedenfalls noch um einiges igno¬ 
ranter als noch weiter zurückliegende Epochen. Jedem wahrhaft den¬ 
kenden Menschen, der dem Thema die gebührende Aufmerksamkeit 
widmet, wird klar sein, dass wir ausschließlich durch die Überliefe- 



322 


rungen unserer unmittelbaren Vorfahren etwas von dem erfahren 
können, was in ihrer und in der Zeit vor ihnen war. Wir können sie 
nicht überspringen und Dinge über die Zeit vor ihnen erfahren, die 
selbst ihrer Neugierde verwehrt blieben. 

Verglichen mit dem letzten Jahrhundert gleicht das heutige Zeitalter 
einer universellen und immer stärker werdenden Illumination. Wil¬ 
liam Leckys Ausführungen helfen uns zu erkennen, wie stark die all¬ 
gemeine Ignoranz tatsächlich war. Henry Fielding macht uns in den 
kritischen Kapiteln seines großen Romans klar, dass Lecky als einer 
der ersten ernsthaften bisher auf den Plan getretenen Naturalisten 
oder realistischen Historiker der Menschheit zu bertrachten ist. Fiel¬ 
ding äußert wiederholt seine Verachtung gegenüber den mönchi¬ 
schen Geschichts- und Chronikschöpfungen. Das 17. Jahrhundert ist 
viel dunkler als das 18.; und wiederum das 16. als das 17. Jahrhun¬ 
dert. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass die historische Litera¬ 
tur des 16. Jahrhunderts eine enorme Neigung zum Lügen aufweist; 
einerseits in all ihren Formen monströser Erfindungen und Übertrei¬ 
bungen; andererseits hinsichtlich der Unterdrückung und Ver¬ 
schleierung der Wahrheit. Ich werde in dieser Schrift darauf auf¬ 
merksam machen, dass all dies aus Büchern stammt, die auf nach 
1500 datiert sind; und wir können davon überzeugt sein, dass unsere 
Träume vom "primitiven" und "mittelalterlichen" Christentum wert¬ 
los sind und dass die Erforschung der Anfänge der literarischen Ver¬ 
öffentlichungen und der christlichen Kirche mitsamt ihren Schriften 
tatsächlich die Aufgabe derjenigen ist, die die grundlegende Sach¬ 
lage des Falls verstehen. 



323 


Polydor Vergils Bericht über Dekan Colet und dessen Paulus-Stu¬ 
dium 

Polydor Vergil - aus der katholischen Enzyklopädie: 

"Gehören um 1470 in Urbino, gestorben vermutlich 1555 ebenda. 
Nach seinem Studium in Bologna und Padua gelang es ihm, 
Sekretär des Herzogs von Urbino und Kammerherr von Alexander 
VI. (Rodrigo Borgia) zu werden. Berühmt wurde er durch seine 
frühen Werke „Proverbiorum libellus" und "De inventoribus 
rerum", welche beachtliche Popularität erlangten. Im Jahr 1501 
sandte ihn der Papst als Geldeintreiber für den Denarius Sancti 
Petri (Peterspfennig) nach England. Aufgrund seiner guten 
Beziehungen zu Heinrich VII. (Heinrich Tudor) wurde er 1505 
beauftragt, die Geschichte Englands zu schreiben. Dafür erlangte er 
die Stellung des Erzdiakons von Wells. Am 22. Oktober 1510 
erfolgte seine Einbürgerung als englischer Untertan. Im Anschluss 
an einen Rombesuch im Jahr 1514 beleidigte er Thomas Wolsey, den 
Erzbischof von York, der ihn geschäftlich betraut hatte. Infolgedessen 
wurde er inhaftiert und seines Amtes als Subkollektor beraubt. 
Obwohl er schließlich freigelassen wurde, rächte er sich mit einer 
feindseligen Darstellung Wolseys in seiner "Englischen Geschichte", 
die spätere englische Historiker tiefgreifend beeinflusste. Dieses Werk 
wurde 1533 veröffentlicht und ist hinsichtlich des darin enthaltenen 
Berichts über die Herrschaft Heinrichs des VII. besonders wertvoll. 
Die dritte Ausgabe seines Werkes (Basel, 1555) ist um den Zeitraum 
von 1509 bis 1538 erweitert. Polydor ist der erste moderne 
Historiker, der sich auf Quellen bezieht, Beweise abwägt und statt 
einer einfachen Chronik eine zusammenhängende Geschichte 



324 


schreibt. Seine weiteren Werke sind zu zahlreich um sie hier 
aufzuführen. Trotz aller religiösen Entwicklungen blieb er ein treuer 
Katholik, wenn auch kein besonders leidenschaftlicher. Durch 
regelmäßige Besuche blieb er in Kontakt mit Italien. Jedoch bewegten 
ihn die religiösen Veränderungen unter Edward VI. zu seiner 
Rückkehr, um seine letzten Jahre in seinem Heimatland zu 
verbringen." 

Ich möchte nun auf einige bedeutende Beweispunkte dafür hinwei- 
sen, dass, was auch immer das vormalige Schicksal von Büchern ge¬ 
wesen sein mag, vor 400 Jahren nur wenige davon in ganz Europa 
existiert haben können. Dafür übersetze ich eine Passage des Schrei¬ 
bers Polydor Vergil aus dem Lateinischen. Er gibt an, während der 
Regierungszeit König Heinrichs VIII. in London studiert und ge¬ 
schrieben zu haben. Über die frühen Tudorzeit (1485-1603) sagt er 
ausdrücklich: 

"In dieser Zeit ergossen sich in Folge schändlicher von Ver¬ 
nichtung und Vertreibungen begleiteter Kriege perfekte latei¬ 
nische und griechische Schriften aus Italien über die Alpen 
durch ganz Deutschland, Gallien, England und Schottland. 
Die Deutschen führten sie zuerst in ihre Städte ein und wur¬ 
den so, nachdem sie vormals die Ungebildetsten waren, zum 
gelehrtesten aller Völker. Den Franzosen, Engländern, Schot¬ 
ten, um nicht noch weitere zu erwähnen, verlieh der Allmäch¬ 
tige den gleichen Segen. Denn nur die Schriften verewigen un¬ 
sere guten Taten und bewahren die Erinnerung an unsere Na¬ 
men. Deshalb begannen überall viele große Männer und die 
edelsten Damen das Studieren der guten Künste und Wissens- 



325 


zweige zu unterstützen. Um dies möglichst erfolgreich unter 
den Engländern zu kultivieren, ließ die geweihte Margaret, 
Heinrichs Mutter, auf Betreiben von John Fisher, dem Bischof 
von Rochester, ein Mann von höchster Gelehrsamkeit, Gnade 
und Integrität, in Cambridge an einem noblen und berühmten 
Ort zwei prächtige Häuser errichten, in welchen sie jeweils ein 
Schülerkollegium einrichtete und beachtliche Summen für den 
Lebensunterhalt der dortigen Schüler aufbrachte. Ein Kollegi¬ 
um widmete sie dem Erlöser Christus; das andere dem heili¬ 
gen Evangelisten Johannes. In dieser Akademie war auch John 
Alcock, Bischof von Ely, ein Pater von glänzender Frömmig¬ 
keit und Tugend, vormals Gründer eines Kollegiums, das er 
Jesus geweiht hatte. Unter seiner Führung konnten sich Dieje¬ 
nigen, die sich der Kultur der guten Wissenszweige hingaben, 
nicht irren. Er war der Garant dafür, dass sie den richtigen 
Weg einschlagen und als wahrhaftige Belohnung zu Tugend¬ 
haftigkeit und Herrlichkeit gelangen, welche er den Recht¬ 
schaffenen versprach. Etwa zur gleichen Zeit gründete auch 
William Smyth, Bischof von Lincoln, im Auftrag von Margaret 
ein Jugendkollegium in Oxon (Oxford), in welchem man sich 
in dem Saal, der gemeinhin Bratzen-Nase genannt wird, da an 
den Türen eherne Figuren mit unmenschlichen Gesichtern an¬ 
gebracht waren, den guten Wissenszweigen und Schriftübun¬ 
gen widmete. Auch Richard, Bischof von Winton, leistete Ähn¬ 
liches in Oxon und gründete das Corpus Christi College. Der¬ 
selbe Anreiz von Tugendhaftigkeit und Herrlichkeit regte John 
Colet, Dekan der St. Paul's Cathedral, zum Wunsch an, gute 
Schriften dieser Art zu verbreiten." 



326 


"Teils geschmückt mit der Kraft seines Geistes und seiner See¬ 
le, teils mit der Integrität seines Lebens und seiner Sitten, wur¬ 
de er von seinen Mitmenschen nahezu für ein zweiten Apostel 
Paulus gehalten, da er seit seiner frühen Kindheit eine na¬ 
türliche Heiligkeit und Religiosität ausstrahlte. Er machte sich 
mit dem Studium göttlicher Schriften vertraut und wählte 
Paulus als seinen Lehrer. So studierte er Paulus sowohl in 
Oxon und Cambridge als auch in Italien. Als er dann als Ge¬ 
lehrter in seine Heimat zurückkehrte, begann er in seiner Ge¬ 
burtsstadt London die Paulusbriefe zu lesen und predigte sie 
in den Tempeln. Er lebte so wie er es lehrte und fand dadurch 
die Zustimmung der Menschen." 

"Er war ein sehr gemäßigter Mann. Er lebte von einer Mahlzeit 
am Tag und dürstete nicht nach Ehren oder Reichtum, jedoch 
holte ihn der Reichtum, vor dem er floh, ein. So geschah es, 
dass von allen zweiundzwanzig Kindern, die sein Vater Henry 
Colet zusammen mit seiner adligen christlichen Ehefrau hatte, 
nur John überlebte und zum Alleinerbe seines Vaters wurde. 
Dann erkannte John, dass sich viele seiner Mitmenschen durch 
ihren bloßen Habitus als ernste und bescheidene Männer er¬ 
wiesen. Er dachte, dass sie noch ausgezeichneter wären, wenn 
man ihnen eine gute Ausbildung zuteil werden ließe. Deshalb 
entschloss er sich, der Jugend von London auf eigene Kosten 
beim Erwerb von Wissen zu helfen. Er gründete in dem Teil 
des St. Paul's Churchyard, der nach Osten blickt, eine prächti¬ 
ge Schule und ernannte William Lily zum Lehrer. Es wurde 
noch ein weiterer Lehrer eingesetzt, der die gröberen Jungs 
unterrichten sollte. Der gute Lily war getreu den Worten von 



327 


Horaz integer vita scelerisque purus (aufrecht und frei von 
Lastern). Nachdem er einige Jahre die vollkommenen alten 
Schriften in Italien studiert hatte, kehrte er nach Hause zurück 
und wurde zum ersten Engländer, der sie seinen englischen 
Landsleuten lehrte. Als Erster überhaupt lehrte vor ihm Cor- 
nelio Vitellio, ein Italiener von adliger Abstammung aus Cor- 
neto in der Toskana, den Jungen von Oxon die Schriften. John 
Reighey und Richard Jones folgten Lily als Lehrmeister. Die 
Lehrmeister wurden von Colet mit jährlichen Stipendien aus¬ 
gestattet. (Polydor Vergil, "Analica Historia", 36, s. F.) 

Schwache Anfänge der literarischen Kultur unter den Tudors 

Wären die Lehren aus der soeben zitierten Stelle sowie aus gleichar¬ 
tigen Passagen nicht so vernachlässigt worden, so könnte ich sie, so 
markant wie sie sind, nun einfach für sich selbst sprechen lassen. Ich 
fühle mich jedoch zu folgenden Schlussfolgerungen genötigt: 

• In England gab es vor der Tudor-Zeit (1485-1603) praktisch 
keine Literatur - weder Unterricht, noch eine lesende oder 
schreibende Klasse. 

• Die Schriften kamen zu dieser Zeit nach und nach aus Italien 
zu uns. Uns wird jedoch kein konkretes Datum genannt - 
noch nicht einmal für die Gründung der St. Pauls School. 
Wir sollen uns mit der unbestimmten Datierung "vor unge¬ 
fähr 400 Jahren" begnügen, also mit der Epoche des Beginns 
der Literaturkultur in England. 



328 


Gibt es auch nur den Hauch eines Beweises, der dem Eindruck wi¬ 
derspricht, welcher sich aus der obigen Passage ergibt? Ich konnte je¬ 
denfalls keinen finden. Im Gegenteil! Ich habe eine Reihe wichtiger 
Beweise größten Wertes gefunden, welche die Aussagen bestätigen, 
die Polydor Vergil so scheinbar unschuldig vorgetragen hat. 

Ich bin mir vollkommen bewusst, dass dem Leser die Geschichten 
über "König Alfred", "König Heinrich Beauclerc" und weitere Herr¬ 
scher in den Sinn kommen werden. Es genügt zu sagen, dass gerade 
diese Geschichten, die zu so vielen Illusionen über den Aufstieg der 
literarischen Kultur in England geführt haben, durch das Heranzie¬ 
hen desselben Schreibers als monastische Erfindungen seiner eige¬ 
nen Zeit bewiesen werden können und dass sie während der Tudor- 
Zeit nach und nach das Licht der Welt erblickten. 

Ich muss nun davon ausgehen, dass jegliche Schriften, insbesondere 
biblische, erst während der Tudor-Zeit kultiviert wurden. Die Bewei¬ 
se für diese Feststellung sind gewaltig, zumal es bis heute keine Spur 
von Beweisen für eine gegenteilige Meinung gibt. Ermöglicht und 
verursacht wurde der Betrug durch falsche Datierungen und das 
oberflächliche Studium der Bücher, die während der Tudor-Zeit auf¬ 
kamen. 

Ich füge entsprechend der oben zitierten Aussage von Polydor hinzu, 
dass das, was in Bezug auf England belegt ist, im Allgemeinen auch 
für Nord- und Westeuropa gilt und von einer massiven Beweislage 
hinsichtlich der Klosterliteratur bestätigt wird, die ich genau studiert 
habe, aber hier aus Platzmangel nicht erschöpfend darlegen kann. 



329 


Menschen, die der üblichen Meinung folgen, könnten die Frage stel¬ 
len, ob nicht "Gildas" und "Beda" Beweise dafür sind, dass in entfern¬ 
testen Zeiten und verschiedenen Teilen unserer Insel (Großbritanni¬ 
en) eine Bildungskultur blühte. Die Antwort lautet, dass diese Schrif¬ 
ten in Wirklichkeit Teil der großen Kollaboration der literarischen 
Mönche vom Orden des Heiligen Benedikt sind. Sie wurden ganz 
gemäß ihrer fabelhaften Methodik zurückdatiert und imaginären 
Personen zugeschrieben. Niemand, der den Katalog monastischer 
Werke von "John Boston aus Bury St. Edmunds" und weitere von 
John Leland ans Licht gebrachte Verzeichnisse sorgsam unter die 
Lupe nimmt, kann ernsthaft daran zweifeln, dass dies die Wahrheit 
ist. Leland war der Bibliothekar Heinrichs VIII. und soll von 1533 bis 
1539 eine literarische Reise über die ganze Insel unternommen ha¬ 
ben. (Er ist unser erster englischer Bibliograph. Der Boston-Katalog 
ist wie üblich zurückdatiert, was Leland nicht bekannt war.) 

Ohne sie zu hinterfragen haben unsere Gelehrten die Datierungen 
für "Gildas" und "Beda" akzeptiert. Sie haben Stil und Inhalt dieser 
Schreiber nicht hinsichtlich der Frage untersucht, ob das System ih¬ 
rer Geschichten irgendeine innere Wahrscheinlichkeit für deren 
Richtigkeit birgt; daher die große Illusion, die die gelehrte Welt so¬ 
wohl in Bezug auf das Wesen der christlichen Schriften als auch auf 
die Epoche umgibt, in der sie in England verbreitet wurden. 

Um meine Leser nicht mit zu vielen Details zu verwirren, möchte ich 
sie bitten, das Datum 1533 als einen der besten Markpunte der Chro¬ 
nologie zu betrachten, den ich derzeit aufzeigen kann. In diesem Jahr 
soll Polydor sich an Heinrich VIII. gewandt haben, um darauf hinzu¬ 
weisen, dass so gut wie nichts aus der englischen Geschichte bekannt 



330 


war und die wenigen mönchischen Schriften, die dazu in seine Hän¬ 
de gelangten, wertlos waren. Im selben Jahr soll Leland seine bis 
1539 andauernde literarische Reise durch die Klöster angetreten ha¬ 
ben. Wenn diese Datierungen vertrauenswürdig sind, zeigen die Er¬ 
gebnisse seiner Untersuchungen, dass das gesamte Schema der Kir¬ 
chengeschichte um 1500 bis 1533 gewissermaßen mit einer kleinen 
Erstausgabe festgelegt und eingeführt worden sein muss. 

Die schlechte Datierung von Dokumenten ist die große Schmach der 
Gelehrten. Ich kann nicht in der milden und vertrauensseligen Art 
und Weise der allgemein verwendeten Handbücher schreiben, da ich 
in Folge wiederholter Experimente und Tests weiß, dass wir keine 
Datierung des "15. Jahrhunderts" haben, der man vertrauen kann 
und dass eine große Anzahl von Datierungen des "16. Jahrhunderts" 
falsch ist. Ich darf jedoch in vollkommener Sicherheit darauf beste¬ 
hen, dass nicht einmal in Italien selbst die Kirchenliteratur vor dem 
Ende dieses dunklen Zeitalters, das wir das "15. Jahrhundert" nen¬ 
nen, begonnen haben kann. 



331 


ÄctpM II 

Polpöor übet beit Ursprung öe« 
Christentums 


Die Frage der Chronologie und der Datierungen: Man schuf ein 
imaginäres Zeitalter und nannte es "Mittelalter" 

Ich kehre zur Frage nach den Paulusbriefen zurück. Es scheint un¬ 
möglich, zu bestimmen, welche Form sie zu Colets Zeit angenom¬ 
men hatten und wie ihre genauen Lehren aussahen. Tatsächlich halte 
ich es für ausgeschlossen, dass die vollständigen Paulusbriefe wie sie 
uns heute vorliegen zu der Zeit, auf die sich Polydor bezieht, in Eng¬ 
land unterrichtet worden sein könnten. Damals kann es meiner An¬ 
sicht nach lediglich das "Apostolos" genannte kleine Buch der Sprü¬ 
che gegeben haben, auf das in den Kirchenbüchern so häufig verwie¬ 
sen wird und aus dem sich allmählich die größeren Paulusbriefe ent¬ 
wickelten. 

Für die Studierenden besteht die Schwierigkeit darin, dass sie stets 
lediglich knappe, dürftige Aussagen und Datierungen vorfinden und 
diese so trügerisch sind, dass ihnen kein wirklicher Wert zugeschrie¬ 
ben werden kann. 

Lassen Sie mich zur Veranschaulichung auf eine Schrift verweisen, 
die Polydor Vergil zugeschrieben wird. Sie heißt "Über die Erfinder" 
(De Inventoribus RerumJ. Ihr größter Teil soll ebenfalls während der 
Zeit Heinrichs VIII. In London geschrieben worden sein. 



332 


Es scheint als wäre sie älter als Vergils "Englische Historie", da letzte¬ 
re auf das Werk "Über die Erfinder" verweist; und doch scheinen die 
im Werk "Über die Erfinder" angegebenen Datierungen eine spätere 
Erscheinung zu belegen - nach 1533. Ich erwähne dies, da es für den 
Leser einer der Hinweise darauf ist, dass er keine genauen Aufzeich¬ 
nungen über literarische Ereignisse aus der Regierungszeit Heinrichs 
VIII. zu erwarten hat. Damit bekommen wir erneut ein Beispiel für 
die extrem freie, unklare und vage, nostalgische Art und Weise, in 
der die "Geschichte" geschrieben wurde, (vgl. Rev. J. S. Brewers Ein¬ 
leitung zu den Dokumenten Heinrichs VIII.) 

Das kleine Werk "Über die Erfinder" ist für meine Darlegungen be¬ 
sonders wichtig. Der Autor ist einer der herausragendsten Vertreter 
der Schreiber aus der Zeit der Wiederentdeckung der Schriften. Er 
teilt uns mit, dass seit der Zeit des Gaius Plinius niemand mehr über 
dieses Thema geschrieben hat! Während des riesigen Zeitraums von 
über 1.400 Jahren hatte also niemand etwas zum Thema des Fort¬ 
schritts der menschlichen Kultur zu berichten! Wie lässt sich die Be¬ 
deutung einer solchen Aussage verstehen? Ich wage zu behaupten, 
dass sie seitens der gelehrten Welt niemals begriffen wurde. Es ist ei¬ 
ner von tausenden Umständen, die dazu geeignet sind, einen freien 
Geist davon zu überzeugen, dass unsere Chronologie nur eine 
Traumwelt ist - ein kalkulierter, imaginärer und niemals überprüfter 
Zeitraum zwischen den Tagen des Plinius und denen Polydors. 

Nun ist jedoch der letzte Teil des kleinen Werkes den "Anfängen der 
christlichen Institutionen" gewidmet. Meine Leser mögen ihre Auf¬ 
merksamkeit darauf richten wie dünn die auf diese christlichen An- 



333 


fänge bezogene Geschichte zu einem so späten Zeitpunkt noch im¬ 
mer ist. Dazu kommt, dass jeder Einzelaspekt wie eine Neuigkeit 
vermittelt wird, in etwa als würde der Autor einer kleinen, gelehrten 
Latein-Leseklasse Bericht erstatten, deren Teilnehmer noch keine kla¬ 
re Vorstellung davon haben, was das Christentum war oder wie es 
entstanden ist. 

Ich kann mir keinen kompetenten Schüler vorstellen, der über den 
Inhalt dieser kleinen Schrift nachdenkt und ihn mit den Quellen ver¬ 
gleicht, auf denen er basiert, ohne zu der Schlussfolgerung zu gelan¬ 
gen, dass dieser Schreiber, der sich zeitlich in der Nähe des Konzils 
von Trient (1546) verortet, alleine schon ausreichend ist, um die ge¬ 
samte Theorie des antiken Christentums zu verwerfen und zu ver¬ 
deutlichen, dass das christliche Priestertum und seine Schriften 
jüngste Einführungen sind. 

Ich möchte einige Dinge anführen, die sich auf die Paulus-Lrage be¬ 
ziehen. Im ersten Kapitel "Über den Anfang der Kirche und der 
christlichen Religion" zitiert unser Autor den Apostel aus Epheser 5: 
"gleichwie auch Christus das Haupt ist der Gemeinde (Kirche)". Da¬ 
nach zitiert Polydor den Apostel nur selten, obwohl er einige Schrei¬ 
ber zitiert, die auf der Liste der "Berühmten Männer [De viris illustri- 
bus]" stehen, auf die ich in diesem Rahmen noch näher eingehen 
werde. 

Petrus und Paulus als Märtyrer-Religionsstifter 

Das zweite Kapitel von Polydor Vergils "Über die Erfinder" handelt 
"Vom Ursprung der 'res publica christiana' [das christliche Gemein- 



334 


wesen] und ihrem wundersamen Zuwachs seit ihren Anfängen und 
dem Martyrium der Apostel Petrus und Paulus". 

Polydor erzählt die Geschichte knapp sowie entsprechend der Apo¬ 
stelgeschichte und Eusebius. Man kann sich nur schwer des Ver¬ 
dachts erwehren, dass die Bücher entweder nicht in einem vollstän¬ 
digen Zustand oder so unbekannt waren und so wenig gelesen wur¬ 
den, dass man sich wünschte, ihnen einen größeren Bekanntheits¬ 
grad zu verschaffen. Er zeigt auf, dass der Hauptgedanke des apo¬ 
stolischen Doppels darin bestand, dass beide "die ersten Grundlagen 
der Religion legten und die Krone des Martyriums erlangten". Wer 
aber dient als "Zeuge" für die Wahrheit dieser Legende? Das ist nie¬ 
mand anderes als "Tertullian", einer der kühnsten Rhetoriker der Lis¬ 
te der "Berühmten"; mit anderen Worten der geheimen Kloster¬ 
fraktion, welche die vollständige Geschichte des christlichen Ur¬ 
sprungs nicht zusammentrug, sondern sie einfach selbst verfasste 
und der Welt als "Zeugnisse" aus unvorstellbar fernen Zeiten 
übergab. 

Ich zitiere folgenden Ausruf aus dem vierten Buch des Werkes 
"Tertullian gegen Marcion": 

"Sehen wir zu, welches die Milch war, die Paulus den 
Korinthern zum Trank darbot; welche die Regel, nach der die 
Galater korrigiert wurden, wie die Philipper, Thessalonicher 
und Epheser lasen und was ganz in unserer Nähe die Römer 
sagen, denen Petrus und Paulus das Evangelium mit ihrem 
Blute unterschrieben hinter lassen haben." 



335 


Polydor zitiert noch eine weitere Passage desselben Schreibers, aus 
der er schlussfolgert, dass die beiden Apostel zweifelsfrei die "Auto¬ 
ren der Religion der Römer" waren. Weiter werden an verschiedenen 
Stellen einige Textteile aus den "Apostolos" zitiert; und das war es 
dann auch schon. Wir finden keinerlei Hinweis darauf, dass die Pau¬ 
lusbriefe wie wir sie kennen für den Verfasser einen besonderen Stel¬ 
lenwert hatten. Im Gegenteil: Die Schreiber, auf die er sich haupt¬ 
sächlich stützt, sind die lateinischen Kirchenväter der Liste der "Be¬ 
rühmten". Dabei kommt er vollständig ohne griechische Schreiber 
aus. Dass er für sein Anliegen ausschließlich lateinische Texte ver¬ 
wendet ist einer von vielen beiläufigen Hinweisen, aus denen wir ab- 
leiten müssen, dass Latein, nicht Griechisch, die eigentliche und ur¬ 
sprüngliche Kirchensprache war. Soweit der äußerst magere, triste, 
uninteressante und, das muss ich hinzufügen, frühe Bericht über 
Paulus und seine Schriften in Vergils "Geschichte über die Erfinder". 

Das Fehlen eines Zeitgefühls 

Betrachten wir doch einmal die schlagenden Beweise, die uns dieser 
Schreiber - auf den ersten Blick unbewusst - bezüglich des Trug¬ 
schlusses und der Täuschung liefert, dass die Paulus-Legende über 
eine so immense Zeitspanne auf ihn übergegangen sei. Ein Mann, 
der in seiner Vorstellungskraft so etwas wie ein reales Zeitgefühl für 
die Vergangenheit hat, kann nicht ohne besondere Anstrengung der¬ 
art weit auseinander liegende Zeiträume miteinander verbinden. Er 
sieht die tausend Jahre alten Ereignisse nicht mehr so deutlich wie 
die seiner eigenen Zeit. Doch genau das tut Polydor scheinbar; wie 
so viele von uns, aus Unwissenheit über eine echte chronologische 
Perspektive. 



336 


Zum Beispiel zählt der Autor in einem späten Kapitel über Häresien 
und Schismen auf: 

An Häresien: 

• Die von Simon Magus 

• Die der Nikolaiten 

• Die der Ebioniten 

An Schismen: 

• Das von Novatus, 255 A.D. 

• Das von Arius, etwa 89 Jahre später (344 A.D.) 

• Das von Damasus, zur gleichen Zeit 

Er hätte schreiben müssen: "Damasus 1 Streit mit einem anderen Aspi¬ 
ranten mit Gewalt und Waffen um das Pontifikat fand vor 1.200 Jah¬ 
ren statt. Wir wissen nicht viel darüber. Die Zeiten haben sich geän¬ 
dert." Tatsächlich schreibt er aber: "Da der Eifer nach Ehren von Tag 
zu Tag stärker in das Priestertum eindrang, spitzte sich dieser üble 
Streit der Päpste immer weiter zu." 

Der Grund für die Kongruenz zwischen der blutigen Legende von 
Damasus und den tatsächlichen Taten der Päpste des 16. Jahrhun¬ 
derts ist, dass die Papstlisten und die Legenden der Päpste etwa zur 
gleichen Zeit wie der Rest der Kirchenliteratur nach dem allegori¬ 
schen Prinzip angefertigt wurden. Die Geschichte wurde entworfen 
indem die Ereignisse der realen Gegenwart in eine imaginäre Ver¬ 
gangenheit projiziert wurden. Dies stellte die Leser zufrieden und 
diente auch weiteren nützlichen Zwecken. Die Vorstellungen von 



337 


Zeit und Wahrscheinlichkeit waren so schwach, dass man nicht die 
Absurdität der Annahme hinterfragte, dergemäß die Schreiber in der 
Lage waren die Päpste über 1.200 Jahre bis zum Heiligen Petrus zu¬ 
rückzuverfolgen. 

Luther wird mit einem Paulustext verurteilt 

Und schon wieder: Als hätte sich im Laufe von etwa 1.200 Jahren 
nichts derartiges ereignet, überspringt Polydor unmittelbar danach 
die Zeitspanne zwischen dem Schisma des Damasus und dem Lu¬ 
thers! Die einzige Verbindung zwischen Luther und Paulus, die er 
dabei erwähnt, besteht hier in der Passage, in welcher der Apostel an 
Titus zwecks der Festlegung der Strafe für die Führer der Ketzereien 
schreibt: "Einen ketzerischen Menschen meide, wenn er einmal und 
abermals ermahnt ist; und wisse, dass ein solcher verkehrt ist und 
sündigt, indem er sich selbst verurteilt." 

Zum selben Punkt folgen weitere Zitate von Chrysostomos vom 
"Konzil von Nicäa", dessen Quelle der päpstliche Bibliothekar Plati- 
na ist - ein Schreiber des 16. Jahrhunderts. 

Dann wird Luther, der bestimmte Äußerungen von Paulus als Ora¬ 
kel zugunsten seiner eigenen Ansichten zitiert, von katholischen 
Priestern durch eine andere Aussage von Paulus verurteilt. Das ist ei¬ 
nes der Beispiele dafür, dass sich hinter der Maske und Person Pau¬ 
lus eine Vielzahl anderer Stimmen verbergen! 



338 


Der Vergleich literarischer Kunst mit Malerei zwecks der Einnah¬ 
me der richtigen Perspektive 

Ich widme mich noch einem weiteren Beispiel für die chronologische 
Kunstfertigkeit und die damit einher gehenden Täuschungen, deren 
Korrektur höchste Priorität haben muss. Polydor erzählt die zum Teil 
aus der Apostelgeschichte stammende Legende, derzufolge der Eu¬ 
nuch von Kandake, also der der Königin der Äthiopier, vom Diakon 
Philippus getauft wurde und die Königin selbst mit ihrer ganzen Fa¬ 
milie und einem Teil ihres Volkes zur christlichen Religion konver¬ 
tierte, "damit es in dieser Nation immer blühe." 

Fragt sich Polydor überhaupt, ob die Geschichte wahr sein oder ein 
solcher Fortbestand des Christentums in Äthiopien über 1.500 Jahre 
zurückverfolgt werden kann? Ganz und gar nicht! Die Geschichte er¬ 
innert ihn umgehend an ein Ereignis, das sich zu seiner Zeit zugetra¬ 
gen hat. Dabei empfing Clemens VII. das Versprechen des Glaubens 
und Gehorsams vom Legaten des Königs Francis Alvarez. So fand 
das Christentum seinen langen und weiten Weg nach Abessinien! 

Man fragt sich, ob Polydor und andere Autoren überhaupt einen 
Sinn für Datierungen und deren Wert hatten oder ihnen gar vollends 
bewusst war, dass sie lediglich Fabeln wiederholten, die mit ziemli¬ 
cher Sicherheit von der Nachwelt entdeckt werden würden? Schein¬ 
bar trifft teils das Eine und teils auch das Andere zu. Sie brauchen 
Zeitangaben, denn andernfalls fehlt ein Gerüst für die lange Ge¬ 
schichte, jedoch entdecken wir keinerlei Anflug eines Zeitgefühls für 
die Vergangenheit. Die enormen Abstände im 1.500-jährigen Zeit¬ 
raum entlarven die Hinterlist. Niemandem, der diese Geschichten so 



339 


studiert, wie er das Vordergründige eines Bildes und die Abstände 
innerhalb des selbigen untersucht, wird entgehen, dass all diese Fi¬ 
guren und Szenen, die in diesem kleinen Werk über die Ursprünge 
der Christenheit beschrieben werden, ausnahmslos einem einzigen 
Zeitraum angehören und auf eine fleißige Kollaboration zurückzu¬ 
führen sind. 

Der Punkt, an dem ich verweile, mag für die Mehrheit der Leser 
merkwürdig und neuartig sein. In Folge mangelnder Aufmerksam¬ 
keit begingen unsere modernen Historiker und Kritiker die größt¬ 
möglichen Fehler. Wir müssen ein besseres Gespür für literarische 
Kunst, Illusionen und den richtigen Blickwinkel bekommen. 

Um der Täuschung zu entgehen, sollte historisch-literarische Kunst 
stets mit malerischer Kunst verglichen werden. Logischerweise wird 
ein Fehler auf einer Leinwand vom Betrachter wesentlich einfacher 
entdeckt als ein ähnlicher literarischer Fehler von den Lesern eines 
Buches. Es ist leichter, den Inhalt einer vollständig befüllten Lein¬ 
wand innerhalb einer halben Stunde aufmerksamen Studiums zu er¬ 
fassen als die Substanz einer Geschichte, mitsamt den Figuren und 
Szenen, deren Durchsicht einen ganzen Tag erfordert. Der zweite 
Fall bedingt eine wesentlich größere und längere Aufmerksamkeit, 
welcher durch die Uberstrapazierung schnell wichtige Details ent¬ 
gehen. Wiederum haben nur wenige Leser die plastische Vorstel¬ 
lungskraft, die notwendig ist, um den Inhalt eines Buches so zu be¬ 
greifen wie den Gehalt einer Leinwand. Viele Menschen, die einen 
eklatanten Fehler in einem Gemälde erkennen, würden sofort sagen: 
"Das ist nicht realistisch; es ist unnatürlich", erkennen aber genau 
den selben Fehler nicht, wenn er sich in einem Buch verbirgt. Dies ist 



340 


die Ursache für die groben Schnitzer, die bezüglich der uns vorlie¬ 
genden Literatur gemacht wurden. 

Jeder, der die Werke der frühen Meister der Malerei be trachtet, wird 
sich der Fehler bewusst, die einem modernen Auge auffallen müs¬ 
sen; jedoch können diese aufgrund der Vortrefflichkeit der Bilder ge¬ 
wissermaßen verziehen werden. Diese Meister hatten besondere 
Kenntnisse von Perspektive, Licht und Schatten. Stellen wir uns ein¬ 
mal ein Bild von einem dieser Maler vor, auf welchem dem Betrach¬ 
ter eine Reihe von nebeneinander stehenden Heiligen und Predigern 
zugewandt ist, wobei die Haltung eines jeden im Hintergrund der 
Haltung der im Vordergrund Befindlichen gleicht; auf dem alle den 
selben Gesichtsausdruck haben, alle gleichartig gekleidet sind und 
offensichtlich derselben Klasse angehören. Sie erkennen die Idealität 
dieser Porträts. Wir stellen fest, dass sie nicht direkt aus dem Leben 
sondern aus einem bestimmten Fundus von Idealen im Kopf des 
Künstlers stammen und dass hier eine bestimmte sowie eingegrenzte 
Periode menschlicher Aktivität in der Kunst wirkt und dargestellt 
wird. 

Leicht erlernt werden kann dies von Menschen gewöhnlicher Intelli¬ 
genz, die die großen Galerien besuchen. In Bezug auf die Kunst der 
verwandten Kirchenliteratur ist der Lernprozess jedoch weitaus 
schwieriger und bisher keineswegs als notwendig erkannt worden. 
Es ist daher enorm wichtig, darauf zu bestehen, dass Kirchenschrif¬ 
ten und Kirchenmalerei parallele, analoge und gleichzeitige Phäno¬ 
mene sind, die sich gegenseitig erklären und veranschaulichen. Der 
Maler kann auf verschiedene Weise zum Kritiker des Historikers 
und wiederum der Historiker zum Kritiker des Malers gemacht wer- 



341 


den. 

Wäre Polydor ein sorgfältiger Kritiker der Kirchenschriften gewesen 
(was ihm in seiner Zeit und Situation nicht möglich war), so hätte er 
bemerkt, dass es den Autoren, die er für seine Zusammenstellungen 
verwendet hat, an einem wirklichen Zeitgefühl für die Vergangen¬ 
heit mangelte. Weiter hätte er nach eingehender Untersuchung her¬ 
ausgefunden, dass dies darauf zurückzuführen ist, dass diese Schrei¬ 
ber alle aus derselben Zeit und sogar derselben Bibliothek stammen 
und zugleich niemand von ihnen ein "Zeuge" oder etwa mehr als ein 
Fiktionen erzeugender Künstler war. Selbst wenn er die vollständige 
Wahrheit gekannt hätte, so wäre es ihm als Kirchenpriester un¬ 
möglich gewesen, der Welt sein Wissen zu vermitteln. Wie es aus- 
sieht, wurde auch seine Arbeit der Zensur der Inquisition unterzo¬ 
gen. 

Ohne einen Versuch der Überwindung der auf die kirchlichen Ein¬ 
richtungen bezogenen Befangenheiten und Illusionen, die unserer 
Erziehung geschuldet sind, wäre die Behandlung der Paulus-Frage 
völlig unbefriedigend. Ich muss darauf beharren, dass die heutige 
Vorstellung, der gemäß wir unseren Weg durch so viele Jahrhunderte 
vergangener Zeiten nachverfolgen können, ohne jegliche Grundlage 
ist. Indem ich dies erstmals mit so viel Nachdruck darlege, versuche 
ich, mit größtmöglicher Gründlichkeit den Hinweisen zu folgen, die 
ich aus den Händen meiner Vorgänger erhielt. 

Edwin Hatch über die historische Täuschung 


Z.B. sagte Dr. Edwin Hatch aus Oxford, dass "viele Institutionen und 



342 


ihre Elemente, von denen man annimmt, dass sie zum primitiven 
Christentum gehören, tatsächlich mittelalterlich sind". Mein Kom¬ 
mentar dazu lautet, dass sowohl das "primitive Christentum" als 
auch das "Mittelalter" lediglich Redewendungen sind, jedoch keines¬ 
wegs Formulierungen mit wissenschaftlichem Anspruch. Wenn sich 
für einen ernsthaften, wenn auch nicht radikalen Schüler wie Hatch 
das "Primitive" im "Mittelalter" aufgelöst hat, dann heißt dies, dass 
viele hundert Jahre vom angeblichen Alter dieser Einrichtung abge¬ 
zogen werden müssen. Tatsächlich aber lösen sich diese vermeintlich 
mittelalterlichen Institutionen jedoch in modernere Institutionen auf; 
und zwar während der Tudor-Zeit (1485-1603). 

Hatch sagt: "Für viele Menschen scheinen die vergangenen Jahrhun¬ 
derte des Christentums zweifellos in einen gemeinsamen Nebel 
gehüllt zu sein. Die Institutionen eines Zeitalters unterscheiden sich 
nicht von denen eines anderen." Und warum ist das so? Ganz einfach 
und wie von mir dargelegt, weil die literarischen Bilder oder Fres¬ 
ken, aus denen wir diese nebligen Eindrücke ununterscheidbarer 
Zeitalter ableiten, das Ergebnis der während einer kurzen Periode er¬ 
schaffenen Komposition einer Klasse und derselben Gruppierung ist, 
welche ihre Mittel nicht ausreichend sorgfältig und penibel einsetzen 
konnte, um ein natürliches Wachstum kirchlicher Institutionen wäh¬ 
rend eines angeblich so großen Zeitraums in einer Weise darzustel¬ 
len, die unserer Kenntnis einer lebendigen Realität entspricht. 

Diese klerikale Aktion ist weit davon entfernt, zuzugeben, dass 
kirchliche Institutionen auf einem Nutzen statt auf einem göttlichen 
Befehl beruhen. Dann wird das kleine Buch Polydors verständlich, 
in welchem das Christentum als Erfindung behandelt wird. Wir fin- 



343 


den in diesen Institutionen nichts, was nicht auf menschliche Kunst 
zurückzuführen und durch die Gesetze der menschlichen Kunst er¬ 
klärbar ist. Wir haben es hier also nicht mit einem Mysterium im 
wahren Sinne oder dem der kirchlichen Deutung des Wortes zu tun. 
Bis die Zeit gekommen war, es der Welt zu offenbaren, musste den¬ 
noch stets ein dichter Nebel über dem geheimen Wirken des wirkli¬ 
chen Gründers oder der tatsächlichen Gründer des Systems schwe¬ 
ben. 

Es freut mich, auf das kleine Werk Polydors als vernachlässigtes 
Lehrbuch verweisen zu können. Es ist so knapp gefasst und leicht zu 
beherrschen, dass es dem Leser wenig Zeit und Aufmerksamkeit ab¬ 
verlangt. Dennoch enthält es Anspielungen auf alle Bücher, die für 
das Verständnis der Frage nach der christlichen Herkunft zwingend 
erforderlich sind. Andererseits ist das Auslassen einer Menge als an¬ 
tik geltender Literatur, zusammen mit der generellen Schwäche der 
gesamten Erzählung, ein auffälliger Beweis für die Modernität des 
Christentums. 

In Wahrheit ist dieses Werk, statt ein zu spätes Buch für das Studium 
der Paulus-Frage zu sein, selbst nach Ansicht der römischen Kirche 
ein dafür zu frühes Buch, denn uns wird erzählt, dass die einzige 
Ausgabe jene ist, die nach der Bereinigung durch die Inquisition 
Gregors XII. 1676 genehmigt wurde. 

Wir müssen bedenken, dass der Keim der großen Paulus-Legende eine reine 
Erfindung und somit lediglich ein literarisches Produkt ist. Dass Petrus 
und Paulus gemeinsam römische Märtyrer und die Gründer der rö¬ 
misch-katholischen Religion waren, ist das Grundelement der gan- 



344 


zen Mythologie. Darüber zu diskutieren ob Petrus jemals in Rom 
war oder nicht, oder aber ob sein unzertrennlicher Bruder dort gewe¬ 
sen sein könnte, bedeutet die eigentliche Frage misszuverstehen. Wir 
müssen uns mit etwas viel Interessanterem als einer Mischung aus 
Fakten und Fiktionen befassen. Es ist von vorne bis hinten ein Sys¬ 
tem rein allegorischer Mythologie, welches um die beiden Namen 
Petrus und Paulus herum konstruiert wurde. 



345 


«apttel III 

2>te Anfänge öer Paulu«*£egenöe 


Die "Kirchengeschichte" des Eusebius und die Liste der "Berühm¬ 
ten Männer" sind älter als das Neue Testament 

Nun werde ich mich bemühen, die Legende von Paulus und seinen 
Episteln von Beginn an nachzuverfolgen. Allerdings kann ich in ei¬ 
ner Schrift wie der vorliegenden nicht auf die unzähligen Details ein- 
gehen, über die noch immer dicke Bände verfasst werden. Ich möch¬ 
te meine Leser lediglich bitten, meine Ausführungen über die Be¬ 
weise, soweit ich sie mir bisher erarbeiten konnte, als gewissenhaft 
und wahrheitsgemäß zu zu betrachten. Den Studierenden fordere 
ich auf, meinen Hinweisen und Indizien nachzugehen, um meine 
Schlussfolgerungen so selbst zu überprüfen und bezeugen oder ge¬ 
gebenenfalls korrigieren zu können. 

Ich muss mich nun mit den Verweisen auf Paulus in der eusebischen 
Literatur befassen - mit der "Kirchengeschichte" des Eusebius und 
der Liste der "Berühmten Männer". Dabei muss einer Reihe literari¬ 
scher Unwahrheiten scharf widersprochen werden. In der lateini¬ 
schen Liste der "Berühmten Männer" oder katholischen Schreiber be¬ 
gegnet uns auch der Name Eusebius (Kapitel LXXXI. [in arabischen 
Ziffern = 81]). Diese Liste wurde im "Zeitalter der Veröffentlichun¬ 
gen" publiziert, welches landläufig als das 16. Jahrhundert" bekannt 
ist. Es gibt absolut keinen Beweis dafür, dass dieses Schlüsselbuch 
der Kirchenliteratur (denn genau das ist es offensichtlich) bereits vor 
dieser Zeit zusammengestellt wurde oder hätte zusammengestellt 



346 


werden können. Sicher gelangte es in der jetzigen Form nicht in die 
Hände Polydors. Es wird behauptet, dass Eusebius 1.200 Jahre vor 
der Zeit Polydors der Bischof von Caesarea war und dort in Verbin¬ 
dung mit anderen Literaten stand, was jedoch vollständig erlogen 
ist. Die eigentlichen Autoren der Eusebius-Biicher waren die literari¬ 
schen Mönche des Westens, die in diesem Fall hauptsächlich in Paris 
wirkten. Ihr Hauptquartier war möglicherweise die Abtei Saint-Ger- 
main. Es wird behauptet, dass die Schriften auf Griechisch geschrie¬ 
ben und ins Lateinische übersetzt wurden. Auch das ist erlogen, 
denn sie erweisen sich zweifelsohne als in Latein geschrieben und 
danach schlecht ins Griechische übertragen. Der Grund, aus dem die 
Mönche diese gewichtige Lüge aufstellten, dass wir es hier mit ei¬ 
nem griechischen Original der "Kirchengeschichte" und des Neuen 
Testaments zu tun hätten, bestand darin, dass sie der Kirche den 
Glanz einer Verbindung mit der größten der gelehrten Sprachen ver¬ 
leihen wollten. Weiter hatten sie die Absicht, damit eine andere Lüge 
zu stützen, dergemäß die frühe Kirche in griechischen Städten wur¬ 
zelte. Wir stellen getrost fest, dass diese Behauptungen nachweislich 
falsch sind. 

Diese Frage habe ich in einer Reihe von Veröffentlichungen einge¬ 
hend behandelt. Da ich sie in diesem Rahmen jedoch nicht ausrei¬ 
chend erörtern kann, verweise ich meine Leser auf das sehr wertvol¬ 
le englischsprachige Werk mit dem Titel "Palmoromaica", welches 
dem Rev. John Black zugeschrieben wird und Anfang dieses Jahr¬ 
hunderts veröffentlicht wurde. Darin bringt der scharfsinnige und 
gelehrte Autor verschiedene Argumente gegen ein griechisches und 
für das lateinische Original vor, die leicht noch weiter zu unter¬ 
mauern sind und stark in Richtung meiner eigenen Forschungen 



347 


und Entdeckungen weisen. 

Ich bitte meine Leser zusammen mit mir davon auszugehen, dass die 
"Kirchengeschichte" in Wirklichkeit um mehr als 1.200 Jahre vorda¬ 
tiert wurde, es sich dabei tatsächlich um ein Buch aus dem 16. Jahr¬ 
hundert handelt - es kann unmöglich älter sein - und dass das Werk, 
soweit wir dies aus den vorliegenden Angaben des "Über die Er¬ 
finder" schreibenden Historikers ermitteln können, von diesem erst¬ 
mals um 1533 erwähnt wurde. Ich muss jedoch erneut davor warnen, 
solchen Datierungen vorbehaltlos zu vertrauen. Wenn diese War¬ 
nung verstanden und verinnerlicht wurde, verspüre ich nicht die ge¬ 
ringste Sorge, meine Leser fehlleiten zu können. Die griechische Aus¬ 
gabe der "Kirchengeschichte" soll um das Jahr 1544 von Stephens in 
Paris veröffentlicht worden sein. Es gibt einige lateinische Ausgaben 
mit früheren Datierungen. 

Für jeden Leser mit einem gewissen Stilgefühl ist das Griechische so¬ 
wie alle aus diesem Griechisch angefertigten Übersetzungen einfach 
grauenhaft. Für Jedermann mit einem Gefühl für die in dieser Ange¬ 
legenheit noch wichtigeren Dinge, also die Lebensumstände, die 
Wahrhaftigkeit der Sprache und die Aufrichtigkeit der Absichten, ist 
das Buch gar noch grauenvoller, sei es im besseren Latein oder im 
schlechteren Griechisch. Es ist ein auf dem Glaubensbekenntnis ba¬ 
sierendes Konstrukt aus größtenteils uneleganten, dummen und ab¬ 
stoßenden Fiktionen. Das Glaubensbekenntnis selbst stellt eine Reihe 
von erfundenen Lehrsätzen dar, deren Quelle niemand anders als 
der lateinische Übersetzer der "Kirchengeschichte" (Rufinus von 
Aquileia) selbst sein soll. 



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Das Wesen der "Kirchengeschichte" und der Liste der "Berühmten 
Männer" (De viris illustribus) erklärt: Die Aufdeckung des Kom¬ 
plotts der Paulus-Romanze 

Ich überlasse es meinen fleißigen Lesern, die "Kirchengeschichte" des 
Eusebius selbst zu lesen, was keine anspruchsvollere Aufgabe als das 
Lesen des Werkes "Über die Erfinder" ist. Nun möchte ich aber noch 
meinen eigenen kurzen Bericht zum Werk dar bringen. Dieser unbe¬ 
kannte Mönch gibt vor, ein mittels sehr spärlicher Aufzeichnungen 
unserer Vergangenheit forschender Mann zu sein. Dies bedeutet, wie 
bereits festgestellt, dass zu Beginn des 16. Jahrhunderts keinerlei 
christliche Aufzeichnungen existierten. Er ist alles andere als ein 
Mann der Forschung - höchstens derart, wie ein Romanautor ein 
Forscher im Dienste seiner eigenen Schöpfungen ist. Unser Schreiber 
ist tatsächlich lediglich ein theologischer Romancier. Nur in diesem 
Sinne kann man ihn als Historiker bezeichnen - wenn überhaupt. Es 
dürfte ziemlich schwierig sein, im 16. Jahrhundert jemanden zu fin¬ 
den, der nicht zur Spezies der Geschichtenerzähler gehört, in deren 
Schriften maximal Anklänge allgemeiner Sachverhalte zu erwarten 
sind, jedoch keinerlei genau definierte Fakten, auf die wir uns verlas¬ 
sen können wie auf die Berichte unserer Tageszeitung. 

Doch nun zur Paulus-Frage: Diese wunderbare Gestalt entstammt 
nicht ausschließlich den Gehirnen der Fabrikanten der Kirchenge¬ 
schichte. Er ist eine vage, nebulöse und formlose Erscheinung ohne 
jedes Anzeichen von Lebendigkeit. Er zeigt keine glühenden Emotio¬ 
nen und macht keineswegs den Eindruck einer besonders energi¬ 
schen und enthusiastischen Persönlichkeit, obwohl man uns beige¬ 
bracht hat, diese Eigenschaften mit Paulus zu assoziieren. Einige we- 



349 


nige Sätze fassen alles zusammen, was dieser schwache Phantast 
über seinen Lebenslauf zu sagen hat: 

• "Paulus war zunächst Verfolger der Kirche, wurde jedoch 
später zum Apostel." Das ist die knappe Handlung oder Ar¬ 
gumentation, die man, wie wir sehen werden, zur kunstvol¬ 
len Ausarbeitung des fesselnden Romans der Apostelge¬ 
schichte in andere Hände gab. Genau auf diese Weise gehen 
Dichter ihre Arbeit an. Sie fangen ihren glücklichen romanti¬ 
schen Gedanken ein und lassen ihn fortan nicht mehr los; als 
einen Kontrast, eine Verwandlung, eine Unwahrscheinlich¬ 
keit, die die Leser lieben. Wenn wir die knappe Handlung 
ernsthaft durchdenken, so sehen wir, dass sie sehr inter¬ 
essante Möglichkeiten enthält. Dabei können wir die Feind¬ 
seligkeiten gegen die Juden, die den Verlauf der historischen 
Romanze bestimmen, nur verabscheuen. 

• Eine spätere Aussage lautet: "Paulus machte eine Reise von 
Jerusalem bis nach Illyrien, um das Evangelium zu predi¬ 
gen." Diese Aussage begegnet uns ganze vier mal (H. E. 2:18; 
3:1 und 4; 6:25). Nun, wieso wiederholt der Mönch dies in 
dieser armseligen "mageren Geschichte (Zitat aus dem 
Werk)" so häufig? Ich kann nur vermuten, dass er seine Ge¬ 
hilfen deutlich darauf hinweisen will, was keineswegs ver¬ 
gessen werden darf. Jedenfalls handelt es sich dabei lediglich 
um die Fortsetzung der Handlung beziehungsweise der Ar¬ 
gumentation der Romanze, deren Ausarbeitung wir in den 
Erzählungen über die Missionsreisen in der "Apostelge¬ 
schichte" finden. 



"Paulus gründete die korinthische, die römische (zusammen 
mit Petrus) und die ephesische Kirche." Eine weitere Fortset¬ 
zung der Handlung als Vorbereitung für die erhabene Positi¬ 
on als Gründer der kirchlichen Institutionen, die für Paulus 
und seinen Bruder Petrus vorgesehen war. Es war Teil des 
großen schematischen Planes, die Kirche aus dem Osten 
nach Rom zu bringen. Das Christentum sollte als orientali¬ 
sche Geburt dargestellt werden, während es jedoch eine 
abendländische ist. Weiter sehen wir entsprechend der Ent¬ 
würfe dieser Schreiber erneut, dass man sich auf einen von 
Rom als bestimmendes Zentrum der christlichen Welt ausge¬ 
henden Aufgang des Christentums festlegte. Daraus lässt 
sich aber keinesfalls ableiten, dass sie auch in Rom geschrie¬ 
ben haben. 

"In einem gewissen Brief erwähnt Paulus seine Frau." Im 
gleichen Zusammenhang heißt es, dass Petrus und Philippus 
ebenfalls verheiratet waren. Es wäre jedoch insgesamt ein 
Fehler, anzunehmen, dass der Schreiber zum Zeitpunkt sei¬ 
ner Niederschrift irgendeine Epistel aus der Feder des Pau¬ 
lus vorliegen hatte. Der Schreiber scheint dieses kurze Kapi¬ 
tel und auch viele andere Passagen als vorläufigen Präze¬ 
denzfall zugunsten der Eheschließungen in zumindest eini¬ 
gen Priesterorden geschrieben zu haben. In der Luther-Bibel 
wird Paulus sogar dazu gebracht, für die Ehe zu plädieren. 
Auch Polydor verteidigt einen verheirateten Geistlichen. 


'Nachdem Paulus das Evangelium Christi von Jerusalem bis 



351 


Illyrien erfüllt hatte, erduldete er in Rom das Martyrium un¬ 
ter Nero." (H. E. 3:1) Ein weiterer kahler Handlungsstrang, 
der dazu bestimmt war, in anderen Schriften dargelegt zu 
werden. Die Schreiber haben den Apostel final in die Stadt 
transportiert, in der seine Karriere endet und sein unsichtba¬ 
rer Einfluss beginnt. 

Eusebius hält es für angebracht, uns seine Quelle für dieses kleine 
Kapitel über die geographische Verteilung der Apostel zu nennen. 
Und wer ist diese Quelle? Niemand Anderes als "Origenes", einer 
seiner Gefährten auf der Liste der "Berühmten"; tatsächlich einer sei¬ 
ner geheimen Kollaborateure. 

Ich komme nicht umhin, darauf hinzuweisen, wie lächerlich die Feh¬ 
ler unserer klerikalen Schreiber doch sind; entweder weil sie das 
Werk nicht kannten oder in ihrem Eifer bei dessen Verteidigung. Sie 
gehen davon aus, dass "Eusebius" 200 oder mehr Jahre nach den Au¬ 
toren des Neuen Testaments schreibt, was auch schon der Haupt¬ 
fehler ist. Weiter nehmen sie an, dass er dem Pfad dieser Autoren 
folgt, obwohl jede einzelne Seite die Unmöglichkeit dessen aufzeigt. 
Das ist auch schon der nächste Fehler - als direkte Folge des ersten. 
Vom angeblichen "Origenes" zugeschriebenen Fragment über Pau¬ 
lus, welches Eusebius zitiert, heißt es, dass alleine Eusebius es aufbe¬ 
wahrte und unsere Schreiber später beschlossen hätten, es in Orige¬ 
nes' Arbeiten mit aufzunehmen! Das wäre dann der dritte Fehler, ob¬ 
wohl wir es hier eher mit einem einzigen umfassenden Fehlgriff zur 
Stützung einer völlig unhaltbaren Theorie der Kirchenschriften zu 
tun haben. 



352 


Die von mir dargelegte Erklärung beseitigt alle Schwierigkeiten und 
deckt alle mir bislang bekannten Fälle ab. Vor uns sehen wir eine 
Gruppe von Männern beziehungsweise einen "Runden Tisch", der 
höchstwahrscheinlich von einem, zwei oder wenigen Leitern geführt 
wird. Sie haben sich ein System von Erdichtungen ausgedacht und 
umgesetzt. Die Methode besteht darin, kurze Sätze aufzuschreiben, 
sie in die Münder imaginärer Personen zu legen, als "Zeugnisse" zu 
bezeichnen, zu datieren und sie dann so zu zitieren, als wären sie 
maßgebend und stünden für sich selbst. Für den aufmerksamen Be¬ 
trachter ist diese Vorgehensweise leicht zu durchschauen. Jeder halb¬ 
wegs dichterisch begabte Schreiber wäre in der Lage, eine Geschichte 
mit einer beträchtlichen Anzahl von Charakteren zu konstruieren, 
die alle erdacht wurden um an einer Reihe von Ideen oder einer ge¬ 
meinsamen Geschichte beteiligt zu sein, sei es als Gläubige oder als 
Ungläubige, Unterstützer oder Gegner. Auf diese Weise kann ein Le¬ 
ser leicht beeindruckt werden, selbst wenn ihm bewusst ist, dass er 
es mit einer freien Erdichtung zu tun hat. Wenn aber die dar gebote¬ 
nen Darstellungen als die größten und schaurigsten Wahrheiten ver¬ 
kündet und durch eine mächtige Organisation gestützt werden, wie 
im Fall der Kirchengeschichte, sind die Eindrücke für jeden unwider¬ 
stehlich, ausgenommen die stets wachsamen und skeptischen For¬ 
scher. 

Die Handlung der Episteln: "Unzählige Geheimnisse und geheim¬ 
nisvolle Worte" 

Falls meine Leser meine Behauptung, dass die gesamte Kirchenlite¬ 
ratur späten Ursprungs ist, bisher noch nicht mittragen können, wer¬ 
den sie, sofern sie mir in diesen Einzelheiten folgen, zumindest ver- 



353 


stehen, dass die gegenwärtigen und gängigen Theorien über diese 
Literatur absurd sind und aufgegeben werden müssen. Lassen Sie 
mich nun kurz auf die Aussagen der "Kirchengeschichte" in Bezug 
auf die angebliche literarische Tätigkeit von Paulus und seine Epis¬ 
teln eingehen, welche die Mönche mit seinem Namen versahen. 

Hier nun eine bemerkenswerte Aussage, die unsere Aufmerksamkeit 
verlangt, zweimal wiederholt wird und bekundet, dass Paulus' Brie¬ 
fe sehr kurz waren. Eine dieser Passagen besagt über ihn Folgendes: 
"Paulus z.B., obwohl der wortgewaltigste und geistreichste von allen, 
hat uns nur seine ganz kurzen Briefe hinterlassen. Und er hätte doch 
unzählige Geheimnisse mitteilen können, da er ja bis in den dritten 
Himmel geschaut hatte und sogar bis in das göttliche Paradies ent¬ 
rückt worden war, wo er gewürdigt wurde, geheimnisvolle Worte zu 
hören." (H. E. 3:24) 

Ich muss meine Leser dringend bitten, nicht der falschen Vorstellung 
anheimzufallen, dass dieser Abschnitt sei das Echo einer Passage aus 
den Paulusbriefen sei, wie wir sie vorliegen haben. Das Gegenteil ist 
der Fall. Ich sage es noch einmal: Jedes Kapitel dieser "Kirchenge¬ 
schichte" beweist, dass sie als Einführung in Romanzen geschrieben 
wurde, die noch nicht vollständig fertiggestellt waren oder erst be¬ 
gonnen und noch nicht als Neues Testament bezeichnet wurden, ob¬ 
wohl ein ähnlicher Begriff Verwendung fand. 

Nun weiß jeder, dass ein ähnlicher Ausschnitt wie der oben beschrie¬ 
bene in den 2. Korintherbrief 12 eingefügt ist. Es ist eine Passage, die 
eine schockierende grammatikalische Schreibweise aufweist und je¬ 
des Prinzip des guten Geschmacks wie auch den Gang der Kirchen- 



354 


geschichte verletzt. Im Vergleich beider wird man feststellen, dass 
die eine Passage nicht von der anderen kopiert wurde, obwohl beide 
offensichtlich vom selben Geiste sind. Es ist unmöglich, eine andere 
Schlussfolgerung zu ziehen als die, dass beide Abschnitte, die im 
Wesentlichen die gleiche Bedeutung haben, obwohl sie in ihrer Form 
variieren, aus derselben monastischen Dichterwerkstatt stammen. 

Wir kommen nun zu einem anderen Abschnitt in einem Kapitel über 
die sogenannten "testamentlichen Schriften" beziehungsweise Bü¬ 
cher, wobei diese Bezeichnung den Weg für die Begriffe "Altes und 
Neues Testament" bereiten soll, die jedoch zu dieser Zeit anschei¬ 
nend noch nicht erfunden worden sind. Da haben wir wieder den 
großen "Origenes", der als Scheinzeuge für Paulus' literarische Tätig¬ 
keit herangezogen wird. Sie nennen diesen imaginären "Berühmten" 
Adamantius oder eben Chalkenteros, den "Eisendarmigen". Har- 
douin hat diese Bezeichnungen als allegorische Anspielung auf die 
harte Arbeit aufgedeckt, welche die literarischen Mönche für all ihre 
Lügen und Erfindungen auf sich genommen haben. Ich für meinen 
Teil werde ein wenig warmherzig, wenn ich sehe, wie sie sich gegen¬ 
seitig anlächeln und damit die Welt für ihre Leichtgläubigkeit ver¬ 
spotten. 

Die Apostelbriefe anerkennend lassen sie ihren "Origenes" sagen: 
"Paulus, der befähigt worden war, dem Neuen Bunde nicht des 
Buchstabens, sondern des Geistes zu dienen, und der das Evangeli¬ 
um von Jerusalem und Umgebung bis Illyrien vollendet hat, schrieb 
keineswegs an alle Gemeinden, die er unterwiesen hatte, ja er richte¬ 
te auch an die, welchen er schrieb, nur einige Zeilen." (H. E. 6:25) 



355 


Wenn der Leser zum Vergleich nochmals den 2. Korintherbrief 3:6 
heranzieht, wird er feststellen, dass der Gedanke eines "Gesandten 
des Neuen Testaments" der gleiche ist, auch wenn es in diesem Fall 
kein gewöhnliches Abschreiben ist. Man arrangierte es, Paulus derart 
zu beschreiben; und in dem Brief, der in dem Buch mit dem Titel 
"Apostolos" enthalten ist, wird er rechtzeitig dazu gebracht, sich 
selbst auf diese Weise zu beschreiben. Der hierbei verwendete Aus¬ 
druck "Neues Testament" bedeutet dabei nicht die Sammlung von 
Büchern, sondern ist gleichbedeutend mit dem Neuen Bund. 

Wieso wird so nachdrücklich betont, dass es nur sehr kurze Paulus¬ 
briefe gibt? Der intelligente Leser, der das Buch studiert und sich 
weigert, sich seinen Verstand von den irreführenden Verfassern ver¬ 
nebeln zu lassen, sieht sofort, dass dieser Kirchenhistoriker oder die¬ 
se mönchischen Romanciers unmöglich von den uns vorliegenden 
Paulusbriefen sprechen können. Wenn das Buch "Apostolos" tatsäch¬ 
lich existierte, muss dies eine recht dürre Angelegenheit gewesen 
sein. Falls es sich andererseits um eine Zusammenstellung handelte, 
war sie so angelegt, dass sie von sehr geringem Inhalt sein sollte; und 
es scheint, als ob eine Warnung zur Verhinderung einer größeren 
Paulus-Briefsammlung ausgegeben wurde. Ich vermute, man regis¬ 
trierte, dass etwas geschrieben wurde, das unter Paulus' Namen er¬ 
scheinen sollte und als nicht authentisch empfunden werden könnte. 

Paulus wird als äußerst wunderbarer Mann dargestellt // Das In¬ 
teresse an den Episteln scheint geweckt worden zu sein 

Bis hierhin ist die Konstruktion offensichtlich: Sie ist ein Mittel, um 
bei den Gläubigen das Ideal Paulus als sehr außergewöhnliche und 



356 


wunderbare Gestalt zu erzeugen, welche die erstaunlichsten Aben¬ 
teuer im Himmel zu bestehen hatte und dabei Geheimnisse ver¬ 
nahm, die gewöhnlichen Sterblichen verschlossen bleiben und die er 
nach seiner Rückkehr keineswegs offenbaren konnte. Uns wird ein 
wahrhaft erhabener Mann mit einer unvergleichlichen Geisteskraft 
präsentiert, der jedoch nicht oder nur widerwillig bereit ist, seine 
Botschaften zu übermitteln, weshalb er nur "ein paar Zeilen" hinter¬ 
lassen hat! Wir wollen sehen, ob wir dieses literarische Rätsel und 
zugleich den tiefsinnigen und zweckmäßigen Streich darin weiter 
beleuchtet können. (H. E. 3: 3 und 25) 

Es wird behauptet, dass es vierzehn Episteln des Paulus waren, je¬ 
doch wird die Urheberschaft des Briefes an die "Hebräer" angezwei- 
felt, wozu dem imaginären "Origenes" ein ausschweifendes Ge¬ 
spräch in den Mund gelegt wird. Denjenigen, die sich mit den beson¬ 
deren Erzeugnissen und dem Handwerk dieser literarischen Mönche 
befasst haben (und davon gibt es nur sehr wenige), dürfte bewusst 
sein, dass sie niemals ohne ein besonderes Motiv Zweifel hinsichtlich 
ihrer eigenen Kompositionen aufkommen lassen. Wenn sie den 
Glauben ihrer Leserschaft an die Echtheit dieses oder jenes Doku¬ 
mentes ins Wanken bringen, dann tun sie es zu genau diesem 
Zweck. Es ist die Taktik der Meister der literarischen Wetterlage, Bü¬ 
chern eine große Bedeutung beizumessen oder sie zu diskreditieren, 
je nachdem, was davon gerade zweckmäßiger ist. Diese Politik ist für 
die katholischen Kirchenmänner charakteristisch und bis heute sehr 
bedeutungsvoll. 

Sie begnügen sich aber nicht damit, nur am Hebräerbrief Zweifel 
aufkommen zu lassen, sondern müssen auch "apokryphe Apostelge- 



357 


schichten" mit Bezug auf Paulus einführen und zudem eine Sekte er¬ 
finden, die Paulus verachtete und seine Episteln ablehnte - nein, sie 
müssen sogar zwei derartige Sekten erfinden. So sind wir am Ende 
völlig irritiert und darüber im Unklaren, wer diese unergründliche 
Person war und welche Notizen sie ihren Gemeinden hinterlassen 
hat. Ist es nicht an der Zeit, dass kultivierte Leser den Sinn all dieses 
unerträglichen Unsinns untersuchen? 

Um die Konstruktion dieser Betrüger zu verstehen, müssen wir uns 
die Frage stellen, welche Auswirkung es auf unsere Vorstellungswelt 
hat, wenn wir diese Geschichten als wahr akzeptieren? Ist es nicht 
so, wie ich bereits anführte, dass dieser Paulus der undurchsichtigste 
und unverständlichste Mensch und Schreiber war, der je gelebt hat? 
Und führt dies nicht zu Neugier und verwirrten Forschungen, wel¬ 
che weder Befriedigung noch ein zur Ruhe kommen zulassen? Ob¬ 
gleich ich die monastische Fraktion keineswegs von der bewussten 
Absicht freisprechen kann, die Welt zu blenden und zu verwirren, 
müssen wir die Schuld dennoch auch in unserer eigenen Schwäche, 
unserer enormen Leichtgläubigkeit, suchen! 

Nun die Frage: Kann diese kleine Geschichte des Apostels oder die¬ 
ses Buch der Paulusbriefe in dieser Form angefertigt worden sein? 
Möglicherweise oder so ähnlich, ja. Es könnte mehrere Erweiterun¬ 
gen gegeben haben, bevor es den Umfang erreichte, in dem wir es 
heute vorliegen haben. Der Leser, der mir beim Studium der "Kir¬ 
chengeschichte" folgt, dürfte davon überzeugt sein, dass kein Wort 
davon auf dem Neuen Testament beruht - im Gegenteil. Es gibt vie¬ 
les darin, das überhaupt nicht im Neuen Testament zu finden ist. 
Das Neue Testament basiert auf dem in der "Geschichte" niederge- 



358 


legten Entwurf und wiederum beide auf dem entworfenen Sinnbild. 
Insbesondere bezüglich der Paulusbriefe denke ich, dass ich eine 
grobe Vorstellung des ursprünglich kargen Entwurfs des Paulus-Ma¬ 
terials ermöglichen konnte. Wir kommen nicht umhin, uns an die Fa¬ 
bel vom Berg, der die Maus gebiert, zu erinnern! 

Römerbrief: "laut meines Evangeliums". Der Kirchenhistoriker 
schreibt diesen Ausspruch Paulus zu, um zu behaupten, dass dieser 
damit auf das Lukas Evangelium anspielt. Dementsprechend finden 
wir den Ausspruch dreimal ins Neue Testament eingefügt: Römer 
2:16, 16:25 und 2. Timotheus 2: 8. 

"Denn ich halte es dafür, dass dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit 
nicht wert sei, die an uns soll offenbart werden." Diese Passage tritt 
in der Kirchengeschichte in Verbindung mit einer Verfolgungsge¬ 
schichte unter Verus auf. Es wird zwar weder Paulus zitiert, noch 
wird auf ihn hingewiesen, aber wir finden etwas sehr ähnliches im 
Römer 8:18. 

Dann haben wir noch die dreifach wiederholte Phrase über die Reise 
"von Jerusalem nach Illyrien", die im Römer 15:19 wiedergegeben 
wird. 

Geeignete Namen wurden sorgsam eingefügt 

Schließlich sagt der Kirchenhistoriker, dass Paulus in den Begrüßun¬ 
gen am Ende des Römerbriefes "Hermas" erwähnt, den angeblichen 
Autor von "Der Hirte des Hermas"; und tatsächlich erscheint "Her¬ 
mas" ordnungsgemäß im Römer 16:14. 



359 


Es scheint geradezu als hätten sie in Ermangelung anderer Bezug¬ 
nahmen wenigstens eine Anspielung auf Hermas unter dem Titel 
"Brief an die Römer" geschrieben. Sie bekunden selbst, dass das 
Werk umstritten ist. Hermas steht ebenfalls auf der Liste der "Be¬ 
rühmten". 

Für diejenigen, die mit diesen Forschungen nicht vertraut sind, mag 
es lächerlich erscheinen, zu sagen, dass das erste, was bei der Erstel¬ 
lung des Entwurfs einer Epistel unternommen wurde, das Einfügen 
einiger geeigneter Namen war. Offensichtlich zur Aufrechterhaltung 
der Täuschung wurde es jedoch auch in anderen Fällen so gemacht. 
Sie benötigen einen ausreichenden Vorrat an geeigneten Namen an¬ 
geblicher Gefährten des Apostels, da die historische These andern¬ 
falls nicht aufrechtzuerhalten wäre. Dies gilt umso mehr für Ge¬ 
schichten, die mit diesen Figuren überfrachtet sind. 

So gibt uns der "Kirchenhistoriker" in einem Kapitel (H. E. 1:12) über 
"Die Jünger unseres Erlösers" den Hinweis, auf welche Weise einige 
der Namen in die erst noch zu schreibenden Bücher des Neuen Tes¬ 
taments aufgenommen werden sollen. 

Er sagt, die "Liste der Siebzig" sei nicht mehr vorhanden, aber "Bar¬ 
nabas" sei einer von ihnen gewesen. Dessen Name kann an verschie¬ 
denen Stellen in der Apostelgeschichte gefunden werden, sowie be¬ 
sonders im Paulusbrief an die Galater. Ein weiterer war "Sosthenes", 
der zusammen mit Paulus an die Korinther schrieb. Wir finden diese 
Namen in den Episteln: Galater 2:1 und 1. Korinther 1:1. Unwissend, 
dass sie dort in Übereinstimmung mit einem literarischen Erdich- 




360 


tungsschema eingefügt worden sind, wurden wir alle von ihnen ge¬ 
täuscht. Was sind die Episteln noch wert, wenn wir diese Namen 
herausstreichen? 

Der nackte Entwurf der Episteln ist ausschließlich in der "Kirchen¬ 
geschichte" aufzufinden 

1. Korinther 

Nun möchte ich meinen Lesern verdeutlichen, dass dieser erste 
Kirchenhistoriker mit absoluter Sicherheit lediglich wenige Zeilen 
der Paulusbriefe oder eines der "testamentlichen" Bücher kannte. Er 
lässt Paulus bezeugen: "Jesus sei nach seiner Auferstehung von den 
Toten zuerst dem Kephas erschienen, sodann den Zwölfen, nach 
diesen zugleich mehr als 500 Brüdern, von welchen einige bereits 
entschlafen seien, die meisten aber zur Zeit des Briefes noch lebten; 
hierauf sei er dem Jakobus erschienen, der einer von den 
sogenannten Brüdern des Heilands war." Da es außer den genannten 
Männern sehr viele Nachahmer der Zwölf Apostel gab (zu welchen 
auch Paulus gehörte), fügt Paulus schließlich noch hinzu: "Sodann 
erschien er allen Aposteln." (H. E. 1:12) 

Der gewöhnliche von klerikalen Apologeten getäuschte Leser 
vermutet, dass dies ein Zitat aus dem 1. Korinther 15:5 sei. Dem ist 
jedoch definitiv nicht so! Die Epistel wird nicht erwähnt und der 
Vergleich der beiden Passagen lässt kein anderes Urteil als jenes zu, 
dass der 1. Korinther um dieses dürre Geflecht von Personennamen 
herumkonstruiert wurde, und zwar hauptsächlich, um diese Namen 
einzubetten und zu erhalten. 



361 


Im letzten Buch der Geschichte finden wir den Ausspruch "Auge hat 
weder gesehen, noch Ohr gehört (u.s.w.)" als Märtyrerhymne 
bezeichnet. Dabei wird nicht aus irgendeiner Quelle zitiert. Die 
Aussage ist in den 1. Korinther 2:9 eingefügt. In einer Passage des 
"Historikers" finden wir noch einen Ausspruch wie "ernstlich die 
besten Gaben begehren", jedoch erneut keinen Hinweis auf einen 
Paulusbrief. 

2. Korinther 

Ähnlich verhält es sich hinsichtlich des zweiten Korinthers. Wie ich 
bereits ausgeführt habe, bestand eines der Hauptziele in der 
Einbindung der Lieblingsphrase der Paulus-Legende - "von 
Jerusalem bis Illyrien". Von dieser Epistel kann kaum bereits mehr 
geschrieben gewesen sein. 

Die Mönche legten ihrem wundersamen "Origenes" die Aussage in 
den Mund, dass der Stil des Briefes an die Hebräer nicht die Eigenart 
des Apostels aufweist, "der selbst einräumte, dass er eine rohe 
Sprache pflegte", was somit auch für seine Formulierungen gilt, 
während der Brief an die Hebräer jedoch insgesamt in einem 
besseren Griechisch daherkommt. Dementsprechend finden wir 
dieses angebliche Geständnis in einem verworrenen Abschnitt des 2. 
Korinthers (2. Korinther 11:6). 

Auf den ersten Blick scheint es so, als hatten sie den Hebräerbrief 
bereits geschrieben, was jedoch nicht der Fall ist. Daraus kann man 
nur schließen, dass für diese Epsitel ein griechischer Gelehrter 



362 


beauftragt wurde, der dabei etwas geschickter war als der Rest der 
Briefe Schreiber. Solches ist sicherlich mit einem Schmunzeln 
geschrieben worden. 

Wir lesen an anderer Stelle der "Kirchengeschichte": "Ich laufe 
tatsächlich Gefahr, in große Torheit und Unverständigkeit zu fallen, 
wenn ich notgezwungen über unsere wunderbare Führung durch 
Gott berichte." Das Griechisch ist schockierend, aber der 
unvorsichtige Leser meint, einen Wiederhall von Paulus zu 
vernehmen (2. Korinther 11:1, 17, 23). Erneut ist dem jedoch absolut 
nicht so! Die Worte werden einem bestimmten Bischof in den Mund 
gelegt. Ich werde den Leser nicht mit seinem Namen und der 
angeblichen Datierung belästigen. Wenn wir diese Echos hören, 
müssen wir versuchen, die Gegend zu ermitteln, aus welcher der 
Ton zuerst kam. Er kam weder von dieser, noch von jener 
fantastischen Repräsentationsfigur, sondern aus den Kehlen unserer 
schreibkundigen Mönche, die mehr darauf abzielten, die 
Erinnerungen mit massenhaft angeblichen apostolischen Namen zu 
füllen als mit irgendetwas für die Öffentlichkeit Nützlichem oder 
Erbaulichem. 

Brief an die Galater 

Ich komme nun zum Brief an die Galater. Die Phänomene ähneln 
sich sehr. In einem Kapitel, das von der Laufbahn der Apostel nach 
der Himmelfahrt berichtet, kommt unser Historiker zu dem Schluss: 
"In jener Zeit erwies sich Paulus, das Gefäß der Auserwählung, als 
Apostel nicht von Menschen oder durch Menschen, sondern durch 
Offenbarung Jesu Christi selbst und Gottes, des Vaters, der ihn von 



363 


den Toten auferweckt hatte; der Berufung war er nämlich durch ein 
Gesicht und durch eine Stimme, welche während der Offenbarung 
zu ihm sprach, gewürdigt worden." 

Diese Behauptungen wurden Paulus auch direkt in den Mund 
gelegt; und zwar im Galater 1:1 und anderswo. Der Abschnitt bei 
Eusebius ist jedoch einer der wichtigsten, denn er enthält die kurze 
Darstellung der gesamten paulinischen Laufbahn, wie sie von 
verschiedenen Schriftgelehrten im Verborgenen der Klöster zur 
weiteren Ausgestaltung geschaffen wurde. 

Auch bei der Zusammenstellung dieser Epistel ging es in erster Linie 
darum, einen Teil des großen Romankomplexes einzubinden, der in 
der angeblichen "Geschichte" offenbart wird. Sie wollten das Ideal 
von Jakobus dem Gerechten in den Köpfen der Religiösen verankern. 
Deshalb sagen sie: "Jakobus des Gerechten gedenkt auch Paulus, 
wenn er schreibt: 'Einen anderen der Apostel aber sah ich nicht außer 
Jakobus, den Bruder des Herrn' ". (H. E. 2:1) Ordnungsgemäß taucht 
dieser Satz auch im Galater 1:19 auf. Es ist eigentlich nicht richtig, zu 
sagen, dass er in diese Epistel eingefügt wurde. Die Epistel, wie 
üblich eine zusammenhangslose Komposition, wurde geschrieben, 
um die historischen Leitsätze zu verkörpern. Selbiges gilt für die 
Erwähnung von "Barnabas" im zweiten Kapitel und für Kephas, von 
dem in der "Kirchengeschichte" ausdrücklich gesagt wird, dass er 
nicht Petrus ist. 

Eng verbunden mit der "Kirchengeschichte" ist folgender Ausspruch 
aus der Romanze "Über die Märtyrer in Palästina" (ebenfalls von 
Eusebius): "Das Jerusalem, das oben ist, ist die Freie und sie ist 



364 


unsere Mutter". Er wird dort Paulus zugeschrieben; ohne Hinweis 
auf eine der Episteln. Wir finden die Aussage mit einem Zusatz im 
Galater 4:25. 

Brief an die Philipper 

Nun zum Brief an die Philipper. Die bemerkenswerte theologische 
Phrase, dergemäß "Christus, welcher, da er in Gottesgestalt war, es 
nicht als Raub ansah, Gott gleich zu sein", kommt zweimal in den 
Geschichten über Märtyrer vor (H. E. 5:2; 8:10) - wiederum in man¬ 
gelhaftem Griechisch. Uns wird jedoch kein Verweis auf Paulus' Au¬ 
torenschaft dargebracht; im Gegenteil! Sie wird anderen Schreibern 
zugewiesen. Die eben aufgezeigte Aussage wird als Ausspruch von 
Paulus im Philipper 2:6 wiederholt. Es ist eine Torheit, aus Unkenntnis 
der Sachlage nicht zu erkennen, dass diese Passage ursprünglich aus 
der "Kirchengeschichte" stammt, also aus den Köpfen der monasti- 
schen Theologen (H. E. 3:4 und 15). 

Die Sorge um die Einrichtung der apostolischen Nachfolge 

In einem Kapitel über die ersten Nachfolger der Apostel und in 
einem über Clemens von Rom finden wir wie üblich die Hinweise 
auf die Handlung. Hier nun die dichterische oder pseudohistorische 
Behauptung, die der große Paulus bezeugen muss: "Clemens, der 
dritte Bischof der Kirche in Rom, wird von Paulus zu seinem 
Mitarbeiter und Mitstreiter erklärt." 

Folgerichtig entdecken wir, dass man Paulus die Aussage im 
Philipper 4:3 tatsächlich tätigen lies, jedoch wird dabei die Funktion 



365 


des "Mitstreiters" ausgelassen. Was auch immer jemand vom Inhalt 
dieser Epistel im Kopf behalten oder vergessen würde; Clemens 
wird man nicht so einfach vergessen; und wenn man sich an 
Clemens erinnert, denkt man auch gleich an die große Theorie der 
römisch-apostolischen Nachfolge. Wie reizend ist es, her¬ 
auszufinden, dass das, was als scheinbar vorübergehende 
Bezugnahme oder als einer von Paleys "außerplanmäßigen Zufällen" 
erscheint, tatsächlich bewusst erzeugt wurde, um den Menschen die 
römische Idee zu vermitteln. Weiter ist es ein absolutes Kuriosum, 
dass Clemens einen "echten, umfangreichen und bedeutsamen" Brief 
an die Korinther geschrieben haben soll (H. E. 3:16) und dieser dann 
aber nicht seinen Weg in den Kanon fand. Mehr ist über den Brief an 
die Philipper nicht zu sagen, außer, dass er nicht zur Zeit des 
Eusebius-Schreibers verfasst worden sein kann, mit Ausnahme des 
für sich allein stehenden Satzes über "Clemens und meine übrigen 
Mitarbeiter, deren Namen im Buche des Lebens stehen" 

Brief an die Kolosser 

Genau das gleiche Phänomen begegnet uns im Falle des Briefes an 
die Kolosser. Unsere Mönche schreiben eine kurze Darstellung des 
von Felix und Festus gegen Paulus geführten Prozesses. Diese 
Handlung soll von den Autoren der Apostelgeschichte weiter 
ausgearbeitet werden. Weiter schreiben sie, dass Paulus als Gefange¬ 
ner nach Rom geführt wird. Sie fügen dann hinzu: "Des Paulus 
Begleiter war Aristarchus, den er mit Recht in einem seiner Briefe 
seinen Mitgefangenen nennt." Im Kolosser 4:10 stellen wir fest, dass 
Aristarchus der Diener Paulus' ist. Aber tatsächlich hat unser 
erdichtender Mönch zur Zeit seiner Niederschrift keine weitere Zeile 



366 


des Kolosserbriefes geschrieben. Er hat nicht entschieden, in welche 
der geplanten Episteln der Verweis auf Aristarchus eingefügt 
werden soll. Letzterer hat lediglich die Funktion, für die Akzeptanz 
der Theorie der römischen Paulus-Abenteuer in den Köpfen der 
Gläubigen zu sorgen. 

Weiter gibt es zum Brief an die Kolosser nichts Erwähnenswertes, 
außer, dass er wie auch die restlichen Episteln angekündigt wurde, 
noch bevor man auch nur eine einzige Zeile von ihm zu Papier 
brachte. Viele der monastischen Bücher wurden als bereits 
geschrieben beworben, obwohl sie niemals verfasst wurden. 

Brief an Timotheus 

Es gibt in der "Kirchengeschichte" nicht den geringsten Hinweis 
darauf, dass der erste Brief an Timotheus existierte. Uns begegnet 
lediglich ein Satz, in welchen etwa von "Göttlichkeit möge Euch 
bewahren" die Rede ist, jedoch in einem völlig anderen Kontext. 

Zweiter Brief an Timotheus 

Der zweite Brief scheint der erste geplante gewesen zu sein. Und 
wieder einmal sollte der Entwurf auf diese vage und verweisreiche 
Art, die Paley und Andere so sehr beeindruckte, die Romantik des 
Lebens und des Leidens Paulus' bestätigen. Der Eusebier - damit 
meine ich den literarischen Regisseur des Schriftgelehrten Eusebius - 
schreibt über Paulus: "Damals nun schrieb er in Ketten den zweiten 
Brief an Timotheus, in dem er sowohl auf seine frühere 
Verteidigungsrede als auf sein baldiges Lebensende hinwies. 



367 


Vernimm sein eigenes Zeugnis hierüber: 'Bei meiner ersten 
Verteidigung stand mir niemand zur Seite, sondern Alle hatten mich 
verlassen. Möge es ihnen nicht angerechnet werden! Doch der Herr stand 
mir bei und stärkte mich, auf dass durch mich die Missionspredigt beendet 
werde und alle Völker sie hören. Ich wurde aus dem Rachen des Löwen 
befreit.' " 

Der Eusebier teilt uns dann mit, dass der Löwe für Nero steht, von 
dem er mehr weiß als man Paulus im 2. Timotheus 4 sagen lässt. 
Dieses Kapitel ist bemerkenswert für die scheinbar zufälligen, jedoch 
tatsächlich vorsätzlichen Übereinstimmungen mit anderen Teilen des 
Fiktionsschemas. Der Name Linus wird eingeführt. Dies geschieht 
erneut mit dem Ziel, die Vorstellung der römischen Nachfolge der 
Apostel beim Leser zu fixieren (H. E. 3:2). Vergleichen wir das 
Kapitel der Kirchengeschichte (bestehend aus dreieinhalb Zeilen) mit 
dem 2. Timotheus 4:21: In einigen Manuskripten der 
Kirchengeschichte gibt es einen Zusatz, der der Feder des Paulus 
zugeschrieben wird: "Eubulus und Pudens und Linus und Claudia 
lassen grüßen." 

Der Eusebius-Leiter ist ein Meister der Situation. Er weiß, was er 
seinen untergebenen Schreibern auftragen muss. Er erinnert uns an 
einen berühmten französischen Schriftsteller unserer Zeit, der sieben 
Schreibern auf einmal diktiert haben soll. "Die Handlung, der 
historische Rahmen, ist die Hauptsache", hören wir ihn sagen." Sie 
können die Episteln mit jeglichem theologischen und ethischen 
Inhalt füllen, den Sie gerade wünschen; je obskurer und 
widersprüchlicher desto besser. Alles wird den Eindruck verstärken, 
dass Paulus ein wunderbarer, erstaunlicher und unergründlicher 



368 


Mann war." Der kluge Regisseur arbeitete jedoch unter einem 
ungünstigen Umstand, denn er hatte zwar gute lateinische 
Schriftgelehrte, aber keinen guten Stab an griechischen; und 
vielleicht verstand er gar selbst kein Griechisch. 

Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass der Ausspruch "nach mei¬ 
nem Evangelium", mit dem der Regisseur darauf abzielt, Paulus auf¬ 
zubauen, sowohl im 2. Brief an Timotheus als auch im Römerbrief 
auftaucht; und zwar mit dem Ziel, Werbung für das Lukas Evangeli¬ 
um zu machen. Paulus und Lukas sind grundsätzlich unzertrennlich! 

Paulus ist umgeben von ganzen Scharen imaginärer Freunde und 
Anhänger sowie auch von Feinden, was seine scheinbare Prächtig- 
keit noch weiter erhöht 

Ich muss mich noch dem wundersamen 4. Kapitel des 2. Briefes an 
Timotheus zuwenden. Unser eusebischer Leiter, der so besorgt um 
die apostolische Nachfolge ist, wird noch einige weitere Namen in 
die Episteln aufnehmen lassen. Um nicht als ein Niemand zu enden, 
muss Paulus "Anhänger" haben! Daher muss der Abgott der Mönche 
dazu gebracht werden, auf weitere kleine Götzen hinzuweisen, die 
ihn umgeben. Anders ausgedrückt, muss Paulus Krescens bezeugen, 
der nach Galatien (oder auf Griechisch nach Galatis [Gallien]) 
geschickt wurde, siehe dazu 2. Timotheus 4:10. Im Gebäude verbaut 
wurde dieser Stein möglicherweise von einem Franzosen oder einem 
Mann, der sich für Frankreich interessiert. 



369 


Brief an Titus 

Nun zum Brief an Titus. Ich merke an, dass unser eusebischer 
Schriftleiter diesen Brief ganz sicherlich nicht diktiert hat. Er lässt 
Polykarp den folgenden Unsinn Paulus' zitieren: "Hast du einen 
Häretiker ein- oder zweimal zurechtgewiesen, dann halte dich von 
ihm ferne in dem Bewußtsein, dass ein solcher verkehrt ist und 
sündigt und über sich selbst das Urteil fällt!" (H. E. 4:14) Dies wurde 
als Grundlage des Titusbriefes geschrieben. Dazu hatte ich bereits 
darauf hingewiesen, dass der erste Ketzer, auf den der vorherige 
Ausspruch angewandt worden sein dürfte, der Autor des 
lutherischen Schismas war. Mehr ist über den Titusbrief nicht zu 
berichten. 

Nach dieser Bewertung möchte ich noch hinzufügen, dass das 
unschuldig und unbedenklich wirkende 4. Kapitel des 2. 
Timotheusbriefes, mit der Aneinanderreihung von Namen 
angeblicher Freunde des Paulus für uns einer der besten Hinweise 
für das Verständnis der gesamten hier behandelten Frage ist. Hier 
haben wir Paulus, den römischen Märtyrer, der seinen 
bevorstehenden Tod auf ergreifende Weise beschreibt. Daraufhin 
verkündet er seinem treuen Gefährten Timotheus eine Liste mit den 
Namen seiner Freunde Demas, Krescens, Titus, Lukas, Markus, 
Tychikus und Karpus; dann die Namen seines Feindes Alexander 
der Schmied, den er verwünscht, woraufhin er wiederum seine 
Freunde nennt; diesmal Priska, Aquila, Onesiphorus, Erastus, 
Trophimus, Eubulus, Pudens, Linus und Claudia, sowie noch 
unzählige weitere "Brüder". 



370 


Es ist notwendig, das dramatische Potenzial all dessen zu erkennen. 
Der Held eines Dramas muss alle Arten von herausragenden und 
gewöhnlichen Personen anziehen. Er muss geliebt und gehasst 
werden. Kurz gesagt, muss er eine Persönlichkeit sein, zumal eine 
äußerst interessante, denn andernfalls wird das Stück ein Misserfolg. 

Die Handlung der Paulus-Legende wurde so arrangiert, dass eine 
Vielzahl von kleineren Lichtern um diese große Koryphäe am 
kirchlichen Firmaments zu funkeln scheinen. Bücher wurden nur zu 
dem Zweck geschrieben, die Persönlichkeiten der Nebendarsteller 
vorzustellen, die im Timotheusbrief beiläufig genannt werden. Die 
Paulusbriefe können hinsichtlich ihres Gehaltes unmöglich mit wirk¬ 
lich großartigen, unweit der gleichen Epoche verfassten, Werken 
verglichen werden, die unter den Namen von Dante und Chaucer 
erschienen sind. Um wie viel größere Anstrengungen wurden 
unternommen, um die Persönlichkeit Paulus' auszubauen und 
seinen Ruhm zu steigern. 

Wie wenig hinterfragen die Menschen die immense Macht der 
größten literarischen Organisation unserer westlichen Welt, der 
Organisation, die wir die Kirche nennen. Diese Macht würdigt und 
preist die von ihr bevorzugten Persönlichkeiten. Ihre verachteten 
Feinde setzt sie herab und bekämpft sie mit Niedertracht. 

Man streiche die Namen von Paulus und seinen Gefährten aus 
diesen Episteln und kümmere sich ausschließlich um den 
Sachgehalt. Was bleibt dann noch über, außer willkürlichen, 
weitschweifigen, inkohärenten Sätzen über mystische Dinge, die 



371 


nicht gut lesbar in Latein, Französisch oder Englisch und nur sehr 
schlecht lesbar auf Griechisch sind? Zumal generell hinsichtlich jeder 
Sprache bezweifelt werden muss, dass jemals ein Mann mit 
Geschmack diese Episteln mit Vergnügen gelesen hat. 

Da sich meine Untersuchung auf die Paulusbriefe beschränkt und 
die Legenden aus der Apostelgeschichte über sein Leben als 
unabhängige literarische Produktion behandelt werden müssen, bin 
ich hier nicht auf alle die Paulusfrage betreffenden Einzelheiten der 
ersten "Kirchengeschichte" eingegangen. Wenn er die "Kirchenge¬ 
schichte" mit dem Ziel der Erforschung der Natur der Legenden aus 
der "Apostelgeschichte" untersucht, um herauszufinden, welche 
interessanten Legenden darin genannt werden, wird der Studierende 
feststellen, dass dieses Kunstwerk streng nach dem Prinzip des 
Glaubensbekenntnisses und nach dem kirchengeschichtlichen Hand¬ 
buch geplant wurde, um es durch eine Vielzahl von persönlichen 
Erzählungen zu begründen und zu bestätigen. Es geht dabei um die 
Idee eines persönlichen Erlösers und dessen Jünger, von denen 
behauptet wird, dass sie die Gründer dieses großartigen christlichen 
Reiches waren. Ich weiß, dass dies eine Schöpfung bestimmter Grup¬ 
pen von Männern mit Schwertern und Federn war, deren Ursprung 
ich unmöglich weiter zurück verfolgen kann, als bis zur Epoche vor 
etwa vierhundert Jahren. 

Ein älteres christliches Buch als die "Kirchengeschichte" ist weit und 
breit nicht zu entdecken, aber das Wesen des Buches wurde bisher 
missverstanden, obwohl es immer wieder teilweise diskreditiert 
wurde. Es ist der Grundstein des gesamten Systems. Das Neue Testa¬ 
ment wurde gemäß der Vorgaben dieses Buches geschrieben. Es ist 



372 


die tatsächliche Einführung in das Neue Testament. Es ist ein Werk 
der theologischen Kunst, mit dem Ziel, das Glaubensbekenntnis 
durchzusetzen und es mit angeblichen alten "Zeugnissen" zu stüt¬ 
zen, die sich als eine Ansammlung von Erfindungen erweisen. Perso¬ 
nen, Orte und Zeiten sind alle fiktiv. Wenn wir diesen Nebel der Er¬ 
dichtung auflösen und nach der Heimat der Romanciers fragen, be¬ 
finden wir uns in einem der großen Klöster des Ordens des Heiligen 
Benedikt, möglicherweise in St. Germain oder St. Denis (Dionysius 
Areopagita) in Paris. Das Vorkommen des Namens Germanus in der 
Geschichte ist merkwürdig und scheint mir ein Hinweis auf die ehe¬ 
malige Abtei zu sein. Mit ziemlicher Sicherheit war der westliche 
Mönchsorden die Werkstatt; und gewiss gab es einen "Runden 
Tisch" von literarischen Leitern sowie eine Auflage der gleichen Bü¬ 
cher und Konzepte in allen Klöstern des Ordens. Paulus, sein Leben 
und seine Episteln sind eindeutig die Schöpfung dieser literarischen 
Fraktion. Die Arbeiten waren in der frühen Reformationszeit im 
Gange. 

Eine kurze Zusammenfassung 

An dieser Stelle nun ein kurzes Zwischenfazit. Ich habe die erste 
Ausgabe der paulinischen Romanze entdeckt und sie meinen Lesern 
erschlossen. Paulus musste der Märtyrer-Gründer der römischen 
Kirche sein. Weiter musste er ein bekehrter Jude sein, der sich nicht 
selbst entwickelte sondern ohne menschliches Zutun auf wun¬ 
dersame Weise bekehrt wurde; dies mittels einer Vision und 
himmlischen Mitteilungen. Er musste in den dritten Himmel 
gelangen und dort "geheimnisvolle Worte" hören. Weiter musste er 
ein missionarischer Prediger sein, der in dieser Funktion von 



373 


Jerusalem bis nach Illyrien zieht. Dennoch durfte er nur sehr wenig 
geschrieben haben; dies jedoch unter der notwendigen Bedingung, 
dabei reichlich Verweise auf weitere Personen zu liefern, also z.B. auf 
seine Gefährten und Jünger. Auf diese Weise musste er das Dogma 
der römisch-apostolischen Nachfolge begründen. 

Meiner Überzeugung nach war den Mönchen bewusst, dass sie unter 
den vorherrschenden Kontroversen keine adäquaten theologischen 
Schriften unter dem Namen dieses außergewöhnlichen Mannes 
schreiben konnten, dem sie so wundersame Fähigkeiten 
andichteten. Mit der Aussage, dass Paulus nur wenige Zeilen 
geschrieben habe, schützten sie sich also davor, dass Menschen, die 
die Schriften lesen, den Sektierern entgegnen: "Dies ist keinesfalls 
von Paulus!" 

Man kommt nicht umhin, über die spärlichen Mittel zu schmunzeln, 
mit denen man den Eindruck erwecken wollte, dass Paulus kein 
Mann der Feder sei. In einem Fall wird ein Schreiberling namens 
"Tertius" behauptet, sozusagen eine dritte Person (Römer 16:22). An 
anderer Stelle lässt man Paulus ausdrücklich sagen, dass er in einer 
privaten Angelegenheit und "mit eigener Hand" geschrieben habe (1. 
Korinther 16:21), als wäre er nicht an solche Anstrengungen 
gewöhnt! 

Dies wird an anderer Stelle durch die Aussage unterstrichen, dass er 
den Galatern - wie ein Hinterwäldler - in großen und offenbar 
unbeholfenen Buchstaben schrieb (Galater 6:11). 


Moderne Kritiker entschuldigen den dilettantischen und fehlerhaften 



374 


Stil der Schriften mit der Annahme, dass Paulus seine Episteln 
diktierte. Die Episteln sollten so sein wie sie sind; es bedarf jedoch 
dringend einer Erklärung, dass solche übereilten und schlecht 
verdaulichen Kompositionen jemals im Namen der Kirche 
veröffentlicht werden durften. 

Die künstlerischen Mönche deuten geschickt an, dass Paulus jeder 
diktierten Epistel einen Hinweis hinzufügt (2. Thessalonicher 3:17). 
Weiter wird angedeutet (2. Thessalonicher 2:2 ), dass in seinem 
Namen falsche Briefe aufkamen, die eine solche Praxis erforderlich 
machten. Weitere Hinweise für dieses Mittel finden wir im 1. 
Korinther 16:21-24 und im Kolosser 4:18. 

Nehmen wir einmal an, dies sei die beabsichtigte Erklärung für die 
Aussage, dass Paulus nur wenige Zeilen schrieb, so bliebe das gene¬ 
relle Motiv dennoch dasselbe; und zwar zum einen die Entschuldi¬ 
gung der erbärmlichen Komposition der Episteln; und zum anderen 
ist es ein Weg, der scharfen Kritik zu entgehen, die entweder gegen 
den Stil oder die Substanz der Episteln gerichtet ist. 



375 


ßapitel IV 

Paulus öer "33erüf)mte Jliann" 


Paulus der "Berühmte"; vormals Saulus 

Ich lenke die Aufmerksamkeit meiner Leser nun auf ein anderes klei¬ 
nes Buch, das für die früheste Kirchengeschichte von gleicher Bedeu¬ 
tung ist, jedoch von meinen Vorgängern auf diesem Forschungsge¬ 
biet, soweit ich das feststellen kann, niemals richtig studiert und ver¬ 
standen wurde. 

Ich beziehe mich auf die erste Liste der "Berühmten Männer" (De vi- 
ris Illustribus), die unter den Namen "Hieronymus" und 
"Gennadius" erschien. Wenn ich von dieser Liste spreche, muss ich 
entweder die gesamte Frage der Kirchenliteratur noch einmal von 
Beginn an aufrollen oder ich muss meine Leser bitten, mit mir davon 
auszugehen, dass sie, wie auch die Kirchengeschichte, zur Wieder¬ 
entdeckung der Schriften gehört. Ich wähle das Letztere. 

Tatsächlich gilt jedes Argument, das ich in Bezug auf die Modernität 
der "Kirchengeschichte" verwendet habe, gleichermaßen auch für die 
Liste der "Berühmten Männer". Jeder Teil, sowohl hinsichtlich der 
äußeren als auch der inneren Beweise, zeigt, dass das Buch die Pro¬ 
duktion derselben monastischen Fraktion ist, deren Wirken es im 
Wesentlichen entspricht, wenn auch mit konstruierten Variationen. 

Historiker wie Ranke und l'Aubigne, die sich mit der Literatur des 
frühen 16. Jahrhunderts beschäftigten, haben darauf hingewiesen. 



376 


dass es Skeptiker in den Reihen der Kulturschaffenden gab, die be¬ 
stritten, dass die kirchliche Geschichte "auf einem echten Zeugnis be¬ 
ruht" und behaupteten, dass sie lediglich eine Einrichtung "heiliger 
Trickserei" ist. Das Vorwort zur Liste der angeblich "Berühmten" 
scheint aufgrund dessen geschrieben worden zu sein, dass man diese 
Meinungen durchaus zur Kenntnis nahm. 

Unabhängig davon zu welchem Zeitpunkt die Liste erstellt wurde, 
muss das Vorwort jeden Mann mit Geschmack zwangsläufig anwi¬ 
dern. Niemand, der ein Ohr für den Klang aufrichtiger Gedanken 
hat, kann von einem solchen Manifest getäuscht werden. 

Wenn man die Methode der Mönche einmal verstanden hat, erkennt 
man hier ein indirektes Bekenntnis bezüglich der bereits von mir 
festgestellten Tatsache, dergemäß die Kirche zum Zeitpunkt der Wie¬ 
derentdeckung der Schriften keinerlei Literatur besaß; woraus die 
Notwendigkeit entsprang, diese zu konstruieren und zu behaupten, 
es wären Schriften alter griechischer und lateinischer Schreiber, ins¬ 
besondere der Suetonius zugeschriebenen Liste "Berühmter 
Männer". [Es gibt tatsächlich zahlreiche verschiedene Listen "Be¬ 
rühmter Männer" (De viris Illustribus)] 

Es wird eingestanden, dass außer "Eusebius Pamphili", mit seinen 
zehn Büchern der Kirchengeschichte, zuvor niemals jemand die 
Schaffung eines solchen Werkes unternommen hat. Der Katalog der 
Redner in Ciceros "Brutus" wurde ebenfalls als Vorbild dafür ver¬ 
wendet. 



377 


Die Romanze wird weitergesponnen 

Indirekt wird die Existenz von gewissen Personen eingestanden, 
welche bestritten, dass die Kirche irgendwelche Philosophen, elo¬ 
quenten Männer oder Kirchenväter hatte; jedoch werden diese 
Kritiker in Übereinstimmung mit dem ganzen System auf das angeb¬ 
liche 4. Jahrhundert zurück datiert und heißen "Celsus, Porphyrios, 
Julian - tollwütige Hunde gegen Christus". Alle Erzählungen über 
diese vorgeblichen Gegner stammen aus der selben Werkstatt wie 
die übrigen Geschichten. Die literarischen Mönche spürten, dass sie 
ihrem Zweck mit einer einseitig erzählten Geschichte nicht gerecht 
werden können, ohne aufzuzeigen, wie ihr System bereits in den an¬ 
geblichen alten Zeiten gegen die Opposition gesiegt hatte. 

Ebenfalls wird indirekt eingeräumt, dass es Personen gab, die "unse¬ 
rem Glauben" eine "rustikale Einfachheit" vorwarfen. Das hier be¬ 
handelte Verzeichnis sollte vor der gelehrten Welt erblühen, um die 
reiche Anzahl großer Männer aufzuzeigen, die diesen Glauben be¬ 
gründeten und aufgebaut haben. In Verbindung mit reichlich ande¬ 
ren Beweisen kann das Ganze daher durchaus als eine Tatsachendar¬ 
stellung betrachtet werden, wenn auch in falscher Gestalt bezüglich 
der Bücher in den Klöstern der frühen Tudorzeit (welche 1485 be¬ 
ginnt). Es entspricht nahezu dem, was ich bei meiner sehr sorgfälti¬ 
gen Überprüfung des Berichts über John Lelands literarische Reise 
entdeckte, von welcher es heißt, dass er sie in der Zeit zwischen 1533 
und 1539 unternahm. 

Nun ist der fünfte Name auf unserer Liste der des "Paulus, vormals 
Saulus". Dementsprechend erhalten wir bezüglich des Namens und 



378 


anderer Einzelheiten, eine neue Variation der kurzen Romanze über 
Paulus. Diese ist weder aus der "Kirchengeschichte" des Eusebius 
noch aus dem Neuen Testament oder irgendeiner anderen Quelle ko¬ 
piert worden, sondern stellt eine Erweiterung des im Eusebius-Sche¬ 
ma festgelegten Handlungsstranges dar. Zweifellos zu irgendeinem 
Zweck der Identifikation innerhalb der Fraktion, nennt sich der 
Schreiber "Eusebius Hieronymus". Die Handlung hat nun folgende 
Form angenommen: 

Das auserwählte Gefäß: Der Apostel der Nationen 

"Der Apostel Paulus, der ursprünglich Saulus hieß, gehörte 
nicht zu den 12 Aposteln. Er gehörte dem Stamme Benjamin an 
und kam aus der Stadt Giscalis in Judäa. Als die Stadt von den 
Römern eingenommen wurde, zog er mit seinen Eltern nach 
Tarsus in Kilikien. Sie schickten den Sohn in früher Jugend 
nach Jerusalem, wo er zu den Füßen des von Lukas erwähnten 
Gamaliel saß und mit allem Fleiß das Gesetz lernte. Nachdem 
er bei der Ermordung des Märtyrers Stephanus anwesend war, 
erhielt er vom Hohepriester des Tempels Briefe mit dem Auf¬ 
trag, Diejenigen zu verfolgen, die an Christus glaubten; und so 
zog er weiter nach Damaskus. Durch die Offenbarung zum 
Glauben geführt, wie in der Apostelgeschichte beschrieben, 
wurde er von einem Verfolger zum "auserwählten Gefäß". Der 
erste, der an seine Predigten glaubte, war Sergius Paulus, Pro- 
Konsul von Zypern. Von ihm erhielt er seinen Namen, da er ihn 
zum Glauben an Christi bekehrt hatte. Er bereiste viele Städte 
und Barnabas begleitete ihn auf diesen Reisen. Nachdem er 
nach Jerusalem zurückgekehrt war, wurde er von Petrus, Ja- 



379 


kobus und Johannes zum Apostel der Nationen (Gentium = 
Stamm, Volk, Geschlecht) bestimmt." 

"Da wir in der Apostelgeschichte eine sehr ausführliche Be¬ 
schreibung seiner Unterredung finden, füge ich hier lediglich 
an, dass nach der Passion des Herrn im Jahr 25, also im zweiten 
Jahr Neros, zu der Zeit, als es Festus, der die Nachfolge von Fe¬ 
lix als Prokurator von Judäa antrat, gelang, ihn in Fesseln nach 
Rom zu führen, wo er dann zwei volle Jahre in Haft blieb und 
täglich mit den Juden über die Ankunft Christi stritt. Man muss 
jedoch wissen, dass Neros Herrschaft anfangs noch nicht sehr 
streng war und er nicht der Boshaftigkeit verfiel, die ihm die 
Geschichte nachsagt. Paulus wurde von Nero freigelassen, da¬ 
mit das Evangelium Christi auch im Westen gepredigt werden 
könne. Dies bekundete er zu der Zeit, in der er litt, selbst im 
zweiten Brief an Timotheus, den er wegen seiner Fesseln diktie¬ 
ren musste: 

'In meiner ersten Verantwortung stand mir niemand bei, son¬ 
dern sie verließen mich alle. Es sei ihnen nicht zugerechnet. Der 
HERR aber stand mir bei und stärkte mich, auf dass durch 
mich die Predigt bestätigt würde und alle Heiden sie hörten; 
und ich ward erlöst von des Löwen Rachen.' [2. Timotheus 
4:17] Hier wird Nero, auf Grund seiner Grausamkeit, sehr deut¬ 
lich als Löwe symbolisiert. Und dann fährt er fort: 

'Der HERR aber wird mich erlösen von allem Übel und mir 
aushelfen zu seinem himmlischen Reich' [2. Timotheus 4:18], 
denn er fühlte, dass sein gegenwärtiges Martyrium unmittelbar 



380 


bevorstand, was er in derselben Epistel voraussagte: 

'Denn ich werde geopfert, und die Zeit meines Hinscheidens ist 
nahe.' [2. Timotheus 4:6] 

So wurde er dann im vierzehnten Jahre Neros, am selben Tag 
wie Petrus, wegen seiner Liebe zu Christus enthauptet und 
nach ostischem Brauch beerdigt, nach der Passion des Herrn 
XXXVIII." 

Diese lateinische Legende ist als solche vollständig und durchaus zu¬ 
friedenstellend. Sie gibt uns Hinweise auf die Erweiterung der Apo¬ 
stelgeschichte, deren Komposition meiner Ansicht nach gerade im 
Gange war - unter Beaufsichtigung eines literarischen Leiters. 

Giscalis wird in der Apostelgeschichte nicht erwähnt. Die eindrucks¬ 
volle Legende des Martyriums wird in diesem nun behandelten 
Werk, welches merkwürdig abrupt endet, bewusst ausgelassen. Bis¬ 
her blieben alle Mutmaßungen zur Erklärung dieses Phänomens er¬ 
gebnislos. Die einfachste und meines Erachtens auch naheliegendste 
Erklärung ist die, dass der Druck zur Fertigstellung zum Zwecke der 
Veröffentlichung zum Aussparen der Legende geführt hat, die, wenn 
sie schon erzählt wird, auch ausführlich dargestellt werden muss. 

Der erste Hinweis auf das Predigen des Evangeliums im Westen 
wurde durch eine Anspielung auf Spanien gestützt. Weiter gibt es 
noch eine katholische Legende, dergemäß Paulus nach England 
kommt und vom Highgate Hill auf London herabschaut. 



381 


Das Ideal Paulus ist noch immer das des Märtyrers und auserwähl¬ 
ten Gefäßes. Dies wird durch den kurzen Abschnitt im 2. Timotheus¬ 
brief bestätigt, der auf das Gerichtsverfahren sowie auf das Martyri¬ 
um anspielt und das Ziel verfolgt, diese Idee in den Köpfen der 
Gläubigen zu verankern. 

Die Auslassung jeglicher Erwähnung Neros und des Martyriums der 
Apostelgeschichte ist einer jener Vorwürfe, die schon vor langer Zeit 
dazu hätten führen müssen, dass gründliche Kritiker den Verdacht 
hegen, dass in der kompletten Systematik der Bücher etwas nicht 
stimmt. Der Hauptpunkt, auf dem ich beharren muss, ist jedoch der, 
dass die lange und ausführliche Handlung der Paulus-Legende auf 
dem Fundament errichtet wurde, welches in der "Kirchengeschichte" 
sehr zusammenhangslos und in der Liste der "Berühmten Männer" 
um einiges kompakter arrangiert ist. 

Überarbeitete Theorie der Episteln 

Was sagt der literarische Leiter zu den Paulusbriefen? 

Paulus schrieb neun Briefe an die sieben Gemeinden; einen 
an die Römer, zwei an die Korinther, einen an die Galater, 
einen an die Epheser, einen an die Philipper, einen an die Ko¬ 
losser, zwei an die Thessalonicher und dann noch zwei an sei¬ 
nen Jünger Timotheus, einen an Titus und einen an Philemon. 
Der an die Hebräer gerichtete Brief wird auf Grund der Disso¬ 
nanz von Stil und Sprache nicht für authentisch gehalten. Ge¬ 
mäß Tertullian ist er von Barnabas. Laut eingen Anderen 
stammt er von Lukas dem Evangelisten. Gemäß einer weiteren 



382 


These ist der Brief von Clemens, dem späteren Bischof der rö¬ 
mischen Kirche, dem man nachsagt, die Paulus-Sentenzen 
[fundamentale theologische Lehrsätze] in seiner eigenen Spra¬ 
che arrangiert und ausgeschmückt zu haben. Anderen zufolge 
soll er von Paulus selbst sein. Dieser hätte, da ihn die Hebräer 
hassten, seinen Namen aus dem Grußwort streichen lassen. Er 
schrieb als Hebräer auf Hebräisch, da die Verwendung seiner 
eigenen Sprache am eloquentesten ist. Clemens hat das, was 
auf Hebräisch bereits wortgewandt war, noch wortgewandter 
ins Griechische übersetzt; und dies war der Grund, aus dem 
sich der Brief anscheinend von den übrigen Paulusbriefen un¬ 
terscheidet." 

Eine sehr komplizierte Passage! 

"Einige lesen den Laodizenerbrief, jedoch hat er sich vollstän¬ 
dig aufgelöst"? Die beiden Eusebier sind in ihren Aussagen zu 
diesem Punkt ziemlich deckungsgleich. Sie verspüren eine hei¬ 
tere Freude dabei, die Gedanken ihrer Leser bezüglich dieser 
Hebräerfrage in Schwingung zu versetzen. Sie möchten, dass 
wir einerseits glauben, Paulus sei der Autor und dass wir aber 
gleichzeitig annehmen, dass es einen anderen Urheber gibt. 
Möglicherweise wollen sie sich vor Kritik und Aufdeckung 
schützen, indem sie das scheinbar ehrliche Bekenntnis abge¬ 
ben, demgemäß "Gott allein weiß, wer den Brief geschrieben 
hat". Zweifellos hat das Ganze auf den unvorsichtigen Leser 
genau diese Wirkung. Womöglich befürchteten sie den Tadel 
eines wohlgebildeten jüdischen Gelehrten, der da lauten könn¬ 
te: "Dieses Buch wurde niemals von einem echten Hebräer ge- 



383 


schrieben und könnte auch niemals von einem geschrieben 
werden." 

Es kann sich dabei also lediglich um das Bedürfnis handeln, den Le¬ 
ser in einem Zustand der ständigen Ungewissheit zu halten, wel¬ 
chem all diese listigen Erfindungen zweifellos entspringen. Der Le¬ 
ser weiß nichts von der klösterlichen Moral und ihm ist keineswegs 
bewusst, dass die ständige Verdrehung aller Tatsachen ihr wesentli¬ 
cher Bestandteil ist. Wie wir noch sehen werden, ist das Wirken Pau¬ 
lus' das eines konstanten Widerspruchs in sich. Absolute Aussagen 
dürfen niemals gemacht werden. Das wankelmütige Ja-Nein-Prinzip 
muss stets eingehalten werden. "Hat Paulus den Hebräerbrief ge¬ 
schrieben?"; "Ja und nein."; "Wie meinst du das?"; "Der Stil ist nicht 
der seinige, aber die Gedanken dahinter sind es doch! Eventuell war 
jemand anderes der Autor. Gott allein weiß es!" 

Unterdessen war es ein Vorteil dieses Mittels, dass das Interesse um 
das Wunder und das Rätsel des literarischen Paulus stets lebendig 
blieb und weiter anwachsen konnte. Luther trug nicht die paulini- 
sche Autorenschaft des Hebräerbriefes. Bis zu Luthers Zeit gab es 
auch keine offene Kritik an der Epistel. Bisher soll aber noch nie¬ 
mand die fundamentale Präge gestellt haben, ob es jemals eine Per¬ 
son wie Paulus gab, außer im künstlerischen Bewusstseins der 
Mönchskloster. 

Polglich halten die fruchtlosen Debatten über die Paulus-Prage bis 
heute an. 


Die "Kirchengeschichte" enthält kein einziges Zitat aus der Epistel 



384 


und es gibt lediglich drei Abschnitte, die Abschnitten im Hebräer¬ 
brief ähneln, wobei Paulus in einem dieser drei Fälle der Autor sein 
soll; dies jedoch ohne irgendeine Referenz. Der eigentliche Verfasser 
des Briefes wollte anscheinend die Autorenschaft Paulus' andeuten, 
indem er im letzten Kapitel den Namen Timotheus einfügte. 

Der Name Saulus, der dem Alten Testament entlehnt wurde, scheint 
für den ehemaligen Verfolger durchaus angemessen. Aus dem glei¬ 
chen Grund wird er als Benjaminit bezeichnet, denn "Benjamin ist 
ein reißender Wolf; des Morgens wird er Raub fressen". [1. Mose 
49:27] Der Wunsch, Paulus zu einem richtigen Juden und dennoch 
zu einem echten Römer zu machen, wird in anderen Ergänzungen 
deutlich. Jeder aufmerksam Forschende muss jedoch erkennen, dass 
für diese kurze Mitteilung keine Notwendigkeit bestünde, wenn die 
Apostelgeschichte in ihrem jetzigen Ausmaß allgemein bekannt und 
das Verschweigen Giscalis bemerkt worden wäre. 

Die Paulus-Legende ist eine Allegorie auf die Theorie des Ur¬ 
sprungs der Kirche 

Vergleichen wir diese triste und knappe Beschreibung Paulus' als 
"großen" Kirchenlehrer mit den ausgearbeiteten Darstellungen der 
Apostelgeschichte, so erkennen wir, dass die Kreierenden aus ir¬ 
gendeinem Grund ein großes Interesse daran hatten, dieses Ideal zu 
entwickeln. Auf der "Liste" ist Paulus nicht berühmter als die Übri¬ 
gen, während seine dominante Persönlichkeit im Neuen Testament 
die gesamte christliche Welt beherrscht. Hier agieren offensichtlich 
römische Interessen. Die Kirche kann nicht ohne die Märtyrer-Grün¬ 
der Petrus und Paulus auskommen. Als man sich dann dazu ent- 



385 


schlossen hatte, Paulus zum größten frühen Kirchenvater zu machen, 
zum wortgewandtesten und tiefgründigsten von allen, da entstand 
die Notwendigkeit, ihm mehr Aufmerksamkeit zu widmen oder an¬ 
deren der "Großen" weniger Raum zuzugestehen. Es gibt jedoch 
Hinweise darauf, dass man zuvor darauf abzielte, Jakobus als Bi¬ 
schof von Jerusalem zu einem großen Ideal zu machen, denn seine 
Geschichte scheint in ihrer früheren Skizze wirkungskräftiger als die 
des Paulus. Kurz gesagt: Wenn wir feststellen, dass Paulus das Ideal 
Roms und generell das des Westens ist, so weisen wir auf den über¬ 
ragenden Einfluss der lateinischen beziehungsweise römisch-ka¬ 
tholischen Kirche hin. Das Leben, die Karriere westwärts und der 
Tod des Paulus in der Metropole stellen eine Allegorie dar; dies je¬ 
doch nicht auf die wahre Geschichte der kirchlichen Ursprünge, son¬ 
dern auf die Geschichte, welche uns die Mönche über die wahren 
Ursprünge glauben machen wollten. 

Ich denke, ich habe mich nun ausreichend mit den beiden Schlüssel¬ 
büchern der Kirchengeschichte und dem so von mir benannten mo- 
nastischen "Runder Tisch'-System befasst. Aus mangelnder Kenntnis 
dieser Schlüsselbücher und ihrer Beziehung zum Neuen Testament 
haben es die modernen Kritiker bislang nicht geschafft, die Wurzeln 
des Paulus-Problems anzugehen, da diese Schlüsselbücher die 
Grundskizze der Handlung der großen kirchlichen Romanze enthal¬ 
ten. 

Im Wesentlichen stellen beide Werke ein Buch dar, welches uns 
wichtige Hinweise auf die Wahrscheinlichkeit liefert, dass das pri¬ 
märe Schema die Nachkommenschaft eines erfinderischen Gehirns 
ist, welches die Ausführung der früheren Teile leitete. 



386 


Es ist durchaus wahr, was unsere Gelehrten auch wissen und kund¬ 
tun, dass diese Werke "die unentbehrliche Rohstoffquelle für die Ge¬ 
schichte des Kanons und des Aufstieges seiner einzelnen Bücher 
sind". Sie sind jedoch beide falsch, sowohl hinsichtlich ihrer Datie¬ 
rung als auch ihres Wesens. Bei ihnen handelt es sich um Re¬ 
naissance-Werke, die keinerlei altes Zeugnis enthalten. Sie offenba¬ 
ren ein System aus Kunst und Handwerk, das mit endlosen Wieder¬ 
holungen und Variationen gestützt wurde. Einfache, direkte und ein¬ 
deutige Aussagen haben den Versuch nicht nötig, mit solchen Wie¬ 
derholungsarien auf unser Urteil einzuwirken und Einfluss auf un¬ 
ser Gewissen zu nehmen. Der Kanon ist kein Denkmal der be¬ 
zeugten Antike, sondern eine moderne monastische List. 



387 


Äopttel V 

©ie Otruftur bet Paulusbriefe, lote sie 
uns im JRtssal begegnet 


Adressaten und Begrüßungen dienen der Fixierung der histori¬ 
schen Theorie 

Die Struktur der Paulusbriefe weist alles auf, was ich bis hierhin über 
die von den Mönchen verwendete Kompositionsmethodik geschrie¬ 
ben habe, die in den Werken der beiden Eusebier so deutlich zu Tage 
tritt. 

Sehen wir uns dazu einmal den Brief an die Römer an. Er beginnt 
mit dem Wort Paulus und endet mit einer langen Reihe von Namen 
der gegrüßten Personen - Phoebe, Priscilla, Aquila u.s.w. - mit beige¬ 
fügten Hinweisen in Form kleiner Anekdoten über sie, welche neu¬ 
gierig machen und von denen jede mit der Tendenz eingerichtet ist, 
unsere Wahrnehmung für die Größe und die Anziehungskraft der 
prachtvollen apostolischen Persönlichkeiten zu stärken. Die ständig 
um den Erhalt dieses Effekts besorgten Künstler haben ihr Werk 
überreizt. Wie auch in vielen anderen Teilen der Bücher, nehmen wir 
eindeutig ihre Hast und Ungeschicklichkeit wahr. Die gewünschte 
Wirkung ist jedoch in jedem Fall gesichert. Paulus ist mitsamt seiner 
Armee von Jüngern und Freunden in unserer Fantasie präsent; und 
damit ist die Täuschung gelungen! Die gleichen Phänomene offenba¬ 
ren sich auch in den nachfolgenden Episteln. Das Ziel dabei ist, die 
angedeutete Erzählung in der vagen Vorstellung des Lesers zu fi- 



388 


xieren und uns flüchtige Eindrücke von der Reise des großen Man¬ 
nes "von Jerusalem bis nach Illyrien", von der Masse der von ihm ge¬ 
schlossenen Freundschaften sowie von der großen Autorität zu ver¬ 
schaffen, die er sich erworben hat! Dabei wurde jedoch nicht sauber 
gearbeitet. Im Galaterbrief werden diese Andeutungen auf so ob¬ 
skure und schlampige Weise gemacht, dass es für unser Empfinden 
geradezu schockierend ist. Ein Leser, der sich erstmals und unvor¬ 
eingenommen mit dieser Lektüre beschäftigt, wird empört ausrufen: 
"Kein Mann mit gesundem Verstand würde jemals einen solchen 
Brief verfassen." Tatsächlich ist es überhaupt kein Brief, sondern eine 
Art Cento 119 von Texten zu verschiedenen Themen, die in den mytho¬ 
logischen Rahmen eingebettet sind. Immer mehr wird die völlige 
Unsinnigkeit der Auffassung offenbar, dass Bücher, die auf diese 
Weise zusammengebraut wurden, über einen Zeitraum von eintau¬ 
send Jahren in ständigem Gebrauch gewesen sein könnten. 

In Wahrheit ist der Eindruck einer hektischen und völlig unliterari¬ 
schen Komposition, den das Buch der gedruckten Bibel erzeugt, ein 
vernichtendes Argument gegen ihr hohes Alter. Seitens der literari¬ 
schen Fraktion muss ein extremer Eifer hinsichtlich der Beschleuni¬ 
gung ihrer Arbeiten gewirkt haben, um sich dadurch einige Vorteile 
in Sachen Macht und Profit zu sichern. 

Das Missal 120 als Schlüssel zur Struktur der Episteln: Sie bestehen 
aus Lesungen 121 für die Festtage 

Zurück zum Römerbrief: Die historische Kulisse war gesichert und 

119 Ein Cento ist ein Text, der ausschließlich oder zumindest zum größten Teil aus 
Textpartikeln (Zitaten) eines anderen Textes zusammengesetzt ist 

120 Missal - Ein Messbuch für das ganze Jahr. 

121 Lesung - Eine Vorlesung aus der Schrift, die Teil eines Gottesdienstes ist. 



389 


die römische Kirchenpflicht wurde mitsamt allen relevanten Glie¬ 
dern vom großen Apostel anerkannt. Das nächste Ziel war theologi¬ 
scher Natur: Die Einführung des Glaubensbekenntnisses, was mittels 
der kurzen Lesung Römer 1:1-6 geschieht. Es gibt verschiedene For¬ 
men des Glaubensbekenntnisses - kürzere und längere. Sie werden 
vielfach und prinzipiell eingebunden. Die Wiederholungen, die eini¬ 
ge Leser des Neuen Testaments monieren, stellen die wesentliche 
Kunst der Komposition dar. Durch die Analyse der kurzen Lesun¬ 
gen, die geschrieben wurden, um die Jubiläumsfeste der Kirche und 
die Dogmen, an die diese erinnern, zu erklären und zu veranschauli¬ 
chen, fallen die von uns behandelten Episteln in sich zusammen. Das 
Missal ist der Schlüssel zu den Paulusbriefen. 

Die Nachtwache der Geburt 

Die Lesung Römer 1:1-6 wurde für die Nachtwache der Geburt 
Christi beziehungsweise den Weihnachtstag geschrieben. Die Gedan¬ 
ken werden der Ankunft von Davids göttlichem Sohn gewidmet, 
entsprechend der im Geist der Gläubigen gegenwärtigen Fleischwer¬ 
dung. 

Ascher-Samstag 

Die Lesung Römer 5:1-5 wurde für den Ascher-Samstag komponiert. 
"Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben 
wir Frieden mit Gott durch unsern HERRN Jesus Christus" u.s.w.. 
Basierend auf Joel 2, ist der Gedanke des Tages der Ausgießung des 
heiligen Geistes gewidmet. Die Lesung wird emotional und musika¬ 
lisch gehalten. "Charitas Dei difusa est in Cordibus-Nostris, 



390 


Alleluia!" [Die Liebe Gottes ist in unsere Herzen gedrungen; Halleluja!] 

Die nachfolgenden Römerverse lesen sich als Fortsetzung dieses 
strahlenden Ausflusses. Sie sind ein konfuses Elaborat theologischer 
Argumentation, welches durch seine Verworrenheit und Kohärenz 
äußerst verstimmend ist. 

Fest des heiligen Ignatius 

Die Lesung oder kurze Epistel Römer 8:35-39 ist ein wahrhaft poeti¬ 
scher Ausbruch, eine kurze Hymne. Sie scheint jedoch nicht so recht 
mit dem vorherigen Gedankengang in Verbindung zu stehen. Zum 
Fest des heiligen Ignatius, Bischof und Märtyrer (einer der Heiligen 
des benediktinischen Systems), ist sie ganz und gar am rechten Platz, 
an welchem wir auch sein Märtyrerlied als Epistel des Tages finden. 

Andreastag 

Die Lesung Römer 10:10-18, die Epistel für den St. Andreas Tag, ist 
eine weitere musikalische Passage, die ideal zu den Lobpreisungen 
eines Priesters oder Kirchenherrschers passt. Römer 10 lässt beim Le¬ 
sen die Kontinuität vermissen. 

Dreifaltigkeitssonntag 

Römer 11 weist in den Versen 33-36 keinerlei Kohärenz zu den hym¬ 
nenartigen Ausflüssen der vorangehenden Argumentation auf. Diese 
Lesung eignet sich jedoch besonders als Epistel für den Dreifaltig- 
keitssonntag, der die Gläubigen an die geheimnisvolle Natur der 



391 


Gottheit erinnern soll. 

Erster Adventssonntag: Fest der heiligen Agatha 

Die Lesung Römer 13:11-14 ist sehr schlecht mit dem Vorangegange¬ 
nen in Verbindung zu bringen. Sie eignet sich jedoch hervorragend 
als eigenständige Epistel für Assoziationen zum ersten Adventssonn¬ 
tag (durch Auslassung des letzten Teils von Vers 14). 

Zweiter Adventssonntag 

Römer 15:4-13 ist eine weitere originelle und unabhängige Lesung 
für den zweiten Adventssonntag. Vers 14 wird nicht gut weiterge- 
fiihrt. 

Sankt Agatha 

Es gibt im 1. Korinther 1:26-31 eine Lesung, die mit einfacher Logik 
kaum mit den vorhergehenden Versen in Verbindung zu bringen ist. 
Sie ist jedoch durchaus geeignet, auf dem Fest der Heiligen Agatha 
gelesen zu werden, welches auf die schwächeren Gefäße beziehungs¬ 
weise die Gefäße der göttlichen Gnade hinweist. 

Vierter Adventssonntag 

Der 1. Korinther 4:1-5 ist eine Lesung für den vierten Adventssonn¬ 
tag. Der Rest wirkt wie ein ausschweifendes Gespräch, bei dem je¬ 
doch darauf geachtet wird, die Namen von Apollos und Timotheus 
einzufügen und mit Hinweisen auf apostolische Leiden zu versehen. 



392 


Ostersonntag 

Die Lesung aus dem 1. Korinther 5:7-8 über den alten und den neuen 
Sauerteig, eignet sich aufgrund der Assoziationen zu einem neuen 
Jahr und einem neuen moralischen Anfang hervorragend für den 
Ostersonntag. 

Frohnleichnam (Leib Christi) 

Die bemerkenswerte Lesung im ersten Korinther 11:23-29, welche die 
angebliche apostolische Tradition der Eucharistie und die Lehre der 
Transsubstantiation enthält, scheint dort, wo sie platziert wurde, ab¬ 
solut unpassend. Der Abschnitt wurde ausgeweitet, um den Raum 
auszufüllen. Sie ist für die Feierlichkeiten zum Frohnleichnam geeig¬ 
net. Caro Cibus, Sanguis Potus ("Fleisch ist Speise, Blut ist Trank."). 

Im 1. Korinther 15:1-10 geht es darum, eine Form des Glaubensbe¬ 
kenntnisses einzuführen und Paulus in Übereinstimmung mit der 
eusebischen Skizze als "Zeugen" der Auferstehung darzustellen. 
Doch wie abrupt ist der Übergang vom letzten Vers des vorherigen 
Kapitels; und wie schwach ist der nachfolgende haarspalterische 
Versuch, für das zu argumentieren, wovon es heißt, es wäre mittels 
Zeugnis bewiesen. 

Messe des Märtyrers und Bischofs 

Der 2. Korinther 1:3-7 ist eine Lesung oder eine kleine Epistel, die 
perfekt zur Messe eines Märtyrers und Bischofs passt. Es folgt jedoch 



393 


eine vage und zudem zusammenhanglose Reihe von Anspielungen 
auf die Theorie von Paulus' Reisen durch Asien, Mazedonien u.s.w., 
inklusive der Erwähnung seiner Reisegefährten, was die üblichen 
märchenhaften Zwecke verfolgt. Auch diese Arbeit wurde sehr töl¬ 
pelhaft erledigt. Wie wir gleich sehen werden, ist die Argumentation 
absolut durchsichtig. 

Fest der Heiligen Lucia 

Die gleiche listige Art ist im 2. Korinther Kapitel 11:10-17, 11:1-2 zu 
beobachten, das eine kurze Lesung für den Tag der Heiligen Lucia 
beinhaltet. 

Darin eingebettet sind seltsame Fantasien über Paulus' Apostelamt, 
über seine Verbindungen nach Mazedonien, Achaia und Damaskus 
sowie über seine romantischen Abenteuer auf Erden und im Him¬ 
mel. Niemals zuvor oder danach wurde der Welt im Namen eines er¬ 
leuchteten Mannes ein derartiges Geschwätz aufgezwungen. Als 
wäre das noch nicht genug, haben wir auch noch den uns auferleg- 
ten Brief an die Galater, in welchem der pseudohistorische Zweck 
eindeutig sichtbar wird, unabhängig davon, ob man in der Epistel 
einen theologischen Sinn feststellen kann oder nicht. Doch die Hast 
des Schreibers war derart groß, dass er sich nicht die Mühe machte, 
sich mit seinem Kollegen abzustimmen, der mit der Apostelgeschich¬ 
te beschäftigt war. Wie viele verschiedene Paulusse können wohl in 
dieser seltsamen Kollage entdeckt werden? Der Epheserbrief liest 
sich unendlich viel besser und man kann sich durchaus vorstellen, 
dass ein Mann einige dieser Sätze in vielerlei Hinsicht aufrichtig ge¬ 
schrieben haben könnte. Wie üblich wird darauf geachtet, den Na- 



394 


men Paulus als Autor (zweimal) zusammen mit einigen seiner voll¬ 
kommenen Gefährten einzuarbeiten. 

Fest unseres FFeiligen Erlösers 

Ein kurzes theologisches Kompendium haben wir im Epheser 1:3-9, 
welcher für das Fest unseres Heiligen Erlösers gedacht ist. 

Mahnwache zur Himmelfahrt 

Epheser 4:1-6 ist eine kurze Beschreibung der katholischen Kirche als 
vollkommene Einheit. Im Epheser 4:7-13 haben wir die passende 
Epistel für die Mahnwache zur Himmelfahrt. 

Palmsonntag 

Philipper 2:5-11 wurde ursprünglich für den Palmsonntag und das 
Fest des Heiligen Kreuzes geschrieben. 

Der Heilige Paulus, der erste Einsiedler 

Im Philipper 3:7-12 finden wir eine Lesung für den Tag des Heiligen 
Paulus, des ersten Einsiedlers, der mit Saint-Maur verbunden ist. 
Beide sind Kreationen der Benediktiner. Der Abschnitt atmet sehr 
wortgewandt den Geist der Selbstentsagung und der Sehnsucht nach 
"Perfektion", was eindeutig die Zucht des Klosterlebens verrät. Hier 
wird die Gelegenheit genutzt, eine knappe geheuchelte Autobio¬ 
grafie des Apostels Paulus anzufügen. In Verbindung mit seinem 
treuen Schatten Timotheus, wird uns seine Persönlichkeit auf Schritt 



395 


und Tritt aufgenötigt. 

Fest des FFeiligen Timotheus 

Der Tag des Heiligen Timotheus (24. Januar). Interessant ist die Le¬ 
sung beziehungsweise die kleine Epistel, die für den Tag des Heili¬ 
gen Timotheus geschrieben wurde, siehe 1. Timotheus 6:11-16. Hier 
wird die Gelegenheit genutzt, gewissermaßen beiläufig die Mytholo¬ 
gie des Glaubensbekenntnisses vorzustellen: "Ich gebiete dir vor 
Gott, der alle Dinge lebendig macht, und vor Christo Jesu, der unter 
Pontius Pilatus bezeugt hat das gutes Bekenntnis". 

Weihnachtstag 

Die Lesung Titus 2:11-15 gibt uns eine kurze Zusammenfassung des 
Glaubensbekenntnisses und wird zusammen mit Titus 3:4-7 am 
Weihnachtstag gelesen. 

Hochfest Petrus und Paulus 

Das Studium des Gottesdienstes für das jährliche Fest der heiligen 
Apostel Petrus und Paulus offenbart uns das Motiv und Wesen die¬ 
ser Sprüche, die zu den kleinen Episteln führten, welche wiederum 
zu den großen Episteln weiterentwickelt wurden, mit denen wir es 
heute zu tun haben. Eine der Schlüsselaussagen für die Bedeutung 
des Tages lautet: "Du sollst sie zu Fürsten über die ganze Erde ma¬ 
chen". Das Gebet rezitiert wie mit diesen beiden Märtyrern die "Reli¬ 
gion begann". Der Schlüsselsatz für das Petrus-Ideal lautet: "Du bist 
Petrus; und auf diesem Felsen will ich meine Gemeinde (Kirche) 



396 


bauen". Er ist Teil des Graduale 122 - im Evangelium und bei der Kom¬ 
munion. Die gesamte petrinische Mythologie beruht auf dieser Theo¬ 
rie, die ein Wortspiel zu ihrer Gerechtwerdung verwendet (Pierre). 

Gedenken an den Heiligen Paulus 

Am folgenden Tag, dem 30. Juni, in der Gedenkfeier des Heiligen 
Paulus, heißt es als Einleitung: "Ich weiß, an wen ich geglaubt habe" 
u.s.w., was in den 2. Timotheus 1:12 eingefügt wurde. Das Gebet re¬ 
zitiert Paulus' Lehre von der Vielzahl der Heiden. Die Epistel besteht 
aus der Lesung Galater 1:11-20 und ist eine der vielen fiktiven Auto¬ 
biografien, die die Künstler Paulus mit Vorliebe in den Mund legen. 
Sie enthält Verweise auf Jerusalem, Arabien, Damaskus und seinen 
Mitapostel Petrus. Sie endet mit der Rechtfertigung: "Was ich euch 
aber schreibe, siehe vor Gottes Angesicht: ich lüge nicht!" Einige wei¬ 
tere Sätze dieser Art folgen in dem Graduale. 

Bekehrung des Heiligen Paulus 

Auch am Fest der Bekehrung des Heiligen Paulus wird die Legende 
aus der Apostelgeschichte 9:1-22 gelesen. Das Graduale verherrlicht 
"den großen Heiligen Paulus, das auserwählte Gefäß, das sich den 
Anspruch auf den 12. Thron verdiente, als Prediger der Wahrheit 
und Lehrer der Heiden in Glauben und Wahrheit". Er ist untrennbar 
mit Petrus verbunden, dem Besitzer des Schlüssel zum himmlischen 
Reich. 


122 Als Graduale werden Psalmabschnitte oder biblische Verse zwischen der alt- 
testamentlichen Lesung und der Epistel in der Messe bezeichnet; wenn die 
alttestamentliche Lesung entfällt, ist der Platz des Graduales zwischen vorher¬ 
gehender Epistel und nachfolgendem Alleluia. 



397 


Schlussfolgerung 

Nach der Überprüfung der umfassenden Anstrengungen zur Eta¬ 
blierung der Idee der vereinten Religionsgründung in Rom erscheint 
die Auslassung des Martyriums in der Apostelgeschichte umso ver¬ 
blüffender und unerklärlicher. Es handelt sich jedoch eindeutig nicht 
um eine spätere, sondern um eine frühere Schöpfung. Das Studium 
der eusebischen Werke und des Missais gibt uns einen viel besseren 
Einblick in die Entwicklung des gesamten paulinischen Systems als 
das ausschließliche Studium des Neuen Testaments es zu ermögli¬ 
chen vermag. 

Die Konstruktion wurde stufenweise errichtet. Zunächst beschloss 
man, dass es vierzehn Episteln geben und deren Autorenschaft zwei¬ 
felhaft bleiben sollte. Ursprünglich war womöglich aus Gründen der 
Übereile und Dringlichkeit geplant, die Episteln sehr kurz zu halten. 
Sie bestanden lediglich aus kleinen autobiographischen Andeutun¬ 
gen und Hinweisen auf Personen und Orte, die ein Trugbild erzeu¬ 
gen sollten, um den Eindruck zu erwecken, dass Paulus ein außerge¬ 
wöhnlicher Mann war. 

Doch der Komplex wurde umfangreicher. Die Aussage über die we¬ 
nigen Zeilen wurde ausgelassen, das autobiographische Material 
wurde vergrößert und theologische und ethische Angelegenheiten, 
die für die Festtage geeignet waren, wurden eingestreut. So entstand 
das seltsame Sammelsurium, das uns heute als die Paulusbriefe be¬ 
kannt ist. Das Ganze wurde hinsichtlich jedes Aspekts der literari¬ 
schen Sorgfalt und Anständigkeit schlecht ausgeführt. Ein Forschen¬ 
der, der versucht, dieses Flickwerk so zu lesen, wie man es bei jeder 



398 


anderen Briefsammlung tun würde, um herauszufinden, was den 
Schreiber wirklich umtreibt, halst sich damit zwangsläufig eine der 
schmerzhaftesten, irritierendsten, enttäuschendsten und hoffnungs¬ 
losesten Aufgaben auf. Die Struktur ist die eines unbeholfenen 
Stückwerkes. Es liest sich nicht schlüssig, da es nicht den zusammen¬ 
hängenden Gedanken eines einzelnen Geistes entspringt, sondern 
vielmehr eine Sammlung unterschiedlicher und oft widersprüchli¬ 
cher Ansichten enthält. 

Diese fehlerhafte Struktur kann durch analytisches Aufbrechen des 
Textes entflochten werden. Dadurch offenbart sich eine große Anzahl 
kleiner, eigenständiger und mit den Jubiläumsfesten der Kirche ver¬ 
bundener Episteln. Weiter treten so die wenigen symbolischen Leit¬ 
sätze hervor, welche das Ideal Paulus enthalten, demgemäß dieser 
bei der Gründung der römischen Kirche nicht von der Seite seines 
Mitstreiters Petrus wegzudenken ist. Dies ist der einzig mögliche 
Weg, um den außergewöhnlichen Flickwerk-Charakter dieser be¬ 
rüchtigten Schöpfung, der Paulusbriefe, durchgehend verstehen und 
erklären zu können. 

Wenn eine indoktrinierte Person die Messe besucht und das Evange¬ 
lium sowie die Epistel des Tages vernimmt, so wirkt es, als hätte die 
gesamte Autorität der römisch-katholischen und apostolischen Kir¬ 
che jede dieser Äußerungen angeregt und diktiert. Je unklarer, 
klangvoller und musikalischer eine jede Äußerung "des Herrn" oder 
"des Apostels" ist, desto beeindruckender wirkt sie. 

Auch wenn man die Episteln achtsam liest, drängt sich einem, ob¬ 
gleich das Lesen nebulös und schwierig ist, dennoch die vage Vor- 



399 


Stellung eines prächtigen Mannes mitsamt seiner wunderbaren Au¬ 
tobiografie auf, von dem man nicht erwarten würde, dass er mit ei¬ 
nem gewissen Grad an Klarheit und gesundem Menschenverstand 
schreibt, wie man es von gewöhnlichen Männern gewohnt ist. 

Um vollständig zu verstehen, wie in der Paulus-Legende und den 
Paulusbriefen Theologie mit Geschichte verwoben wurde, muss man 
daher abwechselnd Zuhören und Lesen. 



400 



401 


«apttel VI 

©tc 2tnalp«e Per Paulusbriefe mittels 
Casstanus 


Die in den "Collationes" von Johannes Cassianus entdeckte Struk¬ 
tur der Paulusbriefe 

Die ethischen Abschnitte der Episteln bauen auf einem System von 
Leitsätzen auf. Die "Collationes" (Unterredungen mit den Vätern) 
wurden Cassianus, einem der vorgeblich "Berühmten Männer" zuge¬ 
schrieben. Sie wurden für die klösterliche Lesung nach der Regel des 
Heiligen Benedikt empfohlen. Diese Schöpfung der uns nun bekann¬ 
ten Lraktion wurde einstimmig als "Zusammenfassung des wahren 
Christentums" beschrieben, eine Definition von Jacques Bossuet. Das 
Werk kann nicht vor der frühen Tudor-Zeit (welche 1485 beginnt) ge¬ 
schaffen worden sein. Die sperrige Lorm des vorliegenden Buches 
und das gute Latein deuten auf das späte 16. Jahrhundert (1550-1599) 
als anzunehmendes Abfassungsdatum hin. Mein Exemplar ist mit 
der Angabe 1588, Vatikan, versehen. 

Dieses Werk war zum Vorlesen während der Mahlzeiten in den Klös¬ 
tern gedacht. Es gibt uns einen klaren Einblick bezüglich der Diszi¬ 
plin und der Gewohnheiten des mönchischen Geistes. 

Die dem "gesegneten Apostel" zugeschriebene Sammlung ethischer 
Texte sollte als Grundlage für eine Lebensweise dienen, die in den 
"Collationes" oder Dialogen vollständig erläutert wird, die wie üb- 



402 


lieh imaginären Personen zugeschrieben werden - Äbten aus imagi¬ 
nären Zeiten und Orten im Osten. 

Der Apostel wird als Beispiel für fromme und mildtätige Verlo¬ 
genheit angeführt 

Viele Sätze wurden dem "Gesegneten Apostel" Paulus zugeschrieben 
und als Notwendigkeit des literarischen Kunsthandwerks verteidigt. 
Es ist schwer, uns von den unserer Erziehung geschuldeten Vorurtei¬ 
len zu befreien und zu verstehen, wie Männer, die sich im wahrsten 
Sinne des Wortes einen Heiligenschein und einen Ruf als "Wohltäter" 
erworben haben, so leichtsinnig bei der Unterscheidung zwischen 
Wirklichkeit und Irrtum sein konnten. 

Der große Literaturapostel Paulus ist durchweg ein Produkt der 
mönchischen Literaturkünstler. Er wurde entworfen, um die Gedan¬ 
ken der Leser mit tiefem Respekt sowie mit Bewunderung und Ehr¬ 
furcht für die Gestalt Paulus zu erfüllen. Sie wussten, dass die Paulus 
untergeschobenen schriftlichen Lehren, sobald die gewünschte Ehr¬ 
erbietung erreicht ist, unterwürfig angenommen werden würden. 
Ich schreibe dies nicht für diejenigen, die etwas akzeptieren, nur weil 
es ein großer Mann geschrieben hat, sondern für diejenigen Leser, 
die zuerst nach der Großartigkeit des Geschriebenen selbst suchen 
und erst nachdem sie diese gefunden haben argumentieren, dass der 
Autor Größe hatte. Gemessen an solch einem Kriterium, gibt es in 
den Paulusbriefen nichts wirklich Großes zu entdecken. Wenn wir 
uns zu einer klösterlichen Runde gesellen und den Collationes zuhö¬ 
ren würden, so fänden wir darin wahrlich Besseres als in den Paulus¬ 
briefen. In den Collationes, die weit mehr Anerkennung als die Epis- 




403 


teln verdienen, haben wir den Geist des Paulus, von welchem man 
ihn selbst sagen lässt, es wäre der Geist Christi, der sich aus seinen 
Kerngrundsätzen entfaltete und zu Predigten entwickelte, die einfa¬ 
cher und angenehmer zu lesen sind, obwohl ihre Wiederholungen 
ermüdend wirken. 

Der "ehrwürdige Apostel" Paulus wird dazu gebracht, die Verlogen¬ 
heit im Interesse der "Nächstenliebe" und des Seelenheils der Men¬ 
schen zu rechtfertigen. Hier haben wir die wahre Bedeutung der Ver¬ 
walter der Paulusbriefe und ihrer einzigen maßgeblichen Vertreter: 
Gemäß der Unterredung 17, die dem "Abt Joseph" zugeschrieben 
wird, führt dieser bestimmte Besuchermönche in seine stille Zelle, in 
der sie schlaflos die ganze Nacht verbringen, während bei seinen 
Vorträgen ein Feuer in ihren Herzen brennt. Daraufhin verlassen sie 
die Zelle und lassen sich an einem abgelegenen hundert Schritte ent¬ 
fernten Ort nieder. Dort beginnt dann von Neuem ein Gespräch un¬ 
ter diesen niedergeschlagenen Schlaflosen! 

Die Unterredung wird in höchst fließendem rhetorischen Latein ge¬ 
halten, inklusive der nötigen Einstreuung von professionellem Grie¬ 
chisch, was das Gespräch auf seine eigene Weise sehr amüsant 
macht. Diese Schüler des "vollkommenen Lebens" befinden sich in 
einer Situation, in der sie eine Beeinträchtigung ihres eigenen geisti¬ 
gen Lebens in Kauf nehmen, wenn sie das feierliche Versprechen, zu 
ihrem eigenen Kloster zurückzukehren, einhalten, welches sie in Ge¬ 
genwart all ihrer Brüder abgegeben haben. Für den Fall, dass sie für 
das Studium ihrer "Vollkommenheit" in der Gesellschaft des Abts 
Joseph bleiben würden, fürchten sie andererseits die "jähe Gefahr ei¬ 
ner Lüge". Hier befinden sich die Männer in der schmerzhaftesten 



404 


und ausweglosesten Lage der Welt. Sie sind Schüler des vollkomme¬ 
nen Lebens, welches die Einhaltung der Gelübde und Versprechen 
verlangt. Es wird jedoch angedeutet, dass Lügen und Treulosigkeit 
die nützlicheren Mittel zur Vervollkommnung des geistigen Lebens 
sein könnten. Diese Lehre wurde offensichtlich absolut bewusst und 
aus Kalkül ersonnen, um in den Köpfen dieser Anhänger des Apo¬ 
stels die bloßen Instinkte des guten Glaubens und der Aufrichtigkeit 
zu korrumpieren und völlig zu brechen. 

Raffiniert und heimlich wird die Lösung dieser Schwierigkeit all¬ 
mählich vorgeschlagen. Der gesegnete Abt sagt: "Seid ihr sicher, dass 
euch in dieser Gegend eine größere Förderung in geistlichen Dingen 
könne zu Theil werden?" Die Antwort gibt der andere Abt - der Füh¬ 
rer der wandernden Mönche. Er sagt, dass, dankbar, wie sie für die 
Dienste ihrer frühen Lehrer sind, die in ihnen einen "besonderen 
Durst nach Vollkommenheit" angeregt haben, es dennoch keinen 
Vergleich zwischen den Vorteilen ihrer alten Einrichtung und denje¬ 
nigen gibt, die in der Gesellschaft des unnachahmlich reinen und 
großartig vollkommenen Abts Joseph zu erlangen sind! 

Eindeutige Aussagen und Versprechen sollen vermieden werden 

Der ehrenwerte Abt geht auf die Verherrlichung ein und lindert die 
Angst seiner Freunde, indem er ihre Pflicht untergräbt, endgültige 
Versprechungen zu machen oder solche dann einzuhalten! In erster 
Linie sollten "vollkommene Männer nichts schlechthin fest verspre¬ 
chen". Im Allgemein ist dies für sie ein solides und praktisches Prin¬ 
zip, um ihre Versprechen aufrecht zu halten. Um nicht irgendwann 
gezwungen zu sein, ein unvorsichtiges Versprechen erfüllen zu müs- 



405 


sen oder vom eigenen Gewissen eingeholt zu werden, sollte der 
Mönch niemals unüberlegt etwas genau definieren und seine bereits 
eingegangenen Versprechen stets sinnvoll auszulegen wissen. Wie 
soll er aber verhindern, dass sein Gewissen dabei Schiffbruch erlei¬ 
det? Er muss offensichtlich den größeren Vorteil oder das geringere 
Übel wählen. Wenn sie in diesem Fall denken, dass sie durch das 
Verweilen an diesem Ort den größeren spirituellen Nutzen als durch 
die Rückkehr in ihr eigenes Kloster haben und dass sie somit ihr Ver¬ 
sprechen nicht ohne den Verlust größerer Vorteile einhalten können, 
ist es besser für sie, sich der Lüge zu bedienen. Wenn man einmal 
mit der Lüge durchkommt und sie hinter sich gelassen hat, kann sie 
weder wiederholt werden, noch kann man auf ihr weitere Lügen er¬ 
richten! Wenn sie wiederum ihr Versprechen halten, indem sie ihrem 
Wort treu bleiben, kehren sie in ein oberflächliches spirituelles Le¬ 
bens zurück, das für sie ein täglicher und endloser Verlust sein wird. 

"Der Zweck heiligt die Mittel" 

"Es ist verzeihlich, ja sogar lobenswerth, eine unvorsichtige 
Bestimmung zu ändern, wenn sie in eine heilsamere 
verwandelt wird, und man muss nicht jedesmal, wenn ein 
fehlerhaftes Versprechen verbessert wird, glauben, es sei dieß 
ein Bruch der Beharrlichkeit oder nur eine Verbesserung des 
Leichtsinns." 

Daraufhin rechtfertigt der Abt dieses pragmatische Moralsystem mit 
Hilfe biblischer Beispiele. 


Wenn der heilige Apostel Petrus seine Worte - "In Ewigkeit wirst du 



406 


mir die Füße nicht waschen" - gehalten hätte, statt sie zu widerrufen, 
wäre er zum ewigen Tod verurteilt gewesen! Wir sehen dies auch im 
Gleichnis der beiden Söhne, die zur Arbeit im Weinberg bestimmt 
werden. Für keinen der beiden war ihr Gesagtes von Gewinn. Beide 
brachen ihr Wort, aber einer tat es auf lobenswerte Weise. Anderer¬ 
seits "haben wir auch das Beispiel des grausamen Königs Herodes, 
der durch thörichtes Festhalten an der Schwurestreue der schreckli¬ 
che Mörder des Vorläufers unseres Herrn wurde und durch eitle 
Furcht vor Meineid sich in die Verdammung und die Strafen des 
ewigen Todes stürzte". 

"Bei allen Dingen muß man also den Zweck im Auge haben, 
und nach diesem ist die Richtung unseres Entschlusses zu 
bestimmen". 

Die Absicht des Täters bestimmt den Wert der Tat 

Wir spüren jedoch gewisse Skrupel, wenn das Gebot des Evangeli¬ 
ums herangezogen wird: "Lasst eure Rede sein, ja, ja, nein, nein; was 
üppiger ist als dieses, ist vom Bösen." Wie kann nun die Übertretung 
einer so wichtigen Vorschrift gerechtfertigt werden? Wie kann ein 
schlechter Anfang zu einem guten Ausgang führen? 

Der raffinierte Abt Joseph erklärt: 

"In allen Fällen ist, wie wir sagten, nicht der Erfolg des 
Werkes, sondern der Wille des Wirkenden zu betrachten, und 
nicht sofort zu untersuchen, was Einer gethan hat, sondern in 
welcher Absicht er gehandelt habe, so dass wir Manche 



407 


verworfen finden für solche Thaten, aus welchen nachher 
Gutes hervorging, während im Gegentheil Andere durch ta- 
delnswerthe Handlungen zur höchsten Gerechtigkeit 
gelangten." 

Der Blick auf das notwendige und heilige Ende billigt die Notwen¬ 
digkeit eines tadelnswerten Anfangs. Kurz gesagt: Gute Anfänge 
sind für schlechte Autoren nicht von Nutzen; und schlechte Taten 
bringen guten Autoren keinen Schaden. 

Wie "heilsam und nützlich" war die Tat des Judas, der die Erlösung 
herbeigeführt hat. Dennoch sagte man über ihn, "es wäre ihm gut ge¬ 
wesen, wenn dieser Mensch nicht wäre geboren worden"! Wie viel 
Schuld hat der Patriarch Jakob für seinen Verrat auf sich geladen; 
und doch erlangte er damit das immerwährende Erbe des Segens. Er 
war somit nicht nur entschuldbar, sondern sogar lobenswert! Auf 
diesen Prinzipien wird mit maximaler Betonung und unter ständiger 
Wiederholung bestanden. 

"Sie sind das, was die Welt gemeinhin als jesuitisch bezeichnet 
hat, jedoch vielleicht zu unrecht, da sie den Werken eines 
älteren Ordens, den Lehrern aller anderen, entspringen." 

Es besteht kein Zweifel daran, dass sie bei der literarischen Arbeit 
praktische Anwendung fanden. Dazu wird der Apostel zitiert: "Ge¬ 
danken, die sich untereinander verklagen oder entschuldigen, auf 
den Tag, da Gott das Verborgene der Menschen durch Jesus Christus 
richten wird." (Römer 2:15) 



408 


Die Liebe zu Gott entschuldigt jeden Betrug 

Wie auch zuvor, wird dies so erklärt, dass es der Zweck des im Geis¬ 
te Geplanten ist, der entweder zur Belohnung oder zur Verurteilung 
des Menschen führt. Der Satz, "die Gottseligkeit ist zu allen Dingen 
nütz und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens" (1. 
Timotheus 4:8), wird durch die Feststellung erklärt, dass "alles, was 
für die Liebe zu Gott und zur Gottseligkeit geschieht, obwohl es mit 
harten und widrigen Anfängen zu beginnen scheint, nicht nur kei¬ 
nen Tadel verdient, sondern sogar Lob". Unser Abt hat den Geist des 
gesegneten Apostels gründlich in sich aufgenommen. Das heißt, dass 
er vom selben Geiste wie das von den Seinigen kreierte Ideal ist. Und 
wir kommen zum Höhepunkt dieser Argumentation: 

"Wenn unser innerer Mensch, von den gar zarten anfänglichen 
Lehren entwöhnt, durch verschiedene Alter immer zu einem 
kräftigeren fortgeschritten ist und so zur Reife der Einsicht, 
zur Vollkommenheit des Mannes und zum Vollmaße des Al¬ 
ters Christi gelangt, abgelegt hat, was des Kindes ist; muß man 
dann glauben, er sei dem Wechsel der Lüge verfallen oder 
nicht vielmehr, er habe die Fülle der Vollkommenheit erlangt?" 
(Vergleiche dies mit Epheser 4:13) 



409 


Lügen wie Helleborus 123 verwenden 

Könnten nicht unsere Skrupel den Schwächeren einen Anlass zum 
Lügen geben? Der andere Abt fragt: "Sprach nicht der Prophet, 
(Psalm 5) 'Du wirst alle vernichten, die Lüge reden' und 'Der Mund, 
welcher lügt, tötet die Seele' "? Die Antwort lautet, dass die Wahrhei¬ 
ten der Heiligen Schrift nicht aus Rücksicht auf den "Unglauben der 
Schwächeren" abgetan werden dürfen; und, dass die Lüge Denen 
nicht von Nutzen ist, die zum Untergang bestimmt sind oder sich ih¬ 
ren eigenen Untergang wünschen. Die Frage wird somit umgangen 
und der Abt widmet sich wieder enthusiastisch seiner Lobpreisung 
der heiligen Verlogenheit. 

Er erzählt, dass sich die Heiligen selbst der Lügen bedient hätten; 
und zwar derart, wie Nießwurz bei Krankheiten verwendet wird. 
Rahab, die Hure und Lügnerin, "verdiente sich den ewigen Segen". 
Wenn sie nicht gelogen hätte, wäre sie niemals "mit dem Volke Got¬ 
tes vereint worden". Hingegen verdiente sich Delilah die ewige Ver¬ 
dammnis, indem sie die Wahrheit verkündete. 

Der Einwand wird noch einmal erhoben: 

"Dies könnte unter dem alten Gesetz geschehen, aber können 
wir solches unter dem Evangelium wagen? Sagt der Apostel 
nicht: 'Belüget einander nicht?' " 


123 Helleborus (Chistrose, Schneerose, Nießwurz) - Verschiedene Pflanzen der 
Gattung Helleborus, die in Eurasien heimisch sind, von denen die meisten Ar¬ 
ten giftig sind. Auch Pflanzen der Gattung Veratrum, insbesondere V. viride 
aus Nordamerika, die große Blätter und grünliche Blüten haben und ein toxi¬ 
sches Alkaloid (Celliamin, Sprintillamin und Sprintillin) enthalten, und zu medi¬ 
zinischen Zwecken verwendet werden. 



410 


Die Antwort lautet, dass es nicht einmal unter dem alten Bund eine 
Erlaubnis zum Lügen gab, sich aber dennoch viele verzeihlich die 
Lüge angemaßt haben. Was bedeutet das dann erst für das neue Ge¬ 
setz? 

Der Apostel lehrt: "Niemand suche, was sein ist, sondern was des 
Nächsten"; und "Die Liebe sucht nicht das Ihre, sondern was der An¬ 
dern ist". Von sich selbst sagt er: "Ich suche nicht, was mir, sondern 
was Vielen nützt, damit sie gerettet werden." (Vergleiche dies mit 1. 
Korinther 13, Philipper 2) 

"Denn wenn wir das Unsere suchen und das, was uns nützlich 
ist, hartnäckig festhalten wollen, dann müssen wir auch in 
solchen Nöthen die Wahrheit sagen und schuldig werden an 
dem Tode Anderer. Wenn wir aber das Heil Anderer unserm 
Nutzen vorziehen und so dem apostolischen Befehle Genüge 
leisten, dann werden wir uns ohne Zweifel in die 
Nothwendigkeit des Ltigens ergeben müssen." 

Paulus ist alles für Alle: Ein Nachahmer und Heuchler, zum Zwe¬ 
cke der Seligkeit Anderer 

Der Abt weist immer wieder darauf hin, dass die Apostel, wie auch 
er selbst, meist besorgt um den Verlust waren, der aus dem Bekennt¬ 
nis der Wahrheit resultieren würde. 

Gewiss haben die lehrenden Abte Paulus alles sagen lassen, was ih¬ 
rem Zweck entspricht. Zum Beispiel: 



411 


"Ich bin geworden den Juden gleichsam Jude, damit ich die 
Juden gewinne; denen, die unter dem Gesetze sind, als wäre 
ich unter dem Gesetz, — obgleich ich selbst nicht unter dem 
Gesetze bin — damit ich die, welche unter dem Gesetze sind, 
gewinne; denen, die ohne Gesetz sind, als wäre ich ohne Ge¬ 
setz, — obgleich ich ohne Gesetz Gottes nicht bin, sondern im 
Gesetze Christi — damit ich die gewinne, welche ohne Gesetz 
waren. Ich bin den Schwachen geworden wie ein Schwacher, 
damit ich die Schwachen gewänne. Allen bin ich Alles 
geworden, damit ich Alle rette." (1. Korinther 9:20-23). 

Er ist sowohl für als auch gegen die Beschneidung und andere jü¬ 
dische Rituale 

Uns wird daraufhin präsentiert, wie der anpassungsfähige Apostel 
im Einklang mit seinem Stand immer wieder seine Definitionen än¬ 
dert und seine Strategie stets nach der Notwendigkeit des Anlasses 
ausrichtet. Zum Beispiel: "Seht, ich Paulus sage euch, dass euch 
Christus Nichts nützen wird, wenn ihr euch beschneiden lasset". 
(Galater 5:2) 

Bei der Beschneidung des Timotheus nimmt Paulus dennoch "gleich¬ 
sam den Schein der judäischen Gläubigkeit an." (Apostelgeschichte 
16) 

Seine Beziehung zu Jakobus und zu den anderen Ältesten ist diesbe¬ 
züglich ein weiteres Beispiel für Paulus' fromme Verschlagenheit. 



412 


Man lässt den Apostel verkünden: "Denn ich bin durch das Gesetz 
dem Gesetze gestorben, um Gott zu leben" (Galater 2:19). Dennoch 
veranlassen sie ihn, "sich nach dem Gesetze zu reinigen, und im mo¬ 
saischen Tempel vorschriftsgemäß Gelübde darzubringen". (Apostel 
18) 

Er spielt den Athenern eine Rolle vor 

Die Athener waren "gottlose Heiden". Man lässt den je- 
dermanns-Apostel in ihrer Stadt eine Predigt halten, in der er sich 
auf einen dort befindlichen Altar bezieht, der einem "unbekannten 
Gotte" gewidmet ist. Er spricht über ihre Religion, als wäre er "ohne 
Gesetz; und dennoch lehrt er den Athenern ganz nebenbei den Glau¬ 
ben Christi. Dabei unterdrückt er all seine Kenntnisse des göttlichen 
Gesetzes und verwendete "lieber den Vers eines heidnischen Dich¬ 
ters als einen Ausspruch Mosis oder Christi, als ob er des göttlichen 
Gesetzes ganz unkundig wäre." 

Er befürwortet die Ehe und lehnt sie ab 

Man lässt Paulus denjenigen, die nicht in der Lage waren, Enthalt¬ 
samkeit zu üben, mit Nachsicht begegnen (1. Korinther 7: 1-6). Eini¬ 
ge von ihnen nährt er mit Milch statt mit fester Speise "und sagte, 
dass er in Schwachheit und Furcht und Zittern viel bei ihnen gewe¬ 
sen sei" (1 Korinther 2-3). Er achtet diejenigen, die essen, wie auch 
die Enthaltsamen (Römer 14). "Wer seine Jungfrau heiratet, tut gut; 
wer sie nicht heiratet, tut besser" (1. Korinther 7). 


Er behandelt die zuvor von ihm gelebten "Gesetzes Werke" wie 



413 


Schmutz, um so Christus zu gewinnen; und doch "bringt er das Ge¬ 
setzliche dar", wenn auch "nicht in der wahren Stimmung des Her¬ 
zens". 

Wieder muss er sagen: "Wenn ich das wiederaufbaue, was ich zer¬ 
stört hatte, so erweise ich mich als Übertreter" (Galater 2). 

"Und so sehr wird nicht die Tat selbst, welche geschieht, 
sondern die Meinung des Handelnden mehr angerechnet, 
dass, wie wir finden, die Wahrheit Einigen geschadet, die Lüge 
genützt hat"! 

Um aufzeigen wie irrational die hartnäckigen Bedenken bezüglich 
der aus einem Versprechen resultierenden Verpflichtungen sind, die 
sich in einigen Köpfen wacker halten, zieht der Abt alle Register. 

Man richtete es so ein, dass der Lehrer der Heiden zunächst die 
Mönche und daraufhin uns - durch ebenjene Mönche - über die An¬ 
gemessenheit der Heuchelei und der Nachahmung unterrichtete. Er 
darf aus der Perspektive eines Dritten über die Größe seiner Offen¬ 
barung sprechen: 

"Ich kenne einen Menschen in Christo; vor vierzehn Jahren (ist 
er in dem Leibe gewesen, so weiß ich's nicht; oder ist er außer 
dem Leibe gewesen, so weiß ich's nicht; Gott weiß es) ward 
derselbe entzückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne 
denselben Menschen (ob er im Leibe oder außer dem Leibe 
gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es); der ward entzückt in 
das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, welche kein 



414 


Mensch sagen kann." (2. Korinther 12). 

Er verspricht und bricht seine Versprechen an die Korinther 

Es gibt aber noch einige andere paulinische Meisterleistungen des 
Betruges, der Schwindelei und der Ausflüchte, die unsere Äbte vol¬ 
ler Genugtuung mit der Feder ihres Apostels schrieben. 

"Das Gefäß der Auserwählung schreibt an die Korinther und 
verspricht seine Rückkehr mit entschiedener Erklärung in den 
Worten: 'Ich werde aber zu euch kommen, wenn ich Macedo- 
nien durchzogen haben werde. Denn Macedonien werde ich 
durchreisen, bei euch aber werde ich bleiben oder auch über¬ 
wintern, damit ihr mich geleitet, wohin immer ich reisen wer¬ 
de. Denn ich will euch nicht jetzt im Vorübergehen sehen, 
sondern ich hoffe, einige Zeit bei euch zu bleiben.' " (1. Korin¬ 
ther 16:3-7). 

Diese Absicht lässt man ihn im 2. Korinther 1:15 wieder aufgreifen. 
Dabei "gesteht er ganz deutlich, dass er dies Versprochene nicht aus¬ 
geführt habe". Er verteidigt sich gegen die Anklage, dass er "mit 
Leichtsinn verfuhr" oder nach dem Ja-Nein-Prinzip handele. Dann 
ruft er "Gott als Zeugen seiner Seele" dafür auf, dass er nicht nach 
Korinth gekommen ist, um die Korinther zu schonen. Er wird mit 
den Engeln verglichen, die ihren gefassten Entschluss durch ihren 
Besuch bei Lot verwarfen (Genesis 19). 

Meine Leser mögen dieser Dinge überdrüssig und von ihnen ange¬ 
widert sein, jedoch ist ihr Verständnis unverzichtbar, um sich die 



415 


Wahrheit über diese außergewöhnliche Reihe angeblicher Briefe zu 
erschließen, die frei angeordnet, zur Form der Episteln zusammen¬ 
gefügt und durch eine persönliche Erzählung beziehungsweise eine 
biographische Romanze verbunden, so viele apostolische Präzedenz¬ 
fälle für das apostolische Klosterleben enthalten. 

Paulus als Mittel zur Veranschaulichung der Politik des Priester¬ 
tums: "Alles für Alle" 

Um diesen Teil abzuschließen: Wenn der Studierende sich aus den 
Episteln alle signifikanten, vorgeblich autobiografischen Aussagen 
von Paulus heraussucht und zusammenstellt, so kann er dadurch 
nur den Eindruck gewinnen, dass, wenn es diese Person tatsächlich 
gegeben hätte, Paulus der inkonsistenteste und unergründlichste 
Mann gewesen sein muss, der jemals geschrieben hat. 

Wenn der Leser zu dieser Studie noch die Legenden aus der Apostel¬ 
geschichte hinzufügt, wird die Verwirrung gar noch um einiges ver¬ 
stärkt und das Problem wird unlösbar erscheinen. 

Wenn er jedoch die von der Klosterfraktion selbst angegebenen frü¬ 
heren und späteren Quellen erforscht, die den allmählichen Aufstieg 
der gesamten Legende andeuten, wird er zu dem Schluss kommen, 
dass die Unbegreiflichkeit der idealen Person auf der Tatsache be¬ 
ruht, dass seine Schöpfer sich darauf festgelegt haben, "es allen Recht 
zu machen", jedoch immer unter der Bedingung der Unterwerfung 
unter ihre Herrschaft. Ihr einziges Bestreben ist es, mittels all dieser 
Erweiterungs- und Variationskünste sowie mit Hilfe konstruierter 
Zufälle oder Widersprüche in den Büchern, die Namen von Christus 



416 


und den Aposteln in den Köpfen der Menschen zu verankern. All 
das Geschwätz über Paulus und all die schillernden Unwahrheiten 
sind eine beachtliche Geistesanstrengung eines bestimmten Ordens. 
Solange die Kirche besteht, wird der Apostel der Widersprüche und 
Verlogenheit zweifellos weiterhin von jeglichen Sekten beschworen 
werden. 



417 


ßapttel VII 

fingierte 3eugm««e übet Paulu« 


Fingierte Zeugnisse anderer "Berühmter" über Paulus 

Das weitere Studium dieses Themas wird aufzeigen, welche großen 
Anstrengungen die literarische Klosterfraktion unternommen hat, 
um Paulus" Ruhm zu etablieren und die Episteln dieses großen ima¬ 
ginären Lehrers der Heiden abzusichern. Man kann den Erfolg nur 
bewundern, mit dem sie sich scheinbar die menschliche Natur er¬ 
schlossen haben und eine solche Vielzahl von Illusionen schaffen 
konnten, auf die selbst die gelehrte Welt nur allzu leicht hereinfiel. 

Ich zeige nun auf, wie sie anderen Charakteren der Liste der vorgeb¬ 
lich "Berühmten" eine Reihe von Scheinzeugnissen für Paulus und 
seine Episteln zuschreiben. Der Leser möge dabei bitte immer im 
Kopf behalten, dass wir es mit einem literarischen "Runden Tisch" zu 
tun haben - mit anderen Worten, mit einer Kollektivarbeit von Litera¬ 
ten, die alle in einer Bibliothek und nach einem Schema arbeiten, 
welches mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ursprünglich von ei¬ 
nem meisterlichen Erfindergeist für sie festgelegt wurde. 

Sie ließen Paulus auf eine mündliche und eine literarische Lehre hin- 
weisen (2. Thessalonicher 2:15). Diese Täuschung in Form von Reden 
oder Episteln quält zweifellos die Gedanken vieler Menschen. Es ist 
das Dogma der katholischen Kirche; doch in Wahrheit ist das gesam¬ 
te christliche System ausschließlich das Werk von Literaten. Man ließ 
ihn Gehorsam gegenüber seinen brieflichen Anweisungen einfordern 



418 


(2. Korinther 2:9, 7:15), während Petrus eingesetzt wurde, um auf die 
Verworrenheit der Episteln hinzuweisen und vor deren Missbrauch 
zu warnen (2. Petrus 3:15). 

"Jakobus" muss ihn kritisieren 

Den auf der Liste der Berühmten an zweiter Stelle stehenden Jako¬ 
bus lässt man in der entsprechenden Epistel auf die Lehre der Ge- 
rechtwerdung durch den Glauben hinweisen und diese teilweise 
korrigieren. Dem aufmerksamen Leser des Neuen Testaments wird 
bewusst sein, wie diese Hinweise und kurzen Anspielungen nach al¬ 
ter Ansicht dazu beigetragen haben, den Eindruck des großen Ein¬ 
flusses von Paulus zu verstärken. Die Stärke der Position der Künst¬ 
ler gegenüber den Gläubigen und solchen, die, aus welchen Grün¬ 
den auch immer, nicht zu studieren und zu kritisieren fähig sind, ist 
zugleich auch die Schwäche ihrer Position gegenüber dem wahren 
Kritiker; denn mit dem Götzen Paulus fällt zwangsläufig auch die 
gesamte apostolische Theorie. 

Seine Gefährten "Barnabas" und "Lukas" 

Man kann nicht an Barnabas von Zypern denken, ohne auch an Pau¬ 
lus zu denken. Wenn Paulus fällt, fällt auch Barnabas; und umge¬ 
kehrt! 

Lukas, der Medicus aus Antiochia, ist Paulus' "Gefährte auf all sei¬ 
nen Wanderungen". Auf ihn und sein Evangelium spielt Paulus in 
Sätzen an, die ausschließlich zu diesem Zweck verfasst wurden: "Wir 
haben aber einen Bruder mit ihm gesandt, der das Lob hat am Evan- 



419 


gelium durch alle Gemeinden"; "Es grüßt euch Lukas, der Arzt, der 
Geliebte"; "Lukas allein ist bei mir." Da zuvor noch nie darauf hinge¬ 
wiesen wurde, ist es äußert wichtig, zu beachten, dass diese Sätze in 
Latein entworfen wurden, um in den Episteln auch in Latein wieder - 
gegeben zu werden. 

Wie wir bereits gesehen haben, soll Paulus in seinen Briefen "Nach 
meinem Evangelium" sagen. Dies lässt man ihn so ausdrücklich be¬ 
tonen, um den Umfang von Lukas und seinem Evangelium zu recht- 
fertigen, wie wir es auch von Paulus und den anderen Aposteln ken¬ 
nen. Lukas muss diese Aussage in seinem Vorwort wiederholen. Es 
wird hinzugefügt, dass er das Evangelium nach dem Hörensagen 
schrieb, was jeder als gewagte Aussage empfinden muss, der sich be¬ 
wusst ist, dass es von der bloßen Struktur her in der Grundlage aus 
einer Anzahl kleiner Evangelien oder Lesungen besteht, welche die 
Feste des christlichen Jahres veranschaulichen sollen. 

"Hermas" 

Der zehnte auf der Liste der "Berühmten" ist Hermas. Auf ihn darf 
Paulus im Brief an die Römer hinweisen. 

"Linus" 

Anmerkung: 

Gemäß Johnsons ursprünglichem Inhaltsverzeichnis folgt hier "Linus", je¬ 
doch fehlt dieser Abschnitt im Haupttext. Aus diesem Grund werden hier 
erneut die folgenden Absätze aus anderen Stellen im Buch eingeschoben, in 
denen Linus erwähnt wird: 



420 


Der Eusebier teilt uns dann mit, dass der Löwe für Nero steht, von 
dem er mehr weiß als man Paulus im 2. Timotheus 4 sagen lässt. 
Dieses Kapitel ist bemerkenswert für die scheinbar zufälligen, jedoch 
tatsächlich vorsätzlichen Übereinstimmungen mit anderen Teilen des 
Fiktionsschemas. Der Name Linus wird eingeführt. Dies geschieht 
erneut mit dem Ziel, die Vorstellung der römischen Nachfolge der 
Apostel beim Leser zu fixieren (H. E. 3:2). Vergleichen wir das 
Kapitel der Kirchengeschichte (bestehend aus dreieinhalb Zeilen) mit 
dem 2. Timotheus 4:21: In einigen Manuskripten der 
Kirchengeschichte gibt es einen Zusatz, der der Feder des Paulus 
zugeschrieben wird: "Eubulus und Pudens und Linus und Claudia 
lassen grüßen." 

Nach dieser Bewertung möchte ich noch hinzufügen, dass das 
unschuldig und unbedenklich wirkende 4. Kapitel des 2. 
Timotheusbriefes, mit der Aneinanderreihung von Namen 
angeblicher Freunde des Paulus für uns einer der besten Hinweise 
für das Verständnis der gesamten hier behandelten Frage ist. Hier 
haben wir Paulus, den römischen Märtyrer, der seinen 
bevorstehenden Tod auf ergreifende Weise beschreibt. Daraufhin 
verkündet er seinem treuen Gefährten Timotheus eine Liste mit den 
Namen seiner Freunde Demas, Krescens, Titus, Lukas, Markus, 
Tychikus und Karpus; dann die Namen seines Feindes Alexander 
der Schmied, den er verwünscht, woraufhin er wiederum seine 
Freunde nennt; diesmal Priska, Aquila, Onesiphorus, Erastus, 
Trophimus, Eubulus, Pudens, Linus und Claudia, sowie noch 
unzählige weitere "Brüder". 



421 


Seneca und die gefälschten Episteln zwischen ihm und Paulus 

Der Elfte auf der Liste ist Seneca. Ihn können wir ebenso gut zu den 
Freunden des Paulus zählen wie auch die anderen hier Genannten. 
Die Worte des Erstellers der Liste der "Berühmten" sind ziemlich ein¬ 
deutig: 


"Lucius Annaeus Seneca von Corduba, Schüler von Sotion 
und Onkel von Lucian dem Poeten, führte ein höchst enthalt¬ 
sames Leben. Ich hätte ihn nicht in das Verzeichnis der Heili¬ 
gen aufgenommen, wäre ich nicht durch die Episteln von Pau¬ 
lus an Seneca oder die von Seneca an Paulus, die von vielen 
Leuten gelesen werden, dazu genötigt worden. Als Lehrer Ne¬ 
ros und mächtigster Mann seiner Zeit, sagt er in diesen Epis¬ 
teln, er wünschte sich, in seiner Sekte eine ähnliche Stellung 
wie Paulus unter den Christen inne zu haben. Zwei Jahre be¬ 
vor Petrus und Paulus mit dem Martyrium gekrönt wurden, 
wurde er von Nero getötet." 

In allen älteren Ausgaben Senecas finden wir zwei kurze und in¬ 
haltsleere Episteln, die gefälscht wurden, um diese Verbindung her¬ 
zustellen. Niemand hält sie heute noch für echt, aber der Umstand 
ist sehr aussagekräftig und hätte an sich schon zur Entdeckung einer 
Vielzahl ähnlicher Fälschungen in den alten lateinischen Schriften 
führen müssen. In diesem Fall gab es wahrscheinlich nicht nur das 
Bestreben, die Fabel von Paulus' Verbindung zu Nero zu stützen, 
sondern auch die Absicht, seinen Namen mit dem Glanz einer Ver¬ 
bindung mit den schönen Schriften des stoischen Weisen zu rühmen. 



422 


"Clemens von Rom" 

Clemens ist der fünfzehnte Name auf der Liste. Über ihn lässt man 
Paulus dem gewohnten Schema entsprechend sagen: "Clemens und 
meine übrigen Mitarbeiter, deren Namen im Buche des Lebens ste¬ 
hen." Wiederum muss Clemens den Korinthern schreiben, um diese 
lästigen Leute dazu aufzufordern, die Paulusbriefe aufzunehmen. 

"Ignatius von Antiochien" 

Der sechzehnte Name unter den Schein-"Beriihmten" ist Ignatius, 
den man anscheinend eine vage Anspielung auf den Paulusbrief an 
die Epheser schreiben ließ. Aber das Ignatius-Griechisch ist ziemlich 
übel und die Ignatius-Briefe wurden ursprünglich in Latein verfasst. 

"Polykarp" 

Polykarp von Smyrna ist der siebzehnte auf der Liste. Er durfte eine 
Epistel an die Philipper schreiben und auf den Paulusbrief an das 
selbige Volk hin weisen. Im 1. Korinther 6:2 musste er mit den Wor¬ 
ten "wie Paulus lehrt" auf diesen hinweisen. 

Die postapostolischen Männer kennen absurderweise ihre angeb¬ 
lichen apostolischen Meister nicht 

Aus der Akzeptanz der falschen Chronologie heraus zu der Annah¬ 
me zu gelangen, dass die vorgeblich "apostolischen Väter" die Apo¬ 
stel zitieren und auf diesen aufbauen, ist der falschen Betrachtung 
des Themas geschuldet. Erst die Erkenntnis dessen, ließ mich die 



423 


enormen Täuschungen in der christlichen Literatur erkennen, denn 
es ist absurd, anzunehmen, dass Paulus, nachdem er sich im ersten 
Jahrhundert einen großen Namen als Literat erworben hatte, im 
zweiten Jahrhundert fast in Vergessenheit geraten wäre. Dasselbe 
gilt für die Taten und Leiden Christi sowie für die komplette Fabel 
der christlichen Ursprünge. Letztendlich haben die Mythologen in¬ 
nerhalb ihres Systems große Fehler begangen. 

Die angeblichen "apostolischen Väter" mussten, wenn auch teils mit 
Variationen, einige der Lesungen oder kleinen Episteln wiederholen, 
die wir bereits von Paulus kennen. So wiederholt Clemens den Ab¬ 
schnitt über die Nächstenliebe (1. Korinther 13) und einiges mehr, 
das an die gleiche Epistel und einige andere erinnert. Die Einzel¬ 
heiten dazu sind in den Handbüchern zu finden und können in die¬ 
sem Rahmen nicht von mir dargelegt werden, was jedoch auch nicht 
notwendig ist. 

Höchstwahrscheinlich wurden Clemens und der erste Korintherbrief 
von dem gleichen Schreiber aus kurzen Phrasen und Hinweisen zu¬ 
sammengestellt, welche die Aktionsleitung zur Verfügung stellte. 
Die Beweise gegen die gewöhnliche Theorie des Kopierens und der 
Nachahmung sind eindeutig. 

Sie kennen den Römerbrief nicht 

Ziehen wir einmal die reichhaltigste theologische Epistel heran, die 
Paulus zugeschrieben wird; und zwar die an die Römer: Die soge¬ 
nannten postapostolischen Männer kannten diese Epistel definitiv nicht. 
Sie haben nur eine ganz schwache Ahnung ihres Inhalts. In dieser 



424 


Angelegenheit von Erinnerungen zu sprechen, ist die reinste So¬ 
phisterei. Ich warne meine Leser eindringlich vor diesem Irrtum aus 
den Handbüchern und den Einführungen in das Neue Testament. 
Das einzig sichere Heilmittel besteht darin, diese "postapostolischen" 
Männer selbst zu lesen. So stellt man dann fest, dass diese Schreiber, 
von denen angenommen wird, dass sie den Wegen ihrer Vorläufer 
folgten und deren Schriften fleißig gelesen haben, tatsächlich nichts 
dergleichen taten. Sie träumen, schwafeln und fantasieren, kennen 
aber weder die uns bekannte Romanfigur Paulus, noch seine angebli¬ 
chen Schriften, wie sie uns vorliegen. 

Es wäre im Interesse der Strenggläubigkeit, wenn niemals jemand 
die sogenannte "Literatur des zweiten Jahrhunderts" lesen würde. Im 
Sinne der Literaturwissenschaft sollten jedoch alle Gelehrten als ehr¬ 
lose Lügner abgetan werden, die diese Literatur studiert haben und 
behaupten, dass diese Schreiber etwas von den ungemeinen Ereig¬ 
nissen wüssten, die in den kanonischen Evangelien, der Apostelge¬ 
schichte und den Episteln behandelt werden. Dies gilt auch für jene 
Gelehrten, die bekunden, dass es sich dabei um reale Geschehnisse 
des vorangegangenen Zeitalters handeln würde. Kein tatsächlich auf 
dem Pfad der Wissenschaft Schreitender kann sich, sofern er die 
Sachlage versteht, länger an die kirchlich-'orthodoxe" Auffassung 
des Christentums halten. 

Der grobe Fehler erklärt 

Der Leser wird sich fragen, wie es sein kann, dass die Produzenten 
bei der Konstruktion ihrer "apostolischen" und "postapostolischen" 
Literatur solche Fehler begehen konnten. Die Antwort finden wir in 



425 


den zwei eusebischen Schlüsselwerken und einer Reihe von Ver¬ 
zeichnissen, die auf diese folgten - alle Teil desselben Schemas. Um 
die langen Zeiträume füllen zu können, erschuf man eine Vielzahl 
imaginärer Schreiber. Die Werke derjenigen, die z.B. den Zeitraum 
vom Jahr 80 bis zum Jahr 392 abdecken, wurden alle in sehr kurzer 
Zeit von einem festen Bestand an Schreibern produziert. Es war of¬ 
fensichtlich notwendig, dem ersten oder apostolischen Zeitalter des 
Schemas die größten Anstrengungen zu widmen, denn dies war das 
imaginäre Zeitalter des Ursprungs. Daher die früheren Namen auf 
der Liste; die der Evangelisten und Apostel, denen Schriften zuge¬ 
schrieben wurden, deren Bedeutung weit über die der späteren Täu¬ 
schungen hinausreicht. Sie wurden mit einer Sorgfalt ausgearbeitet, 
die den "postapostolischen" Männern durchweg verweigert wurde. 

Man erachtete es als notwendig und bestimmte somit, nicht nur die 
kleinen Evangelien und kurzen Episteln für das Gottesdienst-Buch 
zu schreiben, sondern auch ein neues Gesetz zu liefern, einen Neuen 
Bund oder ein Neues Testament, das eigenständig und in größerem 
Umfang erscheinen sollte (siehe dazu meine Untersuchungen in "An¬ 
tiqua Mater", 1887). Bei der Ausführung der zweiten Stufe realisier¬ 
ten sie nicht, dass sie das Schema dadurch zu kopflastig machten. 
Der Kopf ist hoch entwickelt, jedoch steht ihm zu seiner Stützung le¬ 
diglich ein sehr karger Körper zur Verfügung! 

Hätten sie mit intelligenten Lesern gerechnet, so hätten sie die Not¬ 
wendigkeit erkannt, den "postapostolischen" Männern ebenso viel 
Raum zuzugestehen wie den "apostolischen". 


Nach all dem Glanz, den man Paulus widmete, wären Barnabas, 



426 


Hermas, Clemens und der Rest besser nicht derart im Dunkeln ge¬ 
halten worden! Grotesk wird es, sobald man die Schriften eines Igna¬ 
tius oder Polykarp heranzieht, um sie zu befragen, welche inter¬ 
essanten Eigenschaften der großen Apostel diese Schreiber nennen 
können, wenn sie sich auf die Schriften und Episteln dieser Apostel 
beziehen, auf die sie so gerne hinweisen. 

Als Antwort lesen wir ihr Gestammel und Gemurmel, als würden sie 
träumen oder sich in einer ihnen unbekannten Welt nur vorsichtig 
voran tasten. Fordern wir nur ein oder zwei Fakten, wird uns eine 
Theorie beziehungsweise ein Glaubensbekenntnis angeboten, wel¬ 
ches in einer Sprache formuliert ist, wie man sie sich schwülstiger 
und verschwommener kaum vorstellen kann. 

In Wahrheit liegt der Abriss dieses Glaubensbekenntnisses bezie¬ 
hungsweise dieser Theorie sowohl den angeblichen "apostolischen" 
als auch den "postapostolischen" Schriften zugrunde, was sehr klar 
und einfach zu erkennen ist. Die apostolischen Schriften, wie wir sie 
im Neuen Testament finden, sind jedoch späteren Datums als die 
uns vorliegenden "postapostolischen" Schriften. Daher ist die Vor¬ 
stellung absurd, dass unser Neues Testament die älteste Quelle über 
die christlichen Ursprünge ist. Dies gilt ebenso für die Vorstellung, 
dass die Paulusbriefe älter sind als die von Clemens, Ignatius und 
dem Rest. Das Gegenteil ist wesentlich näher an der Wahrheit. 

Der Studierende wird erkennen, dass der elende Stoff, dem man den 
Stempel "postapostolisch" gab, hätte man ihn einfach zusammenge¬ 
fügt und "Neues Testament" genannt, kaum der Verachtung und 
dem Spott hätte entgehen können, da er so schwach, abschweifend. 



427 


gedanklich unsicher und generell so verabscheuungswürdig ist, be¬ 
sonders in der griechischen Version. Doch obwohl die Paulusbriefe 
und andere Teile des Neuen Testaments in keinem guten Latein ge¬ 
schrieben sind und in ein noch schlechteres Griechisch übertragen 
wurden, kann kein Zweifel daran bestehen, dass das Neue Testa¬ 
ment, in welchem es nur so von Erzählungen, Ereignissen und vielen 
Andeutungen einer großen Umwälzung auf dieser Welt wimmelt, 
einen tiefen Eindruck auf die Vorstellungskraft der Menschheit ma¬ 
chen konnte. 

Was würdest Du sagen, lieber Leser, wenn ich ein wundervolles 
Buch über das Leben Deines eigenen Vaters hätte, welches Dich als 
seinen Sohn identifiziert? Ich wäre äußerst daran interessiert. Dich 
um weitere Informationen zu bitten, um so festzustellen, dass Du 
das fragliche Buch noch nie gesehen oder davon gehört hast. "Bis ich 
erwachsen war, lebte ich im Hause meines Vaters", sagst Du. "Aber 
ich wusste nichts von diesen wundervollen Abenteuern und seinen 
wunderbaren Schriften. Ich versichere Dir, dass er weder gelitten, 
noch diese Dinge getan hat!" Welchen Schluss könnte man aus einer 
solchen Offenbarung ziehen, außer den, dass ein riesiger literarischer 
Schwindel an uns verübt wurde? Und so schmerzvoll das Schreiben 
solcher Worte noch immer für mich ist, war es dennoch einer der 
größten jemals ersonnenen Schwindel, eine romantische Geschichte 
über Paulus und seine Episteln zu erzählen, von denen seine eigenen 
angeblichen geistigen Kinder eigentlich so gut wie nichts wussten! 

Ich hoffe, dass das vertraute Bild nicht nur dem Gelehrten sondern 
auch den Köpfen sonstiger Menschen die Sachlage bezüglich dieses 
"postapostolischen" Unsinns verdeutlicht. Da wir den uns bekannten 



428 


Paulus nicht bei diesen Männern finden können, können wir ihn 
auch nicht in einem der folgenden imaginären Zeitalter finden, bis 
wir in einem Zeitalter ankommen, von dem wir wissen, dass es eine 
reale Epoche ist, so schwer es auch sein mag, diese richtig zu datie¬ 
ren - die Epoche der Wiederentdeckung der Schriften. Diese Epoche 
ist das tatsächliche Zeitalter sowohl der "apostolischen" als auch der 
"postapostolischen" Männer. 

Ketzer müssen Paulus "bezeugen": "Marcion" 

Kommen wir wieder zurück zur Liste der "Berühmten Männer". Die 
Mönche arbeiteten auch auf andere Weise daran, den Ruhm von 
Paulus und seinen Episteln zu vergrößern, und zwar mittels der Er¬ 
zeugung eines Schwarmes von Ketzern, die nach Paulus' Zeit lebten. 
Die berühmtesten dieser Ketzer geben Zeugnisse über Paulus ab. Ei¬ 
nes der Kunststücke ist die Erfindung des großen Ketzers Marcion. 

Sie gaben zunächst vor, dass "Justinus" ganze Bände gegen Marcion 
schrieb, welche jedoch tatsächlich niemals hergestellt worden sind. 
Zusätzlich gaben Sie vor, dass auch "Theophilus von Antiochien" ein 
Buch gegen "Marcion" geschrieben hätte, welches sie jedoch ebenfalls 
niemals produzierten! Dann haben wir noch Philippus von Gortyna, 
einen kretischen Bischof, der ein großartiges Buch gegen "Marcion" 
herausgegeben haben soll, für welches das gleiche gilt! 

Einem "Modestus" wird selbiges zugeschrieben. Ihren "Irenäus" las¬ 
sen sie auf die bemerkenswerten Bände hinweisen, die gegen Marci¬ 
on geschrieben wurden! Sie machen "Rhodon", einen "römisch erzo¬ 
genen Asiaten", zum Schreiber eines weiteren maßgeblichen Werkes 



429 


gegen Marcion, in welchem er aufzeigen darf, wie sich die Mar- 
cioniten untereinander unterscheiden! 

Wie beabsichtigt, wurden unsere Gelehrten durch all die Werbung 
für Marcion getäuscht. Es mutet jedoch merkwürdig an, dass gerade 
dem "Berühmten Mann", unter dessen Namen ein umfangreiches 
Werk gegen Marcion herausgegeben wurde, in dieser Liste kein 
Werk gegen ihn zugeschrieben wurde! Dieser Mann ist ihr berüchtig¬ 
ter "Tertullian"! 

All dies veranschaulicht das betrügerische System, welches Neugier¬ 
de erregt, Werke im Voraus ankündigt und die Leser darauf vorbe¬ 
reitet, neue Wunder in der Welt der Orthodoxie und Ketzerei erwar¬ 
ten zu können. Allerdings konnte unterdessen, außer in den Gehirn¬ 
en der Labrikanten, keine Sekte wie die der "Marcioniten" identi¬ 
fiziert werden; eben sowenig konnten die "Wiklifiten" oder "Lollar - 
den" durch unabhängige Quellen bestätigt werden. 

Lür den wirklich kritischen Studierenden ist der Zweck all dieser 
Machenschaften offensichtlich. Es ist der Wunsch, es so aussehen zu 
lassen, als wäre die katholische Kirche schon immer von Ketzern 
umringt, über welche sie jedoch stets siegte, wobei man gerade diese 
Ketzer das Glaubensbekenntnis in gewissem Sinne anerkennen lässt, 
selbst wenn sie es vielleicht verdrehten. Auch die katholischen und 
apostolischen Bücher mussten von den Ketzern akzeptiert werden, 
wenn auch mit dem Bestreben, sie im eigenen Sinne auszulegen. 

So konnte man dem System der Erdichtungen eine weitere imagi¬ 
näre Bestätigung verschaffen; und die gelehrte Welt tappte erneut in 



430 


die für sie vorgesehene Falle. Auch hier muss ich meine Leser hin¬ 
sichtlich der Details auf die Handbücher verweisen, die uns ständig 
davor warnen, die vertrauensseligen Verfasser falsch zu interpretie¬ 
ren. 

Wenn wir bei imaginären Männern wie "Irenäus" oder "Tertullian" 
lesen, dass die Ketzer "die Schriften anerkennen, jedoch die Ausle¬ 
gung ändern" oder sie "das wahre Testament ergänzen und kürzen", 
so ist es das, was diese Verschwörer uns glauben machen wollen und 
was ihnen bei der gelehrten Welt auch voll und ganz gelungen ist. 
Sie propagieren damit subtil ihre Theorie des "unveränderbaren Ka¬ 
nons der Wahrheit", der "Wahrheit des christlichen Glaubens" und 
der „Wahrheit der Darlegungen" sowie die Leugnung, dass die Ket¬ 
zer die wahre Heilige Schrift gehabt hätten. 

Unter alldem erkennen wir die Zwistigkeiten der frühen Reformati¬ 
on. Wie pedantisch aus der Sicht eines Literaturkritikers ist jedoch 
die Behauptung, es bestünde ein wesentlicher Unterschied zwischen 
den Büchern, die eine christliche Sekte verwendete und denen, die 
eine andere Sekte in Gebrauch hatte? 

Angeblich apokryphe Schriften: Die Fabel von "Paulus und The¬ 
kla" 

Diese geheimen Mönche, denen bewusst ist, dass sie vollumfängli¬ 
che Fälscher sind, lenken die Aufmerksamkeit von ihrem eigenen 
Handwerk ab, indem sie ihre Verbrechen freizügig Anderen anlas¬ 
ten. Es vergnügt sie, immer wieder auf das hinzuweisen, was sie mit 
dem originellen Namen "apokryphe" Schriften versehen haben. Es 



431 


handelt sich dabei um Schriften, die sie zwar bewerben, sie jedoch 
nicht öffentlich sondern im Privaten lesen, da sie dazu dienen, Neu¬ 
gier zu wecken, sich zu amüsieren und den Wert dessen zu steigern, 
von dem sie behaupten, es sei kanonisch und wahrheitsgetreu. 

Eine der bemerkenswertesten Anpreisungen dieser Art weist auf 
Paulus hin. Der Erschaffer der Liste "Berühmter Männer" schreibt in 
seinem Lukas-Kapitel Folgendes: 

"Die Akten des Paulus und der Thekla und die ganze Fabel vom ge¬ 
tauften Löwen müssen zu den Apokryphen gerechnet werden.", da 
Lukas davon nichts weiß. Dann wird hinzugefügt: „Tertullian, selbst 
nahe dieser Zeit, erzählt, dass ein gewisser Presbyter in Asien, der 
ein großer Bewunderer des Apostels Paulus war, noch vor Johannes 
dafür verurteilt wurde, der Autor der Schrift gewesen zu sein. Er ge¬ 
stand, dass er sie aus Liebe zu Paulus geschrieben hatte und sie ihm 
geraubt wurde"! 

Es mutet seltsam an, seine Bewunderung für einen Menschen zu of¬ 
fenbaren, indem man Dinge, die zu denen, von denen es heißt, sie 
seien wahrhaft und kanonisch, so gegensätzlich wie nur irgend mög¬ 
lich sind! Doch der Mönch zwinkert und lächelt während des Schrei¬ 
bens. Jede junge und gute Katholikin, die den Roman liest, wird von 
der Erhabenheit des jungfräulichen Status' beeindruckt sein. Viel¬ 
leicht seufzt sie nach dem Lesen sogar: "Ah! Das ist ja nur ein Ro¬ 
man; und nun möchte ich aber die Wahrheit über Paulus lesen!" Die¬ 
se kleinen literarischen Hilfsmittel wären schon unterhaltsam genug, 
selbst wenn sie nicht so schelmisch wären. Doch der Leser, der ver¬ 
stehen möchte, sollte sich die Frage stellen, wo sich die Bibliotheken 



432 


und Klöster befanden, aus denen unbemerkt so viele Fälschungen 
hervorgingen. Diejenigen, die einen Einblick in die strikte Disziplin 
erhalten haben, mit der die literarischen Helfer geführt wurden, wer¬ 
den zugeben müssen, dass das Eindringen von Fälschern in eine 
Gruppe aufrichtiger Schreiber in einem Kloster nur sehr schwer vor¬ 
stellbar ist. 

Paulus als Abtrünniger 

Für diese merkwürdigen Phänomene gibt es nur eine Erklärung: Die 
ganze Paulus-Legende ist eine künstlerische Schöpfung; und da der Apo¬ 
stel von Heerscharen von Freunden umgeben ist, muss dieses Bild 
mittels Hinzufügung von Feinden und Rivalen ausbalanciert wer¬ 
den. Daraus resultiert auch die Theorie, dass es zur Zeit von Paulus 
auch jüdische Christen gab, die Paulus ablehnten - mitsamt seinen 
Schriften und denen des Abtrünnigen Lukas - und sich alleinig an 
das Matthäus-Evangelium hielten. 

Diese Aussage wird mehrfach von den "gegen die Ketzer" schreiben¬ 
den Autoren getätigt, die jedoch lediglich eine Abteilung maskierter 
literarischer Mönche darstellen. Weiter heißt es, dass diese Ketzer 
eine eigene apostolische Geschichte hätten, in der Jakobus die 
Hauptrolle spielte und dass es dadurch einigen Anlass zu Feindse¬ 
ligkeiten gegen Paulus gab. 

Die Klementinen (schon lange als Fälschung anerkannt) stellen Jako¬ 
bus als höchste Kirchenautorität dar. Gemäß dieser Klementinen 
wird Paulus unter der Maske des Simon Magus von Petrus be¬ 
kämpft! 



433 


Es war ein großer Fehler, diese Erzählungen ernst zu nehmen, als 
würden ihnen in irgendeiner Hinsicht Tatsachen zugrunde liegen. 
Sie sind eindeutig ein Teil der geplanten Ausgestaltung. Die eusebi- 
schen Werke offenbaren den Grundsatz, dass es Häresien geben 
muss, um die Wahrheit vom Irrtum zu befreien und den Ruhm der 
katholischen Kirche zu manifestieren. Die Künstler des Neuen Testa¬ 
ments wiederholen dasselbe. Die Rivalität der Apostel ist geplant 
und inszeniert. Jakobus steht nach Petrus an zweiter Stelle der Liste 
der "Berühmten", welche uns eine romantische Geschichte über sein 
Martyrium erzählt. In der Epistel, die seinen Namen trägt, lässt man 
ihn kritisch auf Paulus' Glaubenslehre hinweisen. Die Existenz von 
Gruppen, die Apollos, Kephas oder Christus als ihren Führer anse- 
hen, wird angedeutet [siehe auch 1. Korinther 3:22]. Während gelehr¬ 
te Männer auf die Wanderschaft durch dieses Dickicht geschickt 
werden, blieb der Mönchsorden bis heute Herr der literarischen 
Sachlage. Weder die Orthodoxen noch irgendein Zweig von Ketzern, 
ob kirchlich oder nicht-kirchlich, konnte sich von ihrem übermächti¬ 
gen Einfluss emanzipieren. 

Getreu ihrer Arbeitsweise, haben die paulinischen Künstler die Figur 
des Ketzers Marcion eingeführt, der im Gegensatz zur letztgenann¬ 
ten Sekte die Autorität der ursprünglichen Apostel ablehnt und Pau¬ 
lus als den wahren Meister erkennt. 

Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass diese Marcion-Legende re¬ 
lativ jung ist und unter dem Namen "Tertullian" auf geführt wird. 
Anscheinend handelt es sich um eine Zeit, zu welcher der Ruhm des 
Paulus in der literarischen Welt wuchs und man sich wünschte, seine 



434 


Position zu stärken und das Thema weiter zu verkomplizieren. Man 
lässt Marcion den Ausspruch "Mein Evangelium" behandeln und be¬ 
haupten, dass Paulus nur ein nicht eindeutig benanntes, etwas rudi¬ 
mentäres Lukas-Evangelium kannte. Marcion darf also ausschlie߬ 
lich die Paulusbriefe anerkennen und wird beschuldigt, dabei jedoch 
nur das heranzuziehen, was seinen eigenen Ansichten entspricht. 
Man wirft ihm vor, alle Episteln verstümmelt zu haben - mit Ausnah¬ 
me des Philemonbriefes wegen dessen Kürze. Weiter wird er be¬ 
schuldigt, die Pastoralbriefe aufgrund ihrer anti-gnostischen Tenden¬ 
zen abzulehnen. So kam er schließlich dazu, sich auf zehn Paulus- 
briefe zu beschränken: Galater, 1. und 2. Korinther, Römer, 1. und 2. 
Thessalonicher, Laodizäer (Epheser), Kolosser, Philipper und Phile- 
mon. 

Weitere Mittel zur Werbung für die Episteln 

Ich kann meine vorherigen Bemerkungen zu alldem nur wiederho¬ 
len. Diese Machenschaften scheinen der indirekte Beweis dafür zu 
sein, dass es für die Künstler bei ihrem Täuschungsvorhaben alles 
andere als einfach war, der Welt diese Episteln aufzuzwingen. Es 
muss während des Zeitalters der Veröffentlichungen eine ausrei¬ 
chende Anzahl Männer von höchstem Wissen und Geschmack gege¬ 
ben haben, die sich bewusst waren, dass diese Episteln nicht echt 
sind und das Kirchensystem jüngeren Ursprungs ist. Sie waren 
wahrscheinlich stark genug, um ihren stillen Widerstand zum Aus¬ 
druck zu bringen, jedoch hatten die Mönche eine Organisation, die 
ehrbare Männer nicht haben können; und diese Organisation siegte. 
Durch diese langen und irreführenden Ausführungen über die Ket¬ 
zer, die allerlei Einwände erhoben, jedoch vollständig entkräftet 



435 


wurden, antworten sie den Gegnern ihrer eigenen Zeit. So entstand 
eine sehr effektive Propaganda zugunsten des Bücherschemas, wel¬ 
ches jegliche Gruppierungen dazu verleitet, darin ihre eigenen be¬ 
sonderen Dogmen zu suchen und auch zu finden. Im Laufe der Zeit 
wird jeder Widerstand durch das ohrenbetäubende Gekreische die¬ 
ser biblischen Männer zum Schweigen gebracht. Jede Opposition 
wird genötigt, ihren eigenen Weg zu gehen. Die besiegte Welt wurde 
letztendlich in den Glauben verstrickt, dass es eine bedeutende 
"Grundlage an Fakten" für all diese Geschichten über Paulus, seine 
Väter, seine Jünger und seine Heerscharen von Freunden und Fein¬ 
den geben muss. 

Es gibt hinter alldem durchaus eine Grundlage an Fakten, ebenso 
wie es eine solche zu den kurzen Erzählungen von William Shakes¬ 
peare gibt. Welcher Art die Tatsachen jedoch sind, kann nur festge¬ 
stellt werden, indem man zunächst feststellt, wer die Erzähler der 
Geschichten waren und welche Interessen sie bei der Kreation des 
apostolischen Ideals tatsächlich verfolgten. 

Wie absurd die uns zu den Paulusbriefen und dem Rest der neutes- 
tamentlichen Bücher gegebenen Darstellungen tatsächlich sind, se¬ 
hen wir bei Tertullian, der uns mit all seiner verbalen Beweglichkeit 
und seiner Abhandlung über Marcion keinerlei Anlass zur Annahme 
liefert, dass ihm die Paulusbriefe als geschlossene Sammlung und in 
fester Anordnung Vorlagen. Im Gegenteil: die Versuche unserer alt¬ 
modischen Kritiker, die Anzahl oder die Anordnung der Bücher bei 
Tertullian herauszufinden, sind alle gescheitert. Selbiges gilt für das 
"dritte Jahrhundert" und für jedes andere, das dem des Druckes und 
dem der Veröffentlichungen vorausgeht. 



436 


Ich habe gezeigt, wie sinnlos der Versuch ist, die Wahrheit durch ein 
altmodisches Verfahren aus einem Schriftenschema herauszuarbei¬ 
ten, welches hinsichtlich Zeiten, Orten und Autorennamen völlig fik¬ 
tiv ist. 

Die Paulus-Schriften wurden weder in Syrien noch in Afrika oder an 
irgendeinem anderen der genannten Orte ab gefasst, sondern stam¬ 
men aus einigen italienischen Klöstern. Das System wurde in ande¬ 
ren Klöstern des Ordens weitergeführt, insbesondere in Frankreich. 
Durch die Hände der französischen Benediktiner von Saint-Maur 
wurde uns die Arbeit ihrer älteren Brüder übergeben. Welch verwor¬ 
renes Netz der Mensch doch zu weben imstande ist, wenn er sich in 
der Täuschung übt. 

Sobald wir die Existenz von einem der angeblich "Berühmten" als 
real betrachten, sind wir unweigerlich der gesamten Liste verpflich¬ 
tet. Wir können nicht auf "Tertullian", den großen lateinischen Meis¬ 
ter und Lehrer von Cyprianus verzichten. Wenn wir jedoch die Liste 
mit dem Ziel durchsehen, herauszufinden, was sie uns über diesen 
langatmigen Tadel gegen Marcion zu berichten hat, so stellen wir 
fest, dass das Werk überhaupt nicht erwähnt wird! Also werden wir 
in die nächste Fabel verstrickt; und die paulinische Untersuchung 
führt uns direkt weiter zu der tertullianischen. 

Ich erkläre nun ein für alle Mal die tertullianische Fabel: In den um¬ 
fangreichen Lexika der Kirchenschreiber, die unter den Namen Pho- 
tius und Suidas erschienen, findet Tertullian keinerlei Erwähnung, 
was ein klarer Beweis für den sehr späten Ursprung der Fabel über 



437 


diesen Autor ist. Das ihn behandelnde Kapitel der Liste der "Be¬ 
rühmten" wurde sehr listig ausgearbeitet, um einige falsche Ein¬ 
drücke zu vermitteln. Die Mönche wollen uns glauben machen, dass 
sein Vater ein Prokonsul-Zenturio von Karthago war, dass er unter 
Severus und Caracalla emporstieg und "viele Bände verfasste, die ich 
nicht erwähne, da sie den meisten Leuten bekannt sind"! In Wahrheit 
handelt es sich hierbei um eine der frühen Ankündigungen geplan¬ 
ter Werke. 

Es heißt, er sei der Montanisten-Häresie verfallen und habe die neue 
Prophezeiung in vielen Büchern erwähnt. Weiter soll er "besonders 
viele Bände" zur Keuschheit, zur Glaubensverfolgung, zum Fasten, 
zur Monogamie sowie zur Ekstase "gegen die Kirche ersonnen" ha¬ 
ben; und es wurde über ihn berichtet, er wäre aufgrund seines hohen 
Alters sehr schwächlich geworden und hätte viele kleine Werke ver¬ 
öffentlicht, welche nicht mehr erhalten sind! 

Damit werden die auffälligsten Traktate, die uns unter dem Namen 
Tertullian überliefert wurden, völlig ignoriert, jedoch war die Neu¬ 
gier damit geweckt. Der Mann wird als "scharfsinniges und vehe¬ 
mentes Genie" bezeichnet; und zweifellos wurde ein solcher Schrei¬ 
ber, ein kluger und höchst unverfrorener Kerl, zur Unterstützung 
des ruchlosen Lügenprojekts angeworben. Ich kann daraus nur 
schließen, dass, wenn man um die Mitte des "16. Jahrhunderts" 
(1550) etwas über die tertullianischen Traktate wusste, dies keines¬ 
wegs schon vor dieser Zeit der Fall gewesen sein kann und dass all 
die Ausarbeitungen über die Verbreitung des Christentums im an¬ 
geblichen "zweiten Jahrhundert" sowie die über die Paulusbriefe aus 
jüngerer Zeit stammen müssen, als jegliche Angst vor möglichen 



438 


Aufdeckungen vorüber war. 

Ich verweise meinen Leser erneut auf das wichtige kleine Buch von 
Polydor. Dieser Autor zitiert mehrere bekannte tertullianische Trak¬ 
tate, "Apologeticum", "Vom Kranze des Soldaten" u.s.w., die nicht in 
der Liste aufgeführt sind. Wenn ich mir ganz sicher sein könnte, dass 
Polydor um 1533 schrieb, so wäre das Problem damit gelöst. 



439 


ßctpüel VIII 

£teronpmu8 uttb 2tugu«ttnu«, 
bte "berühmten" bibli«cben ©elebtten 


"Hieronymus", "Augustinus" und andere Lateiner sind lediglich 
Tarnungen derselben monastischen Fraktion 

Ich habe mich im Rahmen dieser Untersuchung auf viele Dinge kon¬ 
zentriert, welche in den üblichen Handbüchern nicht erklärt werden. 
Andererseits habe ich pedantische und sophistische Einzelheiten be¬ 
wusst ausgelassen, da sie lediglich dazu dienen, die Aufmerksamkeit 
von den maßgeblichen Fakten dieser Literatur abzulenken. 

Ich werde aufzeigen, dass "Hieronymus und Augustinus", wie auch 
die anderen Männer, zur Wiederentdeckung der Schriften gehören 
und dies nur vorgeblich "Berühmte" Namen sind, welche die Taten 
der Klosterfraktion kennzeichnen. Hieronymus und Augustinus, die 
wir mit dem Kanon assoziieren, sind eindeutig nicht die Namen von 
Männern, die vor mehr als 1.400 Jahren schrieben! Die Menschen 
werden mit der Zeit lernen, über die Absurdität der Vorstellung zu 
schmunzeln, die ich mich angesichts der vorherrschenden naiven 
Denkweise stets anzuprangern verpflichtet fühle. Statt einer Ent¬ 
wicklung des Denkens während diesem angeblich unermesslichen 
Zeitraum, stellen wir nur Stillstand fest. In seinem angeblich mittel¬ 
alterlichen Handschriften-Lehrbuch mit seinem Vortrag über die sie¬ 
ben kanonischen Episteln des Paulus wirkt "Cassiodor" schlichtweg 
als Papagei von "Hieronymus 1 " und "Augustinus". So gibt es eine 



440 


Reihe von Schreibern wie "Isidor von Sevilla", "Ildefons von Toledo" 
und Weitere, allesamt fiktive Gestalten, die von den Mönchen der 
Wiederentdeckung zur Unterstützung des Systems erfunden wur¬ 
den. 

Es heißt, dass "das Mittelalter weder die Macht besaß, eine unabhän¬ 
gige Position gegenüber der Überlieferung einzunehmen, noch die 
Mittel dazu hatte, die Überlieferung zu überprüfen." Menschen, die 
derartiges schreiben, verstehen ihre eigene Position nicht im Ge¬ 
ringsten, denn wie kann die Moderne jemals hinter das angebliche 
Mittelalter geraten? Derselbe Schreiber, Weiss (1886), fährt fort: 
"Nein, das Mittelalter hatte nicht die Macht, die Überlieferung in ih¬ 
rer Reinheit zu erfassen!" Worin würde dann die Ohnmacht der Mo¬ 
derne bestehen? Eine Reihe von Schreibern des "12. Jahrhunderts" 
scheint weniger von der Thematik zu wissen, als viele hundert Jahre 
zuvor bekannt war! 

All dies ist offensichtlich absurd und hätte niemals von jemandem 
geschrieben werden können, der sich bereits die Frage der Überliefe¬ 
rung von Büchern in unsere Zeit gestellt und sie mittels adäquater 
Forschung behandelt hat. Endlich kommen wir zum angeblichen 
Konzil von Florenz (1441), in dessen Ergebnis der Kanon des "Au¬ 
gustinus" vorgeblich erneuert worden sein soll. Die Geschichte die¬ 
ses Konzils ist jedoch eine reine Fabel; und die Werke von "Augusti¬ 
nus" waren zu einem so frühen Zeitpunkt sicherlich nicht bekannt. 

Der erste Teil dieses wichtigen Verzeichnisses "Berühmter Männer", 
auf das ich hier so oft Bezug genommen habe, ist auf das Jahr 392 da¬ 
tiert. Der letzte Name ist der von Hieronymus selbst - offensichtlich 



441 


ein bescheidener Mann! Mit Hilfe dieses Schreibers und des etwas 
späteren Augustinus sollen wir gemäß der alten Theorie glauben, 
dass Männer, über einen Zeitraum von 1.100 Jahren (392 bis 1492) 
hier und dort, in Italien, Frankreich, Spanien, Afrika oder England, 
die Frage nach Paulus und dessen Episteln auf Grundlage dessen 
diskutierten, was sie selbst gesagt hatten - unter Wiederholung Ihrer 
Zweifel und mit gewissen Variationen. Jedoch gelingt es ihnen kei¬ 
neswegs, hinsichtlich der Beantwortung der Frage übereinzukom¬ 
men oder ihre diesbezüglichen Gedanken zur Ruhe kommen zu las¬ 
sen. 

Schließlich beginnt die Wiederentdeckung. Kardinal Cajetan soll als 
Kritiker auf getreten sein, tat aber nichts weiter als über "Hierony¬ 
mus" zu diskutieren und Zweifel am Hebräerbrief zu äußern. Selbi¬ 
ges gilt für Erasmus, der auch Zweifel an anderen Schriften bekun¬ 
det. Ebenso verhält es sich bei Luther, jedoch aus anderen Gründen 
und auf eine Weise, die oberflächliche Denker für kühn halten mö¬ 
gen, denen die weiter denken können allerdings unmöglich erschei¬ 
nen muss; denn es ist völlig unvorstellbar, dass uns irgendein Kanon 
aus altehrwürdiger Zeit, der mit der Anerkennung, der Verehrung 
und einer 1.100-jährigen, weit verbreiteten Verwendung gesegnet ist, 
über einen so langen Zeitraum überliefert wird. Ich könnte meine 
Darlegung alleinig auf Luther stützen, jedoch kann eine Unmenge an 
Fakten als Beweis dafür ins Feld geführt werden, dass die Paulus¬ 
briefe (wie auch der gesamte Rest der Heiligen Schrift) für die ge¬ 
lehrte Welt im frühen 16. Jahrhundert (1500-1550) völlig neuartig wa¬ 
ren. Ich greife noch kurz das unter dem Namen "Augustinus" er¬ 
schienene Werk "Über die Christliche Bildung" auf. Augustinus wird 
im zweiten Teil der Liste der "Berühmten Männer" als wunderbarer 



442 


Verfasser von "schier unzähligen Werken" angepriesen, jedoch heißt 
nur eines "Über die Dreifaltigkeit". Da ich meinen Lesern einen Ein¬ 
blick in die Prinzipien der Erdichtung gegeben habe, werden sie 
leicht feststellen, dass der Fall "Augustinus" dem des "Paulus" ent¬ 
spricht. Man macht ihn zu einem großen Mann, stellt ihn auf einen 
Sockel und rückt ihn in den Himmel; möglicherweise noch bevor in 
seinem Namen auch nur ein Federstrich vollzogen wurde. Indirekte 
Eingeständnisse dieses Prinzips finden wir in den monastischen 
Schriften. Die "De Doctrina" ist im Vergleich zu den Eusebius-Wer¬ 
ken ein relativ spätes Buch. Es enthält nichts, was für den Kritiker 
von zusätzlicher Bedeutung wäre, obgleich es dabei behilflich ist, das 
System mittels weiterer Fabeln zu untermauern. 

Das Handbuch von "Cassiodorus" ist angeblich bereits seit 1.000 
Jahren im Einsatz 

Es gibt noch ein weiteres Werk, für welches das gleiche gilt: "Einfüh¬ 
rung in die geistlichen und weltlichen Wissenschaften". Es wird Cassio¬ 
dorus zugeschrieben, von dem es heißt, er sei ein im 6. Jahrhundert 
wirkender Mönch eines italienischen Klosters gewesen. 

Unsere unkritischen Kritiker, die völlig unfähig sind, die enorme 
Falschheit der Chronologie auch nur ansatzweise zu erahnen, haben 
dieses ärmliche Buch als bereits vor 1.000 Jahren in Gebrauch gewe¬ 
senes Handbuch für den Mönchsgebrauch akzeptiert. Ich muss wohl 
kaum noch betonen, dass niemals jemand das Schicksal des Buches 
über diese völlig unrealisierbare und rein phantastische Zeitspanne 
zu verfolgen versucht hat. Die Inhalte sind die gleichen wie in den 
eusebischen Werken und bei Augustinus. Es wäre lächerlich, zu 



443 


leugnen, dass sie alle derselben Werkstatt und derselben Epoche an¬ 
gehören. Ein ähnliches Werk, welches ebenfalls eine eusebische Re¬ 
produktion ist, wird einem Iunilus zugeschrieben. 

Das Dekret des Konzils von Trient, 1546, als Meilenstein 

Vermutlich sind wir nicht weit von der Wahrheit entfernt, wenn wir 
zur Einführung in die Heiligen Schriften vom Dominikaner Santi Pa- 
gnini (Lucca, 1536) und zum "Clavis Scripturae Sacrae" von M. Flaci- 
us (Basel, 1567) gelangen, die ebenfalls auf demselben eusebischen 
und augustinischen Fundament beruhen. 

Die Beweislage hinsichtlich der Dekrete des Konzils von Trient, das 
Werk des Dominikaners Sixtus von Siena, "Bibliotheca Sancta" 
(1566), sowie zahlreiche andere Informationen führen alle zur glei¬ 
chen Schlussfolgerung, welche auch das Ergebnis meiner Überprü¬ 
fung des Werkes "Über die Erfinder" ist, das ausschließlich aus Teilen 
der Schriften der angeblich "Berühmten Männer" zusammengesetzt 
ist und in welchem der Kanon völlig unberücksichtigt bleibt. 

Ich lenke die Aufmerksamkeit erneut auf dieses Lehrbuch. Polydor 
lag nur eine karge Version der Geschichte von Hieronymus vor. Dies 
zeigt uns, dass ihm die Liste nicht zur Verfügung stand. Er teilt uns 
mit, dass der Mönch in Rom eine gute griechische und lateinische 
Ausbildung genossen habe, er sich für ein heiligeres Leben nach Ju¬ 
däa begab , dort die hebräische Sprache erlernte und dass seine 
Schriften über die Göttlichkeit von den Kirchenvätern als heilig aner¬ 
kannt und gebilligt wurden. 



444 


Dann folgt diese bemerkenswerte Kritik: "Ich weiß, dass es Einige 
gibt, die dieses Wirken fälschlicherweise dem Pontifex Damasus zu¬ 
schreiben, der bereits sehr lange vor Hieronymus starb." 

Ich bin der Erste, der auf diese Passage, die ein für alle Mal die ganze 
Hieronymus-Fabel zum Einstürzen bringt, aufmerksam macht und 
beweist, dass es sich dabei um eine neuere Erfindung aus Polydors 
Zeit handelt. Darüber hinaus beweist es seine Unkenntnis der Ge¬ 
schichte, dergemäß Hieronymus das Neue Testament aus dem Grie¬ 
chischen übersetzt hat, was er selbst kundtun durfte. Weiter wird 
klar, dass die kirchliche Chronologie und Geschichte noch nicht fest¬ 
gelegt war, denn die Datierungen für Hieronymus und Damasus wa¬ 
ren noch nicht bestimmt. Das Vorwort zu Damasus muss somit spä¬ 
teren Datums als 1533 sein. 

Die Episteln wurden in Latein abgefasst 

Nicht alle Kritiker können diese Passage plausibel erklären oder 
würden es gar wagen, zu bestätigen, dass die Hieronymus-Fabel frü¬ 
heren Datums als der Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung ist. Die Sach¬ 
verhalte über das Konzil von Trient (1546) sind ebenso entscheidend, 
worauf ich in einigen Ausführungen zur Vulgata eingehen werde. 

Ich möchte hier nur darauf hinweisen, dass der Erlass des Konzils 
der Geschichte über das griechische Original des Neuen Testaments 
entschieden widerspricht - nicht minder als es auch für die Aussagen 
Polydors gilt. Darüber hinaus beginnt man gemäß den Dekreten das 
Lesen der Bibel in lateinischer Sprache in den Klöstern erst um die 
Mitte des "16. Jahrhunderts" (1550). Das Dekret der achten Sitzung 



445 


vom Januar 1547 weist ausdrücklich darauf hin, dass die Lesung der 
Heiligen Schrift in den Mönchsklöstern abgehalten werden muss, 
welche die passenden Orte dafür sind. 

Sollten die Äbte in dieser Angelegenheit nachlässig sein, müssen die 
örtlichen Bischöfe als Delegierte des apostolischen Stuhls sie mittels 
geeigneter Maßnahmen dazu zwingen, (hebräisch, griechisch und 
arabisch wurden von Paul V. erst gegen 1610 erlassen; Constitutiones 
Apostolorum) 

Nun stellt sich die Frage, wo der lateinische Text der Paulusbriefe 
oder auch jeder andere Teil der Bibel verfasst wurde. Die Antwort 
muss höchstwahrscheinlich lauten: In einigen Klöstern des Benedik¬ 
tiner-Ordens in Italien. Das älteste der literarischen Klöster ist Monte 
Cassino. 

Ich schreibe dies mit leichter Zurückhaltung, denn die Mönche 
wünschten darauf aufmerksam zu machen, dass sie noch bevor diese 
Schriften über die Alpen nach Nordeuropa gelangten an der Wieder¬ 
entdeckung der Schriften in Italien mitwirkten. Jedenfalls besteht der 
Verdacht, dass das Christentum seine Wurzeln nicht zuerst in Rom 
sondern in den Provinzen schlug. Diese Vermutung wird durch die 
Fabel eines frühen afrikanischen Textes gestützt, der "Tertullian" zu¬ 
geschrieben wird. Die Zitate dieses maskierten großen kirchlichen 
Lateiners stimmen jedoch eng mit denen bei "Irenäus" überein, der 
lediglich ein Symbol für die literarische Tätigkeit des Klosters St. Ire¬ 
näus in Lyon darstellt. Höchstwahrscheinlich ist "Tertullian" ledig¬ 
lich eine Symbolisierung für die französischen Benediktiner. 



446 


Die Geschichten über die "Alte Vulgata" sind irreführend und 
wurden zur Täuschung entworfen. Keiner der Texte weist ein ho¬ 
hes Alter auf 

Die Erzählungen des so von mir benannten Hieronymus-Augusti- 
nus-Cassiodor-Systems dienen der Irreführung. Im Grunde handelt 
es sich dabei um eine einzige gefälschte Geschichte, mit welcher der 
Eindruck erweckt werden sollte, dass es eine "alte Übersetzung, eine 
Vulgata-Ausgabe" gegeben habe, von der eine große Anzahl Bücher 
im Umlauf war, bei der sich jedes Exemplar von den anderen unter¬ 
schieden hätte und dass einige boshafte Interpreten und ungelernte 
Übersetzer mit dem Werk dermaßen ausgelastet waren, dass es eine 
"unendliche Vielfalt von ihnen gab", sodass die Exemplare "unmög¬ 
lich beziffert werden konnten". 

Diese Märchen widersprechen eindeutig den Tatsachen. Die wesent¬ 
liche Gemeinsamkeit aller früher entdeckten lateinischen Texte - und 
hierbei sind die Variationen völlig unbedeutend - ist die Tatsache, 
dass sie offenbar alle mit der Absicht konzipiert wurden, dem Ver¬ 
dacht der für jeden klarsichtigen Menschen unschwer erkennbaren 
Verschwörung und Zusammenarbeit zu entgehen. 

Unter den Vulgata-Texten, von denen wir glauben sollen, dass sie auf 
der ganzen Welt verstreut waren, nennt "Augustinus" die "Itala". Die 
Itala wird als ältester Fund einer lateinischen Übersetzung bezeich¬ 
net. 



447 


Die Klöster, aus denen unsere lateinischen Handschriften stam¬ 
men: Verona, Vercelli, Bobbio 

Richten wir unsere Aufmerksamkeit nun auf einige der Ordensklös¬ 
ter, die diese lateinischen Lesungen veröffentlicht haben, welche die 
Teile des Neuen Testaments bilden. Sie zeigen auf, dass das Neue 
Testament eine allmähliche Ausgestaltung durchlebte. Die Annahme, 
dass hier Fragmente aus der vollständigen Gesamtheit der Evangeli¬ 
en, der Apostelgeschichte oder der Episteln entnommen wurden, ist 
definitiv falsch. Es sind vielmehr Teilchen, die dazu bestimmt waren, 
in das Mosaik oder Flickwerk eingepasst zu werden. 

Das aufmerksame Studieren aller gesammelten Beweise wird den 
Betrachter davon überzeugen, dass, wie unser "Kirchenhistoriker" 
kundtut, sich bestimmte paulinische Lesungen aus nur "wenigen 
Zeilen" bildeten. Diese wurden dann allmählich zu den Episteln aus¬ 
geweitet, die uns heute vorliegen. Nun werden wir mit der überra¬ 
schenden Tatsache konfrontiert, dass nur sehr wenig von den Pau¬ 
lus-Schriften aus den italienischen Klöstern stammt. 

Die ältesten Manuskripte der Liste der "Berühmten Männer" stam¬ 
men aus Verona und Vercelli (wo der Name Eusebius anscheinend 
ersonnen wurde) sowie aus dem Vatikan. Zwei der ältesten Hand¬ 
schriften der Evangelien stammen ebenfalls aus Verona und Vercelli 
- jedoch keine Paulusbriefe. 

Lassen Sie mich jetzt auf das berühmte literarische Kloster in Bobbio 
in der Lombardei aufmerksam machen. Der heute in Wien befindli¬ 
che Kodex aus diesem Kloster enthält einige Lesungen, die für die 



448 


Apostelgeschichte und die katholischen Episteln lediglich vorberei¬ 
tend sind. Wie ich bereits erläutert habe, wäre es falsch, sie als Frag¬ 
mente zu betrachten. 

Das muratorische Fragment 

Aus dem Kloster in Bobbio stammt noch ein weiteres recht bekann¬ 
tes Dokument, der "Kanon Muratori", der 1740 vom italienischen Ge¬ 
lehrten Muratori gefunden und veröffentlicht wurde. Bedingt durch 
ihre Unkenntnis des Systems der monastischen Fiktionen, sind die 
Mutmaßungen der Gelehrten hinsichtlich dieses Pergaments ziem¬ 
lich wertlos. Dem Dokument fehlt der Anfang. Weiter ist das Fatein 
in weiten Teilen grauenhaft und unverständlich. Auf Grund der 
Wirksamkeit der Lüge über die "griechische Wahrheit und den grie¬ 
chischen Ursprung" wurde vermutet, dass dieses Latein eine unge¬ 
schickte Übersetzung aus dem Griechischen sei, jedoch haben die 
Fakten wie üblich keinerlei Einfluss auf solche Ansichten. Der 
Mönch spielt in dieser Sache derart mit Honig und Galle, wie es im 
Zuge einer Übersetzung unmöglich ist. Das Dokument enthält schot¬ 
tische Ausdrücke, wozu anzumerken ist, dass das Kloster unter der 
Herrschaft von St. Benet schottischen Mönchen überlassen wurde. Es 
ist in einem barbarischen Latein verfasst, möglicherweise aus der 
frühen Tudorzeit (Anfang 1485). Es enthält auch einen Hinweis, der 
auf den "Hirten des Hermas" anspielt, der die Lüge über die fiktiven 
"Berühmten Männer" stützen soll. 

All dies zeigt uns, dass wir die Mitglieder des "Runden Tisches" bis 
zu einer ihrer Blendwerkstätten verfolgt haben, in welcher der 
Mönch "Jonas" einen Teil der Geschichte unserer Insel geschrieben 



449 


haben soll. Wir erkennen an diesem Dokument, dass das Neue Testa¬ 
ment gerade erzeugt wird. Es enthält lediglich eine konkrete Erwäh¬ 
nung von Evangelisten - in diesem Fall Lukas und Johannes. Der 
Schreiber fügt die Apostelgeschichte an und fährt dann mit den Pau¬ 
lusbriefen fort, von denen er die Korinther und den Römer für die 
wichtigsten hält. 

Den Inhalt der Episteln beschreibt er dabei nur sehr knapp. Hinsicht¬ 
lich der Feststellung, dass Paulus wie auch Johannes als Repräsen¬ 
tant der Kirche an die sieben Gemeinden schrieb, ist er sich mit Hie¬ 
ronymus und den Anderen der Fraktion einig. Er nennt sie in folgen¬ 
der Reihenfolge: Korinther; Epheser, Philipper, Kolosser, Galater, 
Thessalonicher, Römer. 

Anscheinend meint er erklären zu müssen, warum an bestimmte Ge¬ 
meinden gerichtete Episteln als Allgemeineigentum der Kirche be¬ 
trachtet werden sollten; und das gleiche soll auch für die vier an kon¬ 
krete Personen gerichtete Episteln gelten. Der Schreiber äußert, dass 
sie "zur Ehre der katholischen Kirche für die Regelung der kirchli¬ 
chen Disziplin heilig gehalten" werden. Kurz gesagt, stimmt er mit 
wenigen Abweichungen nahezu vollkommen mit dem Rest der Frak¬ 
tion überein. Seine Bemerkungen sind eine weitere Bestätigung da¬ 
für, dass die Paulusbriefe, die zu dieser Zeit im Entstehen waren, mit 
der Zielstellung entworfen wurden, die kirchliche Theologie und 
Disziplin im Rahmen einer romantischen und persönlichen Erzäh¬ 
lung zu bewerben. 

Die französischen und schweizerischen Klöster Saint-Germain, 
Reichenau, St. Gallen, St. Irenaus // Englische Manuskripte 



450 


Die einzige Möglichkeit zur Bestimmung des wahrscheinlichen Al¬ 
ters dieses Dokuments besteht darin, den Zeitpunkt zu ermitteln, zu 
welchem man mit der Kultivierung der Schriften begann. Dies führt 
wiederum zu der Frage nach den Anfängen des Klosters Monte Cas- 
sino, welches die Benediktiner als ihre älteste Schule bezeichnen. Sie 
geben selbst zu, dass sie zum Ende des 15. Jahrhunderts alle in Dun¬ 
kelheit gehüllt waren, jedoch scheint das Kloster im 16. Jahrhundert 
ein strahlender Hort gelehrter Männer zu sein. Daraus kann ich nur 
ableiten, dass es dort und in jedem anderen Kloster nur schwache 
Anfänge neuzeitlicher Literatur gab. Es ist unmöglich, Spuren der 
Episteln weiter als bis zu diesen benediktinischen Anfängen zurück 
zu verfolgen. Damit scheint in Bezug auf dieses italienische Kloster 
alles über Paulus gesagt zu sein. 

Damit gehe ich zu Frankreich über. In der kaiserlichen Bibliothek 
von Paris befindet sich der Codex Claromontanus. Er wird allgemein 
als griechisch-lateinisches Manuskript bezeichnet. Ich möchte es lie¬ 
ber ein lateinisch-griechisches Manuskript nennen und warne meine 
Leser vor dem Unsinn, dass es im "6. Jahrhundert" geschrieben wor¬ 
den sei. Dieses Buch enthält alle Paulusbriefe, mit wenigen Ausnah¬ 
men, welche aufzeigen, wie die Herstellung dieser Literatur im soge¬ 
nannten 16. Jahrhundert gerade vonstatten ging. 

Äußerst interessant ist, dass beim kurzen Römerbrief der Teil 1:1-7 
bis zum Ende des Satzes "den Liebsten Gottes" ausgelassen wurde 
(die Lesung, welche zur "Nachtwache der Geburt Christi" verwendet 
wird). Der Leser stellt dabei fest, dass der Römerbrief nach der Be¬ 
grüßung genauso gut mit den Worten "Aufs Erste danke ich meinem 



451 


Gott" usw. beginnen könnte. Uns wird dann klar, dass mehrere Hän¬ 
de mit diesem Manuskript beschäftigt waren und einige frühe Ver¬ 
sionen ausgearbeitet haben. So wurde sowohl die Lesung Römer 
1:27-30, 24-27 in Latein hinzugefügt als auch Korinther 14:13-22. Der 
Kodex wurde erst 1852 von Tischendorf veröffentlicht, gilt aber den¬ 
noch als eine der wertvollsten Handschriften. 

Auch der Codex San Germanensis, der sich heute in St. Petersburg 
befindet, stammt aus Paris. Die Abtei von St. Germain war einer der 
großen Sammelpunkte der Benediktiner. Möglicherweise wurde der 
benediktinische "Runde Tisch" am ehesten hier eingerichtet - jeden¬ 
falls wahrscheinlicher als in allen anderen Abteien. 

Das Griechisch dieses Manuskripts gleicht im Wesentlichen dem des 
Codex Claromontanus, ist jedoch schlecht kopiert, was den Leser 
nach all meinen Erklärungen nicht überraschen wird. Es ist voll von 
groben Fehlern und enthält einige "ungeheure Überarbeitungen" der 
Korrektoren - womit gemeint ist, dass das Griechisch schier analpha¬ 
betisch ist. Das Latein gleicht substantiell ebenfalls dem des Codex 
Claromontanus, jedoch ohne die Fehler des Griechischen - wieder 
ein Beweis dafür, dass das Original nicht griechisch ist. 

Der Codex Augiensis, eine lateinisch-griechische Handschrift, die 
Bentley aus dem Kloster Augia Major beziehungsweise Reichenau in 
der Schweiz hat, befindet sich heute in der Bibliothek des Trinity 
College in Cambridge. Er wurde 1859 von Scrivener veröffentlicht. 
Das Latein beginnt mit Römer 3:19. Der Codex Boernerianus weist 
lediglich Variationen hinsichtlich einiger Einzelheiten auf, stellt aber 
an sich dasselbe Model dar. Er wurde einst an den St. Gallener Co- 



452 


dex Sangallensis [ein Evangelien-Kodex] angeschlossen. 

Dazu kommen noch die von Tischendorf beschriebenen Münchener 
"Fragmente" der Paulusbriefe, bei denen es sich genauer gesagt um 
paulinische Leitsätze handelt, die einen Teil der Basis der Episteln 
bilden. 

Nach allem, was über diese wunderbaren Episteln gesagt wurde, 
muss es den Studierenden überraschen und schockieren, dass die 
Klöster des Kontinents sogar einen Bestand angeblich alter lateini¬ 
scher Manuskripte der Paulusbriefe produzieren konnten. Der Co¬ 
dex Bezae, beziehungsweise der von Cambridge, muss als eines der 
wichtigsten der angeblichen griechisch-lateinischen, in Wirklichkeit 
jedoch lateinisch-griechischen Bücher angesehen werden. Es wird 
behauptet, dass Beza dieses Manuskript erst 1562 vom Benediktiner¬ 
kloster in Lyon beschafft und 1582 der Cambridge-Bibliothek über¬ 
reicht hätte, die zu diesem Zeitpunkt nur eine recht unbedeutende 
Sammlung haben konnte. Weiter heißt es, dass es neben den Evange¬ 
lien und der Apostelgeschichte einst auch die katholischen Episteln 
enthielt. Es ist jedoch lediglich noch eine kurze Lesung aus dem 3. 
Johannesbrief darin zu finden. Die Auslassungen sind bemerkens¬ 
wert. Es ist das Werk eines französischen Benediktiners, der kein 
Griechisch kannte und ein so ärmlicher Lateiner war, dass er zumin¬ 
dest in einem Fall ein lateinisches Wort aus dem Französisch ge¬ 
schöpft hat! Das Latein ist mit geringfügigen Abweichungen offen¬ 
sichtlich das gleiche wie das der alten lateinischen Bücher. Ich er¬ 
wähne diesen Kodex, weil er einer der stärksten Beweise für das la¬ 
teinische Original und den späten Ursprung der Bücher ist. 



453 


Trotz aller Geschichten über die biblischen Gelehrten der "Wieder¬ 
entdeckung" wie Erasmus, Luther, Polydor, die Alcalä-Herausgeber 
oder die Kirchenväter und -lehrer des Konzils von Trient (1546), 
kann nirgends ein lateinisches Bibelmanuskript der vollständigen 
Paulusbriefe gefunden werden, von dem man mit einiger Sicherheit 
annehmen kann, dass es vor oder zur Zeit des Konzils von Trient 
verwendet wurde. Es ist stets nichts weiter als eine Angelegenheit 
von Sätzen, Texten oder Aphorismen. Aus den oben angeführten 
und noch anzuführenden Gründen kann ich mich nicht mit den ge¬ 
samten Bibelkodizes, den Kodizes Amiatinus, Toletanus, Paullinus, 
Vallicellianus oder mit dem Kodex aus Fulda (einem der Hauptsitze 
der deutschen Benediktiner vor dem späten 16. Jahrhundert) aufhal¬ 
ten. 

Aber lassen Sie mich jetzt noch einige Details zu England anführen, 
bezüglich dessen literarischer Kultur das gleiche enorme Trugbild 
wie auf den Kontinent vorherrscht: 

In der Bodleian Library befindet sich ein Exemplar der Paulusbriefe 
in sogenannten angelsächsischen Buchstaben, das mit Hebräer 11:34 
endet; jedoch sind diese altenglischen Buchstaben eine Erfindung 
des 16. Jahrhunderts. Ihre Spuren können unmöglich weiter als bis 
zu den elisabethanischen Gelehrten zurückverfolgt werden. Weiter 
ist es auch nicht möglich, einen Hinweis auf ihre Existenz vor der 
Zeit Heinrichs VIII. ausfindig zu machen. Der ursprüngliche Text ist 
lediglich eine Überarbeitung des älteren Lateinischen. Die Anord¬ 
nung der Episteln zeigt die Zugehörigkeit zu den Mönchen, die un¬ 
ter dem Namen "Augustinus" schreiben. Selbiges gilt für das har- 
leianische Manuskript von 1772. Es gibt keinen Grund, diese Bücher 



454 


einer früheren Zeit als dem späten 16. Jahrhundert zuzuordnen. 

Ich wünschte, ich könnte dem Leser über die Anzahl der Exemplare 
der Paulusbriefe wenigstens irgendeinen genauen Bericht oder etwas 
Ähnliches aus der Regierungszeit Heinrichs VIII. präsentieren, in 
welch roher Form auch immer, denn vor dessen Herrschaft können 
sie unmöglich auf gekommen sein. Ich bitte den Leser, die Ge¬ 
schichten über Wycliff und Tyndal aus seinem Kopf zu verbannen. 
Es existieren seitens der Autoren dieser Zeit (Polydor und Tyndal) 
absolut keine Beweise dafür, dass unter den Namen von "Wycliff", 
"Tyndal" oder einem beliebigen anderen Namen irgendeine Bibel¬ 
übersetzung veröffentlicht wurde. Diese Frage betrifft ausschließlich 
den lateinischen Text. 

Beweise aus dem Katalog der Benediktiner von Bury St. Edmunds 

Unser ältester englischer Bibliograph soll der Benediktiner "John Bo¬ 
ston aus Bury St. Edmunds" gewesen sein, angeblich aus dem 15. 
Jahrhundert, obwohl diese Datierung unsicher ist. Ich fand heraus, 
dass das seinem Namen zugeschriebene Werk (der Katalog der Bene¬ 
diktiner aus Bury St. Edmunds) keine Produktion des 15. Jahr¬ 
hunderts sein kann, da John Leland, der als erster in England den Ti¬ 
tel "Librarius" trug und wie es heißt von 1533 bis 1539 die Ordens¬ 
häuser durchforschte, nichts von ihm weiß, obwohl er andere bene- 
diktinische Verzeichnisse kennt und das Kloster besucht zu haben 
scheint. Er erwähnt nur beiläufig einen anderen Schreiber namens 
"John aus St. Edmunds". 


Ich bin daher gezwungen, das fragliche Verzeichnis etwas später als 



455 


das Wirken Lelands einzuordnen. Die Faktenlage stimmt im Großen 
und Ganzen mit der des Bibliothekars überein. Es deckt einen extre¬ 
men und landesweiten Mangel an Büchern jeglicher Art auf. Gleich¬ 
zeitig wird das eindrucksvolle Mittel enthüllt, eine Reihe imaginärer 
Namen zu entwerfen, ihnen noch nicht vorhandene Bücher zuzu¬ 
schreiben und diese zu bewerben sowie in den Werken Leerstellen 
offen zu lassen, in welche im Nachgang ein Datum einzutragen ist. 

Es ist ein durchweg verräterisches Buch. Ich kann ohne zu zögern 
feststellen, dass der Studierende, der diesen Katalog gründlich un¬ 
tersucht, von der uns anerzogenen Phantasie geheilt werden wird, 
dergemäß uns eine große Anzahl Bücher aus den Zeiten des frühen 
und mittelalterlichen Christentums überliefert wurde. Der Katalog 
ist in der "Bibliotheca" von Bischof Thomas Tanner abgedruckt. Das 
Manuskript ist nicht vorhanden. 

Nun enthält dieses vernachlässigte Verzeichnis einen der besten uns 
jemals überlieferten Berichte über die Struktur der lateinischen Bibel. 
Er enthüllt dem Kritiker das, was auch die Schriften aller neutesta- 
mentlichen Männer enthüllen; und zwar, dass die Bücher künstlich 
nach einem mit dem Alten Testament korrespondierenden System 
erzeugt wurden. 

Die Gesetzbücher des Alten Testaments oder Pentateuchs korrespon¬ 
dieren mit den vier Evangelisten. Die historischen Bücher des Alten 
Testaments, von Josua bis Hiob, korrespondieren mit den histori¬ 
schen Büchern des Neuen Testaments, nämlich mit der Apostelge¬ 
schichte, dem Jakobusbrief, dem zweiten Petrusbrief, dem dritten Jo¬ 
hannesbrief und dem Judasbrief. 



456 


Mit den Lehrbüchern des Alten Testaments, also dem Buch der 
Sprichwörter, dem Buch Kohelet, dem Hohelied, dem Buch Jesus Si- 
rach und dem Buch der Weisheit, korrespondieren die vierzehn Pau¬ 
lusbriefe, einschließlich des Hebräerbriefs, in der Reihenfolge, in der 
sie uns vorliegen. 

Die Propheten-Bücher des Alten Testaments, nämlich die Psalmen, 
Jesaja, Jeremia, Ezechiel, Daniel und das Zwölfprophetenbuch, kor¬ 
respondieren mit der Apokalypse. 

Derselbe Schreiber hat jedoch noch eine weitere Einteilung des Neu¬ 
en Testaments, in der er die Bücher in drei Ordnungen unterteilt: (1) 
Evangelisten; (2) Apostel, darunter alle Episteln, die Apostelge¬ 
schichte und die Apokalypse; (3) Lehrer, worunter auch die Dekrete 
oder Kanones der Konzilien "aus der Zeit Konstantins" aufgeführt 
sind. Es wird auf die Fabel von Nicäa und das zweite Glaubensbe¬ 
kenntnis hingewiesen, welches dort angenommen worden sein soll. 

Neben dem Alten und Neuen Testament soll die katholische Kirche 
auch die Annahme der Schriften der vier Synoden - von Nicäa, Kon¬ 
stantinopel, Ephesos und Chalcedon - angeordnet haben. 

Darüber hinaus sind die Schriften der heiligen Kirchenväter und 
-lehrer, daher die von Hieronymus, Ambrosius, Augustinus, Grego- 
rius, Basilius, Origenes, Isidor, Beda und vielen anderen Orthodoxen 
- "so unendlich viele, dass sie nicht beziffert werden können" -, in 
dieser dritten Ordnung der Bücher des Neuen Testaments enthalten! 



457 


Es wird hinzugefügt: "Es scheint also wahrhaftig, wie lei¬ 
denschaftlich sie in ihrem christlichen Glauben waren, für dessen 
Geltendmachung sie der Nachwelt so viele große und denkwürdige 
Werke hinterlassen haben. Bei dieser Einteilung der Bücher treten 
die Übereinstimmungen der beiden Testamente klar zu Tage, denn 
wie auf das Gesetz die Propheten und auf die Propheten die Lehrbü¬ 
cher, so folgen auf das Evangelium die Apostel und auf die Apostel 
die Väter und Lehrer." Es wird auf "Hugo" und "Gelasius" hingewie¬ 
sen, welche jedoch schlichtweg Mitglieder der literarischen Fraktion 
sind. 

Diese angeblich in England ausgearbeitete und wahrhaft benedikti- 
nische Beschreibung des Neuen Testaments ist recht maßgeblich und 
wird durch die gesamte Anordnung gestützt. Deutlicher als jedes an¬ 
dere Dokument, welches mir bisher begegnet ist, verdeutlicht es 
nicht nur die künstliche Struktur der Bücher, sondern auch die Tatsa¬ 
che, dass die Kirchenväter und -lehrer alias die "katholischen Schrei¬ 
ber" der Hieronymus-Liste, wie dieser Mönch sie bezeichnet, alias 
die nur scheinbar "Berühmten Männer" beziehungsweise die mas¬ 
kierten Benediktiner der Wiederentdeckung, ziemlich sicher die 
Männer des Neuen Testaments sind. Ein kritischer Leser der Pau¬ 
lusbriefe kann sich keinesfalls erlauben, auf sie (die maskierten Bene¬ 
diktiner der Wiederentdeckung) zu verzichten. Weiter kann sich 
ohne die Erklärungen dieser "Kirchenväter und -lehrer" unmöglich 
jemand den Sinn der Paulusbriefe erschließen. 

Da dieses Boston-Verzeichnis nicht weiter als bis zur Mitte des 16. 
Jahrhunderts zurückverfolgt werden kann, bietet es einen weiteren 
wichtigen Beweis für die Auffassung, dass die Bücher ziemlich junge 



458 


Kompositionen sind. Ich muss allerdings noch erwähnen, dass das 
Manuskript bis zur Zeit von Erzbischof Usher keinerlei Erwähnung 
findet. 



459 


«apttel IX 

3ojjtt £elant> über britische ©Treiber 


Märchen bei "Beda Venerabilis" 

Kommen wir nun zu John Lelands lateinischem Werk über britische 
Schreiber - ein Werk, dessen vollständiges Verständnis für jeden Stu¬ 
dierenden unabdingbar ist, der die Wahrheit über den Aufstieg der 
Literatur in England ergründen möchte. Dieser Klosterforscher muss 
zunächst selbst einmal von vorne bis hinten beleuchtet werden. Die 
Kunstgriffe, welche die Klöster mit ihm praktizierten, müssen ver¬ 
standen werden, wenn wir uns Klarheit darüber verschaffen wollen, 
wie ein junger Gelehrter, der in der St. Paul's School, in Oxford und 
in Cambridge großgezogen wurde, eine sieben Jahre währende Reise 
unternommen haben soll, in deren Verlauf er in den religiösen Häu¬ 
sern, in denen sich eine enorme Anzahl wertvoller antiker Bücher be¬ 
funden hätte, vielleicht gerade einmal genug für eine mäßige Wagen¬ 
ladung hat finden können! 

Das Studium dieses Buchgelehrten gestattet uns keinesfalls davon 
auszugehen, dass die literarische Kultur über ihre Wiege am Ende 
der Regierungszeit Heinrichs VIII. hinausreicht. Es ist unmöglich 
auszumachen, wie viele vollständige Exemplare der lateinischen Bi¬ 
bel existierten, wo sie zu finden waren oder ob überhaupt welche 
existierten! Es gab eine "sehr kurze" Beda-Kirchengeschichte - getreu 
dem Vorbild der Kirchengeschichte des Eusebius. Dieser Beda wur¬ 
de zum Sprachrohr der Benediktiner gemacht. Man ließ ihn erklären, 
dass es in fernen Zeiten eine Bibliothek der Klöster des Heiligen Pe- 



460 


trus und des Heiligen Paulus in Wearmouth-Jarrow gab, die vom 
Abt Ceolfrid geleitet wurde. In der Bibliothek hätte sich ein Exem¬ 
plar der "antiken Übersetzung" befunden, die Ceolfrid aus Rom mit¬ 
brachte. Er soll auch drei "vollständige Abschriften [Pandekte] der 
neuen Übersetzung" hinzugefügt haben. 

In diesem Bericht steckt durchaus ein Fünkchen Wahrheit. Die Er¬ 
wähnungen der "alten und der neuen Übersetzung" gehören dersel¬ 
ben Zeit an. Das bedeutet, dass die angeblich alte lateinische Version 
und die Überarbeitung von Hieronymus lediglich ein Gebräu aus 
der späteren Zeit Heinrichs VIII. sind (gegen 1547). Es gibt kein noch 
so geringes Indiz, welches uns daran zweifeln lassen könnte, dass 
vor der Zeit John Colets weder die Leute in London oder irgend ei¬ 
nem anderen Teil Englands, noch die Mönche selbst, etwas von den 
Paulusbriefen wissen konnten. Es gibt Hinweise darauf, dass die 
Mönchsgelehrten sich durch den Aufruhr und die Aufregung, die 
die lutherische Bewegung verursachte, genötigt sahen, mit ihren Fe¬ 
dern höchst eifrig zur Tat zu schreiten und so die imaginäre Wic- 
lif-Fraktion zu Papier brachten, welche in Wirklichkeit lediglich der 
Schleier der englischen Reformatoren ist. Es gibt jedoch keinen Hin¬ 
weis darauf, dass ein Teil der Bibel umfassend untersucht wurde. Sie 
waren offenbar mehr mit den Lehrsätzen von "Petrus Lombardus" 
oder den Schriften beschäftigt, welche unter dem Namen "Thomas 
von Aquin" erschienen, als mit Paulus. 



461 


Angeblich alte Kommentare zu den Paulusbriefen // Über die 
"Weißen, Schwarzen und Grauen Brüder" 

Ich will mich weiterhin bemühen, meinen Lesern auch Details zu 
präsentieren. Wir müssen davon ausgehen, dass die Gelehrtenlisten 
der verschiedenen Orden alle nach dem gleichen fingierten Entwurf 
erstellt wurden; und zwar derart, dass Werke, die gerade noch ge¬ 
schrieben wurden oder erst geplant waren, früheren Regentschaften 
zudatiert wurden. So heißt es, dass Thomas Brome, ein Karmeliter 
oder "Weißer Bruder", der Professor in Oxford war, nach London 
kam, um am „College of Whitefriars" den Vorsitz zu führen und 
letztlich den Provinzvorsitz seines Ordens übernahm. Diese Aussa¬ 
gen stammen natürlich von seinem eigenen Orden. Die Brüder geben 
an, dass er Kommentare zum Paulusbrief an die Römer veröf¬ 
fentlichte, in der Regierungszeit Edwards III. zu Ruhm gelangte und 
in Whitefriars starb. Leland schreibt, dass er das gerade Erwähnte 
erst kürzlich Bromes Denkmal entnommen hätte. Wo ist das Denk¬ 
mal? Wo sind die Kommentare? Die Aussagen scheinen stichhaltig 
genug, nur widersprechen sie einer Vielzahl anderer Beweise. Das 
erklärt sich damit, dass die Frommen in jeder Hinsicht größte An¬ 
strengungen unternahmen, um ihre Ansprüche in der Antike und in 
alten Lehren zu begründen. 

Von Richard Lavenham, einem "Weißen Bruder" aus Ipswich, heißt 
es bei Leland, dass er unter anderem über den Paulusbrief an Titus 
schrieb und 1388 starb. Diese Aussage wird jedoch durch das Fehlen 
seines Namens in anderen Verzeichnissen und durch weitere konträ¬ 
re Dinge widerlegt. So wird ihm z.B. ein Buch über Erfinder zuges¬ 
chrieben, obwohl Polydor, wie ich bereits gezeigt habe, erklärte, dass 



462 


seit Plinius niemand mehr ein solches Buch verfasst hat! Dieser 
Scheinautor wurde erfunden, um eine Fabel über den Ursprung der 
"Weißen Brüder" zu veröffentlichen. 

Ein anderer Karmeliter, Stephen Patrenden, soll zur Zeit Heinrich V. 
ebenfalls ein berühmter Professor in Oxford und London gewesen 
sein und ein Buch über den Paulusbrief an Titus geschrieben haben. 
Wiederum haben wir, um derartiges zu bezeugen, nichts weiter als 
das gefälschte Verzeichnis. Robert Ross, ein anderer "Weißer Bruder", 
soll ungefähr zur gleichen Zeit über die gleiche Epistel geschrieben 
haben. Aber das große Ideal der "Weißen Brüder" ist "Thomas Wai¬ 
den", den sie ebenfalls in die Regierungszeit Heinrich V. verpflanzten 
und als Verfechter der Orthodoxie gegen die Ketzer einsetzten, die 
im Land großes Aufsehen erregt haben sollen. Er soll Kommentare 
zu verschiedenen Teilen der Bibel und den Paulusbriefen verfasst ha¬ 
ben. 

Leland stellt fest, dass die "Whitefriars Library" eindeutig die beste 
in London ist. Der Bestand an enorm wertvollen Büchern, den Wai¬ 
den hinterlassen haben soll, sei jedoch "stark vermindert" worden! 
Dies ist eine von vielen Bibliotheken-Mythen, die den großen Bü¬ 
chermangel entschuldigen sollen! 

Der nächste "Weiße Bruder", John Waterton (Aquaedunus), ein Ox- 
ford-Aristoteliker, schrieb angeblich Kommentare zu den Evangelien 
und dem Paulusbrief an die Korinther, beginnend mit den Worten 
(in Latein) "durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin", sowie zum 
Paulusbrief an die Hebräer, beginnend mit "Der Herr hat mich her¬ 
aufgeführt". Er soll sich seinen Ruhm im frühen 15. Jahrhundert er- 



463 


worben haben. Erneut ist ein fiktives Verzeichnis das einzige Zeug¬ 
nis hierfür. Es scheint, dass zum Zeitpunkt der Niederschrift ledig¬ 
lich ein Korintherbrief bekannt war. 

Leland liefert uns keinerlei Anzeichen dafür, dass er irgendeinen die¬ 
ser Kommentare gelesen hätte. Aufgrund der Art und Weise, wie er 
anderswo von ihnen schreibt, muss ich davon ausgehen, dass ihm 
auch nicht viel von den Episteln bekannt war. Offensichtlich ließen 
die "Weißen Brüder" aus London diese Schein-Kommentare unter 
der Wirkung der fiktiven Bewegung aufkommen, welche dazu führ¬ 
te, dass Colet in England als zweiter Apostel Paulus bezeichnet wur¬ 
de. 

Die Verfasser der Verzeichnisse haben es jedenfalls nicht gewagt, vie¬ 
le der Kommentare zu Paulus in ihrem Schema der imaginären Ver¬ 
gangenheit allzu früh anzusetzen. Robert Kilwardeby, ein Dominika¬ 
ner oder "Schwarzer Mönch", ist eine Wunschfigur des "13. Jahrhun¬ 
derts" und soll angeblich über die "Paulusbriefe an die Römer" sowie 
über die Briefe an die "Korinther" geschrieben haben, als hätte es 
mehr als einen Römerbrief gegeben - es sei denn, es liegt ein Druck¬ 
fehler vor. Der Franziskaner W. Snotingham soll gar "alle Paulusbrie¬ 
fe illustriert" haben (D. Pauli). Von John Redwall, einem Franziska¬ 
ner oder "Grauen Mönch", heißt es, dass er "Märchen" zu den Pau¬ 
lusbriefen veröffentlicht habe. 

Leland schreibt, dass Richard Middleton (dessen Orden nicht ge¬ 
nannt wird) der Autor einiger Kommentare zu den 1509 in Venedig 
veröffentlichten "Sentenzen" sei. Diesem angeblichen Schreiber wer¬ 
den "vierzehn Bücher über die Paulusbriefe" zugeschrieben! Wieso 



464 


sind sie alle nicht verfügbar? Nun zum nächsten Beispiel für die fin¬ 
gierte Art und Weise, mit welcher die Listen erstellt wurden. Man 
veröffentlichte einige wenige Dinge zur Bestätigung der eigenen 
Aussagen und regte so den Appetit der Öffentlichkeit nach mehr an. 

"Beda" über den Apostel 

Wenn wir bis zu der vorgeblichen Zeit von "Beda" zurückgehen, 
könnte der unerfahrene Leser zu der Annahme verleitet werden, 
dass das Wissen um die Paulusbriefe in den Benediktinerklöstern 
tatsächlich sehr alt ist. Ich muss jedoch erneut daran erinnern, dass 
dieser Beda, wie auch die übrigen imaginären Koryphäen, vor der 
frühen Tudor-Zeit (die erst 1485 beginnt) nicht auszumachen ist. 
Während der ausgehenden Regierungszeit Heinrichs VIII. (gegen 
1547) mag es auf der Insel vielleicht ein halbes Dutzend Exemplare 
von Bedas kurzer Kirchengeschichte gegeben haben, aber definitiv 
nicht mehr. Diese Kirchengeschichte ist im Wesentlichen von der 
gleichen Ausprägung wie die Kirchengeschichte des Eusebius, die 
ich hier bereits ausführlich behandelt habe. Es gibt keinerlei Hinwei¬ 
se darauf, dass der umfangreiche Beda, wie er uns heute vorliegt, vor 
dem späten 16. Jahrhundert geschrieben wurde. Etwa um das Jahr 
1545 schrieben die Mönche unter dem Namen dieser bevorzugten 
Gestalt neben anderen Werken eines mit der Überschrift "Über den 
Apostel: Bei allem, was ich in den Opuskeln des Heiligen Augusti¬ 
nus dar gelegt fand, habe ich darauf geachtet, es in der richtigen Ord¬ 
nung wiederzugeben". 

Dies erinnert uns an bereits aus anderen Quellen bekanntes; und 
zwar daran, dass zwischen Paulus und Augustinus eine enge Verbin- 



465 


düng besteht. Jedoch muss ich meine Leser vor dem Trugschluss 
warnen, zu meinen, feststellen zu können, welchen Umfang die au- 
gustinischen Schriften damals aufwiesen. Ein weiteres Werk sind die 
"Kommentare zu den sieben katholischen Episteln". 

Von einem angeblichen Kommentar Alkuins heißt es, er sei erst 
kürzlich veröffentlicht worden 

Eine weitere bevorzugte Gestalt der französischen und englischen 
Benediktiner sowie der Augustiner ist Alkuin, der mit Karl dem 
Großen und seinen imaginären Schulen verbunden ist. Getreu dem 
Schema wurden ihm "vierzehn Bücher über die Paulusbriefe" zuge¬ 
schrieben. Einer seiner Freunde desselben Täuschungssystems ist 
Claudius. Hier nun ein Beispiel, das, wie ich denke, ohne Parallele 
ist. Wir lesen, dass seine Benediktinerkommentare zum Heiligen 
Paulus erst kürzlich gedruckt und veröffentlicht wurden. Leland teilt 
uns mit, dass er die unter demselben Namen erschienenen Kommen¬ 
tare zu Matthäus in die königliche Bibliothek Heinrichs VIII. ver¬ 
bracht habe. 

Es ist also klar, dass alles, was in England mit dem Wissen über Pau¬ 
lus zu tun hatte, gerade erst am Aufkommen war, sei es in Latein 
oder in der Sprache, welche die Mönche als angelsächsische Zunge 
bezeichneten. 

Ich merke an, dass Paulus, obwohl man ihn ein- oder zweimal gött¬ 
lich (divus) nennt, meines Wissens jedoch niemals als heilig (sanctus) 
bezeichnet wurde. Bei dem Großteil der Erwähnungen wird er ein¬ 
fach "Paulus" genannt. Dies ist ein Beweis dafür, dass die Bezeich- 



466 


nung als Heiliger erst sehr spät auf ihn angewandt wurde. 

Paulus wird häufig in den "Canterbury Erzählungen" zitiert - einer 
Tudor-Produktion von unbekannter Datierung 

Ich wünschte, wir hätten eine gesicherte Datierung zur Veröffentli¬ 
chung der "Canterbury Erzählungen" 124 , wie wir sie kennen. Die Be¬ 
lege sind wie gewohnt äußerst dünn und unzureichend. Das ent¬ 
sprechende Kapitel bei Leland liest sich wie die Werbung eines 
Buchhändlers zugunsten von Werken einer imaginären Person aus 
einer imaginären Zeit, deren Wert durch die Legende des Lebens 
dieser Person erhöht werden soll. Wenn wir einmal annehmen, dass 
Leland das Kapitel über Chaucer um 1545 geschrieben hat, dann 
scheint es so, als seien Autor und Werk zu diesem Zeitpunkt absolu¬ 
te Neuheiten in der gelehrten Welt. Wenn wir das Datum 1532 von 
William Thynnes Ausgabe als sicher betrachten könnten, wären wir 
damit nahe am Ziel. Wenn wir uns jedoch die Frage stellen, wann 
man begann, diese bemerkenswerten "Erzählungen" zu lesen, die 
wie viele andere literarische Offenbarungen eine Spiegelung der bes¬ 
ten literarischen Kultur darstellen, die England je erleben durfte, so 
müssen wir das Alter des Buches weiter reduzieren. Bis wir zu den 
Reformatoren der Zeit von Elisabeth und Jakob kommen, können 
wir nach Leland nämlich niemanden mehr ausfindig machen, der 
auch nur andeutet, das Buch gelesen zu haben. Diese Reformer sol¬ 
len erkannt haben, dass der Dichter der "Erzählungen" ein Verfechter 
ihrer Prinzipien war und alles wusste, was sie wussten. Sie waren 
überrascht, dass er in der düsteren alten Zeit, in der er angeblich 
wirkte, so klar sehen konnte. Ich sollte hinzufügen, dass Polydor 

124 Die "Canterbury Tales" werden üblicherweise Geoffrey Chaucer (1342-1400) 
zugeschrieben. 



467 


nicht ein Wort über das wahrlich großartige Werk dieses Genies 
schrieb. Man ist stark zu vermuten geneigt, dass das Kapitel von 
John Leland eine spätere Hinzufügung sein könnte. In jedem Fall 
dürfen die zukünftigen englischen Kultur- und Literaturhistoriker 
niemals die Frage vernachlässigen, wann diese "Erzählungen" ge¬ 
schrieben und gelesen wurden. Ich muss mich damit begnügen, dass 
das Buch unmöglich älter als die Tudorzeit (1485-1603) sein kann. 

In den "Canterbury Erzählungen" sind zahlreiche Zitate aus den Pau¬ 
lusbriefen enthalten. Manchmal wird "der Apostel" zitiert, manchmal 
"Paulus". In anderen Fällen wird überhaupt kein Name angegeben, 
sondern es werden Sätze in den Text eingepasst, die Sätzen in den 
Episteln entsprechen. Die detaillierte Untersuchung dessen überlasse 
ich meinen englischen Lesern. Sie werden feststellen, dass in vielen 
Passagen quellentechnisch kein Unterschied zwischen Paulus, Sene- 
ca oder Hieronymus und Anderen gemacht zu werden scheint so¬ 
wie, dass der Dichter, der zweifellos einer der gelehrtesten Männer 
seiner Zeit war, keinerlei chronologisches Zeitverständnis aufweist. 
Die alten römischen sowie sämtliche nachfolgenden Epochen schei¬ 
nen alle "in einen gemeinsamen Nebel" gehüllt; und ein jeder Schrei¬ 
ber scheint ihm zeitlich so nah wie alle anderen zu sein. Er interes¬ 
siert sich offensichtlich nicht für Datierungen und denkt lediglich in 
Mustern wie z.B. "vor langer Zeit" oder "in der Zeit der Alten". All 
das deutet darauf hin, worauf ich immer wieder bestehen musste, 
und zwar, dass das chronologische Geschichtsschema, das man uns 
gelehrt hat, unsere Phantasie dazu veranlasste, eine imaginäre zeitli¬ 
che Perspektive einzunehmen, die zwangsläufig relativ neueren Ur¬ 
sprungs sein muss (um das 16. Jahrhundert). 



468 


Eine andere Besonderheit an diesem bemerkenswerten Dichter ist 
seine völlige Freiheit von literarischem Aberglauben. Beim wieder¬ 
holten Lesen der "Erzählungen" ist mir nichts aufgefallen, das den 
Eindruck erweckt, er würde sich sklavisch an die Verwendung ir¬ 
gendwelcher von ihm gelesenen Wörter halten, sei es bei Paulus, ei¬ 
nem der Evangelisten oder einem anderen Apostel. Er behandelt die 
Autoren auf eine freie und locker-lächelnde Art und Weise, als halte 
er an dem Grundsatz fest, dass niemandes Name gutheißen kann, 
was nicht bereits seinem Wesen nach gut ist und dass jegliche Wör¬ 
ter, die an sich gut sind, genossen werden sollten, ganz unabhängig 
davon, welchem Autor sie zugeschrieben werden. 

Ich sehe ihn als einen der ersten Übersetzer der Bibel ins Englische 
an, in diesem Fall von Teilen der lateinischen Bibel. Möglicherweise 
stellt er auch ein kleines Kollektiv dar, denn ein solches schrieb spä¬ 
ter eine ähnliche Übersetzung unter dem Namen Wiclif. 

Wir finden hier etliche Hinweise auf die Aktualität der Bücher im 
Wissen der Welt. Vom Doktor der Medizin, der für ihn scheinbar ein 
Schatten von Thomas Linacre ist, schreibt er pointiert, dass die Bibel 
in seinem Studium nicht sonderlich behandelt wurde. Von Linacre 
heißt es, dass er das Neue Testament, obwohl er dem heiligen Stand 
angehörte, bis sein Ende nahte niemals gelesen hatte und dass er das 
Buch, nachdem er die Bergpredigt las, erbost von sich warf und da¬ 
bei ausrief, dass das, was er da gelesen hat, entweder nicht wahr ist 
oder wir keine Christen sind! 

Der aufmerksam Studierende, der die oberflächlichen Aussagen mo¬ 
derner, auf einer Reihe Fabeln basierender Handbücher zurückweist 



469 


und sich selbst mit der Materie befasst, wird zahlreiche Beweise da¬ 
für entdecken, dass die biblischen Bücher ihre Anerkennung zeit¬ 
gleich mit den Klassikern und den arabischen Wissenschaftsbüchern 
erlangten und dass sie die letzteren aufgrund des Einflusses der 
kirchlichen Institutionen hinsichtlich ihrer Popularität zu überwin¬ 
den vermochten. 

Bezüglich der angeblichen Wiclif-Übersetzung stelle ich fest, dass 
Wiclif eine rein mythische Person ist, die ersonnen wurde, um alle¬ 
gorische Erklärungen darzubringen und die Reformationsbewegung 
sowie die der Heiligen Schrift in England einzuleiten. Es begann ein¬ 
deutig in den Klöstern. Mir scheint es unmöglich, die Beweise dafür 
zu bestreiten, dass die geneigten Mönche unter dem Deckmantel der 
Anklage gegen die Boshaftigkeit des Erzketzers damit begannen, 
ihre Ideen sowohl hier als auch auf dem Kontinent zu verbreiten. 
Wann die Übersetzung tatsächlich angefertigt wurde, lässt sich nicht 
genau bestimmen. 

Es sind nur wenige Manuskript-Exemplare vorhanden. Das Vorwort 
zur autorisierten Version ignoriert Wiclif vollständig. Das Neue Tes¬ 
tament - mitsamt einer Darstellung der Entwicklung der englischen 
Übersetzungen - wurde erst 1731 von Rev. John Lewis veröffentlicht. 
Es werden "zwölf Paulusbriefe und sieben kleinere Episteln" aufge¬ 
führt. Die Übersetzung basiert auf der Vulgata (nicht auf der Griechi¬ 
schen), was ein weiterer Hinweis auf den Vorrang der Vulgata ist. 

Zum Wiclif-Mythos kann ich nur feststellen, dass es sich um ein jun¬ 
ges Gebräu aus dem Ende der Regierungszeit Heinrichs VIII. han¬ 
delt. Polydor gibt uns dazu eine Darstellung, der sein Zeitgenosse 



470 


John Leland pauschal und wütend widerspricht. Leland schreibt, er 
habe von den angeblich sehr zahlreichen lateinischen Wiclif-Büchern 
nur wenige zu sehen bekommen. Von seinen angeblichen Schriften 
in der Volkssprache schreibt er nicht, dass er auch nur ein einziges 
Exemplar zu Gesicht bekommen hätte. 

Nochmals: Es ist notwendig, einer Reihe von Geschichten zu wider¬ 
sprechen, die sich auf Tyndale, Coverdale und Lord Cromwell sowie 
auf die Einführung einer englischen Bibel während der Regierungs¬ 
zeit Heinrichs VIII. beziehen. Hinsichtlich der Anspielung der engli¬ 
schen Chronik auf den Namen Edmund Hall geben die lateinischen 
Schreiber keinerlei Anzeichen darauf, dass sie eine solche Person 
oder Geschichte kennen. Weiter bekunden sie auch nicht das ge¬ 
ringste Bewusstsein für die Existenz einer Übersetzung der Heiligen 
Schrift in die Volkssprache. 

Die Beweislage hinsichtlich der Existenz einer intellektuellen Kultur 
unter der breiten Masse ist äußerst armselig. Aus dem Lateinischen 
können nur wenige Texte auf der Kanzel wiedergegeben worden 
sein, wie wir an den Hugh Lahmer zugeschriebenen Predigten er¬ 
kennen können. 

So kommen wir nach all unseren Ausflügen zurück auf die Aussage 
über Dekan Colet und seinen Bezug zur Pauluskirche, den Paulus¬ 
briefen und der Paulusschule. Erneut kann ich meinen Lesern als Er¬ 
gebnis all meiner Untersuchungen versichern, dass es ihnen absolut 
unmöglich ist, das Wissen über Paulus in diesem Land über diese 
Zeit [das frühe 16. Jahrhundert] hinaus zurückzu verfolgen. 



471 


JSqntel X 

2>te Vulgata bejteljungetoetse öte 
latetntec^e 33tbel 


Die Fabel von "Hieronymus" und seinem Schaffen 

Es ist notwendig, noch etwas mehr über die Geschichte der Vulgata 
beziehungsweise des lateinischen Textes zu sagen, der neben dem 
Hebräischen der älteste unserer Texte ist. Sofern wir einigen maßgeb¬ 
lichen Datierungen Vertrauen schenken können, fällt die ganze Ge¬ 
schichte in das 16. Jahrhundert. 

Ich habe aufgezeigt, dass der kompletten aufgeblähten Geschichte 
über das Vorhandensein einer großen Anzahl alter lateinischer Ex¬ 
emplare durch die geringe Anzahl der tatsächlich entdeckten Manu¬ 
skripte widersprochen wird. Ebenso ist das Hieronymussche Ge¬ 
schichtssystem ein Gehirngespinst, welches zur Aufrechterhaltung 
der falschen Auffassung in den Köpfen der breiten Masse entwickelt 
wurde. Aufgrund der ausgeprägten bildungstechnischen Voreinge¬ 
nommenheit der Mehrheit meiner Leser dürfte es sinnvoll sein, zu 
diesem Punkt einige weitere Beweise anzuführen. 

Westcott über die Vulgata 

Den Schlüssel zum ganzen Mysterium lieferte mir Dr. Westcott, der 
heutige Bischof von Durham, gewissermaßen versehentlich, als er in 
einem Artikel über die Vulgata in Smiths "Dictionary of the Bible" 



472 


schrieb: "Die Gewalt und die Verbitterung von Hieronymus' Sprache 
ähneln eher der Sprache der rivalisierenden Gelehrten des 16. Jahr¬ 
hunderts als der eines christlichen Kirchenvaters". Westcott scheint 
darauf hinweisen zu wollen, wie ein "christlicher Kirchenvater" sein 
sollte! Was die Mönche anbelangt, die sich als "christliche Kirchenvä¬ 
ter" verkleiden, gibt es keinen unter ihnen, der so schreibt, wie es in 
einem beliebigen Zeitalter ein wahrer Ehrenmann tun würde. 

Fügen wir der angeblichen Datierung für Hieronymus etwa 1.100 
Jahre hinzu, so haben wir das Jahr 1492, womit wir nicht weit weg 
von der Zeit sind, in der die Zusammenarbeit dieser lateinischen Bi¬ 
belmänner tatsächlich begann. In dieser neuerlichen Romanze entde¬ 
cken wir den Plan, einen Papst (Damasus) zum Gönner der bibli¬ 
schen Männer zu machen. Bekanntlich heißt es von den Päpsten, 
dass sie im 16. Jahrhundert tatsächlich ihre Gönner waren. 

Vermeintlich "alte" und "neue" Lesungen werden von Fakten zu 
den gedruckten Bibeln widerlegt 

Wie wir gesehen haben, bestand ein weitere Plan darin, den falschen 
Eindruck zu erzeugen, dass eine große Anzahl lateinischer Texte in 
verschiedenen Teilen der Welt existierte und es eine "griechische 
Wahrheit beziehungsweise einen griechischen Ursprung" gab, auf 
welchen Bezug genommen werden musste. Wie wir gesehen haben, 
basiert das Griechische auf dem Lateinischen; und sowohl das vor¬ 
geblich alte als auch das neue überarbeitete Latein stellen das Hand¬ 
werk derselben Fraktion dar, die in der gleichen Zeitspanne auf die 
Errichtung eines Kanons hinarbeitete. Der freie künstlerische Um¬ 
gang ist die einzige Theorie, die alle Phänomene erklärt. 



473 


Wenn sie sagen, dass im Römerbrief 12:2 ihre neue Vulgata-Lesung, 
"Dienet dem Herrn", der alten lateinischen, "Dienet der Zeit", vorzu¬ 
ziehen sei; wenn sie im 1. Timotheus 5:19 die Worte "außer bei zwei 
oder drei Zeugen" hinzufügen; wenn sie im 1. Timotheus 1:15 
"menschliches Wort" durch "treues Wort" ersetzen, so sind dies na¬ 
türlich vorsätzliche Optimierungen eines anders entworfenen Origi¬ 
nals (Siehe Hieron., "Ep. Ad. Marcellam" u.s.w.). 

Aber die Veränderungen sind im Wesentlichen unbedeutend, wes¬ 
halb ich mich verwehre, bei ihnen zu verweilen als wären sie von 
grundsätzlicher Bedeutung. Westcott gibt zu, dass die angebliche Re¬ 
vision "voreilig und unvollkommen" sei und dass die Grenze zwi¬ 
schen den hieronymusschen und den alten Texten später "sehr ver¬ 
schwommen" wurde. Ich denke, die wahre Erklärung lautet, dass die 
Mönche bestrebt waren, ihre Arbeit zu erledigen und ihrer Fabel 
über alte Texte Farbe zu verleihen. In ihrer Hast haben sie den Betrug 
verraten, indem sie die Grenze zwischen dem angeblich "Alten" und 
dem angeblich "Neuen" nicht scharf genug gezogen haben. Beide 
sind reich an schlechtem Latein, jedoch gibt es Fälle, in denen das 
"Alte" die bessere Grammatik aufweist. 

Das kleine Drama, dass sich zwischen den beiden imaginären bibli¬ 
schen Männern "Hieronymus und Augustinus" abspielt, ist Teil des¬ 
selben Behelfsmittels. Es wird behauptet, dass die Öffentlichkeit ei¬ 
ner neuen Übersetzung abgeneigt war und "Augustinus" sich davon 
mitreißen ließ. Jedoch ließ man ihn sich dann "in völliger Unterwer¬ 
fung der verächtlichen und ungeduldigen Rüge des erfahrenen Ge¬ 
lehrten beugen"! Westcott hält dies für einen "rührenden Moment 



474 


der Demut"! 

In Wahrheit ist es jedoch lediglich ein widerliches Beispiel schelmi¬ 
scher Vortäuschungen. Man lässt Augustinus seinen "Itala Text" ge¬ 
genüber der "neuen Version" bevorzugen als wären sie wesentlich 
unterschiedlich. Das sind die Anstrengungen zur Aufblähung der 
Lügenblase zum Zweck der Aufrechterhaltung der Täuschung, der- 
gemäß die alten lateinischen Texte bei ihrer Wiederentdeckung 1.100 
Jahre alt waren und auf einigen noch älteren Texten basierten. 

Dann erfinden die Mönche eine weitere Fabel über Karl den Großen, 
Alkuin und ihre biblischen Arbeiten. Aber auch hier widersprechen 
sie den Tatsachen, denn die wenigen Manuskripte der angeblichen 
"Alkuin-Überarbeitung" zeigen den gleichen Text wie die angeblich 
älteren Exemplare. 

In diesem unmöglichen Geschichtssystem klafft nun eine immense 
Lücke von 600 bis 700 Jahren, während welcher man geringfügig am 
Text herumgebastelt haben soll. Die nächste Absurdität, mit der wir 
konfrontiert werden, ist jedoch die, dass im sogenannten "16. Jahr¬ 
hundert" beziehungsweise dem "Zeitalter der Veröffentlichungen", 
wie ich diese Zeit nenne, das Basteln und Korrigieren wieder von 
vorne begonnen haben soll. 

Nun ist es auf ein Neues meine mühsame aber unvermeidliche Auf¬ 
gabe, weiteren Fiktionen zu widersprechen. Wir kommen zu den ge¬ 
druckten Bibeln. Ich warne den gewöhnlichen Leser erneut vor den 
üblichen Aussagen der Handbücher. Die großartige Mazarin Vulgata 
soll das Werk der Mainzer Drucker Gutenberg und Fust sein. Die 



475 


Ausführung wurde von den späteren künstlerischen Bemühungen 
anderer Drucker niemals übertroffen. Das Werk ist undatiert. 

Welchen Schluss müssen wir daraus ziehen, dass uns eine große An¬ 
zahl undatierter Bücher erreicht hat? Sicherlich den, dass zum Zeit¬ 
punkt ihrer Drucklegung der Brauch einer Datierung nicht allgemein 
üblich war; und falls doch, kann eine Masse von Datumsangaben 
nicht echt sein, welche Manuskriptbüchern von angeblich enormem 
Alter zugeordnet wurden. Es wird geschätzt, dass diese prächtige 
Mazarin-Bibel aus dem Jahr 1455 stammt - nur zwei Jahre nach dem 
angeblichen Zeitpunkt der Errichtung der Mainzer Druckerpresse, 
der ersten in Europa! Wir sind zu glauben eingeladen, dass die 
Kunst zur Geburtsstunde der Druckerpresse in plötzlicher Pracht 
ausbrach. 

Erst kürzlich erläuterte William Morris in einem Vortrag, dass diese 
Kunst für etwa ein Jahrhundert (1453-1553) in ihrem vollen Glanz 
blühte und dann wieder verging. Dies ist eine der großen Illusionen 
unserer herkömmlichen Geschichte. Wie soll sich diese Theorie mit 
der uns bekannten Tatsache in Einklang bringen lassen, dass jeder 
Kunstzweig mit groben Anstrengungen beginnt und nur langsam 
mit unaufhörlichen Mühen zur Perfektion getrieben wird? 

Ich erachte diese Theorie aus verschiedenen Gründen als unmöglich. 
Den Ursprung dieser prächtigen Bücher, welche zur Stützung der 
Theorie angeführt werden, kann ich mir nur so erklären, dass sie we¬ 
sentlich jünger und vermutlich sogar sehr moderner Herkunft sind. 
Ich möchte hier also lediglich auf die Notwendigkeit aufmerksam 
machen, eine kritische Untersuchung der Geschichte der Kunst des 



476 


Druckes zu schreiben. 

Nach all den Geschichten über "Überarbeitungen und verschiedene 
Lesungen" möchte ich darauf hinweisen, dass die zuvor gedruckten 
Bibeln diese Erzählungen, indem sie sie einfach ignorieren, entschie¬ 
den widerlegen. 

Jimenez und die Alcala Polyglotte 

Kommen wir nun zum Namen Kardinal Francisco Jimenez, dessen 
Wirken auf die Zeit von 1502 bis 1517 datiert wird. Ich weiß nicht, ob 
diese Datierung korrekt ist. Jedenfalls enthält das Vorwort zur 
Complutensischen Polyglotte (Biblia poliglota complutense) neue 
Lügen. In diesem Dokument wird behauptet, dass für den Text eine 
"sehr große Anzahl" an Exemplaren von "großem und ehrwürdigem 
Alter" verglichen wurde, obwohl man zur Stützung dieser Aussage 
niemals auch nur den geringsten Beweis ins Feld führte. Des Weite¬ 
ren wird behauptet, dass hauptsächlich Manuskripte aus der Alcala- 
Bibliothek Verwendung fanden - über 800 Jahre alt; geschrieben in 
"gotischen Buchstaben" und in einem so reinen Zustand, dass sie 
nicht den geringsten Anflug eines Fehlers enthielten! Dies sind keine 
Übertreibungen. Diese Polyglotte ist lediglich eine Reihe grober Un¬ 
wahrheiten, die, wie ich hoffe, für meine Leser inzwischen offen¬ 
sichtlich sind. Wir entdecken in ihr lediglich die Unreinheit eines 
Textes, der angeblich auf reinen und perfekten Manuskripten basiert. 
Ich verweile noch immer bei dem Artikel von Westcott. 

Diese Bibel ist jedoch einer der entscheidenden Beweise für das latei¬ 
nische Original. Der lateinische Text hat den Ehrenplatz und wird 



477 


mit dem gekreuzigten Jesus zwischen zwei Dieben verglichen - dem 
griechischen und dem hebräischen! Wie konnte man es wagen, so et¬ 
was zu sagen, wenn man doch die 1.100 Jahre alten Ausführungen 
der angeblichen Kirchenväter über die "griechische Wahrheit und 
das griechische Original" kannte und respektierte? Wie können 
Westcott und andere Autoren derartige Geschichten unter einen Hut 
bringen? 

Stephens Ausgaben 

Kommen wir nun zu den Ausgaben von R. Stephens (1528-1532). Er 
soll für seine Arbeit nur drei Manuskripte "von hohem inhaltlichen 
Wert" sowie die früheren Ausgaben herangezogen haben. "Bis heute 
war das Material nicht frei zugänglich". Nach etwa 1.500 Jahren Chris¬ 
tentum noch immer nicht? Der Leser erkennt, wie der Betrug bei je¬ 
dem Schritt dieser Geschichte praktisch eingestanden wird. Ich den¬ 
ke, dass Westcott auch keine andere Erklärung für seine Darlegung 
liefern könnte, als jene, dass die Bibelherstellung mit der Stephens- 
Druckerpresse weiter voranschritt. 

Es gibt noch reichlich weitere Hinweise mit dem gleichen Ergebnis. 
Hier finden wir die Namen einer kleinen Gruppe von Gelehrten, die 
angeblich versuchten, das Wort Gottes zu korrigieren, bis hin zur 
Zusammenkunft des Konzils von Trient (1546). Der bekannteste von 
ihnen ist Erasmus. Wir wissen nichts von seinen lateinischen Ma¬ 
nuskripten; jedoch heißt es, dass sie nicht für die Veröffentlichung 
geeignet waren! Entsprechend den angegebenen Datierungen, 
scheint die Herstellung der lateinischen Manuskripte während der 
Jahre 1516-1540 vonstatten gegangen zu sein, wenn auch nicht gera- 



478 


de zügig. 

Stephens sollen für seine verbesserte Ausgabe von 1540 zwanzig Ma¬ 
nuskripte zur Verfügung gestanden haben. Bei diesen kann es sich 
definitiv nur um sehr junge Produktion gehandelt haben. Im Falle 
der Quellen zur Biblia Ordinaria, Lyon, 1545, kann es nicht anders 
ausgesehen haben, denn es ist nichts anderes bekannt. Das Ge¬ 
schwätz über alte und älteste Manuskripte wird fortgeführt; und je¬ 
dem weiteren Schritt widersprechen die Beweise der gedruckten 
Ausgaben dahingehend, dass in keinem von ihnen etwas von hohem 
Alter zu finden ist! 

Die Dekrete des Konzils von Trient weisen auf eine "alte Vulgata" 
hin, die zu der Zeit nicht existierte 

Nun zu den Dekreten des Konzils von Trient, von denen das erste 
auf den 13. Dezember 1545 datiert ist. 

Beim Lesen des zweiten Dekrets stellen wir fest, dass die Kirchenvä¬ 
ter den Inhalt lateinischer Bibeln integrierten. Es wird der gesegnete 
Apostel Jakobus zitiert. Weiter sind mehrere paulinische Sätze in den 
Text eingebettet, jedoch ohne Anspielung auf ihre Quellen und ohne 
Verweis auf den Apostel. Einer der besten Wege zum Verständnis 
des Ganzen ist es, die Aussprüche Paulus' farbig zu markieren. Auf 
diese Weise stellen wir recht schnell fest, wie vollumfänglich die Kir¬ 
chenväter den Geist Paulus' aufgesogen haben beziehungsweise, 
dass Paulus schlichtweg das Sprachrohr der katholischen Kirche ist. 


Wir erkennen erneut, wie sehr die "Pastoralbriefe" zum Zwecke der 



479 


kirchlichen Zucht verfasst wurden. Unterdessen hält man sich aber 
nicht strikt an die Episteln. Die Väter sagen: "Es soll aber ein Bischof 
unsträflich sein, nüchtern, mäßig, sittig, der seinem eigenen Hause 
wohl vorstehe". Im 1. Timotheus 3:1-4 gibt es jedoch noch den wich¬ 
tigen Zusatz "eines Weibes Mann" sowie Anderes. 

Ohne es zu erwähnen, zitiert das Dekret über das Glau¬ 
bensbekenntnis den Apostel in der nächsten Sitzung mit den Worten: 
"Der Kampf richtet sich nicht wider Fleisch und Blut, sondern wider 
die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Regionen" 
(Epheser 6:12). 

Das Glaubensbekenntnis wird in Übereinstimmung mit den Versen 
16 und 17 desselben Kapitels beschrieben: "Nehmet den Schild des 
Glaubens, mit welchem ihr alle feurigen Pfeile des Bösewichts auslö¬ 
schen könnet. Und nehmet den Helm des Heils und das Schwert des 
Geistes, nämlich das Wort Gottes." Dann wird das volle Bekenntnis 
(das sogenannte "nicänische") rezitiert. Das gesamte kirchliche Lite¬ 
ratursystem wurde zweifellos auf dem Fundament des Glaubensbe¬ 
kenntnisses errichtet. Jede Angabe verdeutlicht, dass es sich dabei le¬ 
diglich um ein jüngeres Werk monastisch-theologischer Kunst han¬ 
delt - ein Gebilde rein dogmatischer Lehrsätze. (Unsere Quelle ist der 
als "Rufinus" getarnte Benediktiner. Polydor gibt an, es handele sich 
bei dieser Quelle lediglich um eine Zusammenstellung der Auffas¬ 
sungen, welche die Apostel oder Kirchenväter von Gott haben - eine 
Allegorie des Runden Tisches.) 

Im nächsten Dekret über den Bibelkanon wird mutig behauptet, dass 
"unser Herr Jesus Christus das Evangelium zuerst durch seinen eige- 



480 


nen Mund, dann durch seine Apostel als Quell jeglicher heilsamer 
Wahrheit und Tugendhaftigkeit verkündet und gebot, es jeder Krea¬ 
tur zu predigen." Es wird versichert, dass diese Wahrheit in "ge¬ 
schriebenen Büchern und ungeschriebenen Überlieferungen enthal¬ 
ten ist und dass sie so, wie sie den Aposteln auf Geheiß des heiligen 
Geistes aus dem Mund Christi selbst überliefert wurde, auch bis zu 
uns gekommen ist." 

Dann wird das Beispiel der "orthodoxen Kirchenväter" zitiert und 
eine Auflistung der heiligen Bücher angeführt, darunter vierzehn 
Paulusbriefe, in der Reihenfolge, in der sie uns vorliegen. Es wird 
darauf verwiesen, die Bücher in ihrer Reinheit und Vollständigkeit in 
der "lateinischen Ausgabe der alten Vulgata" zu lesen. 

Im Dekret über die Ausgabe und die Verwendung der Heiligen Bü¬ 
cher bekundet der Rat, dass hinsichtlich "aller lateinischen Ausga¬ 
ben, die jetzt im Umlauf sind", unterschieden werden muss, welche 
authentisch sind. Der Rat erklärt daher, dass "diese alte Vulgata-Aus¬ 
gabe, die in der Kirche seit langem in Gebrauch und bereits so lange an¬ 
erkannt ist, in öffentlichen Lesungen, Debatten, Predigten und Messen als 
authentisch bestimmt werden soll. Niemand darf es unter irgendeinem Vor¬ 
wand wagen, sie abzulehnen". 

Diese "alte Vulgata Ausgabe" soll fortan so sorgfältig wie möglich ge¬ 
druckt werden. Zu heiligen Belangen darf fortan kein Buch mehr 
ohne die Namen der Autoren gedruckt werden. 

So schreiben die Väter von Trient mit ihrem willkürlichen Dekret Ge¬ 
schichte für die Gläubigen, in welcher sie - im Namen der katholi- 



481 


sehen Kirche und ihrer Literatur, die ich als Zusammenarbeit der 
Mönche zu erkennen gegeben habe - all diese Ansprüche an die An¬ 
tike knüpfen, wenn auch in vager und unbestimmter Weise. 

Hier heißt es (wie Bellarmine erklärt), dass diese sogenannte "alte 
Vulgata", die bereits seit vielen Jahrhunderten verwendet wird, "jün¬ 
geren" und "rohen Ausgaben" vorzuziehen ist. Wie konnten sie roh 
sein, wenn die Gläubigen diese "alte Vulgata" doch überall zur Hand 
hatten? Der Gedanke ist unsinnig und damit fällt die ganze Ge¬ 
schichte. 

Mit alldem erweist sich diese "alte Vulgata" als mythisch. Wir sind 
keineswegs erstaunt über das von Westcott geäußerte "Fehlen eines 
Standardtexts der Vulgata". Auch er "lässt die Frage so unbeantwor¬ 
tet, wie sie es zuvor war"! Sie stellt also ein weiteres Rätsel der Ge¬ 
schichte dar! Der Leser könnte sich fragen, wie die Väter von Trient 
es wagen konnten, sich auf ein lateinisches Buch zu beziehen, das 
damals noch nicht existierte. Trotz des Wunsches, ein befriedigendes 
historisches Eckdatum zu finden, ist es unmöglich, den Verdacht zu 
verdrängen, den diese vorgeblichen Dekrete zwangsläufig aufwer¬ 
fen. Sind sie zu nachträglich ? 

Es wird bekundet, dass die Bibelherstellung in den Niederlanden 
voran geht, jedoch vergeht beinahe eine Generation bis die Antwer- 
pener Ausgabe von 1573-74 als vorübergehender "Ersatz" für die Tri- 
dentinische Ausgabe erscheint, mit welcher es noch immer nicht vor¬ 
anging. Westcott schreibt, dass die "Empfehlungen des Rates nicht 
umgesetzt wurden". Dies ist allerdings eine falsche Darstellung. Die 
Dekrete legen keinesfalls einer Gruppe von gelehrten Männern nahe. 



482 


sich darauf zu konzentrieren, eine Vulgata-Bibel zu definieren oder 
eine zu gestalten. Sie bestimmen ausdrücklich ein Buch, von dem sie 
behaupten, dass es bereits seit "Zeitaltern" existiert. 1585, als die Vä¬ 
ter größtenteils verstorben waren, bringt Papst Sixtus V. seine Empö¬ 
rung darüber zum Ausdruck, dass das Dekret noch immer nicht um¬ 
gesetzt wurde! Das ist es auch bis zum heutigen Tage nicht! 

Die Sixtinischen und Clementinischen Vulgata-Ausgaben 

Wo können wir unseren autorisierten Text der Paulusbriefe finden? 
Es war 1590 (so wird uns erzählt), als die Sixtinische Ausgabe veröf¬ 
fentlicht wurde. In dieser lesen wir, der Heilige Vater hätte durch die 
Fülle seiner apostolischen Macht und aus seinem unanzweifelbaren 
Wissen heraus verordnet und erklärt, dass diese lateinische Ausgabe 
des Alten und Neuen Testaments, die vom Tridentinischen Konzil als 
authentisch angenommen wurde, "ohne Zögern oder Debattieren als 
die Einzige anzunehmen sei und nun in der vatikanischen Druckpres¬ 
se erzeugt und herausgegeben wird, auf dass sie in der ganzen 
christlichen Republik gelesen werden kann" u.s.w.. 

Laut der nächsten Geschichte dieses merkwürdigen Komplexes hat 
Papst Sixtus die Bücher überstürzt und hastig unangemessen ergänzt 
und damit die ganze Kirche in große Gefahr gebracht. Dann folgt der 
fromme Betrug, der all diesem Unsinn zugrunde liegt. Kardinal Bel¬ 
larmine schlug vor, die Sixtinischen Fehler zu korrigieren und sie 
den Druckern anzulasten. Die Revision sollte Sixtus zugeschrieben 
werden. Westcott schreibt, dass "dieser fromme Betrug" oder eher 
"diese gewagte Lüge, denn anders kann man es nicht beschreiben, 
die Gunst der Mächtigen fand." Er stellt fest, dass die auf Sixtus be- 



483 


zogene Erdichtung das Bild der römischen Vulgata beschämt. Wir 
sind nun im Jahr 1592 bei der Clementinischen Ausgabe angekom¬ 
men, die ebenfalls überarbeitet werden musste. 

Ich gehe davon aus, dass all diese Geschichten mit der ausdrückli¬ 
chen Absicht erschienen sind, den Geist der Gläubigen über die Hei¬ 
ligen Schriften in Spannung zu halten. Sie dürfen mit keiner Ausgabe 
und keiner Datierung zur Ruhe kommen. Man hinterlässt so dein 
Eindruck, dass bei allen Bibeln etwas nicht stimmt. Wenn wir jedoch 
die Fakten betrachten, so stellen wir fest, dass es die reinste Pedante¬ 
rie ist, so zu tun als gäbe es einen wichtigen Sinnunterschied zwi¬ 
schen dieser oder jener Ausgabe. 

Es ist schwer, aus einem solchen Lügensystem irgendeine Wahrheit 
herauszuarbeiten, jedoch sehe ich mich zu folgern gezwungen, dass, 
wenn 1545 ein Konzil in Trient abgehalten wurde, dies ein geheimes 
Konklave gewesen sein muss, dessen Ziel es war, die Zucht einer 
entstehenden Kirche zu gewährleisten. Eine so große Anzahl von Bi¬ 
schöfen und Kirchenlehrern könnte sich niemals treffen und ein De¬ 
kret beschließen und vor der ganzen Welt veröffentlichen, das sich 
auf ein Buch bezieht, das "viele Jahrhunderte Bestand hat", jedoch 
noch nicht definiert werden konnte! Diese anbetrachts der zuvor ge¬ 
nannten Tatsachen schlichtweg albernen Dekrete sowie die Bestim¬ 
mung der Vulgata durch Sixtus V. scheinen eine Fiktion aus Sixtus' 
Zeit zu sein. Es treten im Zusammenhang mit Pater Pauls Geschichte 
des Konzils von Trient, die eine solche Ansicht bestätigen könnte, 
merkwürdige Dinge zu Tage. 


Doch auch mittels des autorisierten Pater Paul können wir die Frage 



484 


der römischen Vulgata keineswegs ruhen lassen. Nach etwa einem 
Jahrhundert kommt erneut Verwirrung auf; diesmal mit den Bene¬ 
diktinern von Saint-Maur, den Erben des "Hieronymus" und dessen 
kompletter Sippe "Berühmter Männer". Martianay, Vallarsi, Sabatier 
u.s.w. waren allesamt Mönche, Verteidiger von Hieronymus und Ur¬ 
heber dieser albernen "verschiedenen Lesungen". Nach etwa einem 
weiteren Jahrhundert gelangen wir in unsere eigene Zeit und zur an¬ 
geblichen Enthüllung "der Originalfassung der Revision der Sixtini¬ 
schen Korrektoren". Ein weiteres pedantisches Monument ist das 
Werk von Vercellone über die Vulgata. 

Ich habe mich mit diesen Details auseinandergesetzt, um damit auf¬ 
zuzeigen, wie müßig die Ansicht derjenigen ist, die glauben, sie 
könnten die literarische Geschichte dieser späteren Epochen über¬ 
springen, somit schnell durch ein weites Feld des "Mittelalters" 
schreiten und es sich mit "Hieronymus" oder einem seiner imagi¬ 
nären "Berühmten Männer" gemütlich machen. Ich wünsche auch zu 
veranschaulichen, wie gemäßigt die von mir verkündete Überzeu¬ 
gung ist, dergemäß die Paulusbriefe in keinerlei Form weiter zurück 
als bis zu Heinrich VIII. und Martin Luther verfolgt werden können. 
In welcher Form sie zu dieser Zeit existierten, kann nun nicht mehr 
festgestellt werden. Die Bezeugungen der Autoritäten der römischen 
Kirche sind nicht außer Acht zu lassen. Von ihren Widersprüchen be¬ 
freit, sagen sie aus, dass sie bereits 1546 keine alte Vulgata anerkann¬ 
ten und die Vulgata, die als uralt betrachtet werden soll, heute (1894) 
etwa 300 Jahre alt ist! 

Ich wiederhole: Die kritische Geschichte der autorisierten lateini¬ 
schen Bibel ist Teil der kritischen Geschichte der Literaten des Or- 



485 


dens des Heiligen Benedikt. Sie zerfällt in zwei Zweige: Der eine be¬ 
zieht sich auf die älteren Benediktiner, also auf die des 16. Jahrhun¬ 
derts; der andere auf die Benediktiner von Saint-Maur aus dem 17. 
und 18. Jahrhundert, die ihre Gründung auf 1618 datieren und die 
großen Konservatoren und Verteidiger des Systems sind. 

Wenn wir annehmen, dass die Mönche vor etwa 400 Jahren mit der 
Zusammenstellung der Lesungen für das Gottesdienst-Buch begon¬ 
nen haben, dann können wir uns nur schwer vorstellen, was sie wäh¬ 
rend beinahe eines ganzen Jahrhunderts vor der Produktion der Six¬ 
tinischen und Clementinischen Texte getan haben könnten. Sofern 
der Zeitpunkt 1533 verlässlich ist, beginnt ihr System ungefähr zu 
dieser Zeit, der Welt bekannt zu werden. Die nachfolgende Generati¬ 
on scheint im fieberhaften Eifer tätig gewesen zu sein. Eine riesige 
Menge der angeblich frühen Schriften muss aus dem 17. und mögli¬ 
cherweise dem 18. Jahrhundert stammen. Die lateinische Literatur¬ 
geschichte des Ordens trägt die Datierung 1753. Während des langen 
Zeitraums von 200 Jahren gab es somit reichlich Raum für die Kon¬ 
struktion dieser riesigen Literatur, die auf dem Glaubensbekenntnis 
basiert, von dem so oft mit verblüffter und ignoranter Bewunderung 
gesprochen wird. So werden die Menschen zwangsläufig von Um¬ 
fang, Masse und Systematik der Architektur und der Literatur beein¬ 
druckt. Es ist zweifellos ein beeindruckendes Denkmal des Fleißes, 
Ehrgeizes, Unternehmungsgeistes und Eifers für eine Idee, das von 
einer Anzahl disziplinierter und kämpferischer Schreiberlinge errich¬ 
tet wurde. Jedoch sollte unsere Bewunderung an diesem Punkt en¬ 
den, denn es ist gleichzeitig ein enormes Denkmal der menschlichen 
Neigung zu täuschen und getäuscht zu werden. 



486 



487 


«apttel XI 

Paulu« al« fat&oKsc&er 2tpo«tel unö 
0ptac^tol)t De« tatj)oltsd)en ©ogmas 


Beweise aus den Dekreten von Trient 

Nach den vorherigen Erläuterungen wird der aufrichtige Leser auf 
die Schlussfolgerung vorbereitet sein, dass die katholische Kirche 
zur Zeit des Konzils von Trient (1546) oder der Zeit der Verabschie¬ 
dung der Dekrete eine vergleichsweise neuerliche Institution war 
und dass die Dekrete, obwohl sie nominell größtenteils auf der pau- 
linischen Lehre beruhen, in Wirklichkeit die Bekundung der Auffas¬ 
sungen der Kirchenväter darstellt (durch das Sprachrohr der mön¬ 
chischen Schöpfung). Während sie häufig unterstellen, seine Jünger 
zu sein, sind die Kirchenväter jedoch tatsächlich des Paulus wahre 
Meister. 

Sie oder ihre unmittelbaren Vorgänger haben ihn sagen lassen, dass 
das christliche Volk nicht "von jedem Wind der Lehre umhergewor¬ 
fen und herumgetrieben" (Epheser 4:14) werden soll und es der ka¬ 
tholische Glaube sei, "ohne den es unmöglich ist, Gott wohlzugefal¬ 
len" (Hebräer 11:6). Man vergleiche dazu das Glaubensbekenntnis im 
Epheser 4:4-6. 

Sie sind es, die ihn ihre Lehre von der Erbsünde lehren lassen (Rö¬ 
mer 5:12) und dann ein Anathema (Kirchenbann) gegen alle einlei¬ 
ten, die es wagen sollten, dem zu widersprechen. Sie sind es, die mit- 



488 


tels des paulinischen Orakels darauf bestehen, dass das einzige Heil¬ 
mittel im Verdienst des Mittlers liegt, der uns durch sein Blut mit 
Gott versöhnte (1. Timotheus 2:5, Kolosser 2) und uns Gerechtigkeit, 
Heiligung und Erlösung verschaffte (1. Korinther 1:30). Sie sind es, 
die Paulus behaupten lassen, dass dieser Verdienst durch die Taufe 
auf Erwachsene und Kinder übertragen wird: "Denn wie viel euer 
auf Christum getauft sind, die haben Christum angezogen" (Galater 
3:27). Ihn lassen sie die Waschung der Wiedergeburt befürworten 
(Titus 3:5). 

Um aufzuzeigen, wie die paulinischen Worte für den dogmatischen 
Zweck frei verändert oder kombiniert wurden: Die Väter sagen: "So 
gibt es nun keine Verdammnis mehr für die, welche in Christus Jesus 
sind. Wir sind also mit ihm begraben worden durch die Taufe auf 
den Tod. Lüget nicht untereinander; zieht den alten Menschen mit 
seinen Werken aus und ziehet den neuen an, der da erneuert wird 
zur Erkenntnis nach dem Ebenbilde dessen, der ihn geschaffen hat. 
Von ihnen wurde die Schuld genommen; sie sind untadelig, rein, 
harmlos und von Gott geliebt; so sind's auch Erben Gottes durch 
Christum." Dies ist ein Cento aus paulinischen Sätzen, die an ver¬ 
schiedenen Stellen verstreut zu finden sind. (Römer 8:1; 6:4 Kolosser 
3:9, Epheser 4:7, Galater 3) 

Der Geist Paulus' stellt den Geist der orthodoxen Väter dar 

Um den wahren Geist Paulus' erkennen zu können, müssen wir uns 
an den Geist der tridentinischen Väter richten. Sie scheinen sogar 
entschlossen, ihren Paulus zu korrigieren. Zur Lüsternheit sagen sie, 
dass sie im Getauften bleibt. Es wird jedoch zugegeben, dass der 



489 


Apostel diese Lüsternheit gelegentlich als Sünde bezeichnet (Römer 
6:12). Doch die heilige Synode bestreitet, dass der Wiedergeborene 
tatsächlich noch immer die Sünde in sich birgt. Es wird jedoch etwas 
von "Sünde und Neigung zur Sünde" erwähnt - ein feiner Unter¬ 
schied. 

Zur Frage der Vergebung, lassen die Väter Paulus sagen, dass alle 
Menschen durch den Sündenfall Adams ihre Unschuld verloren ha¬ 
ben und von Natur aus "Kinder des Zorns" sind. Einmal mehr schie¬ 
ben sie Paulus ihr eigenes Dekret unter. Die Menschen waren "Skla¬ 
ven der Sünde sowie der Macht des Teufels und des Todes unter¬ 
worfen" (siehe 1. Korinther 15, Römer 5, Epheser 2, Römer 3 und 6). 

Für den von der Analyse der Episteln Verblüfften liest sich im Dekret 
alles flüssig. Hier ist ein kurzer aus paulinischen Sätzen gebildeter 
Abschnitt, der erneut aufzeigt, dass die orthodoxen Väter den Kom¬ 
ponisten dieser Sätze sehr nahe waren: 

"Es geschah, dass der himmlische Vater, der Vater der Barm¬ 
herzigkeit und Gott allen Trostes, als die segensreiche Zeit an¬ 
brach, den Menschen seinen Sohn Jesus Christus sandte, der 
sowohl vor dem Gesetz als auch zur Zeit des Gesetzes verkün¬ 
det und vielen heiligen Vätern versprochen wurde, damit er 
beide erlöse; die Juden, die unter dem Gesetz standen sowie 
auch die Heiden, die nicht nach Gerechtigkeit strebten, um sie 
zur Gerechtigkeit zu führen; auf dass sie alle das Recht der 
Söhne empfangen. Ihn hat Gott zum Sühneopfer verordnet, 
durch sein Blut, für alle, die glauben, doch nicht einzig für die 
Unsrigen, sondern auch für die der ganzen Welt". 



490 


Dies ist eine zusammenhängende Aneinanderreihung verschiedener 
Aussagen; doch der Versuch, Paulus all dies an verschiedenen Orten 
sagen zu lassen, hat die Obskurität und Inkohärenz der Episteln ver¬ 
ursacht. Die Sätze wurden verteilt auf: 2. Korinther; Galater 4; Römer 
9, 3 und 5; Kolosser 2; 1. Timotheus 2 und 2. Timotheus 1. 

Er ist das Sprachrohr ihres Dogmas der Wiedergeburt und Ge- 
rechtwerdung 

Die Gerechten sind Diejenigen, denen das Verdienst der Passion 
Christi mitgeteilt wird - also die Wiedergeborenen. Paulus soll uns 
auffordern, dem Vater gegenüber dankbar zu sein (Kolosser 1). Es ist 
das Übersetzen aus dem Zustand, in dem der Mensch als Kind 
Adams geboren wurde, in den Zustand der Gnade und der Annah¬ 
me als Söhne Gottes durch den zweiten Adam, Jesus Christus; siehe 
Galater 4, Titus 3. Dieses Übersetzen kann nach der Verkündigung 
des Evangeliums jedoch nur durch die Waschung der Wiedergeburt 
erfolgen. 

Dem Leser der Dekrete werden verschiedene Nebensächlichkeiten 
auffallen, welche meine Behauptung illustrieren, dass es der katholi¬ 
sche Klerus ist, der Paulus hervorgebracht hat, nicht andersherum. 
Die Väter von Trient werden so dargestellt, als hätten sie wie Paulus 
geschrieben, jedoch ohne sklavisch von einer bekannten Paulus-Aus¬ 
gabe abzukupfern. Sie schreiben: 

"Den Glauben durch Hören empfangend, werden die Men¬ 
schen frei zu Gott bewegt, glaubend an die Dinge, die göttlich 



491 


offenbart und verhießen wurden; und dies zuallererst, da die 
Gottlosen durch seine Gnade gerecht werden, durch die Erlö¬ 
sung, die in Jesus Christus ist; und während sie verstehen, 
dass sie Sünder sind, werden sie aus Angst vor der göttlichen 
Gerechtigkeit, durch die sie sinnvoll erschüttert werden, und 
indem sie sich der Barmherzigkeit Gottes zuwenden, zu Hoff¬ 
nung und Vertrauen geführt, dass Gott gnädig sein wird, um 
sie für Christus zu gewinnen." 

Ihre Klarheit kontrastiert die paulinischen Verschleierung 

All dies, in klarem Latein daherkommend, ist der trüben Rhetorik 
des Römerbriefes unvergleichlich überlegen. Welche Pracht diese 
sentimentale Theologie doch birgt (und ich bin der Letzte, der dies 
leugnet); verzückt sie doch unseren Geist mit all ihrer Süße. Hören 
wir uns einmal diese beredten Worte an: 

"Vergebung bedeutet nicht nur den Erlass von Sünden, son¬ 
dern auch die Heiligung und Erneuerung des inneren Men¬ 
schen durch die freiwillige Annahme von Gnade und Gaben. 
So wird der Unrechte Mensch gerecht und vom Feind zum 
Freund, damit er das Erbe, welches die Hoffnung auf ein ewi¬ 
ges Leben birgt, anzutreten vermag. Die Gründe für diese 
Gnade sind die endgültige Herrlichkeit Gottes und Christi so¬ 
wie ewiges Leben, verliehen durch den fähigen, den barmher¬ 
zigen Gott, der frei durch sein Siegel rein wäscht, heiligt und 
durch den Heiligen Geist der Verheißung salbt, der das Ver¬ 
sprechen unseres Erbes ist. Der verdienstvolle Grund ist sein 
meist geliebter Alleingeborener, unser Herr Jesus Christus, 



492 


der, als wir Feinde waren, mittels seiner überragenden Nächs¬ 
tenliebe, mit der er uns geliebt hat, durch seine heiligste Passi¬ 
on am Holz des Kreuzes uns die Vergebung verdient und den 
Gottvater für uns befriedet hat. Der maßgebliche Grund ist 
das Sakrament der Taufe, ohne das niemand Vergebung erlan¬ 
gen kann. Und letztlich ist die einzige und feierliche Ursache 
die Gerechtigkeit Gottes, nicht seine eigene Gerechtigkeit, son¬ 
dern der Akt, mit dem er uns gerecht macht, mit dem er uns 
die Erneuerung unseres Geistes stiftet; nicht nur zum Schein, 
sondern namentlich und wahrlich gerecht, erlangen wir innere 
Vergebung; jeder in dem Maße, das der Heilige Geist einem Je¬ 
den gemäß der jeweiligen Gemütsart und Mitwirkung willent¬ 
lich zuteilt." 

Nun vergleiche der Leser diese paulinischen Echos mit einigen Aus¬ 
sprüchen in Titus 3 und 1, Korinther 6, Epheser 1 und 2, Römer 5 
und 4, Hebräer 10, 1. Korinther 12 und Epheser 4. Er wird erkennen, 
wie unmöglich die Theorie doch ist, dass die orthodoxen Kirchenvä¬ 
ter ihre eloquenten und logischen Aussagen aus diesen verstreuten 
Sätzen hätten ableiten können. 

Im selben Abschnitt sagen die Kirchenväter: 

"Sofern er nicht um Hoffnung und Nächstenliebe ergänzt 
wird, verbindet sich der Glaube weder perfekt mit Christus, 
noch schafft er ein lebendiges Mitglied seiner Gemeinschaft, 
aus welchem Grund es wahrhaftig heißt, dass der Glaube ohne 
Werke tot und untätig ist und 'in Christus Jesus weder die Be¬ 
schneidung noch das Unbeschnittensein etwas gilt, sondern 



493 


nur der Glaube, der durch Nächstenliebe wirksam ist' 

Entscheidend ist hier, dass die Väter nicht den Apostel Jakobus (Ja¬ 
kobus 2) und Paulus (Galater 5 und 6) zitieren. Sie sind selbst die 
Apostel und liefern uns ihren apostolischen Geist, der sowohl Paulus 
als auch Jakobus umfasst. 

Der Römerbrief wurde von Römern für römische Zwecke geschrie¬ 
ben; und sie allein können uns mitteilen, was Paulus wirklich meint 
und was die Ketzer ihn fälschlicherweise meinen lassen. Es wird ein¬ 
deutig geleugnet, dass der Apostel meint, die Vergebung sei gratis - 
frei (Römer 3 und 4): Diese Sünden werden jedem vergeben, der die 
bloße Zuversicht und Gewissheit hat, dass sie solche sind und darauf 
beharrt. Es ist eine "vergebliche Zuversicht fern aller Frömmigkeit", 
davon auszugehen, dass wir die Gnade Gottes erworben haben. Eini¬ 
ge solcher bangenden Zweifel werden in den paulinischen Schriften 
angedeutet. 

Diese paulinischen Kirchenväter verbannen Jeden, der zu behaupten 
wagt, dass ein Mann durch seine Taten oder Werke gerecht ist, wel¬ 
che der menschlichen Natur oder den Gesetzmäßigkeiten entspre¬ 
chen. Sie oder ihre unmittelbaren Vorgänger haben das Orakel Pau¬ 
lus dies verkünden lassen (Römer 3; 1. Korinther 15). 

Sie haben dasselbe Orakel sagen lassen, dass der Mensch nicht ohne 
die verdienstvolle Gerechtigkeit Christi gerecht werden kann (Gala¬ 
ter 2 und 5, Epheser 1 und 4). 


Und ein weiteres mal verbannen sie alle, die behaupten, dass die 



494 


Menschen allein durch die Hoffnung der Gerechtigkeit Christi oder 
unter Ausschluss der Gnade und Nächstenliebe allein durch die Ver¬ 
gebung der Sünden gerecht sind, die vom Heiligen Geist in ihre Her¬ 
zen ausgegossen wurde und ihnen innewohnt (Römer 5:5). 

Kurz gesagt: Die guten Väter von Trient (1546) können mittels Pau¬ 
lus die Verdammung all unserer armseligen protestantischen Auffas¬ 
sungen beweisen. Sie schlagen alle in Bann, die behaupten, dass es 
keine Todsünde außer dem Unglauben gibt oder dass durch keine 
andere Sünde, egal wie gewaltig, die einmal empfangene Gnade ver¬ 
loren gehen kann. 

Paulus lehrt ihr Dogma der Ehe 

Nun schauen wir uns an, wie die Väter von Trient einen weiteren 
Aspekt der Paulusfrage behandelt haben. Allen meinen Lesern ist be¬ 
wusst, dass die Ehefrage zu paulinischer und lutherischer Zeit eine 
brennende war. Was lassen die Väter von Trient ihren Paulus dazu 
sagen oder was ist ihre Annahme hinsichtlich Paulus' diesbezügli¬ 
cher Position? Sie verkünden uns mittels der Autorität ihres jü¬ 
dischen Apostels (Epheser ab 5:22), dass das Band der Ehe ewig und 
unauflöslich ist und dass der Apostel Paulus auf die Gnade hinweist, 
die die natürliche Liebe heiligt, wenn er bekundet: "Ihr Männer, lie¬ 
bet eure Weiber, gleichwie Christus auch geliebt hat die Kirche und 
hat sich selbst für sie gegeben"; und wenn er hinzufügt: "Dies ist ein 
großes Sakrament; aber ich spreche im Namen Christi und der Kir¬ 
che". 


Kurz gesagt, wird Paulus nicht minder als Christus zum Sprachrohr 



495 


des Dogmas gemacht; und die Ehe ist eines der sieben Sakramente 
des Gesetzes des Evangeliums. Wenn jemand meint, dass die Kirche 
im Irrtum ist, wenn sie feststellt, dass sowohl das Evangelium als 
auch der Apostel (1. Korinther 7:27) lehren, dass das Band der Ehe 
nicht aufgrund des Ehebruchs eines der beiden Ehepartner aufgelöst 
werden kann, dann sei er zu verdammen! 

Die Väter von Trient teilen uns mit, dass die lutherische Erlaubnis 
nach den Worten von Luthers Lieblingsapostel eindeutig verdammt 
wird. 

"Derjenige sei verdammt, der sagt, dass Jedermann, der die Keusch¬ 
heit nicht als Segnung empfindet, die Ehe eingehen kann, selbst 
wenn er einen Schwur abgelegt hat. Jedoch ist Gott den wahrhaft 
Strebsamen treu; und er lässt sie nicht mehr erleiden als sie zu ertra¬ 
gen fähig sind". Man vergleiche dazu unseren guten Paulus im 1. Ko¬ 
rinther 10:13, wo das Geschriebene in einem anderen Zusammen¬ 
hang steht. 

Wenn jemand zu behaupten wagt, dass der eheliche Zustand dem 
der Jungfräulichkeit oder des Zölibats vorzuziehen sei und dass es 
nicht besser und gesegneter wäre, in der Jungfräulichkeit oder im 
Zölibat zu verbleiben als in der Ehe verbunden zu sein, so möge er 
verdammt sein! Na sicher; siehe erneut Paulus im 1. Korinther 7:8-38. 

Um es meinen intelligenten Lesern zu ermöglichen, den Pfad der 
Wahrheit selbst weiter zu verfolgen, habe ich wohl ausreichend Ver¬ 
anschaulichungsmaterial zu den Dekreten des Konzils von Trient 
(1546) geliefert. Ich selbst schreibe als Protestant der Protestanten 



496 


und bin mit den katholischen Vätern in keinerlei Zwist verwickelt. 
Ich stelle meinen Mitbrüdern sowie den deutschen, französischen, 
niederländischen, englischen und amerikanischen Kritikern meiner 
Zeit folgende Frage: Wieso habt ihr bei der Erklärung dieser schwer 
verständlichen Episteln alle versagt, obgleich die Väter von Trient 
vor so langer Zeit einen einfachen Generalschlüssel für ihre Be¬ 
deutung einsetzten? Seltsam, sehr seltsam! 

Bis eine bessere Antwort auf diese Frage zu Tage tritt, gebe ich auf je¬ 
der Seite dieser Abhandlung meine eigene preis; und die lautet fol¬ 
gendermaßen: Paulus ist der Götze oder das Ideal der katholischen 
Kirche - ganz gleich ob Augustiner, Lutheraner oder Calvinisten. 
Wir könnten hier jede mögliche christliche Sekte anführen. Sie kom¬ 
men weder ohne Paulus aus, noch mit ihm. Ihr Protestanten gesteht 
ein, dass von Euch datierungstechnisch niemand älter als 400 Jahre 
ist; und ich sage Euch, dass Mutter Kirche ihren paulinischen Götzen 
vollendet hat, nicht lange bevor Ihr begonnen habt. Euch mit ihm zu 
befassen und seine Eigenschaften anzupassen, wie ihr es immer und 
immer wieder getan habt. 

Ich komme nicht umhin, noch etwas aus dem kleinen Lehrbuch Po- 
lydors ("Über die Erfinder", 5:4) zur merkwürdigen Angelegenheit 
der Heirat der Kleriker hinzuzufügen. Er schreibt, dass Paulus (1. Ti¬ 
motheus 3), wenn er vorschreibt, dass sowohl Bischöfe als auch Dia- 
kone Ehemänner eines Weibes sein sollen, dabei alle Glieder in¬ 
nerhalb der heiligen Orden mit einbezieht, denn gemäß Hieronymus 
wurden Bischöfe vormals Presbyter (Älteste) genannt. Er fügt hinzu, 
dass einige katholische Theologen so abergläubisch sind, dass sie 
den Abschnitt zu ihrem eigenen Zweck verdrehen und sagen, der 



497 


Apostel meinte, der Bischof solle nur ein Bistum und der Presbyter 
nur ein Leitungsamt inne haben. In dieser Angelegenheit zitiert er 
Hieronymus! Dann deutet Polydor an, dass der Hass auf die Ehe von 
solcherlei Vorstellungen bestimmt war. So auch die Vorstellung, dass 
Paulus, als er sagte, er wünschte, dass alle Männer wären wie er ist, 
damit eigentlich meinte, dass er ein Mädchen sei (mit der Formulie¬ 
rung der "Wife of Bath" aus den Canterbury Erzählungen). Nein!, 
sagt der Italiener: Er deutete damit an, dass er auf den ehelichen Ver¬ 
kehr verzichtete und in Körper und Geist keusch war. Augustinus er¬ 
klärt eindeutig, dass dies die wahre Bedeutung sei. Weiter meine 
Paulus, wenn er davon spricht, eine Schwester zu führen, damit ei¬ 
gentlich sein Weib, welches er wie eine Schwester behandelte. Hie¬ 
ronymus wird des frömmelnden Handwerks beschuldigt, wenn er 
die Anspielung als Hinweis auf eine Freundin nach Art einer Suna- 
mite 12 " beschreibt! 

In diesem eigenartigen Abschnitt zeigt Polydor, wie durch die be¬ 
rüchtigten, gefälschten Gratianischen Dekrete und dergleichen die 
Aufhebung der priesterlichen Ehe erwogen wird. Er plädiert jedoch 
stark für den Erhalt und begründet dies damit, dass eine "erzwunge¬ 
ne Keuschheit" aufgrund der Begierden der Priester zu viel schlim¬ 
meren Übeln als die üblichen Ehegepflogenheiten geführt hätte. 

Was können wir daraus anderes schließen als dass der Geist der Kir¬ 
che zur Zeit des Bekanntwerdens der Paulusbriefe gespalten war 
und sich ein Teil der Priester schaft wünschte, ihn zum Verfechter, 

125 Als Sunamitismus wird eine früher populäre „Therapieform“ gegen männliche 
Altersschwäche und nachlassende Potenz bezeichnet. Hierbei legt sich ein al¬ 
ternder, schwacher Mann zu einem jungen, aber bereits geschlechtsreifen 
Mädchen ins Bett, ohne Geschlechtsverkehr mit ihr zu haben. Deren körperli¬ 
che „Ausdünstungen“ galten als verjüngend. 



498 


und wiederum ein anderer, ihn zum Feind der Institution der pries- 
terlichen Ehe zu machen? Die Zeit Paulus' ist kurz gesagt die Zeit 
Luthers. 

Polydors mönchische Zitate spiegeln in dieser Frage exakt die Dop¬ 
pelzüngigkeit wieder, die uns bereits aus den Episteln bekannt ist. 
Die Gedanken über das mönchische Leben sind nicht von den Über¬ 
legungen zum Keuschheitsgelübde zu trennen. Daraus können wir 
nur folgern, dass das Mönchstum zur Zeit, in der solche Rührselig¬ 
keiten veröffentlicht werden konnten, eine erst kürzlich gegründete 
Institution war. 



499 


ßapttel XII 
£utf>et unö Paulus 


Die Geschichten über Luther zeigen, dass die Bibel neueren Da¬ 
tums ist und die Paulus-Schriften nicht verstanden wurden 

Ich komme nun dazu, mich mit der Beziehung Luthers zu Paulus zu 
beschäftigen. Aus dem Wesen der Sachlage ergeben sich hier wieder¬ 
um besondere Schwierigkeiten. Das Leben des Reformators wurde 
teils von seinen Freunden und Anhängern und teils von seinen Geg¬ 
nern geschrieben. Dies jedoch in vielerlei Hinsicht so schlecht, dass 
wir uns noch immer nicht im Klaren darüber sind, was für ein Mann 
dieser Augustinermönch tatsächlich war und wie viele der ihm zuge¬ 
schriebenen literarischen Überbleibsel tatsächlich aus seiner Feder 
stammen. 

Wir müssen uns mit allgemeinen, jedoch sehr schlagenden Ein¬ 
drücken begnügen. Ich denke, der geneigte Leser wird unabhängig 
von den Beweisen zu dem bereits von mir geäußerten Schluss kom¬ 
men, dass zum einen Paulus bis zur Zeit Martin Luthers gänzlich un¬ 
bekannt war, zum anderen die Lutheraner in die Produktion der 
Episteln involviert waren und zudem die Auseinandersetzungen der 
Reformationszeit dazu führten, dass die Episteln sowohl die katholi¬ 
sche als auch die protestantische Lehre reflektieren. 

Die Luther in den Mund gelegte Aussage, dass die Bibel vor dem Be¬ 
ginn des Zeitalters der Veröffentlichungen nicht bekannt war und er 
zu seinem großen Erstaunen und voller Freude ein vollständiges Ex- 



500 


emplar der Bibel im Erfurter Kloster fand, gibt uns eine sehr knappe 
Vorstellung von der vorherrschenden Unkultur und der allgemeinen 
Unkenntnis der Mönche dieser Zeit. Wenn wir das Thema jemals 
richtig verstehen wollen, kann dies nicht stark genug betont werden. 

Der große Verdienst seiner späteren Jahre ist die Übersetzung der 
Heiligen Schrift in die gewöhnliche Sprache der Menschen. Er wird 
dargestellt, als sage er zu Jedermann: "Hier ist das Buch des Lebens! 
Es ist entschleiert; keine Dunkelheit mehr für Euch! Ihr bewertet den 
Sinn der Schriften nun selbst. Es liegt nun an Euch; ob Gott Euch die 
schwerliche Gabe der Interpretation gewährt oder verweigert hat!" 

Doch es ist wohlbekannt, dass Luther die Bücher des Neuen Testa¬ 
ments als das behandelt hat, was ich nachgewiesen habe, also als 
noch sehr junge menschengemachte Produktionen. Den Augustiner¬ 
mönchen, in jedem Fall den Gelehrten unter ihnen, muss bekannt ge¬ 
wesen sein, dass die Bücher aus den Klöstern des Ordens des Heili¬ 
gen Benedikt stammten und auch nur von Mönchen dieses Ordens 
(von denen die Augustiner lediglich ein Zweig sind) erklärt werden 
konnten. Der Abt Johannes Trithemius von Sponheim gilt als Zeitge¬ 
nosse Luthers. Ihm wird eines der großartigen Verzeichnisse "Be¬ 
rühmter Männer" seines Ordens [De viris illustribus ordinis sancti Be- 
nedicti, 1492] zugeschrieben. Ich bin mir sicher, dass er und die ande¬ 
ren deutschen Abte seiner Zeit Teil des Geheimnisses all dieser fikti¬ 
ven historischen Kompositionen gewesen sind, dessen Enthüllung 
meine Aufgabe war. 

Ist es nicht erstaunlich, dass ein Mann, der die Bibel und ganz beson¬ 
ders Paulus bereits lange kennen soll, an Melanchthon schreibt (das 



501 


Datum wird mit 1521 angegeben), um die Erklärung einer Passage 
im 1. Korinther 7:14 zu erbitten, die im Lateinischen völlig eindeutig 
daherkommt: "Sonst wären eure Kinder unrein; nun aber sind sie 
heilig"? Luther möchte wissen (in eher unsicherem Latein), wie sein 
Lreund diese Passage sieht: "Du versteht dies nicht nur als erwach¬ 
sen oder als die Heiligkeit des Pleisches, oder?" Ich gestehe, dass ich 
die Präge des Reformators, der in einem anderen Brief eingesteht, 
dass es ihm schwer falle, die lateinische Bibel zu übersetzen, nicht 
recht verstehe. Die Erklärung dafür liegt in der Hast, mit welcher der 
lateinische Text konstruiert wurde. Es wird sich herausstellen, so 
meine ich, dass Luther dasselbe Latein schreibt, das uns auch im 
Neuen Testament begegnet. 

Die Datierung des deutschen Neuen Testaments 

Die große Begeisterung, mit der die lutherische Übersetzung in 
Deutschland von den Literaten aufgenommen wurde, markiert eine 
kulturelle Epoche. Wie ich bereits erwähnt habe, waren lateinische 
Buchstaben in diesem Land neuartig; doch wir haben hinsichtlich 
der Datierungen keine Sicherheit! Es heißt, dass die Übersetzung des 
Neuen Testaments 1522 vollständig veröffentlicht wurde. Die Biblio¬ 
thek von Wittenberg ist jedoch stolz darauf, die Originalausgabe als 
Polianten zu besitzen, der weder Übersetzer noch Drucker oder Datum 
aufweist. 

Dann wurde bekundet, dass die Drucker das chef d'aeuvre (Meister¬ 
werk) des Mönchs mit einer bis heute unerreichten Eleganz und 
Reinheit der Lettern reproduzierten - dies klingt für mich unglaub¬ 
lich. Es heißt, dass Hans Lufft zu diesem Zweck Drucktypen geschaf- 



502 


fen habe, täglich 3.000 Blätter fertigte und zwischen 1537 und 1574 
nicht weniger als 100.000 deutsche Bibeln gedruckt wurden! Es ist 
sehr schwierig, eine einfache und ungeschminkte Aussage über ir¬ 
gendetwas sich auf die Literatur des „16. Jahrhunderts" beziehendes 
zu erhalten. 

Es gibt noch weitere Geschichten, die deutlich aufzeigen, wie neuar¬ 
tig biblisches Wissen in jedweder Sprache selbst unter den Geistli¬ 
chen war. Edle Damen werden unter völliger Ignoranz der lateini¬ 
schen Sprache dargestellt. Luther war der einzige Mann, der die ur¬ 
sprünglichen Zungen beherrschte! Proselyten (Neubekehrte) gehen 
so weit, Luther zu einem Apostel zu machen, sogar zu einem größe¬ 
ren als Paulus. Sie erklären seine Fassung zum wahren Wort Gottes. 
"Schande über den, der seine Abfassung verdächtigt", ruft einer von 
ihnen aus! "Das Wort des Kirchenlehrers ist ein göttlicher Laut. 
Selbst wenn die Reformatoren sich von diesem Wort ab wenden wür¬ 
den, müsste ich es verteidigen und des Wortes Ehre hochhalten." 

Emser bezichtigt Luther, das Neue Testament entstellt zu haben 

Es gibt aber auch die gegensätzlichen Geschichten der katholischen 
Seite, die unseren Eindruck aus den lutherischen Werken voll und 
ganz bestätigen, dass der Reformator in gewisser Hinsicht an der Er¬ 
stellung der Bibel mitwirkte. Jedenfalls hätte er die Bücher, von de¬ 
nen er tief in seinem Herzen glaubte, dass sie entweder göttlich oder 
zumindest ehrwürdige menschliche Altertümer waren, unmöglich so 
behandeln können. In dem Moment, in dem das reformierte 
Deutschland die lutherische Abfassung des Neuen Testaments 
scheinbar wie ein vom Himmel gefallenes Buch erhält, soll ein katho- 



503 


lischer Gelehrter dem Reformator eine Grube gegraben haben. "Em- 
ser nahm die Neufassung, zerlegte das Vorwort, in welchem der 
Kern der lutherischen Lehre geschickt verborgen war und entdeckte 
das Gift der kleinen Notizen am Buchrand, in denen Luther als Kir¬ 
chenvater posierte" 126 . Er wies scharf auf angeblich systematische 
Verfälschungen des Textes hin. Luther antwortete mit einer Salve 
von Schmähungen. Emser sei "ein Basilisk [König der Schlangen], ein 
Schüler Satans" und was sonst noch alles! Luther musste sein Werk 
überarbeiten und verurteilte die "Papstesel", die nicht würdig seien, 
seine Arbeit zu beurteilen. 

Emser sagt: "Er hat die Bibel in fast jedem Abschnitt verfälscht und 
dabei etwa 1.400 ketzerische Irrtümer und Lügen versteckt." Martin 
Bucer äußert eine ähnliche Anklage. 

Einige Beispiele in den Paulusbriefen: Gerechtwerdung "allein" 
durch den Glauben 

Es folgen einige der von Emser behaupteten Fehler im Text der Pau¬ 
lusbriefe: 

Römer 3:28: "Denn wir urteilen, dass ein Mensch durch den Glauben 
gerecht werde, ohne Werke." Luther wird vorgeworfen, das Wort So- 
lam "allein" hinzugefügt zu haben, um Paulus zum Sprachrohr sei¬ 
ner Theologie zu machen. Freilich ist "allein durch den Glauben" die 
deutsche Lesart. Dies ist für jeden nachdenklichen Geist ein Beweis 
dafür, dass der Übersetzer gegenüber Paulus keinerlei Ehrfurcht ver¬ 
spürte und ihn als das Sprachrohr der katholischen Kirche erkannt 


126 J.M.V. Audin, History of Life, Writings and Doctrines of Martin Luther, 3:376 



504 


haben muss. 

Was antwortet Luther darauf? 

"Wenn euer Papist sich viel Beschwer machen will mit dem 
Wort "sola-allein", so sagt ihm flugs also: Papist und Esel sei 
ein Ding. Ich will es so, ich befehle es; lasst meinen Willen aus 
Vernunft stehen!" (Sic volo, sic iubeo, sit pro ratione voluntas) 
[Luther - Sendbrief vom Dolmetschen] 

Er fügt an anderer Stelle hinzu: 

"Die Papisten behaupten, dass allein der durch die 
Nächstenliebe gebildete Glaube gerecht macht. Hier sollten 
wir uns mit aller Kraft widersetzen und keinen Finger breit 
weichen, weder bei den Engeln im Himmel, noch bei den 
Toren der Hölle, noch beim Heiligen Paulus, noch bei hundert 
Kaisern, noch bei tausend Päpsten, nicht der ganzen Welt 
willen. Hier will ich hart sein und da habe ich meinen Titel: Ich 
weiche Keinem!" 

Luther scheint die Autorität über Paulus zu übernehmen 

Hier erklärt sich Luther also zu einem größeren Lehrer als Paulus 
selbst. Die gegen ihn (oder seine Fraktion) erhobene Anklage, dass er 
Paulus gefälscht und von einem Katholiken zu einem Protestanten 
gemacht hätte, muss als begründet betrachtet werden. Die katholi¬ 
sche Lehre ist zweifellos die der Gerechtwerdung mittels des "durch 
die Nächstenliebe gebildeten Glaubens". Der Glaube ist das feste und 



505 


ständige Einvernehmen des Geistes mit Gott als Offenbarer seiner 
Geheimnisse, wie der Katechismus lehrt. Jedoch ist die Gerechtwer- 
dung die vollständige Erneuerung des Menschen. Der Glaube allein 
kann in den Augen Gottes nicht ausreichen. Er muss erst gebildet 
werden. Er muss also zunächst von der Quelle der Nächstenliebe an¬ 
geregt und belebt werden. Weiter muss er durch Werke wirken so¬ 
wie auch als Herd, von dem das Feuer der Liebe ausstrahlen kann. 

Im evangelischen oder protestantischen Sinne ist der Glaube jedoch 
etwas völlig anderes. Gemäß Luther ist er eine Perle, die Jesus im 
Herzen ablegt, die durch sein Feuer strahlt und weder Nächstenliebe 
noch Werke benötigt, um wirken zu können. Der Glaube ergreift 
Gott, wie das Licht die Dunkelheit ergreift. Dies ist Luthers Traum; 
und er bemüht sich, daraus einen paulinischen Traum zu machen. 

In seinem Kommentar zum Galaterbrief lehrt er, dass der Mensch 
sein himmlisches Erbe nur durch die Sünde des Unglaubens verlie¬ 
ren kann. Reue und Geständnis, Zufriedenheit und Werke seien rein 
menschliche Erfindungen. Essen und Trinken, Arbeit und Unterrich¬ 
ten seien alles "Werke" und als solche Sünden. Welchen Nutzen ha¬ 
ben die von Tetzel verkauften Ablässe, wenn man die Perle bereits 
gefunden hat, die uns von jedem Übel heilen wird? 

Dies scheint die eigentliche Schöpfung Luthers gewesen zu sein. Er 
lehrte dem verängstigten und geplagten Volk, dass die Menschen 
das, was sie begehrten und wofür sie bezahlten, auch gratis haben 
konnten: "Glaube, dass du es hast und du hast es bereits"! Das 
gleicht dem Ausspruch: "Das Leiden ist nur eingebildet, daher muss 
auch die Heilung eingebildet werden." War dies die Erfindung eines 



506 


theologischen Quacksalbers oder eines praktischen Philanthropen 
und Staatsmannes? War dies ursprünglich gedacht, um auf diesen 
Grundsätzen eine Kirche zu errichten? Offensichtlich führt er einen 
Streich gegen sämtliche Priesterschaften, macht alle kirchlichen In¬ 
stitutionen obsolet und verwandelt jeden Mann in seinen eigenen 
Priester. 

In den Paulusbriefen finden wir sowohl die katholischen als auch die 
protestantischen Ideen; und ich zeige auf, dass sie dem Apostel am 
Vorabend der Reformation oder währenddessen untergeschoben 
wurden. 

Die katholische Lehre besagt, dass die Gerechtwerdung der Gnade 
entspringt, die uns unsere Sünden vergibt und Gott gefällig macht. 
Das hat zur Folge, dass wir Gerechtigkeit in uns haben, so wie wir 
Wissen und Tugend in uns haben müssen, um gelehrt und tugend¬ 
haft sein zu können. Ich zitiere hier Bossuet. Diese Lehre finden wir 
in den Paulusbriefen. 

Bei Luther braucht es nichts, um uns gerecht und Gott gefällig zu 
machen. Er besteht darauf, dass Gott uns die Gerechtigkeit Jesu 
Christi vorgibt als wäre es die unsere und dass wir sie uns durch den 
Glauben zu eigen machen können. Diese seltsame Lehre finden wir 
ebenfalls bei Paulus. 

Darüber hinaus bestand der gerecht machende Glaube nicht nur in 
einem allgemeinen Glauben an den Erlöser mitsamt dessen Mysteri¬ 
en und Verheißungen, sondern auch in der Überzeugung eines jeden 
Menschen, dass seine Sünden vergeben werden. Wir werden in dem 



507 


Moment zu Gerechten, in dem wir davon überzeugt sind es zu sein. 
Diese Gewissheit ist nicht einfach eine moralische, die auf vernünfti¬ 
gen Motiven beruht und negative Emotionen ausschließt. Es ist die 
ultimative Gewissheit, mit welcher der Sünder annimmt, er sei durch 
denselben Glauben gerecht geworden, mit dem er sich davon über¬ 
zeugt hat, dass Jesus Christus in die Welt gekommen ist. 

Wir müssen uns nicht sicher sein, dass unsere Buße aufrichtig ist. 
Der neue Lehrer Luther sagt zu dem Sünder: "Glaube, dass du frei¬ 
gesprochen bist, und du bist freigesprochen, ob du reuevoll bist oder 
nicht!" [Bossuet] Es ist offensichtlich, dass Luther sowohl auf den 
Priester, als auch auf das Sakrament verzichtet. 

Es gibt andere Geschichten über Luthers frühes Leben, gemäß denen 
er diese Vorstellung eines alles gerecht machenden Glaubens von ei¬ 
nem alten Mönch gelehrt bekam, der sie vom Heiligen Bernhard hat¬ 
te. Solche Geschichten sind späte Erfindungen, jedoch bleibt die Tat¬ 
sache, dass die Lehre im Evangelium, bei Paulus und in einigen der 
Mönchsschriften zu finden ist. Ich kann sie mir nur mit meiner Ver¬ 
mutung erklären, dass die Meinungsverschiedenheiten in den Klös¬ 
tern schon vor dem großen Schisma bestanden haben müssen. Die 
frühere Lehre der Mönche scheint auf der reinen Nächstenliebe (1. 
Korinther 13) zu beruhen, von der es heißt, dass sie "alles glauben" 
soll. Tatsächlich ist diese Lehre fast identisch mit dem "Glauben" Lu¬ 
thers. 

In der eigentümlichen Akrobatik mit Worten und Ideen erkenne ich 
das gleiche flexible System, welches wir anderswo mit dem Prinzip 
"Allen bin ich alles" begutachtet haben und das Paulus illustrieren 



508 


muss. 

Luther lässt Paulus auf das "Führen eines Weibes" anspielen 

Ein anderes Beispiel für Luthers angebliche Eingriffe in den paulini- 
schen Text finden wir im 1. Korinther 9:5: "Haben wir nicht auch 
Macht, eine Schwester zum Weibe mit umherzuführen". Die Worte 
"zum Weibe" wurden hinzugefügt. 

Was können wir aus diesen dermaßen auffälligen Fakten ableiten? 
Die eusebische "Kirchengeschichte" ist älter als das Neue Testament 
und besagt, dass Paulus eine Frau hatte, wie andere Apostel auch. In 
den Episteln soll er sich als zölibatär darstellen und wie ein echter 
Mönch die Jungfräulichkeit über die Ehe erheben, die ein Zustand 
des Nachgebens gegenüber der menschlichen Schwäche sei. Die Ehe 
wird somit verdammt und dennoch als ehrenhaft erklärt. So haben 
wir also erneut einen Apostel, der in beide Richtungen weist - einen, 
der in der selben Angelegenheit einmal hü und einmal hott sagt, wo¬ 
mit er eine Typus der gelehrten Doppelzüngigkeit ist. Schließlich se¬ 
hen wir, wie er durch einen weiteren Federstrich in einen Apologe¬ 
ten der Ehe und einen Protestanten verwandelt wird. 

Die ganze Beziehung Luthers zu Paulus ist eigenartig und fremd. Sie 
verdient höchste Aufmerksamkeit, obgleich es schwierig ist, unan¬ 
greifbare Beweise zu finden. Da aber die Paulusbriefe in den Klös¬ 
tern von Männern geschrieben wurde, die das Zölibat geschworen 
haben und Luther und seine Gefährten als die ersten Mönche ange¬ 
sehen wurden, die ihre Gelübde gebrochen haben, können wir dar¬ 
aus schließen, dass bestimmte Passagen tatsächlich von Luther bezie- 



509 


hungsweise seiner Partei verfasst wurden. Wer hat Paulus die De¬ 
nunziation von Lügnern, Heuchlern und Feinden der Ehe in den 
Mund gelegt? 

"Der Geist aber sagt deutlich, dass in den letzten Zeiten etliche 
von dem Glauben werden abtreten und anhängen den verfüh¬ 
rerischen Geistern und Lehren der Teufel durch die, so in 
Gleisnerei Lügen reden und Brandmal in ihrem Gewissen ha¬ 
ben, die da gebieten, nicht ehelich zu werden und zu meiden 
die Speisen, die Gott geschaffen hat zu nehmen mit Danksa¬ 
gung, den Gläubigen und denen, die die Wahrheit erkennen." 
(1. Timotheus 4:1-3) 

Diese Passage wurde von den Augustinermönchen geschrieben, die 
laut Cochläus durch das Land zogen und an den Kirchentüren luthe¬ 
rische Traktate vertrieben. Dieser Vers spiegelt definitiv den Streit 
zwischen diesen nachlässigeren Geistlichen und denen wieder, die 
noch immer an der strikten Regel des Heiligen Benedikt festhielten. 
Wir müssen nicht sehr angestrengt zwischen den Zeilen lesen, um 
diese späte Autorenschaft und das Motiv zu erkennen. 

Obwohl Schriften wie die "Tischgespräche" nicht sonderlich authen¬ 
tisch sind, liefern sie uns doch einige Hinweise auf die Wahrheit. 

Die Witwen-Frage 

Luther äußerte angeblich: "Ich weiß keinen unter den Lehrern, dem 
ich so feind bin als Hieronymo, denn er schreibt nur von Fasten, 
Jungfernschaft und Zöllibat. Ich wünschte ihn mir nicht als Kaplan." 



510 


Aber "Hieronymus" (eigentlich die Mönche, die ihn erfunden haben) 
kannte das Geheimnis der Beschaffenheit der Bibel, wie auch Augus¬ 
tinus, von dem Luther ebenfalls mit äußerster Verachtung spricht, 
obwohl er sich an anderer Stelle widerspricht und Augustinus als 
"reinsten aller Kirchenlehrer" bezeichnet. 

Luther sagt, dass die Väter den Text des Heiligen Paulus über die 
Witwen, die ihren ersten Glauben gebrochen haben, nicht verstanden 
hätten. 


"Augustinus ist der Meinung, dass das Keuschheitsgelübde 
gemeint sei, aber ich verstehe den Text besser als tausend 
Augustinusse. Dieser Vater sollte zur Schule geschickt werden. 
Die Väter sind Narren, die allesamt Unsinn über das Zölibat 
geschrieben haben. Außerdem spricht der Apostel nur von 
Witwen. Weder ist sie (Bora) eine Witwe, noch bin ich es." 

1.Timotheus 5:12 - "So richten sie sich selbst, weil sie den ersten 
Glauben gebrochen haben." 

Dieser Vers, den die Katholiken in all ihren Auseinandersetzungen 
zu dieser Frage zitierten, wurde zweifellos geschrieben, um die Not¬ 
wendigkeit eines Enthaltsamkeitsgelübdes für die Witwenschaft zu 
beweisen. 

Häufig argumentierten Theologen, dass Paulus lehrte, ein Bischof 
solle der Ehemann eines Weibes sein. Sie leiteten daraus ab, dass er 
damit gestattete, dass einer, der kein Bischof war, zwei oder drei 
Ehefrauen haben könne. Luther und Melanchthon sollen sowohl 



511 


Heinrich VIII. als auch einem deutschen Landgrafen geraten haben, 
sich Zweitfrauen zu nehmen, um diese von ihrer Angst vor der Hölle 
zu befreien, mit welcher der Apostel die Hurerei belegt hat. Wie ist 
es möglich, dass derartige Geschichten überhaupt niedergeschrieben 
wurden, wenn das Neue Gesetz Jesu Christi doch schon so lange 
vorhanden und anerkannt war? 

Luther soll das paulinische Dogma als unvernünftig denunziert 
haben 

Eine der verblüffendsten auf Paulus bezogenen Entdeckungen in der 
lutherischen Literatur ist eine Passage, in der der Reformator den 
Apostel im Stil eines Rationalisten behandelt und seine Verachtung 
über die hinkende paulinische Logik ergießt. Er kommentiert folgen¬ 
den Text: "Denn gleichwie sie in Adam alle sterben, so werden sie in 
Christo alle lebendig gemacht werden" (1. Korinther 15:22). Luther 
soll dazu gesagt haben: 

"Es ist eine lächerliche Predigt, die hier St. Paulus tut, wo Wei¬ 
be, Tod und ewiges Leben herkommen, und lässt sich ansehen 
für eine große, starke Lüge bei der klugen Vernunft und welt¬ 
lichen Weisheit, dass das ganze menschliche Geschlecht um 
fremder Schuld willen eines einzigen Menschen soll allezumal 
sterben. Denn es scheint ja zu unbillig und ungereimt, dass 
Gott das Spiel so abenteuerlich ergreifen und sich so töricht 
zur Sache stellen solle mit seinem Gericht, dass, weil Adam in 
einen Apfel beißt, soll er soviel ausgerichtet haben, dass alle 
Menschen nach ihm bis zu Ende der Welt müssen des Todes 
sein. Denn er hat ja auch noch keinen Mord noch Ehebruch ge- 



512 


tan, niemand gestohlen noch geraubt, noch Gott gelästert, 
oder dergleichen etwas, wie jetzt die Welt voll gräulicher, läs¬ 
terlicher Sünden ist, sondern nichts mehr, denn in einen Apfel 
gebissen, überredet und betrogen von dem Teufel durch das 
Weib. Musste man denn, spricht die Vernunft, so viel von dem 
einigen Apfel halten, dass die ganze Welt desselben entgelten 
und samt so vielen seinen trefflichen weisen Leuten, ja Gottes 
Sohn selbst samt allen Propheten, Vätern, Heiligen sterben 
müssen? Ja, wenn es nur der Tod allein wäre, aber dass wir 
Alle um dieser fremden Sünde willen ewige Strafe und Ver¬ 
dammnis sollten verdient haben und in der Hölle leiden, das 
geht viel weniger in eines Menschen Herz; denn es scheint gar 
zu unbillig geurteilt und unbarmherzig gehandelt von solcher 
hohen Majestät, welche ist die höchste Weisheit und Güte." 

"Wiederrum lautet es vor der Welt ebenso ungereimt und lüg¬ 
nerisch, dass hier Paulus sagt, dass im einen Menschen sollen 
liegen und hängen beide, Tod und Leben, und alle Welt nichts 
dazu tun noch vermögen und keines Menschen Macht und 
Kraft, keines Heiligen Leben, Tugend und Werk Ursache dazu 
genug sein soll, dass er vom Tode auferstehen und kein heili¬ 
ger Mönch, Karthäuser, ja kein Prophet, Apostel noch Märty¬ 
rer nichts dazutun noch verdienen mit allem ihrem Wesen. 
Das ist ja ein ungeschickt Ding, wenn man ihm will nachden- 
ken." 

Diese "Luther" zugeschrieben Worte greifen die Dreieinigkeit und 
andere Teile des Glaubensbekenntnisses gleichermaßen als beleidi¬ 
gend für die menschliche Vernunft an. Es ist üblich, diese Passagen 



513 


mit der Zeit von Luthers Versuchungen und Erprobungen in Verbin¬ 
dung zu bringen, jedoch ist es seltsam und verdächtig, dass sie pu¬ 
blik gemacht wurden. 

In einer Ausgabe von Luthers "Tischgesprächen" bezeichnet er die 
Apostel als "Sünder, ja regelrechte Schurken" - und dies von dem 
Mann, der Paulus als Verfasser des Galaterbriefes in den Himmel 
preist! In diesem ganzen lutherischen Potpourri gibt es offensichtli¬ 
che Gaben für Augen mit einem scharfen Sinn für Heuchelei und 
Doppelzüngigkeit, welche hier für die Falschheit wirken, inmitten ei¬ 
ner scheinbaren Auseinandersetzung um die "Wahrheit", eines Zwis¬ 
tes zwischen den klerikalen Organisationen. Wir treffen immer wie¬ 
der auf das schiefe Geständnis, dass die parteiische Verlogenheit 
weit verbreitet ist. Es müssen nun aber entschlossene Kritiker des ge¬ 
samten Betruges hervortreten. 

Wer solche Kritik an der Lehre Paulus' aussprach, wusste, dass die 
Lehre, obwohl sie dem erhabenen Paulus-Charakter zugeschrieben 
wurde, nicht mehr Autorität hatte, als die von Hieronymus oder Au¬ 
gustinus. 

Die Beziehung der Augustiner zu den Paulinern 

Die lutherische Literatur liefert uns weitere Hinweise darauf, dass 
Mitglieder des Ordens des Heiligen Augustinus von Hippo für die 
Verbindung Paulus' zu Luther verantwortlich waren. Zum Beispiel 
erzählt einer der Erfurter Theologen, wie Luther nach einem Besuch 
bei seinen Eltern nach Erfurt zurückkehrte und wie ein anderer Pau¬ 
lus während eines Gewitters zu Boden fiel, was ihn veranlasste, das 



514 


Kloster der Augustiner aufzusuchen um Erlösung im Leben eines 
Mönches zu finden. Diese Geschichte wird auch von Anderen er¬ 
zählt. 

Beim Eintritt in das Kloster, so die Geschichte, nimmt Luther den 
Namen "Augustinus" an und macht die diesem imaginären "Be¬ 
rühmten" Augustinus zugeschriebenen Werke zu seiner Lieblings¬ 
lektüre, neben seiner Bibel und vor allem Paulus. Luthers Lreunde 
beschreiben ihn als den am demütigsten Dienenden, als Asketen von 
gleicher Art wie es für Paulus gilt, als denjenigen, der alle anderen 
Mönche in der Strenge seiner Studien sowie im Pasten und bei den 
Gebeten übertraf. Luther soll gesagt haben, dass er tatsächlich den 
Tod des Märtyrertums erlitten habe, als er bemüht war, sich durch 
seine Striktheit den Himmel zu verdienen und wie Paulus die Eitel¬ 
keit aller Arbeit und Verdienste entdeckte. Luther soll geistige Qua¬ 
len, analog der im Römerbrief beschriebenen, erlitten haben. Die 
Lehre der Auserwähltheit verfolgte und beunruhigte ihn pausenlos 
und immer fort. Gemäß der Erzählung fand Luther eine Offenba¬ 
rung in dem Sprichwort "Der Gerechte wird aus Glauben leben", wo¬ 
bei es sich übrigens um eine fehlerhafte Zitierung des hebräischen 
Propheten im Römerbrief handelt, in dem es heißt, dass "die Gerech¬ 
ten in Treue leben" oder "die Gerechten durch guten Glauben leben", 
jedoch nicht, dass "die Gerechten im Glauben [engl.: belief] leben". 

Die Jesuiten sagen, dass Paulus Augustinus und dann Augustinus 
Luther zeugte. Die verborgene Bedeutung in diesem Sprichwort ist 
die, dass es zwischen Paulinern und Augustinern keine 350 Jahre 
und zwischen Augustinern und Lutheranern keine 1.100 Jahre gab. 
Die Ideen von Paulus, Augustinus und Luther sind identisch und 



515 


werden drei verschiedenen berühmten Charakteren zugeschrieben, 
an verschiedenen Stellen in der Chronologie, obwohl sie ihren Ur¬ 
sprung jedoch allesamt in den Köpfen der Augustiner haben - wäh¬ 
rend der frühen Reformation, etwa 1520. 

D'Aubigny stellt fest, dass "die Mönchsorden die Reformation viel¬ 
leicht mehr befürworteten als dass sie dagegen waren. Diese Feststel¬ 
lung trifft insbesondere auf den Augustinerorden zu." Ich gehe da¬ 
mit konform und erkläre es mir anhand des Temperaments und der 
Gewohnheiten der nordischen Völker, welche die Mönche schlag¬ 
kräftig beeinflussten. Die nordischen Völker und deren Mönche 
führten eine Volksbewegung an, eine Revolte gegen die Tyrannei des 
Papstes. Diese Mönche lehnten das Gelübde des Zölibats ab und 
folgten der Sympathie des Volkes. 

Die aufgeklärteren Religionseiferer wollten eine Buchreligion schaf¬ 
fen. Die gegnerische Partei wies zwar nicht den gleichen ausgepräg¬ 
ten Eifer auf, war jedoch stark genug, um sich in den Büchern be¬ 
merkbar zu machen. Die Paulusbriefe und die übrigen Bücher offen¬ 
baren in ihrer Erscheinung allesamt, dass sie durch die Hände einer 
Redaktion gingen, welche die verschiedenen Meinungen der 
Mönchsorden mit einbezog. Dies erklärt die augustinische oder lu¬ 
therische Konstruktion der Paulus-Gestalt. 

Weitere Hinweise sind in der Entdeckung Luthers zu finden, derge- 
mäß die Hussiten auch Pauliner und Augustiner gewesen wären: 
"Wir [Augustiner] sind alle Hussiten, ohne es zu wissen." Weiter gibt 
es auch Sätze, in denen Luther von einem deutschen Kurfürsten als 
"wahrer Sohn des Paulus" gepriesen wird oder in denen Luther 



516 


selbst sagen soll: "Ich bin nicht Paulus; ich bin nur sein Sprecher!" 
Ebenfalls bekannt ist sein Ausspruch: "Der Brief an die Galater ist 
mein Brief, ich bin mit ihm vermählt." 

Ich möchte nun einige scharfe Bemerkungen von Hardouin zitieren, 
dessen Schriften für den Literaturkritiker einige Wahrheiten bergen, 
obgleich sie mit priesterlicher Sophistik vermengt sind. Hardouin 
protestierte gegen die Ehre, die dem imaginären Augustinus verlie¬ 
hen wurde, dessen Betrug er aufgedeckt hatte: 

"Als wären keine Größeren als Augustinus von Weibern gebo¬ 
ren worden! Ihr macht ihn zu einem berühmteren Mann als 
Petrus, Paulus und den Rest! Euch gefällt weder Christus noch 
Paulus. Die Worte von Paulus oder Christus gefallen Euch 
nicht, es sei denn, Augustinus hat sie interpretiert. Das ist ein 
neuer Paulus, ein neuer Christus. Nichts kann jedoch dem 
Glauben der Kirche widersprüchlicher oder entgegengesetzter 
sein als dieser Pseudo-Augustinus in all seinen Kapiteln. Män¬ 
ner kümmern sich weniger darum, Christen zu sein, als dar¬ 
um, dass man sie Augustiner nennt. Mir genügt es, Christ zu 
sein." 

Er besteht darauf, dass Paulus die augustinische Lehre nicht lehrt - 
im Gegenteil; es sei Augustinus, der "ein anderes Evangelium", ein 
Gegenstück und ein schlechtes Evangelium (Kakaggelium) in die 
Welt brachte. Dies wirft ein neues Licht auf den Brief an die Galater. 
Hardouin ist ein katholischer Kämpfer und behauptet, der Brief an 
die Galater, der von Luther nachdrücklich verteidigt wird, sei an¬ 
ti-lutherisch, da er ein innovatives Evangelium verketzert. 



517 


Die Episteln sind so voll von widersprüchlichen Haltungen, dass sie 
ein unlösbares Rätsel der Literaturgeschichte zu sein scheinen. Dies 
jedoch nur bis wir erkennen, dass die Komponisten doppel- oder 
multipel-sinnige Männer waren, die über die Hauptprinzipien des 
Christentums wirre Ansichten zusammentrugen und diese sich wi¬ 
dersprechend niederschrieben. 



518 



519 


ßctpitel XIII 

£>te Autoren t>on "Sleristmilta" unb t^rc 
2(nalp«e bet (Episteln 


Ergebnisse der Professoren Pierson und Naber: Die katholische 
Kirche steht hinter den Paulusbriefen 

Nun möchte ich meinen englischen Lesern einige Analyseergebnisse 
der Autoren des sehr kompetenten lateinischen Werkes "Verisimilia" 
von 1886 vermitteln. 

An diesem Werk, welches der Zergliederung vieler Teile der neutes- 
tamentlichen Schriften gewidmet ist, habe ich großes Interesse, da 
ich mich zur selben Zeit, zu der die Professoren Pierson und Naber 
an ihrer Studie arbeiteten, mit einer Analyse der Literatur des angeb¬ 
lichen "zweiten Jahrhunderts" beziehungsweise der vermeintlich 
"postapostolischen Zeit" befasst habe. Die Veröffentlichung von "An¬ 
tiqua Mater", meiner eigenen Abhandlung, folgte kurz auf die Veröf¬ 
fentlichung ihres Buches. Interessierte Rezensenten in Holland und 
Frankreich stellten bemerkenswerterweise fest, dass meine eigenen 
Ergebnisse die meiner Vorgänger bestätigten. Diese haben mittels ei¬ 
ner Überprüfung des Neuen Testaments aufgezeigt, dass es über den 
Ursprung unserer Religion weder einen wahren Bericht enthält, noch 
einen aus frühester Zeit. Wiederum legte ich dar, dass die angebli¬ 
chen Anhänger der Apostel nicht wussten, was die angeblichen Apo¬ 
stel wussten. Daher muss die kirchliche Geschichte ihres eigenen Ur¬ 
sprungs zurückgewiesen werden; und wir müssen die Dokumente 



520 


einer erneuten Untersuchung unterziehen. Meine Leser wissen, was 
ich in der Zwischenzeit getan habe, um das große Problem zu lösen. 
Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass die Ergebnisse meiner 
Kollegen - immer mit einer wichtigen Ausnahme - sehr ein¬ 
drucksvoll mit meinen eigenen übereinstimmen. 

Die Ausnahme ist, dass sie die kirchliche Chronologie im Gegensatz 
zu mir nicht hinterfragt haben. Obwohl sie annahmen, dass die Kir¬ 
che vor etwa 1.800 Jahren entstand und das Schema der Jahrhunder¬ 
te echt ist, haben sie dennoch erkannt, dass hinter den Paulusbriefen 
die katholische Kirche steckt. 

Ich denke, dass meinen Lesern einige der Streiflichter dieser scharf¬ 
sinnigen und gebildeten Gelehrten willkommen sein dürften. 

Charakter und Ziele ihres "Bischofs Paulus" stimmen grundsätz¬ 
lich mit der klösterlichen Vorgehensweise bei der Bearbeitung der 
Episteln überein 

Sie entdecken in den Phänomenen der Episteln einen gewissen "Bi¬ 
schof Paulus" beziehungsweise einen katholischen Verfasser einer 
Vielzahl von Lesungen, die zusammengefügt und mit dem Namen 
des Apostels Paulus versehen wurden. Die Schriften sind von ver¬ 
schiedenartigem und veränderlichem Geist. Ihre Grundmauern sind 
meist jüdisch, wurden jedoch gewissermaßen mit einem katholi¬ 
schen Anstrich versehen. Die Episteln sind daher nicht nur voll von 
grammatikalischen Fehlern, sondern zeugen auch von einer stetigen 
Zusammenhangslosigkeit. Bestimmte Ideen wurden jedoch be- 



521 


harrlich eingefügt, um auf diese Weise Paulus zum Sprachrohr ka¬ 
tholischer Meinungen zu machen. 

In die früheren Episteln (als solche sehen sie die Thessalonicher an) 
wurde ein nackter Umriss des Glaubensbekenntnisses eingearbeitet: 
"Jesus ist der Herr der Gläubigen. Er ist gestorben und wieder aufer¬ 
standen. Es gibt keinerlei Bericht über sein Leben, seine Lehre, sein 
Kreuz, seine Fürbitten oder die Vergebung von Sünden." 

Sie stellen hinsichtlich des Galaterbriefes heraus, wie unverständlich 
sein historischer oder, wie ich es nenne, pseudo-autobiographischer 
Teil und zudem wie widersprüchlich die Sprache der Epistel ist. Sie 
entdecken zwei verschiedene Schreiber von gegensätzlichem Tem¬ 
perament, von denen einer harsch und einer mild ist. Weiter stellen 
sie fest, dass der bischöfliche Schreiber, seiner wohl vormals israeliti¬ 
schen Gestalt entsprechend, wiederholt jüdische Schriften heranzieht 
und für seinen eigenen Gebrauch umbaut. Dadurch soll das, was von 
dem angeblichen Patriarchen Abraham gesagt wurde, auch für des¬ 
sen vorgebliche Nachfahren gelten, also für Christus und seine Kir¬ 
che. 

In den Begriffen "Christus" und "Beschneidung" entdecken sie die Ri¬ 
valität zwischen der christlichen und der jüdischen Kirche. Dabei er¬ 
kennen sie eine Analogie zum Streit der entsprechenden Parteien 
während der protestantischen Reformation, als "das Gesetz" als Or¬ 
gan unbrauchbarer Vorschriften und Zeremonien verstanden wurde 
und viele Menschen nur unsicher hinter der alten sowie auch der 
neuen Form der Religion standen. Sie erkennen im Verfasser genau 
das mönchische Ideal, das ich meinen Lesern bereits gezeigt habe - 



522 


einen geschickten Herrscher und Friedensstifter; einen der bejaht, 
während er verneint und der verneint, während er bejaht; der Bilder 
von Eintracht inmitten eines Streits zeichnet und wie im Galater 5:14 
hier und dort ein schönes Wort einstreut. 

Im 1. Korinther sehen die Autoren wieder die Züge eines großen Kir¬ 
chenmannes, der mehr auf die Beherrschung des Lebens und die 
Einheitlichkeit des Bekenntnisses als auf die Theologie gerichtet ist. 
Die Einheit der Kirche, welche er für möglich hält, muss auf einer 
Konvention beruhen; unabhängig davon, ob eine Meinung eine an¬ 
dere zu stürzen scheint. Die Gemeinschaft der Brüder ist allen vorzu- 
ziehen. Unsere Analysten beobachten wahrhaftig: 

"Die katholische Kirche hat diese Dinge am besten verstanden 
und ist daher gewachsen und aufgeblüht. Dies zeigt sich deut¬ 
lich in der Geschichte des Kanons des Neuen Testaments, des 
von der Kirche geweihten Buchbandes. Darin ist Raum für die 
Nüchternheit des Jakobus, die Inbrunst des Apokalyptikers, 
die Klugheit des Paulus der Apostelgeschichte und die Vehe¬ 
menz des Paulus, der sich Petrus widersetzt. Der eine Band be¬ 
friedigte die Wünsche aller." 

In den Korinthern wird eindeutig die Transsubstantiation gelehrt 

Unsere Kritiker kommentieren die Lehre vom Abendmahl des Herrn 
aus dem 1. Korinther 11 und stellen dabei richtigerweise fest, dass 
die Transsubstantiation nicht aus dem Neuen Testament entfernt 
werden kann, dass die gesamte römische Kirche von ihr abhängt so¬ 
wie dass Luther den Hoc est Corpus (Hoc est corpus meum - dies ist 



523 


mein Leib) nicht aufgeben konnte und Calvin den "geistigen Ver¬ 
zehr" aufrechterhalten musste. In der Kirche gibt es nichts altertümli¬ 
cheres als die Transsubstantiation. Hinzuzufügen ist noch, dass die 
Kirche selbst eine Kommunion ist, wobei das Problem des Ur¬ 
sprungs des Ritus' eins mit dem Problem des Ursprungs der Kirche 
ist. Zweifellos gab es orphische und mithraische Zeremonien, die in 
einer späten Periode Brauch waren und auf denen der katholische 
Ritus teilweise basiert, jedoch können wir uns keine katholische Kir¬ 
che vor dem Bekanntwerden und der Nachahmung des jüdischen 
Passahfestes vorstellen. 

Ich muss erneut auf ihre bedauerliche Vernachlässigung der Chrono¬ 
logie aufmerksam machen. Sie bekunden, dass das Dogma der 
Transsubstantiation nicht vor dem Beginn des 13. Jahrhunderts fest¬ 
gelegt und der Kelch den Laien vor dem Beginn des 15. Jahrhunderts 
verwehrt wurde. Doch was geschah mit dem Dogma während der 
langen Zeit der Stille? Das Hinterfragen dieser Angelegenheit wird 
nachdenkliche Leser davon überzeugen, dass eine solche Vorstellung 
in jeder Hinsicht unhaltbar ist. 

Die Frage nach der Existenz Paulus' wird aufgeworfen 

In einem weiteren interessanten Abschnitt entdecken unsere Kritiker 
wieder die Eigenschaften des katholischen Bischofs, welchen ich nur 
den Mönch nenne. Sanftmut und Milde vereinen sich bei ihm mit ei¬ 
ner gewissen eingestandenen Arglist (2. Korinther 12:16), welche sich 
für einen Christen keinesfalls ziemt. Es gibt einen seltsamen Über¬ 
gang von zutiefst demütigen zu arroganten und verachtenden Tönen 
gegen seine Rivalen; und dann wiederum zur freudigen Erinnerung 



524 


an eine Verzückung oder gar zu unvorstellbarer Heftigkeit gegen die 
falschen Apostel, die den Tyrannen darstellen, das Erbe der Gläubi¬ 
gen verschlingen und Gewalt gegen die Kirche üben (2. Korinther 
11). Sie beobachten: 

"Dies ist die Art Schrift, die der Erzbischof der römischen Kir¬ 
che im Laufe der Jahrhunderte bis in unsere Tage treu nachah¬ 
men wird. Bei solchen Schriften verlieren die Worte durch die¬ 
se Übertreibungen zwangsläufig ihre Kraft. Bereits hier ver¬ 
wischt das priesterliche Hirn die Ehre des Mannes mit der Au¬ 
torität des geistlichen Amtes. Gebildete Menschen fragen sich, 
ob hier die Wahrheit gesprochen wurde. Ihnen ist es egal, wer 
sie sprach. In der Kirche klammert man sich wiederum an die 
Namen. Unser Bischof weiß das und achtet sehr darauf, dass 
er nicht Anderen zugeschrieben wird." 

In einer anderen bemerkenswerten Passage schreiben Pierson und 
Naber: 


"Niemand kann leugnen, dass sich die christliche Religion von 
ihrer ersten Zeit an keineswegs unter Berücksichtigung der 
vorgeschriebenen Ansichten einwickelte, von denen man an¬ 
nimmt, dass sie für Paulus besonders geeignet waren. Wir se¬ 
hen zu keinem Zeitpunkt eine vom Galaterbrief herrührende 
Auswirkung. Die Kirche und selbst die Theologie ignorieren 
Paulus. Müssen wir daraus nicht schließen, dass er nie exis¬ 
tiert hat, da er nirgends wirkte? Sollen wir glauben, dass die 
Arbeiten des Paulus vergehen konnten ohne Spuren zu hinter- 



525 


lassen, also ohne, dass er in irgendeiner Hinsicht Einfluss auf 
die kirchliche Entwicklung nahm?" 

Ich kann nur bedauern, dass diese fähigen Gelehrten nicht den Ver¬ 
such unternommen haben, sich eine solche Anomalie und Absurdität 
der Literaturgeschichte zu erklären. Wenn Paulus im "zweiten Jahr¬ 
hundert" nicht wirklich bekannt ist, was zweifellos der Fall ist, gilt 
das auch für jedes spätere Zeitalter vor dem der Wiederentdeckung 
der Schriften. 

Warum sind die Episteln so schwer verständlich? 

Nun möchte ich noch einige Bemerkungen unserer Autoren zum 
völligen Scheitern der Bemühungen derjenigen anfügen, die die Pau¬ 
lusbriefe und das Neue Testament als frühe Dokumente des Chris¬ 
tentums angenommen haben. 

Hinsichtlich der Verworrenheit und Schwierigkeit der Episteln, wel¬ 
che angefangen mit dem Schreiber des 2. Petrusbriefes 3:16 12; schon 
immer die Anstrengungen der Kommentatoren erfordert und gebun¬ 
den haben, wird zu Recht die Frage gestellt, wie sich dieses merk¬ 
würdige Phänomen erklären lässt. 

Gemäß der Kirchentheorie haben wir es hier nicht mit einer Samm¬ 
lung von Mitteilungen für den eigenen Gebrauch des Schreibers zu 
tun, sondern mit Episteln an kürzlich gegründete Gemeinden von 
einfachen, unphilosophischen Menschen; geschrieben von einem 

127 Petrus 3:16: "wie er auch in allen Briefen davon redet, in welchen sind etliche 
Dinge schwer zu verstehen, welche die Ungelehrigen und Leichtfertigen ver¬ 
drehen, wie auch die andern Schriften, zu ihrer eigenen Verdammnis." 



526 


Mann, der keinen Anspruch auf Gelehrtheit erhebt. Wie kommt es, 
dass er so schwer zu verstehen ist? Ein großer literarischer Apostel, 
der nie schreiben gelernt hat - für die besten Exegeten ein unlösbares 
Rätsel. 

Die Paulusbriefe werden für historische Dokumente gehalten. Somit 
müssten wir zur Erklärung der Episteln in der Geschichte der Zeit 
forschen, in der sie geschrieben wurden. Wir können die Zeit jedoch 
nicht ohne die Hilfe dieser so verworrenen und schwer verständli¬ 
chen Episteln ermitteln! A muss durch B erklärt werden; B kann 
nicht ohne A verstanden werden und A ist unverständlich! 

Dann wird die Vorstellung, dass Paulus unachtsam diktierte, dabei 
den Faden verlor und es dann nicht für lohnenswert hielt, das Ge¬ 
schriebene zu überarbeiten und zu korrigieren, als sehr schwache 
Entschuldigung für die eklatanten Fehler in Sachen Grammatik und 
Logik abgetan. 

Die deutschen Schreiber sind hinsichtlich der Frage des jüdischen 
und heidnischen Christentums in völlige Verwirrung geraten, da sie 
nicht bemerkt haben, dass die Dokumente bloße literarische Zusam¬ 
menstellungen aus verschiedenen jüdischen und christlichen Vor¬ 
lagen sind. 

Die Episteln sind keineswegs die primitivsten Dokumente // Die 
Überzeugung, dass sie zur Zeit der "Wiederentdeckung" von der 
lutherischen Bewegung geschaffen wurden 


Die Professoren Pierson und Naber weisen darauf hin, dass das In- 



527 


teresse am Galaterbrief aus der Reformationszeit stammt. Die protestan¬ 
tischen Gelehrten der Gegenwart, die an den Episteln gearbeitet ha¬ 
ben, wissen jedoch aus schmerzlicher Erfahrung, dass der Galater¬ 
brief eines der härtesten Rätsel des Neuen Testaments ist, obwohl er 
auf den ersten Blick ein transparentes Dokument zu sein scheint. 

Dies gilt auch hinsichtlich vieler weiterer Einzelheiten. Bestand die 
Mehrheit der römischen Kirche aus jüdischen oder heidnischen 
Christen? Über diese Frage debattieren die gelehrten Deutschen bis 
zum heutigen Tage. Sie können weder die angesprochenen Personen 
ausmachen, noch den Zweck oder die Absicht der Epistel. Unsere 
beiden Autoren zeigen insbesondere, dass der sehr gelehrte Holtz- 
mann die Echtheit der Episteln nicht verteidigen kann und bei sei¬ 
nem Versuch lediglich fadenscheinige Mittel und Ausflüchte aufzu¬ 
bieten hat. Weiter verdeutlichen sie uns, dass die Schwierigkeiten als 
unüberwindbar anzusehen sind, sofern nicht die übliche und banale 
Interpretationsart aufgegeben wird. 

Unsere Kritiker schreiben, dass es irrtümliche Annahmen sind, wel¬ 
che die Grundlage all dieser Verwirrungen darstellen. Man nimmt 
an, dass im Neuen Testament etwas Primitives zu finden ist; jedoch 
ähnelt der Fall des Neuen Testaments dem einer Ruine, in welcher 
immer wieder Grabungen ausgeführt werden, ohne je die erste 
Struktur ausfindig zu machen, da die Älteste, die man findet, stets 
auf etwas wiederum älteres hindeutet. Die Annahme, dass das Neue 
Testament den Beginn des Christentums beinhaltet, muss verworfen 
werden, wie auch die alte Theorie der Inspiration gestürzt werden 
muss. Wir lesen dann diese bemerkenswerten Worte: 



528 


"Die von den meisten Menschen vertretene Ansicht, dass es im 
Neuen Testament etwas Primitives gibt, erreicht uns aus der 
Wiederentdeckung der Schriften und der Bewegung Luthers." 

Und weiter: 

"Was die ägyptischen Priester zu Herodot sagten: 'Eure Ge¬ 
schichte, Ihr Griechen, ist sehr jung', müssen wir nun auch auf 
die heiligen Schreiber ausweiten. Sie sind heute noch seltener 
als gestern." 

Noch einmal: Ich bedauere sehr, dass diese fähigen und unabhängi¬ 
gen Gelehrten nicht dazu verleitet wurden, die Frage der Chronolo¬ 
gie zu untersuchen, welche die Wurzel all dieser Illusionen ist. Nach 
ihrer Aussage über die "Wiederentdeckung" und Luther mutet die 
Bekundung seltsam an, dass sie glauben, der Römerbrief sei sechzig 
Jahre nach Christus geschrieben worden! Dies zeigt jedoch lediglich, 
dass ihr Hinterfragen noch nicht weit genug reicht und betreffs die¬ 
ser Frage gemeinsam mit der ganzen gelehrten Welt weiter vor sich 
hin schlummert. Wenn sie sich nur einmal selbst gefragt hätten, 
wann die chronologische Tabelle der Ereignisse des Neuen Testa¬ 
ments aufgestellt wurde und sie diesen Punkt dann mit dem glei¬ 
chen Scharfsinn untersucht hätten, den sie bei anderen Aspekten des 
Themas gezeigt haben, so hätte sie dies unweigerlich dazu geführt, 
das "16. Jahrhundert" als Ausgangspunkt für eine neue Untersu¬ 
chung des Ursprungs der katholischen Kirche herzunehmen. Zur 
Zeit der Veröffentlichung des in diesem Kapitel behandelten Buches 
befand ich mich jedoch in derselben Situation wie die beiden Auto¬ 
ren. Ich erkenne ihre Hilfe mit aufrichtigem Dank an und bezweifle 



529 


nicht, dass sie alles von mir Vorgebrachte aufrichtig berücksichtigen 
werden, wenn sie diese Zeilen zu lesen bekommen. 

Es mag wahr sein, dass Vieles älter als das Neue Testament ist, je¬ 
doch meiner Ansicht nach nicht um viele Jahre älter. Das Glaubens¬ 
bekenntnis ist älter; die eusebische "Kirchengeschichte" ist älter; und 
das Schlüsselbuch, die lateinische Liste der "Berühmten Männer", ist 
älter. All diese Bücher sind jedoch nach einem einzigen künstleri¬ 
schen Schema errichtet worden, was klar verstanden werden kann, 
wenn erst einmal die falsche Vorstellung überwunden ist, dass wir es 
hier mit Zeugnissen zu tun hätten. 

Die Heiligen Schriften und die katholische Kirche wuchsen ge¬ 
meinsam und stellen den Studierenden vor ein Problem 

Unsere Autoren fassen zusammen: "Das Wichtigste ist: Wir wissen 
nichts über die ersten Anfänge der christlichen Religion." Ich stimme 
mit ihnen in soweit überein: Die katholische Kirche hat ihren Ur¬ 
sprung in einer Geheimgesellschaft; und der Ursprung einer Ge¬ 
heimgesellschaft kann lediglich anhand dessen ertastet werden, was 
veröffentlicht wird und nur allmählich ans Licht kommt. Im Großteil 
war auch die weitere Entwicklung die einer Geheimgesellschaft - 
worauf sie auch selbst hinweisen. Unterdessen schritt die Kompositi¬ 
on eines Großteils ihrer Literatur weiter voran. Die Literatur selbst 
offenbart ihre jüngere Entstehung und die immensen Anstren¬ 
gungen, die man auf sich genommen hat, um diese Tatsache zu ver¬ 
bergen und der Welt den Glauben an ihr Altertum aufzuzwingen. 


Erst spät brachte die christliche Religion ihre vorzüglichste Lrucht, 



530 


Christus, hervor. Die verschiedenen Formen, die Christus annimmt, 
erkennen wir im Neuen Testament wieder. 

Dies bedeutet, dass die Literaten, welche die verschiedenen Ideale 
von Christus und Paulus konstruierten, ihren Entwurf nur allmäh¬ 
lich und auf dem Fundament der "Kirchengeschichte" ausarbeiteten, 
was ich hier bereits auf gezeigt habe. 

Wenn Sie aber bekunden: "Hier [im Neuen Testament] sehen wir, wie 
die katholische Kirche vor dem Konzil von Nicäa entstand, erblühte 
und zu einer großen Institution wurde", muss ich ihnen aufgrund 
des Bezuges auf die angebliche Zeit freilich widersprechen. Der My¬ 
thos des Konzils von Nicäa ist eusebisch - das heißt benediktinisch - 
und stammt aus dem 16. Jahrhundert. Das erste Konzil, an das wir 
glauben können, ist das von Trient (1546); und selbst dies hatte ge¬ 
mäß den Hinweisen katholischer Schreiber keine autorisierten kano¬ 
nischen Schreiber aufzubieten und überlieferte uns wahrscheinlich 
keinerlei echte Dokumente. 

Schließlich stimme ich mit den Autoren von "Verisimilia" dahinge¬ 
hend überein, dass "die Heilige Schrift und die katholische Kirche 
gemeinsam gewachsen sind". Ich hoffe, ich habe meinen Lesern 
durch allumfassende Beweise zeigen können, dass es nicht möglich 
ist, das eine vom anderen zu trennen oder den Ursprung von einem 
der beiden zu einem anderen Personenkreis als dem der literarischen 
Männer der Klöster zur Zeit der Wiederentdeckung der Schriften zu¬ 
rückzuführen . 



531 


Kapitel XIV 

Paulus al« j>ebrät«c|jer ©ele&rter 


Hebräische Buchstaben sind neuzeitlich 

Nun steht noch die wirklich radikale auf die paulinischen Schriften 
bezogene Frage aus; und zwar die des Ursprungs der hebräischen 
Buchstaben. Wir haben es mit einem Mann zu tun, der uns mitsamt 
all der Prahlerei über seine hebräische Herkunft und seine biblische 
Lehre präsentiert wird. Die Analyse der Schriften, die seinen Namen 
tragen, zeigt, dass sie auf hebräischen Gedanken und Empfindungen 
beruhen; teilweise biblisch und teilweise rabbinisch. All dies war 
schon vor langem bekannt. Besonders im Galaterbrief wird Paulus 
zum im christlichen Interesse allegorisierenden Rabbiner gemacht. 

Was jedoch noch nicht verstanden wird, ist die Frage der wahren 
Epoche des hebräischen Literaturbeginns - mit anderen Worten, des 
Aufstiegs einer Klasse von Literaten aus dem jüdischen Volk. Es ist 
eine bereits seit langem an Relevanz gewinnende Auffassung, dass 
die biblischen Bücher viel jünger sind als uns das die "Überlieferung" 
aus der Zeit der "Wiederentdeckung der Schriften" glauben machen 
will. 

Einige Kritiker wie Ernest Havet und Maurice Vernes haben einige 
der Bücher auf der Chronologie-Skala um viele Jahrhunderte herun¬ 
tergestuft. Auf diese Weise wurde das öffentliche Bewusstsein gewis¬ 
sermaßen auf die Schlussfolgerung vorbereitet, welche ich zu ver¬ 
künden wage und dergemäß die hebräische Literatur eindeutig eine 



532 


moderne Schöpfung ist. 

Ich kann das Thema an dieser Stelle nicht erschöpfend behandeln, 
sondern gehe bevorzugt auf die für meine Auffassung sprechenden 
Kernpunkte ein. Es ist absolut unmöglich, die Existenz hebräischer 
Bücher unter Juden weiter zurückzuverfolgen als bis zu der Epoche, 
die ich auf "vor etwa 400 Jahren" oder den Beginn des Zeitalters der 
Veröffentlichungen datiere. Man geht tatsächlich davon aus, dass das 
erste hebräische Buch etwas früher an einem Ort namens Soncino in 
der Nähe von Cremona gedruckt wurde. Der Studierende wird je¬ 
doch feststellen, wie auch zuvor, dass den Datierungen aus dem 15. 
Jahrhundert keineswegs zu trauen ist und die aus dem 16. Jahrhun¬ 
dert sehr zweifelhaft sind. 

Ich weise darauf hin, dass alle uns vorliegenden Angaben über von 
Hebräern verfasste hebräische Bücher Informationen aus dem 16. 
Jahrhundert sind. Ausschließlich aus dem Zeitalter der Veröffentli¬ 
chungen wird ein Lichtstrahl auf die vorherige Dunkelheit geworfen; 
und es ist ein Licht, das uns davon überzeugt, dass die hebräischen 
Buchstaben damals eine neuartige Erfindung waren. In christlichen 
Kreisen fällt es sogar schwierig, die schwachen Anfänge hebräischen 
Lernens in der ersten Hälfte unseres 16. Jahrhunderts nachzuweisen. 
Wenn die Datierung der Complutensichen Polyglotte korrekt sein 
sollte, dann war Hebräisch zu dieser Zeit nur einer begrenzten An¬ 
zahl von Mönchsgelehrten bekannt und wurde von ihnen keines¬ 
wegs ehrfurchtsvoll behandelt, sondern lediglich als ein Instrument 
kirchlicher Herrschaft genutzt. Ihre sogenannte lateinische Ausgabe 
ist keine Ausgabe oder Übersetzung, sondern eine Art Travestie der 
hebräischen Bedeutung. Ich kann mir zumindest nicht vorstellen. 



533 


dass so etwas hätte geschehen können, wenn die hebräischen Schrif¬ 
ten schon lange existiert hätten und ihre Bedeutung allgemein ver¬ 
standen worden wäre. 

Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass ich die Liste der "Berühm¬ 
ten Männer" als Schlüsselbuch des Systems der lateinischen oder 
christlichen Literatur erkannt habe. Gibt es ein entsprechendes 
Schlüsselbuch für das System der hebräischen Literatur? Zweifellos 
gibt es das, jedoch ist es nicht die hebräische Bibel, die von vorne bis 
hinten nicht eine Zeitangabe aufweist, welche für wissenschaftliche 
Zwecke verwendet werden könnte. Bücher, die angeblich von göttli¬ 
cher Autorität sind und eine Überlieferung von der Schöpfung an 
enthalten, lassen es zwangsläufig nicht zu, sie als sachliche Komposi¬ 
tionen zu datieren. 

Nun schließe man jedoch die Bibel und öffne das andere traditionelle 
Buch der Hebräer, für das keine göttliche Autorität beansprucht 
wird, womit dann alles klar wird. Die Kabbala beziehungsweise "das 
Überlieferte" erweist sich keineswegs als "Überlieferung", sondern 
als Erfindung der "Wiederentdeckung der Schriften". Das Schlüssel¬ 
buch ist das "Sepher Juchasin" beziehungsweise das "Buch der Ge¬ 
schlechts-Register", geschrieben in unpunktiertem Hebräisch. Es 
wird der Feder eines Sephardim beziehungsweise eines spanisch¬ 
portugiesischen Juden zugeschrieben, dem Rabbiner Abraham Za- 
cuth oder Zacuto. Obwohl dieses kleine Buch noch nie übersetzt 
wurde, ist sein Inhalt in verschiedene Zusammenstellungen einge¬ 
flossen und kann somit bequem konsultiert werden - z.B. in den la¬ 
teinischen Werken von Wolf oder Bartolocci. Das Buch soll nach un¬ 
serer Chronologie um das Jahr 1502 geschrieben worden sein. 



534 


Worum geht es nun in diesem Werk? Es behauptet, eine Geschichte 
der Ereignisse der Welt von der Schöpfung bis zur Zeit des Autors 
zu enthalten. Sie enthält insbesondere die Liste der angeblichen und 
zudem berühmten hebräischen Gelehrten und entspricht somit der 
lateinischen Liste, auf die ich hier so oft Bezug genommen habe. 

Sofern meine Leser Angaben zu Moses Maimonides oder einem an¬ 
deren berühmten Schreiber wünschen, so ist diese Liste oder eine 
der späteren auf ihr basierenden Listen zu konsultieren. Sie ist un¬ 
verzichtbar. Lalls es sich dabei um ein echtes Zeugnis aus antiker 
und mittelalterlicher Zeit handeln würde, dann wäre die hebräische 
Antike bewiesen. Handelt es sich dagegen, wie im Lalle der lateini¬ 
schen Liste, um eine bloße Erfindung, die entworfen wurde, um die 
Illusion der Antike zu erzeugen, so entlarvt dies das ganze Schriften- 
System als moderne Erfindung. Ich zögere nicht, zu verkünden, dass 
das "Buch der Geschlechts-Register", welches ich jeder möglichen 
Überprüfung unterzogen habe, eine Erfindung der "Wie¬ 
derentdeckung der Schriften" ist. Nicht nur, dass keinerlei frühe Auf¬ 
zeichnungen gefunden wurden, auf denen es basiert, sondern auch 
die späteren hebräischen Schreiber des "Zeitalters der Veröffentli¬ 
chungen" bestätigen die Annahme über den neuerlichen Ursprung 
des Systems vollständig. 

Alleine schon das Eingeständnis des einsamen Rabbiners Elias Levi- 
ta, von dem erzählt wird, dass er Luther in Rom unterrichtete, reicht 
aus, um die Wahrheit zu bestätigen. Inwiefern macht das Einge¬ 
ständnis Sinn, dass die Vokalzeichen neu sind, sich die geschriebene 
Sprache jedoch noch in einem groben und unvollkommenen Zu- 



535 


stand befindet? Und welchen Sinn macht das Eingeständnis, dass 
das Hebräisch als gesprochene Sprache aufgehört hat, die Volksspra¬ 
che zu sein und zum bloßen Besitz von Literaten wurde? Es bedeu¬ 
tet, dass das Hebräische das jüngste Kunstwerk der literarischen 
Männer war. Die Rabbiner befanden sich in derselben wider¬ 
sprüchlichen Lage wie auch alle anderen priesterlichen Gelehrten. 
Sie mussten das hohe Alter und die Heiligkeit von Büchern aufrecht¬ 
erhalten, von denen sie wussten, dass sie neu und menschlichen Ur¬ 
sprungs waren. Wie üblich flüchtet die Wahrheit vor dem eingeweih- 
ten Auge. Vermutlich war es auch vorgesehen, dass sie einigen der 
erleuchteteren und wahrheitsliebenden Gelehrten entflieht. 

Wenn ein Autor wie der Kanonikus Driver viele Beispiele heranzie¬ 
hend bekundet, dass den Aussagen von Elias und anderen Rabbi¬ 
nern über ihre Literatur nicht vertraut werden kann, dann lautet die 
Antwort, dass, bei allem Respekt, ein Kanonikus der anglikanischen 
Kirche keineswegs in der Position ist, die Heiligen Schriften kritisch 
zu bewerten; und das gelte ebenso für einen jüdischen Rabbiner. Mit¬ 
tels der analytischen Methode können wir uns die Wahrheit jedoch 
direkt aus den Widersprüchen der Rabbiner erschließen. 

Die Erzählungen von "palästinensischen" und "babylonischen" Schu¬ 
len sind lediglich Fabeln. Ich ging einmal davon aus, dass es im 11. 
oder 12. Jahrhundert unserer Chronologie spanische Hebräisch- 
Schulen gab. Als ich jedoch die Fabel von Zacutos Schaffen entdeck¬ 
te, stellte ich fest, dass diese Vorstellung ebenfalls aufgegeben wer¬ 
den muss. Ich kann bis 1492, als die große Vertreibung aus Spanien 
stattgefunden haben soll, auch nichts konkretes über eine jüdische 
Kultur ausmachen. Die hebräischen Berichte über dieses Ereignis 



536 


sind sehr dürftig und scheinen in der Mitte des 16. Jahrhunderts nie¬ 
dergeschrieben worden zu sein. 

Ein anderes zum Verständnis des Aufstiegs der hebräischen Litera¬ 
tur sehr wichtiges Buch ist die Chronik, die dem Rabbi Joseph ha- 
Kohen zugeschrieben wird, einem Sephardim, der in Avignon und 
Genua im Exil gelebt haben soll. In ihm finden wir einen Mann, der 
fähig wäre, eine Bibel zu schreiben; so gründlich ist er mit poetischen 
hebräischen Bildern durchdrungen. Er ist einer der besten Führer 
durch die Bibel und da sein Werk ins Englische übersetzt wurde, 
sollte es von Allen studiert werden, die an der Wahrheit interessiert 
sind. Er ist ein starker indirekter Zeuge gegen das antike Alter he¬ 
bräischer Buchstaben. 

Die nächste Tatsache, um welche die Beweissumme addiert werden 
muss, ist der schlechte Textzustand der früh gedruckten hebräischen 
Bibeln. Können Sie sich vorstellen, dass ein Text, der so lange in Ge¬ 
brauch war und eifersüchtig von den Pastoren und Machthabern be¬ 
wacht wurde, so voller Irrtümer und mit allerlei Anzeichen von Hek¬ 
tik und Hast aus der Druckpresse kommt? Dies ist für mich undenk¬ 
bar. Kurz gesagt, wäre es bemitleidenswert, dieses Argument zu be¬ 
mühen. Es ist wie folgt: Das Phänomen hebräischer Buchstaben wäh¬ 
rend des Zeitalter der Veröffentlichungen (beziehungsweise wäh¬ 
rend des 16. Jahrhunderts) verbietet uns zu vermuten, dass es sich 
dabei um eine wesentlich frühere Erfindung handelt. 

Nochmals: Nach der christlichen Überlieferung, welche meine Leser 
in den Handbüchern finden, war der erste christliche Gelehrte, der 
von jüdischen Lehrern Hebräisch lernte, kein anderer als unser be- 



537 


rüchtigter oder imaginärer Hieronymus - das Sprachrohr der Mön¬ 
che des Zeitalters der Veröffentlichungen. 

Und erneut: Wenn wir verstehen, dass die "Hieronymus"-Werke aus 
dieser Zeit stammen, dann lösen sich einige Nebelschwaden auf und 
so manches Rätsel lässt sich lösen. Durch diesen imaginären Gelehr¬ 
ten erfahren wir, dass die Mönche unpunktiertes Hebräisch vor sich 
hatten und folglich dasselbe Wort als "Roim" (Hirten) oder als "Reim" 
(Liebhaber) hätten lesen können; oder wiederum ein anderes Wort 
entweder als "Salem" oder "Salim", da "die Hebräer sehr selten Voka¬ 
le verwenden und die Worte je nach Laune der Leser und Vielfalt der 
Regionen unterschiedlich ausgesprochen werden". Das hebräische 
Wort "DBR", ohne Vokale, könnte als "Dabar" (Wort) oder als Daber 
(Plage) verstanden werden. SM kann sowohl als sam (platziert?) 
oder als sham (dort) aufgefasst werden u.s.w. ("Hieronimus 1 Brief an 
Damasus", 125; "Zu den Evangelien", 126; "Kommentare zur veritas 
Hebraica", 111., 5 u.s.w.). 

Ferner können wir ausschließlich aus dem Talmud erfahren, was sich 
die jüdischen Gelehrten wünschten, was ihre Anhänger bezüglich 
der Bibel glauben sollten 12S . Sicher ist, dass die Sammlung sogenann¬ 
ter jüdischer Überlieferungen erst im frühen Stadium des "Zeitalters 
der Veröffentlichungen" bekannt wurde, als sie von christlichen Ge¬ 
lehrten als völlig unvereinbar mit dem Christentum angeprangert 
wurde. Die talmudischen Traktate beweisen, dass die hebräische 
Kalligraphie noch immer unvollkommen war und zudem für viele 
Passagen noch keine korrekte Lesart festgelegt wurde. Die guten 
Rabbiner verhüllen ihre kritischen Beobachtungen, wie auch sich 


128 Die Rabbis bestimmen die Bibelauslegung 



538 


selbst, in dem Bild der "Tradition des Moses vom Berg Sinai". 

Die Masora (Überlieferung) ist lediglich eine weitere Tarnung der Er¬ 
findungen der hebräischen Schriftenmänner. Wir kommen dazu 
nicht über die Aussagen aus dem "Brauch der Weisen von Tiberias" 
hinaus, von denen die Masoreten gekommen sein sollen und welche 
die Punktierung weiter gegeben hätten. 

Das ist im Wesentlichen die gleiche Aussage, die von Elias Levita 
wiederholt wird. Jedoch spielen sie in diesen Fabeln nicht auf ir¬ 
gendein Tiberias in Syrien an. Erst wenn die angeblichen Eigenna¬ 
men in der hebräischen Literatur einer kritischen Überprüfung un¬ 
terzogen wurden, können wir mutmaßen, was wirklich gemeint ist. 

Aber ich muss meine Leser der gelehrten Klasse auf die Rabbinische 
Bibel, Bömberg, Venedig (datiert 1518-1526) und Elias Levita verwei¬ 
sen, um den weiteren und detaillierten Nachweis dessen zu führen, 
was ich in Bezug auf den neuartigen und plastischen Zustand der 
hebräischen Buchstaben zur Zeit der "Wiederentdeckung" dargelegt 
habe. Es steht außer Frage, dass das Ganze eine europäische Angele¬ 
genheit ist. Ob aber die jüdischen Gelehrten ihre Arbeit in Spanien, 
Frankreich oder in Italien begannen, ist eine Frage, an die ich mich 
noch nicht vollends heranwagen möchte - zumindest nicht bevor ich 
alle möglichen Beweisstücke einer genauesten Prüfung unterziehen 
konnte. 

Ich merke noch an, dass der jüdische Klerus, wie auch der lateini¬ 
sche, mehr darauf bedacht war, die Öffentlichkeit mit Diskussionen 
über lächerliche Kleinigkeiten in ihren Texten zu amüsieren und ab- 



539 


zulenken als sie sich mit der gewichtigen Frage auseinandersetzen 
zu lassen, ob ihre Theorie der Geschichte wahr und vertrauenswür¬ 
dig ist. Jegliche klerikale Institutionen ließen uns lernen: "Die 
Mücken siebt ihr aus, und die Kamele verschluckt ihr." (Matthäus 
23:24). 

Meine Leser mögen über die Ergebnisse erstaunt sein, zu denen ich 
sie mittels der kritischen Untersuchung geführt habe. Ich hingegen 
kann mir erlauben - als Autor, der vielerlei Schmähungen ausgesetzt 
ist - mein Erstaunen darüber zu bekunden, dass kein Kritiker ein 
hinreichendes Interesse an dem Studium des Themas zeigte, um so 
die sehr einfachen Tatsachen zu entdecken, die ich in Bezug auf den 
Aufstieg der hebräischen Literatur offengelegt habe. Es wird gewiss 
kein Opponent auftreten, der in der Lage ist, meine Darlegungen zu 
widerlegen. Ich gehe jedoch mit Sicherheit davon aus, dass Andere 
meinen Wegmarken folgen und der Öffentlichkeit klar machen wer¬ 
den, dass die hebräischen Buchstaben möglicherweise eine noch jün¬ 
gere Erfindung sind, als ich zum jetzigen Zeitpunkt annehme. 

Schweren Herzens, gehe ich nun von diesem faszinierenden Thema 
zu der Frage über, die ich besonders behandeln muss. War eine Ge¬ 
stalt wie jener Saulus-Paulus jemals der jüdischen Überlieferung 
oder aber der jüdischen Literaturkunst bekannt? Meine Leser haben 
die negative Antwort erwartet; und so soll es auch sein. 

Ein jüdischer Gelehrter, dem von klein auf von einem Rabbi jegliche 
Weisheit des Rabbinertums gelehrt wurde, war einer der großen 
Gründer der neuen Religion; und doch wusste die jüdische "Überlie¬ 
ferung" nichts über jenen Meister oder Gelehrten! Es ist ein unerträg- 



540 


licher Humbug. Ein Verfolger der entstehenden christlichen Kirche! 
Mittels welcher Macht hätten die Juden, wie sie uns bekannt sind, je¬ 
mals auf irgendeine rechtliche Weise oder im üblichen Sinne des 
Wortes die Christen verfolgen können? Oh, welch' Torheit! Die jüdi¬ 
sche Gemeinschaft, wie sie die Welt heute vor sich hat, ließ sich stets 
gewaltsam unterdrücken, hatte jedoch nie die eigene Macht, selbst 
gewalttätig zu unterdrücken. Niemals war es anders! Es ist absurd, 
ein Thema zu diskutieren, das jedweder Grundlage entbehrt. 

Schließlich werden meine Leser mir die Frage stellen, wieso die im 
Interesse der katholischen Kirche tätigen Schreiber (also die Mönche) 
das Ideal eines bekehrten Juden erfanden, der ihr größter Apostel 
wurde. Die Antwort lautet, dass es für ihr System fundamental wich¬ 
tig war, die Juden indirekt zu den Gründern der Kirche zu machen. 
Bei Polydor lesen wir: "Wir wünschen uns, dass sie ausgerottet wür¬ 
den, jedoch können wir ohne ihre Bücher nicht weitermachen". Wie 
wahr! Und das ist einer der Sätze, die das ganze paulinische Rätsel 
auflösen. 

"Paulus ist ein Jude", sagen alle. Er ist ein Katholik, sagen alle Katho¬ 
liken. Er ist ein Protestant, sagen alle Protestanten. Der fatale Beweis 
ist jedoch, dass die Juden keinen Saulus-Paulus besitzen. Sie lieferten 
dem Einfallsreichtum der kreativen Mönche lediglich den Namen 
Saul, welcher ein eroberungslustiger König aus dem Stamme Benja¬ 
min gewesen sein soll, der andere verfolgen ließ. 

Sowohl als hebräischer als auch als römischer Bürger ist Paulus 
hauptsächlich eine Allegorie für die Konstruktion der katholischen 
Kirche. Aufgrund dessen, dass es enorm schwierig ist, das geheime 



541 


Leben dieser dunklen Zeit vor vierhundert Jahren zu durchdringen, 
können wir hinsichtlich des Ablaufs lediglich Vermutungen anstel¬ 
len. 

Die aus Spanien zerstreuten jüdischen Gelehrten beschäftigten sich 
mit ihrer gesetzgeberischen und poetischen Literatur, wobei sie 
zweifellos Großes leisteten. Der mysteriöse und beeindruckende In¬ 
halt der Bücher erregte Aufmerksamkeit und Neid. Der Erfolg, die 
zerstreuten jüdischen Familien zu einer Gemeinschaft zusammen zu 
schweißen, ähnlich wie beim Islam, inspirierte zur Nachahmungen 
eines ähnlichen Unternehmens. Auf die militärischen Gesellschaften, 
die sich zum Zwecke des Widerstands gegen die Orientalen bildeten, 
folgte das geistig-militärische Bündnis der Mönche. Ihr Ziel war es, 
das jüdische Volk zu verfolgen, zu unterdrücken und dessen heilige 
Bücher für den genau entgegengesetzten Zweck zu verwenden, zu 
dem sie entworfen wurden. Ich vermute, es gibt in der hebräischen 
Bibel in verschleierter und allegorischer Form Anspielungen auf die¬ 
se Bündnisse gegen das Volk, möglicherweise auf den Aufstieg des 
Mönchtums (die K'morim - hebräisch: D"pn - Lehrer, Dozenten, Tu- 
toren) und des Papsttums. Der bösartige Entwurf wurde umgesetzt. 
Ihm verdanken wir die Gestalt des ehemaligen Verfolgers und Apo¬ 
stels. 

Ich kann mir schlecht vorstellen, dass jemals ein jüdischer Gelehrter 
mit starkem Verstand und hoher Bildung von einem der Argumente, 
welche man diesen angeblichen, jüdischen Apostel oder einen seiner 
Freunde anführen ließ, von seinem eigenen einfachen Glauben abge¬ 
bracht, bekehrt und zur Konvertierung zum Christentum gebracht 
werden könnte. Indem sie aufzeigen, aus welchen Quellen und zu 



542 


welcher Zeit man sich der hebräischen Grundlage bediente, könnten 
jüdische Gelehrte nach dem Vorbild Bernays noch viel zur produkti¬ 
ven Analyse der Episteln beitragen und so die generelle Richtigkeit 
meiner Behauptung hinsichtlich der Modernität hebräischer Schrift¬ 
zeichen und der Ursachen dieses Aberglaubens an ihre angeblich im¬ 
mense Antike feststellen, welche nun vor der gelehrten Welt zerbrö¬ 
ckelt. 



543 


«upticl xv 
fajit 


Zu dieser Untersuchung hat mich eine schmerzhafte und äußerst 
beunruhigende Neugierde veranlasst, die mich nach meiner 
langjährigen Tätigkeit als Lehrer wissen lassen wollte, was ich als 
wahres Christentum lehren sollte. In gewisser Hinsicht war das 
Ergebnis eine bittere Enttäuschung. Statt auf eine solide Basis von 
bezeugten und anerkannten Tatsachen zu stoßen, entdeckte ich aus¬ 
nahmslos klare und unwiderlegbare Beweise für die Schemata und 
Mittel einer geheimen literarischen Gesellschaft, deren dreiste 
Behauptungen immer wieder ihren eigenen Schriften widersprechen. 

"Denn solches ist nicht im Winkel geschehen" soll Paulus gesagt 
haben. Es wurde aber tatsächlich im Verborgenen fabriziert, sodass 
wir im Großen und Ganzen lediglich von den Klöstern sprechen 
können, welche die Zentralstellen der literarischen Konstrukteure 
waren. Wir kennen den Paulus-Ausspruch "Sie achten Fabeln, die 
nicht stimmen", wobei hier das ganze System eine listig erfundene 
Fabel darstellt. Gerade der Apostel, der so eindringlich betont, dass 
er die Wahrheit sagt, nicht die Lüge, dient uns als Beispiel frommster 
Verlogenheit. Wir haben es dabei mit angeblichen Episteln zu tun, 
die sich völlig von allem unterscheiden, was ein Mensch, der noch 
Herr seines Verstandes ist - von einem großen Lehrmeister ganz zu 
schweigen -, an seine Freunde schreiben würde. Sie beweisen, dass 
wir es hier bloß mit einer Zusammenstellung theologischer und 
ethischer Fragen zu tun haben, die so konfus und widersprüchlich 
sind, dass man sich häufig nicht im Klaren sein kann, ob es sich bei 



544 


der Person, die ihre Worte an uns richtet, um einen jüdischen Rabbi, 
einen katholischen Priester oder einen verheirateten protestantischen 
Geistlichen handelt. 

Man lernt, an diese Schriften zu glauben, sie zu verteidigen und die 
Kirche als ideale, zumindest aber als ruhmreiche Institution zu 
betrachten, die frei von Makeln ist. Unsere Entdeckungen können 
wir nicht ohne den damit einhergehenden Schmerz verarbeiten. 
Instinktiv und aus alter Zuneigung befindet sich mein Platz unter 
ihren Dienern oder Verbündeten. Dennoch bleibt es die Pflicht eines 
jeden Literaturkritikers, nicht minder ernst und streng vorzugehen, 
als es ein Richter auf seiner Bank zu tun pflegt. Als Kritiker zwingt 
mich mein Gewissen dazu, eine Institution zu verurteilen, die sich 
versündigt hat und durch Mitschuld an so viel Falschheit und Betrug 
hoffnungslos entartet ist. Es braucht eine neue Reformation. Die 
Kirche ist noch immer die mächtigste literarische Organisation der 
Welt. Sie kann noch immer viel für die Sabotage des einsamen 
Studierenden tun, dessen Aufgabe es ist, die wissenschaftliche 
Wahrheit zu verkünden; jedoch hoffe ich auf Besseres. 

In dieser Zeit brodelnder intellektueller Aktivität kann der Tag nicht 
fern sein, an dem der Klerus selbst erkennt, dass eine Institution, die 
auf blindem Glauben an eine falsche Überlieferung beruht, die 
Quelle endlosen Übels in ihrem eigenen Körper und der von ihr 
beherrschten Gesellschaft ist. Er wird ferner erkennen müssen, dass 
es notwendig ist, zu den großen moralischen Prinzipien der 
wahrhaftigen katholischen und universellen Bedeutung 
zurückzukehren, die in den Herzen der Menschen geschrieben steht 
und keine gefälschte Geschichte benötigt, da sie ihr eigener Zeuge ist 



545 


und sich selbst bestätigt. Diese Selbstbestimmtheit braucht keine 
Unterstützung imaginärer oder großer Namen. 

Ich will nicht so verstanden werden, als würde ich die Nutzung von 
Fiktionen zur Vermittlung fundierter Lehren an die Masse ablehnen - 
im Gegenteil. Ein solches Mittel ist sowohl praktisch als auch 
notwendig. Aber die Überzeugung wächst und wird weiter 
gedeihen, dass sich dieses paulinische Vehikel abgenutzt und 
erschöpft hat, wie auch das biblische im Allgemeinen - obgleich es 
nicht obsolet geworden ist. Ich denke, dass die damit vermittelte 
Substanz der Lehre nicht mehr heilsam für die Welt ist. 

Ich habe mich bemüht, die Ansprüche der Leser zu befriedigen, die 
einen ausgeprägten Sinn für Wahrheit und Wissenschaft haben. 
Dabei richte ich mich an Menschen, die ihren Geist von solch großen 
Illusionen befreien wollen, wie denen, die mich das Schicksal hat 
aufdecken lassen. Da niemand meinen sollte, dass meine Darstellun¬ 
gen übertrieben sind, möchte ich auf einige bemerkenswerte 
Passagen in einem Werk aufmerksam machen, das einem der 
fähigsten und meiner Ansicht nach respektabelsten englischen 
Geistlichen zugeschrieben wird. 

Ich beziehe mich auf die 1696 unter dem Namen Richard Baxter 
veröffentlichte Schilderung der denkwürdigsten Abschnitte seines 
Lebens und der Zeit, in der er lebte. Der Autor schreibt: 

"In meinem Glauben an die Geschichte bin ich heute 
viel vorsichtiger als bisher. Nicht, dass ich der Extreme 
derer verfalle, die nichts mehr glauben, da sie nicht 



546 


alles glauben können. Jedoch bin ich zufrieden mit 
den Erfahrungen dieses Zeitalters, dergemäß es keinen 
Glauben an zwei unterschiedliche Arten von 
Menschen gibt; an gottlose und unvollkommene 
Menschen. Obwohl man sich keinen rechtschaffenen 
Heiden vorstellen kann, der nicht von Vorurteilen 
gegenüber Religion eingenommen ist, ist ein verdorbe¬ 
ner Christ, neben seiner Feindseligkeit gegenüber der 
Macht und Praxis seiner eigenen Religion, selten ohne 
Vorurteile gegenüber Ansprüchen oder Kiingeleien; 
vor allem, wenn diese harmonieren und ein Mann, der 
sowohl gottlos als auch ehrgeizig ist, ein Interesse 
hegt, das einem heiligen himmlischen Leben 
widerspricht; und er sich verschwörerisch einer Sekte 
oder Fraktion anschließt, die seinem Geist und seinem 
Wesen entspricht. In das Wort oder den Eid eines 
solchen Mannes kann es kein Vertrauen geben." 

"Die erstaunlichen Lügen, die in unserer Zeit zu 
wichtigen Sachverhalten veröffentlicht wurden, selbst 
wenn tausende oder eine Vielzahl von Augen- und 
Ohrenzeugen wussten, dass das alles nicht stimmt, 
fordern die Menschen auf, darauf zu achten, welche 
Geschichte sie glauben, besonders dort, wo Macht und 
Gewalt den Reporter insoweit privilegieren, dass es 
niemand wagt, ihm etwas zu entgegnen oder seinen 
Betrug aufzudecken; und falls es doch jemand tut, 
werden dessen Schriften unterdrückt." 



547 


"Gewissenhafte Menschen wagen es nicht, zu lügen, 
aber Uneinigkeit und Vorteilsdenken mindern die 
Sensibilität des menschlichen Gewissens... Ich weiß, 
dass die offensichtlich heimtückischen Lügen der 
Papisten von Luther, Zwingli, Calvin und Beza 
vollkommen im Widerspruch zu den allgemeinen Be¬ 
weisen stehen; aber dennoch glaubt ihnen die Masse 
der Verführten - ungeachtet der Wahrheit und 
Nächstenliebe. So wurden in diesem Zeitalter 
offenkundige Lügen über Vereinigungen und 
Personen geschrieben, die der jeweilige Schreiber 
verhasst machen wollte, dass man meinen müsste, ihr 
Ehrgefühl würde es unmöglich zulassen, diese Dinge 
zu Papier zu bringen. Mit meinen eigenen Augen habe 
ich habe solche Worte und Taten gelesen, in Form von 
Behauptungen, die wiederholt mit vehementer und 
schamloser Zuversicht geäußert wurden, bei denen 
die Fülle der Leser und Hörer - selbst die ihrer eige¬ 
nen Fraktion - wissen muss, dass sie alle falsch sind. 
Da ich nun meine eigene Geschichte 
niedergeschrieben habe, erwarte ich, ungeachtet 
meiner Proteste und da ich in nichts willentlich gegen 
das Gebot der Wahrheit verstoßen habe, nicht mehr 
Anerkennung als dass Menschen, die nicht mit dem 
Autor vertraut sind, sich auf die inneren 
selbstentlarvenden Beweise der Angelegenheit 
beschränken, unter Beachtung der gleichzeitigen 
rationalen Vorteile von Personen, Dingen und anderen 
Zeugen sowie unter Berücksichtigung der weiteren 



548 


Beweise für deren Glaubwürdigkeit und 
Aufrichtigkeit." 

Ich betrachte diese bemerkenswerten Eingeständnisse als einen 
durchdringenden Lichtstrahl auf die gesamte Kirchengeschichte und 
die ersten Kirchenbücher, die in ihrem Ursprung eindeutig künstlich 
und daher fiktiv sind. In Wahrheit kann man sagen, dass die Kirche 
an dem Tag zu existieren aufhört, an dem sie aufhört, eine Einheit 
gegen die Juden zu sein. 

Ich möchte noch ein paar Worte des berühmten englischen 
Gottesmannes Tillotson zitieren, da sie mir bezüglich dieser falschen 
Paulus-Legende so treffend erscheinen. Er predigt: 

"Die Wahrheit steht immer mit sich selbst im Einklang und 
muss durch nichts unterstützt werden. Sie ist immer da. Wir 
haben sie auf den Lippen und sie ist zu erklingen bereit, noch 
bevor wir uns dessen gewahr werden; während die Lüge 
beschwerlich ist und die Erfindung eines Menschen auf den 
Thron setzt. ... Es ist als würde man auf einem falschen 
Fundament bauen, welches permanent durch weitere 
Elemente gestützt werden muss. Dadurch ist es schließlich 
wesentlich anfälliger als würde man ein substantielles 
Gebäude auf einem wahrhaftigen und soliden Fundament 
errichten. Aufrichtigkeit ist stabil und langlebig. Sie birgt 
nichts anfälliges oder ungesundes. Da sie schlicht und klar ist, 
braucht sie keine Entdeckung oder Enthüllung zu fürchten, 
deren Gefahren der listige Mann sich ständig ausgesetzt sieht. 
Während dieser meint, im Dunkeln zu wandern, sind alle 



549 


seine Vortäuschungen jedoch so transparent, dass man sie 
tatsächlich sehr einfach erkennen kann. Er ist der letzte, der 
merkt, dass man ihn längst durchschaut hat; und während er 
es für selbstverständlich hält, andere zum Narren zu halten, 
gibt er sich letztlich selbst der Lächerlichkeit preis." 

Solche Aussagen wie die des Erzbischofs sind gewiss nicht aus dem 
Studium des Paulinismus abgeleitet und auch nicht mit den Paulus- 
Schriften in Einklang zu bringen. Diese männlich-englische Predigt 
über die Vorteile von Wahrheit und Aufrichtigkeit ist unendlich viel 
mehr wert als die gesamte apostolische Überlieferung; und dies ist 
vielleicht die schärfste Art der Kritik, die gegen die fraglichen 
Episteln vorgebracht werden kann. 

In dem ruhigen Bewusstsein, dass ich mein Bestes gegeben habe, um 
die Wahrheit zu ermitteln und dabei einen nützlichen Beitrag zur 
vernachlässigten Wissenschaft der Episteln geleistet habe, muss ich 
diesen Aufsatz jetzt der Intelligenz und Objektivität meiner Leser 
überlassen. 



550 



551 


Jtac&ttag 


Es dürfte sinnvoll sein, einige weitere Hinweise zum Zustand der 
Literaturkultur (oder der Unkultur) nach dem Jahr 1533 zu liefern. 

Die Ermittlung tatsächlicher Datierungen ist nicht einfach. In dem 
Vorwort zu Polydor Vergils Arbeit "Über die Erfinder" finden wir 
eine heftige Denunziation von Fabeln und Aberglauben sowie das 
Versprechen, die strikte Wahrheit über die im Werk beschriebenen 
Erfindungen zu sagen, um so zu unterstreichen, dass er mit seinen 
Huldigungen keineswegs die Absicht hegt, irgendjemanden zu 
betrügen. Der Autor erklärt, dass er der erste und einzige wäre, der 
sich an das Thema gewagt hätte, seit Plinius dies in seiner 
"Naturgeschichte" (Band 7) mit Leichtigkeit und zumal sehr 
eindrucksvoll behandelte. Das nun abgeschlossene Vorhaben wird 
als sehr mühevoll beschrieben. Dieses Vorwort ist datiert mit Urbino, 
Nones von Augustus MCCCCXCIX. Könnten wir uns darauf 
verlassen, so wäre dies eine wertvolle Datierung. Der Vergleich mit 
anderen Zeitangaben zeigt uns jedoch, dass wir es hier mit einem 
der zahlreichen Fälle des Vordatierens zu tun haben. In der vierten 
Ausgabe des Werkes gibt es ein weiteres Vorwort, in dem der Autor 
den Ursprung der christlichen Religion behandelt. Dies ist datiert 
mit Nones vom Dezember, London MDXVII. Nur wenige Seiten 
später verweist der Autor auf etwas, das im Jahr 1533 stattgefunden 
hatte (verwendet werden dabei arabische Ziffern). Darüber hinaus 
spielt er auf seine "Englische Geschichte" an, deren Widmung für 
Heinrich VIII. auf das Jahr 1533 datiert wird. Möglicherweise sind 
die Vorworte lediglich Fiktionen der Buchhändler. 



552 


Die Arbeit selbst ist ziemlich unkritisch. Der Autor unternimmt 
hinsichtlich ihres Alters und der Quellen keinen Versuch, zwischen 
klassischen und christlichen Autoren zu unterscheiden. Er beginnt 
mit dem Ursprung der Götter und dem Namen "Deus". Der erste 
zitierte Schreiber ist der Apostel Paulus (2. Korinther 11): "Satan ver¬ 
stellt sich zum Engel des Lichtes" - soll heißen, Gott, der Licht ist. 
Und dies soll das Dogma beweisen, dass böse Dämonen Götter 
verkörpern. Und die Apostel (Matthäus 14) hatten Angst vor dem, 
was sie auf dem Wasser als Gespenst betrachteten. Dann heißt es, 
dass Christus in Matthäus 18 zweifellos von Schutzengeln lehrt. Für 
die korrekte Auslegung wird "der heilige Hieronymus" zitiert. 
Demnach hätte jede Seele von Geburt an ihren eigenen Schutzengel. 

Weiter werden die Ansichten der griechischen und römischen 
Philosophen untersucht. Zur wahren Lehre des einen und ewigen 
Gottes werden daraufhin zitiert: Macrobius, Jesaja, Cicero, der 
heilige Hieronymus, Vergil, Ovid, Platon und der heilige Ambrosius! 
Uns werden einige fantastische Etymologien von "Deus" angeboten. 
Wir sehen hier die künstliche Natur der katholischen Theologie, die 
stückweise aus den Ansichten der Philosophen erzeugt wurde. Wie 
alt die Schriften der Philosophen tatsächlich sind, wissen wir nicht. 

Zum Ursprung der Menschheit werden die Aussagen der Philoso¬ 
phen zitiert. Dabei wird behauptet, dass die "Heilige Schrift" die 
wahrhaftige Darstellung enthält und dass der erste Mensch unter 
den Juden geboren wurde! Die Quellen sind hierbei der jämmerliche 
"Josephus", dessen mönchisches Werk, das durch und durch neuzeit¬ 
lich ist, aus jüdischen Schriften auch des Alten Testaments erstellt 
wurde; und weiter Ovid, der heilige Hieronymus und Lactantius. 



553 


Zum Ursprung der unterschiedlichen Sprachen tischt man uns dann 
wieder den heiligen Hieronymus auf, gefolgt von Vergil und wieder¬ 
um Josephus. Diese Vorliebe für Josephus' Angaben zur Bibel ist ei¬ 
ner der Gründe dafür, dass sich das Unverständnis der hebräischen 
Bibel etablierte. Der Mönch "Eusebius" wird ebenfalls in den Verdre¬ 
hungen des Hebräers zitiert. 

Polydor fährt damit fort, das Sprachrohr der Mönche zu sein. Er zi¬ 
tiert den heiligen Hieronymus für das Diktum, demzufolge Adam 
und Eva Jungfrauen im Paradies waren, welche die Ehe durch Ver¬ 
sündigung eingingen. Wir finden keinerlei Anzeichen dafür, dass der 
Autor eine hebräische oder eine lateinische Bibel zur Hand hatte. 

Zur Frage nach dem Ursprung der Schriften werden die Geschichten 
über Merkur und Kadmos angeführt. Dabei wird erneut auf den un¬ 
verzichtbaren Josephus zurückgegriffen, da die Griechen vor Homer 
keine Schriften hatten, was Cicero und Eusebius jedoch bestreiten. 
Der Mönch teilt mit, dass Moses lange vor Kadmos existierte und 
den Juden Schriften übergab, die sie den Phöniziern überreichten; 
welche sie dann wiederum in die Hände der Griechen gaben. Weiter 
präsentiert man uns die alberne Geschichte von Josephus, dergemäß 
die Söhne von Seth astrologische Daten auf zwei Säulen geschrieben 
haben, welche aber durch die Flut verloren gegangen sein könnten! 

Dann haben wir das indirekte Eingeständnis, dass die hebräischen 
Buchstaben neu sind, was von den Rabbinern des 16. Jahrhunderts 
ausführlich bestätigt wurde. "Wie Eusebius sagt, sind es zweiund¬ 
zwanzig. Wenn wir dem heiligen Hieronymus glauben wollen, sind 
sie neu und von Esra erfunden." 



554 


Die Mönchsquellen des Eusebius behaupten, dass der Ursprung der 
Poesie bei den Hebräern liegt, noch lange Zeit vor den Griechen, da 
der große Moses, Herrscher der Hebräer, nach der Überquerung des 
Roten Meeres eine Danksagung in Hexametern verfasste. David 
komponierte auch Trimeter und Cinquemeter, was erneut von 
Josephus stammt! Der heilige Hieronymus verbindet Horaz und 
Pindar mit dem Deuteronomium, Jesaja, Salomon und Hiob, als 
wäre das Deuteronomium ein Mann, der in Hexametern und 
Pentametern schrieb! Es wird jedoch nicht behauptet, dass die 
Hebräer etwas mit Grammatik oder Tragödie, Komödie und Satire 
zu tun hatten. 

Aber Moses durfte der erste Historiker sein, 783 Jahre vor der ersten 
Olympiade! Die Rhetorik durfte er jedoch nicht erfinden. Der 
hebräische Tubal, Sohn von Lamech, durfte der erste Musiker sein 
(wieder Josephus). David erfand verschiedene Instrumente. Die 
Philosophie kam von den Hebräern; und Platon lernte von ihnen die 
Unterteilung in Physik, Dialektik und Ethik! Abraham lehrte die 
Ägypter die Astrologie sowie Arithmetik und Geometrie. Gewichte 
und Maße wurden von Adams Sohn Kain eingeführt. 

Nach einer kurzen Anspielung auf die Olympiade der Griechen 
sowie den Glanz und die Annalen der Römer, welche die Anzahl der 
Jahre festhielten, indem sie Nägel in die Wand des Tempels der 
Minerva schlugen, tappen wir bezüglich der großen Frage der 
Chronologie jedoch weiter im Dunkeln. Andere Register werden 
nicht erwähnt. Es werden die römischen Ziffern angegeben, gefolgt 
von den arabischen, die zwar nicht arabisch genannt werden, jedoch 



555 


"allen bekannt" seien. 

Die Medizin wird nicht als Erfindung der Hebräer ausgewiesen, 
dafür geht aber die Magie zurück auf Moses und seine Mutter 
Jochobel. 

In einem Kapitel über den Kalender wird die Erfindung der 
goldenen Zahl entweder dem heiligen Bernhard oder Julius Cäsar 
zugeschrieben - eine bemerkenswerte Aussage, die die Unkenntnis 
aller Zeitberechnungen und -perspektiven aufzeigt. Ich habe seit 
langem vermutet, dass die wenigen Passagen, die Julius Caesar für 
die Kalenderreform verantwortlich machen, lediglich Erfindungen 
des 16. Jahrhunderts sind und dass das ungefähre Sonnenjahr von 
365 1/4 Tagen im Interesse der Kirche festgelegt wurde. Von 
Metalluhren wird derart berichtet, dass sie als eine junge Erfindung 
dargestellt werden, "die jetzt fast der gesamte Westen besitzt". Das ist 
ein Hinweise auf die erfinderische Tätigkeit, die gerade im Gange ist. 
Als weiteres Beispiel erhalten wir dann noch die Pyxis der Seeleute. 

Zur Kardinalfrage der Bücher, sind die Informationen sehr spärlich. 
Uns wird mitgeteilt, dass Lesen und Lernen täglich auf dem 
Vormarsch sind. Es werden die Berichte von Diogenes Laertius und 
Gellius geschildert, gemäß denen Anaxagoras als erster ein Buch 
veröffentlichte, das er geschrieben hatte und dass Pisistratus der 
Erste war, der Bücher für das ganze Volk herausgab. Dieses Rühmen 
der Griechen wird daraufhin abgelehnt, wofür "Josephus gegen 
Appion" ins Feld geführt wird, um die Griechen als sehr jung zu 
bezeichnen. Er verwendet dafür häufig die Phrasen "gestern" oder 
"am vorherigen Tag". 



556 


Dann haben wir noch die Erzählungen von Gellius darüber, wie die 
Athener eine große Anzahl von Büchern ansammelten, die Xerxes 
nach Persien mitnahm und Seleukos Nicator wieder zurückbrachte. 
Weiter erfahren wir, wie 1.700 Bücher von den Ptolemäern in 
Ägypten gesammelt und später sämtlich verbrannt wurden. 
Ebenfalls begegnet uns eine Mitteilung von Strabo über Aristoteles 
als ersten Gründer einer Bibliothek sowie die Erzählung von Plinius 
über die Pergamonbibliothek und die erste Bibliothek in Rom, die 
von Asinius Pollio gegründet wurde und so "den Geist der Menschen 
zum Gemeinschaftsgut machte". 

Aber wie sieht es mit dem riesigen Zeitraum von 1.500 Jahren aus, 
der angeblich zwischen dem Augusteischen Zeitalter und der Zeit 
Polydors vergangen ist? Er verstrich in absoluter Stille. Wir erhalten 
keinerlei Hinweise auf jene Klosterbibliotheken, von denen ein Autor 
wie Dr. Maitland ("Dark Ages") glaubt, dass sie mönchische Erfin¬ 
dungen sind. Der von uns begutachtete Verfasser fährt fort: "Es gibt 
auch heutzutage mehrere Bibliotheken in Italien, aber meiner Ansicht 
nach ist die bei weitem meist gerühmte, die vom späten Herzog von 
Urbino gegründete, welche sein Sohn noch erweiterte." - kein Wort 
zur Biblioteca Medicea oder anderen Bibliotheken! 

Der Verfasser geht dann zur Erfindung des Buchdrucks über und 
sagt, dass nun an einem Tag mehr von einer einzigen Hand gedruckt 
wird als in einem ganzen Jahr von vielen Händen geschrieben 
werden könnte - eine klare Aussage, die in Verbindung mit anderen 
Beweisen verdeutlicht, dass die Masse an Büchern hauptsächlich aus 
der Erfindung des Buchdrucks resultierte. Er fügt hinzu, dass es 



557 


durch den Buchdruck auch für die bedürftigsten Menschen eine 
ausreichende Menge an Büchern gab und dass er "sehr viele 
griechische und lateinische Autoren vor der Zerstörung retten 
konnte". 

Wie aber war ihr Zustand bevor die jüngste Technik zu ihrer 
Erhaltung aufkam? Wie lange gab es sie schon? Durch welche 
Bibliotheken wurden sie übertragen? Je genauer wir das Problem 
betrachten, desto weniger wird es möglich sein, zu glauben, dass die 
griechischen und lateinischen Autoren von hohem Alter sind. Das ist 
einfach unvorstellbar. 

Johannes Gutenberg wird die Ehre erwiesen, in Mainz als erster 
Drucker und Erfinder der Druckertinte auf den Plan zu treten. Das 
Datum wird mit ungefähr 1442 angegeben. Dann brachte 1458 ein 
anderer Deutscher, Konrad, die Technik nach Rom; und später 
verbesserte der Franzose Nicolas Jenson diese erheblich. Sie blüht 
jetzt fast überall auf der Welt. 

In Bezug auf die Verwendung von Zeichnungen und Häuten wird 
wiederholt, dass die Hebräer als älteste Historiker auf Haut 
schrieben. Dafür wird erneut die müßige Fabel von Josephus 
angeführt, dergemäß der Prinz Eleasar die heiligen Bücher an 
Ptolemäus Philadelphus schickte, um sie ins Griechische zu 
übersetzen! 

Wieder und wieder wird uns die völlige Unkenntnis dessen 
vorgeführt, was sich im vermeintlich riesigen "Mittelalter" 
zugetragen hat. Moses erfand kriegerische Waffen und unternahm 



558 


eine glorreiche Expedition gegen die Äthiopier. Die Venezianer 
erfanden die Kanone 1330! Dies ist eine der wenigen dargebrachten 
Zeitangaben. 

Immer wieder wird uns unter Bezugnahme auf den falschen 
Josephus die absurde Theorie aufgezwungen, dass die Hebräer in 
allem die Ersten waren. Kain war der erste Mann, der Geld hortete; 
daher musste es zu seiner Zeit Münzen gegeben haben! 

Was sollen wir über den Zustand der allgemeinen Kultur denken, 
wenn die Prägung von Gold- und Silbermünzen als eine der 
schlimmsten Sünden ihres Erfinders denunziert wird und der 
Verfasser wünscht, wir würden wieder das Tauschsystem einführen, 
wie zu Zeiten der Trojaner? Und dennoch sollen die römischen 
Goldmünzen schon seit 1.600 Jahren in Gebrauch sein - 
Silbermünzen sogar noch länger! 

Hinsichtlich der Bauwerke werden uns ähnliche Fabeln erzählt. Die 
Söhne Adams waren die ersten Erbauer u.s.w.. Über muslimische 
und christliche Architektur hat unser Autor jedoch nichts von Wert 
zu berichten. Ich betrachte ihn als Zeuge dafür, dass keines unserer 
kirchlichen Gebäude und keine unserer kirchlichen Begrifflichkeiten 
antik ist, worauf auch Fergusson bestand. Polydor tut kund, dass die 
christlichen Tempel überall, besonders in England, als Unterschlupf, 
nicht nur für die Unschuldigen, sondern auch für die schlimmsten 
Übeltäter benutzt werden - völlig konträr zum Gesetz Moses! Dies 
wiederholt er auch in seiner "Englischen Geschichte" und erklärt es 
zu einem Riesenskandal. Die Aussage wirft ein grelles Licht auf die 
Umstände, unter denen die Kirche entstand; eine 



559 


Geheimgesellschaft, die die verzweifeltsten Menschen vor 
Gerechtigkeit schützt. Ich halte dies für die einzige Grundlage der 
Martyrien. 

In einem anderen Kapitel gibt er zu, dass er keine zuverlässige 
Geschichte über christliche Bauwerke schreiben kann. Durch die 
Lektüre der kürzlich veröffentlichten Geschichten des Eusebius 
entwickelt er die Annahme, dass die Christen zumindest die letzten 
etwa 300 Jahre keine öffentlichen Gebäude hätten haben können, 
sondern sich an geheimen und unterirdischen Orten trafen. 
Möglicherweise könnten in entfernten Gegenden wie Äthiopien, 
Indien oder Skythien jedoch Schreine für Christus errichtet worden 
sein; oder in Jerusalem durch Jakobus! Bei Eusebius treffen wir 
lediglich auf kurze Erwähnungen der Santa Prudenziana in Rom, 
der Kirche der heiligen Jungfrau in Trastevere, und des Friedhofs auf 
der Via Appia. Dann beginnt er uns die Fabeln über die Katakomben 
zu erzählen, gefolgt von denen über Helena und die Erfindung des 
Kreuzes. 

Gegen Ende hin kommt das Buch zur verquerten Geschichte, welche 
die Mönche über den Aufstieg des Mohammedanismus erzählen. 

Ich habe, so hoffe ich, den Stand des historischen Wissens um die 
Mitte des sogenannten 16. Jahrhunderts ausreichend dargestellt. Wir 
bekamen es mit verschiedenen Literaturarten zu tun - griechisch, 
römisch, hebräisch, lateinisch-kirchlich, muslimisch -, von denen 
sämtlich behauptetet wird, dass sie sehr alt seien. Sie werden alle 
durch falsche chronologische Schemata gestützt. Die Vorstellung, 
dass die hebräische Literatur die älteste ist, ist auf die nachhaltigen 



560 


Lügen der Mönche zurückzuführen. Die Theorie wird durch die 
Tatsache entwertet, dass die Araber zu den Griechen als ihre Herren 
aufschauten und die Hebräer sich als Schüler der Araber und 
Mauren bezeichnen. Wenn jedoch die griechischen und lateinischen 
Klassiker die ältesten Bücher Europas sind, dann scheint es uns nicht 
möglich zu sein, genau zu wissen, wie alt sie sind, da es keine 
wirkliche Chronologie gibt. 

Ich möchte anhand anderer Quellen aufzeigen, dass diese 
Überlieferung über das antike Alter unserer Bücher als eine der 
vielen Erfindungen der Wiederentdecker angesehen werden muss. 
Es wurde behauptet, dass die griechischen Buchstaben während des 
Zeitraums von "700 bis 1400" unserer Chronologie in Italien 
verstummten. Diese Aussage ist absolut bedeutungslos, denn die 
Zeit ist imaginär. Wiederholt wurde bekundet, dass sie um 1.400 von 
Exilanten aus Konstantinopel, Venedig, Florenz, Rom und Tessin 
wieder gelehrt wurden. Es heißt, dass das Wiederaufleben des guten 
Latein auf eine lange Barbarei folgte. 

Um diese Aussagen zu überprüfen: Welche Bücher gab es in 
Konstantinopel nach der Einnahme durch Mahomet II., die auf das 
Jahr 1453 datiert ist? Antonio Verderio und Antonio Possevino geben 
an, dass es etwa 150 Manuskripte im Patriarchium und knapp 180 in 
der ganzen Stadt gab. Der Leser kann die "Paläografie" des berühm¬ 
ten Benediktiners Bernard de Montfaucon (Seite 20) heranziehen. Im 
gesamten Rest von Griechenland kann er noch nicht einmal 100 
Manuskripte nachweisen. 


Indem er einen potenziellen Bestand von etwa 20.000 Manuskripten 



561 


für Italien, Frankreich, England, Deutschland und Holland 
errechnet, zeigt derselbe Gelehrte, dass die christliche Literatur eine 
westliche Angelegenheit ist. Ich meine, dass dies sogar für die Mitte 
des 16. Jahrhunderts zu hoch kalkuliert ist. Der größte Teil der 
Schriften wurde durch falsche Datierungen und mittels der Produk¬ 
tion angeblich alter Handschriften künstlich älter gemacht. 

Die Beweisstücke sind voller Anzeichen von Betrügereien. Die 
geheime Fraktion der literarischen Mönche entwarf Alphabete, 
Pergamente und Tinten, um künstlich verschiedene Altersstufen zu 
erzeugen. Dennoch konnte das Schema nicht der Entlarvung 
entgehen. Sobald wir feststellen, dass die Exemplare, die angeblich 
ein bestimmtes Alter haben, alle dieselbe Schreibweise und dieselben 
Schriftzüge aufweisen (unabhängig davon, wo sie geschrieben 
wurden), dann erkennen wir, dass wir es mit einer Institution von 
Kopisten zu tun haben, die alle das gleiche Alphabet vor sich hatten. 

Auf den Seiten 217 und 218 von Montfaucons "Paläografie" 
entdecken wir die Handschriften des königlichen Kodex der 
Paulusbriefe und des Codex Sangermanensis. Sie sind identisch mit 
der des "Epitome des Lactantius", der 1712 in der Bibliothek von 
Turin veröffentlicht wurde. "Die Handschriften sind in allen 
Bereichen so gleichartig, dass man schwören würde, dass diese 
Codices (zusammen mit einem der vier Evangelien, Paris) nicht nur 
aus einer einzigen Werkstatt stammen, sondern sogar von derselben 
Hand geschrieben wurden; und falls von mehreren, dann sicherlich 
von Männern, welche dasselbe Alphabet vor sich hatten, welches in 
jedem Buchstaben genau befolgt wurde" (Hardouin). 



562 


Es ist ein Trugschluss, anzunehmen, dass es jemals Experten gab, die 
das Alter eines bestimmten Manuskripts anhand von 
Untersuchungen feststellen konnten. Ein Experte kann lediglich 
vorgeben, festzustellen, welches Alter das fragliche Manuskript für 
diejenigen darstellen sollte, die das Schema der Jahrhunderte 
festgelegt haben. 

Es gibt viele merkwürdige Aussagen darüber, wie mit ver¬ 
meintlichen Ketzern verfahren wurde, die ihre Schriften heimlich in 
den Bücherschrank eines Bischofs schmuggelten, damit sie zu 
gegebener Zeit zu antiken Dokumenten werden. 

Auf Seite 326 der Paläografie stellt Montfaucon ein Manuskript vor, 
welches die elegant geschriebenen Evangelien enthält. Er geht davon 
aus, dass das Schriftstück aus dem 14. Jahrhundert stammt, weist 
jedoch darauf hin, dass der Schreiber die Handschrift des 11. 
Jahrhunderts imitierte. Es ist zu bezweifeln, dass in den 
Eintragungen am Ende von Manuskripten jemals eine wahre 
Datierung gefunden wurde. 

Hardouin behauptete, dass es vor dem 14. Jahrhundert keine 
Klosterbibliotheken gab. Gemäß anderer Aussagen von ihm, musste 
er seine Ansicht nach einiger Zeit zugunsten eines späteren 
Zeitpunkts korrigieren. Er sagte auch, dass kein hebräisches 
Manuskript älter als die Zeit sein kann, in der die uns vorliegenden 
Exemplare verfasst wurden. Mit den hebräischen Schriftzeichen 
konnten die Fälscher nicht die Illusion verschiedener Zeitalter 
erzeugen, wie sie es mit ihren angeblich merowingischen, 
lombardischen und sächsischen Latein-Schriftarten taten. 



563 


Indem ich erneut dasselbe Terrain betrat, konnte ich mich davon 
überzeugen, dass keinerlei Bibliotheken oder Büchersammlungen 
auszumachen sind, die aus der Zeit vor den Tudors und deren Zeit¬ 
genossen stammen (oder aus der Zeit vor 1540). Für die Geschichte 
von Paris sind die Werke von Rabelais, einem Benediktiner und 
Franziskaner, bezüglich der Beschaffenheit der Literatur und der all¬ 
gemeinen Geschichte des Mönchtums äußerst lehrreich. Mein letztes 
Wort, wie auch mein erstes, lautet: Wir kommen in der Rückschau 
nicht weiter als bis 1500 - wenn überhaupt. 



564 


'3B etteifü6 r cnö c £üeratut 

Wilhelm Kammeier: 

• Die Fälschung der deutschen Geschichte (1935), ISBN: 
393287840X 

• Die Wahrheit über die Geschichte des Spätmittelalters (1936 
-1939), ISBN: 3922314023 

• Die Fälschung der Geschichte des Urchristentums (1956), 
ISBN 3922314031 

Uwe Topper: 

• Die "Große Aktion" (1998), ISBN: 3878471726 

• Fälschungen der Geschichte (2001), ISBN: 377662244X 

• Zeitfälschungen (2003), ISBN: 3776623489 

Christoph Pfister: 

• Die Matrix der alten Geschichte (2013), ISBN: 3842386176 

Anatoly T. Fomenko & Gleb V. Nosovskiy: 

• History: Fiction or Science? Band 1-5 (2003 - 2018) 



565 


Peter F. J. Müller 

• Meine Ansicht der Geschichte (1814) 

Robert Baldauf: 

• Historie und Kritik - Band 1 (1903) 

• Historie und Kritik - Band 4 (1902) 

Edwin Johnson: 

• The Rise of Christendom (1890) 

• The Prolegomena of Jean Hardouin (1909 - als Über¬ 
setzer) 



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